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Der Feind ist die höchste Steigerungsform des anderen, des Antipoden, des Gegners, des Gegenübers, des Negativen. Den Feind kennen wir vor allem aus der politischen und militärischen Sprache – er ist der unbedingte Gegner, und der Krieg treibt die Feindschaft auf die Spitze, weil sie die Zerstörung der anderen Seite zum Ziel hat. In der Weltgesellschaft gab und gibt es so gut wie keine Phase, in der kein Krieg herrschte. Und in der es keine bösen Feinde gab. Der Feind existiert aber nur im Gegensatz zum Freund, der in der Nähe ist, ein Vertrauter, einer von uns ist. Den Freund kennen wir vor allem im privaten, alltäglichen und geistig-intellektuellen Umfeld. Dieses Kursbuch widmet sich sowohl den widersprüchlichen Romantiken von Freundschaft als auch den differenzierten Abgründen von Feindschaft. Aktueller könnte ein Thema fast nicht sein. Das Denken in Freund-/Feind-Schemata ist auf der Tagesordnung zurück, mit all seinen Untiefen, seinen Risiken, seinen normativen Implikationen und seinen Konsequenzen. Die Beiträge beziehen sich deshalb auch auf die Konsequenzen des russischen Krieges gegen die Ukraine, aber nicht nur. Constanze Stelzenmüller stellt die gegenwärtigen Ereignisse in einen systematischen Zusammenhang mit Denklücken sicherheitspolitischer Überlegungen und Überzeugungen, die durch den russischen Angriff über den Haufen geworfen worden sind, und Herfried Münkler untersucht die historische und kategoriale Genese des Freund-/Feind-Antagonismus. Einen anderen Zugang wählt der Biologe Josef H. Reichholf, der sowohl die Natur selbst als Feind im Blick hat, aber auch "feindliche" Antagonismen in der Natur in den Blick nimmt. Der Psychoanalytiker Timo Storck befasst sich mit inneren Bildern, die sich selbst unheimlich werden können und bisweilen antagonistisch geraten. Er kommt zu dem Schluss, dass nicht die Feinde Angst machen, sondern die Angst Feinde. Armin Nassehi schlägt eine Brücke zwischen vertrauten Antagonismus von Freund und Feind auf der einen Seite und dem Fremden auf der anderen. Im Gespräch mit dem israelisch-deutschen Soziologen Natan Sznaider geht es um innere und äußere Antagonismen in Israel und auch darum, warum "der Jude" als die geradezu klassische Figur des inneren Feindes gelten kann. Die Intermezzi beschäftigen sich dieses Mal mit der Frage: Wer ist Ihr Lieblingsfeind? Acht Autorinnen und Autoren geben dazu sehr unterschiedliche Antworten, nämlich Helene Bubrowski, Marco Herack, Nicole C. Karafyllis, Sven Murmann, Ulv Philipper, Haya Shulman, Peter Unfried und Michael Waidner.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Inhalt
Armin Nassehi Editorial
Jan SchwochowEine Quelle, zwei GrafikenDie Macht von Zahlen
»Wenn wir untergehen, dann mit fliegenden Fahnen!«Ein Gespräch mit dem israelischen Soziologen Natan SznaiderVon Peter Felixberger und Armin Nassehi
Josef H. ReichholfMein biologischer OptimismusÜber das Ende des Feindbildes Natur
IntermezzoNicole C. KarafyllisDas Gute im Lieblingsfeind
Heike LittgerLagerfeuerMitten durch Freundes- und Feindesland
Herfried MünklerWas macht den Feind zum Feind? Und was den Freund zum Freund?Eine kleine Typologiereise
IntermezzoSven MurmannDer Profi, der ein Schmuggler ist
IntermezzoPeter UnfriedGrüne Bagage
Timo StorckDer auto-tromaktikoitische ImperativSei dir selbst unheimlich!
IntermezzoHaya Shulman, Michael WaidnerWelcher Technologie kann man vertrauen?
Berit Glanz | Islandtief (7)Nordlichttracker und BestimmungsappsDie Berit-Glanz-Kolumne
IntermezzoUlv PhilipperAstral oder wie alles begann
Armin NassehiDer zivilisierende StaubsaugerWie man mit Freunden und Feinden leben kann
IntermezzoHelene BubrowskiEin hartnäckiges Klischee
Constanze StelzenmüllerDie Wiederkehr des Feindes Die Debatte um einen ukrainischen Kompromissfrieden und die Denklücken der Sicherheitspolitik
IntermezzoMarco HerackWut auf den Westen
Die Autoren und Autorinnen
Impressum
Armin Nassehi Editorial
Der Feind ist die höchste Steigerungsform des anderen, des Antipoden, des Gegners, des Gegenübers, des von mir selbst Unterschiedenen, des Negativen. Den Feind kennen wir vor allem aus der politischen und militärischen Sprache – er ist tatsächlich der unbedingte Gegner, und der Krieg ist wohl jene Form, die Feindschaft auf die Spitze treibt, weil sie die Zerstörung der anderen Seite zum Ziel hat und als Ausnahmefall gelten muss – selbst wenn man konzediert, dass es in der Weltgesellschaft so gut wie keine Phase gab und gibt, in der kein Krieg herrschte.
Der Feind als unbedingter Gegner ist zumindest in der öffentlichen Sprache des Politischen bis vor kurzem abhandengekommen. Man hat von Systemkonkurrenz gesprochen, selbst im Kalten Krieg wurde die andere Seite selten als Feind bezeichnet, wenn sie auch ganz offensichtlich die feindliche Seite war – und eben »kalt«, also durch Dialog, stabile Konfliktformen und wechselseitige Berechenbarkeit kaschiert wurde (von den »Stellvertreterkriege« genannten Auseinandersetzungen in anderen Weltregionen abgesehen). Spätestens mit der Auflösung des sogenannten Ostblocks ist der Feind tatsächlich abhandengekommen – nicht der Konkurrent, nicht der andere, nicht etwas zu Unterscheidendes, aber doch der Feind in seiner unbedingten Form.
Und mit der Auflösung des klassischen Ost-West-Gegensatzes ist zumindest im globalen Norden der Eindruck entstanden, dass ökonomische, kulturelle, mediale und auch reiseförmige Kooperationen Gegensätze, wenn nicht abgeschafft, so doch entdramatisiert haben. Das Zeitalter der Globalisierung sollte alle auf Augenhöhe bringen, soziologisch wurde der Kosmopolitismus und politisch und ökonomisch Wandel durch Handel ausgerufen. Und das war sicher nicht ganz falsch gedacht, denn schon die digitalen Medien haben die Perspektiven einerseits zusammenrücken lassen, andererseits aber auch auf vielfältigere Differenzen hingewiesen. Jedenfalls war diese Erfahrung, in der man sich zwar nicht wirklich einrichten konnte, weil sie viel unübersichtlicher war, durchaus positiv besetzt und hatte zumindest bei aller Differenz- und Konkurrenzerfahrung wenigstens latent impliziert, dass sich radikale Feindschaften womöglich überwinden ließen. Die »Eine Welt«, von der soziale Bewegungen in den 1970ern träumten, war noch lange nicht am Horizont, aber kurz dahinter.
Dass all das aber voreilig und ein allzu beschönigendes Bild gewesen sein könnte, ist nicht erst seit dem 24. Februar 2022 klar, sondern gibt auch Ereignissen Aufmerksamkeit, die diese zuvor nicht bekamen: die Annexion der Krim 2014, aber auch die expansiven Kriege an den Rändern Russlands. Überlagert wurde das auch durch eine andere Form von Feindschaft, die als Antipoden den islamistischen Terrorismus wahrnahm, der sich zum Teil der klassischen Form verfeindeter Staaten entzog (aber in den Reaktionsformen sich dann doch auf Staaten richtete, wie die Erfahrungen in Afghanistan und im Irak zeigen).
Lange Rede, kurze Konsequenz: Die Frage nach dem Feind und der Feindschaft ist kriegsförmig wieder auf der Tagesordnung – und das letztlich notgedrungen. Das Denken in Freund-Feind-Schemata tritt auf die Tagesordnung zurück, mit all seinen Untiefen, seinen Risiken, seinen normativen Implikationen und seinen Konsequenzen. Und es ist nicht der Krieg, der das Ergebnis des Freund-Feind-Schemas ist, sondern dieses ist eine unvermeidliche Konsequenz des Krieges vor unserer Haustür – was im Übrigen darauf verweist, wie sehr aufmerksamkeitsökonomische Fragen auch durch räumliche Nähe und Ferne bestimmt werden.
Ein Kursbuch über die Unterscheidung von Freunden und Feinden zu machen liegt also nahe. Die Beiträge beziehen sich durchaus auch auf die Konsequenzen des russischen Krieges gegen die Ukraine, aber nicht nur. Constanze Stelzenmüller stellt die gegenwärtigen Ereignisse in einen systematischen Zusammenhang mit Denklücken sicherheitspolitischer Überlegungen und Überzeugungen, die durch den russischen Angriff über den Haufen geworfen worden sind, und Herfried Münkler untersucht die historische und kategoriale Genese des Freund-Feind-Antagonismus.
Einen ganz anderen Zugang wählt der Biologe Josef H. Reichholf, der sowohl die Natur selbst als Feind im Blick hat, aber auch »feindliche« Antagonismen in der Natur in den Blick nimmt. Das biologische Wesen Mensch gehört in diese Reihe – und trotz allem formuliert Reichholf in einer positiven Grundstimmung: »Ob die Menschheit zur kosmischen Katastrophe wird und damit die Menschenzeit, das Anthropozän, erdgeschichtlich charakterisiert, sei dahingestellt. Warnende Anzeichen gibt es genug. Den Menschen als ›sapiens‹ zu bezeichnen, war voreilig. Aber möglich ist es, dass die Trennung von Freund und Feind überwunden, die Menschheit friedlicher und in ihrer Einwirkung auf den großen Rest der Natur moderater wird. Das ist zugegebenermaßen (m)ein ›biologischer Optimismus‹.«
Der Psychoanalytiker Timo Storck befasst sich mit inneren Bildern, die sich selbst unheimlich werden können und bisweilen antagonistisch geraten. Er kommt zu dem Schluss, dass nicht die Feinde Angst machen, sondern die Angst Feinde. Mein eigener Beitrag geht von einer Dreierkonstellation aus: vom vertrauten Antagonismus von Freund und Feind auf der einen Seite und dem Fremden auf der anderen.
In unserem Gespräch mit dem israelisch-deutschen Soziologen Natan Sznaider geht es um innere und äußere Antagonismen in Israel und auch darum, warum »der Jude« als die geradezu klassische Figur des inneren Feindes gelten kann. Sznaider macht sehr deutlich, wie sehr sich die Freund-Feind-Logik innerhalb und gegenüber Israel mit geostrategischen Veränderungen der Welt verschiebt.
Wir haben wieder Intermezzi gesammelt, und zwar zu der Frage: Wer ist Ihr Lieblingsfeind? Acht Autorinnen und Autoren geben dazu sehr unterschiedliche Antworten, nämlich Helene Bubrowski, Marco Herack, Nicole C. Karafyllis, Sven Murmann, Ulv Philipper, Haya Shulman, Peter Unfried und Michael Waidner.
Die Lagerfeuer, die Heike Littger diesmal durch Freundes- und Feindesland geführt haben, führen nach Gelnhausen, irgendwo nach Deutschland und Erding. Und Jan Schwochows Grafiken zeigen, wie unterschiedlich man unterschiedliche Formen der Hilfe für die Ukraine darstellen kann und welche Rankings dabei vergleichend herauskommen, wenn man die absoluten Zahlen mit Einwohnerzahlen oder Bruttoinlandsprodukt in Verbindung bringt. So rutscht dann zum Beispiel Estland in einem Fall vom 20. auf den ersten Platz.
Eine besondere Freude ist wieder das Islandtief von Berit Glanz, inzwischen das siebte. Diesmal geht es um die Bestimmung von Naturphänomenen durch Apps – und das nicht nur unter dem technischen oder dem taxonomischen Aspekt, sondern auch im Hinblick darauf, wie die Ergebnisse solcher Naturbeobachtung dazu beitragen können, ein Bewusstsein für besondere, für gefährdete oder für besonders interessante Formen aus der Natur zu entwickeln. Dass die Beobachtung in Island mit der Nordlichtbeobachtung beginnt (damit aber noch lange nicht endet), versteht sich fast von selbst.
Jan SchwochowEine Quelle, zwei GrafikenDie Macht von Zahlen
Stellen wir uns vor, wir müssten uns von einem anderen Menschen 1000 Euro leihen. Natürlich empfinden wir finanzielle Hilfe unterschiedlich, konkret: wenn wir uns das Geld von einem guten Freund mit niedrigem Einkommen oder einem Multimillionär leihen würden. 1000 Euro haben einen unterschiedlichen Wert. Und nicht nur das. Selbst innerhalb der EU hat der Euro aufgrund der unterschiedlichen Kaufkraft in einzelnen Ländern einen anderen Wert. Beispiel: Bisher haben viele Länder die Ukraine beim Krieg gegen Russland unterstützt. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft liefert dazu einigermaßen vergleichbare und seriöse Zahlen, die ich auf den folgenden beiden Seiten unterschiedlich gewichtet habe, sodass wir tatsächlich zu anderen Aussagen kommen – ohne die Form der Grafik zu verändern. Wenn wir also Länder miteinander vergleichen, sollten wir das jeweilige BIP eines Landes heranziehen. Auf diese Weise erhalten wir ein differenziertes Ranking der Unterstützerländer. Spitzenreiter Estland unterstützt die Ukraine mit einem Prozent seines BIP, während es in Deutschland nur 0,17 Prozent des BIP sind. Die Tabellen meiner Quelle liefern auch andere interessante Zahlen zu den ukrainischen Flüchtlingen, die nach Europa geflohen sind, dort registriert und aufgenommen wurden. Auch hier bietet uns die Quelle zwei unterschiedliche Werte: einmal die reine Zahl der Flüchtlinge und zum anderen die Anzahl der registrierten Flüchtlinge im Verhältnis zur Anzahl der Einwohner des Landes, welches die Flüchtlinge bei sich aufnimmt. Die Grafik auf der rechten Seite zeigt: Auch hier steht Estland wieder an erster Stelle. Denn auf hundert Estländer kommen fünf Flüchtlinge, während in Deutschland fünf Flüchtlinge auf 400 Einwohner verteilt sind. Die Belastung der ansässigen Bevölkerung ist also ganz unterschiedlich. In den Medien wird aber gerne berichtet, dass Deutschland ganz vorne bei der Unterstützung der Ukraine dabei ist. Tatsächlich bewegt sich Deutschand eher im vorderen Mittelfeld. Ändern wir unseren Blickwinkel: Meine Zahlenspiele sind aus Sicht der Ukraine tatsächlich uninteressant, denn dort ist man über jeden Dollar und Euro froh, mit dem die Ukraine finanziell, humanitär oder militärisch unterstützt wird. So gesehen leisten die USA, Kanada, das Vereinigte Königreich sowie Deutschland zwei Drittel aller Hilfen.
»Wenn wir untergehen, dann mit fliegenden Fahnen!«Ein Gespräch mit dem israelischen Soziologen Natan Sznaider über ethnische und religiöse Defekte in Israel, über die momentane Gefahr eines Bürgerkriegs und die Dilemmata und Widersprüche in der politischen Machtpraxis.Von Peter Felixberger und Armin Nassehi
»Momentan verlieren sie in den Umfragen, sie werden zurückrudern. Das ist unsere Hoffnung.«
Kursbuch: In den letzten 50 Jahren hat sich der westliche Blick auf Israel verändert. Vom Opfer zum Täter. Ursprünglich Heimstatt für diskriminierte, verfolgte und unterdrückte Juden. Heute Teil eines westlich-europäischen Imperialismus und Rassismus gegen Palästinenser und Araber. Sie schreiben: »Die Juden gehören nicht länger zur Gruppe der unterdrückten Minderheiten.« Warum kann Israel heute weltweit mit den Begriffen verurteilt werden, die sie einst als Opfer in Anspruch nehmen konnten?
Sznaider: Fangen wir mit dem Souveränitätsbegriff an. Der jüdische Blick war, übrigens auch in der Soziologie, ausgerichtet auf den Fremden und den »marginal man« (Robert Ezra Park). Die Juden, wenn man es hipper ausdrücken will, waren intern kolonisiert. Der Zionismus war eine Befreiungsbewegung für Leute, die nicht dazugehörten, die unterdrückt und diskriminiert waren, gleichzeitig war er aber auch eine nationale Befreiungsbewegung. So die Situation vor 1933. Nach dem Vernichtungskrieg gegen die europäischen Juden kam die Dringlichkeit dazu, einen eigenen Staat zu haben, der dann 1948 gegründet wurde. Und im europäischen Verständnis zunächst als ausgleichende Gerechtigkeit und Befreiung betrachtet wurde. Im israelischen Selbstverständnis als zwingende Antwort auf die versuchte Vernichtung.
Kursbuch: Und der arabische Blick auf den Zionismus?
Sznaider: Intellektuelle und Nichtintellektuelle haben dort von Anfang an den Zionismus als eine europäische Kolonialbewegung angesehen, was allerdings von den meisten Europäern und der europäischen Linken nicht geteilt wurde. Mit der Entkolonisierung in der arabischen Welt mussten die Juden in Algerien, Tunesien, Marokko oder Ägypten ihre Länder aus ethno-religiösen Gründen verlassen. Viele von ihnen sind nach Frankreich oder in das neu gegründete Israel gegangen. Damit wurde das zionistische israelische Projekt noch dringlicher. Zusammengefasst: Es gibt mehrere Ebenen in der Betrachtung, den historischen Geschichtsverlauf, den Blick auf Israel, ob das Land ähnlich vorgehe wie die Kolonialmächte Frankreich oder Großbritannien oder ob etwas anderes dahintersteckt. Kolonialismus geht üblicherweise davon aus, dass ein Mutterland Menschen in die Welt schickt, um Kolonien zu bilden. In Israel war es umgekehrt: Die Kolonisierten gründeten ein Mutterland.
Kursbuch: Zeitsprung: 20 Jahre später. Wie hat die Studentenbewegung in Europa den Kolonialblick integriert?
Sznaider: Mit den Gebieten der israelischen Besatzung, die 1967 erobert wurden, verknüpfte sich die Kritik mit Begriffen wie Imperialismus und amerikanischer Imperialismus. Gerade in der deutschen Studentenbewegung Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre. Ich habe das persönlich hautnah miterlebt. Geboren 1954, bin ich in Mannheim aufgewachsen. Auf dem Gymnasium habe ich die linken, antikolonialistischen Reaktionen und die ungeheuerlich negative Einstellung gegen Israel erlebt. 1972 in meinem vorletzten Jahr auf dem Gymnasium geschah das Attentat während der Olympiade in München. Ich habe gesehen, wie so viele in meinem Umfeld zu frohlocken begannen und die Ereignisse als antiimperialistische Befreiungstat betrachteten, während der Rabbiner von Mannheim uns gebeten hat, in der Synagoge für die Sicherheit der Athlet*innen zu beten, weshalb ich übrigens in meiner Schulklasse ziemlich angefeindet wurde. Da war für mich der symbolische Bruch mit dieser Linken, der ich mich vorher zugehörig fühlte, klar. Dann noch der Jom-Kippur-Krieg 1973. 1974 bin ich schließlich nach Israel ausgewandert. Sie merken, es spielen soziologisch-theoretische, historische und persönlich-biografische Beweggründe ineinander. Interessant aber ist, dass sich der arabische kolonialistische Blick, der mit der Staatsgründung Israels begann, inzwischen globalisiert und auch in der progressiv-europäischen Szene sehr verankert hat.
Kursbuch: Die Unterscheidung der Antipoden scheint einfachen Mustern zu folgen. Der Westen gegen die Kolonisierten, das Weiße gegen das Nichtweiße, kurzum: Es etabliert sich ein postkolonialer Blick, der etwas völlig anderes sieht als die Solidarität vorher. Einfache Dichotomien, mit denen man einordnen kann, wer die Guten und die Bösen sind. Was man im bürgerlichen Antisemitismus vor der Shoah auch schon erkennen kann. Man wollte bereits im 19. Jahrhundert jüdische Menschen in der Bevölkerung unterscheiden, obwohl man es real gar nicht tun konnte. Zum Beispiel die protestantisch getauften Juden im 19. Jahrhundert. Woher kommt diese Dichotomisierung?
Sznaider: Der Antisemitismus wäre ein anderer, wenn er gegen etwas Sichtbares laufen würde. Der Rassismus basiert immer als Blick auf das Sichtbare, während der Antisemitismus den Blick auf die unsichtbaren Unterschiede erzeugt. Es gab eigentlich nichts Deutscheres als die Juden, die sich in Deutschland assimiliert haben.
Kursbuch: Felix Mendelssohn Bartholdy zum Beispiel.
Sznaider: Wenn man Bilder von Juden in Deutschland vor 1933 betrachtet, kann man sie von nichtjüdischen Deutschen nicht unterscheiden. Die Nichtunterscheidbarkeit macht es eigentlich so bedrohlich. Das ist der springende Punkt. Der Antisemitismus ist ein Ressentiment gegen etwas Unsichtbares und muss daher konstruiert werden. Es wird ein Feind out of nothing konstruiert. Aber das ist auch zu einfach. Denn es gibt auch something. Es ist der Nachbar, der gar nicht anders aussieht. Und plötzlich ist man Jude oder Jüdin. Und gleichzeitig eben nicht plötzlich. Denn sie blieben eben Juden.
Kursbuch: Eine Ironie bestünde jetzt darin, dass die Anfeindungen gegenüber Israel etwas mit einer konstruierten Sichtbarkeit zu tun haben. Man kann postkolonialistisch nicht behaupten, dass Israel von der Bevölkerungsstruktur her ein weißes Projekt wäre.
Sznaider: Das stimmt, aber es ist nicht nur die Frage der Sichtbarkeit. Die Souveränität macht eigentlich das Jüdische wieder sichtbar. Der Anti-Antisemitismus, der immer noch an der Emanzipation der postfranzösischen Revolution festhält, behauptet, dass Juden genauso sind wie alle anderen. Isaiah Berlin soll einmal gesagt haben: »Jews are just like everyone else, only more so.« Wenn es stimmen würde, dass Juden genauso Menschen sind wie alle anderen, dann wären die Juden keine Juden mehr. Dann aber ist die Behauptung unlogisch. Das war auch das Dilemma der Juden im Deutschland vor dem Nazismus. Sie zogen sich an wie die Deutschen, sie sprachen wie die Deutschen, sie haben sogar Weihnachten gefeiert wie die Deutschen, aber sie sind trotzdem Juden geblieben, und es war ihnen selbst nicht klar, was das bedeutet. Bis ihnen die Nazis das später klargemacht haben. Nur so kann man Israel verstehen. Israel als das Projekt des jüdischen Staates, in dem 20 Prozent der Bürger Nichtjuden sind, definiert sich als jüdischer Staat mit einem sichtbaren politischen Judentum.
Kursbuch: Was passiert gerade mit diesem jüdischen Selbstverständnis?
Sznaider: Darüber ist ein Kampf ausgebrochen. Eine große Gruppe sagt, Israel sei ein westlich-liberaldemokratischer Staat. Die andere Seite behauptet, Israel entfremde sich von den jüdischen Traditionen. Diese Spannung zwischen jüdisch und demokratisch wird aus der Diaspora nach Israel geholt. Die einen sagen, Juden hätten Todfeinde und sind diesbezüglich als Juden definiert. In der jüdischen Tradition wird dieser Todfeind als Amalek bezeichnet, der das Jüdische auslöschen will. Es gibt folglich immer jemanden, der die Juden auslöschen will, also die Vorstellung, dass Judenhass eine ewige Konstante ist und dass Kritiker der israelischen Politik zugleich Feinde der Juden seien. Aber ich finde, dass ein souveräner Staat sich von solchen Ressentiments nicht mehr als nötig beeindrucken lassen sollte. Man kann das Spiel auch selbst bestimmen. Das ist die Definition von Souveränität. Das heißt, dass der souveräne Staat Israel diesen apokalyptischen Feind fast machiavellistisch umdeuten kann, indem er sagt, politische Feinde können auch zu politischen Freunden werden. Das geschah auch in der israelischen Geschichte. Dazu gehören Friedensverträge mit Ägypten oder die eventuelle Annäherung an Saudi-Arabien. Kurzum: Der Feind kann apokalyptisch oder politisch sein. Der Schmitt’sche Moment kann unterschiedlich geprägt werden. Sicher hat Israel Feinde und nicht nur Feindbilder. Das ist nicht der Punkt. Aber Feinde können auch politisch betrachtet werden, nicht nur apokalyptisch. Und es ist gerade dieses Freund-Feind-Denken, wo der Feind nicht politisch, sondern apokalyptisch verstanden wird, das ein rückwärtsgerichtetes Verständnis für die Zeit der Nichtsouveränität ausmacht.
Kursbuch: Der Schmitt’sche Moment kann auch heißen: Man muss den Feind nicht einmal hassen. Deshalb lässt er sich instrumentalisieren.
Sznaider: Es geht hier weniger um Instrumentalisierung als um virtuoses politisches Denken. Hier liegt auch das jüdische Dilemma begraben (im wahrsten Sinne des Wortes). Einerseits das Emanzipatorische kombiniert mit einer Staatsbürgerschaft, was aber nicht funktioniert hat. Das ist ja das Grundmotiv des Zionismus. Der Zionismus war anfangs eine Bewegung von assimilierten Juden, aber sie brauchten ein Mutterland. Das konnte aber nicht in Europa sein. So hat man ein eigenes Mutterland gesucht, das auf biblischen Prinzipen beruht. Der Zionismus begann eigentlich als eine antimessianische Bewegung, da er aktiv in die Geschichte eingriff und nicht auf die Erlösung oder das Kommen des Messias warten wollte. Andererseits konnte er sich nur auf die eigenen jüdischen Wurzeln berufen. Das Religiöse war immer im Hintergrund. Auch wenn die Staatsgründer säkulare Sozialisten waren.
Kursbuch: Interessant ist, dass Israel mittlerweile rassistisch verurteilt werden kann. Mittlerweile kann sogar von Gegnern behauptet werden, dass Israel Apartheidspolitik und Rassentrennung betreibe. So werden Ereignisse wie die Apartheidspolitik Südafrikas, der Völkermord in europäischen Kolonien, die Vernichtung der Juden in Europa ineinander nivelliert und in einem Atemzug mit der israelischen Besatzungspolitik genannt.
