Kurz und bündig - Detlef Brettschneider - E-Book

Kurz und bündig E-Book

Detlef Brettschneider

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Beschreibung

Genau wie in den fünf vorangegangenen Büchern reiht der Autor auch diesmal wieder Kurzgeschichte an Kurzgeschichte, wobei er wie üblich zwischen den Genres schamlos hin und her hüpft. Ob Krimi, Liebe oder Science-Fiction, nichts wird ausgespart. Auch die Lieblingsfiguren des Schreibers, der adipöse Kommissar Riemer und der tollpatschige Privatdetektiv Baer, sind wieder mit von der Partie.

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Inhalt

Part 6

Ich

Das Parfüm

Oumuamua

Fremdworte

Die Sache mit dem SUV

Das Motto

Auf den Hund gekommen

Schimmlers Idee

Octonium

Erna Singmann

Alles Corona, oder was?

Die Feier

Viviana Paule

Powidl

Corona-Update 2020

PFAS

Röhrchen

Ursache und Wirkung

Die MM

Handlos

Das Sternchen

Danke Mama!

Meine Zeitreise

Zwei Tote in einer Villa

Telefonat mit Mami

Beklaut

Brief an Anonymus

Computerfreuden

Hölle und Teufel

Der angebliche Nachbar

Ragodda

Urlaub

Wölfi

Ist er es?

Heilu und der Hund

Bierbachs Bruder

Zwei Kater

Multiversum

Der Schmale

Über den Autor

Part 6

Wie diese Überschrift vermuten lässt, ist das nun schon das 6. Buch mit Kurzgeschichten, welches ich im stillen Kämmerlein verbrochen habe. Wer meine vorangegangenen Machwerke noch nicht gelesen hat, dem sei gesagt, dass ich mich nicht unbedingt als Schriftsteller sehe. Ich vergleiche mich eher mit der naiven Malerei, denn ich bin überzeugt, meine Texte gehören zur naiven Schriftstellerei. Wer übrigens im Duden nach dem Wort „naiv“ sucht, der findet:

Von kindlich unbefangener, direkter und unkritischer Gemüts-, Denkart zeugend; treuherzige Arglosigkeit beweisend; wenig Erfahrung, Sachkenntnis oder Urteilsvermögen erkennen lassend und entsprechend einfältig wirkend.

Trifft zu!

Übereinstimmungen bzw. Ähnlichkeiten von Namen, Orten, Geschehnissen oder sonstigen Dingen sind nicht gewollt und entsprechen in keinem Fall den Tatsachen.

Ich

Ich glaube es hackt! Da draußen laufen Leute rum, die man besser zurückentwickeln und neu zeugen sollte. Wie zum Beispiel dieser Doktor Holzmann. Doktoren sind das Schlimmste. Wenn schon einer Holzmann heißt, da weiß ich doch gleich, was das für einer ist. Der könnte doch auch Pinocchio heißen. Ist doch auch aus Holz. Und Doktor, dass ich nicht lache. Der ist nicht mal richtiger Doktor. Ich meine, der ist schon Doktor, aber eben kein Doktor. Also kein Arzt. Doktor der Physik. Der will Atomkerne spalten. Warum sollte ein geistig Gesunder Dinge spalten, die von Haus aus schon kleiner als ein Millimeter sind. Typisch Doktor. Ich hasse Doktoren, Doktoren und Hundebesitzer. Hundebesitzer sind das Schlimmste. Die reden mit den Viechern, als wären diese Bestien intelligent. Was ich einem Hausschwein in zwei Tagen beibringen kann, dafür braucht man bei einem Hund zwei Wochen. Dann tut dieses abstoßende Getier auch noch so scheinheilig. Setzt sich hin und kratzt sich hinter dem Ohr, als würde es überlegen. Und die Besitzer fallen darauf rein. Wenn diese unnützen Geschöpfe wenigstens aufs Bellen verzichten würden, aber nein, die kläffen auch dann, wenn ich mal schlafen will. Man könnte doch zum Gesetz erheben, dass Herrchen oder Frauchen einen schalldichten Raum in ihrer Wohnung anlegen müssen. Nebenbei bemerkt, man kann diese Kreaturen auch einschläfern lassen. Der Mieter unter mir zahlt nicht einmal Hundesteuern. Angeblich weil er blind ist. Da müsste er doch von Rechts wegen das Doppelte zahlen. Der sieht nicht mal, wenn seine Töle einen Haufen macht, und kann somit diese Tretminen auch nicht aufsammeln. Und ich bin gezwungen, mir dann neue Schuhe zu kaufen. Ich hasse Hundebesitzer, Hundebesitzer und Rentner. Rentner sind das Schlimmste. Die arbeiten nichts, stehen aber an der Supermarktkasse immer vor mir und suchen stundenlang ihre Münzen in den abgeschabten Portmonees. Und im Wartezimmer beim Arzt lesen sie diese bescheuerten Zeitschriften und sind auch immer früher an der Reihe als ich. Außerdem blockieren sie mit ihren beschissenen Rollatoren die Gehwege für uns Menschen. In der Wohnung über mir haust so eine Zimtzicke. Die will sich im Treppenhaus immer mit mir unterhalten. Und die hat tatsächlich montags gute Laune. Zum Kotzen. Ich hasse Rentner, Rentner und Ausländer. Ausländer sind das Schlimmste. Die kommen alle mit ihren Schlauchbooten über den Ozean geschippert, bloß um uns die Arbeit wegzunehmen. Nicht mal richtig deutsch reden können die. Im Nachbarhaus wohnt so einer. Der kratzt im Klärwerk die angetrocknete Scheiße von den Bottichwänden. Das könnte sonst ein Deutscher machen. Und dann gehen ja auch einige von denen auf der Flucht unter und ertrinken. Das tun die nur, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen. Ich hasse Ausländer, Ausländer und Katzenbesitzer. Katzenbesitzer sind das Schlimmste. Ziemlich genau 1,6 Millionen Euro geben diese Menschen für Feucht- und Trockenfutter sowie Snacks in einem Jahr aus. Wie blöd kann man sein? Die Mistviecher sind doch durchaus in der Lage ihr Futter selber zu jagen. Nach dem zweiten Weltkrieg hat man wenigstens solche Streuner gefangen und anstelle von Hasen verspeist. Heutzutage machen sich diese Sohlengänger in unseren Wohnungen breit. Obendrein glotzen diese zu klein geratenen Raubtiere immer enorm überheblich. Und die Besitzer finden das auch noch süß. Ich hasse Katzenbesitzer, Katzenbesitzer und Bettler. Bettler sind das Schlimmste. Die sitzen in meiner Fußgängerzone herum und glotzen blöd, obwohl jeder Arzt sagt, dass sitzen ungesund ist. Und dann wollen sie auch noch Geld haben. Ich gebe nichts. Die Kerle verfressen das doch bloß. Meistens sind die dann auch noch Obdachlos. Können sich einen schönen Tag machen, während ich zu Hause putzen muss. Ich hasse Bettler, Bettler und Vegetarier. Vegetarier sind das Schlimmste. Es mag schon sein, dass einigen kein Fleisch schmeckt, aber wenn die meinen, mit Fleischlosigkeit die Welt zu retten, dann sollten die erstmal den Löwen und Tigern das Pflanzenfressen beibringen. Und das Argument, dass Fleisch als Nahrung für Großkatzen naturgegeben ist, zieht nicht. Menschen haben von Natur aus auch schon immer Fleisch gegessen. Inzwischen ist es aber leider schon so weit, dass selbst Kannibalen nur noch Vegetarier essen. Es ist zur Mode geworden. Ich hasse Vegetarier, Vegetarier und Kinder. Kinder sind das Schlimmste. Schon als Säuglinge machen sie nur Dreck und Lärm. Man kann sich nicht vernünftig mit ihnen unterhalten, sie hindern einen am Schlafen, verlangen spezielle Nahrung, steuern aber nichts zur Haushaltskasse bei. Auch später wohnen sie in unseren Behausungen ohne Miete zu zahlen. Für diese Blagen werden extra Kinderspielplätze angelegt. Aber nichts dergleichen für uns Erwachsene. Ich hasse Kinder, Kinder und Leute. Leute sind nun wirklich das Allerschlimmste. Aber es gibt zum Glück einen Menschen, durch den diese Welt einigermaßen erträglich wird. Und das bin ich.

Das Parfüm

Es war ein schöner Tag. Dem Wetter nach. Nicht etwa wegen meiner Tätigkeit. Ich hatte wieder einmal die Komplettreinigung meines Büros auf der Agenda. Als erstes Fensterputzen. Das machte mir noch den geringsten Ärger. Das Glasteil der Bürotür kam als Nächstes dran. Besonders die Anfangsbuchstaben der eingeätzten Schrift „Baer und Behr“ musste ich mit einem Zahnstocher auskratzen, da mein Fensterputztuch sich standhaft weigerte, den hartnäckigen Schmutz aus den dünnen Rillen zu tilgen. Danach nahm ich mir schweren Herzens den Schreibtisch meines verstorbenen Freundes Max vor. Ich hätte ihn schon längst aus meinem Büro entfernen sollen, brachte es aber einfach nicht übers Herz. Da das Möbel aber von niemanden mehr genutzt wurde, hatte sich der Staub dort besonders hinterhältig an Ecken und Kanten eingenistet. Da konnte es schon mal vorkommen, dass während meiner Putzattacke ein zarter Fluch über meine Lippen glitt. Während ich gerade ein besonders hässliches Wort ausstieß, öffnete sich die Tür und eine Frau in Jeans und weißer Bluse betrat mein Büro: „Ich hoffe mal, Sie meinen damit nicht mich!“ Mit einem verlegenen Lächeln und rotem Kopf entschuldigte ich mich, und bot ihr Platz an. Nachdem ich den Staublappen in die Ramschschublade meines Schreibtisches versenkt hatte, setzte ich mich ebenfalls und fragte zuckersüß: „Was ist ihr Begehr?“ Sie schaute mich ziemlich abfällig an: „Reden Sie immer so geschraubt?“ Ich schüttelte bedächtig den Kopf. Dann betrachtete ich sie genauer. Sie hatte die blondierten Haare zu einem Pferdeschwanz gebündelt, und ihre Augenbrauen waren akkurat gezupft. Bei den Wimpern war ich mir nicht ganz so sicher, ob die nun echt oder vielleicht doch angeklebt waren. Falls sie die Lippen geschminkt hatte, dann derart dezent, dass es nicht auffiel. Meine Begutachtung schien unabsichtlich länger als normal ausgefallen zu sein, denn sie fragte spöttisch: „Gefällt Ihnen, was Sie sehen, oder brauchen Sie noch mehr Zeit zum Gaffen?“ Mein Gesicht erarbeitete sich erneut einen schwachen Schimmer unangenehmer Röte: „Entschuldigung! Also was kann ich für Sie tun?“ Sie lächelte: „Zunächst können Sie erstmal eine Frage beantworten! Sind Sie verheiratet?“ Mir war nicht recht klar, was diese Frage bedeuten sollte. Die Gute wollte mich doch sicherlich nicht ehelichen. Also kratzte ich in meinem Gehirn eine möglichst kluge Antwort zusammen. Diese lautete dann: „Gemäß des im Jahre 2006 erlassenen Gleichbehandlungsgesetzes, welches umgangssprachlich auch als Antidiskriminierungsgesetz bekannt wurde, ist eine Diskriminierung im rechtlichen Sinne eine Ungleichbehandlung einer oder mehrerer Personen. Also darf ich dementsprechend gar keine Ehe eingehen, da mich sonst alle anderen Frauen nicht mehr heiraten könnten, was eine ausdrückliche Ungleichbehandlung dieser Frauen darstellen würde. Logischerweise bin ich ledig. Aber was bezwecken Sie eigentlich mit dieser Frage?“ Sie strich sich ein einzelnes Haar aus dem Gesicht: „Wie es aussieht, hören Sie sich gerne reden. Aber ich will Ihnen gern den Grund meiner Frage verraten. Nach meiner Erfahrung halten nämlich verheiratete Männer meistens zusammen, wenn es gegen die Ehefrau geht, auch wenn sie im Unrecht sind. Der Freund meines Mannes, der auch gleichzeitig der Mann meiner Freundin ist, streitet zum Beispiel vehement ab, dass mein Göttergatte ein Verhältnis hat“. Ich hakte ein: „Vielleicht hat ja Ihr Gatte auch gar kein Verhältnis“. Sie konterte: „Ja sicher! Und warum erzählt er mir, er würde Überstunden machen, aber wenn ich in seiner Firma anrufe, dann ist er stets gerade zufällig nicht zu erreichen. Abends riechen dann seine Klamotten immer nach irgendwelchen Kosmetika. Angeblich weil eine Kollegin beim Vorbeigehen ihren starken Geruch auf ihn übertragen hätte. Dass ich nicht lache! Wir sind erst ein Jahr verheiratet, und der Mistkerl betrügt mich bereits. Können Sie sich das vorstellen?“ Ich raspelte etwas Süßholz: „Nein, das kann ich mir bei einer so schönen Frau einfach nicht vorstellen“. Sie wurde richtig böse: „Hören Sie mit Ihren blöden Schmeicheleien auf! Ich will einfach nur, dass Sie herausfinden, wer die andere ist!“ Ich nickte: „Darf ich aber zuerst erfahren, wer Sie sind? Auch Ihre Adresse wäre hilfreich. Und eventuell der Name der Firma Ihres Mannes, sowie ein Bild von ihm!“ Sie antwortete immer noch etwas gereizt: „Marlen Schmidt. Aber bitte nicht Marlene mit einem ‚e‘ am Ende. Das hasse ich! Mein Mann heißt Julian. Unsere Adresse ist die Max-Reger-Straße 13a. Die Arbeitsstelle meines Mannes heißt Femdux-Med. Und ein Bild bringe ich Ihnen morgen vorbei. Einverstanden?“ Als würde es sich um eine Bagatelle handeln, antwortete ich: „Zweihundert am Tag plus Spesen. Einverstanden?“ Sie stand ruckartig auf: „Das ist Wucher! Einhundertfünfzig und keinen Cent mehr!“ Mit dem freundlichsten Gesicht der Welt entgegnete ich ruhig: „Einhundertfünfundsiebzig, oder Sie suchen sich einen anderen!“ Sie nickte: „Geht in Ordnung! Also dann bis morgen!“ Schon fast auf dem Gang drehte sie sich noch einmal um: „Übrigens wäre ich bis zweihundertfünfzig gegangen, aber bereits 1961 hat der russische Regierungschef Nikita Chruschtschow sinngemäß gesagt: Wenn du jemanden das Fell über die Ohren ziehst, lass etwas dran, damit es nachwächst. Dann kannst du das Ganze später noch einmal wiederholen“. Worauf sie die Tür schloss, und einen Privatdetektiv mit einem ziemlich blöden Gesicht zurück ließ.

Mein Frühstück am nächsten Morgen gestaltete sich nicht unbedingt befriedigend. Das lag nicht am Essen oder am Kaffee. Es lag am Geschirr. Früher besaß ich einmal ein Kaffeeservice aus Meißen mit Weinlaub-Dekor. Sechs Tassen, Untertassen und Frühstücksteller. Im Laufe der Zeit hatte meine sprichwörtliche Geschicklichkeit die Anzahl der Tassen auf zwei reduziert. An jenem Morgen nannte ich nach dem Abspülen nur noch eine einzige Tasse mein Eigen. Meine Laune glich dadurch in etwa einem Dampfkessel ohne Sicherheitsventil. Auf der Fahrt zum Büro nervte mich sogar mein Autoradio. Also nahm ich den Blick von der Straße, um den Ausschalter zu betätigen. Das hatte zur Folge, dass mein kleines Auto beschwingt die angestammte Spur verließ, und mit der Felge geräuschvoll an der Bordsteinkante kratzte. Bestens! Wieder eine Alu-Felge versaut. Langsam könnte ich mal einen Geldscheißer gebrauchen. Im Büro angekommen, frönte ich zunächst der Tradition, die mein Freund Max zu seinen Lebzeiten eingeführt hatte; ich genehmigte mir einen Schluck Bourbon. Pünktlich um zehn kam meine Klientin. Diesmal in einem roten Kleid mit einem dermaßen üppigen Ausschnitt, dass man befürchten musste, ihr Bauchnabel würde herausfallen. Sie nestelte eine Fotografie aus ihrer Handtasche und legte mir das Bild schwungvoll vor die Nase: „Hier, das geforderte Foto von meinem Gatten. Sie können es behalten!“ Mal so gesehen, es gibt Tage, da hasse ich mich. Da kann ich mich einfach nicht zusammenreißen. So auch diesmal. Als ich meinen Blick auf das Foto fallen ließ, entfuhr meinem dummen Mund ein unkontrolliertes „Au!“ Marlen Schmidt schaute mich an, als würde Sie mir in der nächsten Sekunde den Hals umdrehen: „Ihr seid doch alle gleich. Sie sind auch nicht gerade ein Sekretärinnenbefeuchter. Was regen Sie sich auf? Mir gefällt mein Mann“. Das konnte ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Der Kerl auf dem Foto brauchte bei einem Kostümball garantiert keine Maske aufzusetzen, und man würde es wahrlich nicht merken. Dieser Mensch war einfach nur grundhässlich. Nachdem ich mich umständlich für meine unangebrachte Äußerung entschuldigt hatte, verabschiedete sich meine Klientin ziemlich kurz angebunden und verließ gekränkt mein Büro. Ich ging zum Fenster, um von oben noch einen Blick auf ihr Dekolletee zu erhaschen, wenn sie aus der Haustür treten würde. Natürlich weiß ich, dass man das nicht macht. Aber ich bin eben nicht ‚man‘. Sie stieg in eine schwarze Limousine, jedoch auf der Beifahrerseite. Aha, die Gute war also in Begleitung. Kurz nachdem sich ihr Gefährt in Bewegung gesetzt hatte, schob sich ein weiterer Wagen aus der Reihe der parkenden Autos heraus, und verfolgte in sicherem Abstand meine Klientin. In meinem Hirn klingelte etwas, das man mit Fug und Recht als Alarmglocke bezeichnen konnte. Ich war schon einmal mächtig reingefallen, als ich blauäugig alles für bare Münze nahm, was mir eine verlogene Klientin aufgetischt hatte. Vielleicht sollte ich mir zukünftig doch besser die Personalausweise meiner Kunden zeigen lassen.

Am nächsten Morgen kleckerte ich nur ganz wenig während des Frühstücks. Das war immer das Omen für einen guten Tagesablauf. Im Büro nahm ich mir dann als Erstes die Aufzeichnungen meiner Überwachungskamera vor. Ich fand eine Stelle, an der meine Klientin genau in die Linse guckte. Das druckte ich mir als Foto aus. Es war eine Aufnahme von ihrem ersten Besuch. Ein Bild von der zweiten Zusammenkunft mit dem tiefen Ausschnitt hätte ich zwecks Identifizierung niemals Männern zeigen können. Keiner hätte auch nur ansatzweise das Gesicht der Lady betrachtet.

Ein Schild in der Max-Reger-Straße machte unmissverständlich darauf aufmerksam, dass die Parkmöglichkeiten in dieser Gegend ausschließlich für Anwohner reserviert waren. Ich parkte trotzdem gegenüber des Mehrfamilienhauses mit der Nummer 13a. Das würde zwischen 35 und 55 Euro kosten, falls ich erwischt werden sollte. Und wenn schon! Das würde ich einfach bei meiner Klientin als Spesen abrechnen. In einer Hand den Ausdruck mit dem Konterfei meiner Auftraggeberin, in der anderen Hand das Bild des Mannes, welches mir die Frau überlassen hatte, tappte ich die Straße auf und ab und quatschte erbarmungslos jeden an, der mir über den Weg lief. Den Mann hatten zwei oder drei der Befragten schon einmal gesehen, die Frau kannte keiner. Dann begann für mich der ungemütlichste Teil meiner Arbeit, nämlich observieren. Nun könnte man ja sagen, dass man dabei Geld fürs Nichtstun bekommt, aber warten gehört nun mal nicht zu meinen bevorzugten Tätigkeiten. Gegen siebzehn Uhr hielt dann endlich ein Bus an der in Sichtweite gelegenen Haltestelle, meine Zielperson stieg aus, kam eilig näher, und verschwand im Haus. Als der Kerl die Haustür öffnete, konnte ich eine Reihe von Briefkästen im Hausflur erkennen. Also wäre wohl die Haustür aller Wahrscheinlichkeit nach tagsüber dem Briefträger zuliebe nicht abgeschlossen. Mein Plan stand somit fest. Ich startete den Wagen, scherte aus meiner Parklücke aus, und trollte mich in Richtung Heimat. Schließlich stand noch ein wichtiges Gespräch an. Mit einer schönen Flasche Bourbon.

Da ich nicht genau wusste, wann meine Zielperson in der Regel das Haus verließ, war ich bereits schon fünf Uhr morgens auf den Beinen, respektive auf den Rädern. Ich parkte in einer Nebenstraße. Zum einen war dort kein Parkverbot, zum anderen hätte auffallen können, dass ein kleiner, roter Flitzer schon zum wiederholten Male in der Straße auftauchte. Genau sechs Uhr dreißig verließ Herr Schmidt das Haus und ging zielstrebig auf die Bushaltestelle zu. Als der Bus um die Ecke entschwunden war, schlenderte ich zunächst betont langsam über die Straße, um dann blitzschnell in der Haustür mit der Nummer 13a zu verschwinden. Wenn ich die Anordnung der Briefkästen richtig interpretiert hatte, dann wohnten die Schmidts im zweiten Stock. Während ich die Treppe hinaufhuschte, zog ich schon mal die Schatulle mit den Schließhaken und den Nachschlüsseln aus der Hosentasche. Hoffentlich würde ich niemandem begegnen. In so einem Fall wollte ich mich dann als Versicherungsvertreter ausgeben. Aber ich begegnete zum Glück keiner Seele. Die Tür war im Handumdrehen offen. Ich weiß, das macht man nicht. Aber wie vorhin schon erwähnt, ich bin nicht ‚man‘. Die Wohnung brachte mir die Erkenntnis, dass Herr Schmidt ziemlich unordentlich war, aber auch, dass hier nie im Leben eine Frau wohnen würde. Nicht das kleinste, weibliche Kleidungsstück, keine Schminke und auch kein Schmuck waren zu finden. Also hatte mein Riecher wieder einmal recht gehabt. Die ganze Sache stank gen Himmel.

Am Abend saß ich gemütlich in meinem Wohnzimmer und überlegte angestrengt, was ich nun im weiteren Verlauf am besten unternehmen sollte. Mein Blick fiel dabei rein zufällig auf meine niedliche, digitale Wetterstation. Obwohl es draußen bereits stockdunkel war, zeigte das Display eine lachende Sonne. Ich fühlte mich ein wenig veralbert. Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Mir war plötzlich völlig klar, wie ich in diesem verzwickten Fall vorzugehen hatte. Ich würde meiner Klientin eine gleichgroße Lüge auftischen, wie sie mir, nämlich schlichtweg eine Affäre erfinden, und dann dieser verlogenen Mistbiene einfach ein paar gefälschte Fotos auf den Tisch legen. Mal sehen, wie sie dann reagierte! Ja, ich würde die Tante einfach genauso veralbern, wie die Wetterstation es mit mir tat. Blieb nur noch die Frage, welche Frau ich als angebliche Geliebte ausgeben sollte. Am besten eine seiner Arbeitskolleginnen. Das erschien mir am logischsten. Zufrieden marschierte ich ins Badezimmer, um mich bettfertig zu machen.

Ich hasse es, morgens sehr früh aufstehen zu müssen. Ein Sprichwort sagt zwar, dass der frühe Vogel den Wurm fängt, aber ich bin nun mal kein Vogel. Und Würmer mag ich auch nicht. Aber ich wollte rechtzeitig an der Bushaltestelle sein, um heimlich meine Zielperson begleiten zu können. Vielleicht würde es mir ja sogar gelingen, mich bei Femdux-Med einzuschleichen. Deshalb packte ich einen weißen Kittel aus meinem Fundus in eine kleine Tasche, welche ich mitzunehmen gedachte. Ein guter Privatdetektiv muss halt die verschiedensten Kostüme am Start haben. Ich beeilte mich mit dem Frühstück, was gar nicht so leicht war, da ich zwischendrin immer wieder heftig gähnen musste. Aber ich war pünktlich an der Haltestelle und stieg kurz hinter Herrn Schmidt ein, und bei Femdux noch vor ihm aus. Die meisten Personen aus dem Bus strebten dem Firmengebäude entgegen. Jetzt kam es darauf an, ob mich eine Eingangskontrolle aus dem Pulk herausfischen würde, oder ob es mir gelingen könnte, meinen Jungen bis zu seinem Arbeitsplatz zu verfolgen. Gleich hinter der Eingangstür hing an der Wand ein Gerät zur Anwesenheitskontrolle, durch dessen Schlitz alle Mitarbeiter eine Chipkarte zogen. Da ich nicht auffallen wollte, dachte ich daran, meine Kreditkarte dort durchzuziehen. Dann bestand aber die Gefahr, dass dadurch eine Fehlermeldung ausgelöst werden könnte. Also ließ ich mich etwas zurückfallen, und als eine kleine Lücke zwischen den Arbeitswilligen entstanden war, deutete ich das Durchziehen einer Karte nur mit der leeren Hand an. Keiner merkte etwas. Ich folgte Herrn Schmidt bis in die zweite Etage. Dort tippte dieser an einer der mittleren Türen einen Code in ein Tastenfeld, und verschwand in dem Raum. Was nun? Da auf dem Gang ein munteres Treiben herrschte, fiel ich zunächst nicht weiter auf. Manche der Leute trugen kleine Schachteln hin und her, andere wiederum wedelten mit irgendwelchen Schreiben in der Gegend herum. Viele trugen weiße Kittel. Da ich jedoch in der Nähe des Arbeitszimmers meiner Zielperson bleiben wollte, befürchtete ich irgendwann aufzufallen. Also suchte ich die Herrentoilette auf, und zog meinen mitgebrachten Kittel an. Dann ritt mich ein kleiner, übermütiger Teufel. Ich öffnete eine Tür, neben der kein elektronisches Tastenfeld angebracht war, und fragte die Frau hinter dem Schreibtisch höflich, ob ich mir zwei oder drei Blatt Druckerpapier ausleihen könne. Anstandslos bekam ich mein Papier. Dann tapste ich, angestrengt auf mein ‚Schreiben‘ schauend, geschäftig hin und her. Irgendwann trat dann meine Zielperson aus seiner Tür. Zu meiner großen Freude unterhielt er sich kurz mit einer Kollegin. Ich zückte mein Smartphon und bannte ein wunderschönes Bild der beiden in den elektronischen Speicher des Geräts. Dann sah ich zu, dass ich so schnell wie möglich Land gewann.

Zu Hause angekommen, leerte ich zunächst meinen Briefkasten. Wie immer fanden sich darin jede Menge Werbe-Flyer. Diesmal war auch wieder ein sogenanntes Pröbchen dabei. Neulich klebte an so einem Flyer eine winzige Tube Zahnpasta, und vor längerer Zeit warb eine Apotheke mit einem kleinen Tütchen Tee. Ich glaube aber nicht, dass gerade Kamillentee jemanden dazu bringen kann, seine Stammapotheke zu wechseln. Diesmal war ein kleines Röhrchen mit Parfüm an einer Werbung befestigt. Angeblich würde dessen Geruch Männer unwiderstehlich machen. Nachdem ich den Rest der Reklameblätter im Altpapiercontainer versenkt hatte, trollte ich mich in meine Wohnung, träufelte das Parfüm auf ein Tuch, und benetzte mir damit Stirn, Oberlippe und Hals. Das Zeug roch zwar gut, aber ich war in Gedanken mit etwas anderem beschäftigt. Ich musste das schwierige Problem lösen, auf welche Art und Weise ich mich umbringen würde. Natürlich hätte ich mich einfach mit meiner Pistole erschießen können, aber das Blut würde wahrscheinlich die Wohnung einsauen. Also entschied ich mich fürs Aufhängen. Ich suchte meine Wäscheleine, montierte die Wohnzimmerlampe ab, um an den Haken zu kommen, und knüpfte das Seil dort fest. Es störte mich auch nicht, dass wie wild an meiner Tür geklingelt und geklopft wurde. Auch dass jemand meine Tür eintrat, interessierte mich genauso wenig, als würde in Australien ein Wombat furzen. Aber dass mich zwei Polizisten am Erhängen hinderten, regte mich dann doch schon mächtig auf. Und warum mir ein Sanitäter eine Spritze in den Arm jagte, verstand ich schon mal gleich gar nicht.

Ich musste am Vorabend fürchterlich gesoffen haben, denn wie sonst konnte mein Kopf derartig schlimm schmerzen. Verflixt, ich lag in einem Krankenhausbett. Wie war ich hierher gekommen? Die Tür öffnete sich, und eine ältere Krankenschwester trat freundlich lächelnd ins Zimmer: „Na, wieder unter den Lebenden? Ich bringe Ihnen gleich was gegen die Kopfschmerzen. Danach sage ich der Polizei Bescheid, dass Sie wach sind. Die kommen dann gleich morgen vorbei“. Polizei? Hatte ich etwas im Suff angestellt? Und wieso morgen? War mein Zustand wirklich so schlimm? Das konnte ja heiter werden!

Der Beamte zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben mein Bett: „Kriminalobermeister Marschner. Wie geht es Ihnen?“ Ich richtete mich auf: „Inzwischen wieder gut. Aber der Arzt will mich noch hierbehalten. Er wollte mir aber nicht sagen warum. Angeblich würden Sie mir jetzt alles erklären“. Marschner zog ein Foto aus der Jacke: „Kennen Sie die Dame?“ Ich stutzte: „Das ist meine derzeitige Klientin. Aber ich hatte schon lange das Gefühl, dass mit der etwas nicht stimmt“. Mein Gegenüber nickte: „Da könnten Sie recht haben. Sie heißt Janin Lang, ist eine Industriespionin, und wollte herausfinden, was ein gewisser Herr Schmidt von der Firma Femdux-Med entwickelt hat. Da jener Herr Schmidt aber die Frau schon von der Vergangenheit her kannte, hat die Gute einen Privatdetektiv, nämlich Sie, vorgeschickt. Sie sollten eine eventuelle Kontaktperson des Herrn herausfinden, um diese ausfragen oder gar erpressen zu können. Allerdings beschatten wir die Frau schon seit geraumer Weile. Wir bemerkten, dass die Dame etwas in Ihren Briefkasten geworfen hat, und sich dann in der Nähe von Femdux herumdrückte. Als dann der Sicherheitsdienst von Femdux meldete, dass ein Kerl mit einem falschen Kittel über die Flure läuft, haben wir eins und eins zusammengezählt. Dummerweise waren Sie so schnell verschwunden, dass wir Sie erst in Ihrer Wohnung erwischt haben. Dort konnten wir Sie aber zum Glück noch daran hindern, sich aufzuhängen“. Ich war von den Socken: „Aufhängen? Ich wollte mich aufhängen? So besoffen kann ich doch gar nicht gewesen sein!“ Der Kriminalobermeister startete den Versuch eines Lächelns. Es gelang ihm aber nicht so recht: „Sie waren auch nicht betrunken. Es war das Parfüm. Damit hat Janin Lang bereits schon einmal zugeschlagen. Wir konnten es aber nicht beweisen. In dem Zeug ist etwas, dass sich verheerend auf die Psyche eines Menschen auswirkt. Normalerweise soll es zu Gedächtnisverlust führen. Das vorangegangene Opfer ist jedoch in ein tiefes Koma gefallen, und bei Ihnen hat es Selbstmordgedanken hervorgerufen. Aber der Arzt hat mir gesagt, dass Sie morgen wieder nach Hause können. Das war’s! Ich wünsche Ihnen gute Besserung! Ach übrigens, wir haben die Frau inzwischen verhaftet. Bei der Gerichtsverhandlung werden Sie aussagen müssen!“

Drei Tage im Bett reichen, und schon bin ich wacklig auf den Füßen. Meine Güte, ich bin und bleibe ein Weichei! Janin Lang sitzt im Knast, und wird mich für meine Arbeit garantiert nicht mehr bezahlen. Aber das ist nicht das Schlimmste. Das ist nämlich, dass mir zurzeit wegen dieser beschissenen Parfüm-Attacke kein Bourbon mehr schmeckt. Aber das soll sich bald wieder geben, hat der Onkel Doktor gesagt. Ich werde geduldig darauf warten.

Oumuamua

Nun ja, ich glaube mit sicherer Gewissheit sagen zu können, dass Sie mich nicht kennen. Ich gehöre nämlich nicht zu den Leuten, die viel Aufhebens um ihre Person machen. Mein Name ist Maximilian Sohrge, und mit meiner Körpergröße von einsfünfundsechzig und den hängenden Schultern stelle ich wohl kaum eine »Very Important Person« dar. Manche Leute behaupten von mir, dass ich das sogenannte Helfersyndrom an den Tag legen würde. Ich selbst sehe das nicht ganz so krass. Zwar muss ich zugeben, dass es mich ein ganz klein wenig mit Stolz erfüllt, wenn ich wieder einmal einem anderen Menschen helfen konnte, aber deswegen leide ich doch nicht automatisch an pathologischem Altruismus. Bedürfnisse und Nöte anderer Menschen zu erkennen, ist für mich lediglich ein Zeichen von Empathie, und sollte jedem gesunden Menschen innewohnen. Mir selbst macht das sogar richtigen Spaß. Also lag es regelrecht auf der Hand, dass ich nach dem Abitur weitere drei Jahre dem Erlernen des Berufes als Gesundheits- und Krankenpfleger widmete, obwohl dazu nur die mittlere Reife nötig gewesen wäre. Aber wer weiß, vielleicht habe ich ja später noch Lust, Medizin zu studieren. Übrigens hat sich inzwischen meine Berufsbezeichnung geändert. Man genießt heutzutage eine generalistische Pflegeausbildung zum Pflegefachmann oder zur Pflegefachfrau. Eine derartige Ausbildung impliziert dann auch noch die Altenpflege und die Kinderkrankenpflege. Aber das nur nebenbei. Ich selbst bezeichne mich auf Anfragen hin einfach nur als Krankenpfleger.

Mein erster Arbeitsplatz war in der chirurgischen Station eines großen Krankenhauses. Zu den Tätigkeiten zählten Wundversorgung, Verabreichung von Medikamenten, das Legen von Infusionen, das Messen von Temperatur, Blutdruck und Puls, Patienten waschen, baden und füttern, sowie die bekannten Steckbecken für die Notdurft den Bettlägerigen unterschieben und anschließend säubern. Natürlich musste ich auch Materialbestand und Arzneimittelvorrat überwachen und deren Nachbestellungen ausführen. Wie man sieht, hatte ich alle Hände voll zu tun. Nur das Geldzählen war recht schnell erledigt, denn mein Verdienst stand nicht unbedingt in der richtigen Relation zum Arbeitsaufwand. Meine Freunde waren der Meinung, dass ich aufgrund meiner Fähigkeiten doch lieber einer anderen, besser bezahlten Tätigkeit nachgehen sollte. Ob sie auch noch dieser Meinung wären, wenn sie irgendwann mal auf meiner Station landen würden, sei dahin gestellt. Und dann kam die Krankenhausreform. Verwaltungen wurden einfach zusammengelegt, Fachrichtungen ausgegliedert und Personal entlassen. Ich musste mich von heut auf morgen entscheiden, ob ich lieber in die Arbeitslosigkeit gehen wollte, oder zukünftig meinen Dienst in der psychiatrischen Abteilung ableisten möchte. Wie man sich denken kann, wählte ich selbstverständlich das Letztere.

Moritz Thiedemann wies mich ein. Er hatte seit Jahren das nötige Alter, um endlich in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Ich löste ihn sozusagen ab. Neben ihm waren da noch zwei weitere Mitstreiter, ein schmächtiger, junger Kerl namens Paul Lüchting, sowie Inge Wehrmann, eine korpulente Pflegerin mittleren Alters. Ich fand mich nicht gleich zurecht und musste mich erst schrittweise an die Atmosphäre auf dieser speziellen Krankenstation gewöhnen. Manche der Patienten liefen ständig aufgeregt hin und her, andere saßen nur stumpfsinnig in der Gegend herum, und wieder andere wollten sich immerfort mit mir unterhalten. Bereits am dritten Tag bekam ich von einem sonst unauffälligen Insassen grundlos eine fette Ohrfeige verabreicht. Manche weigerten sich, ihre verordneten Medikamente zu nehmen, andere steckten sich alles in den Mund, dessen sie habhaft werden konnten. Ein spezieller Patient aber fiel mir besonders auf. Im Gegensatz zu vielen anderen war er immer gut rasiert und hatte seine Haare ordentlich gekämmt. Auch seine Kleidung war im Rahmen der hier herrschenden Möglichkeiten stets akkurat. Moritz hatte ihn mir als John Doe vorgestellt. In seiner Krankenakte stand ‚wahnhafte Störung‘ und ‚Name unbekannt‘. Ebenfalls war da zu lesen, dass er seit geraumer Zeit 2-mal täglich mit einem atypischen Neuroleptikum namens Risperidon behandelt wird. Wenn ich bei den Erklärungen von Moritz richtig aufgepasst hatte, dann dämpft das psychomotorische Erregungszustände und verringert Wahn, Halluzinationen, und Ich-Störungen. Obwohl das Medikament leicht sedierend wirken sollte, betrachtete John Doe seine Umgebung mit äußerst wachen Augen. Er unterhielt sich zwar nicht mit den anderen Patienten, schien aber alle ihre Aktivitäten förmlich in sich aufzusaugen. Nach einigen Tagen begann ich mich intensiver mit ihm zu beschäftigen, und nach etwa drei Wochen sprach er tatsächlich das erste Mal mit mir. Er stand am Fenster und blickte angestrengt in die Ferne. Als ich von hinten zu ihm trat, drehte er sich bedachtsam um und fragte mit einer leicht rasselnden Stimme: „Sie sind Maximilian, nicht wahr?“ Hocherfreut, zu ihm durchgedrungen zu sein, antwortete ich: „Ja, das stimmt. Und wie ist denn Ihr Name?“ Er hielt seinen Kopf ein wenig schief: „Sie sind der Erste, der ‚Sie‘ zu mir sagt. Die anderen duzen mich immer“. Da er mit dieser Bemerkung wahrscheinlich bewusst meiner Frage ausgewichen war, wiederholte ich hartnäckig: „Wie ist Ihr Name?“ Er blickte mir einige Zeit intensiv in die Augen, als wolle er feststellen, ob er mir auch wirklich trauen kann. Dann sagte er: „Wir haben bei uns keine Namen. Jedenfalls nicht in dem Sinne wie hier. Wir benutzen Ziffern und Zahlen, um Dinge oder Personen zu benennen. Ich bin zum Beispiel 17534. Aber diese Auskunft wird Sie wohl kaum befriedigen“. Mir war in diesem Moment nicht ganz klar, was ich davon halten sollte. Verarschte mich dieser Kerl hier, oder hatte er wirklich Wahnvorstellungen? Vorsichtig fragte ich nach: „Also, 17534, wo ist denn dieser ominöse Ort, an dem alles mit Zahlen beschrieben wird?“ Er antwortete völlig ernsthaft: „In einer Galaxie, viele Millionen Lichtjahre von hier entfernt. Mein Planetensystem heißt 330, mein Heimatplanet ist 57 und unser Zentralgestirn hat die Zahl 12“. Jetzt war ich endgültig davon überzeugt, dass er dummes Zeug redete. Aber um das Gespräch nicht einfach an dieser Stelle zu beenden, was mir als sehr unhöflich erschien, fragte ich weiter: „Und warum sind Sie dann hier?“ Er ging zwei Schritte bis zum nächsten Stuhl und setzte sich mit einem Seufzer: „Es war ein technischer Defekt. Das Teleportationsgerät, welches ich mit meinem Team entwickelt hatte, sollte mich und einen weiteren Mitarbeiter eigentlich nur bis zur nächstgelegenen Galaxie bringen. Aber mich hat es dummerweise bis hierher geschleudert. Was mit meinem Kollegen passiert ist, weiß ich leider nicht. Jetzt muss ich hier ausharren, bis unser Gerät repariert wurde, und mich meine Leute hoffentlich zurückholen können. Aber ich sehe an Ihren Augen, dass Sie mir auch nicht glauben. Genau wie alle anderen. Die haben etwas von Schizophrenie gefaselt, und mich anschließend in dieser Einrichtung untergebracht. Soll mir aber egal sein. Ich kann hier ebenso gut warten, wie anders wo“. Dann wandte er sich von mir ab, und sagte keinen Ton mehr.

Am nächsten Tag ging ich wieder auf ihn zu: „Entschuldigung, aber wäre es nicht gut, wenn Sie keine Zahl, sondern einen richtigen Namen hätten, da Sie nun schon mal hier sind?“ Er schaute mich wiederum eine geraume Weile intensiv an, dann entgegnete er: „Und wie sollte so ein Name lauten?“ Ich lächelte: „Wie wäre es mit Oumuamua?“ Er schien zu überlegen, dann sagte er: „Das entspräche dann wohl 15 21 13 21 1 13 21 1. Hm! Ein ziemlich kompliziertes Wort. Aber mir solls recht sein. Wie sind Sie denn gerade auf diesen Namen gekommen?“ Etwas zögerlich antwortete ich: „Das ist ein hawaiianisches Wort. Es bedeutet sinngemäß so etwas wie ‚Botschafter aus weiter Ferne‘. Darauf gekommen bin ich durch einen 400 Meter langen Kometen, den man im Jahr 2017 durch das Pan-STARRS-Teleskop auf Hawaii entdeckt hat. Diesen interstellaren Besucher hat man damals auch so genannt“. Er schien mit der Erklärung recht zufrieden zu sein: „Heißt das, dass Sie mir glauben?“ Ich antwortete nicht gleich. Was sollte ich auch sagen? Wer glaubt denn schon an so eine Geschichte? Also versuchte ich es mit Diplomatie: „Wenn Sie mir einen Beweis liefern könnten, und wäre er auch noch so klein, dann würde es mich sehr freuen!“ Er blickte mich an, als wolle er mir zu verstehen geben, dass ich nicht logisch denken könne: „Ich komme aus einer weit entfernten Galaxie, und spreche trotzdem fehlerfrei Ihre Sprache. Ist das nicht Beweis genug?“ War er wirklich so naiv, oder tat er nur so? Ich räusperte mich umständlich: „Nun, nehmen wir mal an, Sie kämen nicht von dort, sondern wären ein Bürger dieses Landes, dann würden Sie doch auch unsere Sprache einigermaßen fehlerfrei beherrschen, oder nicht?“ Er drehte sich langsam um, und sagte im Weggehen: „Über einen anderen Beweis muss ich erst nachdenken!“

Zwei Tage lang sprach Oumuamua, trotz aller Bemühungen, kein Wort mehr mit mir. Am dritten Tag, nach der Pflegevisite, kam er von sich aus auf mich zu: „Haben Sie einen kleinen Gegenstand bei sich?“ Ich durchwühlte meine Taschen, und fand eine Münze: „Geht das?“ Er nickte. Dann legte er das Geldstück auf seinen Handrücken und blickte es lange an. Ich traute meinen Augen nicht. Die Münze begann langsam empor zu steigen, und schwebte eine Zeit lang etwa zehn Zentimeter von seiner Hand entfernt in der Luft. Dann senkte sie sich genauso langsam wieder ab. Er hatte nicht gelogen, nein, er war tatsächlich ein Alien. Mehrere Tage rang ich mit mir, ob ich meine Erkenntnis jemandem mitteilen sollte. Den Ausschlag gab das Ereignis, das mich endgültig aus den Socken katapultierte. An einem Freitagmorgen winkte mich Oumuamua zu sich heran: „Es ist soweit. Sie haben mich kontaktiert. Innerhalb der nächsten Minute holen sie mich zurück. Danke, dass Sie mir geglaubt haben!“ Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, löste er sich vor meinen ungläubigen Augen in Luft auf. Da fasste ich den Entschluss, den ich für den Rest meines Lebens bedauern sollte. Ich ließ mir einen Termin bei unserem Oberarzt geben, und erzählte ihm die ganze Geschichte. Jetzt bekomme ich schon seit Wochen Neuroleptika verabreicht, darf unsere Station nicht mehr verlassen, und Paul und Inge nennen mich spöttisch: „Oumuamua“.

Fremdworte

Kommissar Riemer stand neben seinem Schreibtisch und blickte den Mann, dessen Overall ein auffälliges Reklameschild trug, nicht gerade begeistert an: „VOIP? Was ist VOIP?“ Der Angesprochene erwiderte freundlich: „Das ist nur eine Abkürzung und steht für Voice-over-IP“. Riemers Gesicht verfinsterte sich um eine weitere Stufe: „Das kommt mir vor, als hätten Sie das Wort ‚anal‘ mit ‚rektal‘ übersetzt. Es wäre aber für einen Normalsterblichen viel verständlicher, wenn man einfach sagt, dass es das Loch im Hintern ist“. Der Techniker versuchte freundlich zu bleiben: „Es wird hierbei nicht mehr