Kursbuch 212 -  - E-Book

Kursbuch 212 E-Book

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Beschreibung

Es ist unausweichlich. Die Welt des Überflusses wird kleiner. Moderne Gesellschaften schwenken in den Krisenmodus. Zu wenig Erdgas, zu wenig Erdöl, zu wenige neue Autos, zu wenig Stromkapazitäten im Winter. Die Folge: Alle möglichen Bremsen und Fallschirme sollen die explodierenden Preise und knapper werdenden Ressourcen regulieren. In der Tat, vieles wird weniger: Erdgas, Strom oder das gesamte Wirtschaftswachstum. Einiges steigt aber gleichzeitig: Preise, Löhne, globale Klimazerstörung, Krieg und Inflation. Das Kursbuch beschäftigt sich deshalb mit dem Phänomen der Knappheit. Jetzt, wo es vielerorts knapp wird. Die Lage in diesem Winter macht klar, von wie vielen kontrollierbaren und nicht kontrollierbaren Parametern die Versorgung mit knappen Gütern, aber auch knappen Lösungskonstellationen abhängig ist. Wie knapp all das gebaut ist, war bereits eine Erfahrung in der Pandemie, die gezeigt hat, wie vernetzt eine komplexe Gesellschaft ist und wie stark es zu Rückkopplungen kommt. Dass kleine Störungen an einer Stelle große Wirkungen an anderen entfalten – im Geflecht von Familie, Arbeitsplatz, Wegstrecken und Gesundheitsversorgung –, hat darauf aufmerksam gemacht, wie knapp die Spielräume auch (oder vielleicht gerade) in einer Überflussgesellschaft kalkuliert sind. So erklärt der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Werner Plumpe, warum die Steuerungskapazitäten oft nicht ausreichen, das Wirtschaftsgeschehen zu kontrollieren. Mathias Frisch wiederum zeigt, warum manche Klimamessungen eher in die Irre führen und wie wir innerhalb der planetaren Grenzen Klimapolitik betreiben können. Der Psychologe Marc Wittmann zeigt den Umgang des Menschen, wenn seine Zeit knapp wird. Feinste Essayistikkunst findet man auch bei Herausgeber Armin Nassehi in seinem soziologischen Streifzug durch eine knapp kalkulierte Welt. Für die Intermezzi wurden diesmal zwei Fragen gestellt: Wann ist es bei mir knapp geworden und worauf könnte ich nie verzichten? In den acht kurzen Texten von Alice Bota, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Alfred Hackensberger, Reinhard K. Sprenger, Olaf Unverzart (in Bildern), Mariam Lau, Jule Specht und Ariadne von Schirach kommt die Ambivalenz der Knappheit zum Ausdruck, vor allem aber die pluralen Perspektiven auf das Thema.

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Armin Nassehi Editorial

Jan SchwochowEine Quelle, zwei GrafikenNicht immer ist weniger mehr

Alice BotaMangel frisst Seele

Berit Glanz | Islandtief (5)Einsame Leuchttürme und zerstörtes MoosDie Berit-Glanz-Kolumne

Mariam LauTemperiert ärgern

Olaf UnverzartAuf was könnte ich nie verzichten?

Marc WittmannZeit und ExistenzWenn die Zeit knapp wird

Katharina Beck, Philipp BuddemeierRaus aus der ZwangsjackeÜber die Macht von alten Glaubenssätzen in der Wirtschaft

Reinhard K. SprengerFreiheit ist Freiheit zum Verzicht

Mathias FrischDie letzte KlippeÜber die Widersprüche irreführender Präzision in der Klimaforschung

Ariadne von SchirachUngestörte Natur

Armin NassehiDehnungsfugen und ReservelückenSzenen einer knapp kalkulierten Welt

Alfred HackensbergerDie kurze Zeit der Anarchie

Werner PlumpeMächtig machtlosRomantische Illusionen in der Geschichte staatlicher Steuerung und Wirtschaftskontrolle

Jule SpechtHauptsache: Menschen

Marie-Agnes Strack-ZimmermannJETZT!

FLXXSchlussleuchten von und mit Peter Felixberger

Die Autoren und Autorinnen

Impressum

Armin Nassehi Editorial

Zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Editorial geschrieben wird, sind die Speicher zu 99,81 Prozent gefüllt. Nicht die Geldspeicher des Finanzministers oder mein Weinspeicher im Keller, auch nicht der Speicher unter dem Dach, sondern die Gasspeicher. Das ist für sich genommen noch keine aufregende Information. Wann wussten wir je davon, wann die Gasspeicher wie gefüllt sind – und wann hätte uns das je nervös gemacht, ob es unter 80 oder unter 70 Prozent gewesen wären. Der Vertrauensspeicher, dass der gewohnte Lieferant wie gewohnt liefert, war zu 107 Prozent gefüllt.

Knappheit ist einer der stärksten Aufmerksamkeitsgeneratoren schlechthin. Wenn die Dinge verfügbar und substituierbar sind, erzeugt das nur wenig Information. Es erzeugt so wenig Information, dass Gasspeicher als zentrale kritische Infrastruktur für die Energieversorgung des Landes und als zentraler Hebel als Brückentechnologie für die Energiewende sogar in die Hand eines Staatskonzerns gegeben werden konnten, dessen Erpressungspotenzial enorm ist. Erst seitdem der Nachschub begrenzt ist und im Nachgang die Preise steigen, bekommt der Füllstand von Gasspeichern einen Informationswert. Knappheit ist gewissermaßen jene Instanz, die den Blick darauf lenkt, was wir mit den Dingen anfangen.

Das beginnt schon bei simpleren Fragen. Wahrscheinlich fährt niemand mit seinem Automobil so sparsam wie mit einem fast leeren Tank, der einen gerade noch zur nächsten Tankstelle fahren lässt. Der Tankanzeiger ist dann direkt mit dem Gasfuß gekoppelt und mit der Selbstreflexion des Fahrers, der weniger beschleunigt, kaum schneller fährt, als es sein muss, und auch sonst auf Umwege verzichtet. Das passiert relativ selten, weil Tankstellen nicht knapp sind – wären sie es, würde man mit einem Benziner ähnlich fahren, wie man es mit Elektroautomobilen macht, für die es erstens weniger Ladestationen gibt und die man nicht binnen weniger Minuten nachtanken kann.

Knappheit ist nicht nur ein Informationsgenerator, sondern in manchen Fällen auch ein Rationalitätsgenerator, der uns Gründe abverlangt, wie mit Ressourcen (welcher Art auch immer) umzugehen ist. Man kann übrigens nicht einfach den Umkehrschluss daraus ziehen, dass Knappheit besser wäre und Mangel eine Tugend. Zu große Knappheit mag in vielen Fällen gerade keine Lösung sein, vielleicht sogar eher ein Generator von Irrationalität – etwa Gewalt oder übertriebene Konkurrenz. Lernen kann man daraus, dass man sogar mit Knappheit sparsam umgehen muss.

Die Lage in diesem Winter jedenfalls macht einem größeren Publikum klar, von wie vielen kontrollierbaren und nicht kontrollierbaren Parametern die Versorgung mit knappen Gütern, aber auch knappen Lösungskonstellationen abhängig ist. Wie knapp all das gebaut ist, war bereits eine Erfahrung in der Pandemie, die gezeigt hat, wie vernetzt eine komplexe Gesellschaft ist und wie stark es zu Rückkopplungen kommt. Dass kleine Störungen an einer Stelle große Wirkungen an anderen entfalten – im Geflecht von Familie, Arbeitsplatz, Wegstrecken und Gesundheitsversorgung –, hat darauf aufmerksam gemacht, wie knapp die Spielräume auch (oder vielleicht gerade) in einer Überflussgesellschaft kalkuliert sind. Dass gerade die Schnittstellen unterschiedlicher Knappheiten prekär gebaut sind, werden künftige Krisen zeigen. Eine knappe Ressource ist in jedem Falle eine Denkungsart, die in der Lage ist, die Multiperspektivität von Problemlagen zu verstehen und nicht mit einfachen Kausalitäten zu rechnen.

Die Beiträge dieses Kursbuchs verzichten deutlich auf zu knappe Argumente und arbeiten sich alle an der Frage ab, wie der Umgang mit knappen Gütern beziehungsweise mit Knappheit vor sich geht. So zeigt Marc Wittmann in seinem Beitrag, dass die Lebenszeit mit Ablauf der Zeit nicht einfach objektiv knapper wird. Vielmehr verändert die knapper werdende Lebenszeit zugleich die Zeiterfahrung und die Verarbeitung von Zeit. Überhaupt kommt Wittmann zu dem Ergebnis, dass das Subjekt nicht nur irgendwie Zeit verarbeitet, sondern genau genommen ein zeitliches Phänomen ist.

Mit einer anderen Art verrinnender Zeit beschäftigt sich der Beitrag von Mathias Frisch. Er betont deutlich, im Hinblick aufs Klima werde es zeitlich wirklich knapp. Zugleich zeigt er aber, dass man dabei nicht zu knapp kalkulieren sollte. Wer die Vorstellung hat, wir verfügten über einen Klimathermostat, »an dem wir unsere Wunschtemperatur einstellen können und der dann automatisch die diesen Temperaturen entsprechenden Emissionen regelt«, habe zu knapp kalkuliert und unterliege der Illusion einer berechenbaren Kontrolle. Frisch plädiert für mehr Bewusstsein der Unschärfe, nicht aber für eine Relativierung der Schärfe des Problems.

Mein eigener Beitrag plädiert ähnlich für die Notwendigkeit knapper Kalkulationen in einer komplexen Gesellschaft, in der die Dinge nicht immer vollständig berechenbar zueinander passen – weswegen auch hier Formen der Unschärfe eingebaut werden müssen. Sie heißen Dehnungsfugen und Reservelücken, und das gilt nicht nur fürs Ökonomische.

Werner Plumpe untersucht historisch und systematisch die Steuerungskapazitäten des Staates und setzt sich mit der Illusion auseinander, der Staat könnte schon angemessene Steuerungskapazitäten dem Wirtschaftsgeschehen gegenüber übernehmen, wenn er nur wollte. Er nennt dies eine romantische Illusion, die sich am Ende an einer Gesellschaft bricht, die sich solchen Steuerungsansprüchen entzieht.

Schließlich plädieren Katharina Beck und Philipp Buddemeier dafür, sich von alten Mythen des ökonomischen Denkens zu verabschieden – ohne freilich damit die Ökonomie selbst in Zweifel zu ziehen, sondern den ökonomischen Knappheitsausgleich mit anderen Mitteln zu denken.

Diesmal haben wir acht Autorinnen und Autoren um kürzere Intermezzi gebeten. Die Fragen, die sie diesmal beantworten sollten, lauteten: Wann ist es bei mir einmal knapp geworden? beziehungsweise Auf was könnte ich nie verzichten? Gefragt haben wir Alice Bota, Mariam Lau, Olaf Unverzart, Reinhard K. Sprenger, Ariadne von Schirach, Alfred Hackensberger, Jule Specht und Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

Jan Schwochows Grafiken zeigen diesmal, dass eine knappe Darstellung von Informationen durchaus überfordern kann. Die Gegenüberstellung des deutschen Energiemix in einem Tortendiagramm und einem Balkendiagramm zeigt, dass weniger Informationen unübersichtlicher sein können als eine Grafik, die nicht nur neben der Sach- auch noch eine Zeitebene einbaut, sondern auch durch Farbgestaltung einen wirklich grafischen Eindruck vermittelt – der auch noch trotz aller Drastik eine positive Botschaft enthält.

Das fünfte »Islandtief« von Berit Glanz beschäftigt sich mit Spuren menschlicher Bebauung in der isländischen Natur, zunächst aufgehängt an zwei im Internet weitverbreiteten Bildern von Spuren des Menschen an unerwarteten Orten – ein Leuchtturm auf einem eigentlich unerreichbaren Felsen im Meer, ein Haus auf einer kleinen, schroffen, aber grünen Insel. Diese Spuren des Menschen in der kargen Natur haben eine Diskussion darüber ausgelöst, wie sehr Bebauung, Kunst und Vandalismus auf lange Zeit Spuren in der Natur hinterlassen. Dagegen setzt Berit Glanz: »Vielleicht ist es an der Zeit, diese Faszination mit einem anthropozentrischen Blick auf die erhabene Natur Islands hinter sich zu lassen, damit in Zukunft weniger isländische Landschaft durch Vandalismus oder Kunst zerstört wird. Eine solche Verschiebung der Wahrnehmung könnte dann auch den Fokus auf die menschengemachte Klimakatastrophe richten, die die isländische Natur aktuell am drastischsten bedroht.«

Die FLXX-Kolumne von Peter Felixberger zeichnet in einigen Strichen eine Geschichte der Marktwirtschaft nach – mit dem Clou am Ende, welche semantischen und auch strukturellen Formen und Konstellationen die dem Kapitalismus inhärenten Zielkonflikte zu moderieren in der Lage seien: die Vermeidung sowohl eines völlig freien Spiels der Marktkräfte als auch eines zentralistischen Dirigismus, betriebliche Mitbestimmung, Tarifautonomie. Zugleich erzeugen diese Lösungen gerechtigkeitstheoretische Widersprüche, die logisch nicht aufzulösen sind.

Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKENNicht immer ist weniger mehr

Als Informationsdesigner ist die sogenannte Tortengrafik für mich nicht besonders attraktiv. Um das zu veranschaulichen, habe ich mir eine Grafik des Statistischen Bundesamtes herausgesucht, die auf dessen Website veröffentlicht worden ist. Die Aufteilung eines Kreises in Tortenstücke wird dann problematisch, wenn man mehr als drei bis fünf Teilstücke hat, in unserem Fall sind es sechs beziehungsweise sogar zehn. Damit die Beschriftung nicht zu eng und wild wird, stellt man gewöhnlich die Legende zu den Farben unter die Grafik. Manchmal ist aber auch das Software-Tool oder das Corporate Design dafür verantwortlich, welche grafische Umsetzung bereits vorher bestimmt wird.

Das sollte man unbedingt vermeiden, denn aus wissenschaftlichen Studien wissen wir, dass der sogenannte »Cognitive Load« bei Leser*innen nicht besonders attraktiv ist. Die Leser*innen werden beim Lesen der Grafik kognitiv belastet, da das Suchen nach Farbe und Zuordnung zu den Zahlen mühselig ist. Besser ist es, die Beschriftung direkt an die Werte und Flächen zu stellen und den Leser*innen diese Arbeit zu ersparen. Bei bis zu fünf Tortenstücken ist das meistens machbar. Auch die Farbauswahl der Grafik ist nicht zielführend. Mit der Überschrift gibt es zudem eine Text-Bild-Schere. Denn grüner Strom sollte in der Grafik grün und nicht blau sein, Braunkohle sollte braun sein usw.

In der zweiten Grafik habe ich sinnvollere Farben verwendet und die Beschriftung so angebracht, dass sich die Grafik schnell lesen lässt. Obwohl Daten und Informationen hier komplexer sind, enthält die Grafik weit mehr Informationen. Ich finde Zeitreihen von Daten immer wesentlich interessanter, zumal man die Werte des letzten Jahres in einen Kontext bringen kann. Die Grafik erzählt in sich schon eine Geschichte, die sich den Leser*innen ganz von alleine erschließt.

Ich finde es wichtig, dass die rechte Grafik trotz der aktuellen Krise und drohenden Energieknappheit die Leser*innen mit einem positiven Gefühl zurücklässt. Sie hilft, sich in unserer komplexen Welt zu orientieren, und macht Hoffnung, dass wir uns in Deutschland in den nächsten zehn Jahren von den fossilen Energieträgern weitestgehend verabschieden und hoffentlich für viele andere Staaten ein Vorbild werden – für eine klimafreundlichere Welt.

Intermezzo | Wann ist es bei mir einmal knapp geworden? Alice BotaMangel frisst Seele

Für mich heißt das: Wann haben Sie zuletzt Mangel in Ihrem Leben gespürt? Ich mag das Wort Mangel nicht. Es ist unscheinbar, aber kalt. Unangenehm, aber keine Katastrophe. Was könnte einem zu diesem blassen Wort schon einfallen?

Mein erster Gedanke: Die Kindheit in Polen und das Kriegsrecht im Dezember 1981, von dem mir meine Mutter erzählt hat. Ich war noch zu klein, um mich zu erinnern. Mein zweiter Geburtstag stand an, der Vater harrte seit Stunden in irgendwelchen Schlangen und wusste nicht, was überhaupt verkauft wurde; aber eine Schlange war ein untrüglicher Hinweis darauf, dass es etwas gibt. Daheim war die Mutter in Sorge, ob sie uns Kinder satt bekommen würde, die Kartoffeln auf dem Balkon waren erfroren und die Mutter weinte, weil sie nicht einmal Suppenwürfel für das kranke Kind hatte. Aber wir Kinder spürten den Mangel nicht, wir kannten keinen Hunger, die Eltern waren unsere Beschützer, der Puffer zwischen unseren Leben und der kalten Wirklichkeit.

Mein zweiter Gedanke, schon eine klare Erinnerung: Es ist Mai 1988, wir steigen mit zwei Koffern in einen Zug, die Mutter hat 200 Dollar in ihren Rocksaum genäht. Wir verabschieden uns nicht, still und heimlich stehlen wir uns davon. Unser neues Leben in Westdeutschland nimmt seinen Anfang am Bahnhof von Hannover, dort holt uns der Vater ab, der vorausgegangen war. Ich bin überwältigt, dass die Autobahn nachts in ein orangenes Licht getaucht ist und es im Supermarkt meterweise Regale mit Süßigkeiten gibt, für die man nicht anstehen muss. Ich bin beeindruckt von den vielen Spielsachen der Cousinen. All das würde nun auch unser neues Leben bereichern. Und doch werden die nächsten Jahre von so viel existenziellem Druck geprägt sein, anzukommen in Deutschland, von sehr einsamen Momenten in diesem fremden Land, dem die Eltern auf keinen Fall etwas schuldig sein wollen, dass wir 19 Jahre brauchen werden, bis wir lernen, ohne Existenzangst zu leben. Erst als wir Kinder in sicheren Berufen arbeiten, lösen sich die Lebensverkrampfungen meiner Eltern.

Geschichten wie meine gibt es so oder so ähnlich millionenfach. Menschen werden krank darüber, sich zu sorgen. Sie werden zerrieben von ihren Ängsten vor dem nächsten Monat, vor den nächsten Rechnungen, dem nächsten Schulausflug, der bezahlt werden muss, der steigenden Preise für Strom und Milch. Dass Geld nicht glücklich macht, ist eine Binse, und eine fürchterlich falsche obendrein; wer immerzu von Sorgen gepeinigt wird, hat weniger Kraft zu lieben, zu unterstützen, da zu sein. Mangel gebiert noch mehr Mangel und hält den Menschen klein. Wenn der Mangel zum Lebensgefühl wird, dann leidet der Mensch auf eine sehr stille und unsichtbare Art.

Eine Reise steht an; ich bin Mitglied einer Jury, die 2022 ukrainische Journalistinnen und Journalisten für ihre Arbeit ausgezeichnet hat. Am letzten Abend sitzen wir in Oslo um einen runden Tisch versammelt im Lesesaal eines pompösen Hotels. Es wird getrunken, Erzählungen vom Überleben im Krieg mischen sich mit Witzen. Wir sind gelöst, aber bis auf mich werden in ein paar Stunden alle die Rückreise in die Ukraine antreten. Werden wieder ihre kleinen Kinder monatelang nicht sehen, die sie mit der Oma ins sichere Ausland geschickt haben. Werden versuchen, sich vor Drohnen zu schützen. Haben Angst vor dem, was sie erwartet, aber wegbleiben ist keine Option.

Einer braucht neue Winterschuhe, seine alten lassen die Feuchtigkeit durch, die sich an der Front so grässlich durch alle Kleiderschichten frisst. Ein anderer empfiehlt Merinowäsche. Eine Dritte erzählt von den alten Eltern, die in einem Vorort von Kyjiw leben und kein Wasser und keinen Strom mehr haben, weil die Russen gezielt kritische Infrastruktur zerstören. Die Journalistin empfiehlt, mit Eichenholz zu heizen, es hätte die beste Wärmekapazität.

»Oh Mann, wir schreiben das Jahr 2022 und wir reden über Eiche und Wollunterwäsche«, sagt einer in der Runde. Alle lachen, heute Abend ist es warm und sicher, heute Abend fallen keine Raketen aufs Haus, heute Abend schießen keine Drohnen auf Passanten, der Rest ist weit weg, im fernen Morgen, der in ein paar Stunden anbrechen wird.

Berit Glanz | Islandtief (5)Einsame Leuchttürme und zerstörtes MoosDie Berit-Glanz-Kolumne

Verbringt man viel Zeit im Internet oder genauer gesagt in den sozialen Medien, dann bildet sich über die Jahre eine Art Bildgedächtnis viraler Inhalte. Es gibt Bilder, Videoaufnahmen und sogar Variationen witziger Aussagen, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder neu verbreitet werden und jedes Mal für Resonanz sorgen, wenn eine neue Gruppe Menschen diese frisch geteilten Inhalte für sich erstmals entdeckt. Mit Bezug auf Island gibt es zwei Fotografien, die ich in den letzten Jahren immer wieder in meinen Timelines gesehen habe und die jedes Mal eifrig geteilt und diskutiert wurden.

Das erste Bild wurde von dem isländischen Fotografen Árni Sæberg schon 2009 produziert, aber erst ab dem Jahr 2017 viral verbreitet. Es zeigt einen gischtumtobten steilen Felsen in tosender See. Hoch auf der Felsnadel befindet sich das alleinstehende Leuchtturmgebäude Þrídrangaviti mit Helikopterlandeplatz, das beinahe unerreichbar aussieht. Die Popularität des Ortes als Internetphänomen machte sich auch die isländische Band Kaleo zunutze, als sie 2021 ein Livekonzert auf dem Hubschrauberlandeplatz des Leuchtturms spielte und die Aufnahme später als Musikvideo zu ihrem Song »Break My Baby« veröffentlichte.

Die Basaltklippe, auf der sich der einsame Leuchtturm befindet, ist Teil einer Felsformation aus drei aus dem Meer herausragenden Klippen, die sich mehrere Kilometer nordwestlich der Vestmannaeyjar (Westmännerinseln) befinden, einer Vulkaninselgruppe im Süden Islands. Die aus zahlreichen Inseln, Schären und Felsen bestehende Gruppe hat sich seit vielen Jahrhunderten, neben einigen Vulkanausbrüchen, besonders durch gute Fischgründe und eine sehr stürmische und extrem gefährliche See ausgezeichnet.

Der 34 Meter über dem Meeresniveau gebaute Leuchtturm ist ein sehr abgeschiedener und nur ausgesprochen schwer erreichbarer Ort, was auch auf der oft geteilten Fotografie, die aus der Luft von einem Hubschrauber aus aufgenommen wurde, deutlich wird. Die Symbolkraft des Bildes ist auf den ersten Blick ersichtlich: Die abgeschiedenen steilen Klippen in den hohen Wellen des Nordatlantiks zeigen einerseits die raue Natur und die damit zusammenhängenden ausgesprochen gefährlichen Bedingungen der nordatlantischen Fischerei und Seefahrt, aufgrund des dort erbauten Leuchtturms steht das Bild jedoch auch für die beinahe unglaubhaft wirkende Innovationskraft des Menschen unter Extrembedingungen.

Fotografien des Leuchtturms Þrídrangaviti sind wirkmächtige Illustrationen des Kampfes von Menschen gegen die widrige Natur, was sich aus den Aufnahmen auch erkennen lässt, wenn man die Geschichte des abgebildeten Gebäudes gar nicht genauer kennt. Der Leuchtturm wurde Ende der 1930er gebaut, als man die Klippe noch nicht mit einem Hubschrauber anfliegen konnte, sondern hochklettern musste. Dazu wurde mit dem Schiff am Fuß der Klippe geankert, was angesichts der dort herrschenden Meeresbedingungen mit starkem Wind und hohen Wellen kein einfaches Unternehmen war. Die Klippe wurde anschließend von erfahrenen Felskletterern von den Vestmannaeyjar erklommen, die auf ihrer Heimatinsel bereits beim Sammeln von Vogeleiern viel Erfahrung im Klettern an Steilwänden und Felsklippen gewonnen hatten. Zunächst wurde ein Weg die Klippe hinauf abgesichert. Doch selbst mit Sicherungsketten und hineingehauenen Stufen war der Aufstieg und der Transport von Baumaterialien sehr gefährlich, da starke Windböen das Klettern erschwerten und ein Sturz von den hohen Klippen in den sehr kalten Nordatlantik voller spitzer Felsen unbedingt vermieden werden musste.

© Voilier.Evidence unter Creative-Commons-Lizenz

 

In Zeitungsartikeln aus der damaligen Zeit wird deswegen nicht an Worten gespart, um die Heldenhaftigkeit des Bauvorhabens hervorzuheben. In vielen der Beiträge, auch denen aus späteren Jahren, wird immer wieder die Symbolkraft des Leuchtturms mit seinem Licht in dunklen Winternächten betont. Die sicherheitsspendende Beleuchtung wurde zu einem Symbol des Heimkommens für die in den gefährlichen Gewässern fischenden Inselbewohner.

Die Symbolfunktion von Leuchttürmen ist sehr beliebt und weitverbreitet. Vielleicht wird auch deswegen das Foto vom Þrídrangaviti so gerne geteilt. Eine andere Ursache für das Interesse ist sicherlich die Faszination extremer Einsamkeit, die der Leuchtturm auf dem Bild suggeriert. Mit eben dieser Isolation und Menschenleere fesselt auch der zweite isländische Ort, der mit verschiedenen Aufnahmen regelmäßig in den sozialen Medien virale Runden dreht. Hierbei handelt es sich um Bilder eines einsam stehenden Hauses auf einer Felseninsel, die Elliðaey heißt und die drittgrößte Insel der Vestmannaeyjar ist. Die einen halben Quadratkilometer große Insel ist das Zuhause großer Vogelkolonien. Menschen leben dort seit mehreren Hundert Jahren nicht mehr. Im Windschatten einer mit Gras bewachsenen Anhöhe liegt, wie auf einem Präsentierteller, das 1953 erbaute, alleinstehende Haus einer Jagdgemeinschaft, die dort im Frühjahr Vogeleier gesammelt und im Sommer Papageientaucher gejagt hat.

Auch wenn das alte Jagdhaus mit dem Schiff deutlich einfacher zu erreichen ist als der Leuchtturm auf der Felsklippe, ist es doch die radikale Einsamkeit des Ortes, die für das Interesse an Bildern von Insel und Haus sorgt. Immer wieder wird das Haus als das einsamste Haus der Welt beschrieben. Da nicht sofort ersichtlich ist, dass es sich nur um eine Schutzhütte für Jäger handelt, sind Bilder oft begleitet von Spekulationen, wer wohl in diesem Haus leben wollen würde. Die potenziellen Bewohner faszinieren genauso wie das Haus selbst. Vermutlich ist es auch deswegen zu der irrigen und oft widerlegten Annahme gekommen, dass die von vielen als exzentrisch empfundene Ausnahmekünstlerin Björk die Besitzerin dieses Hauses wäre.

Spuren hinterlassen

Beide Bilder und ihre regelmäßige virale Verbreitung sind gute Beispiele für eines der dominanten Wahrnehmungsmuster der Nordatlantikinsel, nach dem ich – als dort lebender Mensch – ebenfalls regelmäßig befragt werde. Dabei geht es vor allem um die angebliche Naturnähe und Einsamkeit des Lebens auf der Insel. Fragen, die mich mit Blick auf die vielspurigen Straßen in der Hauptstadt Reykjavík oft amüsieren. Das Leben in Island ist ein Leben unter dem Einfluss von Natur- und Wetterextremen, aber es ist an vielen der tatsächlich belebten Orte nicht unbedingt von Einsamkeit und Isolation bestimmt.

© Petr

 

Bei den beiden viralen Orten und ihren medialen Abbildungen geht es jedoch nicht bloß um die rohe Naturschönheit, die viele der isländischen Landschaften prägt. Ich bin mir sicher, dass es bei der Rezeption dieser Orte zentral auch um die Spur von Menschen in einer ansonsten wild erscheinenden Natur geht. Vermutlich ist es nicht nur die Einsamkeit der Gebäude, die die Menschen fasziniert, sondern auch die Widerständigkeit an solchen abgelegenen Orten, Zufluchtsorte zu errichten. Menschen hinterlassen gerne Spuren in einsamer Landschaft, als müsste der Horror vacui einer menschenleeren Natur mit Inhalten gefüllt werden.