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Die Welt, in der wir leben, ist von vielen Zufällen ebenso geprägt wie von Wahrscheinlichkeiten und Pfadabhängigkeiten. Im Gegensatz dazu stehen geschlossene Weltbilder und Denkräume, in denen alles vorbestimmt ist und einen Sinn hat. Abweichungsmöglichkeiten verschwinden, der Zufall soll möglichst eliminiert werden. Dieses Kursbuch wirbt für den Zufall. Katharina Nocun weist darauf hin, warum etwa für Verschwörungserzählungen der Zufall nicht gilt: alles hänge mit allem zusammen, was am Ende zu einer schlüssigen Verschwörungserklärung führen soll. Sibylle Anderl wiederum betrachtet die Rolle von Glück und Zufall in der Entwicklung des Universums und der Planeten. Einmalig zufällig betitelt sie die Evolution. Elena Esposito plädiert dafür, den Zufall neu zu denken und vor allem die produktive Funktion des Zufalls wieder in den Blick zu nehmen. Was Armin Nassehi aufnimmt und geradezu die Notwendigkeit des Zufalls fordert. Im Gespräch mit dem Serendipity-Forscher Christian Busch wird der Sinn für den Zufall gefordert, um "einen Muskel für das Unerwartete zu entwickeln und resilienter zu werden". Die Frage für die Intermezzi lautete dieses Mal: Wie relevant ist für Sie der Zufall? Mit Texten von Danyal Bayaz, Dietmar Hansch, Tina Hildebrandt, Ursula Münch, Silke Schwandt, Olaf Unverzart und Pätrick Steller. Peter Felixberger blickt schließlich als Hundertjähriger auf 100 Jahre Zukunft zurück und bemerkt: "Selbst der größte Zufall könnte zufällig sein."
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Inhalt
Armin Nassehi Editorial
Jan SchwochowEine Quelle, zwei GrafikenEs ist kompliziert
So ein Zufall!Im Gespräch mit dem Serendipitätsforscher Christian Busch.Von Peter Felixberger und Armin Nassehi
IntermezzoTina HildebrandtHinterhalt
Katharina NocunSchicksal spielenWie verschwörungsideologische Weltbilder den Zufall tilgen
IntermezzoUrsula MünchZufall und Körpergröße
Armin NassehiDie Notwendigkeit des ZufallsEine Collage in nicht zufällig sieben Bildern
Intermezzo Pätrick StellerEx post
IntermezzoOlaf UnverzartStreetfotografie
Sibylle AnderlEinmalig zufälligWarum unser Universum ein echtes Glückskind ist
IntermezzoSilke SchwandtGespräch mit der KI ChatGPT
Berit Glanz | Islandtief (6)Seilbahnen River RaftingDie Berit-Glanz-Kolumne
Elena EspositoZufall neu denkenNotwendig oder erforderlich?
IntermezzoDanyal BayazHumboldt hat recht
IntermezzoDietmar HanschAlles aus dem Nichts
FLXXSchlussleuchten von und mit Peter Felixberger
Die Autoren und Autorinnen
Impressum
Armin Nassehi Editorial
Kein Sieger, sagt Friedrich Nietzsche in Die fröhliche Wissenschaft, glaube an den Zufall. Der Sieger rechnet sich seinen Sieg selbst zu, für alle anderen kann der Zufall eine Entlastung darstellen, weil er Zurechnungen verhindert. Für den Zufall kann man nichts, und wofür man etwas kann (und wenn es auch noch gut ausgegangen ist), kann kein Zufall sein. Schon daran kann man sehen, dass dem Zufall kaum »objektiv« zu Leibe zu rücken ist. Der Zufall ist selbst ein Produkt eines bestimmten Blicks, einer bestimmten Perspektive. Der Zufall selbst ist also beobachterabhängig, was sich merkwürdig anhört, denn damit wäre nicht einmal der Zufall etwas Zufälliges.
Die Beiträge dieses Kursbuchs lesen sich alle als eine Rehabilitierung des Zufalls, sie betonen die Potenziale des Zufalls, auch wenn sie sich darin einig sind, dass nicht alles dem Zufall unterliegt. Die Welt, in der wir leben, ist von vielen Zufällen ebenso wie von Wahrscheinlichkeiten und Pfadabhängigkeiten geprägt. Dass auf das Kursbuch 212 nun eines mit der Ordnungsnummer 213 folgt, konnte man erwarten. Unsere ersten Berechnungen, wie die Nummer des nächsten Kursbuchs lauten wird, laufen übrigens bereits.
Aber genau genommen machen alle Beiträge auf die Lücken aufmerksam, die stets zu sehen sind, wenn man geschlossene Weltbilder verlässt. In geschlossenen Weltbildern, in kausalistischen Szenarien ist alles vorbestimmt, alles hat einen Sinn, Abweichungsmöglichkeiten verschwinden. Dem geht etwa Katharina Nocun in ihrem Beitrag nach, wenn sie darauf hinweist, dass für Verschwörungserzählungen der Zufall nicht gilt: Alles hänge mit allem zusammen, was zu merkwürdigen Argumentationskaskaden führt, die für alles eine schlüssige (Verschwörungs-)Erklärung haben. Auch Sibylle Anderl stellt ein eher mechanistisches Weltbild einem solchen gegenüber, das Platz für Lücken hat – und die Lücken sind dabei nicht der zu schließende Rest, sondern selbst Erklärungsinstrumente. Was Sibylle Anderl physikalisch erklärt, findet sich soziologisch bei Elena Esposito wieder, deren Plädoyer, den Zufall neu zu denken, die produktive Funktion des Zufalls im Blick hat. So etwas Ähnliches hat auch mein eigener Beitrag im Sinn, wenn er von der Notwendigkeit des Zufalls spricht. In dem Gespräch, das wir mit dem Serendipity-Forscher Christian Busch geführt haben, wird der Sinn für den Zufall geradezu gefordert, um »einen Muskel für das Unerwartete zu entwickeln und resilienter zu werden«. Nicht zufällig (sic!) nehmen alle diese Beiträge ein geradezu affirmatives Verhältnis zum Zufall ein – zur Einsicht und der Nicht-Determiniertheit der Welt, die auch nur so Kritik, Freiheit, Evolution und Glück erfahren kann. Das Glück wird von Sibylle Anderl sogar zu einem Charakterzug des gesamten Universums erklärt!
Unsere diesmalige Frage für die Intermezzi lautete: Wie relevant ist für Sie der Zufall? Wir danken Danyal Bayaz, Dietmar Hansch, Tina Hildebrandt, Ursula Münch, Silke Schwandt, Olaf Unverzart und Pätrick Steller für ihre Einsichten.
Das sechste Islandtief von Berit Glanz beschäftigt sich diesmal mit dem Wandel des Tourismus in Island, und Jan Schwochow zeigt an Kartendarstellungen der Grenzen Berlins, vor allem aber der früheren »Mauer«, dass Grenzen auch Flächen sein können und unsere Vorstellung der Grenzlinie womöglich ein grafisches Artefakt darstellt.
Peter Felixberger blickt in der FLXX-Kolumne als Hundertjähriger auf 100 Jahre Zukunft zurück und bemerkt, wie schon anfangs antizipiert, mit souveräner Altersweisheit: »Selbst der größte Zufall könnte zufällig sein.«
Jan SchwochowEINE QUELLE, ZWEI GRAFIKENEs ist kompliziert
Jeder kennt das Gefühl, wenn man einerseits über ein Themengebiet selbst sehr gut Bescheid weiß, andererseits Veröffentlichungen sieht, die faktisch nicht stimmen. So bin ich neulich durch Zufall wieder über einen Post bei Instagram gestolpert. Jemand hatte das Foto einer alten Postkarte mit einer Karte der Berliner Mauer veröffentlicht, die den Grenz- beziehungsweise den Mauerverlauf falsch darstellte. Ich konnte nicht anders und musste denjenigen darauf hinweisen, dass er eine falsche Information teilt. Mir ist dieses Problem mittlerweile seit vielen Jahren bekannt, sehr ärgerlich: Mindestens die Hälfte aller »Mauer-Karten« im Internet sind falsch oder enthalten Fehler. Es entscheidet somit der Zufall, ob ich eine richtige oder falsche Karte google. Leider bedienen sich viele meiner Kollegen unkritisch dieser Vorlagen und drucken sie oder zeichnen sie nach. Was das Problem verstärkt. Bis heute habe ich unzählige Beispiele von falschen Darstellungen gefunden, auch bei renommierten Verlagen oder im musealen Kontext.
Noch heute gibt es beispielsweise eine Karte auf den Mauerstücken am Potsdamer Platz, auf welcher der Ortsteil Staaken als ein Teil von West-Berlin eingezeichnet ist. Dem war aber nicht so, denn nach dem Zweiten Weltkrieg tauschten die Briten und die Sowjets dort Gebiete, damit jedes Land über einen Militärflugplatz verfügte, nämlich die Flughäfen Staaken und Gatow. Meine erste Grafik erläutert diese Problematik. Generell ist das Problem, dass sehr selten eine Jahresangabe an einer Karte vermerkt ist. Das führt zu Verwirrung, da die Grenze sich im Laufe der Zeit verändert. Aber googeln Sie selbst in der Bildersuche. Sie werden erstaunt sein. Die zweite Grafik aus meinem Buch Die Mauer verstehen habe ich hinzugefügt, um zu verdeutlichen, dass im Falle der Berliner Mauer die Grenze anstatt einer eingezeichneten Linie eine Fläche sein müsste. Der 156 Kilometer lange Grenzstreifen war ein komplexes Gebilde aus Zäunen, Mauern, Wachtürmen, Sperrzonen, Gräben, Wegen, Grenzübergängen und Wasserwegen. Der Grenzstreifen, also die wahre Grenze, verlief oft nicht genau auf der territorialen Grenzline, sondern wurde aus den unterschiedlichsten Gründen versetzt, zum Beispiel, wenn die Grenze zwischen West-Berlin und der DDR mitten durch die Havel ging.
So ein Zufall!Im Gespräch mit dem Serendipitätsforscher Christian Busch, der an der New York University und der London School of Economics lehrt und forscht. Über die Kraft der Zufälle, agile Sinnsuche und warum ihn eine Nahtoderfahrung die Tür zu einem neuen Leben geöffnet hat.Von Peter Felixberger und Armin Nassehi
»Serendipität ist ein potenzielles Werkzeug, das Leben besser auszuhalten. Es ist gleichermaßen Lebensphilosophie und Toolkit.«
Kursbuch: Studien zufolge sind mehr als 30 Prozent der großen wissenschaftlichen Durchbrüche das Ergebnis von Unfällen und Zufällen. Blindes, pures Glück, würde der Laie sagen. In deiner Forschung spielt der Begriff der Serendipität eine zentrale Rolle. Dahinter steht ein Konzept, das aber mehr als den bloßen Zufall beschreiben will?
Busch: Wir haben uns in den letzten zehn Jahren um die Frage gekümmert, was erfolgreiche Leute, die inspirieren und begeistern, von anderen Menschen unterscheidet. Und haben uns vor allem deren Innovationen angeschaut. Spannend ist, dass diese Menschen konstant ein bisschen mehr Glück und positive Zufälle erleben als andere. Das ist natürlich nicht nur bloßer Zufall, sondern diese Menschen tun etwas dafür. Darum geht es bei der Serendipität. Es bezeichnet das »aktive Glück« aus einem unerwarteten Ereignis heraus. Ein Beispiel: Es gibt ein Unternehmen in China, das Waschmaschinen und andere Haushaltsgeräte produziert. Eines Tages erhielt die Firma Anrufe von Bauern, die sich darüber beklagten, dass die Waschmaschinen immer kaputtgehen. Und warum? Die überraschende Antwort: »Wir versuchen, unsere Kartoffeln darin zu waschen, was einfach nicht klappt.« Was würde man normalerweise jetzt antworten? »Wascht euere Kartoffeln nicht in der Waschmaschine! Unsere Waschmaschine ist für Kleidung konzipiert.« Das Unternehmen hat aber genau das Gegenteil gemacht und geschlussfolgert, dass es eigentlich viele Bauern auf der Welt geben müsste, die ihre Kartoffeln in einer Waschmaschine reinigen würden. Warum bauen wir nicht einfach einen Schmutzfilter ein und machen daraus eine Kartoffelwaschmaschine? Das bedeutet Serendipität. Es hat sich einerseits etwas Zufälliges ereignet, gleichzeitig versucht man, etwas daraus zu machen.
Kursbuch: Dem Waschmaschinenhersteller gelingt, daraus einen Nutzen zu ziehen. Er verbindet relevante Punkte miteinander und findet den verborgenen Erfolgsfaktor Zufall, so lautet auch der deutsche Titel deines Buches. Ist es wirklich so einfach, die Punkte miteinander zu verbinden, oder müssen wir Serendipität erst mühsam erlernen?
Busch: Es gibt zwei Wege. Erstens, mehr positive Zufälle zu kreieren, was zunächst paradox klingt, aber es geht um die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, dass etwas positiv zufällig passieren kann. Oder anders gesagt, den Raum zu vergrößern, in dem Serendipität stattfinden kann. Zweitens, wenn das unerwartete Ereignis eintritt, übrigens positiv wie negativ, dann diesen Muskel für das Unerwartete zu stärken und sich vorzubereiten, besser darauf reagieren zu können. Dafür gibt es viele Praktiken, zum Beispiel die Stärkung der Resilienz bei einem negativen unerwarteten Ereignis. Sehr bedeutsam ist für mich persönlich das Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen von Viktor Frankl. Seine These: In jeder Krise kann man irgendeinen Sinn finden. Es geht nur darum, einen Startpunkt für die Sinnsuche zu finden.
Kursbuch: Was ist eigentlich das Gegenteil von Serendipität?
Busch: Das wäre die Tendenz, negative Dinge anzuziehen: Zemblanität. (Im Englischen: zemblanity.) Es gibt dazu sehr interessante Versuche, wie Pechvögel und Glückspilze mit bestimmten Situationen umgehen. Wie unterschiedlich reagieren sie und was sind die Muster dahinter? Eines meiner Lieblingsexperimente hat Leute ausgewählt, die sich tendenziell eher als Glückspilze oder Pechvögel bezeichnen würden. Die Versuchspersonen laufen eine Straße entlang, gehen in ein Café und bestellen einen Kaffee. Was ihnen nicht gesagt wird, ist, dass überall versteckte Kameras aufgestellt sind, vor dem Café zufällig ein Geldschein auf dem Boden herumliegt und im Café ein Stuhl am Tisch eines erfolgreichen Geschäftsmannes frei ist. Der Glückspilz geht die Straße hinunter, sieht den Geldschein, hebt ihn auf, geht ins Café und setzt sich neben den Geschäftsmann. Sie reden miteinander, tauschen Visitenkarten aus und es könnte womöglich etwas entstehen. Der Pechvogel geht ebenfalls die Straße entlang, übersieht den Geldschein, geht ins Café, setzt sich neben den Businessman und ignoriert ihn. Am Ende des Tages werden sie beide unabhängig voneinander gefragt, wie ihr Tag war. Der Glückspilz sagt: Super, ich habe Geld auf der Straße und einen neuen Bekannten gefunden. Der Pechvogel antwortet: Nichts passiert heute.
Kursbuch: Es gibt Leute, die das Unerwartete besser erkennen, sprich den Geldschein aufheben. Stellt sich die Frage, ob es nicht auch Zufall sein könnte, die Geldnote nicht zu sehen. Und passiert nicht beides letztlich zufällig? Man könnte ja auch den Geldschein aufheben, sich neben den Geschäftsmann setzen und nicht mit ihm reden, weil man gerade in Gedanken ist.
Busch: Eine sehr interessante Beobachtung. Du sprichst hier zwei Punkte an. Erstens, wir haben alle irgendwelche Vorurteile oder Biases. Zum Beispiel: Wir erwarten einfach nicht das Unerwartete. Und wir haben sogar eine Tendenz, eher das negative Unerwartete zu erwarten. Selbst wenn man über die Ampel bei Grün geht, blicken viele nach rechts oder links, weil ab und zu doch einer über die rote Ampel fahren könnte. Das positive Unerwartete erwarten wir nicht so häufig. Kinder beispielsweise finden öfter Geld auf der Straße als Erwachsene. Die Kinder erwarten eben nicht, dass auf der Straße kein Geld liegt, sie halten die Augen offen. Erwachsene unterschätzen, wie oft sich das positive Unerwartete ereignen könnte. Wir erleben es erst häufiger, wenn wir uns dafür öffnen. Erst dann fangen wir an, solche Beobachtungen zu machen und Verknüpfungen herzustellen. Der zweite Punkt: Es gab im Beispiel vorher zwei Zufallsmomente. Einmal, das Geld zu sehen. Und andererseits, mit der anderen Person zu sprechen. Serendipität entsteht sehr oft in der Kommunikation mit anderen Menschen. Und da spielen Filter, die zum Einsatz kommen, eine große Rolle. Wir haben beispielsweise in Studien CEOs von großen Unternehmen gefragt, was sie aus ihrer Sicht so erfolgreich macht. Das Muster, das herauskam, war eine Vision als Spielraum, in dem unerwartete Ereignisse willkommen sind und die gleichzeitig »filtert«, welche unerwarteten Ereignisse als hilfreich und welche als ablenkend interpretiert werden. Dann wird der Zufall Teil des Plans und Kartoffelwaschmaschinen werden Wirklichkeit.
Kursbuch: Irgendwie lässt mich das Cafébeispiel nicht los, in dem sich die eine Person für Serendipität öffnen kann und die andere nicht. Welche Rolle spielt hier der Begriff der Intuition und wie grenzt er sich von der Serendipität ab? Intuition als Fähigkeit, plötzlich ahnend etwas Komplexes erfassen zu können. Eine Ahnung, dass etwas plötzlich passieren könnte.
Busch: Das ist eine sehr interessante Überschneidung mit der Frage, wie man Entscheidungen trifft. Wir sind sehr darauf trainiert, mit dem Kopf zu entscheiden. Gleichwohl entscheiden wir nicht selten mit dem Bauch, wenngleich wir uns das nicht immer zugestehen wollen. Wir kennen das in der Forschung unter dem Begriff der Postrationalisierung. Ich tue im Nachhinein so, als ob alles geplant gewesen wäre. Meine schlechtesten Entscheidungen habe ich übrigens aus dem Bauchgefühl einer Angst getroffen. Ich merkte erst viel später, dass sie handlungsleitend war und nicht die Planung eines kontrollierten Ablaufs der Ereignisse. Und meine besten Entscheidungen wiederum habe ich aus einem »gereiften« Bauchgefühl getroffen, das auf der Abstimmung von Kopf und Bauch beruht. Es basiert auf dem Erkennen bereits erlebter Muster und nicht auf einem naiven, überstürzten Entscheiden. Das Unterbewusste nimmt mehr auf, als wir oberflächlich rational wahrnehmen, also sollten wir immer in den Bauch »hineinhören« – und dann versuchen, zu verstehen, was er uns wirklich sagen möchte.
Kursbuch: Ist der kreative Einfall die Königsdisziplin der Serendipität? Der Moment, wo scheinbar ganz zufällig eine plötzliche Idee kommt?
Busch: Der Moment, wo man plötzlich eine blitzschlagartige Erkenntnis hat. Auf einmal ist alles klar. Das Unterbewusste versucht eben alles, was es bisher aufgenommen hat, zu verarbeiten. Der Heureka-Moment kommt aus dieser Gesamtheit – und wir können ihn wahrscheinlicher machen, wenn wir uns mit verschiedenen Informationen »füttern«.
Kursbuch: Interessant ist, dass wir bei Entscheidungen oft diese Unterscheidung zwischen Kopf und Bauch vornehmen. Das eine interpretiert als bestimmt, das andere unbestimmt. Die Punkte zu verbinden, holt die Kontingenz mit herein, die etwas rational und nichtrational gleichzeitig betrachtet. Also nicht nur Bezug nehmend auf die Rationalität, die sich ja immer auf den einen Verbindungs- oder Begründungspunkt, der richtig ist, bezieht. Kontingent bedeutet, dass man auch andere Gründe benennen könnte. Alles könnte anders sein. Unter welchen Bedingungen findet man eine Serendipität, bei der mehrere Verbindungen denkbar werden?
Busch: Zwei Gesichtspunkte erscheinen mir hier wichtig zu sein. Erstens die Frage der Potenzialität, oder, wer kann ich als Person sein? Ich kann ja viele Personen sein. Ihr könntet als Kursbuch-Herausgeber vielleicht auch in Rom wohnen und dort Wein verkaufen. Will sagen: Einerseits gibt es die Potenzialität von allem, was theoretisch möglich ist. Aber nur eine konkrete Materialisierung, nur eine Realität, nur eine bestimmte Rationalisierung dessen, was man gerade macht, gibt es in jedem gegebenen Moment. Stellt sich die Frage: Wie bekommt man mehr Leute in diese Potenzialität hinein und hilft ihnen dann jeweils, das zu materialisieren, was ihnen wichtig ist? Es kann beispielsweise effektiv sein, in Team-Meetings Teilnehmende zu fragen, was sie letzte Woche überrascht hat. Wer sich damit beschäftigt, das haben wir festgestellt, ist offener für den Zufall. Die Frage öffnet den Möglichkeitsraum und legitimiert den Zufall. In Unternehmen schafft man damit mehr psychologische Sicherheit, was wiederum ermöglicht, mehr unerwartete Ideen einzubringen und von anderen unterstützt zu werden – und auf einmal »sieht« man die potenzielle Kartoffelwaschmaschine.
Kursbuch: Wo liegen die Grenzen von Serendipität als offenes Rekombinationsspiel potenziell unendlicher Möglichkeiten? Nur nebenbei: Ich finde es ganz beruhigend, wenn sich Piloten beim Landeanflug an eine Checkliste halten und nicht nach neuen Lösungen und Möglichkeiten suchen.
Busch: Es geht nicht nur darum, einfach die Optionen zu erhöhen, sondern die Optionen, die am meisten Sinn machen. Optionen, die man meistens noch gar nicht kennt. Der wichtigste Filter diesbezüglich sind meine Kernwerte, nach denen ich im Leben handeln möchte. So grenze ich meine Entscheidungen ein. Optionen werden dann nur innerhalb eines bestimmten Feldes sichtbar. Ja klar, in einem Atomkraftwerk will man nicht Optionen erhöhen, was man sonst noch machen könnte, sondern man will alle möglichen Risiken minimieren. Aber selbst dort spielt in Krisensituationen die Serendipität eine große Rolle. Ich erinnere gerne an das Ereignis, als der Pilot in einer absoluten Notsituation auf dem Hudson River gelandet ist, weil der Fluss frei von Hindernissen und Gebäuden war. Er hat die relevanten Punkte miteinander verknüpft. Letztlich erkennen wir zwei Arten von Serendipität. Eine ist dieses Nice-to-have, also Antworten zu finden, wie man mehr Gutes kreieren kann – viele Innovationen kommen davon. Die andere zeigt uns Wege, wie wir in Krisensituationen überleben können. James Bond hat keine andere Wahl, als die entscheidenden Punkte zu verknüpfen. Nur so überlebt er.
Kursbuch: In Wirtschaft und Gesellschaft steht heute genau das Nice-to-have im Mittelpunkt. Immer mehr Optionen, immer mehr Rollen, immer mehr Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. Man kann jederzeit sein Leben verändern, wenn man will. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Linearität des Lebens festgelegt, wenn man in die Berufsausbildung ging. Serendipität ist eine neue Denkungsart, wie man mit dem fertigwerden kann, was das Leben uns auftischt. Eine dynamische Fähigkeit, sagen wir, um das Leben auszuhalten und die Chancen beim Schopf zu packen. Aber das Optimierungsdilemma besagt andererseits, dass, wer sich zu sehr bemüht, oft nicht das erreicht, was er will. Ist das die Kehrseite der Serendipitätsmedaille?
Busch: Jeder Mensch muss sich dieser Herausforderung stellen. Einerseits will man auf dem Sterbebett nicht das Gefühl haben, man hätte nicht alle Potenzialität ausgeschöpft. Frei nach Mark Twain: Man bereut ja immer, was man nicht gemacht hat. Andererseits die Ruhe zu finden, dass man auf einem sinnvollen Pfad des Lebens unterwegs ist. Und nicht alles bis zum Burn-out auszuprobieren. Deshalb fokussiere ich nicht zu sehr auf den Outcome, sondern überlege, auf welchen Weg ich mich konzentrieren will. Der Weg soll Spaß machen.
Kursbuch: Wer Ziele formuliert, kann nur scheitern. Wer nicht, auch. Darin liegt eine besondere Form der Spannung. Wie aber muss die Umwelt gestaltet werden, um die Serendipität zu steigern oder nicht?
Busch: Erstens, wie kann man das Mindset trainieren? Man kann den mentalen Muskel fit machen. In der Hakenstrategie bringen wir beispielsweise Leuten bei, einige Dinge, die ihnen gerade wichtig sind, in Konversationen mit einzubringen, was anderen Menschen erlaubt, auf die zu antworten, die für sie gerade am spannendsten sind. Kurzum: »So ein Zufall!« Man lernt, interessante Punkte anzubieten, die dann abholbereit sind. Zweitens zu fragen, was unsere Verantwortung als Gesellschaft ist, damit jeder ähnliche Möglichkeitsräume vorfindet, die er oder sie wahrnehmen kann. Wie können wir jeder/m eine Ausbildung und die Chancen bieten, die aus weniger Privilegierten Gleichberechtigte schaffen. Und ein höheres Basislevel für alle langfristig ermöglicht, und zwar in allen Lebenslagen.
Kursbuch: Im Laufe deiner Forschungen hast du das Werkzeug des Serendipitätsquotienten entwickelt. Dahinter steckt ein Test mit 38 Fragen. Was wird darin genau ermittelt?
Busch:
