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Vertrauen ist in diesen Zeiten ein Wert, der stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Im Ukrainekrieg wird gerade Vertrauen zwischen Ländern verspielt. Mit zivilisatorisch noch überhaupt nicht absehbaren Folgen. Die Corona-Pandemie hat zwischenmenschlich Gräben zwischen Geimpften und den Impfnaiven geschaffen. Kein Wunder, dass sich das Kursbuch auf die Spuren von Vertrauensverlust und Vertrauenskrise begibt. Wie immer aus einer spannenden Perspektivendifferenz, die sich den Widersprüchen und Paradoxierungen widmet. Rafaela Hillerbrand versucht eine Vertrauensbrücke zwischen Technikskeptikern und Technokraten zu schlagen. Christina von Braun zeichnet eine kleine Geschichte des Vertrauensverlustes in kapitalistischen Fakewelten nach. Im Interview mit Jan Philipp Reemtsma geht es um die Bedingungen von Vertrauensverlust in Kriegen und unter Gewalteinwirkung. Christopher Daase und Nicole Deitelhoff wiederum zeigen, ob es künftig überhaupt noch kooperative Sicherheitsnormen zwischen Ländern, UNO und supranationalen Institutionen geben kann. Lars Hochmann zeigt schließlich, welche wachsende Rolle Vertrauen in der Unternehmensführung spielt. In den Intermezzis geht es dieses Mal um die Frage, wann Vertrauen beginnt und wann sie aufhört. Es schreiben ein Kletterer, eine Polizistin, ein Blinder, ein Pilot, ein Astronaut und ein Taucher.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Inhalt
Armin Nassehi Editorial
Jan SchwochowEine Quelle, zwei GrafikenVorsicht vor Scheinkorrelationen
Christina von BraunFake it till you make itEine kleine Geschichte des Vertrauensverlusts
IntermezzoWo fängt Ihr Vertrauen an, und wo hört es auf?Einatmen. Ausatmen. Pause. Repeat.Jon Flemming Olsen
Armin NassehiDas blinde KornDie dunkle Seite des Vertrauens und was das mit der NATO zu tun hat
IntermezzoWo fängt Ihr Vertrauen an, und wo hört es auf?Das Vertrauen klettert mitJosef Brüderl
Das Verschwinden des UnwahrscheinlichenEin Gespräch mit Jan Philipp Reemtsma über soziales Vertrauen, Gewaltexzesse, Ukrainekrieg und vertrauensbildende MaßnahmenVon Peter Felixberger und Armin Nassehi
IntermezzoWo fängt Ihr Vertrauen an, und wo hört es auf?Beziehung zu mir selbstGerhard Thiele
Islandtief (3)Ausgestopfte Riesenalke und virtuelle BasstölpelDie Berit-Glanz-Kolumne
Rafaela HillerbrandWie funktioniert eine Mikrowelle?Ein Vermittlungsversuch zwischen Technikskepsis und Technokratie
IntermezzoWo fängt Ihr Vertrauen an, und wo hört es auf?Vertrauen in 90 MinutenTim Felix Uellendahl
Christopher Daase, Nicole DeitelhoffKooperative SicherheitÜber Vertrauen und Misstrauen in der internationalen Politik oder was uns der Krieg Russlands in der Ukraine lehrt
IntermezzoWo fängt Ihr Vertrauen an, und wo hört es auf?Der Umgang mit FehlernKathrin Klaas
IntermezzoWo fängt Ihr Vertrauen an, und wo hört es auf?Blindes Vertrauen – nein danke!Thorsten Schweinhardt
Lars HochmannVertrauen als LohnGrundzüge guter Unternehmensführung
Peter FelixbergerFLXX Classix | Achtung: Chef!Wirtschaft als Pop- und Führungskultur. Das Drehbuch
Die Autoren und Autorinnen
Impressum
Armin Nassehi Editorial
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – dieser Satz wird Wladimir Iljitsch Lenin zugeschrieben (ausgerechnet!). Belege dafür gibt es nicht, also es lässt sich nicht kontrollieren, ob er wirklich von ihm stammt, müssen wir uns also dem Vertrauen anvertrauen, dass die Zitation einigermaßen stimmt. Kontrolle und Vertrauen gegenüberzustellen, ist zumindest nicht ganz unplausibel. Wer etwas kontrollieren kann, muss nicht vertrauen – heißt im Umkehrschluss: Vertrauen ist ein Mechanismus, der dann relevant wird, wenn Kontrolle ausfällt. Kontrolle wäre eine Metapher für vollständige Transparenz, für die komplette Durchschaubarkeit eines eigentlich kontingenten Prozesses, der auch anders ausgehen könnte. Dass an jedem Morgen die Sonne wieder aufgeht, ist genau genommen kein Gegenstand von Vertrauen – es sieht so aus, als würde das selbstverständlich geschehen und nicht durch unsere Handlungen beeinflussbar sein. Stellt man sich aber eine Kultur vor, in deren Mythen die Geschichte aufbewahrt wäre, dass die Sonne am nächsten Morgen nur aufgeht, wenn am Abend vorher ein ritueller Tanz aufgeführt wird, dann entsteht eine merkwürdige Mischung aus Kontrolle und Vertrauen. Einerseits wird der Tanz aussehen wie eine Technologie, was den Tänzern eine eigentümliche Macht verleiht. Andererseits muss es doch ein erhebliches Vertrauen in die Tänzer geben, dass sie jeden Abend den Tanz aufführen, um den Rest dieser Kultur nicht zu gefährden. Ein Großteil der sozialen Ordnung basiert auf solchen Tänzen.
Vertrauen und Kontrolle sind gut – aber darüber reden? Das ist nicht von Lenin, sondern ein originärer Kursbuch-Editorial-Satz. Schon die bloße Rede von der Kontrolle könnte Vertrauensprobleme verursachen – wird die Kontrolle wirklich richtig ausgeübt, von den richtigen Leuten und zum Behufe dessen, was wir erwarten? Aber auch die Rede vom Vertrauen ist riskant, denn wenn ich jemanden darauf hinweise, er könne mir getrost vertrauen, könnte der performative Gehalt dieses Hinweises von seinem propositionalen abweichen. Das »Vertraue mir!« verweist ja gerade darauf, dass die Dinge auch anders ausgehen könnten als gewünscht.
Vertrauen und Kontrolle sind zwar logische Antipoden – aber beide eint, dass ihre Thematisierung Störungen verursachen kann. Wirkliche (was immer das heißt) Kontrolle und wirkliches (was immer das heißt) Vertrauen wird es wohl eher durch Dethematisierung geben. Und das ist auch das, was unser Verhältnis zur Welt im Alltag ausmacht: Dieser Alltag funktioniert am besten, wenn wir nicht so genau hinsehen (müssen) und die Bedingungen dessen, was die Abläufe zusammenhält, nicht weiter thematisieren. Man kann das in Situationen beobachten, in denen Abläufe durch zu viel Information unterbrochen werden – durch Lektüre des Beipackzettels bei der Einnahme einer Arznei, durch die notwendige Unterschrift für die Einwilligung in die Anästhesie, durch Abschluss eines Vertrages, der das Handeln des Vertragspartners in einer unbekannten Zukunft binden soll, durch Lektüre von Flugunfallstatistiken kurz nach dem Abheben, durch Hinweis auf Kooperationsregeln in einem komplexen Verfahrensablauf, in dem man wechselseitig voneinander abhängig ist. Ein moderner, technisch, organisatorisch und von Handlungskoordination mit mir unbekannten Personen abhängiger Alltag setzt tatsächlich viele funktionierende Strukturen voraus, die am besten im Unsichtbaren bleiben. Vertrauen haben wir vor allem dann, wenn man nicht darauf hinweisen muss, wenn man nicht so genau hinschauen muss, wenn man auf vollständige Kontrolle verzichten kann – aber auch Kontrolle habe ich nur dann, wenn ich die Zweifel daran einklammern und moderieren kann, denn Kontrolle setzt eben auch Vertrauen voraus – in die Kontrollmechanismen oder in meine eigene Kontrollmacht.
Ein Kursbuch über Vertrauen in diesen Zeiten zu machen, liegt also nahe. Die Krisenfrequenz, die Infragestellung von Selbstverständlichkeiten, die unsichere Zukunft, die Notwendigkeit von alternativen Lösungen auf unterschiedlichsten Gebieten – all das setzt den Mechanismus des Vertrauens außer Kraft, der uns dazu bringt, nicht so genau hinsehen zu müssen. Selten gab es wohl Momente, in denen man so genau hinsehen muss wie gerade jetzt. Und wir sehen mit diesem Kursbuch genau hin. Insofern ist dieses Kursbuch selbst keine vertrauensbildende Maßnahme – das war es aber nie, weil wir stets genau hinschauen, vor allem auf die auf den ersten Blick selbstverständlichen Dinge. Und diesmal nicht auf Selbstverständliches, sondern noch deutlicher: auf den Mechanismus, wie Selbstverständlichkeiten, Vertrautes, Vertrauen überhaupt hergestellt werden.
Unser Gespräch mit Jan Philipp Reemtsma beginnt schon mit der Frage danach, wie und warum wir uns überhaupt auf die Straße trauen. Und es endet mit einer Szene, die sehr deutlich macht, wie sehr bisweilen der Kontrollverlust droht. Christopher Daase und Nicole Deitelhoff diskutieren in ihrem Beitrag, wie sich Vertrauen auf internationaler und suprastaatlicher Ebene herstellen lässt – aktueller geht es kaum. Christina von Braun zeigt, wie merkwürdig Vertrauen und Misstrauen jeweils Potenziale in ökonomischen Prozessen haben, und kommt in ihrem Beitrag dazu, dass man den Kapitalismus beziehungsweise das Wirtschaften nicht ohne seine kulturelle Einbettung (oder deren Fehlen) diskutieren kann. Lars Hochmann beobachtet, dass es in der Wirtschaft nicht mehr in erster Linie um Knappheitsmanagement geht (abgesehen von Verteilungs- und Allokationsfragen), sondern um Unsicherheitsmanagement. Gerade die Bearbeitung von Unsicherheit brauche eine vertrauensvolle Form wechselseitigen Vertrauens. Bei Rafaela Hillerbrand geht es um die Bedingungen des Vertrauens in Wissenschaft und Technik. Und mein eigener Beitrag beschäftigt sich mit einer dunklen Seite des Vertrauens: Wer nicht genau hinsieht und den Dingen vertraut, wie sie immer erschienen, wird schlicht blind.
Die sechs Intermezzi antworten diesmal auf die Frage: Wo fängt Ihr Vertrauen an, und wo hört es auf? Auch hier geht es um das Verhältnis von Vertrauen und Kontrolle. So berichtet der Pilot Tim Felix Uellendahl, wie abhängig die Sicherheit des Fluges von der Kooperation unterschiedlicher Personen ist, die sich zum Teil das erste Mal sehen, aber über Prozeduren der Kontrolle und der Kooperation Vertrauen aufbauen können. Der Astronaut Gerhard Thiele berichtet vom Vertrauen in die Technik – in dem Moment, in dem man letztlich nichts mehr wirklich kontrollieren kann. Ganz ähnlich argumentiert der Taucher Jon Flemming Olsen, der sich auf sein Equipment verlassen können muss. Die ehemalige Leistungssportlerin und heutige Polizistin Kathrin Klaas zeigt, wie im Rechtsstaat bei der Polizei genauer hingesehen wird – eine interessante Mischung von Transparenz und Vertrauen. Und schließlich beschreibt der Soziologe und Kletterer Josef Brüderl, wie sehr Erfahrung und Kooperation beim Klettern vertrauensbildende Mittel sind – und das gemeinsame Interesse: Das Vertrauen steigt, wenn man weiß, dass der andere schon aus egoistischen Motiven dasselbe Interesse an sorgfältiger Sicherheit/Sicherung haben muss wie man selbst. Das Intermezzo von Thorsten Schweinhardt ist besonders interessant. Er empfiehlt eindringlich, auf blindes Vertrauen zu verzichten, sondern stets den Fokus der Aufmerksamkeit darauf zu richten, wie der andere einzuschätzen ist, mit dem man zu tun hat. Blindes Vertrauen sei einfach zu brisant. Schweinhardt selbst ist blind.
Auch Grafiken sollte man nicht blind vertrauen. Jan Schwochows Beispiel zeigt diesmal, wie eine grafisch vertrauenerweckende Aufbereitung Scheinkorrelationen oder sogar -kausalitäten suggerieren kann. Das Beispiel ist der Zusammenhang von Margarineverbrauch und Scheidungsraten. Vielleicht sollten Ehepaare mehr Butter essen.
Berit Glanz’ Islandtief zeigt diesmal, wie ein längst ausgestorbener Vogel auf Island auf gegenwärtige weltumspannende Markt- und Virenzirkulation verweisen kann. Und Peter Felixbergers FLXX-Kolumne ist diesmal eine Clässix-Edition, mit seinem Beitrag über den neuen Chefdiskurs aus unserem Deutschland. Ein Drehbuch.
Summa summarum gilt aber trotz allem: Brüder und Schwestern, vertraut wenigstens dem Kursbuch!
Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKENVorsicht vor Scheinkorrelationen
In den digitalen Weiten des Internets gibt es unzählige Mengen an Daten und Informationen. Schon die Coronapandemie hat uns gelehrt, dass es selbst für Fachleute unglaublich schwierig ist, die vielen Quellen auszuwerten und vor allem zu bewerten. Bedenklich wird es dann, wenn sich Laien und allzu oft auch Journalisten bemühen, Zusammenhänge zwischen Daten herzustellen, die auf den zweiten Blick recht fragwürdig sind. Unser Leben ist sehr komplex, und es lassen sich inzwischen für alle Themen die entsprechenden Daten finden. Und wenn man, wie der Buchautor Tyler Vigen, sich genau das zum Ziel macht und Charts und Diagramme sucht, die nahezu denselben Verlauf haben, dann entstehen sogenannte Scheinkorrelationen.
Ein Chart aus seinem Buch habe ich für meine Kolumne in zwei Varianten umgebaut. Die linke Seite zeigt eine reißerische Variante. Ich verzichte auf exakte Beschriftungen. Die wenigen Informationen lassen uns wirklich glauben, dass sich der Verzehr von Margarine auf die Scheidungen auswirkt. Sobald also zwei unterschiedliche Diagramme übereinandergelegt werden, sollten Sie grundsätzlich misstrauisch werden, denn seriöse Infografiker machen genau das nicht!
Ich zeige deshalb auf der rechten Seite beide Charts getrennt voneinander, schneide die Nulllinie nicht ab, und schon sehen wir zwar einen ähnlichen Trend, aber keinen direkten grafischen Zusammenhang. Das unterstütze ich zusätzlich durch die Verwendung unterschiedlicher Diagrammtypen: Oben ist ein Liniendiagramm für die Scheidungsrate und unten ein Balkendiagramm für den Margarineverbrauch je Einwohner. Es zeigt wieder einmal mehr, welche große Meinungsmacht Grafiker und Journalisten haben.
Bei beiden Darstellungen sollte man stets die Quellenangaben nicht vergessen. Die Grafik auf der rechten Seite wirkt seriöser und transparenter. Sie geht mehr ins Detail und ermöglicht dem Leser, sich selbst eine Meinung zu bilden. Scheinkorrelationen kommen häufiger vor, als wir denken, und wir sollten unbedingt der Arbeit der Wissenschaftler*innen vertrauen, die sich mit ihrer Materie bestens auskennen und dafür ausgebildet sind, kausale Zusammenhänge in unterschiedlichen Datenquellen zu finden. Das verständliche und hübsche Aufbereiten der Grafiken sollten Sie allerdings den Grafik-Profis überlassen, wenn man in so manche wissenschaftliche Studie hineinschaut. ;-)
Christina von BraunFake it till you make itEine kleine Geschichte des Vertrauensverlusts
Vertrauen und Misstrauen
Im Sommer 2013 taucht die 22-jährige Anna Sorokin in New York auf. Sie gibt sich den Namen Anna Delvey und behauptet, eine reiche Erbin aus Deutschland zu sein. Für sie seien 60 Millionen Euro auf einem Trust Fund der Schweizer USB hinterlegt. Anna Delvey kleidet sich in den teuersten Boutiquen und Department Stores von New York ein, wohnt in renommierten Hotels und zeigt sich in den angesagten Restaurants von Manhattan. Um bei einem Kunstevent von Warren Buffett dabei zu sein, chartert sie einen Privatjet. Es gelingt ihr, Trusts und potenzielle Mäzene für die von ihr gegründete Anna Delvey Foundation zu interessieren – die Bilder, die sie von sich und Prominenten auf Instagram postet, genügen als Beleg ihrer Kreditwürdigkeit. Allerdings bringt eine Freundin, die sie auf einer Hotelrechnung hat sitzen lassen (es ging um läppische 62 000 Dollar), ihren Verlust zur Anzeige – und plötzlich machen sich auch anderswo Zweifel an der Existenz des reichen Vaters und der Schweizer Konten breit. (In Wirklichkeit ist der Vater ein russischer Immigrant, der in einem Transportunternehmen arbeitet.)
Als Anna Sorokin 2017 verhaftet wird, lautet die Anklage auf Täuschung von Banken und Vermögensverwaltern. Hinzu kommt eine ganze Latte unbezahlter Rechnungen. Hauptakteure der Gerichtsverhandlung sind einerseits eine nüchterne Staatsanwältin, andererseits eine Angeklagte, die sich für jeden der 18 Gerichtsauftritte von einer Topdesignerin neu einkleiden lässt, und drittens ein Anwalt, laut dessen Verteidigungsstrategie die junge Angeklagte vom vorgetäuschten Lebensstil der New Yorker Gesellschaft zu ihren Taten verleitet worden sei. »People were fake. People were phoney. And money was made on hype alone«, erklärt er den Geschworenen,1 ohne allerdings zu erwähnen, dass der gleiche Zeitgeist und dieselbe Ökonomie ein Jahr zuvor einen neuen Typus von Politiker ins Weiße Haus befördert hatte. Seiner Mandantin missfällt das Plädoyer: Sie würde lieber als raffinierte Betrügerin denn als verführte Provinzlerin dastehen.
Typisch an diesem Fall, wie auch an vielen ähnlich gelagerten Fällen, ist die zentrale Rolle der sozialen Medien. Mit den fake news, die Facebook oder Telegram auf ihren Kanälen verbreiten (und den Summen, die sie daran verdienen), beschäftigt sich inzwischen eine ganze Armee von Investigativjournalisten – doch das Misstrauen, das sie in der Öffentlichkeit zu säen versuchen, erreicht im Allgemeinen nur die, die ohnehin nicht dran glauben. Dagegen spült das System des »fake until you make it« immer neue Hochstapler und Schwindlerinnen an die Oberfläche. So etwa den Wertpapierhändler Bernie Madoff, der 2008 als Erfinder des größten Schneeballsystems aller Zeiten auffliegt. Und so auch die aus dem Silicon Valley kommende Elizabeth Holmes, die behauptet, eine revolutionäre neue Methode der Blutuntersuchung entwickelt zu haben. Ihr Start-up Theranos wird auf neun Milliarden Dollar geschätzt, bevor der Schwindel auffliegt. Große Gewinnversprechen lösen sich in Nichts auf.
Typisch an diesen Fällen ist aber auch, dass es neben dem blinden Wunschglauben immer wieder auch das Misstrauen gegenüber solchen Erfolgsgeschichten gibt. Oft muss dieses beharrlich sein, lange warten, bevor es sich durchsetzt – so etwa bei der Überführung von Madoff. Manchmal geht es auch schneller – bei Wirecard zum Beispiel. So stellen sich zwei Fragen. Erstens: Warum fallen immer wieder so viele, darunter routinierte Juristen, gewiefte Wirtschaftsfachleute und erfahrene Banker, auf diese Schwindler und Betrügerinnen herein? Und zweitens: Gibt es so etwas wie den Typus des Gläubigen (oder des Gläubigers) und den Typus des Skeptikers? Und wenn ja, was macht sie dazu?
Der amerikanische Psychologe Tim Levine, der über Vertrauen forscht, führte zu dieser Frage umfangreiche Untersuchungen durch, darunter ein Experiment mit Studierenden: In einem Spiel, bei dem es um Geldgewinne geht, wurden die Probanden von ihrem jeweiligen »Spielpartner« systematisch dazu angeregt, zu betrügen. Einige folgten der Versuchung, andere nicht. Nach Beendigung des Spiels wurden die Probanden (die nicht wussten, dass ihr Betrug beobachtet worden war) zu einem Gespräch gebeten, das gefilmt wurde. Fast alle bestritten, betrogen zu haben – einige zu Recht, andere zu Unrecht. Diese Filmsequenzen wurden neutralen Beobachtern vorgeführt. Sie sollten urteilen, ob die Probanden logen oder nicht. Es zeigte sich, dass einige von denen, die die Wahrheit sagten, für Lügner gehalten wurden, während vielen der Lügner ihre Story abgekauft wurde. Levines Schlussfolgerung: Der Mensch eignet sich nicht als Lügendetektor, denn die Aufrichtigkeit eines Menschen wird von seinem Verhalten abgeleitet: Selbstbewusstsein, ein freundlicher, offener Blick genügen, damit sich Vertrauen einstellt.2
In einer anderen Untersuchung wurden die Entscheidungen von Untersuchungsrichtern zur Freilassung eines Angeklagten auf Kaution mit denen eines Computers verglichen. Der Computer wurde mit denselben Daten versehen (es ging um insgesamt 500 000 Fälle), über die auch die Richter verfügten: Umstände des Vergehens, Vorgeschichte des Angeklagten, Strafregister etc. Der einzige Unterschied: Die Richter sahen den Angeklagten (das sieht das Gesetz so vor), sie hörten ihn reden, hatten ihren eigenen Eindruck von diesem Menschen. Es zeigte sich, dass die Maschine die Angeklagten besser eingeschätzt hatte: »Die Angeklagten, die der Computer auf Kaution freigelassen hätte, begingen in der Zeit vor dem Prozess mit einer um 25 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit eine Straftat als die 400 000 Angeklagten, die von den Richtern gegen Kaution freigelassen wurden.« 3
Levine erklärt solche Phänomene wie auch die Unfähigkeit, »Lügner zu identifizieren« nicht etwa mit fehlender Menschenkenntnis, sondern damit, dass wir schon aus Selbstschutz davon ausgehen, dass uns die anderen die Wahrheit sagen. Der Grund: Die Tendenz, anderen zu vertrauen, sei »eine adaptive Folge der menschlichen Evolution; sie ermöglicht effiziente Kommunikation und soziale Koordination« und erlaubt »dem Menschen, sozial zu funktionieren«. Da die meisten Täuschungen »von wenigen produktiven Lügnern begangen werden, entspricht die sogenannte Wahrheitsvorliebe in Wirklichkeit gar keiner Voreingenommenheit. Meistens liegen wir mit dem passiven Vertrauen richtig. Allerdings macht es uns auch anfällig für gelegentliche Täuschungen.« Für das Überleben der Art stelle dies keine Gefahr dar.4
Malcolm Gladwell, ein bekannter und preisgekrönter Autor des New Yorker, faszinierte diese Perspektive so sehr, dass er sich einige der großen Schwindler unserer Zeit und ihre Kontrahenten näher anschaute, darunter den schon erwähnten Bernie Madoff, der nicht weniger als 64,8 Milliarden Dollar verheizte, und Harry Markopolos, ein unabhängiger Ermittler, der für Hedgefonds tätig war und die Börsenaufsicht immer wieder vor Madoffs Geschäften gewarnt hatte. Was unterschied sie? Beide kamen aus wenig vermögenden Verhältnissen, beide waren Aufsteiger. Aber während es Madoff nach einem kurzen Studium vor allem darauf angelegt hatte, Kontakte zu reichen Leuten zu knüpfen, indem er in die richtigen Klubs ging, hatte Markopolos, Sohn eines griechischen Immigranten mit einer Kette von Imbissbuden, seine Zeit damit verbracht, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und sich Einblicke in verschiedene Prüfmethoden zu verschaffen. Der Erste eignete sich das an, was der Soziologe Pierre Bourdieu den Habitus nennt, eine Verhaltensform, die die Codes der sozialen Distinktion und damit gesicherte Verhältnisse signalisiert – er lernte Selbstdarstellung. Der andere hingegen hatte sich angewöhnt, dem Schein zu misstrauen und stattdessen an Zahlen zu glauben, Bilanzen nachzurechnen, Wirtschaftserfolge zu überprüfen. Öffentlich erklärte Madoff den Erfolg seiner Anlagestrategie damit, dass er ein »untrügliches Gespür« für Werte habe. Von diesem »untrüglichen Gefühl« hatte er nicht nur Kunden, sondern auch kritische Finanzjournalisten überzeugt. So etwa Michael Ocrant, der nach einem Treffen mit Madoff von seinem »guten Eindruck« sprach und sich nach dem Zusammenbruch erinnerte: »Man konnte unmöglich mit ihm zusammensitzen und zu dem Schluss kommen, dass es sich um einen Hochstapler handelt.« 5
In Harry Markopolos dagegen, der als Kind wiederholt erlebt hatte, dass sein Vater »hinter den Zechprellern hergerannt« war, keimte schon früh ein Gespür für Misstrauen. Durch die Erfahrungen des Vaters sei ihm das angeborene Vertrauen verloren gegangen. »Deswegen habe ich in den prägenden Jahren, als Jugendlicher und Anfang zwanzig, ein Bewusstsein für Betrug entwickelt.« 6 Aus genau demselben Grund fehlte Markopolos aber auch der Habitus, jenes Selbstvertrauen, das anderen Vertrauenswürdigkeit signalisiert. Seinen Eingaben bei der Börsenaufsicht wurde lange kein Glauben geschenkt, und auch sonst hörte niemand auf ihn.
Hinzu kam das Gewicht der Firmen: je größer, desto unfehlbarer. »Die Leute haben viel zu viel Vertrauen in große Organisationen«, meinte Markopolos später. »Sie vertrauen den Wirtschaftsprüfern, aber denen sollte man nie vertrauen, weil sie inkompetent sind. An guten Tagen sind sie unfähig, und an schlechten sind sie kriminell und decken Betrug.« 7 Man könnte es auch anders ausdrücken: Die Wirtschaftsprüfer arbeiten immer auf Veranlassung eines Auftraggebers, richten sich also nach seinen Interessen. Wenn diese auf Betrug gepolt sind, so hat das Einfluss auf die Prüfung – bis staatliche Kontrollen einen Wechsel der Loyalität angesagt erscheinen lassen. Als im Februar 2022 allmählich klar wurde, dass der Staatsanwalt die Einkommensbilanzen und Steuererklärungen von Trump (nun endlich!) einer genaueren Prüfung unterziehen wollte, kündigten die Wirtschaftsprüfer dem Expräsidenten die Zusammenarbeit auf und widerriefen ihre Wirtschaftsprüfungsberichte.
Nun könnte man aus diesen Geschichten mehrere Schlüsse ziehen. Etwa: Wenn unsere Wirtschaftssysteme zuverlässig arbeiten sollen, brauchen wir viele Jugendliche und Kinder, denen das Vertrauen ausgetrieben wird und die dann zu den Agenten unseres kollektiven Misstrauens werden. Oder: Bei allen wichtigeren Entscheidungsprozessen muss der Faktor Mensch mit seiner fehlerhaften Menschenkenntnis ausgeschaltet und durch einen Computer ersetzt werden. Allerdings dürfte weder die eine noch die andere Lösung zielführend sein. Angesichts der positiven Rolle des Vertrauens für die zwischenmenschlichen Beziehungen (und auch angesichts der Tatsache, dass uns der Mangel an Vertrauen nicht nur aufmerksame Buchhalter, sondern auch verbitterte, ja rachsüchtige Politiker wie Wladimir Putin beschert) würde die gezielte Unterdrückung dieser Anlage mehr Schaden als Nutzen bringen. Gegen den Austausch des Menschen durch Computer spricht wiederum, dass Computer leicht zu manipulieren sind. Hat man sie erst mal mit falschen Zahlen und fake knowledge ausgestattet, öffnet ihre umprogrammierte »Gefühlsneutralität« jeglichem Fehlurteil Tor und Tür.
Die Ökonomie der Glaubenssysteme: die Gesellschaft der Gabe
Wie, so möchte man fragen, kommt es eigentlich, dass wir uns in einer Ökonomie befinden, in der es um Glaubenssysteme geht? In dem die ganze Palette der Wirtschaftsbegriffe – Kredit, Schuld, Gläubiger usw. – einem religiösen Katechismus entnommen scheint? 8 In der sich sogar die Wirtschaftstheorie (sie beginnt ernsthaft erst um 1800) gerne auf göttliche Fügungen beruft? Adam Smith spricht von der »unsichtbaren Hand« des Marktes. Der Wirtschaftswissenschaftler Hans Christoph Binswanger spricht (in durchaus kritischer Absicht) von der »Glaubensgemeinschaft der Ökonomen«.9 Und der französische Ökonom André Orléan weist darauf hin, dass das Geld heute Kernbedingung sozialer Kohäsion sei, »ein öffentliches Gut, das an das Sakrale stößt«.10
Laut Orléan beruht unser Vertrauen in das moderne Finanzsystem auf der Anrufung des Glaubens an die Gemeinschaft.11 Er begründet das damit, dass Gemeinschaften über eine längere Lebenszeit verfügen als Individuen. Im Rentensystem verbinde das Geld die aufeinanderfolgenden Generationen miteinander. Geld sei nur ein Zeichensystem, und wenn sich die Menschen dennoch darauf einlassen, so deshalb, weil sie glauben, »dass auch die künftige Generation dieses Geld akzeptieren wird – und so weiter über viele Generationen«.12 Zwischen Individuum und Gemeinschaft bestehe eine »Lebensschuld«. Das »finanzielle Band ist konstitutiv für die menschliche Gemeinschaft«, denn es ermöglicht den Menschen, »die Lebensschuld abzutragen«.13 Dem individuellen Tod stehe die Fortdauer der Gemeinschaft gegenüber. Kurz: »Das Geld wird gebraucht, weil Menschen sterben.« 14
