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Was ist richtig? Was ist falsch? Richtig sind die Dinge dann, wenn der Anschluss unproblematisch ist, sagt Herausgeber Armin Nassehi. Über die Ampel also nur bei Grün. Wer sich falsch entscheidet, weicht hingegen vom erwartbar Richtigen ab, es entsteht ein Problem. Über die Ampel nie bei Rot. Das Kursbuch begibt sich abenteuerlustig auf die Fährten des falschen Wählens. Denn moderne Gesellschaften bieten ungezählte Gelegenheiten, in die Falle des Widersprüchlichen und Paradoxen zu tappen. So zeigt die Psychologin Johanna Degen, wie Online-Datingdienste zuerst die Sucht der Menschen nach Beziehungen perfekt orchestrieren und dann lächerliche Konsumschafe zurücklassen. Falsch wählen als Sucht. Die Historikerin Hedwig Richter wiederum analysiert den Sündenfall amerikanischer Politik im 19. Jahrhundert, das Individuum vom Politischen und damit radikale Subjektivität von zentralstaatlicher Repräsentanz fernzuhalten. Falsch wählen als Demokratieverachtung. Der Konsumforscher Ernst Mohr erläutert im Interview, wie es der postmoderne Konsum unmöglich macht, überhaupt noch falsch zu wählen. In der Kuratierung von Unterschieden liege das Glück, immer auf der richtigen Seite zu stehen. Die Soziologin Jutta Allmendinger und ihr Kollege Robert Dorschel gehen schließlich der Frage nach, warum Frauen so wenig Wahl haben, wenn sie wählen müssen. Der Infografiker Jan Schwochow zeigt, wie leicht manipulierbar politische Wahlergebnisse sind. Und Paul Watzlawicks Klassiker, warum die Lösung auch das Problem sein kann, ist sowieso ein Evergreen an luzider Erkenntnis. Hier in der erstbearbeiteten Fassung (1994) des Herausgebers Peter Felixberger. Wissenschaftler, Politiker und Kulturschaffende gehen in kleinen Intermezzi dieses Mal der Frage nach, wann sie in ihrem Leben so richtig falsch gewählt haben. Von Georg von Wallwitz bis Sibylle Anderl, von Rüdiger Fox bis Serap Gühler. In der Spotreportage hat Heike Littger Menschen besucht, die krasse Lebensentscheidungen gewählt haben. Und FLXX sagt vorab den Ausgang der Bundestagswahl voraus. Kein Wunder also: Nur der Kauf dieses Kursbuch garantiert, die richtige Wahl getroffen zu haben. Ansonsten kann man sich nur verwählen.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Inhalt
Armin NassehiEditorial
Sibylle AnderlViele Welten auf einmal
Jan SchwochowEine Quelle, zwei Grafiken
Ernst MohrYes to this, No to that!Ein Gespräch mit Peter Felixberger und Armin Nasseh
Serap Güler Zu spät wählen
Paul WatzlawickWenn die Lösung das Problem ist
Georg von WallwitzDer Idee sein Volk
Johanna L. Degen> 500 Entscheidungen am Tag Online-Dating zwischen transzendentaler Hoffnung, programmatischer Enttäuschung und bedingter Verbindlichkeit
Jutta Allmendinger, Robert DorschelDer Raum des MöglichenHaben Frauen die Wahl?
Jan MyszkowskiPlatzwahl
Armin NassehiLob des FalschenEine Apologie der Abweichung
Hubertus KohleRichtig Kohle
Hedwig RichterWild wählenZur Geschichte konkurrierender Deutungen von Wahlen in den USA
Georg EssenStrauß gewählt!
Rüdiger FoxSag: Nie!
Heike LittgerLagerfeuerMitten durch die Prärie
FLXXSchlussleuchten von und mit Peter Felixberger
Die Autoren und Autorinnen
Impressum
Armin NassehiEditorial
2013, ein Wahljahr übrigens, schienen die Herausgeber des Kursbuchs optimistischer gewesen zu sein. Der Titel von Kursbuch 174 lautete: Richtig wählen. Zumindest, das suggerierte der Titel, ließ sich im Horizont möglichen richtigen Wählens nachdenken. 2021, wieder ein Wahljahr, bringt es hingegen nur noch zum Falsch wählen. Sind wir pessimistischer geworden? Oder sind das womöglich dieselben Fragen, ist Wählen nicht schon per se eine Unterscheidung von richtigen und falschen Alternativen? Es gibt kaum Wahlen, die nicht schon vorgewählt sind. Die Alternative zwischen politischen Parteien ist selten die zwischen richtigen und falschen Alternativen, sondern zunächst zwischen Alternativen, die weder absolut richtig noch absolut falsch sind. Was wir da wählen, hängt viel mehr vom Angebot ab, von den dargebotenen Alternativen, von Gelegenheiten und nicht zuletzt Gewohnheiten. Dass man sich an ein bestimmtes Parteienspektrum und ein dazugehöriges Parteiensystem gewöhnt hat, heißt auch, dass man sich an bestimmte Richtig/Falsch-Alternativen gewöhnt hat, innerhalb derer sich dann richtig und falsch wählen lässt. Was wäre eigentlich, wenn sichtbar würde, dass diese Richtig/Falsch-Alternativen falsch wären? Passen die Parteiengestalten aus der klassischen Industriegesellschaft noch in die Zeit digitaler Ökonomien und ganz anders geschnittener Klassen- und Milieugrenzen? Geht es heute noch um mehr oder weniger Staatsintervention? Glauben die Bevölkerungen von Staaten noch an die klassischen Konfliktlinien, oder polarisieren sich Bevölkerungen um ganz andere Fragen, etwa Identitätsfragen oder Kontinuitätsfragen? Sind Querschnittsthemen wie der Klimawandel durch eher »rechte« und eher »linke« Politikangebote zu lösen, oder braucht es ganz andere Unterscheidungen?
Klingt nach Suggestivfragen, sie sind es aber nicht. Sie sollen nur anzeigen, dass es auf die Frage nach dem falschen Wählen keine richtigen Antworten gibt – oder umgekehrt?
Dieses Kursbuch jedenfalls ist auf der Suche nach dem Falschen – und es steht dennoch sehr viel Richtiges zwischen den Buchdeckeln. Und es geht nicht nur um politische Wahlen, sondern um das Wählen zwischen Alternativen auch in anderen Bereichen. So lotet Paul Watzlawick das komplexe Verhältnis von Problemen und Lösungen aus und zeigt, dass das Gegenteil des Falschen nicht unbedingt das Richtige ist, sondern womöglich noch falscher sein könnte. Das weist in die Richtung, wie sehr wir uns an Richtig-falsch-Konstellationen gewöhnt haben und diese für richtig halten. Das könnte falsch sein. Der Essay entstand im Nachklapp der Münchner Konferenz »Aufbruch in neue Lernwelten« im Jahre 1992. Peter Felixberger editierte damals den Text im Auftrag Watzlawicks für das gleichnamige, von ihm herausgegebene Buch (Passagen Verlag, Wien 1994). Wir danken dem Passagen Verlag für die Genehmigung zum Wiederabdruck.
Auch unser Gespräch mit Ernst Mohr zeigt auf, wie sich Wahlalternativen bilden und wie sie strategisch auf Märkten erzeugt werden müssen, während Robert Dorschel und Jutta Allmendinger an einem konkreten Fall erörtern, nämlich bei Frauen zwischen Familie und Arbeitsmarkt, wie illusionär die Vorstellung einer freien Wahl ist, sondern von jenem »Raum des Möglichen« geprägt ist, der gesellschaftlich erst hergestellt werden muss. Ganz im Sinne Watzlawicks zeigen Dorschel und Allmendinger, wie voraussetzungsreich Wahlalternativen und Entscheidungsräume sind.
Johanna L. Degen zeigt in ihrem Beitrag am Beispiel von Online-Dating-Portalen, wie hier durch ein neues Medium und eine technisch unterstützte Praxis eine veränderte Form des Aushandelns von Entscheidungsspielräumen entsteht. Was mir an dem Beitrag besonders gut gefällt, ist, wie Degen zeigen kann, wie Nutzerinnen und Nutzer solcher Plattformen beides erleben: Einschränkungen und Limitationen von Handlungsoptionen, aber eben auch das Gegenteil: Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungskompetenz. Hedwig Richter berichtet von der Etablierung der politischen Wahl in den USA und wie voraussetzungsvoll es ist, tatsächlich freie Wahlen zu organisieren, frei würde hier heißen: dass die einzelnen Wählerinnen und Wähler entscheiden können, was sie für falsch und für richtig halten. Sie bindet diesen historischen Prozess an eine veränderte Funktionsbestimmung der politischen Wahl: von der Bestätigung der Obrigkeit hin zu einer kompetitiven Wahl zwischen politischen Alternativen und einer Inklusion der gesamten Bevölkerung in den Wahlprozess.
Mein eigener Beitrag wiederum versucht, das Falsche zu rehabilitieren, als diejenige Kategorie, die dem Offensichtlichen das Offensichtliche nimmt. Und richtig werden kann. Aber nicht muss.
An Heike Littgers »Lagerfeuer« sitzen dieses Mal drei Menschen, die offenkundig falsch abgebogen sind – zu einer AfD-Anhängerin, zu einem Suizidanten, der glücklicherweise sein Ziel nicht erreicht hat, und zu einem Drogensüchtigen. Die Lehre aus den Geschichten: Nur wo man überhaupt abbiegen kann, kann man auch auf die falsche Fährte geraten. Dass Grafiken aus der Wahlberichterstattung ebensolche Fährten legen können, zeigen die beiden Grafiken von Jan Schwochow, die beide dasselbe abbilden und doch Unterschiedliches zeigen.
Die Intermezzi sollten diesmal die Frage beantworten: Wann haben Sie einmal eine falsche Wahl getroffen? Das Tableau der Bekenntnisse ist sehr breit und vielfältig und auch sehr offen und persönlich. Wir danken Sibylle Anderl, Georg Essen, Rüdiger Fox, Serap Güler, Hubertus Kohle, Jan Myszkowski und Georg von Wallwitz für die Einblicke in ihre falschen Wahlen – aus denen ganz offensichtlich alle unbeschadet herausgekommen sind.
Das Schlussleuchten von und mit Peter Felixberger wagt sich an eine Wahlprognose, die es in sich hat. Und das vor 18 Uhr! Richtig oder falsch? Beurteilen Sie selbst!
Sibylle AnderlViele Welten auf einmal
Vor einigen Jahren brachten wir in unserer Zeitung ein Interview mit einer Neurowissenschaftlerin, die behauptete, im Nachhinein würde man schwierige Entscheidungen fast immer als richtig beurteilen. Sie begründete das mit dem sozialpsychologischen Phänomen der kognitiven Dissonanz: Wenn Realität und Denken nicht in Einklang stehen, würden wir unser Denken entsprechend anpassen. Anders gesagt: Wenn wir das Falsche entschieden haben, formen wir uns die Welt gedanklich so zurecht, dass die Entscheidung doch richtig erscheint. Mir kam das sehr plausibel vor, aber als wir den Artikel in der Redaktion diskutierten, gab es von einer Kollegin heftigen Gegenwind. Das sei doch völliger Blödsinn, sie könne eine ganze Reihe von Entscheidungen nennen, die sie im Rückblick als falsch erachte. Vielleicht, so war damals mein persönliches Fazit, ist die Frage »Wann haben Sie einmal eine falsche Wahl getroffen?« eine Art Persönlichkeitstest: Anhand der Dauer, wie lang man benötigt, bis einem ein passendes Beispiel einfällt, können Menschen in verschiedene Typen eingeteilt werden. Damit meine ich nicht die naheliegende Unterscheidung von Optimisten, die sich alles schönreden können, und Pessimisten, die in allem das Schlechte sehen.
Vielleicht geht die Unterscheidung eher in die Richtung einer freien Interpretation des Musil’schen Möglichkeitssinns in Abgrenzung zum pragmatischen Wirklichkeitssinn: Es gibt Menschen, die ihr Leben als eine Art Entscheidungsbaum wahrnehmen, ähnlich vielleicht – man verzeihe diese Physikerassoziation – der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik. Dort zerfällt der Kosmos mit jeder Entscheidung in unabhängig voneinander weiter existierende Parallelkosmen. In der Quantentheorie ist diese Interpretation gewissermaßen eine Notlösung. Sie umgeht bestimmte Paradoxien, die daraus resultieren, dass die unscharfe Welt des Mikrokosmos durch Messungen von Zeit zu Zeit zu klaren Entscheidungen gezwungen wird, ohne dass man genau sagen kann, wie diese Entscheidungen zustande kommen. Dieses Verständnisdefizit umgeht man radikal, indem man die Realität der Entscheidungen ganz einfach negiert. Vielleicht ist die Motivation einer Viele-Welten-Interpretation des eigenen Lebens ganz ähnlich: Wer mit Entscheidungen hadert, wer den regelmäßigen Kollaps des Möglichkeitsraumes der eigenen Biografie als eine unumgängliche Zumutung empfindet, der spricht dem verzweigten Möglichkeitsbaum gerne eine gewisse Realität zu.
Denn zumindest in Gedanken können wir uns in jeder dieser Parallelwelten aufhalten. Doch wenn wir das tun, bleibt immer der Schmerz darüber, dass wir uns als raumzeitliche Wesen nur in einem einzigen der unendlich vielen, aus kontingenten Entscheidungen erwachsenen Kosmen aufhalten können. Zumindest für die Möglichkeitsdenker. Die Anhänger des Wirklichkeitssinns hingegen freuen sich über die regelmäßige Komplexitätsreduktion, die das Leben im Laufe der Zeit erfährt. Im Nachhinein betrachtet ergibt für sie alles eine Abfolge im Grunde doch richtiger Entscheidungen. Auch eine scheinbar falsche Wahl stellt sich langfristig oft als richtig heraus.
Um die Frage zu beantworten: Ich gehöre eher zu letzterer Gruppe. Darüber, wann ich einmal eine falsche Wahl getroffen habe, habe ich zunächst einmal sehr lange nachdenken müssen. Dann fiel mir das völlig irrelevante Beispiel ein, dass ich neulich ein Interview zu kürzen versuchte, ohne erst den zeitaufwendigen Schritt des vollständigen Transkribierens vorzuschalten. Letztlich hatte mich dieser Versuch der Zeitersparnis sehr viel Zeit gekostet. Ich hatte die falsche Strategie gewählt, aber besonders tragisch war das natürlich nicht. Im Übrigen bin ich kein großer Fan der Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik. Wäre interessant, ob es da Zusammenhänge gibt.
Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKEN
Warum Daten die Darstellungsform bedingen
Wählen ist richtig, richtig wählen gar nicht so einfach, und als Infografiker kann ich manchmal auch eine falsche Darstellungsform wählen, die dem interessierten Leser unter Umständen relevante Informationen unterschlägt. Gerade bei Wahlergebnissen ist es üblich, standardisierte Diagrammformen zu nutzen, die wir seit Jahrzehnten konsumieren und an die wir uns gewöhnt haben. Warum auch etwas neu machen, was über viele Jahre hinweg funktioniert hat?
In der Regel wird der Zeitverlauf mehrerer Wahlperioden mit einem Liniendiagramm dargestellt, so auch bei den Landtagswahlen 2021 in Sachsen-Anhalt. Diese Darstellung sehen wir auf der linken Seite. Leider werden hier, wie so oft, die »Sonstigen Parteien« unterschlagen. Auf der rechten Seite habe ich daher Balkendiagramme verwendet und sämtliche Wahlergebnisse visualisiert, auch die Parteien, die unter der Fünfprozenthürde liegen. Zudem habe ich die Kleinstparteien entsprechend der politischen Ausrichtung gruppiert.
Wir können gut erkennen, dass die Wähler schon vor 2016 rechts gewählt haben, zum Beispiel die DVU bei den Landtagswahlen von 1998 mit 12,9 Prozent. Diese Stimmen kamen offensichtlich von der CDU. Durch die detaillierte Darstellung sind wir in der Lage, noch weitere Geschichten aus der Grafik zu lesen, etwa dass die Freien Wähler und die Tierschutzpartei immer mehr Zulauf bekommen. Koinzidenz: Die Wähler der Tierschutz- und anderen Ökokleinstparteien hätten wahrscheinlich sonst die Grünen gewählt, denen diese wichtigen Stimmen dadurch verloren gehen.
Was vielleicht auf den ersten Blick nicht sofort auffällt, ist, dass ich in der rechten Grafik berücksichtigt habe, dass die Regierungszeit ab 2006 fünf Jahre beträgt, ein nicht ganz unwichtiger Punkt. Zeitleisten sollten zwischen den Jahren immer den korrekten Abstand aufweisen. Die rechte Grafik zeigt uns außerdem, dass die Zeit der großen Volksparteien vorbei ist und die Parteienlandschaft immer vielschichtiger wird. An diesem Beispiel können wir gut erkennen, dass Daten die Darstellungsform bedingen und nicht umgekehrt.
Ernst MohrYes to this, No to that!Ein Gespräch mit Peter Felixberger und Armin Nasseh
Kursbuch: Menschen schaffen heute über den Konsum soziale Nähe und Distanz. Coolness ist verbunden mit der einen richtigen oder falschen Entscheidung. Alles gipfelt in der Unterscheidung: Yes to this, No to that! Wie aber können Konsumenten oder Style-Follower der Kränkung entgehen, dass sie womöglich das Falsche gewählt haben?
Mohr: Nehmen wir für das Falschwählen ein Wettspiel im Fußball. In der Regel sind Spiele eine Kombination aus unserer Erfahrungswelt und etwas völlig Fiktionalem. Bei der letzten Fußball-EM bin ich in einer solchen Tippgruppe Letzter geworden, habe also übermäßig oft nach landläufiger Meinung falsch gewählt. Ich würde allerdings sagen, wenn ich auf den Ersten blicke: Wir haben eigentlich nur sehr unterschiedlich gewählt und damit beide richtig. Wenn nämlich alle gleich getippt hätten, wären alle nur Erster oder Letzter, uns alle hätte die ganze Sache angeödet und wir hätten deshalb allesamt das Falsche gemacht. Der Unterschied zwischen diesem Wettspiel und typischen Konsumentscheidungen besteht allerdings darin, dass der Unterschied im Wettspiel erst nach dem rien ne va plus sichtbar wurde und das Gleiche und damit Falsche zu wählen deshalb nicht mehr korrigierbar war. Dies war das Fiktionale im Spiel im Unterschied zum Konsumieren. Das Typische einer Konsumentscheidung besteht hingegen in der Möglichkeit von kollektiven Korrekturschlaufen, bevor abgerechnet wird. Yes to this, No to that! – kollektiv zu Ende koordiniert. Das Konsumglück oder wie die Ökonomen sagen: Der Konsumnutzen entsteht dabei nicht aus dem Konsum positiver Mengen (je mehr, desto besser), sondern dadurch dass wir unterschiedliche Qualitäten konsumierend zeigen und damit das Soziale produzieren. Zur Illustration passt der Kultfilm Die Ferien des Monsieur Hulot von Jacques Tati. Da gibt es eine wunderbare Szene, in der sich eine In-Group, die sich jedes Jahr zur selben Zeit in einem Hotel am Atlantik trifft, zu einem Ausflug verabredet. In einem Zimmergang im Hotel treten im selben Augenblick zwei Damen aus ihren Zimmern. Im identisch gepunkteten Petticoatkleid. Sie mustern sich, sprechen kein Wort und verschwinden wieder in ihren Hotelzimmern. Schnitt: Die Gruppe trifft sich unten vor dem Hotel. Keine Frau trägt mehr ein Petticoatkleid. Die beiden Damen haben zuerst falsch gewählt, weil sie im selben Augenblick dasselbe gewählt haben. Die falsche Konsumwahl ist somit kollektiv getroffen worden. Zum Glück sind beide wieder ins Zimmer zurückgekehrt und haben sich umgekleidet – und vom Kollektiven her gedacht, auch ohne Schaden umkleiden können. Zurück zum Fußballwettspiel. Was mir dort das Glück verschafft, ist nicht, das Richtige zu tippen, wenn alle anderen auch das Richtige tippen, sondern die Dynamik der unterschiedlichen Entscheidungen.
Kursbuch: Unterschiedlich zu entscheiden bedeutet aber auch, überraschend zu entscheiden. Nicht konform, nicht erwartbar. Welcher Wähltyp sind Sie? Tippen Sie eher für den Favoriten oder für den Underdog?
Mohr: Das ist eigentlich egal. Das Wettspiel bringt alle Entscheidungen in eine fiktionale hierarchische Ordnung. Im Konsum hingegen geht es nicht primär ums Hierarchisieren, sondern in der In-Group oder Wahlverwandtschaft die eigene Individualität zu kuratieren sowie Distanz zu Out-Groups aufzubauen. Mit ein und demselben Stil wird sowohl soziale Nähe als auch soziale Distanz aufgebaut. Das geht nur mit Unterschieden, die vom unterschiedlichen Wählen herrühren.
Kursbuch: Auf der richtigen Seite stehen bedeutet demzufolge, auch falsch wählen zu dürfen.
Mohr: Wenn wir unser Konsumglück aus dem Konsum von sichtbaren Unterschieden ziehen, gibt es kein individuelles, sondern nur ein kollektives Richtig oder Falsch. Zunächst kollektiv falsch lagen die beiden Damen im Tati-Film mit ihrer Kleiderwahl. Kollektiv richtig war es, sich anschließend umzuziehen. Oder anders ausgedrückt: Weg von einer normativen hierarchischen Strukturierung hin zu einer horizontalen Kuratierung von Unterschieden. Wobei natürlich das Humoreske in der Szene im für die Herstellung des angestrebten Unterschieds überflüssigen Kleiderwechsel beider Damen lag.
Kursbuch: Im Fußball gibt es aber auch die Weisheit: Wer richtig tippt, hat von Fußball keine Ahnung. Was macht eine Wahl zur richtigen oder falschen Wahl?
Mohr: Zum Vergleich und im Unterschied zum richtig Konsumieren: Unmittelbar vor politischen Wahlen sind offizielle Prognosen nicht mehr erlaubt, weil wir Wähler im entscheidenden Augenblick gerne auf der Siegerseite stehen. Beim Konsumieren sind aber im Gegensatz zur Politik am Ende tatsächlich alle Sieger, wenn es kollektiv gelingt, Unterschiede zu zeigen. Konsumieren ist deshalb stressfreier als Politisieren.
Kursbuch: Es ist sehr sympathisch, wenn Sie sagen, dass wir unterschiedlich wählen können. Inklusive der Freiheit, selbst wenn die Alternativen vorgegeben sind. Wir müssen allerdings bisweilen auch wählen, weil es keine eindeutigen Kriterien für das richtige Wählen gibt. Zum Beispiel beim Kaufen und Verkaufen von Produkten?
Mohr: Die Musik im Wirtschaftsspiel wird durch unterschiedliche Erwartungen erzeugt. Die Marktlogik läuft darauf hinaus, dass nach Transaktionen beide – Käufer und Verkäufer – mit ihrer Entscheidung zufrieden sind. Das Glück beider hängt hier genauso von unterschiedlichen Entscheidungen ab: Kauf und Verkauf.
Kursbuch: In der Mode herrscht aber einerseits das Diktat des vorgegebenen Angebots. Gleichzeitig werden Trends und Styles sehr genau in individuellen Testräumen erforscht und erprobt. Der Markt sucht Konformität mit dem richtigen Angebot. Gleichzeitig lässt er sich von der Nonkonformität von Konsumenten überraschen.
Mohr: Es geht in der Identitätsindustrie um die Industrialisierung eines Innovationsprozesses, der indes nicht aus dem Mainstream, sondern von den Rändern der Gesellschaft kommt. Genau dort liegen nämlich die stilistischen Hotspots für stilistische Innovationen. Deshalb tummeln sich dort die Trendscouts der Moderiesen und saugen neue Ideen auf. Der stilistische Unterschied zwischen Mainstream und diesem Rand der Gesellschaft ist jedoch zu groß, als dass die dortigen Innovationen vom Mainstream direkt übernommen würden. Denn das Was und das Wie der randständigen und Mainstreamstile haben keinerlei Gemeinsamkeit. Das Was bedeutet, ob der Stil eher soziale Distanz oder Individualität betont? Am Rand der Punkökonomie, wie ich sie bezeichne, geht es um die Bekräftigung der Distanz, während im Mainstream das Individuelle betont wird. Sie unterscheiden sich aber auch im Wie des Stils. Im Mainstream wird der Stil mit kleinen Elementen des Überdurchschnittlichen kuratiert. Ein bisschen Unterscheidung darf und muss ja sein. Am Rand hingegen legt man Wert auf das Extreme, um möglichst große Distanz zum Mainstream zu erzeugen. Deshalb braucht es einen stilistischen Transformationsprozess vom Rand in den Mainstream. Das Extreme vom Rand wird am Ende des Prozesses das Überdurchschnittliche im Mainstream und das ursprünglich Distanzierte das Individuelle. Auf diese Weise ist etwa das Tattoo im Mainstream gelandet. Das Geheimnis der Identitätsindustrie ist es, diesen stilistischen Transformationsprozess wie geschmiert zum Laufen zu bringen.
Kursbuch: Welche Strategien wählen Hipster, Punks und andere, um sich vom Mainstream zu unterscheiden?
Mohr: Es gibt zwei komplementäre Stilformationen, die je ein stilistisches Element mit dem Rand und dem Mainstream teilen und so im Transformationsprozess von Innovation vermittelnd wirken. Die Hipster etwa gehen in ihrer urbanen Narration wie der innovative gesellschaftliche Rand auf Distanz zu den drögen Durchschnittsstädtern, dafür setzen sie aber wie der Mainstream keine extremen stilistischen Mittel ein. Die Bärte sind etwas länger, die Haare kürzer. Das provoziert den Mainstream nicht. Es gibt aber auch stilistische Formationen, die mit dem Rand die Mittel des Extremen teilen, aber wie der Mainstream mit dem Ziel der Individualisierung. Dazu gehört der Pop oder die Kultfigur der Dragqueen, die zwar mit Mitteln des Extremen operiert, damit aber eine ganz bestimmte Individualität erzeugt. Auf dem Umweg über solch vermittelnde Stilformationen ist der industrielle Innovationsprozess mit den unterschiedlichen Marken und Firmen vom Rand zum Mainstream organisiert. Am Ende locken die Innovationen den Mainstream mit einer Coolness, die verkäuflich, schick und goutierbar ist.
Kursbuch: Nehmen wir als Beispiel die Konzerne Nike oder Adidas. Agieren diese Firmen in Ihrem Sinne eher als Transformationsagenturen des Business zwischen Rand und Mainstream oder als Massenmarktanbieter und -distributor?
Mohr: Beides. Adidas, Nike und Co. inszenieren sich als coole Marken, durch Zusammenarbeit etwa mit bekannten Hip-Hop-Größen und anderen Influencern. Sie bedienen sich damit eines sich ständig verändernden Ökosystems, das sowohl den kapitalistischen Randbedingungen des Massenmarktes als auch den kulturell distanzierten Stilen des Randes Rechnung tragen muss. Hinzu kommt eine krasse Zunahme der Geschwindigkeit, in der diese Prozesse ablaufen. Mit der Folge, dass die Modezyklen immer kürzer werden. Einführung, Testung und Massenausstoß laufen revolvierend parallel.
Kursbuch: Hängt das mit dem neuen Geschäftsmodell der Massenproduktion von Unikaten zusammen?
Mohr: Unbedingt. Auch wenn Masse und Unikat zunächst ein Oxymoron bilden. Über Internetkonfiguratoren können Konsumenten individualisierte Produkte bestellen. Orangene statt himmelblaue Ösen für die Schnürsenkel, mehr braucht es gar nicht. Heute ist das eines der zentralen Geschäftsmodelle der Identitätsindustrie. Durch das Massenunikat wird das Risiko der oben zitierten Situation in Tatis Film vermieden. Einzigartigkeit und Vergleichbarkeit gehören in diesem Sinne zusammen. Nicht nur im Konfiguratorgeschäft funktioniert das so. Limitierte Editionen von Sammeltassen bei Porzellanherstellern oder Swatch-Uhren streben ebenfalls zugleich nach Einzigartigkeit des Objekts und jener Vergleichbarkeit, die es erst zu einem Sammelgegenstand werden lässt.
Kursbuch: Lassen Sie uns noch mal auf die Konsumentenseite blicken. Falsche Wahlen sind in Ihrem Erklärungsmodell gar nicht mehr denkbar. Man kann eigentlich gar nichts mehr falsch machen. Stellt sich die Frage: Wie kann man dann noch falsch wählen?
Mohr:
