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Das Kursbuch 221 über Verteidigung nimmt vieles in Angriff. Zunächst die militärische Verteidigung. Kriegsminister gibt es nicht mehr. Christopher Daase analysiert die differenzierte Verschränkung von Angriff und Verteidigung, Jörn Leonhard liefert eine historische Genese des Verteidigungskrieges. Einen anderen Verteidigungskampf rekonstruiert Joachim Müller-Jung, nämlich die Immunabwehr – eine schöne Beschreibung dafür, dass Verteidigung/Abwehr nichts Passives, nichts Defensives im engeren Sinne sind, sondern eine Art prospektiver Antizipation von Angriffen, die von früheren Angriffen gelernt hat – individuell und evolutionär. Armin Nassehis Beitrag beschäftigt sich mit den Sicherungssystemen von Demokratien, die auch gegen Angriffe von innen standhalten müssen. Im Gespräch mit Sibylle Anderl entwickelt der Psychologe Marc Wittmann eine Verteidigungsperspektive zwischen existentieller Langeweile und Hektik – es geht um eine Form der Selbstverteidigung im engeren Sinne. Vor empfindungsfähigen KI-System schließlich warnt Eva Weber Guskar. Eine besondere Perspektive entwickelt die Langstrecke von Stefan Rammler. Er beschäftigt sich mit der resilienten Stadt, die sich gegen den Klimawandel verteidigt, will aber zugleich die gegenwärtigen Untergangsnarrative überwinden. Und entwickelt eine Klimafuturologie, und eine utopische Klimazeitreiseliteratur. Voluminös sind die alpinen Schutzeinrichtungen, die Olaf Unverzart in seiner neuen Schauplatz-Kolumne ins Bild gesetzt hat. Berit Glanz' Islandtief, das dreizehnte, beschreibt unter anderem den Vorteil und die Freiheitsgrade der Peripherie, und Jan Schwochow, dessen Kolumne ab jetzt VIZUAL heißt, konfrontiert uns mit Darstellungsformen der Veränderung des Meeresspiegels. Eine außergewöhnliche Art, mit Infografiken Entwicklungen abzubilden und einzuordnen. Peter Felixberger rezensiert schließlich ein wichtiges Sachbuch aus dem Jahr 2044.
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Seitenzahl: 206
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Armin Nassehi Editorial
Jan SchwochowNach uns die Sintflut | VIZUAL
Stephan RammlerHeißzeitWie wir in Zukunft mit der Erderwärmung leben und uns anpassen lernen. Eine Zukunftsreise
Schauplatz (1)Die Fotokolumne von Olaf Unverzart
Joachim Müller-JungDie Abwehrschlachten des KörpersWohin führt die Aufrüstungsspirale im Dschungel der Immunität?
Dmitrij KapitelmanDie größte Stunde des Магазин ist Yashkas goldene Stunde
Peter FelixbergerAus der ZukunftWer bekommt das Haus?
Jörn LeonhardÜber VerteidigungHistorische Genesen und Transformationen
Marc WittmannLebenszeit verteidigenEin Gespräch mit Sibylle Anderl
Armin NassehiVerteidigung der Demokratie nach innenÜber ein schwieriges Selbstverhältnis
Christopher DaaseAngriff sucht VerteidigungÜber die Balance von Offensive und Defensive in der Sicherheitspolitik
Eva Weber-GuskarWarum wir keine empfindungsfähigen KI-Systeme entwickeln sollten
Berit Glanz | Islandtief (13)Musik und WollpulloverDie Berit-Glanz-Kolumne
Die Autoren und Autorinnen
Impressum
Ist Verteidigung immer defensiv? Das ist eine merkwürdige Frage, ist das Defensive doch durch seine Verteidigungshaltung definiert. Der Gegenbegriff zum Defensiven ist das Offensive. Kann man sich offensiv verteidigen? Die Antwort ist eindeutig: Verteidigung ist wie der Angriff etwas, das man als Handlung, also als Aktivität zurechnen kann, und das kann man stets offensiv oder auch defensiv gestalten.
Bevor wir durcheinanderkommen: Schon diese Andeutungen zeigen, dass Verteidigung nicht einfach eine passive Reaktion auf einen aktiven Angriff ist. Verteidigung ist auch nicht unbedingt eine Re-Aktion, sondern selbst Aktion, schon weil sie vorbereitet werden muss und Kapazitäten dafür bereitgehalten werden müssen. Wäre Verteidigung eine bloß passive Reaktion, hätte sie selbst gar keine Variationsmöglichkeit. Nicht nur ein Angriff kann überraschen, sondern auch eine Verteidigung. Ein paradigmatisches Bild könnten ostasiatische Kampftechniken sein, die zum Teil einem Angriff nicht einfach mit einer Gegenkraft begegnen, um den Angreifer zu stoppen, sondern die Bewegung des Angreifers aufnehmen, mitgehen, sogar verstärken, leicht umlenken und den Angreifer so zu Fall bringen können. Man muss bei dieser Technik nicht nur an physische Angriffe denken, sondern etwa auch an verbale. Am besten kann man seinen Gegner hinters Licht führen, ihm zunächst zu folgen.
Verteidigung findet auf vielen Gebieten statt. Natürlich denkt man zunächst an die militärische Verteidigung – Verteidigung scheint ohnehin die einzige legitime Bezeichnung fürs Militär zu sein, und Kriegsminister gibt es auch nicht mehr. Zwei Beiträge dieses Kursbuchs beschäftigen sich damit – Christopher Daase mit der Verschränkung von Angriff und Verteidigung im militärischen Sinne und Jörn Leonhard mit einer historischen Genese des Verteidigungskrieges. Einen anderen Verteidigungskampf rekonstruiert Joachim Müller-Jung, nämlich die Immunabwehr – eine schöne Beschreibung dafür, dass Verteidigung/Abwehr nichts Passives, nichts Defensives im engeren Sinne ist, sondern eine Art prospektiver Antizipation von Angriffen, die von früheren Angriffen gelernt hat – individuell und evolutionär. Mein eigener Beitrag beschäftigt sich mit den Sicherungssystemen von Demokratien, die auch gegen Angriffe aus sich selbst heraus, also von innen, standhalten müssen. Und im Gespräch mit Sibylle Anderl entwickelt der Psychologe Marc Wittmann eine Verteidigungsperspektive zwischen existenzieller Langeweile und Hektik – es geht um eine Form der Selbstverteidigung im engeren Sinne. Vor empfindungsfähigen KI-Systemen schließlich warnt Eva Weber Guskar.
Eine eigene Perspektive entwickelt auch der Beitrag von Stephan Rammler. Er beschäftigt sich mit der resilienten Stadt, die sich gegen den Klimawandel verteidigt, will aber zugleich die gegenwärtigen Untergangsnarrative überwinden. So entwickelt er nicht nur eine Klimafuturologie, sondern eine Art utopische Klimazeitreiseliteratur, indem er eine Reporterin aus dem Jahr 2050 erzählen lässt. Der Beitrag beschreitet eine Langstrecke – in zeitlicher Hinsicht und als Text. Voluminös sind auch die alpinen Schutz- und Sicherungskonstruktionen, die Olaf Unverzart in seiner Schauplatz-Kolumne ins Bild gesetzt hat.
Wir freuen uns sehr über den Auszug aus Dmitrij Kapitelmans neuem Roman Russische Spezialitäten – und auf dieses reale Buch folgt eines, das es gar nicht gibt, von Peter Felixberger. Wie das?
Berit Glanz’ Islandtief, das dreizehnte, beschreibt Vorteile und Freiheitsgrade der Peripherie, und Jan Schwochow, dessen Kolumne ab jetzt VIZUAL heißt, konfrontiert uns mit Darstellungsformen der Veränderung des Meeresspiegels. Eine außergewöhnliche Art, mit Infografiken Entwicklungen abzubilden und einzuordnen.
All das nimmt dieses Kursbuch über Verteidigung in Angriff. Ebenso wie in der nächsten Ausgabe den Relaunch seines Editorial Designs. Sie dürfen gespannt sein!
»Viel mehr als die immer neue Erzählung von der Infiltration des Lebens durch vergangenes und verdrängtes Unheil interessiert uns hier die Erzählung von der Infiltration unseres gegenwärtigen Lebens durch ein schon beginnendes, aber vielleicht noch begrenzbares Unheil aus der Zukunft.«
(Bernd Ulrich)
Vor 35 Jahren habe ich in Kalifornien studiert. Nach der Weltklimakonferenz in Rio 1992 erreichte die Klimadebatte einen ersten Höhepunkt. Ich hatte mir einen Studentenjob am Lawrence Berkeley Lab in den Hügeln über Berkeley gesucht. Als eine der ersten Forschungseinrichtungen weltweit arbeitete man dort zu politischen und politökonomischen Konzepten der Klimaregulierung, der Energieeffizienz und an Alternativen zur fossilen Energie. Nebenbei reiste ich durch Kalifornien. Mich faszinierten vor allem die Red Woods, majestätische Wälder an der Pazifikküste, in denen über tausend Jahre alte Mammutbäume wie Götter über einem Paradies wachen. Die Schönheit der kalifornischen Landschaft übertraf alles, was ich bis dahin kennengelernt hatte. Umso trauriger ist das, was in diesem Paradies seitdem geschehen ist. Der Hotspot ökologischen Denkens wurde selbst zu einem Schaufenster ökologischer Verwüstung, mit enormer Hitze, Trockenheit und Bränden, dramatischem Wassermangel und Unwettern, den drei apokalyptischen Reitern des Klimawandels weltweit.
Und während ich schreibe, brennt Los Angeles erneut in einer nie dagewesenen Weise. Schon jetzt gilt das Inferno als die teuerste Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA 1. Und nicht nur die USA sind von der Erderwärmung betroffen. In Südamerika versiegt der Rio Negro, der zweitgrößte Nebenfluss des Amazonas und nach diesem einer der wasserreichsten der Welt. Das Pantanal, eines der größten und artenreichsten Feuchtgebiete der Welt, steht großflächig in Flammen, Mitteleuropa kämpft mit Überschwemmungen, und Westafrika erlitt 2024 eine Extremregenzeit, die Millionen Menschen aus ihren Häusern vertrieben hat. Angesichts dessen schlagen Wissenschaftler Alarm. Die Geschwindigkeit, mit der CO₂ heute in die Atmosphäre entweicht, bricht alle Rekorde der letzten 66 Millionen Jahre. Eine Forschergruppe 2 warnt sogar, dass die Erwärmung der Erde noch weitaus heftiger ausfallen könnte als bisher angenommen – bis zu 4,8 Grad bei einer CO₂-Verdoppelung. Auch wenn die Menschheit ab sofort aufhört, CO₂ zu emittieren, werden die Folgen für mindestens 100 000 Jahre unumkehrbar sein. Der aktuelle »Emissions Gap Report« der Vereinten Nationen geht davon aus, dass sich die Erde bis um 3,1 Grad Celsius erwärmen wird, wenn der bisherige Kurs beibehalten wird 3.
Nehmen wir an, dieser Zustand träte ein, welches Zukunftsbild ergäbe sich daraus? Der Journalist Mark Lynas 4 beschreibt, dass eine Erwärmung um drei Grad eine katastrophale Umgestaltung unseres Planeten bedeuten würde und die Grundlage des menschlichen Lebens infrage stellt. Er warnt, dass bei Überschreiten dieses Schwellenwerts ökologische Kipppunkte 5 erreicht werden: Wälder wie der Amazonas-Regenwald drohen zu kollabieren, was globale Auswirkungen auf das Klima hat und die Artenvielfalt dramatisch reduziert. Durch das Schmelzen der Permafrostböden wird Methan freigesetzt. Das kann einen Rückkopplungseffekt erzeugen, der den Klimawandel antreibt und schwerer kontrollierbar macht. Erwartbar sind außerdem viel extremere Wettermuster, darunter häufigere und intensivere Hitzewellen, Dürreperioden und Überschwemmungen. Der schmelzende Grönland- und Westantarktis-Eisschild trägt erheblich zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Küstenstädte und -regionen weltweit sind durch Überschwemmungen gefährdet. Hitze und Trockenheit verringern die Ernteerträge, insbesondere bei Grundnahrungsmitteln wie Weizen und Mais. Die Gefahr von Hungersnöten steigt, und die Ernährungssicherheit wird ein globales Problem.
Auch der Klimaforscher Stefan Rahmstorf 6 beschreibt die Auswirkungen einer globalen Erwärmung um drei Grad. Für Deutschland bedeutet das eine durchschnittliche Temperaturzunahme von etwa sechs Grad, da sich Landgebiete stärker erwärmen als der globale Durchschnitt. Dies würde zu extremen Hitzewellen mit Temperaturen über 45 Grad Celsius führen, was erhebliche gesundheitliche Risiken birgt und die Landwirtschaft sowie die Flora und Fauna massiv beeinträchtigen würde 7, denn große Teile der heutigen Biosphäre sind nicht an so hohe Temperaturen angepasst. Besorgniserregend ist auch die Geschwindigkeit der Erwärmung, die etwa zehnmal schneller verläuft als der natürliche Übergang von der letzten Eiszeit zum Holozän. Diese rasche Veränderung erschwert die Anpassung für Mensch und Natur erheblich.
Während Wissenschaftler immer dringender warnen, nehmen die Fragen zu, ob die Klimagipfel und die sie begleitenden medialen Debatten den notwendigen Wandel überhaupt schaffen können, denn auch die Medien können das Ausmaß dieser Katastrophen offenbar kaum noch angemessen kommunizieren. Wir erleben keine Eskalation der Debatte, wie es eigentlich nötig wäre, sondern einen Kollaps der öffentlichen Klimakommunikation in den USA und in Europa: Die großen amerikanischen Banken und Vermögensverwalter steigen aus ihren globalen Klimaallianzen aus, und auch in der deutschen Industrie und Wirtschaft erscheint das Thema plötzlich als inopportun. Ebenso in der Politik. Nicht einmal die Grünen, zu deren Kernthemen der Kampf gegen die Erderwärmung einmal gehörte, trauen sich noch, deutlich über das Thema zu reden. Der ZEIT-Kolumnist Uwe Jean Heuser bezeichnete dieses Agenda-Setting-Problem als »Perversion der Gleichzeitigkeit«.
Man kann diese tatsächlichen und metaphorischen Brände versuchen zu löschen, so gut es geht, doch brennen wird es auch weiterhin, hier und fast überall auf der Welt. Der Klimawandel ist kaum noch aufzuhalten. Damit ist das Thema der kommenden Jahrtausende gesetzt. Für das visionäre ökologische Denken ist diese Entwicklung enorm folgenreich, genauso wie für die Sozialpsychologie und die politische Soziologie gesellschaftlicher Transformationen und die Politik der Nachhaltigkeit insgesamt. Das, was wir jahrzehntelang hoffen konnten, am Ende noch vollständig aufzuhalten, tritt mit unerbittlicher Folgerichtigkeit nun ein.
Die 1,5-Grad-Marke ist überschritten, die 2-Grad-Marke bald auch. Die Großutopie der Nachhaltigkeit schrumpft damit zu der nur mehr sehr bedingten Utopie einer Nachhaltigkeitstransformation unter der Maßgabe der zeitgleichen schnellen und starken Anpassung an die Realitäten der Erderwärmung, die bereits nicht mehr verhinderbar sind.
Die Klimaresilienz, also die Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften gegenüber den Zuspitzungen der Erderwärmung, wird sich deswegen zum planetaren Leitkonzept, zur übergreifenden Zentralaufgabe der kommenden Gesellschaften über Jahrtausende hinweg entwickeln müssen. Doch auch dadurch entstünde keine perfekte, nachhaltige Zivilisation im stabilen Gleichgewicht mit einer intakten Natur, wie sie vor 50 Jahren noch denkbar war, sondern eine Welt des nur beziehungsweise immerhin bestmöglichen Umgangs mit den schon nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels, eine Welt der ständigen Adaption an die sich über einen sehr langen Zeitraum hinweg dynamisch verändernden Lebensbedingungen in der Heißzeit. Verbunden ist damit auch die Hoffnung, dass ein Zeitfenster von einem bis maximal zwei Jahrzehnten bleibt, um den Beginn einer unkontrollierbar eskalierenden Zivilisationsagonie zu verhindern. Nachdem sich dieses Zeitfenster geschlossen hat, beginnt womöglich das außer Kontrolle zu geraten, was man als einen langen Notfall bezeichnen könnte: die sich stetig selbst verstärkende, von Kipppunkt zu Kipppunkt sich immer schneller drehende Negativspirale einer kaum noch einzuhegenden Kumulation von katastrophal zusammenwirkenden und komplex vernetzten Entwicklungen einer Polykrise.
Von allen Treibern dieser Krise erzeugt der Klimawandel den größten unmittelbaren und auch den langfristigsten Handlungsdruck, er ist also die Leitkrise der Gegenwart. Deswegen sollten wir hier, am Hebelpunkt der Erderwärmung, unsere gesamten politischen Energien und kulturellen Innovationsbemühungen bündeln und am Leitbild der Anpassung neu ausrichten. Wir werden die Erderwärmung zwar nicht mehr vollständig stoppen, doch mit klugen Strategien sozioevolutionärer Anpassung dazu beitragen können, Zeit zu gewinnen für langfristige kulturelle Lernprozesse und die Suche und Einübung neuer ökointegrativer Lebensstile. Das Szenario der europäischen Anpassungskultur des Klimabauhauses erzählt die Geschichte unserer Zukunft als ein Kaleidoskop aus technologischen, sozialen und vor allem kulturellen Innovationen und Transformationen. Dieses sehr viele künftige Generationen übergreifende Bemühen um Transformation bei zeitgleicher Anpassung ist die bedingte Utopie der Klimatransformation.
Im nächsten Kapitel wird zuvor noch ein Zwischenschritt gemacht und die Klimafuturologie als eine Methode oder Denkweise vorgestellt, um einerseits die aus heutiger Sicht wahrscheinlich erwartbaren, je nach Weltregion unterschiedlichen politischen, sozialen und kulturellen Reaktionen auf die physikalisch-meteorologischen Ausprägungen der Erderwärmung möglichst klar und differenziert zu imaginieren. Andererseits kann sie mögliche und visionäre, normativ begründete Zukünfte leitbildhaft beschreiben. Sie ist kein fertiges Konzept, sondern als ein beispielhafter und vor allem Andere auffordernder Entwurf zu verstehen, disziplin- und genreübergreifend fortzufahren in der Ausarbeitung, Befüllung und Kommunikation einer klimafuturologischen Wissensgrundlage für zukunftweisende politische und kulturelle Hemmnisanalysen und Strategien der Klimaanpassung als eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft.
»Wir befinden uns am Rande einer unumkehrbaren Klimakatastrophe. Es handelt sich zweifellos um einen globalen Notfall.«
(William Ripple und Christopher Wolf, Oregon State University)
Über die Gründe des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ist viel spekuliert worden. Ein weiteres, möglicherweise zentrales Motiv wird kaum beachtet: Könnte es sein, dass der Angriff auch mit der Erderwärmung zu tun hat? Der Russlandexperte Gustafson 9 prognostiziert, dass die Erderwärmung in den nächsten 30 Jahren tiefe Spuren in Russland hinterlassen wird. Ein Drittel seines Territoriums liegt nördlich des Polarkreises, und seine arktische Küstenlinie erstreckt sich über 24 000 Kilometer – ein Großteil davon besteht aus Permafrost, einer zunehmend instabilen Mischung aus Sand, Eis und Methan. Seine Wälder – die größten der Welt – sind anfällig für Krankheiten, Dürre und Brände. Sie bedecken mehr als die Hälfte des russischen Territoriums und stellen ein Fünftel der weltweiten Waldfläche dar. Russland verfügt über die größten Öl- und Gasreserven der Welt – doch diese Reserven liegen vor allem im arktischen Raum. Der schmelzende arktische Permafrost bedroht Pipelines und Gebäude, die ohnehin schon alt und fragil sind, und macht neue Infrastruktur-Bauvorhaben schwieriger und teurer. Die Erwärmung Ostsibiriens wird auch zu einem Anstieg durch Insekten übertragener Krankheiten führen, im Permafrost bislang sicher eingeschlossene alte Erreger wie die der Pest oder des Milzbrands könnten wieder virulent werden. Waldbrände werden häufiger und verheerender werden. Dürreperioden werden in Regionen mit ohnehin schon marginalem Niederschlag immer häufiger auftreten und die Landwirtschaft erheblich beeinträchtigen.
Womöglich meint Russland mit Blick auf diese Entwicklungen also schlicht, ersatzweisen Lebensraum zu benötigen, den es mittelfristig in der klimatisch gemäßigteren Gebietskulisse der Ukraine zu finden hofft. Ganz ähnlich geht es den USA. Neben der stark besiedelten Küstenlinie, die vor allem vom steigenden Meeresspiegel und Stürmen bedroht ist, sind es die Dürren in den Kornregionen des Mittleren Westens, die die Binnenökonomie der USA enorm tangieren werden. Lebensräume werden auch hier verloren gehen und Wirtschaftschancen reduziert. Und auch durch das aufgrund des Klimawandels zunehmend eisfreie, deswegen bald ganzjährig schiffbare und mit seinen Ressourcen und neuen Wegen verlockende arktische Nordmeer entstehen neue geopolitische Chancen, vor allem aber neue geostrategische Herausforderungen. Hat das bislang noch nur rhetorische neoimperiale Ausgreifen der USA nach Kanada und Grönland also auch mit erwärmungsbedingten Ursachen zu tun, ähnlich wie die Politik Russlands?
Diese Beispiele zeigen, wie die Erderwärmung vorhandene Spannungen und Bruchlinien der Geopolitik mit einer neuen Deformations- und Eskalationslogik zu überschreiben beginnt. Und jedes weitere Jahr in der Zukunft wird neue Botschaften wachsender erwärmungsbedingter Schäden mit sich bringen. Mit der Zeit werden diese Symptome häufiger und unausweichlicher, mit zunehmend schwerwiegenden politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen, und diese werden neue Konflikte innerhalb und zwischen Ländern hervorrufen.
In einer Welt, in der es keine stabilen Machtarrangements auf der Basis eines gemeinsamen normativen Fundaments und kooperativer Handlungslogiken gibt, sind die Staaten der Welt nicht in der Lage, zusammen zu handeln, wenn ihre etablierten Bedürfnisse bedroht sind und ihre Interessen kollidieren. Der Klimawandel ist das ultimative Problem kollektiven Handelns. Die Vorteile der Begrenzung von Treibhausgasemissionen kommen global allen zugute, aber die Kosten tragen einzelne Länder und Gemeinschaften. Es wird wenig Gemeinsamkeit zwischen den Nationen geben, insbesondere wenn es um die Verteilung der Kosten geht.
Russland beispielsweise würde besonders hohe Kosten tragen müssen, jedoch nur wenige Vorteile aus gemeinsamen Maßnahmen ziehen. Die Versuchung, sich als »Trittbrettfahrer« zu verhalten, wird dadurch unwiderstehlich. In vielen Ländern könnte die wachsende Not die Regierungen völlig unfähig machen, ihre Bevölkerung gut zu regieren und Klimaanpassung als Teil der staatlichen Daseinsvorsorge zu etablieren. Ressourcenknappheit, zunehmender Druck auf die Lebensgrundlagen und vor allem die Bedrohung durch erwärmungsbedingte großflächige Migration 10 könnten zu neuen Abschottungen, grenzüberschreitender Gewalt und Fremdenfeindlichkeit führen. Durch den Klimawandel werden viele Menschen ihre Heimat verlieren, während gleichzeitig die überhaupt noch gut bewohnbaren Regionen der Erde schrumpfen. Der Exodus aus den Regionen mit tödlicher Hitze, mit Bodenerosion, Knappheit von Wasser und Nahrungsmitteln und aus den im steigenden Meeresspiegel untergehenden Küstenregionen und den auftauenden Permafrostregionen des Planeten wird sich mittel- bis langfristig auf die Lebensräume der Erde ausrichten, die noch dauerhafte menschengerechte Lebenschancen versprechen.
Doch auch dort leben bereits Menschen. Wie können sie friedlich zusammenkommen, wenn es selbst im reichen Europa und Nordamerika schon heute nicht möglich ist, auf Migration anders als mit Abschottung zu reagieren? Schließlich wird die Kombination dieser Konflikte zu starken Veränderungen in der ohnehin schon ungleichen globalen Verteilung von Wohlstand und Macht führen. Einige wenige Länder und Ländergruppen werden vom Klimawandel profitieren, während die meisten – insbesondere die ärmsten und verwundbarsten unter ihnen – unter akuten Engpässen leiden werden. Es wird Gewinner und Verlierer geben, und diese Veränderungen werden nach allem, was wir heute über Geopolitik wissen, wahrscheinlich nicht friedlich verlaufen.
Russland und die USA sind Beispiele für das Entstehen neuer und für die Forcierung schon vorhandener erwärmungsbedingter Spannungen. Diese sind dort besonders virulent, weil es sich um hochgerüstete, imperiale und militärisch aggressive Nationen mit den größten Atomwaffenarsenalen der Welt handelt. Welche weiteren Konflikte um die immer knapper werdenden Lebenschancen könnten noch entstehen? Wie könnten Menschen und Gesellschaften auf den Klimawandel reagieren, wie werden sie sich mit ihm einrichten, dort, wo er nicht mehr zu verhindern ist?
Die stark naturwissenschaftlich und modelltheoretisch arbeitende Klimawissenschaft vermag bis heute kaum, sich diese qualitativen Folgen für das Leben in der Zukunft konkret genug auszumalen. Sie beschreibt zwar mit immer besseren Modellen, auf Basis von heute sehr viel mehr verfügbaren Daten und einem stetigen Zuwachs an Rechnerleistung, immer detaillierter, in welchen Regionen und Teilregionen welche meteorologischen Folgen der Erderwärmung mit welcher Geschwindigkeit eintreten könnten. Sie ist aber nicht hinreichend in der Lage, die Vielfalt psychischer, sozialer, kultureller, politischer, technologischer und ökonomischer Reaktionen auf die sich entfaltende neue Klimarealität in den unterschiedlichen Ebenen und Funktionssystemen der menschlichen Gesellschaften zu erfassen, zu systematisieren und in ihrem komplexen Wirkgefüge zu analysieren.
Wir wissen deswegen zu wenig über die wahrscheinlichen gesellschaftlichen Reaktionen auf die Folgen der Erderwärmung. Daraus leitet sich die Aufgabe ab, systematisch spekulativ-mutmaßende Beschreibungen von Mechanismen der Übersetzung der physikalischen Erderwärmung in die sozialen und kulturellen Systeme zu erzeugen und damit eine neue Qualität von Diskurs-, Orientierungs- und Entscheidungswissen für Politik und Zivilgesellschaft zu schaffen. Dazu benötigen wir einen neuen epistemischen Ort, einen Knoten- und Vernetzungspunkt der verschiedensten Disziplinen und eine explorative »Methode«, um die abstrakten naturwissenschaftlichen Modelle der Erwärmungsforschung in vielschichtige, facettenreiche und zugleich gut kommunizierbare Sprach- und Bildnarrative unserer Lebenswelt in der Erderwärmung zu übersetzen.
Diese Methode sollte also gerade nicht als eine neue wissenschaftliche Disziplin oder ein neues literarisches Genre firmieren, sondern als eine gesamthafte, multiperspektivische, zugleich künstlerische und wissenschaftliche Erkundung unserer neuen Klimarealität im Gefüge der Wissenschaften, Künste und Literatur. Analytisch-prognostische Methoden, spekulativ-hermeneutische Denkweisen, historische Re-Kontextualisierungen 11 und innovative literarische und visuelle Erzählformen könnten zu diesem Zweck eine produktive Verbindung eingehen und in einer neuen Art wissenschaftsbasierter Klimanarrative die naturwissenschaftlich-reduktionistische Perspektivenverengung der Klimawissenschaften überwinden.
Diese Übersetzungsmethode bezeichne ich als Klimafuturologie. Sie beschreibt die Bedingungen, den zukünftigen Sach- und Situationszusammenhang und die möglichen Bruch- und Konfliktlinien möglicher Transformationen der Welt in der Erwärmungsepoche. Sie funktioniert wie eine Zukunftssonde oder wie ein Klima-Seismograf, indem sie die zu einem frühen Zeitpunkt noch schwachen Signale sich anbahnender Verwerfungen aus den Tiefenstrukturen von Gesellschaften aufnimmt, verstärkt, mit anderen Signalen verbindet und so eine systematische Frühwarnfunktion gegenüber den mit der Erderwärmung eskalierenden Risiken ausüben kann.
Sie erarbeitet so eine Art Zukunftslandkarte der globalen Geografie der neuen Klimarealität. Sich in dieser auskennen zu lernen, wird in der Epoche der Klimaresilienz für jede emanzipatorische und transformatorische politische Bewegung der Zukunft existenziell sein. Und angesichts der enormen generationenübergreifenden Langfristigkeit der Entfaltung der Erwärmungsfolgen wird es nötig sein, eine Langzeitperspektive zu entwickeln und Klimaanpassung über sehr viele Generationen hinweg politisch und sozial zu koordinieren.
Eine solche Aufgabe ist menschheitsgeschichtlich völlig neu, und es ist bislang vorbildlos, wie es gelingen kann, über eine so lange Zeit die Motivation und Rationalität dieser Anstrengung zu organisieren. Sicher ist damit nur, dass es als Wissensgrundlage des Policy-Designs solch protektiver Politik auch eines analytischen Langzeitdenkens bedarf. Nötig ist es, die übergreifende und langfristige Perspektive eines makroskopischen, quasi orbitalen Blicks zu entwickeln, den wir wissenschaftlich wie kulturell erst erlernen müssen, weil er außerhalb der Welt des Science-Fiction-Genres bislang kaum zu finden ist.12
Von der Science-Fiction kann die Klimafuturologie lernen, dass sie ihre Szenarien vielfältig und emotional im positiven Sinne ansprechend gestalten sollte, um einen politischen Impuls zu erzeugen. Das menschliche Gehirn scheint darauf programmiert, einem positiven Zukunftsbild folgen zu wollen. Die konkrete Vorstellbarkeit positiver Leitbilder der Klima-Mitigation und Klima-Anpassung und trotz aller Herausforderungen und Probleme zuversichtlicher Vorstellungen, vor allem im Hinblick auf das eigene individuelle Alltagsleben, könnte eine ungleich größere Aktivierungskraft sowohl für individuelle Handlungsbereitschaft als auch die Akzeptanzsteigerung von stark wirksamen politischen Maßnahmen zur Klima-Anpassung entwickeln als der heute weithin vorherrschende Krisendiskurs.
Wenn Menschen eine konkrete Vorstellung davon entwickeln, wie eine anders gelingende Zukunft aussehen kann, finden sie auch die Gestaltungskraft, einen guten Teil der Vision Realität werden zu lassen. Sie entwickeln im Sinne der positiven Psychologie 13 mithilfe eines optimistischen Zukunftsbildes Kraft für die nötigen Impulse, auf diese gute Zukunft hinzuarbeiten. Dabei gilt es, einige Grundregeln des Storytellings einzuhalten. So ergibt sich eine gute Kommunizierbarkeit komplexer, gesamthafter Zukünfte aus der Kombination von narrativer Vielfalt, fantasievoller Erzählkunst, dichter Beschreibung bei hinreichendem Detailreichtum, Alltäglichkeit und konkreter Wiedererkennbarkeit für die Adressaten 14. Im besten Fall entstehen so bei den individuellen Rezipienten innere Klimalandschaften, die ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen konstruktiv aufgreifen und über helles Zukunftsdenken auch die persönliche Resilienz steigern können.
Das nächste Kapitel ist im Stil eines solchen narrativen normativen Szenarios gehalten. Es ist der Versuch einer überwiegend positiven Gesamtbetrachtung, die – man muss es der Ehrlichkeit halber sagen – angesichts der tatsächlichen Entwicklungen wirklich nicht leichtfällt. Es bleibt – und auch das nur unter den besten annehmbaren Bedingungen – ein nur mögliches Zukunftsbild.
»Wir sollten unsere Geschichte nicht vorhersagen, wir sollten sie schreiben. Wir müssen uns selbst als die kollektiven Autoren unseres nächsten Kapitels sehen.«
(Erika Ilves & Anna Stillwell, The Human Project App)
Wie werden wir uns in Europa mit dem Klimawandel einrichten lernen? Erzählt wird die Antwort auf diese Frage in der Tradition der utopischen Reiseliteratur aus der Sicht einer Reporterin im Jahr 2050. Neben Zeitungsartikeln finden wir Berichte und Reistagebuchnotizen der amerikanischen Journalistin Carla Rodriguez, die für die Washington Post zur Klimamodernisierung arbeitet. Denn obwohl beziehungsweise gerade weil sich die USA seit der zweiten Machtergreifung von Donald Trump zunächst zum Schattenland eines isolationistischen und autoritären fossil-digitalen Retrokapitalismus entwickelt haben, sind die Auswirkungen der Erderwärmung in den USA massiv spürbar und Gegenstand einer anschwellenden Debatte über die Schutzaufgabe des Staates. Deswegen bleibt das Interesse an Berichten über die hoffnungsvollen Entwicklungen im Rest der Welt sehr groß.
Carla wird begleitet von ihrem ganz individuellen digitalen Helferlein, einem KI-Avatar mit dem Namen Joachim. Fast jeder Journalist, Wissenschaftler oder sonst irgendwie mit großen Informationsmengen arbeitende Person hat heute so eine autonom agierende und navigierende Unterstützung, die ihnen hilft, sich in der komplexen Vielfalt der informationellen Spiegelwelt des Metaversums sinnvoll zu orientieren, wie der gewiefte Diener Jean Passepartout, der Phileas Fogg bei seiner Reise um die Welt unterstützt und ganz autonom Lösungen für Probleme findet. Der junge Diener nimmt darin die Rolle des Organisators ein. Er bildet die Schnittstelle zur fremdartigen Außenwelt. In gleicher Weise wird Joachim für Carla zum Dolmetscher und Torwächter in der hochtechnisierten Gegenwart, die von unzähligen zu steuernden Kleinst- und Großgeräten bestimmt wird. Eine kleine Neigung zum Pathos und zur Schwatzhaftigkeit und Verspieltheit gönnt sich Joachim und lebt sie gerne in verschiedenen Varianten aus, denn er ist ein besonders hoch entwickelter KI-basierter autonomer Avatar der siebten Generation mit der Fähigkeit zur multiplen Persönlichkeitssimulation. Avatare der siebten Generation basieren auf einem besonders hohen Maß an Interaktivität mit ihrer Umwelt. Sie lernen selbsttätig und unbeaufsichtigt über ihren ubiquitären Zugang zu Sensordaten jedweder Art, aus visuellen, akustischen und taktilen Daten, aus jeder Art von Datenbank und aus personalisierten Zugängen. Joachim beispielsweise ist mit allen digitalen Schnittstellen und Datenquellen von Carla verbunden, vor allem mit ihrer visuellen Schnittstelle, einer schmalen iView-Datenbrille mit integrierten Filtern und Suchmasken. So hört und sieht er, was sie hört und sieht, liest, was sie liest, hört, was sie spricht, lernt aus ihrem Charakter und Persönlichkeitszügen und ist so in der Lage, Text und Recherchen in ihrem Stil und ihrem Mindset zu verfassen.
Als Carlas persönlicher Reise- und Rechercheassistent ist Joachim im Moment auf die Aufgabe angesetzt, alle vorhandenen Informationen über die Einflüsse und Entwicklungen in der Vergangenheit und Gegenwart der globalen Bewegung zusammenzutragen, die heute unter dem Namen »Klimabauhaus« bekannt ist. Es zeugt von Carlas Humor, ihre KI Joachim zu nennen. Sie hat ihn nach dem österreichischen Klimaforscher Schellnhuber benannt, der mit der Idee des Neuen Europäischen Bauhauses zusammen mit einigen anderen Wissenschaftlern, Architekten, Künstlern und Gestaltern das Kernelement der globalen Klimabauhaus-Bewegung erfunden hat. Schellnhuber gilt als Galionsfigur der Bewegung, die in Europa, genauer in dessen strategischem Kernland Deutschland und dort vor allem in Berlin ihren Ursprung hatte.