Sznaider: Es geht nicht um Rasse. Überdies ist die Apartheid ein semantischer Code, der sich aus der südafrikanischen Wirklichkeit gelöst hat und ein Begriff des internationalen Rechts geworden ist. In Israel gibt es keine Rassentrennung, sondern politische Trennung. Die israelische Besatzungspolitik ist unwidersprochen eine Politik der Unterdrückung. Das heißt auch, dass es in den besetzten Gebieten verschiedene Rechtssysteme gibt, ein Rechtssystem für jüdische Siedler und eines für die fast schon rechtlosen Palästinenser. Der Begriff der Apartheid vereinfacht und übersieht vieles, zum Beispiel die Anerkennung der arabischen Bevölkerung innerhalb der grünen Linien als israelische Staatsbürger*innen, die im Parlament vertreten sind. Aber für den politischen Aktivismus ist es ein griffiges Konzept. Dahinter steckt das Problem, dass Israel keine festen Grenzen hat und dadurch die radikale Kritik an der israelischen Besatzungspolitik möglich wird. So wandert der Begriff der Apartheid langsam in Israel in den politisch linken Mainstream. Das betrifft auch den Begriff des Siedlerkolonialismus. Es sind Codewörter für Entwicklungen, die man als politisch aufrechter und weltoffener Mensch ablehnt. Eine weitere Bedeutung ist die des Boykotts, der sich in einer Bewegung sammelt und konzentriert, um dem Zionismus als politischem Projekt der Ausübung jüdischer Souveränität etwas anzuhängen. Man muss allerdings klar und deutlich konstatieren, dass in Israel eine ethnische Gruppe Privilegien hat, die eine andere ethnische Gruppe eben nicht hat. Was wiederum Teil des Selbstverständnisses Israels als jüdischer Staat ist. Der Zionismus beruht auf Ungleichheit, und das steht quer zur Welt, in der momentan das Ideal der Gleichheit angestrebt wird. Dabei hat schon Alexis de Tocqueville gesagt, dass Gleichheit eine Leidenschaft sei, die nie befriedigt werden könne. Je gleicher Menschen sind, desto gleicher wollen sie sein. Wie eine Lust, die immer unbefriedigt sein wird. Das ist auch das Dilemma des Staates Israel, was auch den äußeren Blick auf Israel bestimmt. Einerseits die Ideologie der Gleichheit postulierend und andererseits ein Staatsverständnis exekutierend, das auf Ungleichheit beruht. Und diese wiederum damit begründet, dass man versucht hat, uns Juden kurz vor der Staatsgründung auszulöschen. Es glauben immer noch viele Juden, dass, wenn der Staat Israel vor dem Naziterror bereits existiert hätte, es nicht zur Shoah gekommen wäre. Deswegen sei diese Ungleichheit heute auch berechtigt: »Nie wieder wir«.
Kursbuch: In Deutschland gibt es den zynischen Satz, den manche Juden aussprechen: »Die Deutschen werden uns den Holocaust niemals verzeihen.« Offenbar kann man Israel immer darauf festlegen, gewissermaßen selbst das Opfer aller dieser erwähnten Kampfbegriffe zu sein und den Spiegel jetzt vorgehalten zu bekommen. Die Souveränität liegt hier außen. Darin liegt eigentlich die Tragik für Israel, dass es sich dagegen gar nicht wehren kann. Begriffe wie ethnische Säuberung und Vernichtung der Palästinenser sind längst kein Tabu mehr.
Sznaider: Das stimmt. Man bezahlt teuer für die Freiheit. Dazu gehört die Enttabuisierung von solchen Begrifflichkeiten. Israel hat sich nie als universales Projekt verstanden. Israel ist die partikulare jüdische Lösung für ein partikulares jüdisches Problem. Das israelische Projekt wehrt sich also per definitionem gegen die Universalisierung. »Nie wieder wir« und nicht »Nie wieder«. Es gibt das Rückkehrgesetz, wonach jeder Jude weltweit das Recht hat, nach Israel einzuwandern. Das ist kein universales Einwanderungsgesetz, aber für die Juden ist es selbstverständlich, dass es einen sicheren Hafen gibt, an dem jeder Zuflucht suchen kann, falls nötig. Damit wird die Sichtbarkeit des Jüdischen in diesem Staat noch einmal manifestiert.
Kursbuch: Die postkoloniale Kritik von außen tritt natürlich als universalistische Kritik an, obwohl sie auch eine partikulare ist. Sie bricht die Shoah auf ein nächstes partikulares Verbrechen herunter. Wie kann sich die Idee eines jüdischen Staates als demokratischer Verfassungsstaat mit einer universalistischen Idee von Rechten mit der partikularen postkolonialen Kritik verständigen? Gibt es dafür in Israel Lösungsvorschläge?
Sznaider:
