Kursbuch 211 -  - E-Book

Kursbuch 211 E-Book

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Beschreibung

Der Westen protzt. Der Westen stellt sich in Frage. Einerseits EU-Schulterschluss im Angesicht des Ukrainekrieges. Selbstzweifel, Selbstkritik und Selbstdementierung auf der anderen Seite. Zur europäisch-nordamerikanisch-westlichen Praxis gehört eben nicht nur die Erfindung der Demokratie und der Menschenrechte, nicht nur die Idee der Gleichheit der Menschen und die Idee pluralistischer Ordnungen, der Gewaltenteilung und des vernünftigen Interessenausgleichs, sondern auch seine radikale Dementierung. Kolonialismus, Faschismus und Nationalsozialismus, Imperialismus und Rassismus sind ohne Zweifel keine nicht-westlichen, keine nicht-modernen Erscheinungen. Sie gehören konstitutiv zur westlichen Moderne dazu – aber sie sind in diesem dialektischen Sinne auch Dementierungen dieser westlichen Moderne selbst. Dieses Kursbuch stellt sich dieser Ambivalenz auf vielfältigste Weise. Daniel-Pascal Zorn widmet sich dem Universalismus des Westens. Der Westen sei nur mit sich selbst beschäftigt. Philosophisch tue er so, als beginne das Denken (Griechenlands) bei sich selbst, statt zu sehen, wie sehr dieses Denken bereits an anderes anschließt. In Indien, China oder Afrika. Die Historikerin Franziska Davies zeigt die wechselvolle Geschichte der Ukraine, dessen Zugehörigkeiten stets mit Randlagen in geostrategischen Großlagen zu tun hatten. Besonders für die deutsche Perspektive zeigt sie, wie stark diese von der historisch durchaus verständlichen Bemühung um Aussöhnung mit Russland geprägt ist – dabei aber an der Komplexität der regionalen Verflechtungen scheitert. Im Gespräch mit Ines Geipel beklagt sie ein merkwürdiges Desinteresse an der Aufarbeitung der Gewaltgeschichte der DDR, sie spricht von der "Härtesubstanz des Ostens", der den neuen Menschen gewaltsam herstellen wollte, vor allem durch Disziplinierung der Körper. Der Westen zeigt nur Desinteresse, was auch dazu führe, dass sich gerade im Osten Deutschlands eine Renaissance autoritärer rechter politischer Formen etabliere. Für die Intermezzi wurde diesmal die Frage gestellt: Was ist für mich der Westen? Auch in den 14 kurzen Texten von Ulrike Draesner, Karl Bruckmaier, Shila Behjat, Peter Unfried, Olaf Unverzart (in Bildern), Rasha Corti, Jürgen Dollase, Irmhild Saake, Wolfgang Schmidbauer, Karsten Fischer, Georg von Wallwitz, Andrea Römmele, Thomas K. Henning und Malek Mansour kommt die Ambivalenz des Westlichen zum Ausdruck, vor allem aber die pluralen Perspektiven auf das Thema.

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Seitenzahl: 209

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Armin Nassehi Editorial

Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKENDie Nutzung von Maps

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Ulrike Draesner

Sibylle AnderlDer weite WestenÜber den ewigen Traum, den Weltraum zu erschließen

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen? Karl Bruckmaier

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Shila Behjat

OSTEN scannt WESTENEin Gespräch mit Ines Geipel über blinde Flecke und den neuen Machtdiskurs zwischen Ost und West sowie die gewaltige Grenzüberschreitung der Menschheit.Von Peter Felixberger und Armin Nassehi

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Peter Unfried

INTERMEZZOWAS IST FÜR MICH DER WESTEN?Olaf Unverzart

Helmut HeitFortgesetzte IdentitätskriseDer Westen im Spiegel Chinas

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Rasha Corti

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen? Jürgen Dollase

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Irmhild Saake

Daniel-Pascal ZornDas Denken der anderenEine kurze Geschichte westlicher Hegemonie

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Wolfgang Schmidbauer

Armin NassehiWo liegt der Westen?Eine Standortbestimmung in unübersichtlicher Zeit

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen? Karsten Fischer

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Georg von Wallwitz

Islandtief (4)Seeschlange und TiefseekabelDie Berit-Glanz-Kolumne

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Andrea Römmele

Franziska DaviesDie Grenzen des »Westens«Über die Neuformierung der Ukraine und die gefährliche Beharrlichkeit geopolitischer Kategorien

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Thomas K. Henning

Rasha KhayatSeptember.Eine Erzählung in drei Akten.

INTERMEZZOWAS IST FÜR MICH DER WESTEN?Malek Mansour

Die Autoren und Autorinnen

Impressum

Armin Nassehi Editorial

Am »Westen« kann man eigentlich nur scheitern – das war einer der ersten Gedanken, die wir als Herausgeber hatten, als wir uns entschlossen haben, ein Kursbuch mit dem Titel Der Westen zu machen. Ein besseres Timing freilich konnte es nicht geben, als jetzt über den »Westen« nachzudenken, in Kriegszeiten, in denen der Nachfolger jenes nicht westlichen Protagonisten in Europa einen souveränen Staat überfällt, dort brandschatzt und mordet und sich aus allem verabschiedet, was man irgendwie normativ mit dem »Westen« verbindet. Ist der Antagonismus zwischen dem Westen (ab jetzt nach Möglichkeit ohne Anführungszeichen) und dem »Osten« (hier brauchen wir sie wieder!) wieder da? Zumindest scheint der Westen geeint wie nie – in der Europäischen Union (mit Ausnahme des üblichen Verdächtigen), erst recht in der NATO, die sich im Norden erweitert und an der Südostflanke erinnert wird, wie wenig westlich sie auch ist. Egal – offenbar gibt es keinen Zeitpunkt, an dem man weniger am »Westen« (geht doch nicht ohne) scheitern könnte. Aber es könnte auch das Gegenteil gelten, wenn die jetzige europäische geostrategische und militärische Lage allzu naive Unterscheidungen zwischen the west und the rest ausbildet.

Die Beiträge in diesem Kursbuch umkreisen alle auf je unterschiedliche Weise dieses Dilemma zwischen einem selbstbewussten westlichen Verständnis und seiner Selbstkritik beziehungsweise der Selbstrelativierung dessen, was sich als »Westen« (sic!) beschreibt. Gäbe es so etwas wie ein Grundmotto dieses Kursbuchs, dann ist es die Erfahrung, dass niemand die normativen und auch strukturellen Errungenschaften des Westens (in aller Vorsicht: was immer das bedeutet!) vollständig leugnet oder infrage stellt, zugleich aber darauf hinweist, dass dieser Westen seine Selbstbeschreibung und Selbstzurechnung immer wieder radikal infrage gestellt hat und infrage stellt, ja geradezu dementiert. Zur europäisch-nordamerikanisch-westlichen Praxis gehört eben nicht nur die Erfindung der Demokratie und der Menschenrechte, nicht nur die Idee der Gleichheit der Menschen und die Idee pluralistischer Ordnungen, der Gewaltenteilung und des (Vorsicht!) vernünftigen Interessenausgleichs, sondern auch seine radikale Dementierung. Kolonialismus, Faschismus und Nationalsozialismus, Imperialismus und Rassismus sind ohne Zweifel keine nicht westlichen, keine nicht modernen Erscheinungen (auch wenn etwa der Kolonialismus oder der Rassismus keineswegs nur »westliche« Ursprünge haben). Sie gehören konstitutiv zur westlichen Moderne dazu – aber sie sind in diesem dialektischen Sinne auch Dementierungen dieser westlichen Moderne selbst. Auch die postkoloniale Kritik am Westen zehrt von normativen Ideen, die »westlich« zu nennen sicher nicht falsch, aber dann doch irgendwie unangemessen ist.

Ich habe es gesagt: Man kann am Thema nur scheitern – und dieses Kursbuch bezeugt, wie mit dieser Gefahr umzugehen ist. Helmut Heit etwa beschreibt sehr eindringlich, dass das Lügengespinst um den Irak-Krieg jener »Koalition der Willigen« nach 9/11 nicht nur für sich normativ beurteilt werden kann, sondern gerade deshalb besonders eklatant ist, weil der Westen sich hier gewissermaßen selbst negiert. Er beschreibt dies aus der Perspektive eines akademischen Lehrers im Reich der Mitte, dessen Selbstbewusstsein inzwischen beginnt, den universalistischen Vorrang des Westens für eine kurzzeitige historische Anomalie zu halten. Daniel-Pascal Zorn nimmt ebenfalls eine nicht westliche Perspektive ein, um den Universalismus des Westens zu verstehen. Er kommt zu der These, der Westen sei nur mit sich selbst beschäftigt. Philosophisch tue er so, als beginne das Denken (Griechenlands) bei sich selbst, statt zu sehen, wie sehr dieses Denken bereits an anderes anschließt. Der denkerische Universalismus des Westens sei verbunden mit dem (politischen) Kampf um Hegemonie in Indien, China und Afrika. Mein eigener Beitrag rekonstruiert die postkoloniale Kritik des Westens (mit oder ohne »«?) als eine Kritik, die nicht unbeeindruckt ist von den normativen Formen dessen, was der Gegenstand der Kritik ist. Das führt zu der Frage, dass der »Westen« womöglich nicht mehr im Westen liegt, sondern womöglich im Senegal – und selbstverständlich bräuchte es dafür einen anderen Begriff.

Herausragend in diesem Kursbuch ist Franziska Davies’ Versuch einer Ortsbestimmung der Ukraine – nicht nur in der gegenwärtigen Situation des terroristischen Kriegs Russlands gegen dieses Land zwischen Ost und West. Die Historikerin zeigt die wechselvolle Geschichte dieses Landes, dessen Zugehörigkeiten stets mit Randlagen in geostrategischen Großlagen zu tun hatten. Davies arbeitet heraus, wie sehr die Erwartung vor allem von westlicher Politik und westlichen Medien, die Ukraine als »westlich« zu markieren, der Selbstbeschreibung der Demokratisierungsbewegung in der Ukraine zuwiderläuft, die sich dieser Opposition schon aus historischen Erfahrungen entzieht.

Das Gespräch, das Peter Felixberger und ich mit Ines Geipel geführt haben, nimmt eine andere Ost-West-Differenz in den Blick, nämlich die zwischen der ehemaligen Bundesrepublik und der DDR. Geipel beklagt ein merkwürdiges Desinteresse an der Aufarbeitung der Gewaltgeschichte der DDR, sie spricht von der »Härtesubstanz des Ostens«, der den neuen Menschen gewaltsam herstellen wollte, vor allem durch Disziplinierung der Körper. Dabei malt sie kein beschönigendes Bild des Westens, sondern allenfalls eine Position indifferenten Desinteresses, was auch dazu führe, dass sich gerade im Osten Deutschlands eine Renaissance autoritärer rechter politischer Formen etabliere.

Sibylle Anderl beschäftigt sich mit dem Entdeckergeist, vor allem mit dem extraterrestrischen. Nachdem die Renaissance und die Aufklärung das erste und das zweite Entdeckerzeitalter gewesen seien, sei nun die planetarische Exploration die dritte. Sibylle erzählt, wie es der Wettlauf zwischen der sowjetischen und der US-amerikanischen Seite war, der in den 1950er- und 1960er-Jahren in den Orbit und auf den Mond führte und als Wettrennen Motive freigesetzt hat, die es ohne nicht gegeben hätte. Insbesondere der Westen habe tatsächlich als »Westen« agiert und wollte den Kampf um den Mond unbedingt gewinnen – und verlor das Interesse, als der Sieg errungen war. Die letzten geplanten Mondmissionen wurden 1970 sogar gecancelt. Die darauffolgende Phase der Kooperation zwischen der sowjetischen, später russischen Seite und den USA und Europa auf der anderen Seite hat offensichtlich kaum größeren astronautischen Entdeckerdrang freigesetzt. Erst nun, weil China starke Ambitionen auf den Mond und weit darüber hinaus demonstriert, will auch der Westen wieder.

Eine besondere Form des Antagonismus zwischen einem angegriffenen Westen und seinen Feinden erzählt Rasha Khayat. Wie 9/11 nicht nur Zwillingstürme in Manhattan zum Einsturz brachte, sondern auch andere, erzählt sie an drei Septembern 1988, 2001 und 2002 – sehr bedrückend. Lesen Sie selbst. Für die Intermezzi haben wir diesmal die Frage gestellt: Was ist für mich der Westen? Auch in den 14 kurzen Texten kommt die Ambivalenz des Westlichen zum Ausdruck, vor allem aber die pluralen Perspektiven auf das Thema.

Jan Schwochows grafische Darstellungen zeigen, wie verzerrt eine Kartendarstellung der weltweiten Verteilung des BIP ist. Verzerrungen gibt es auf verschiedenen Ebenen: zum einen die Verzerrung der Kartenfläche wegen der üblichen Kartenprojektionen, zum anderen die unterschiedlichen Größen der Länder, die grafisch die Information verzerren, schließlich das Verhältnis von BIP und Einwohnerzahl. In einer zweiten Grafik, einem Balkendiagramm, werden diese Verzerrungen vermieden, was auf Anhieb einen anderen Informationswert erzeugt. Das nunmehr vierte Islandtief von Berit Glanz beschäftigt sich mit Insellagen, peripheren Chancen und Risiken, Verletzlichkeiten, Kommunikationsverbindungen, Tiefseekabeln und ihren Folgen für Island. Wie stets gelingt es dem Islandtief, an islandlokalen Themen globale Vernetzungen aufzuzeigen – diesmal Vernetzungen im buchstäblichen Sinne.

Kann man am »Westen« und am Westen denn nun nur scheitern? Nach der Lektüre dieses Kursbuchs sollte deutlich sein: Man kann, aber man muss nicht, wenn man für jene Ambivalenz eine Form findet, die dem Begriff des »Westens« eingeschrieben ist.

Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKENDie Nutzung von Maps

Dieses Mal möchte ich mich der Nutzung von eingefärbten Weltkarten widmen, die gerne in entsprechenden Publikationen zur Visualisierung von Daten herangezogen werden. Vorweggenommen: Was uns auf den ersten Blick sinnvoll und naheliegend erscheint, ist auf den zweiten Blick oft irreführend und wenig hilfreich.

Ich habe mir deshalb eine Weltkarte von der Internetplattform Our World in Datavorgenommen, auf der man sehr gut erkennen kann, dass das Einfärben von Ländern wenig Sinn macht. Wir haben nämlich durch das Problem der Kartenprojektion nahezu nie eine realistische Abbildung der Flächengrößen der Länder zueinander. So wird beispielsweise Russland wesentlich größer dargestellt, da es sich oben auf der Nordhalbkugel befindet und entsprechend weit auseinandergezogen wird. Auf unserer Weltkarte wirkt Russland so groß wie ganz Afrika, dabei ist Russland tatsächlich nur knapp halb so groß. Somit erhalten wir durch die Einfärbung einen verzerrten Blick auf die Daten.

Auf der rechten Seite habe ich eine andere Visualisierung gewählt, eine sogenannte Treemap. Jede Fläche eines Landes steht für einen Wert, in diesem Fall das gesamte BIP eines Landes. Zur Übersicht habe ich die Länder in Kontinente sortiert und entsprechend von links nach rechts angeordnet. Innerhalb eines »Balkens« (Kontinent) sind die Länder der Einfachheit halber alphabetisch sortiert. Ich habe nun bewusst die Flächen der Länder mit den Farben der Weltkarte links eingefärbt. Nun ergibt sich eine neue Erkenntnis, denn Länder wie China oder Indien nehmen offensichtlich eine sehr große Fläche ein, erwirtschaften zusammen rund ein Viertel des Welt-BIP, sind aber aufgrund ihrer hohen Einwohnerzahl von zusammen rund 2,8 Milliarden Einwohnern nicht dunkelblau eingefärbt, da sich das BIP auf die einzelnen Köpfe verteilt.

Ich hätte für die Treemap anstelle des Landes-BIP auch die Einwohnerzahl oder andere Werte heranziehen können. Hier gibt es viele Möglichkeiten, und oft müssen wir Infografiker mit den uns zur Verfügung stehenden Daten herumprobieren, denn erst bei der Visualisierung der Daten entdecken wir spannende Geschichten oder auch Ungereimtheiten, denen wir auf den Grund gehen und die wir dem Leser aufbereiten und sichtbar machen können.

INTERMEZZOWas ist für mich der Westen?Ulrike Draesner

Mein Westen heißt England: Wahlheimat, Ausbildungssprache, Insel. Dem Westen, aus dem ich kam, war dieser Westen nicht wirklich freundlich gesonnen. Herbst 1987, Balliol College Oxford, Philosophieseminar. Thema: Nukleare Abschreckung. Zeit: Ronald Reagan, Missiles, Kalter Krieg. Anwesend: sieben Studierende, der Master des College, ein General der britischen Armee. Eine tischgroße, analoge Karte wird ausgerollt. NATO. Das ist auch »unser« Westen, der Westen der Bundesrepublik. Maggie Thatcher regiert. In der Zeitung erscheinen Deutsche in Nazistiefeln. Im College gibt es Eton-Absolventen, die nicht mit mir sprechen: »She’s G-e-r-m-a-n«. Betroffen erkundige ich mich nach den Familiengeschichten dieser Personen. Sie sind, wie sich herausstellt, britisch, anglikanisch, sehr weiß.

NATO bedeutet »Verteidigungsfall«. Der General erklärt, wie die Sowjetunion »den Westen« angreift. Dort, wo ich aufwuchs, im Speckgürtel Münchens, haben Menschen ein Schwimmbad im Garten oder einen Atombunker oder »nur Kinder« (unser Fall). Die Sowjetunion, so der General, lässt DDR-Soldaten die BRD angreifen. Er sagt: »East Germans are fighting West Germans.« Er sagt es faktisch. Der Dritte Weltkrieg droht. Die NATO beschließt, eine Atombombe auf Deutschland zu werfen. Nur »lokal«. Versteht sich.

Bei Wind, der nach Osten weht.

Versteht sich.

1990 entstand der Staat, in dem ich hauptsächlich lebe. Viel war und ist vom »Untergang« Ostdeutschlands die Rede. Diese Rede ist einseitig. Auch der Staat, in dem ich aufwuchs, die »alte« Bundesrepublik, verschwand. Dies ist keine Klage. Dies sage ich faktisch.

Doch – hatte die Stimme des Generals nicht auch zufrieden geklungen, als er das Lösungsszenario Osten – Westen – Deutschland vor uns entwickelte? Hatte ich es mir eingebildet?

Herbst 1989. Ich war erleichtert, immer wieder. Maggie Thatcher schlug mit der Handtasche auf den Tisch, es nützte nichts. Ich war erleichtert. 1990 ff. Es wurde gelogen, man sah es, ich zog nach Ostberlin. Ich hatte genug Westen im Leben gehabt. Etwa auch angesichts des Umstandes, dass den Mitgliedern meiner väterlichen Familie über Jahre hinweg in Bayern »Polacken, geht heim« nachgerufen worden war. Meine Großmutter stammte aus Erfurt, mein Urgroßvater aus Erkner bei Berlin, mein Großvater aus Schlesien. Eine Kindheit hindurch sprachen sie mit mir »Alt-Ost« (schlesischen, nach K&K klingenden Singsang). Fremd in dem Westen, in dem sie versuchten, anzukommen, ohne dass es je zur Gänze gelang (noch nach Jahren steht der Flüchtling nur auf einem Fuß, vielleicht nur auf den Zehen, das andere Bein in der Luft), beschäftigt mit dem Verlust eines Ostens, den es früher so nicht gegeben hatte. Mitteleuropa hatte ihr »Reich« geheißen, kulturen- und sprachengemischt.

Februar 2022. Ich denke an das eigentliche Thema des Philosophieseminars in Oxford: Kann nukleare Abschreckung funktionieren? Welchen Preis bezahlen wir dafür?

Wie weit sind wir bereit zu gehen?

Westen? Osten? Um einen Wettstreit der Systeme scheint es nicht mehr zu gehen. Es geht, offen liegt die Karte auf dem Tisch, um Herrschaft. Und darum, wer die beste Erzählung hat. Von Rache und Rettung, vom guten Heldentum.

Das Seminar kam zu keinem »Ergebnis«. Außer eben diesem: dass nichts vorauszusagen war. Dass es keine »Logik« der Abschreckung gibt, sondern nur Vorstellungen davon, immer durchkreuzbar von den Taten Einzelner, von Kettenreaktionen, dem nach Osten oder Westen blasenden Wind.

Offen der Kräfte und der Skrupel »Spiel«. Zurück die alte Angst.

Sibylle AnderlDer weite WestenÜber den ewigen Traum, den Weltraum zu erschließen

»Wenn wir an die ökonomische Stärke Europas denken, ist die von der gleichen Größenordnung wie die der USA und Chinas. Und die haben eigene Raumschiffe, um die nächste Eroberungsgrenze zu erschließen, die nächste ökonomische Zone. Die liegt auf dem Mond und jenseits davon. Aber Europa hat kein eigenes Raumschiff. Das ist ziemlich erstaunlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Europa Entdecker war, ein Pionier im 15. Jahrhundert und danach. Und diese Erkundungen damals haben Europa einen sehr wichtigen Status als reicher Kontinent eingebracht, der die Geschichte mehrere Hundert Jahre lang geprägt hat.«

Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA, 18.01.2022

»Wir waren da schon, Buzz war da.« Das waren Barack Obamas Worte am 15. April 2010 im Kennedy Space Center in Florida mit Blick auf den Mond. Es gebe schließlich noch viel mehr Weltraum zu erkunden, wodurch man mehr lernen würde, als wenn man einfach nur den Triumph von Apollo 11 wiederholen würde.

Warum also noch mal alte Ziele besuchen, deren große Zeiten lange vorbei sind? 1972 waren die letzten Menschen auf dem Mond gelandet, und schon da hatte sich die Sinnfrage gestellt. Das Programm war viel zu teuer, die drei letzten geplanten Missionen Apollo 18, 19 und 20 waren von der NASA auch vor dem Hintergrund fehlender politischer Notwendigkeit – man hatte ja den Wettlauf mit der Sowjetunion gewonnen – und dramatisch schwindender Unterstützung in der Bevölkerung gestrichen worden. Es gab genug Probleme auf der Erde, die sehr viel dringlicher erschienen. Auf Apollo folgte mit dem Skylab die erste amerikanische Raumstation im Erdorbit, ab 1981 flogen drei Jahrzehnte lang die Space Shuttles, menschliche Aktivitäten begrenzten sich auf Raumstationen wie die MIR und schließlich die ISS und damit auf den sehr erdnahen Weltraum. Rund 400 Kilometer über dem Erdboden – weiter sind wir seither nicht mehr gekommen.

Zwölf Jahre nach Obamas Rede hat sich das Klima jedoch geändert. Alle wollen zurück zum Mond und noch weiter: Die NASA arbeitet mit ihren europäischen, japanischen und kanadischen Partnern an einer neuen Raumstation im Umlauf um den Mond, das Lunar Gateway. Es soll langfristige astronautische Missionen auf die Mondoberfläche unterstützen, wo ein Mondbasislager gebaut werden soll. Außerdem soll es als Startpunkt für die Erschließung des Sonnensystems auch über den Mond hinaus dienen. Das alles ist Teil des 2019 von Donald Trump initiierten Artemis-Projekts. Wofür eine neue Schwerlastrakete SLS entwickelt wurde, zusammen mit dem Orion-Raumschiff, an dem auch die ESA beteiligt ist. »Wir kehren zum Mond zurück für wissenschaftliche Entdeckungen, wirtschaftliche Gewinne und als Inspiration für eine neue Generation von Entdeckern: die Artemis-Generation. Während Amerika seine Führung in der Exploration behauptet, werden wir eine globale Allianz bilden und den erdfernen Weltraum zum Nutzen aller erkunden«, heißt es jetzt bei der NASA. Der erste unbemannte Flug um den Mond, Artemis I, soll frühestens Ende August stattfinden.

In den USA gibt es zudem die Weltraummilliardäre Elon Musk und Jeff Bezos, die ebenfalls beide den Mond als Ausgangspunkt für die weitere Erschließung des Alls sehen: Musk will zum Mars, Bezos träumt von Weltraumkolonien, sprich: großen sich drehenden Zylindern mit erdähnlichen Bedingungen und ausgelagerten Industriekomplexen. Beide entwickeln dafür ihre eigenen Schwerlastraketen, Super Heavy (Musk) und New Glenn (Bezos), und helfen außerdem der NASA bei der Mondlandung. Auch Russland entwickelt mit den Projekten Jenissei und Angara Schwerlastraketen, die Menschen zum Mond bringen sollen. China wiederum hat sich in den vergangenen Jahren mit einer ganzen Reihe erfolgreicher Mondmissionen hervorgetan, die große Ambitionen über den Mond hinaus erkennen lassen. Mit der superschweren Trägerrakete Langer Marsch 9 und dem Bemannten Raumschiff der neuen Generation entwickeln sie die dafür nötige Technologie.

Warum wollen alle zurück zum Mond?

Zum Vergleich: Das Budget der NASA betrug 2021 rund 23 Milliarden Dollar. Insgesamt gaben die Vereinigten Staaten fast 55 Milliarden Dollar für Raumfahrtprojekte aus – das entspricht 167 Dollar pro Einwohner. China kam auf 10,3 Milliarden, Russland auf 3,5 Milliarden. 6,49 Milliarden Euro hat die ESA im Jahr 2021 ausgegeben, etwa so viel, wie proportional eine Kinokarte pro Einwohner der ESA-Mitgliedstaaten kostet. Das klingt nicht viel, aber dafür, dass das All für viele Menschen sehr wenige Anknüpfungspunkte an ihre alltäglichen Probleme bietet, ist es beileibe nicht wenig Geld. Weltraumaktivitäten bedürfen besonderer Rechtfertigung. Die International Academy of Astronautics hat Anfang des Jahrtausends in Kooperation mit der ESA eine Umfrage initiiert, in der Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen ihre Perspektive auf die gesellschaftliche Rolle von Weltraumaktivitäten darlegen sollten.

Der Blick aus dem All auf die Erde ist diesbezüglich ein immer wieder genanntes Motiv, das es der Menschheit ermögliche, sich selbst als Bewohner eines kleinen, verletzlich erscheinenden Planeten zu sehen. Dass dessen Landflächen aus dem All keine Grenzen zeigen sowie Kriege und Auseinandersetzungen auf dem aus der Weltraumperspektive winzig erscheinenden, gemeinsam bewohnten Biotop höchst befremdlich wirken, ist Teil des Overview-Effekts, von dem Astronauten berichten und der im besten Fall zu mehr Pazifismus und einem besseren Schutz der Erde führen sollte. Das von Apollo 8 an Weihnachten 1968 aufgenommene Bild der hinter dem Mond aufgehenden Erde ist in dieser Hinsicht ikonisch geworden. »Dieser fantastische Blick aus dem All hat es der Welt ermöglicht, eine Vision ihrer selbst zu entwickeln – nicht als separate Elemente mit Grenzen, sondern als ein perfektes Ganzes« – so ist es im ESA-Dokument beschrieben.

Ein etwas pragmatischeres Argument zielt auf die technologischen Entwicklungen, die die Weltraumforschung für irdische Anwendungen abwirft. Wer Geräte bauen muss, die unter ungemütlichen und harten Bedingungen des Weltraums arbeiten, muss äußerst kreativ sein und wird natürlich Dinge und Konzepte entwickeln, die in anderen Kontexten nützlich sind: Miniaturisierung, präzise Navigation, Kommunikationstechnologien, leichtgewichtige Materialien und medizinische Weiterentwicklungen. Dass die Weltraumtechnologie selbst für die Erde mittlerweile unverzichtbar geworden ist, ist ohnehin klar: Wir brauchen Satelliten für globale Kommunikation und Navigation, für die Überwachung von Katastrophengebieten und ein Verständnis des Klimawandels, für die Vorhersage von Weltraumwetter und für militärische Anwendungen. Es ist daher kaum überraschend, dass wir uns vor Satelliten im Orbit kaum retten können: Jedes Jahr werden es drastisch mehr, aktuell umkreisen einige Tausend aktive Satelliten die Erde, Zehntausende sollen in den kommenden Jahren als Teile gigantischer Megakonstellationen dazukommen, um jeden Ort auf der Erde mit Internet zu versorgen.

Jenseits von praktischen Anwendungen geht es in der Umfrage vor allem auch darum, dass wir Menschen neugierig sind und die Welt um uns herum verstehen wollen. Die Neugier macht an irdischen Grenzen nicht halt, und wenn wir das All verstehen, werden wir auch unser Wissen von Aspekten der irdischen Welt vergrößern können. »Die Erforschung des Weltraums war immer ein zentrales Streben der Menschen auf dem gesamten Erdball«, schreibt Kofi Annan. Das wiederum kann Inspiration für die Menschen sein, sich nicht mit einfachen Antworten zufriedenzugeben, sich Herausforderungen zu suchen, wie sie in großen Raumfahrtprojekten realisiert sind, oder sich allgemein für die Wissenschaft zu begeistern. »Die Erkundung des Weltraums ist ein mächtiges Werkzeug, um eine wissenschaftliche und technologische Kultur zu fördern, die für unsere Gesellschaft essenziell ist: sowohl aus allgemeinen Gründen (Kampf gegen Irrationalismus und Fundamentalismus sowie um zutreffend, auch in politischer Hinsicht, die Vorteile und möglichen Gefahren von Technologie einschätzen zu können etc.) und um neue Generationen von Fachkräften und Technikern vorzubereiten«, schreibt der italienische Professor für Maschinenbau, Giancarlo Genta.

Ein Argument schließlich findet sich fast immer, wenn es um die Erschließung des Weltraums geht, das im Kern ein historisch-anthropologisches ist, und auch im ESA-Dokument fehlt es nicht: »Schon immer gab es Entdecker und Pioniere – es ist ein grundlegender Instinkt, nicht notwendig nur des Menschen – für Tiere auf der Suche nach neuen Weideflächen, für prähistorische Menschen, die kontinentale Grenzen auf der Suche nach Nahrung und neue Lebensräume überwanden, und für Menschen unserer Zeiten, die durch Ozeane segelten und Länder durchquerten auf der Suche nach Abenteuern. Wo wären wir heute ohne die großen Entdecker der Vergangenheit?«

Das dritte Zeitalter der Exploration

Das letzte der aufgeführten Argumente bemüht das Narrativ westlicher Exploration, in dem die europäische historische Selbsterfahrung gründet. Im 15. Jahrhundert eröffneten die Erkundung des Indischen Ozeans und die Erreichung Amerikas mit der ersten Welle europäischer Exploration das Zeitalter der Entdeckungen. Abenteurer wie Vasco da Gama, Christoph Kolumbus oder Ferdinand Magellan wurden zu Symbolfiguren für den Beginn des europäischen Siegeszuges in der Welt, der sich im mittleren bis späten 18. Jahrhundert fortsetzte und sich im Zuge der Aufklärung mit der Vorstellung verband, Wissen und Technologie im Dienst der Moderne in die Welt zu bringen.

Wissenschaftliche Disziplinen, wie Botanik, Zoologie und Geografie, profitierten davon in großem Maße. Das Konzept der Exploration bekam auf diese Weise den Beiklang wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts, begründete staatliche Stärke und nationales Ansehen und wurde zum Zeichen der Besonderheit der Europäer und ihrer auf der Welt verstreuten Nachfahren. Auch wenn dieses Narrativ heute aus vielen guten Gründen in seiner vereinfachenden und idealisierenden Natur historisch höchst kritisch zu hinterfragen ist – es ist weiterhin lebendig.

Insofern Renaissance und Aufklärung als erstes und zweites Zeitalter der Entdeckung bezeichnet werden können, befinden wir uns heute in einem dritten Zeitalter planetarischer Exploration – so zumindest beschreibt es der amerikanische Historiker und Explorationsforscher Stephen J. Pyne in seinem 2010 erschienenen Buch Voyager. Exploration, Space, and the Third Great Age of Discovery. »Die Voyager-Missionen waren Höhepunkt von dem, was viele Zeitgenossen als goldenes Zeitalter amerikanischer planetarischer Exploration ansehen und was die Zukunft als große Geste eines dritten Zeitalters der Entdeckungen kennzeichnen mag, das jüngste Revival geografischen Wanderns und Forschens in einer Geschichte, die für die westliche Zivilisation zurück ins 15. Jahrhundert reicht.« Die dabei genannten Motivationen sind ähnlich wie die früherer Explorationswellen: Modernisierung, wissenschaftliche und technologische Kultur verbreiten, nationales Prestige erhöhen, das sich wiederum in geopolitischen Einfluss umsetzt und den Zugang zu neuen Räumen und Ressourcen sichert.

Pyne unterscheidet innerhalb dieses Projekts allerdings noch verschiedene Varianten der Explorationsvision und erläutert das anhand der drei Raumfahrtpioniere Wernher von Braun, James Van Allen und William Pickering. Während Braun Exploration mit extraterrestrischer Kolonialisierung gleichgesetzt habe, im Zuge derer Mond und Mars irgendwann Lebensraum von Menschen werden sollten, habe Van Allen den Weltraum vor allem als neues wissenschaftliches Labor gesehen, das man mit entsprechenden Sonden und Weltraumteleskopen erkunden könne. Pickering schließlich habe die Tradition der Exploration durch Robotersonden fortgesetzt gesehen, die in die Tiefen des Alls vordringen, ohne dass dafür menschliche Passagiere nötig wären. Zu Beginn des Raumfahrtzeitalters hätten diese verschiedenen Motive noch gleichermaßen und parallel existieren können, denn es ging einfach nur darum, die Grundlagen für die weitere Exploration zu schaffen, um mit der Sowjetunion mithalten zu können. Deshalb ein kurzer Blick zurück nach vorne.

Das erste Wettrennen

Der erfolgreiche Start des Sputnik 1-Satelliten am 4. Oktober 1957 hatte der westlichen Welt einen beachtlichen Schock versetzt. Im Internationalen Geophysikalischen Jahr 1957/1958 hatten auch die USA einen Satelliten starten wollen, das war 1955 von Präsident Eisenhower bekannt gegeben worden. Während die Army daraufhin vorgeschlagen hatte, den Satelliten als Project Orbiter mit einer dreistufigen Rakete als Weiterentwicklung der militärischen Redstone-Rakete ins All zu schießen, wollte die Navy das als Project Vanguard mit einer zweistufigen, nicht als militärisch klassifizierten Viking-Rakete bewerkstelligen. Den Zuschlag bekam letztere – auch, um das als rein wissenschaftliches und einmaliges Projekt kommunizierte Unternehmen mit einer »zivilen« Rakete und einer zivilen Forschungseinrichtung zu realisieren. Eine verhängnisvolle Fehlentscheidung, denn Project Vanguard kam nicht recht voran.

Im Sommer 1957 ließ die Sowjetunion ihren Bürgern mitteilen, dass sie bald einen russischen Satelliten würden hören können, im Oktober war dann das piepende Signal des 84 Kilo schweren Sputnik aus dem Orbit zu vernehmen. Allein das Gewicht des Körpers war beunruhigend, der Vanguard