Kursbuch 224 -  - E-Book

Kursbuch 224 E-Book

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Beschreibung

Dieses Kursbuch hat einem Umfang von 143 und einer Vakatseite, um es genau zu sagen. Ist das zu viel? Hätten nicht auch weniger gereicht? Oder ist es gar zu wenig? So wichtige Themen auf nur 143 Seiten? Ist es zu sparsam? Oder zu bescheiden? Oder nur zu blöd? Schauen wir genauer hin. Es geht in den Beiträgen dieses Kursbuchs allesamt um das angemessene Maß, und es geht darum, warum es sich nicht finden lässt und wir stets darauf stoßen, etwas sei "zu viel" oder "zu wenig" – und bisweilen wird beides über dasselbe behauptet. Drei Essays seien exemplarisch genannt: Der bekannte Philosoph Wilhelm Schmid plädiert für Askese, also die praktische Einübung eines Maßes. Ob etwas zu viel oder zu wenig ist, ist davon abhängig, was praktikabel ist, was die Frage nach der Angemessenheit nicht suspendiert, sondern praktisch auf sich selbst bezieht. Sibylle Anderl widmet sich der Frage einer kosmischen Asymmetrie, die es erst ermöglicht hat, dass aus dem Urknall überhaupt Substanzen entstanden sind, die die Basis für die materielle Welt darstellen. Nur, weil es bisweilen "zu viel" hiervon und "zu wenig" davon gab, ist es zu Ungleichgewichten gekommen, die sich zu Formen stabilisieren konnten. Annekathrin Kohout beschäftigt sich mit Eruptionen ganz anderer Art, nämlich mit dem Zuviel an Erregungsdynamiken durch Soziale Medien. Olaf Unverzarts Fotokolumne führt dieses Mal nach Katar – in ein Land, in dem alles (zumindest für die Begüterten) aus europäischer Perspektive als ein unglaubliches Zuviel erscheint, ein Zuviel an Luxus, an Ästhetik, an Größe, an Maßlosigkeit. In der VIZUAL-Kolumne visualisiert Jan Schwochow schließlich die Beiträge unterschiedlicher Einkommens- und Vermögensklassen am Steueraufkommen.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Armin Nassehi Editorial

Jan SchwochowVIZUALDie Infografik-Kolumne

SCHAUPLATZDie Fotokolumne von Olaf Unverzart

Wilhelm SchmidEs passt eigentlich nieGrundsätzliche Gedanken über das angemessene Maß

Sibylle AnderlZu den Sternen und zurückEine kosmische Reise vom Urknall bis zum digitalen Rohstoffhunger

IntermezzoWas haben Sie eigentlich gegen Reiche?Christian Neuhäuser

Annekathrin KohoutMüde, aber aufgedreht!Über die Erregungsdynamiken der Sozialen Medien

Maja Göpel Zu viel Ich, zu wenig Wir? Im Gespräch mit Peter Felixberger und Armin Nassehi

IntermezzoWas haben Sie eigentlich gegen Reiche?Pascal Goeke

Clemens FuestMythen in TütenWarum der Wohlstand steigt, Armut sinkt, die Wirtschaft stagniert, Staatsausgaben wachsen und die privaten Investitionen fallen

Berit Glanz | Islandtief (16)Veilchen am PolarkreisDie Berit-Glanz-Kolumne

Thomas HutzschenreuterPass auf, wo der Weg langgehtÜber die (Nicht-)Optimierbarkeit von Strategien

LEGODie Buchkolumne von Peter Felixberger

Die Autoren und Autorinnen

Impressum

Armin Nassehi Editorial

So ein Kursbuch hat viel Text. Über 140 Seiten sind es geworden. 143 und eine Vakatseite, um es genau zu sagen. Ist das zu viel? Hätten nicht auch 108 gereicht? Oder 85? Wäre irgendetwas verloren gegangen, wenn man die Dinge auf 80 Seiten verdichtet hätte? Oder ist es gar zu wenig? So wichtige Themen, entfaltet in aller Knappheit auf nur 143 Seiten. Andere hätten sich 196 oder gar 208 Seiten gegönnt. Nur wir nicht. Sind wir zu sparsam? Oder zu bescheiden? Oder nur zu blöd, im Editorial nicht ernsthaftere Fragen zu stellen?

Es geht in den Beiträgen dieses Kursbuchs allesamt um das angemessene Maß, und es geht darum, warum es sich nicht finden lässt und wir stets darauf stoßen, etwas sei »zu viel« oder »zu wenig« – und bisweilen wird beides über dasselbe behauptet. Insofern sind die obigen Fragen gar nicht so blöd. Was ist die angemessene Länge beziehungsweise Seitenzahl für eine Zeitschrift wie das Kursbuch? Ist es sinnvoll, Essays mit einer Länge von circa 25 000 Zeichen inklusive Leerzeichen zu schreiben? In einer Zeit, in der Texte eher kürzer werden, in den sozialen Medien sogar aphoristisch kurz. Die Frage stellt sich wirklich. Ich habe selbst in allen Kursbüchern, die wir seit 2012 herausgeben, einen Beitrag geschrieben (ich glaube, es gab nur zwei Ausnahmen, viel mehr jedenfalls nicht). Das Format des Kursbuch-Beitrages ist mir beim Schreiben so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich stets auf eine Länge von 25 000 bis 30 000 Zeichen komme, ohne das planen zu müssen, weil es sich inzwischen praktisch fügt. Ist das eher ein Zeichen, dass die Zeichenzahl angemessen ist, oder ist es nur ein Effekt der Gewohnheit und einer normativen Kraft des Faktischen, die im Nachhinein als das rechte Maß gemessen wird? Sind die Texte doch zu lang? Und wenn ja, warum? Und wenn nein, warum nicht?

Man könnte so weitermachen und wird feststellen, dass sich das goldene Maß nicht einstellt und dass Gründe für alle möglichen Lösungen zu finden sind. Und so geht es auch den Beiträgen dieses Kursbuchs, die sich allesamt schwertun, das angemessene Maß zu bestimmen. Sie arbeiten sich vielmehr reflexiv daran ab, dass eine solche Bestimmung ebenso unmöglich wie erforderlich ist. Am grundsätzlichsten zeigt das der Beitrag von Wilhelm Schmid, der an verschiedenen Beispielen darstellt, wie voraussetzungsvoll die Aufgabe ist, zwischen »zu viel« und »zu wenig« zu vermitteln. Seine Lösung ist eine praktische. Er plädiert für Askese, also die praktische Einübung eines Maßes. Ob etwas zu viel oder zu wenig ist, ist davon abhängig, was praktikabel ist, was die Frage nach der Angemessenheit nicht suspendiert, sondern praktisch auf sich selbst bezieht.

Ist Schmids Perspektive schon existenziell, wird das durch diejenige von Sibylle Anderl noch einmal ins Kosmische gesteigert. Sie schreibt: »›Zu viel, zu wenig‹ ist die Schlüsselformel, dass es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts.« Sie widmet sich der Frage einer kosmischen Asymmetrie, die es erst ermöglicht hat, dass aus dem Urknall überhaupt Substanzen entstanden sind, die die Basis für die materielle Welt darstellen. Nur weil es bisweilen »zu viel« hiervon und »zu wenig« davon gab, ist es zu Ungleichgewichten gekommen, die sich zu Formen stabilisieren konnten – um das sehr laienhaft zu rekonstruieren. Kritische Rohstoffe auf der Erde (von denen es ökonomisch gesehen immer zu wenig und vor allem zu wenig »hier« gibt), etwa Seltene Erden, tragen die Spuren dieser Ordnungsbildung noch in sich – und sind selbst im Laufe der Erdgeschichte von außen als Folge kosmischer Ereignisse auf die Erde gekommen.

Annekathrin Kohout beschäftigt sich mit Eruptionen ganz anderer Art, nämlich mit dem Zuviel an Erregungsdynamiken durch Soziale Medien – und kommt zu der griffigen Diagnose, dass es nicht einfach um ein Zuviel geht, sondern darum, dass aus Reflexion bloße Reflexe werden, die sich dann selbst steigern. Also auch hier eine Frage des Maßes, das offensichtlich schwer zu erreichen ist. Genauso wie bei Thomas Hutzschenreuter, der in Managementstrategien nicht auf Totalkontrolle setzt, sondern, wenn man das so paraphrasieren kann, auf kontrollierten Kontrollverlust. Mein eigener Beitrag nimmt ebenfalls die Frage nach dem Maß auf – auf 25 000 Zeichen. Ist das zu viel? Lassen wir das.

Mit Maja Göpel haben Peter Felixberger und ich ein, wie wir finden, sehr aufschlussreiches Gespräch geführt, in dem sie sehr deutlich hinweist, wie sich durch bestimmte Konstellationen privater und öffentlicher Handlungsfähigkeit Anreize verschieben und Fehlallokationen verursacht werden. Politisch wird daraus die Frage nach zu viel Ich und zu viel Wir – und das Gespräch ringt darum, wie man hier nicht nur ein Maß definieren kann, sondern auch, ob es das Maß ist, an dem man überhaupt ansetzen kann. Wir danken Maja für ihre interessante Perspektive auf die Dinge.

Sehr lesenswert ist die unaufgeregte Form, in der Clemens Fuest durch den Dschungel des Verhältnisses öffentlicher und privater Finanzen, der Verteilung von Vermögen und Einkommen sowie der Handlungsfähigkeit von Staaten und privaten Akteuren führt – Teile davon werden überdies in der VIZUAL-Kolumne von Jan Schwochow visualisiert, etwa die Beiträge unterschiedlicher Einkommens- und Vermögensklassen am Steueraufkommen.

Olaf Unverzarts Fotokolumne führt uns nach Katar – in ein Land, in dem alles (zumindest für die Begüterten) aus europäischer Perspektive als ein unglaubliches Zuviel erscheint, ein Zuviel an Luxus, an Ästhetik, an Größe, an Maßlosigkeit – und man darf sicher sein, dass sich auch dort trotz aller Fülle die Frage nach dem rechten Maß stellt. Die Bilder zeigen jedenfalls, dass die Fragestellung nach dem Maß selbst skalierbar zu sein scheint.

Für unsere Intermezzi von Christian Neuhäuser und Pascal Goeke haben wir die provokative Frage gestellt, was sie gegen Reiche haben. Beide betonen direkt am Anfang »nichts«, gar nichts – um dann über die Konstellationen nachzudenken, was die Frage bedeutet.

Berit Glanz kämpft in ihrem 16. »Islandtief« mit zu viel Schnee – einerseits ästhetisch schön, andererseits eine Folge des Klimawandels, der sich gerade in der ungewöhnlichen Klimasituation Islands auf besondere Weise niederschlägt.

Und schließlich bespricht Peter Felixberger in seiner LEGO-Kolumne das Buch Die Scham von Frédéric Gros. Er empfiehlt das Buch mit Nachdruck, ein Buch, das einerseits Bedingungen für Scham und Peinlichkeit aufzeigt, andererseits nach der Möglichkeit einer kathartisch wirksamen Scham sucht, die sich dann produktiv wenden lässt.

Wenn ich dieses Editorial so lese, dann scheint mir, dass für all das, was wir hier zu bieten haben, 143 Seiten das sich aufdrängende Maß ist. Weniger wäre zu wenig. Mehr wäre zu viel. Und das Schönste daran: Es lässt sich nicht widerlegen, weil dieses Kursbuch so ist, wie es ist. Wie sagen die Schöpfer unter uns? »Und siehe, es war gut.«

Jan SchwochowStarke schultern Verantwortung | VIZUAL

Die Einkommenssteuer in Deutschland soll eigentlich für mehr Gerechtigkeit sorgen: Wer weniger verdient, gibt prozentual weniger an den Staat ab als jemand mit einem deutlich höheren Einkommen. Doch ist dieses System heute noch zeitgemäß und wirklich fair? Deutschland zählt zu den reichsten Ländern der Welt – dennoch wächst die Kluft zwischen Arm und Reich stetig. Menschen mit hohen Vermögen können ihr Geld gewinnbringend anlegen und so immer mehr Reichtum anhäufen, während diejenigen mit geringem Einkommen kaum noch die Chance ergreifen können, finanziell aufzusteigen.

SCHAUPLATZDie Fotokolumne von Olaf Unverzart

Am Ende dieser kleinen Bildstrecke steht ein Haus mit einer roten Schleife. Irgendwo in Katar. Mein Guide erklärte mir, es handle sich um ein Geburtstagsgeschenk eines Scheichs an seine Ehefrau. Ich erinnere mich gut – es war für mich der Inbegriff von Reichtum und Dekadenz. Kein Einzelfall. Here we go! Die Parade kostspieliger und fragwürdiger Hobbys tritt auf: dicke Autos, Kamelrennen, Jetskis oder das Halten von Greifvögeln. Katar sorgt gut für seine einheimischen Bürger in einer klimatisierten Welt – während rund 90 Prozent der Bevölkerung ausländische Arbeitskräfte sind, oft Migranten, die für wenig Geld hart arbeiten müssen. Die Gesellschaft ist nach Herkunft, Status und Berufsschicht getrennt. Reichtum ist gleich Zucker, Aircondition, PS, Protz und Überfluss. Meine Begegnung mit dem Land und seinem Wohlstand war geprägt von Missverständnissen und gegenseitiger Verwunderung. Überangebot und Künstlichkeit waren alles andere als zurückhaltend. Am Ende fehlten mir Verzicht, Respekt sowie die Gabe, dass man eher miteinander und aufeinander schaut.

Wilhelm SchmidEs passt eigentlich nieGrundsätzliche Gedanken über das angemessene Maß

Ein Abend auf dem Sofa. Beziehungsgespräch. Mein Gegenüber findet, ich lasse zu wenig Nähe zu. Ich staune, eigentlich ist es mir fast zu viel. Was jetzt? Keine Sorge, wir haben immer einen Weg gefunden. Getrennt haben wir uns nie. Aber es ist diese Frage, die alle kennen, auch wenn sie oft mit Bingewatching übersprungen wird. Und sie stellt sich bei Weitem nicht nur in Beziehungen: Zu viel oder zu wenig? Die meisten kleinen und großen Lebensfragen werden von dieser konstanten Zusatzfrage begleitet, Tag für Tag. Es genügt nicht, etwas zu trinken, auch wenn es nur Wasser ist: Trinke ich zu viel oder zu wenig? Esse ich zu viel von diesem Fisch, zu wenig von jenem? Habe ich zu viele Kontakte oder zu wenige? Mache ich zu viel Gebrauch von digitalen Medien oder zu wenig? Selbst die Natur tut sich bekanntlich recht schwer mit dem Thema: Mal regnet es zu viel und die Sonne scheint zu wenig, dann regnet es zu wenig und die Sonne scheint zu viel. Es passt eigentlich nie.

Wie schwierig es ist, das richtige Maß zu treffen, erweist sich daran, dass es stets aufs Neue verfehlt wird, nach wechselnden Seiten hin. Eine Balance wäre gut, endlich ein Ende mit dem ewigen Zuviel oder Zuwenig. Die Balance, das richtige Maß, liegt genau dazwischen, sollte man meinen, also in der Mitte. Und wie ist sie zuverlässig zu erreichen? Ganz so wie ein Betrunkener, der mal links und mal rechts in den Straßengraben fällt. Statistisch gesehen bewegt er sich genau in der Mitte. So leben wir. Das richtige Maß pendelt sich im Hin und Her zwischen den Straßengräben ein. Oder, wie Aristoteles, der Denker des Maßes, nüchtern meinte: Es sei unvermeidlich, »gelegentlich nach der Seite des Zuviel, dann nach der des Zuwenig auszubiegen, denn so werden wir am leichtesten die Mitte und das Richtige treffen« (Nikomachische Ethik, Buch 2, Schluss). Im Wanken zwischen Übermaß (hyperbole) und Untermaß (elleipsis), zwischen Übertreibung und Untertreibung in vielerlei Dingen, ist das Maß zu finden, das als das angemessene erscheint.

Dem, der sich partout nicht betrinken will, um sich dem richtigen Maß anzunähern, steht ein exemplarisches Übungsfeld zur Verfügung: Sex. Das Zuwenig kennen hier ziemlich viele, aber was ist mit dem Zuviel? Ein mutiges Paar hat es mal gewagt: 100 Tage Sex in Serie, ein wahrhaft großes Abenteuer. Die Überlebenden berichteten öffentlich (im einschlägigen Fachorgan Men’s Health, April 2014) von neu gewonnener Nähe, aber auch von wunden Stellen, gefühltem Überdruss, größerer Infektanfälligkeit. Das richtige Maß kann also auch gesundheitlich relevant sein. Alle wissen aus Erfahrung: Die Verfassung der Ichs, ja sogar ihre Tagesform, spielt eine Rolle. Die Koordination ist regelmäßig schwierig. Nach anfänglicher Gleichgestimmtheit passt es später nur noch selten. Was dem einen zu viel ist, ist der anderen zu wenig, und umgekehrt.

Bei allen Freuden gibt es ein Zuviel und Zuwenig. Was momentan so gut mundet, dass ich mich schlicht überfresse, schmeckt mir morgen nicht mehr. Dann verzichte ich für eine Weile auf den Genuss, bis ich bemerke, dass mir etwas fehlt. Sich Genüssen auch willentlich zu versagen, kann dazu dienen, sich in Selbstmächtigkeit zu üben. Wichtig wäre aber, sie dann wieder zu suchen, um nicht stumpfsinnig zu werden. Auf Genüsse völlig zu verzichten, würde eine reich sprudelnde Quelle der Lebensfreude austrocknen. Der Mensch, der nicht genießen kann, wird ungenießbar. Also: Lieber üben, um den persönlichen Weg zwischen Zuviel und Zuwenig zu finden, jeden Tag, jede Nacht neu, denn kein Weg ist für alle Zeiten geeignet.

Um Übung geht es immer, das griechische Wort dafür ist Askesis. Es ist nicht das, wofür viele es halten. Es ist nicht Entsagung und Kasteiung. Übung dient dazu, Gewöhnung zu schaffen. Gewöhnung ist die Realisierung einer Veränderung, und dies nicht nur für einen Tag. Das ist bestens bekannt im Sport, man nennt es Training. Auch in der Musik ist nichts zu erreichen ohne kontinuierliche Übungsstunden. Die Astronautik ist undenkbar ohne Einübung in die unterschiedlichsten Situationen, um Körper und Geist auf die Herausforderungen vorzubereiten. Menschen können alles bewältigen, wenn sie sich daran gewöhnen. Leider gilt das auch für üble Dinge wie kriminelle Handlungen und Kriegsführung.

Askese ist nötig, um das richtige Maß einzuüben, und das bedeutet in der Welt der Moderne (nicht identisch mit »der Welt«), mit einem Übermaß an Möglichkeiten zurechtzukommen. Andere Zeiten hatten ein Problem mit dem Zuwenig, und auch heute sind viele überzeugt, dass sie von allem zu wenig haben. Aber es war der Stolz derer, die die Moderne befördert haben (die Philosophen der Aufklärung vorneweg), Menschen aus dem Elend des Zuwenig zu befreien und ihnen Möglichkeiten fürs Leben zu verschaffen. Einst mussten Menschen froh sein, überhaupt etwas zu essen zu haben, bestenfalls gehörte eine einzige Sorte von Joghurt dazu. Die Moderne brachte eine Befreiung von diesen bedrückenden Zuständen mit sich, die weitgehende Befreiung moderner Gesellschaften vom Hunger ist eine historische Errungenschaft. Mit dem Resultat: Zehn Sorten Joghurt stehen im Regal vor mir, und jetzt?

Als Epoche der Freiheit ist die Moderne zu einer Kultur der Wahl geworden, ja man kann sagen, dass die freie Wahl zu einem Zwang geworden ist. Moderne Menschen müssen wählen. Sie müssen mit dem Zuviel an Möglichkeiten fertigwerden, das ihnen an einem einzigen Abend erlaubt, italienisch, chinesisch, vietnamesisch etc. Essen zu gehen, einen von vielen Klubs aufzusuchen, bei mindestens einer Party vorbeizuschauen, zu Hause allein oder mit anderen zahllose Serien zu gucken oder sich auf Plattformen im Web zu tummeln. Um schließlich festzustellen: Das Leben tobt immer dort, wo ich nicht bin. Also müssen sie unbedingt dorthin. Um festzustellen, dass es jetzt woanders tobt. Übrig bleibt ein Gefühl der Leere, denn sie waren nirgendwo wirklich dabei.

Es ist eine simple Lebenswahrheit: Jede Realisierung einer Möglichkeit bedeutet, auf die Realisierung anderer Möglichkeiten verzichten zu müssen, zumindest zur selben Zeit. Eine besonders schmerzliche Erfahrung ist dies in einer Epoche, die eine solche Vielzahl an verlockenden Möglichkeiten bietet, dass die Versuchung naheliegt, sie alle realisieren zu wollen. Das Zuviel an Möglichkeiten macht Menschen unglücklich, weil das Leben viel zu kurz ist, um alle zu realisieren, obwohl es länger ist als je zuvor. So sehr moderne Menschen fürchten, in der Vielzahl der Möglichkeiten zu ertrinken, so sehr liegt es ihnen fern, auch nur auf eine einzige freiwillig zu verzichten oder die Zahl der Möglichkeiten durch eine selbst gewählte Reduktion einzugrenzen. Alles ist möglich? Ja, das ist das Motto der Moderne, aber sich auf alles einzulassen heißt, nichts mehr zustande zu bringen.

Besser, ich entscheide mich für eines und verzichte auf alles andere, ohne Reue. Jetzt ist Askese also doch Verzicht. Mit einem entscheidenden Unterschied: nicht als verpflichtende Norm, sondern als selbst gewählte Form des Lebens. Unverzichtbar ist die Askese des partiellen Verzichts nicht aus moralischen Gründen, sondern aus Gründen der Lebbarkeit, um nicht der Angst zu erliegen, etwas zu verpassen, FOMO genannt, Fear of Missing Out. Nicht nur junge Menschen leiden daran. Das beste Heilmittel aber ist Verzichtenkönnen. Wer nicht auswählt, macht sich verrückt. Es geht im Leben um Stil? Aber Stil heißt immer, etwas Bestimmtes auszuwählen und sich darauf festzulegen, statt vieles oder alles zu wollen; sich auf etwas zu konzentrieren, statt die Kräfte zu zerstreuen; und sich nicht irgendwie zu verhalten, sondern der eigenen Haltung und dem Verhalten Formen zu geben und Grenzen zu setzen. Das betrifft große Fragen wie die Entscheidung für eine Beziehung, um nicht auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen, ohne auch nur eine wirklich zu erleben. Vor allem aber betrifft es kleine Fragen im Alltag wie etwa: Was mache ich heute Abend? Ich entscheide mich für eines und verzichte freudig auf alles, was zu viel ist: JOMO Joy of Missing Out.

Daher umfasst die Lebenskunst in moderner Zeit eine Ehrenrettung des angestaubten Begriffs der Askese. Die Übung des partiellen, in manchen Fällen auch dauerhaften Verzichts hilft, sich nicht in zu vielem zu verlieren. Die Begrenzung auf die Realisierung weniger Möglichkeiten intensiviert das Leben und verhindert seine Zerstreuung in Beliebigkeit. Übung ist nötig, um auszuwählen, das Ausgewählte voll und ganz zu realisieren und die Fähigkeit dazu auszubauen. Mit der Übung der Zurückhaltung und Enthaltung kann die Askese auch Genüssen mal Erholung gönnen, sie in der Folge weiter steigern und, wenn es zu viel wird, auf andere Arten von Genüssen auszuweichen. Der volle Genuss profitiert von vollen Speichern an Hormonen wie Serotonin, Dopamin, Noradrenalin. Je größer der Genuss, desto tiefer der Speicherstand. Als wäre ein Ausschalter betätigt worden, sind die tollen Gefühle plötzlich weg. Die Speicher müssen von Neuem aufgefüllt werden. Das dauert.

Das richtige Maß, das durch Einübung (halbwegs) erreicht wird, könnte Suffizienz sein, also das, was genügt (sufficit im Lateinischen), um erfüllt zu sein und sagen zu können: Mehr brauche ich nicht. Nicht das Maximum steht dabei infrage, das mich überfordern könnte, sondern das Optimum, das am besten zu mir passt. Das lässt sich asketisch erproben. Suboptimal sollte das Maß nicht ausfallen, sonst mangelt es an der Freude. Völlig übertrieben auch nicht, sonst wächst mit dem Überfluss der Überdruss. Wohldosiert bringen Genüsse eine willkommene Abwechslung im Alltag mit sich. Überdosiert können sie zur Sucht verleiten, die zerstörerisch wirkt. Nur zum Teil hat das richtige Maß mit Quantität zu tun. Weit mehr verdankt es sich der Qualität, die ein Zuwenig, aber kaum ein Zuviel kennt, sei es beim Essen, bei Wein, Kaffee, Schokolade oder beim Sex. Und was ist nun das richtige Maß? Es ist nicht per Theorie festzulegen, sondern nur durch Praxis in Erfahrung zu bringen.

Zu keinem Zeitpunkt ist das Hin und Her zwischen Zuviel und Zuwenig abgeschlossen, immer handelt es sich um eine Pendelbewegung. Ein poetischer Ausdruck dafür ist Schaukeln