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Die Unterscheidung zwischen Ausnahmezustand und Normalität wird immer schwieriger. Oder sagen wir, ist kaum mehr möglich. Ist die COVID-Pandemie noch Ausnahmezustand oder schon längst Normalität? Grenzen verschwimmen. Wahrnehmung zerfasert. Alles könnte auch anders sein. In diesem Kursbuch geht es um das Verhältnis von Normalität und ihrem Gegenüber, über das Verhältnis von Ausnahmezustand und Normalität, um den Ausnahmezustand Normalität. Gemeinsam ist allen Beiträgen, dass sie sich nicht auf das Spiel einlassen, den Ausnahmezustand durch eine wie auch immer geartete Normalität heilen zu wollen. Horst Bredekamp etwa pocht auf den Ausnahmezustand, den das ästhetische Erleben hervorbringen kann, Carolin Müller-Spitzer macht deutlich, dass die Herstellung sprachlicher Normalzustände eine Machtfrage ist, Leonhard Schilbach zeigt am Beispiel des Autismus, wie kontingent Vorstellungen sozialer Normalität sind, Sibylle Anderl macht auf den revisionsfähigen Status aller normalwissenschaftlichen Selbstverständlichkeiten aufmerksam. Und Levi Israel Ufferfilge beschreibt an jüdischen Schulen einen drastischen Fall eines Ausnahmezustands Normalität als Insel in permanentem Anderssein. Die sieben Intermezzi beantworten schließlich die Frage: »Wann wurde für Sie aus einem Ausnahmezustand Normalität?« Antworten von Gerhard Roth bis Ethel Matala de Mazza.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Inhalt
Armin NassehiEditorial
Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKENCovid-19 ist nicht normal. Sterben in Deutschland
Levi Israel Ufferfilge»War nie weg, wird immer sein«Von den Normalitäten jüdischen Lebens und des Antisemitismus in Deutschland
IntermezzoWas würde Platon dazu sagen?Ulv Philipper
IntermezzoMein Tag hat 24 Stunden und 37 MinutenNicole Schmitz
Carolin Müller-SpitzerDer Kampf ums GendernKontextualisierung der Debatte um eine geschlechtergerechte Sprache
IntermezzoIns Leben hineingeworfenGerhard Roth
Armin NassehiSichtbar unsichtbarWarum der Ausnahmezustand normal ist
IntermezzoDie großen AusnahmekünstlerRaphael von Hoensbroech
Horst BredekampKunst und AusnahmezustandKleine Geschichte eines umkämpften Zusammenhangs
Islandtief (2)Virtuelle LavaDie Berit-Glanz-Kolumne
Heike LittgerLagerfeuerMitten durch die Prärie
IntermezzoIn einem anderen LandVolha Hapeyeva
Sibylle AnderlWie normal ist Wissenschaft?Eine kritische Selbstreflexion
IntermezzoNIEMANDSLANDStephanie Bothor
Leonhard SchilbachMehr Autismus wagenEin Plädoyer für mehr Diversität in der Wahrnehmung des Normalen
IntermezzoOhnmachtEthel Matala de Mazza
FLXX | Don’t look backSchlussleuchten von und mit Peter Felixberger
Die Autoren und Autorinnen
Impressum
Armin Nassehi Editorial
In der Pandemie wünschen sich alle »Normalität« zurück, und wenn es auch nur ein new normal werden sollte. Sogar Hoffnung gibt es, dass es eine bessere Normalität wird, die uns postpandemisch (und dann wohl präexzeptionell) ins Haus steht. Diese Annahme oder Hoffnung hat einen blinden Fleck: die Bedingungen dessen nämlich, was als »Normalität« durchgeht. Wenn es ein Signum dessen gibt, was man mit dem allzu großen Begriff »Moderne« verbindet, dann doch wohl, dass alles, was ist, auch anders sein könnte. Nichts ist notwendigerweise so, wie es ist – schon weil es historisch geworden ist und anders ausgehen hätte können und weil es von unterschiedlichen Positionen ganz unterschiedlich beschrieben werden kann.
»Normalität« ist nur ein Zustand, der eine Ausnahme davon darstellt, wie es hätte sein können. »Normalität« hört sich an, als bezeichne sie einen unproblematischen Zustand, womöglich sogar einen normativ wünschenswerten. Man muss nicht lange hinschauen, um einen Eindruck davon zu bekommen, dass dies eine gewagte These wäre. Deshalb kommen wir nicht umhin, eben kein Kursbuch darüber zu machen, wie wir endlich wieder in normale Verhältnisse zurückkehren oder wie diese neue Normalität aussehen könnte oder sollte. Nein, wir haben ein Kursbuch gemacht, in dem es um die Bedingungen von Normalisierung geht, um das Verhältnis von Normalität und ihrem Gegenüber, über das Verhältnis von Ausnahmezustand und Normalität, um den Ausnahmezustand Normalität.
Die Beiträge dieses Kursbuchs gehen diesem Verhältnis auf verschiedenen Feldern nach – in Bezug auf jüdisches Leben und Antisemitismus in Deutschland, auf den Kampf ums sprachliche Gendern, auf dem Gebiet der Kunst, der Wissenschaft und des Autismus. Gemeinsam ist allen Beiträgen, dass sie sich auf das Spiel erst gar nicht einlassen, den Ausnahmezustand durch eine wie auch immer geartete Normalität heilen zu wollen. Horst Bredekamp etwa pocht auf den Ausnahmezustand, den das ästhetische Erleben hervorbringen kann, Carolin Müller-Spitzer macht deutlich, dass die Herstellung sprachlicher Normalzustände eine Machtfrage ist, Leonhard Schilbach zeigt am Beispiel des Autismus, wie arbiträr und kontingent Vorstellungen sozialer Normalität sind, Sibylle Anderl macht auf den revisionsfähigen Status aller normalwissenschaftlichen Selbstverständlichkeiten aufmerksam. Und Levi Israel Ufferfilge beschreibt an jüdischen Schulen einen drastischen Fall eines Ausnahmezustands Normalität als Insel in permanentem Anderssein. Er schreibt: »Weniger Sicherheit wäre fahrlässig, keine Sicherheit unmöglich. Keine jüdischen Schulen mehr? Dann könnten jüdische Schüler nie einmal eine Pause davon haben, eine Minderheit zu sein, nie erfahren, so wie alle anderen Anwesenden zu sein.«
Die sieben Intermezzi beantworten die Frage »Wann wurde für Sie aus einem Ausnahmezustand Normalität?« Wir freuen uns sehr, dass sich die Autorinnen und Autoren auf diese Frage eingelassen haben.
Heike Littgers »Lagerfeuer« rekonstruiert den Ausnahmezustand Normalität mit der Geschichte von Aids/HIV und der Vielfalt von migrantischen Normalitäten – als Ausnahmezustand. Berit Glanz’ zweite Kolumne »Islandtief« beschäftigt sich mit der medial vermittelten Form der Naturbeobachtung am Beispiel von Vulkanausbrüchen und führt von Island aus um den ganzen Globus. Und dass Covid wirklich nicht normal ist, zeigt Jan Schwochow in zwei Grafiken über die Sterblichkeit der Seuche.
Peter Felixberger ist diesmal mit der FLXX-Maschine zum Planeten »Politische Macht – PM001« unterwegs. Erstaunlich, wem er da alles begegnet, und kein Wunder, dass Hin- und Rückflug ins Trudeln geraten.
Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKENCovid-19 ist nicht normal. Sterben in Deutschland
Unser gesellschaftlicher Ausnahmezustand hält uns seit nunmehr fast zwei Jahren in Atem. In der Pandemie sind bisher über 113 000 Menschen in Deutschland gestorben. Unfassbar weiterhin: Es gibt noch Menschen, die meinen, dass das Virus harmlos und so normal wie eine Grippe sei. Um diese Menschen vom Gegenteil zu überzeugen, wird oft eine Grafik zur Übersterblichkeit herangezogen. Ich habe diese Daten hier neu sortiert, um die Übersterblichkeit für drei Altersgruppen zu visualisieren. Dabei erkennt man sehr schnell, dass Menschen überwiegend ab einem Alter von 50 Jahren an Corona sterben.
Das Problem besteht darin, dass diese Art von Grafik eine breite Leserschaft überfordert, denn nur allein in der Darstellung mit Linien oder Flächen ist es schwer, etwas Substanzielles herauszulesen. Es ist zwar gut zu erkennen, dass die Jahre 2020 und 2021 oft über dem Sechs-Jahres-Schnitt liegen. Dennoch werden Coronaleugner auf die Jahre 2017 und 2018 verweisen, in denen sich eine außergewöhnlich starke Grippewelle ereignete und es keine Einschränkungen im öffentlichen Leben gab. Leider kann man in dieser Darstellung keine absoluten Zahlen ablesen. Wir wissen aus anderen Quellen, dass diese größte Grippewelle der letzten 30 Jahre rund 25 000 Tote nach sich zog. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass durch die Coronamaßnahmen Grippewellen und damit verbundene »normale« Todesfälle ausgeblieben sind.
Manchmal sind konkrete Zahlen einfacher zu verstehen, und so recherchierte ich die Zahlen zu den jährlichen Todesursachen. Ich fand eine aktuelle und detaillierte Statistik für das Jahr 2020. Um die Zahlen für den Leser vergleichbar zu machen, rechnete ich die Jahreswerte in durchschnittliche Wochenzahlen um. So sehen wir in der rechten Grafik, dass im Jahr 2020 in etwa so viele Menschen durch Covid-19 starben wie an Demenz und Alzheimer. Während in einer Woche im Schnitt 1000 Menschen an dem Virus starben, verloren im gleichen Zeitraum neun Radfahrer ihr Leben oder es ertranken sieben Menschen. Diese Zahlen sind für uns zweifellos anschaulicher und aus meiner Sicht sehr beeindruckend, zumal wir die Todeszahlen durch entsprechende Maßnahmen noch gering halten konnten.
Zu guter Letzt noch eine andere Rechnung, für die ich gar keine Grafik benötige: Seit Beginn der Pandemie sind bisher im Schnitt jede Woche 1181 Menschen an dem Virus gestorben. Das entspricht einem Todesopfer alle 8,5 Minuten.
Levi Israel Ufferfilge»War nie weg, wird immer sein«Von den Normalitäten jüdischen Lebens und des Antisemitismus in Deutschland
Ich starrte meine Finger an, die gespreizt auf zehn Tasten meines Laptops warteten, dass ich ein weiteres Wort schreiben würde. Sie zitterten beinahe unmerklich. Mein Blick wanderte von meinen Fingern zu einem Wassertropfen, der sich am unteren Bildschirmrand bildete. Es war, als würden sich immer mehr Tropfen auf dem Laptop formen. Ein Schleier seichter Wellen schob sich von unten nach oben über die weiße Seite digitalen Papiers, das meine nun merklich bebenden Finger zu beschreiben suchten. Ich tippte »verabschieden« und schluckte angestrengt. Dabei stürzte sich Schmerz meine Kehle und die seichten Wellen auf meinem Bildschirm als Tränen meine Wangen hinunter. Ich hatte meine Oma, die Frau, die mich großgezogen hatte, der ich alles zu verdanken, zu der ich aufgesehen hatte, die weise war, die ein letztes Überbleibsel einer alten Welt war, die gütig war, der ich stets vertraut, alles anvertraut hatte, die mich beschützt und auf jede Weise unterstützt hatte, die ich geliebt hatte – ich hatte sie verloren. Ich hatte sie verabschieden müssen aus dieser Welt.
Ich hatte die letzten Wochen ihres Lebens neben ihr am Bett, auch neben ihr auf dem Bett verbracht. Wir hatten uns alles noch einmal erzählt, gelacht, geweint, zusammen Musik gehört, ferngesehen. Ich habe ihr vorgelesen und sie hat mir noch so viele Weisheiten wie irgend möglich mitgeben wollen. Was meine Welt ins Wanken brachte und ihre Welt erlöschen ließ, mochte etwas sein, was nicht überraschend kam, was nicht ungewöhnlich war; es mochte etwas sein, was Abertausende Male in jedem Moment irgendwo auf der Erde geschah. Doch hinter meinen verweinten Augen in meinem Bewusstsein gab es nur noch Gedanken um diesen einen Menschen. Ich saß im Zug, hatte noch schnell aus meiner Wohnung einen schwarzen Anzug für die Beerdigung meiner Oma geholt. Auf dem Weg wollte ich die Trauerrede für sie schreiben. Ich konnte mir kaum Worte abringen. Mein Kopf spielte pausenlos mehrere Kindheitserinnerungen an sie zugleich ab – derart lebendige Fragmente aus früheren Zeiten mit ihr, dass ich mich so fühlte, als wäre ich gerade fünf Jahre, neun Jahre, zwölf Jahre und 20 Jahre zur selben Zeit. Ich nahm meine Brille ab und rieb mir erschöpft die Augen. Ich schaute durch das Fenster auf die vorbeiziehende, nun umso verschwommenere Julilandschaft, die so harmonisch grün und bunt aussah, dass ich es kaum ertragen konnte.
Ich brauchte dringend einen Schlag kaltes Wasser ins Gesicht, um klarere Gedanken zu bekommen und den Hesped, also die Trauerrede für meine Oma, noch fertig zu bekommen. Die Beerdigung würde in nur wenigen Stunden stattfinden. Ich setzte also meine Brille wieder auf und ging in meinen Erinnerungen verloren zur nächsten Toilettenkabine im Wagen. Eine Frau wartete dort bereits darauf, sie benutzen zu können. Ich stellte mich also in diese nur zweigliedrige Schlange und wartete auf das kalte Wasser zum Aufwachen aus der Vergangenheit, zum Wieder-zu-mir-Kommen. Die Frau musterte mich mitleidlos. »Sie müssen nicht hier mit mir warten!«, wies sie mich an. »Es gibt noch mehrere andere Toiletten im Zug. Sie können einfach weitergehen.« »Schon gut, ich kann warten«, entgegnete ich kraftlos. »Ich möchte aber nicht mit Ihnen hier warten, ist das klar? Ich möchte, dass Sie gehen. Ja? Leute wie Sie … Ihre Leute bringen nur Unglück über uns.« »Unglück?«, fragte ich irritiert. »Sie haben mich schon verstanden«, zischte die Frau und schaute mich grimmig an, während sie auf meine bestattungsschwarze Kippa im blassen Spiegelbild des Bahnfensters im Gang deutete. »Was!?«, sagte ich leise, aber hörbar, akzentuiert und voll der Trauer und Wut, die sich lang in mir aufgebaut hatten. Ich merkte in mir, dass ich derlei viel Trauer und Wut unmöglich meine Kehle herunterschlucken konnte. Also sah ich vor meinem inneren Auge, wie ich die Frau an ihrer hasserfüllten Kehle packte und nicht etwa gegen die Scheibe der Zugwand drückte, sondern durch sie hindurch, damit diese Frau herausgeschleudert und als Geschoss die fröhliche Julilandschaft dort draußen verwüsten würde.
Zugleich aber bildeten sich hinter meinen Lippen Worte, die der Frau erklären würden, wer ich bin, warum ich im Zug bin, welcher absolut wundervolle Mensch meine Oma sel. A. gewesen war und dass sie nun nicht mehr war und ich deshalb Schmerzen in meiner Brust und meiner Kehle, in meinen Augen und meinen Fingern fühlen würde und nicht weiß, wie ich eine Trauerrede für meine Oma schreiben könnte, die ihr auch nur irgend gerecht werden könnte. Das würde diese Frau gewiss verstehen und sich dann dafür entschuldigen, dass sie mich wegschicken wollte und dass sie Juden für Unglücksbringer hält. Doch als sich meine Lippen voneinander zum Sprechen lösten, schluchzte ich überwältigt von dieser Bosheit und weinte. Die Frau hatte genau gesehen, dass ich trauerte. Das Schwarz, die verquollenen Augen, der gedankenverlorene, abwesende Blick, die schutzlose Haltung. Der Frau war es egal, wie es mir ging. Sie schaute mich nicht an wie einen Trauernden. Sie schaute mich gar nicht an. Sie schaute auf mich. Sie schaute auf mich wie auf einen Schädling. »Sie müssen gar nicht so eine Show abziehen. Dafür interessiert sich niemand«, sagte sie kühl und betrat die gerade frei gewordene Toilettenkabine. Ich stand weiterhin im Gang und versuchte, nicht über ihre Worte nachzudenken, mich nicht verletzen zu lassen. Es ging nicht. Ich schaute aus dem Fenster und sah die Worte dieser Frau schwarz auf weißen Wolken. So überwältigt ich von meiner Trauer und von den wiederauferstandenen Erinnerungen meiner Kindheit auch war, so wenig hätte beides besudelt werden dürfen von der Abscheu dieser Frau.
Die Frau brauchte seltsam lang. Bald hörte ich sie kichern. Sie öffnete endlich die Kabinentür und sagte grinsend: »Die kann man jetzt leider nicht mehr benutzen. Tut mir leid. Beim nächsten Mal gehst du besser gleich dorthin, wo ihr hingehört.« Sie hatte große Freude aus diesen Sätzen gezogen. Und daraus, den Plastiktütenspender komplett entleert, die Tüten zusammengeknotet und mit ihnen die Toilette verstopft zu haben. Stolz deutete sie mit den Augenbrauen auf ihrem zur offenen Kabinentür geneigten Kopf auf das Chaos, das sie verursacht hatte, damit nicht ein Jude nach ihr die volksdeutsche Toilette benutzen können würde. Ich starrte ihre diabolischen Lachfalten auf ihrer Stirn und über ihren Brauen an und wie klein und schwarz ihre Augen vor Schadenfreude wurden. Mein Kopf zuckte mich aus dem Starren heraus. Ich schaute jetzt durch die Frau hindurch und hörte mich sagen: »Keine Sorge, ich wollte nur einen Schlag Wasser ins Gesicht.«
Ich ging in die Kabine, wusch mein Gesicht und betrachtete mein nasses, verheultes Gesicht im Spiegel. Ich sah armselig aus. Die Wochen am Sterbebett meiner Oma hatten mich allen Schlaf gekostet. Ich sah übermüdet und kraftlos aus. Zum ersten Mal in meinem Leben war die Haut unter meinen Augen blau, meine Wangen waren eingefallen. Vor allem aber sah ich vulnerabel aus; ein einfaches Opfer für jene Frau. Ich schaute auf das Chaos, das die Frau angerichtet hatte. Mich packte die Wut. Das hätte am Tag der Beerdigung meiner Oma nicht passieren dürfen! Ich trat gegen die verdammte Toilette und schrie gegen die Tür: »Das ist doch nicht normal! Das ist doch nicht normal! Sie sind doch nicht normal, so etwas zu machen! So etwas zu sagen! Ich bin doch ein Mensch. Ich bin doch ein Mensch!« Ich hoffte, dass die Frau noch auf der anderen Seite stehen würde. Niemand antwortete mir.
Es war der Tag, an dem meine Oma ihren letzten Weg nicht mehr selbst gehen, sondern dabei getragen werden würde. Welchen langen Weg sie gegangen war. 87 Jahre lang. Wie sehr sich dieses Land, diese Gesellschaft auf diesem Weg geändert hatte. Hätte ändern müssen. Doch am letzten Tag ihres Weges durfte noch eine bösartige Frau auftreten, angreifen, so als hätte es gar keine Veränderung gegeben. Meine Oma hatte es verdient, dass ihre Welt am letzten Tag besser endete, als sie begonnen hatte. Aber dieser Illusion war ich beraubt worden. Die schlechten Dinge im Leben meiner Oma, auch in meinem Leben waren beständig. Keine Geschichte der Progression, sondern der Kontinuität. »Das ist normal«, sagte ich mehrmals vor mich hin. So, als sei mir ein Licht aufgegangen. Dieser Hass, diese Bosheit, diese menschliche Leere uns Juden gegenüber sind noch immer derart verbreitet, für zu viele Menschen noch immer selbstverständlich. Dieses Empfinden ist für sie normal. Und es ist Teil meiner Normalität, dass sie mir damit begegnen, sobald sie mich als Juden erkennen.
Ich setzte mich zurück an meinen Platz und vor meinen Laptop. Meine Oma musste das immer gewusst haben, dachte ich. Ich holte tief Luft und atmete das Erlebnis mit der Antisemitin aus. (Sie wird uns am Ende noch einmal begegnen.)
Antisemitismus ist normal?
Dieses Erlebnis fiel mir als erstes unter dem Stichwort »Normalität« eines jüdischen Daseins in Deutschland ein. Ich verliere herzlich selten die Fassung; wohl deshalb höre ich mich noch immer in dieser Toilettenkabine schreien: »Das ist doch nicht normal!« War diese Frau normal? In den ersten Jahren, in denen ich offenen Antisemitismus erfahren hatte – da war ich ein junger Teenager –, nahm ich an, jeder Antisemit müsste ein psychisches Problem haben. Eine solche Person konnte nicht geistig gesund sein. Viele Antisemiten begegneten mir derart verhaltensauffällig, dass ich sehr lang diese Haltung vertrat. Doch mit den Jahren wurde ich unsicherer. Mehr und mehr Antisemiten haben sich in unsere Gesellschaft eingeschlichen, die normal (ordentlich) gekleidet sind, normal (beherrscht, angepasst) auftreten und normale (kaufmännische Angestellte, Apotheker, Maler, Unternehmerin) Berufe ausüben. Sie erscheinen im Gespräch ganz normal (unauffällig), sogar freundlich interessiert. Aber dann erzählen sie mir aus heiterem Himmel, dass amerikanische Juden Stück für Stück Berlin aufkaufen und das Wohnen unbezahlbar machen würden, um sich so an den Deutschen für die Schoah zu rächen. Oder dass Bill Gates als Jude entlarvt worden wäre und ob ich das schon wüsste und sagen könnte, wo er sich aufhielte. Oder dass Corona aus Israel käme, denn die Juden würden sich ja mit einem »Gegengift« impfen, das sie allen anderen Völkern vorenthalten würden, damit diese unbemerkt unter jüdische Kontrolle geraten würden. Wer mir das erzählt hat? Ein Architekt aus der Nachbarschaft, eine Psychotherapeutin mit Praxis in Berlin-Friedenau (bürgerliche Gegend), eine Erzieherin im Zug nach Potsdam. Alle erzählten diesen Unfug so nüchtern, als würden sie vom Wetter sprechen. Wenn meine Kippa nicht gerade derart Unerhörtes sichtbar machen würde, würde wohl kaum jemand oder sogar niemand etwas von diesem Stück Irrsinn erfahren. Ich frage mich oft, ob kluge Antisemiten ihren Irrsinn vor anderen filtern oder chiffrieren können, sodass sie ihre Überzeugungen in Situationen geltend machen können, ohne dass auffällt, dass sie Judenhasser sind. Ich bin bereits antisemitischen Lehrern, Anwälten, Journalisten, Professoren begegnet und nehme nicht an, dass sie sich in ihren Metiers komplett zurückhalten könnten, was ihr judenhasserisches Weltbild angeht.
Das antisemitische Individuum mag uns also herzlich normal erscheinen oder aber »verrückt« oder »wahnsinnig«, wenn es frei heraus obskure Verschwörungstheorien erzählt oder wüste Beschimpfungen brüllt. Allein dass es Antisemiten überhaupt in unterschiedlicher Form und Farbe in diesem Land gibt, ist normal. »Antisemitismus ist normal« ist ein Satz, gegen den man sich leicht sträubt. Schließlich kann nie sein, was nicht sein darf. Der Satz wäre auch falsch, sollte er meinen, Antisemitismus sei eine normale im Sinne einer akzeptierten Geisteshaltung. »Antisemitismus ist normal« soll lediglich heißen, dass er in diesem Land weitverbreitet und durch allerhand Bevölkerungsgruppen verstreut ist, regelmäßig auftritt und einen fixen Anteil im Alltag von sichtbaren, anderweitig erkennbaren, etwa prominenten oder sich in jüdischen Institutionen aufhaltenden Juden in Deutschland hat.
Antisemitismus ist auch deshalb normal, weil wir als Juden mit ihm selbstverständlich aufwachsen. Unsere Eltern und Großeltern und deren Vorfahren kannten ihn bereits. Jüdische Kinder hören, wie Erwachsenen Antisemitismus widerfährt. Oder er widerfährt ihnen als Kinder selbst wie einer Schülerin von mir aus dem nachmittäglichen Religionsunterricht, deren Mitschüler der zweiten (!) Klasse sie quälte und andere Kinder dazu anhielt, nicht mit der jüdischen Schülerin befreundet zu sein, weil seine Eltern ihm beigebracht hatten, dass Juden ein schlechter Einfluss, ja gar gefährlich wären und sich deshalb niemand, der einem wichtig sei, mit Juden einlassen dürfe.
Unsere Kinder wachsen mit für nicht jüdische Augen außergewöhnlich umfangreichen und strengen Sicherheitsmaßnahmen auf. Mit kugelsicherem Doppelglas, Eingangsschleusen und Sicherheitspersonal. Diese Elemente sind den Kindern nach dem jüdischen Kindergarten bereits zumeist weitestgehend unsichtbar. Sie erscheinen ihnen so gewöhnlich wie die Tafel im Klassenzimmer oder der hoch ummauerte Schulhof. Die drei genannten Elemente mögen im Schulalltag mitunter eher für die Schüler bedeuten, dass man beim unpraktischen Doppelglas das äußere Fenster nicht öffnen oder verschieben kann und sich das innere Fenster aber leider nach außen und daher nur beschränkt öffnen lässt, was heißt, dass man an heißen Sommertagen die Klasse nicht effektiv abkühlen kann. Die Eingangsschleuse kommt Schülern lästig vor, weil man nicht spontan rein oder raus kann. Immerzu muss abgewartet werden. Wenn man ohnehin schon spät dran ist, spannt nichts so sehr die Geduld eines jüdischen Teenagers auf die Folter wie das Warten, bis sich die Schleuse endlich und dann viel zu langsam öffnet. Sicherheitspersonen wiederum können sehr unterhaltsam und freundlich sein und den Fußball in der Pause zurückschießen oder einem ein Kaugummi ausgeben; einige, insbesondere jüngere Kinder finden Sicherheitsleute indes zuweilen unheimlich.
Ein normaler Schultag
In einer der jüdischen Schulen, in der ich arbeitete (ich muss hier vage bleiben, um nicht die Sicherheitssituation vor Ort preiszugeben), muss man sich den Schultag eines jüdischen Schülers derart vorstellen: Der Schüler macht sich auf den Weg zur Schule; ein überwiegender Teil der Schüler wird von den Eltern, anderen Verwandten, Fahrgemeinschaften oder mit privat organisierten Bussen gebracht. Die Kinder sind dazu angehalten, nicht vor dem Gebäude zu verweilen, sondern direkt durch die Sicherheitsschleuse einzutreten. Zur Stoßzeit vor Beginn der ersten Stunde gibt es extra Polizei vor dem Gebäude, dazu mehr von der jüdischen Gemeinde bezahlte Sicherheitsleute als üblich. Kinder, die zu Fuß, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zur Schule fahren, werden angehalten, sich nicht als Juden erkennbar zu geben. Auch ich bin stets mit Hut über der Kippa mittels U-Bahn zur Schule gefahren, um keine Antisemiten zu den Kindern zu führen.
Die Kinder passieren die doppelte Sicherheitsschleuse und gehen zu ihren Klassenzimmern. Die Türen sind gesichert. Unbefugte können die Etagen nicht betreten. Immer wieder müssen die Kinder nach den Lehrkräften klingen, um Sicherheitstüren passieren zu können. Das WLAN ist gegen Cyberattacken gesichert und unsichtbar; gibt es einen neuen Schüler oder hat ein Kind ein neues Handy, muss auf ein Zeitfenster in der Woche gewartet werden, damit es sich anmelden kann. Die doppelten Sicherheitsfenster halten Pistolenkugeln und Molotowcocktails stand.
Die Kinder werden fortlaufend über die Sicherheit und Fluchtwege unterrichtet und es gibt bereits ab der ersten Klasse regelmäßige Übungen, wie man sich etwa bei Terrorattacken zu verhalten hat. Bei meiner ersten Übung redete ich mir ein, sie sei eigentlich wie eine Feueralarmübung. Allerdings wäre man bei einer solchen Übung nicht damit beschäftigt, auf Fragen von Erst- und Drittklässlern à la »Aber warum wollen Männer zu uns in die Schule kommen?«, »Was wollen die mit uns machen?« und »Warum laufen wir weg?« zu reagieren, bevor es Mitschüler tun können mit Antworten wie »Na, die wollen uns dann alle töten!«, »Es gibt Leute, die Juden hassen und deshalb umbringen« und »Mein Opa sagt, für die sind wir gar keine Kinder oder Menschen«. Letzteres sagte S. damals in der dritten Klasse und zuckte mit den Schultern. Er konnte referieren, was der Großvater ihm nähergebracht hatte, aber er begriff es zum Glück noch nicht. »Aber keine Angst«, fügte S. hinzu, »wir sind hier drinnen vor denen sicher.«
Die Pausen werden auf einem Pausenhof auf dem Dach verbracht, weit über allen möglichen Gefahren. Wenn ein öffentlicher Spielplatz besucht wird, braucht es unauffällige Sicherheitsleute, die auch Lehrkräfte sein könnten, um alle Passanten unauffällig in den Blick zu nehmen und darauf zu achten, dass sich kein Kind aus einem ideell abgesteckten Gebiet entfernt oder jemanden anspricht, der eine Gefahr bedeuten könnte. Ich habe die Pausen auf dem öffentlichen Spielplatz verabscheut; ich war nonstop nervös. Mir spukten dort stets die Worte meiner Oma sel. A. durch den Kopf: »Sicherheit ist kein Zustand außen, sondern nur ein Gefühl innen. Es lässt zu, uns freier zu bewegen, aber leider auch vergessen, dass es keine Garantie auf Unversehrtheit bietet.« Absolute Sicherheit gibt es niemals, auch wenn wir natürlich alles dafür tun, sie so hoch wie möglich zu schrauben und sie gleichzeitig so unsichtbar für die Schüler wie irgend möglich zu gestalten.
