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Das Buch ist eine Kurzgeschichtensammlung, die die Autoren Wolfgang Heithoff, Thomas Manderley und Markus Fischnaller geschrieben haben. Die Idee hinter dem Projekt war, dass jeder der Autoren 3 Themen vorgegeben hat (insgesamt sind es also 9) und jeder der Autoren eine Kurzgeschichte zu jedem Thema schrieb. So entstand eine Sammlung von 27 Geschichten, die zeigt, wie vielfältig verschiedene Autoren ein Thema verarbeiten können, aber auch, wie vielseitig ein Autor sein kann. Das Buch umfasst 188 Seiten und ist für alle Leser und Leserinnen im Alter von 12 bis 112 geeignet , die gern Kurzgeschichten lesen.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Das kleine bisschen Glück
Eine kleine Münchner Geschichte - (T.Manderley)
Adrenalin - (M.Fischnaller)
Die Wolke des Lebens - (W.Heithoff)
Der Hauptgewinn
Die wunderbare Duftlampe - (M.Fischnaller)
Pinguine haben keine Knie - (W.Heithoff)
Bassfrequenzen - (T.Manderley)
Die Verwechslung
Grüße aus der Schulzeit - (W.Heithoff)
Das Gesicht - (M.Fischnaller)
Kalt erwischt - (T.Manderley)
Nach Sonnenuntergang
Großstadtlicher - (T.Manderley)
Delirium - (M.Fischnaller)
Der Vogel Namh - (W.Heithoff)
Zeitzeichen
Fast fabelhaft - (W.Heithoff)
Die Aufnahmeprüfung - (T.Manderley)
Die Zeitverschiebung - (M.Fischnaller)
Blackout
Winternachtsblues - (M.Fischnaller)
Unter den Schnitzeln - (T.Manderley)
Schon dement, oder nur vergesslich? - (W.Heithoff)
Kohärenz – Der Zusammenhang
Annas Traum - (T.Manderley)
Wie alles begann - (W.Heithoff)
Der Taubenflüsterer - (M.Fischnaller)
Mehr oder Weniger
Mehr nicht?! - (W.Heithoff)
Der Quotengenerator - (T.Manderley)
Die Sache mit der Bandscheibe - (M.Fischnaller)
Der letzte Vorhang
Sein letzter Brief - (M.Fischnaller)
Einer ist mehr als zu viel - (W.Heithoff)
Das Vosstom - (T.Manderley)
Zugabe
Des Ritters Würde - (W.Heithoff)
Der Mann mit dem schwarzen Borsalino - (M.Fischnaller)
Der Kompromiss - (T.Manderley)
von Thomas Manderley
Es war ein schöner Tag, dieser erste Juli. Die Sonne brannte vom strahlend blauen Himmel herunter und die paar kleinen Wölkchen, die verzweifelt versuchten, ein wenig Schatten auf die Wiesen des Englischen Gartens zu werfen, standen auf verlorenem Posten. Im großen Biergarten am chinesischen Turm saß Regina allein an einem der grünen, blanken Holztische und genoss die Wärme der Sonne, die ihr Gesicht und ihren Körper wie ein warmes Handtuch einhüllte. Von Zeit zu Zeit blies ihr eine leichte Brise entgegen und sorgte so für ein wenig Kühlung. Und jedes Mal ließ Regina mit einem tiefen Atemzug die frische Luft durch ihre Lungen strömen.
Aber ihre ‚halbe Hell‘ neigte sich schon dem Ende entgegen und die große Biergartenbrezn war bereits zur Hälfte aufgegessen, als endlich ihre Freundin Claudia auftauchte. Außer Atem und vollkommen durchgeschwitzt setzte sie sich Regina gegenüber. „Du entschuldige, ich habe die blöde U-Bahn verpasst. Und die nächste hat dann am Odeonsplatz gehalten und fuhr nicht mehr weiter, wegen irgend so einer technischen Störung. Ich bin dann den ganzen Weg hierher gerannt: die ganze Ludwigstraße runter, und ab der Uni durch den Park. Am Menopterus hätte mich dann fast noch so ein Depp von Radfahrer umgemangelt. Mann, wie ich die hasse!“
„Warum hast du mich nicht einfach angerufen und Bescheid gesagt, dass du etwas später kommst?“
„Habe ich versucht, aber dein Handy ist aus.“
Nun endlich gab Regina ihre sonnenanbeterische Sitzposition auf und holte ihr Telefon aus der Tasche. Auch ihr entspannter Gesichtsausdruck wich einem Stirnrunzeln.
„Oh, der Akku ist alle. Tut mir leid.“ Sie ließ das Handy beachtungslos zurück in die Tasche gleiten und lächelte wieder die Sonne an. „Ist doch egal. Wir haben so ein Glück mit dem Wetter heute, da will ich nur relaxen und mich über nichts aufregen. Und du solltest das auch nicht tun.“
„Du hast ja recht. Übrigens hatte ich sogar ein kleines bisschen Glück heute. Ich habe endlich dieses dumme Geschenk für Leon gefunden.“
„Ach ja? Was denn?“
„Du kennst ja seine Sammelleidenschaft für Jazz-Platten. Er suchte da eine ganz bestimmte. Ich weiß gar nicht mehr, wie die hieß, aber dieser Händler, bei mir oben an der Ecke, hat es endlich geschafft, sie zu besorgen. Deswegen bin ich auch zu spät und auch, weil danach wieder nur Mist passiert ist. Dieser Händler hat mich angerufen, dass er die Platte bekommen hätte. Also bin ich kurz zu ihm, habe sie abgeholt und dann noch schnell zu Hause gelassen. Dann bin zur U-Bahn gerannt, aber wie immer, ist dieser Dreck von Zug vor meiner Nase abgefahren. Den Rest kennst du.“
„Na jetzt bist du ja hier“, sagte Regina mit beruhigender Stimme, „hol dir erstmal ein Bier und was zu Essen und dann ist der Ärger schnell vergessen. Hey, das reimt sich sogar!“ „Stimmt“, antwortete Claudia, aber Stress und Ärger hielten sich mit aller Hartnäckigkeit in ihren Gesichtszügen. „Na ich geh dann mal zur Schenke.“
Claudia wollte gerade aufstehen, da setzte sich eine fremde, junge Frau mit Schwung neben sie auf die Bank. „Hallo Claudia, warte doch einen Moment!“
„Kenne ich Sie? Und woher kennen Sie meinen Namen?“ Claudia musterte die Fremde von ihren weißen Sneakern, über ihre enge Jeans und ihre weiße Bluse bis hinauf zu ihrem sehr langen, blondgelockten Haar, dass offen über ihre Schultern hinab hing.
„Ich bin Laura und du kennst mich nicht, aber ich dich!“, sagte die Frau und sprach, ohne einen Kommentar von Claudia abzuwarten weiter, „du hattest heute nicht nur ein kleines bisschen Glück, Claudia. Dein Leben hat sich heute verändert.“
„Was? Spinnen Sie? Ich bin hier mit meiner Freundin verabredet, also lassen Sie uns gefälligst in Ruhe!“
Die Frau setzte ein breites Grinsen auf, hob die rechte Hand und schnippte mit den Fingern. Im nächsten Moment war die Zeit und alles rund um Claudia herum wie bei einem Standbild eingefroren. Und auch die typische Geräuschkulisse des Biergartens war verstummt. Regina saß mit angesetztem Bierkrug da, aber die Flüssigkeit und auch der Schaum drauf bewegten sich keinen Millimeter.
„Tja, Claudia“, sagte Laura, wobei ihre Stimme plötzlich sachlich und seriös wurde, „ich bin dein Schutzengel. Und ich muss echt mal ein ernstes Wort mit dir reden.“
Claudia saß mit offenem Mund und aufgerissenen Augen da und antwortete nicht. Also redete Laura einfach weiter: „Du bist ständig gestresst und negativ. Ich mühe mich ab, um dich, so gut es geht, vor allem Unheil zu bewahren, und um dein Leben in den richtigen Bahnen zu halten. Und was bekomme ich von dir? Nur Meckerei!“
Nun fand Claudia endlich ihre Worte wieder, wenn auch leise und vorsichtig: „Ich habe mich doch nur über die dumme U-Bahn aufgeregt.“
„Heute ist es die U-Bahn, gestern war es die Schlange im Supermarkt, vorgestern das Wetter und dass du nicht spazieren gehen konntest.“
„Aber das mit dem Supermarkt …“
Laura schnitt Claudia einfach das Wort ab: „Schauen wir uns doch mal die Sache mit der U-Bahn von heute an.“
Plötzlich standen Claudia und Laura in einem weißen, scheinbar endlosen Raum und der Biergarten, in dem sie sich gerade noch befunden hatten, verwandelte sich in eine Art Poster, das nun, wie ein großes Bild, an eine imaginäre Wand vor ihnen projiziert wurde.
„Nehmen wir mal an, du hättest die Schallplatte nicht gefunden. Dann hättest du die U-Bahn bekommen, richtig?“
„Richtig!“, antwortete Claudia zögerlich.
„Gut.“ Laura wischte mit der rechten Hand über das riesige Bild, wie über das Display eines Smartphones. Dabei liefen die Szenen aus Claudias zukünftigem Leben wie im Zeitraffer vor den beiden Frauen ab.
„Hier, siehst du?“ Laura stoppte den Vorwärtslauf.
„Sag nicht, die U-Bahn wäre verunglückt!“ Claudias Stimme wurde immer höher.
„Nein, du wärst an der Universität ausgestiegen und hättest in der Veterinärstraße einem Mann geholfen, der auf dem Gehweg ausgerutscht und gestürzt war. Dieser Mann wäre der Chef einer Werbeagentur in Augsburg gewesen. Er hätte dich zum Dank auf ein Eis eingeladen. Ihr hättet euch nett unterhalten und dann hätte er dir tatsächlich einen Job in der Agentur angeboten.“
„Ja, aber was hast du denn angerichtet?“, rief Claudia fassungslos, „ich wollte immer wieder zurück in die Werbebranche. Du hast meinen Traum zerstört!“
„Warts ab!“ Laura aktivierte wieder den Zeitraffer. „Sieh mal hier: 6 Jahre später wäre deine Ehe in die Brüche gegangen, weil du nur noch gearbeitet hättest, 10 Stunden am Tag.
Dazu noch das ständige Pendeln nach Augsburg.“
„Na, so toll läufts derzeit auch nicht“, sagte Claudia leise und mehr zu sich selbst als zu Laura.
„Es kommt noch besser: Kurz darauf hättest du mit deinem Chef eine Beziehung angefangen.“
„Er hätte mir was angetan? Willst du das sagen?“
„Nein, wie kommst du nur immer auf solche Ideen?!“, rief Laura entsetzt und ließ die Zeit wieder im Schnelltempo vorwärtslaufen, „fünf Jahre später wärt ihr gemeinsam nach Australien in den Urlaub gefahren.“
„Wow, Australien, da wollte ich immer schon mal hin. Warum hast du das alles zunichte gemacht? Und du nennst dich Schutzengel!?“
„Kommen wir zum Ende der Vorstellung: Im Hotelzimmer, einer Hütte direkt am Stand, wärst du im Schlaf von einer Giftspinne gebissen worden und wärst unter qualvollen Schmerzen gestorben, noch bevor du im Krankenhaus angekommen wärst.“
Claudia schluckte und brauchte ein paar Sekunden Zeit, um zu antworten: „Aber warum hast du dann nicht einfach den Spinnenbiss verhindert?“
„Ach, die Schallplatte schien mir sicherer.“
Claudia verzog das Gesicht.
„Und wie du siehst war dieses kleine bisschen Glück in Wirklichkeit ein großes“, fügte Laura hinzu.
Im nächsten Moment befand sich Claudia wieder am Biertisch und auch Laura saß wieder neben ihr. Nur die Zeit um sie herum war immer noch eingefroren.
„So, Claudia, ich muss jetzt wieder los. Es war schön, mal direkt mit dir gesprochen zu haben. Sei vorsichtig und denk immer daran: Ein Flügelschlag kann die Welt verändern.“
Claudia wollte antworten, aber in diesem Moment wuchsen aus Lauras Rücken zwei riesige Schwingen mit langen weißen Federn. Laura breitete sie aus und flog mit ein paar kräftigen Flügelschlägen davon.
Claudia konnte nichts mehr sagen. Sie sah ihrem Schutzengel hinterher, wie er im Blau des Sommerhimmels verschwand.
Plötzlich lief die Zeit weiter und just in diesem Moment schwappte das Bier aus Reginas Krug in einem Schwall über ihr Gesicht und ihr T-Shirt.
Regina quietschte auf und schrie ihren gesamten Frust durch den Biergarten: „So ein Mist, verdammter!“
von Markus Fischnaller
Eva Kaufmann galt als intelligent, attraktiv und hatte alles, was sich ein Mann von einer Frau nur wünschen konnte: eine gute Figur, blonde, gewellte, mittellange Haare, blasser Teint und volle Lippen. In ihrem Alter, immerhin war sie vierundfünfzig, konnte sie es mit weit jüngeren aufnehmen.
Als Eva das Geschäft betrat, hatte es angefangen zu nieseln und die Dämmerung setzte gerade ein. Zielgerichtet ging sie durch die Reihen und blieb bei den Kosmetikprodukten stehen. Die Anspannung sah man ihr nicht an, während sie sich prüfend nach allen Seiten umblickte. Eva spürte diesen Kick, wie schon so oft in der letzten Zeit, einen Drang, der um nichts auf der Welt aufzuhalten war. „Nur ein kleines bisschen Glück“, redete sie sich selber ein, „nur diesmal.“ Eva Kaufmann warf hastig einen Blick auf die Überwachungskameras, zögerte kurz und nahm eine Creme vom Regal, ohne Diebstahlsicherung. Dann ging sie weiter, nahm noch eine Zahnbürste und Zahnseide, ging zur Kasse, bezahlte und verließ das Geschäft.
Zu Hause angekommen packte sie zitternd die mitgebrachten Dinge aus. Die Cremedose würdigte Eva keines Blickes und warf sie achtlos in eine Schublade, zu der nur sie den Schlüssel dazu besaß. Sie schämte sich. Was war da bloß in sie gefahren?! Hätte man sie erwischt, wären die Konsequenzen nicht auszudenken gewesen! Immerhin war sie die Frau eines höheren Polizeibeamten. Bruno wäre ruiniert! Eva machte sich nichts vor. Sie spürte in ihrem Inneren, dass sie sich selber belog und sich im Kreis drehte. Ob es nur ein Kick war oder die verzweifelte Suche nach einem kleinen bisschen Glück?! Möglicherweise würden die guten Vorsätze für einige Tage anhalten, bis sich erneut dieses Verlangen einstellte: eine endlose Spirale. Andererseits hatte sie das doch gar nicht nötig, war finanziell unabhängig, hatte sich gerade gestern das grüne Blazerkleid gekauft, und das nicht in einem 0815-Shop, dazu farblich abgestimmte Stiefel. Nach außen hin zeigte sie sich selbstbewusst, voll im Leben stehend, erfolgreich in einem tollen Job, in einer glücklichen Beziehung mit Bruno Kaufmann. Aber da war mehr Schein als Sein. In Wirklichkeit hatten sie sich auseinandergelebt.
Vor siebenundzwanzig Jahren arbeitete Eva Wagner, wie sie damals noch hieß, als Dolmetscherin in einem größeren Unternehmen. Bruno war bei der Polizei im Außendienst tätig. Sie war ihm damals bei einer Routinekontrolle aufgefallen. Er hatte ihre Papiere verlangt und ungewöhnlich lange auf den Führerschein geblickt und sie in seine blauen Augen. Einige Tage später tauchte er dann plötzlich in ihrer Firma auf, in Zivil, versteht sich, und lud Eva auf einen Kaffee ein. Bruno hatte dunkle, kurzgeschnittene Haare und ausgesprochen dicke Augenbrauen. Sein Gesicht war oval, das Kinn kräftig und seine Schultern breit. Für Eva war er der Mann, an den sie sich anlehnen konnte: ausgeglichen, charmant, feinfühlig, die Liebe ihres Lebens. Es folgte die Hochzeit in einer kleinen Kirche irgendwo in Südtirol, sie ganz in weiß, er mit Frack und Zylinder, so wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Mit neunundzwanzig war Eva zum ersten Mal schwanger, jedoch verlor sie ihr Kind im sechsten Monat durch eine Fehlgeburt.
Es hätte ein Junge werden sollen und sie hätten ihn Max genannt. Trotz ihrer Krise, die dann folgte, fand sie ihr seelisches Gleichgewicht wieder und fing mit Brunos Hilfe und der ihrer guten Freunde wieder an zu leben. Mit zweiunddreißig kam dann Lisa. Es folgten schöne Jahre, die schönsten Jahre ihres bisherigen Lebens.
Eva fragte sich oft, wo ihr Mann in der Zeit, die darauffolgte, gewesen war. Etwas stand plötzlich zwischen ihnen, eine unsichtbare Barriere. Das Einzige, was sie noch verband, war Lisa. Eva und Bruno versuchten ihr ständig eine heile Welt zu vermitteln, die es aber in Wirklichkeit nicht gab. Lisa hatte längst durchschaut, dass die Familienidylle nicht existierte. Es wurde aber nie darüber gesprochen und so wuchs sie scheinbar wohlbehütet auf, war heute zweiundzwanzig und lebte seit einem Jahr mit ihrem Freund in einer WG. Der Schatten zwischen Eva und Bruno wurde indes immer größer. Das Schweigen hatte überhandgenommen, die Liebe der Eintönigkeit des Alltags Platz gemacht.
Mit Lisas Auszug von zuhause fühlte sich Eva unvermittelt wie in einem luftleeren Raum. Sie schaffte es nicht, ihr einziges Kind loszulassen und zudem dachte sie wieder vermehrt an Max. Was wäre aus ihm geworden? Wie würde er heute wohl aussehen? Dazu kam die schreckliche Angst, verlassen zu werden und die Kontrolle über sich zu verlieren. Nachts wachte Eva schweißgebadet auf, ihr Herz klopfte rasend, sodass Bruno sie, auf Anraten ihres Arztes, bei einer Psychologin anmeldete. Doch ließ sie nach fünf Sitzungen die Therapiestunden sein. Eva glaubte, ihr seelisches Gleichgewicht wiedergefunden zu haben. Auch die Tabletten, die ihr ein Psychiater verschrieben hatte, nahm sie nicht mehr ein. Im Betrieb, wo man Eva eine gewisse Arroganz in ihrem Auftreten nachsagte, merkte man von alldem wenig, da sie imstande war, ihren Selbstwert durch ihre Willenskraft und Perfektionismus zu kompensieren.
Vor zwei Monaten dann war es plötzlich über sie gekommen: Eva hatte zwei Müsliriegel aus einem Regal eines Supermarkts genommen und sie, anstatt in den Einkaufswagen zu legen, aus einem inneren Impuls heraus, in ihrer Handtasche verschwinden lassen. Sie wusste nicht mehr, welcher Teufel sie geritten hatte. Eva konnte sich aber noch genau daran erinnern, wie sie dieses Gefühl als Kick empfand, als Nervenkitzel, etwas zu nehmen und nicht erwischt zu werden. Es war etwas von dem kleinen Glück, das sie für Minuten genoss. Hinterher schämte sie sich, ekelte sich vor sich selbst. Es war wie verhext.
Bruno Kaufmann saß an seinem Schreibtisch im Dezernat 3. Seit zehn Jahren war Bruno nun Chef dieser Abteilung, die sich speziell mit Kleinkriminalität beschäftigte: Es ging in der Hauptsache um kleinere Delikte wie Diebstähle und Sachbeschädigung. Seine Klientel, vielfach Gewohnheitsstraftäter, kannte er inzwischen. In der Tat sah man sich immer wieder. Daneben gab es vereinzelt Obdachlose, die besonders zu Beginn des Winters schon mal irgendwo Stunk machten, eine Scheibe einschlugen, ein Auto zerkratzten und so darauf hofften, einige Wochen lang im Knast ein warmes Essen und ein Quartier zu bekommen. Schließlich hatte es Bruno noch mit Nachbarschaftsstreitigkeiten zu tun, die oft in Sachbeschädigung und Tätlichkeiten ausarteten. Zu einem Großteil handelte es sich dabei um Querulanten, die ein ganzes Leben lang Prozesse führten, Leute mit einem ungeheuren Verschleiß an Rechtsanwälten.
Gabi, seine Beamtin vom Vorzimmer, meldete sich am Telefon. Ein Kaufhausdetektiv hätte eine Frau ertappt, als sie teure Unterwäsche verschwinden ließ. Vor dem Geschäft hätte er sie zur Rede gestellt und die Polizei gerufen. Kaufmanns Stimme wirkte eher gelangweilt. „Ist sie jung, alt? Bei uns bekannt?“
„Nein Chef, die kennen wir nicht“, entgegnete Gabi am anderen Ende der Leitung, „Mitte fünfzig, blonde Haare, sagt Dieter. Sieht gut aus. Mittelstand. Hätte Klauen eigentlich nicht nötig.“ Kaufmann wurde hellhörig. „Gibt es schon einen Namen?“
„Ja sicher, Chef, sicher, den weiß Dieter, der am Einsatzort war. In zehn Minuten müsste er mit ihr im Dezernat zur Vernehmung sein.“
Bruno legte den Hörer auf und fuhr sich mit den Händen über sein Gesicht. Der kalte Schweiß drang ihm aus den Poren. Sein Puls ging rasch. War es Eva?? Es musste Eva sein!! Die Beschreibung passte haargenau: Mitte fünfzig, blond, attraktiv. Und die Stimme von Gabi hatte plötzlich so sonderbar geklungen, als er nach dem Namen fragte. Oder hatte er sich das nur eingebildet? Nun hatte man sie also erwischt. Er wusste es seit vierzehn Tagen. Eva hatte im Wohnzimmer ein Schrankfach offengelassen. Normalerweise hatte sie es immer verschlossen. Im Vorbeigehen warf er einen Blick hinein und sah die Uhr und den Ring. In einer Art Schockstarre stand er da, hilflos und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Seine Frau Kleptomanin? Eva eine Diebin? Und er hatte die ganze Zeit geschlafen, von alldem nichts bemerkt! Ausgerechnet seine Frau.
Er wollte mit Eva darüber sprechen, sofort und noch am gleichen Tag, verschob es dann aber immer wieder. Er konnte einfach nicht. Gerade gestern wollte er einen neuen Anlauf nehmen, da war sie aber bei Lisa und am Handy nicht erreichbar.
Wie lange hatte er nicht mehr richtig mit seiner Frau geredet? Ein Jahr, zwei Jahre? Oder mehr? Dass ihre Beziehung nicht mehr so war wie früher, wurde ihm spätestens seit Evas Fehlgeburt klar, auch er litt darunter, mehr als seine Frau ahnte.
Er ließ sich jedoch nie etwas anmerken, kniete sich in seine Arbeit hinein, ging seine Wege, bis Gabi kam, die Neue vom Vorzimmer. Bis jetzt war es nur ein harmloser Flirt nach dem Dienst, nichts von Belang, aber es könnte mehr werden. Das spürte er deutlich.
Und wenn herauskam, dass Eva die Diebin war? Was passierte dann mit ihm? Die Nachricht würde die Runde durch das ganze Haus machen. Der Polizeipräsident würde ihm morgen klar und deutlich zu verstehen geben, dass er für diesen Job untragbar geworden war. Bestenfalls würde man ihn auf Streife schicken, so wie früher. Degradiert. Diese Demütigung! Die Tür ging auf. Zwei Polizeibeamte kamen herein, eine Frau hinter ihnen, schluchzend, die Hände vor ihr Gesicht haltend. Es war nicht Brunos Frau, es war nicht Eva. Er hatte diese Frau noch nie gesehen. Und plötzlich wusste Bruno, was er tun musste. Er hatte Eva nämlich nie aufgehört zu lieben und er sehnte sich nach ihrer Zärtlichkeit und ihrer Umarmung. Nie war ihm das klarer geworden als heute.
Zuhause saß sie vor dem Fernsehgerät. „Kommst du heute früher?“
„Ja“, meinte Bruno, „es war nicht viel los.“ Er nahm Evas Arm und zog sie zu sich heran. Sie reagierte zunächst reserviert und verwundert, ließ ihn aber gewähren. „Was ist denn heute in dich gefahren? So kenne ich dich ja seit langem nicht mehr.“
„Eva“, sagte Bruno, „hast du mir etwas zu sagen?“ Er blickte in ihr Gesicht.
„Ich sah die offene Schublade vor zwei Wochen im Wohnzimmer.“
„Ach ja“, entgegnete sie, scheinbar unbeteiligt, „da habe ich das Schließen vergessen. Ist ja auch mein Tagebuch drin und irgendein kleines Geheimnis hat jede Frau.“
„Ach so, ja“, erwiderte Bruno, „hab‘ gar nicht gewusst, dass du Tagebuch führst.“
„Immer schon“, entgegnete Eva, „mein Hang zur Romantik, weißt du?“
Wie sollte er sie jetzt zur Rede stellen? Er hatte den Faden verloren.
„Eva…“ Zögernd fing er wieder an.
„Ja, Bruno, sag schon.“
„Eva, weißt du, dass ich dich immer noch liebe? Willst du mit mir neu anfangen? Ganz von vorn? Da ist so vieles zwischen uns, das zu klären wäre, so vieles, das bisher ungesagt geblieben ist.“
Jetzt war es raus. Seine Stimme zitterte, als er sah, dass sich Evas Gesichtsausdruck veränderte. Er ahnte, dass endgültig Schluss war. Aus und vorbei. Der Zug war abgefahren. Und es war seine Schuld, ganz allein seine Schuld, dass er sich um seinen kostbarsten Schatz nie gekümmert hatte. Eva ließ Brunos Arm los, sah ihn fragend und traurig an, ihre Augen auf ihn gerichtet.
„Wo warst du denn all die Jahre, Bruno?“ Plötzlich klammerte sie sich schluchzend an ihn und grub ihre Fingernägel in seine Haut.
„Ich hab‘ dich immer geliebt, die ganzen Jahre.“
Beide weinten nun hemmungslos, bis sich Eva ganz behutsam von ihm löste und Bruno die Geschichte erzählte, die sie bis jetzt für sich behalten hatte: von ihrem Zwang, der sie in letzter Zeit immer mehr verfolgte, fremde Sachen zu nehmen und nicht zu bezahlen. Bis jetzt sei es bei einer Kleinigkeit geblieben, einige Müsliriegel. Aber ihre Angst sei groß, dem Kick irgendwann nicht länger widerstehen zu können. Bruno umfasste Eva und zog sie zu sich heran, während er ihr leise ins Ohr flüsterte: „Nun brauchst du das alles nicht mehr. Du kannst auf das kleine Glück verzichten, weil du das große wieder entdeckt hast.“
„Ja, gewiss“, erwiderte Eva, während sie Brunos Hände nahm und sie streichelte, so wie sie es früher immer getan hatte, „das große Glück. Du und ich.“
„Noch etwas hab‘ ich für dich“, meinte Eva. Sie machte dabei ein geheimnisvolles Gesicht und schürzte die Lippen, während sie das Schrankfach im Wohnzimmer öffnete. „Beinahe hätte ich es fast vergessen. Die Armbanduhr und den Ring, den ich dir zu unserem siebzehnten Hochzeitstag schenken wollte. Aber du warst damals auf Fortbildung. Und später hat es sich nie mehr ergeben. Hier. Dein Geschenk.“
Bruno war sprachlos und schaute ins Leere.
„Was hast du denn?“, fragte Eva.
„Du bist plötzlich so blass. Geht es dir gut?“
„Ja, Eva, es geht mir gut, sehr gut“, entgegnete Bruno.
„Es ist nur…“, druckste er herum, „es ist nur: Ich verstehe nicht, wie ich die letzten Jahre auf dich verzichten konnte. War ich blind? Ich liebe dich so.“
„Ich dich auch, mehr als mein Leben“, antwortete Eva und versank in seinen Armen.
von Wolfgang Heithoff
Der Sturz war hart, Achan schlug unsanft auf. So hatte er sich seine Geburt nicht vorgestellt. Aber, wie seine Mitreisenden, die sich alle nach und nach auf der Erde materialisierten, konnte er sich an die Zeit der Zusammengehörigkeit in der großen Wolke nicht mehr erinnern. Das war so. So war der große Plan.
Die Tropfen sprengten zu allen Seiten, zerteilten sich dabei. Einige schlugen nochmal hart auf das graue Gestein auf. Achan wurde von einer starken Böe in den Sand geweht.
Dies war nicht die Welt, die sich Achan erwünscht hatte, als er sich auf die Reise machte. Aber er konnte sich an sein früheres Leben ja nicht mehr erinnern. Da er von einfachem Gemüt war, genoss er es, seine Haut der Sonne entgegenzustrecken und jeden ihrer Lichtstrahlen aufzusaugen. Wäre da nicht die geplatzte Außenhaut gewesen, er wäre vor Glück geplatzt.
Achan schaute sich um. Er sah, dass er nicht alleine war. Viele Tropfen mühten sich, mit ihrer trockenen Existenz in der Wüste zurecht zu kommen. Sie drangen tief in das Erdreich ein, in der Hoffnung, auf eine der sich ihnen entgegenreckenden Würzelchen zu treffen und von ihnen aufgesaugt zu werden. Sie träumten von einem aufregenden, erfüllten Leben auf dem Weg vom Dunkel der Existenz hinauf in die Blüte des Lebens, dem Himmel entgegen.
Von solchen Träumereien hielt Achan nicht viel. Während seine Gefährten durch das Reich der Erde krochen, verging er im letzten Schein der roten Abendsonne, trat Molekül für Molekül die Reise zur großen Wolke an, um ihr vom Gelb der Wüste, vom Grau der Steine und vom Rot der Sonne zu erzählen.
Ganz anders erging es Faslan. Mit einem sanften Plopp setzte er auf dem Wasser eines Sees auf. Sofort war er umgeben von Millionen verwandter Seelen, fühlte den ihn umgebenden Gleichklang. Sein Herz schlug laut vor Freude. Dies war ein Ort, an dem es zu leben lohnte. Ein Platz, den er so schnell nicht verlassen wollte.
Er floss mit dem Bach, der den See leerte, spülte mit dem Strom in seiner gewaltigen Kraft ins Meer, tanzte auf der Brandung der Wellen im Wind. Stets darauf bedacht, alles zu genießen, was ihm zugänglich wurde.
Aber als eine durstige Möwe ihn aufsaugen wollte, verweigerte er sich ihr. Er ballte sich zusammen, sprang hin und her, erzeugte eine kleine Gischt und stieß einen Tropfen nach dem anderen hinaus aus der Gemeinschaft, der Möwe entgegen. Als die Möwe ihren Durst gestillt und das Wasser sich geglättet hatte, schwamm Faslan selbstzufrieden auf das Meer hinaus. Er hatte verstanden, wie das Leben auf der Erde zuging. So glaubte er. Er würde sich von nun an durchsetzen, ohne Rücksicht auf Verluste. So dachte er. Und trieb, müde vom Kämpfen, der aufgehenden Sommersonne entgegen.
Ein leichtes Zittern ging durch die Gemeinschaft der Tropfen und Ash Baa, die Wolke des Lebens, verfinsterte sich kurz, als Faslan wieder aufgenommen wurde.
