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Beschreibung

Viele Geistes- und Verhaltensstörungen können in kurzer Zeit geheilt werden, so die Vertreter der Kurzzeittherapie. Ihre Grundfrage lautet: Wie verhalten sich Menschen zu der von ihnen selbst konstruierten Wirklichkeit, und wie nehmen sie diese wahr? Der international renommierte Psychotherapeut Paul Watzlawick und Giorgio Nardone geben in diesem Band gemeinsam mit weiteren Experten eine umfassende Einführung in Theorie und Praxis der Kurzzeittherapie.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Übersetzung aus dem Englischen und Italienischen von Michael von Killisch-Horn

 

ISBN 978-3-492-97427-1

© 1997, 1999 Paul Watzlawick und Giorgio Nardone

Titel der italienischen Ausgabe:

»Terapia breve strategica«, Raffaello Cortina Editore, Mailand 1997

© der deutschsprachigen Ausgabe:

1999, 2001, 2012 Piper Verlag GmbH, München

Covergestaltung: semper smile, München

Covermotiv: Bridgeman Art Library Ltd. Berlin

Datenkonvertierung: abavo GmbH, Buchloe

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.

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Inhalt

Cover & Impressum

Zitat

Prolog

Erster Teil – Die Theorie der Kurzzeittherapie

Einleitende Bemerkungen

1. Kapitel – Die Konstruktion klinischer »Wirklichkeiten«

2. Kapitel – Radikaler Konstruktivismus oder Die Konstruktion des Wissens

3. Kapitel – Konstruktivismus: ein bemerkenswerter Einfluß auf die interaktionistische Psychotherapie

4. Kapitel – Ethik und Kybernetik zweiter Ordnung

5. Kapitel – Mathematische Logik und nicht gewöhnliche Logiken als Wegweiser für das strategische problem solving

Zweiter Teil – Die Praxis der Kurzzeittherapie

Einleitende Bemerkungen

6. Kapitel – Die Sprache, die heilt: Kommunikation als Mittel zu therapeutischer Veränderung

7. Kapitel – Die psychotherapeutische Technik des »Umdeutens«

8. Kapitel – »Systemische Therapie« mit einzelnen Individuen

9. Kapitel – Kurzzeittherapie: Zielgerichtete Lösungsentwicklung

10. Kapitel – Die Tugenden unserer Fehler: ein Schlüsselkonzept der Ericksonschen Therapie

11. Kapitel – Die Integration poststrukturalistischer Modelle von Familienkurzzeittherapie

12. Kapitel – Psychotherapiegeschichten

13. Kapitel – Von den allgemeinen Modellen zu den spezifischen Behandlungsprotokollen: die moderne strategische Kurzzeittherapie

Epilog

Bibliographie

Die Autoren

 

Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin,daß man neue Länder sucht, sondern daß man neue Augen hat.

Marcel Proust

Prolog

Gib nach, und du wirst unnachgiebig sein. Beuge dich, und du wirst siegen. Leere dich, und du wirst voll sein. Das Harte und das Unbeugsame werden von der Veränderung zerbrochen; das Biegsame und das Nachgiebige biegen sich und werden überlegen sein.

RAY GRIGG,

Das Tao der Beziehungen

 

Der strategische Ansatz ist nicht eine einfache Theorie und Praxis auf dem Gebiet der Psychotherapie, sondern eine echte Denkschule, die sich mit der Frage beschäftigt, »wie« die Menschen sich zur Wirklichkeit verhalten oder, besser, wie jeder von uns sich zu sich selbst, zu den anderen und zur Welt in Beziehung setzt.

Die Grundannahme lautet: Die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen und auf die wir reagieren, einschließlich der Probleme und der psychischen Störungen, ist das Ergebnis der Wechselwirkung zwischen dem Beobachtungsstandpunkt, den wir einnehmen, den Mitteln, die wir verwenden, und der Sprache, die wir benutzen, um diese Wirklichkeit mitzuteilen. Es gibt daher keine »wahre« Wirklichkeit, sondern nur so viele mögliche Wirklichkeiten, wie es mögliche Wechselwirkungen zwischen Subjekt(en) und Wirklichkeit gibt.

Aus dieser Annahme ergibt sich, daß jede geistig gesunde oder geistesgestörte Verfassung, in der wir uns befinden, das Produkt einer aktiven Beziehung zwischen uns und dem, was wir erleben, ist. Mit anderen Worten, jeder konstruiert die Wirklichkeit, die er dann erfährt.

Aus dieser Perspektive erscheinen die Geistesstörungen als Produkt einer dysfunktionalen Art der Wahrnehmung und Reaktion in der Konfrontation mit der Wirklichkeit, die das Subjekt durch seine Dispositionen und Handlungen buchstäblich selbst konstruiert hat. Dies ist ein »Konstruktionsprozeß«, in dem sich mit den Wahrnehmungsweisen des Subjekts auch seine Reaktionen verändern.

Das Konzept des strategischen problem solving, auf dem die Kurzzeittherapie beruht, wird von dieser scheinbar so einfachen Logik gesteuert, die sich in der klinischen Praxis darin äußert, daß der Patient, häufig mit Hilfe von Tricks (Stratagemen) und Formen raffinierter Suggestion, die seine Widerstände unterlaufen, veranlaßt wird, alternative Wahrnehmungen seiner Wirklichkeit zu erproben. Solche neuen und korrigierenden Wahrnehmungserfahrungen sollen ihn dazu bringen, seine früheren dysfunktionalen emotionalen und kognitiven Dispositionen und Verhaltensmuster zu ändern.

Dennoch hatten es die strategischen Ansätze der Psychotherapie, obwohl sie sich in der konkreten Anwendung als die wirksamsten und leistungsfähigsten Modelle für die kurzfristige Lösung der meisten Geistes- und Verhaltensstörungen erwiesen haben (Nardone, 1991; de Shazer, 1991; Bloom, 1995), von ihrer ersten Formulierung (Weakland, Fisch, Watzlawick, Bodin, 1974) an sehr schwer, von der Gemeinschaft der Psychotherapeuten anerkannt zu werden. Denn diese, in ihrer Mehrheit in den psychodynamischen Langzeittherapiemodellen geschult, hatten, was hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Rolle paradox scheint, die Vorstellung verworfen, daß es möglich sein könnte, die menschlichen Probleme innerhalb kurzer Zeit zu lösen, auch wenn dies konkret bewiesen werden konnte (Bloom, 1995).

Die Wissenschaftsgeschichte weist im übrigen so viele Beispiele von Widerstand gegen eine Veränderung der für »wahr« gehaltenen Theorien auf, daß es sich erübrigt, die erwähnte feindselige Haltung gegenüber dem Neuen und anderen mit der Haltung zu vergleichen, die die Heilige Inquisition gegenüber den Entdeckungen Galileis einnahm: Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie (oder dem Glauben) übereinstimmen, um so schlimmer für die Tatsachen. Wir brauchen uns nur zu erinnern, wie schwer es Einsteins Relativitätstheorie und Heisenbergs Quantenmechanik hatten, die früheren positivistischen Formulierungen in der Physik abzulösen, obwohl sie experimentell bewiesen worden waren. Wenn die anwendungstheoretischen Formulierungen autoimmunisierende Theorien werden, ist es in der Tat natürlich, daß sie sich tapfer ihrer eigenen Veränderung widersetzen, da sie als »autoreferentielle« Systeme (von Foerster, 1973) auf der Grundlage des Mechanismus der »Autopoiesis« (Maturana, Varela, 1980) funktionieren und vor allem für die Personen, die an sie »glauben«, die Grundlage ihrer persönlichen Identität darstellen (Salvini, 1995), deren Stabilität zu schützen ist, denn wenn die Theorie, an die sie glauben, in sich zusammenbricht, bricht auch ihre persönliche Identität auseinander. Und vergessen wir nicht, daß Milton H. Erickson wegen seiner »unorthodoxen« Therapieansätze zu Beginn seiner brillanten Karriere aus der American Psychiatry Association ausgeschlossen wurde.

Um all dem vorzubeugen, haben die Forscher und Autoren der strategischen Kurzzeittherapie im Laufe von mehr als zwanzig Jahren jedoch eine solche Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten vorgelegt, daß dieser Ansatz in seinen verschiedenen Formulierungen eine fast inflationäre Verbreitung gefunden hat.

Die strategische Therapie ist eine in der Regel kurze therapeutische Intervention, deren Ziel die Beseitigung der Symptome und die Lösung des vom Patienten dargestellten Problems ist. Dieser Ansatz ist weder eine Verhaltenstherapie noch eine oberflächliche Symptomtherapie, sondern eine Umdeutung und Veränderung der Wirklichkeitswahrnehmung und der sich daraus ergebenden Verhaltensweisen des Patienten.

Der Grundgedanke ist folgender: Die Beseitigung der Störung erfordert das Durchbrechen des zirkulären Systems von Wechselwirkungen zwischen Individuum und Wirklichkeit, das die problematische Situation aufrechterhält, die Neudefinition der Situation und die entsprechende Veränderung der Wahrnehmungen und Auffassungen der Welt, die die Person zu gestörten Reaktionen zwingen.

Aus dieser Perspektive ist der Rückgriff auf Notizen oder Informationen über die Vergangenheit oder die sogenannte »klinische Geschichte« des Patienten nur ein Mittel, um bessere Lösungsstrategien für die gegenwärtigen Probleme entwickeln zu können, und kein therapeutisches Verfahren wie in den traditionellen Formen der Psychotherapie.

Anstatt die Vergangenheit seines Patienten zu erforschen, konzentriert der Therapeut von der ersten Begegnung mit dem Patienten an seine Aufmerksamkeit und die Bewertung auf folgende Punkte:

Was geschieht innerhalb der drei interdependenten Beziehungen, die der Patient mit sich selbst, mit den anderen und mit der Welt unterhält?

Wie funktioniert das präsentierte Problem in einem solchen Beziehungssystem?

Wie hat der Patient bis jetzt versucht, das Problem zu bekämpfen oder zu lösen (versuchte Lösungen)?

Wie kann diese problematische Situation auf die wirksamste und rascheste Weise verändert werden (Nardone, Watzlawick, 1990, S. 48)?

Nachdem gemeinsam mit dem Patienten auf der Grundlage der ersten therapeutischen Interaktionen (Diagnose) die Ziele der Therapie festgelegt worden sind, werden eine oder mehrere Hypothesen über die genannten Punkte gebildet und die Strategien zur Lösung des präsentierten Problems entwickelt und in die Praxis umgesetzt. Wenn die Intervention erfolgreich ist, beobachtet man beim Patienten in der Regel vom Anfang der Behandlung an eine deutliche Besserung der Symptome und eine schrittweise Veränderung der Art und Weise, wie er sich selbst, die anderen und die Welt wahrnimmt. Das bedeutet, daß sich die Perspektive, aus der heraus er die Wirklichkeit wahrnimmt, allmählich von der für das perzeptiv-reaktive System, das die problematische Situation aufrechterhält, typischen Starrheit zu einer flexibleren Wirklichkeitswahrnehmung und Einstellung zur Wirklichkeit hin verschiebt, verbunden mit einer allmählichen Stärkung der persönlichen Unabhängigkeit und des Selbstwertgefühls aufgrund der Feststellung, daß eine Lösung des Problems möglich ist.

Die erste Formulierung der strategischen Kurzzeittherapie verdanken wir der Forschungsgruppe des Mental Research Institute (MRI) in Palo Alto (Watzlawick, Weakland, Fisch, 1974; Weakland, Fisch, Watzlawick, Bodin, 1974). Diese Autoren verknüpften ihre systematische Perspektive mit den technischen Beiträgen der Hypnotherapie von Milton H. Erickson, wodurch sie vom Standpunkt der Formulierung systemischer Modelle aus in der Lage waren, Ericksons strategischen Therapieansatz von reiner Kunst oder Magie zu einem wiederholbaren klinischen Verfahren weiterzuentwickeln.

Doch die pragmatische Tradition und die Philosophie des Stratagems als Schlüssel zur Lösung von Problemen hat eine sehr viel ältere Geschichte. Denn strategische Ansätze, die immer noch modern wirken, finden wir beispielsweise in der Überzeugungskunst der Sophisten, in der alten Praxis des Zen oder im Buch der 36 Stratageme aus dem alten China.

Parallel zur Entwicklung des MRI-Modells entwickelte Jay Haley, der ebenfalls ein Mitglied der bekannten Gruppe für Kommunikationsforschung von Bateson war und zusammen mit John Weakland jahrelang die Charakteristika von Ericksons Therapiestil studiert hatte, eine eigene Formulierung der strategischen Therapie mit ähnlichen Ergebnissen wie das MRI.

Anfang der achtziger Jahre tauchte dann ein drittes Modell der Kurzzeittherapie auf systemisch-strategischer Grundlage auf, formuliert von Steve de Shazer und seiner Gruppe in Milwaukee (de Shazer, 1982a, 1982b, 1984, 1985, 1988a, 1988b). Die von dieser Gruppe vorgelegten Ergebnisse scheinen hinsichtlich Wirksamkeit und Leistungsfähigkeit noch bedeutsamer zu sein.

Danach entwickelten andere Autoren, die jeweils einer der drei Gruppen angehören, die Grundmodelle (Madanes, 1990; Berg, 1993; O’Hanlon, 1987; O’Hanlon und Wilk, 1987; O’Hanlon und Weiner-Davis, 1989; Nardone, 1991, 1993).

In den letzten zehn Jahren erlebte der Ansatz der Kurzzeittherapie im Gefolge der enormen gesellschaftlichen Nachfrage und der praktischen Erfolge der Kurzzeittherapien eine Explosion im Bereich der anwendungsorientierten Forschung und der Veröffentlichung von Fachliteratur. Zahlreiche Autoren, die sich auf eines der drei Grundmodelle beziehen oder eine synthetische Position einnehmen, die spezifische Formulierungen für bestimmte Anwendungskontexte (Madanes, 1990, 1995; Nardone, 1991, 1993, 1995; Nardone, Watzlawick, 1990) oder auch besondere Typologien für die Behandlung bestimmter pathologischer Formen liefern, präsentieren interessante technische Weiterentwicklungen und tragen zu einer weiteren Erhöhung der Wirksamkeit und Leistungsfähigkeit der Therapie bei (Nardone, 1993; Berg, 1994).

In den letzten Jahren bildete sich darüber hinaus innerhalb des weiten Bereichs der Psychotherapie eine in theoretischer Hinsicht pluralistische und auf der Ebene der Interventionstechniken synthetische Perspektive immer stärker aus (Omer, 1992, 1994; Cade, Hondon, 1994; Bloom, 1995). Die neunziger Jahre erweisen sich damit als das Jahrzehnt, in dem sich die Überwindung starker anwendungstheoretischer Positionen zugunsten eines größeren operativen Pragmatismus der klinischen Interventionen andeutet. Tatsächlich ist es kein Zufall, daß sich in den letzten Jahren auch die Festung der Psychoanalyse der geplanten Kurzzeittherapie geöffnet hat (Bloom, 1995), wobei diese jedoch immer als eine in bezug auf die Tiefe und Unangefochtenheit der Langzeittherapie nachgeordnete Therapie angesehen wird. Diese Öffnung scheint daher keine kritische Revision der unerschütterlichen psychoanalytischen Überzeugungen zu sein, sondern eine Anpassung an die Gesetze des Marktes, der sich immer stärker an der Nachfrage nach therapeutischen Interventionen orientiert, die konkret in der Lage sind, innerhalb kurzer Zeit auf die besonderen Bedürfnisse der Patienten einzugehen.

Auf diese Weise wird eine Realität sichtbar, in der sich der strategische Ansatz der Kurzzeittherapie aufgrund seiner im Vergleich zu den anderen Therapiemodellen erwiesenermaßen größeren Wirksamkeit und Leistungsfähigkeit immer stärker ausbreiten wird, was nicht so sehr auf eine innere Weiterentwicklung der Psychotherapie im ganzen zurückzuführen ist, in der immer noch Starrheit und wirklich erstaunliche Widerstände gegen jede Veränderung vorherrschen, sondern auf die Schubkraft der Marktgesetze, die vom Therapeuten verlangen, daß er sich der Nachfrage anpaßt, wenn er nicht wie mittlerweile zahlreiche Psychotherapeuten in Italien hoffnungslos hinter den Therapiebedürfnissen hinterherhinken will.

All dies führte zu dem Entschluß, über die von den Herausgebern bereits veröffentlichten Arbeiten hinaus eine vollständige Übersicht über das vorzulegen, was die strategischen Ansätze der Kurzzeittherapie Patienten wie Therapeuten zum gegenwärtigen Zeitpunkt anbieten können. Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir uns für Essays entschieden, die von den international führenden Vertretern dieses Ansatzes zur Erforschung der menschlichen Probleme und ihrer Lösung verfaßt wurden. Auf diese Weise soll dem Leser ein umfassender Überblick über den Gesamtkomplex aus Theorie, klinischer Anwendung sowie empirischer und experimenteller Forschung geboten werden, den die wissenschaftliche Arbeit bildet, die sich mit der Frage beschäftigt, »wie« die psychischen Störungen rasch und wirkungsvoll beseitigt werden können.

Zu diesem Zweck gliedert sich der vorliegende Band in zwei Teile: Theorie und Praxis. Der erste, stärker theorieorientierte Teil beschäftigt sich mit den philosophisch-epistemologischen Grundlagen und den Modellen moderner Logik, die dem strategischen problem solving der Kurzzeittherapie zugrunde liegen. Der zweite Teil, der der klinischen Anwendung gewidmet ist, stellt die unterschiedlichen strategischen Therapiemodelle vor und beschreibt die Entwicklung vom rein artistischen zum technologischen Ansatz, den diese in den letzten zehn Jahren genommen haben. Diese Entwicklung führte zu immer leistungsfähigeren und schnelleren Interventionstechniken für spezifische Probleme, die mit den methodologischen Kriterien der Wissenschaft verifizierbar sind.

Wir glauben, daß der Leser auf diese Weise in die faszinierende Kunst, komplizierte menschliche Probleme mit Hilfe scheinbar einfacher Lösungen zu beheben, eingeführt werden kann. Und entdeckt, daß hinter solchen »einfachen Lösungen« eine komplizierte und moderne Theorie steht.

 

Erster Teil

Die Theorie der Kurzzeittherapie

Einleitende Bemerkungen

Wir dichten uns selber als Einheit in dieser selbsterschaffenen Bilderwelt, das Bleibende in dem Wechsel.

FRIEDRICH NIETZSCHE,

Nachgelassene Fragmente

 

Es scheint uns sinnvoll, den folgenden Essays ein paar einleitende Bemerkungen voranzustellen, da sie von verschiedenen Autoren verfaßt wurden und einige von ihnen Kontexten entstammen, die mit der Psychotherapie scheinbar nur wenig zu tun haben. Dies soll dem Leser ermöglichen, einerseits genau zu verstehen, inwieweit sich jeder einzelne Aufsatz in den Gesamtzusammenhang dieses Buches einfügt, und andererseits jeden Beitrag in seiner Originalität und Tragweite voll zu würdigen.

Der erste Essay dieses der Theorie der Kurzzeittherapie gewidmeten Teils stammt von einem der beiden Herausgeber dieses Buches und behandelt die Frage, wie die traditionellen diagnostischen Konzeptualisierungen der Psychiatrie in Verfahren umgewandelt werden können, mit deren Hilfe aus der interpersonellen Kommunikation auf psychische Störungen geschlossen werden kann. Der Autor behandelt darüber hinaus unter radikal-konstruktivistischem Gesichtspunkt die Aspekte der Beziehung, die jedes Individuum mit seiner Wirklichkeit erlebt, und geht auf die Frage ein, wie die Charakteristika einer solchen Beziehung »pathologische Wirklichkeiten« sowie »therapeutische Wirklichkeiten« bestimmen können.

Der zweite Essay, verfaßt von dem bedeutendsten Theoretiker der radikal-konstruktivistischen Philosophie, erinnert an die historischen und theoretischen Grundlagen dieser Annäherung an das Wissen und hebt ihren operativen Wert hervor. Denn wenn der Mensch als aktives Subjekt betrachtet wird, das die Wirklichkeit, die es erfährt oder beherrscht, »konstruiert«, ist das, was er braucht, um die problematischen Situationen zu bewältigen, nicht eine mutmaßliche »Wahrheit« über die Dinge, sondern das operative und strategische Bewußtsein, das es in die Lage versetzt, von Mal zu Mal die Probleme, denen es begegnet, zu lösen.

Der dritte Beitrag behandelt die Umsetzung der Lehren aus dem Konstruktivismus in die klinische Praxis und die konkreten Aspekte der Wirksamkeit innerhalb der therapeutischen Interaktion, die auf der zentralen Perspektive gründet, die Probleme des Patienten zu lösen.

Der vierte Essay, der wie der zweite von einem der Hauptvertreter des Konstruktivismus geschrieben wurde, führt den Leser in allgemeinere und grundlegende Aspekte des Konstruktivismus und der Kybernetik ein. Heinz von Foerster beschäftigt sich mit der Frage der Ethik und stellt die epistemologischen Grundlagen und die besonderen Charakteristika der kybernetisch-konstruktivistischen Annäherung an die Wirklichkeit dar. Dieser Beitrag und derjenige von Glasersfeld ergänzen sich insofern, als sie dem Leser eine klare und erhellende Darstellung dieser neuen theoretischen Perspektive bieten, die in den übrigen Beiträgen in ihren mehr anwendungsbezogenen psychotherapeutischen Aspekten zum Ausdruck kommt.

Der letzte Essay dieses Teils stellt die Entwicklungen der strategischen Logik und der mathematischen Logik als grundlegende Methodologie für die Ausarbeitung der therapeutischen Interventionen dar. Der Autor weist darauf hin, daß diese Disziplinen die Möglichkeit bieten, nicht nur spezifische therapeutische Techniken zu konstruieren, sondern auch ganze therapeutische Modelle für spezifische Formen von psychischen Störungen, die aus einer Strategie bestehen, die Taktiken und Maßnahmen mit selbstkorrigierenden Eigenschaften beinhaltet. All dies erlaubt einen beträchtlichen Schritt vorwärts, da es den Wechsel von allgemeinen Therapiemodellen zu spezifischen Modellen möglich macht und ihre Wirksamkeit und Leistungsfähigkeit ebenso wie ihre Strenge und Systematik erheblich steigert, ohne deswegen ihre Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit zu verringern.

1. Kapitel

PAUL WATZLAWICK

Die Konstruktion klinischer »Wirklichkeiten«[1]

Als Kliniker sind wir normalerweise nicht auch Epistemologen, das heißt, wir sind nicht mit jenem Wissenschaftszweig vertraut, der den Ursprung und die Natur der Erkenntnis studiert. Die Implikationen und Konsequenzen dieser Tatsache sind weitreichend und übersteigen gewiß bei weitem meine eigenen dürftigen philosophischen Kenntnisse. Dennoch glaube ich, daß zumindest ein paar grundlegende erkenntnistheoretische Überlegungen die Richtung bestimmen, in die unser Gebiet sich entwickelt.

Die Normalität definieren

Lassen Sie mich mit einer Überlegung beginnen, die für manche trivial und selbstverständlich sein mag, für andere dagegen beinahe skandalös: Im Unterschied zu den medizinischen Wissenschaften verfügt unser Gebiet nicht über eine allgemein anerkannte, endgültige Definition von Normalität. Die Mediziner sind in der glücklichen Lage, eine recht klare, objektiv verifizierbare Vorstellung von dem zu haben, was man das normale Funktionieren des menschlichen Körpers nennen kann. Das versetzt sie in die Lage, Abweichungen von der Norm zu erkennen und diese als krankhaft zu bestimmen. Es versteht sich von selbst, daß dieses Wissen sie nicht notwendigerweise befähigt, diese Abweichungen auch zu behandeln. Aber es bedeutet ganz klar, daß sie mit großer Wahrscheinlichkeit die meisten Erscheinungsformen von Gesundheit und Krankheit voneinander unterscheiden können.

Die Frage nach der emotionalen oder geistigen Gesundheit eines Individuums ist ein ganz anderes Thema. Sie ist keine wissenschaftliche, sondern eine philosophische, eine metaphysische oder sogar eine ganz und gar abergläubische Annahme. Um uns bewußt zu werden, was oder wer wir »wirklich« sind, müßten wir aus uns heraustreten und uns objektiv betrachten, ein Kunststück, das nicht weit entfernt ist von dem, das bislang nur Baron von Münchhausen fertiggebracht hat, als er sich und sein Pferd davor bewahrte, in einem Sumpf zu versinken, indem er sich an seinem Zopf herauszog.

Jeder Versuch des menschlichen Geistes, sich selbst zu studieren, führt zu Problemen der Rekursivität oder Autoreferenz, die die gleiche Struktur wie manche Witze haben, die Frage etwa: »Was ist Intelligenz?«, und die Antwort: »Intelligenz ist die geistige Fähigkeit, die mit Intelligenztests gemessen wird.«

Zu allen Zeiten wurde Wahnsinn als Abweichung von einer Norm verstanden, die ihrerseits als die endgültige, letzte Wahrheit angesehen wurde. Diese Wahrheit war so »endgültig«, daß schon ihre Infragestellung als Zeichen von Verrücktheit oder Bosheit galt. Die Aufklärung bildete da keine Ausnahme, außer daß sie nicht irgendeine göttliche Offenbarung war, sondern daß der menschliche Geist nun selbst göttliche Eigenschaften hatte und als déesse raison bezeichnet wurde. Demnach wurde das Universum von logischen Prinzipien regiert, der menschliche Verstand war imstande, diese Prinzipien zu verstehen, und der menschliche Wille war in der Lage, nach ihnen zu handeln. Nebenbei sei bemerkt, daß die Inthronisierung der Göttin Vernunft zur Enthauptung von 40 000 Personen durch Dr. Guillotins aufgeklärte Erfindung und schließlich erneut zur Errichtung einer traditionellen Monarchie führte.

Mehr als hundert Jahre später führte Freud eine weit pragmatischere und humanere Definition von Normalität ein, indem er sie als »die Fähigkeit zu arbeiten und zu lieben« definierte. Für viele schien diese Definition ihren Zweck zu erfüllen, weshalb sie auf breite Akzeptanz stieß. Unglücklicherweise jedoch wäre nach dieser Definition Hitler ein normaler Mensch gewesen, weil er, wie wir alle wissen, sehr hart arbeitete und zumindest seinen Hund, wenn nicht auch seine Geliebte, Eva Braun, liebte. Freuds Definition versagt, wenn wir es mit den sprichwörtlichen Exzentrizitäten besonders außergewöhnlicher Menschen zu tun haben.

Diese Probleme mögen dazu beigetragen haben, daß eine weitere Definition von Normalität, nämlich als Anpassung an die Wirklichkeit, allgemeine Anerkennung fand. Diesem Kriterium zufolge sehen normale Menschen (und insbesondere wir Therapeuten) die Wirklichkeit so, wie sie wirklich ist, während Menschen, die unter emotionalen oder geistigen Störungen leiden, sie verzerrt sehen. Diese Definition setzt fraglos voraus, daß es eine wirkliche Wirklichkeit gibt, die dem menschlichen Geist zugänglich ist, eine Annahme, die schon seit etwa zweihundert Jahren als philosophisch unhaltbar galt. Hume, Kant, Schopenhauer und viele andere Denker haben immer wieder nachdrücklich betont, daß wir lediglich eine Meinung über die »wirkliche« Wirklichkeit haben können, ein subjektives Bild, eine willkürliche Interpretation. Kant zufolge bestehen beispielsweise alle Irrtümer in der Art und Weise, wie wir Begriffe für Eigenschaften der Dinge an sich bestimmen, aufgliedern oder deduzieren. Und Schopenhauer schrieb in Über den Willen in der Natur (1836):

»Dies ist der Sinn der großen Lehre Kants, daß die Zweckmäßigkeit erst vom Verstande in die Natur gebracht wird, der demnach ein Wunder anstaunt, das er erst selbst geschaffen hat.« (S. 242)

Es ist sehr einfach, solche Ansichten verächtlich als rein »philosophisch« und folglich ohne jeden praktischen Nutzen abzutun. Derartige Feststellungen finden sich jedoch in den Werken von Vertretern dessen, was allgemein als die Naturwissenschaft schlechthin angesehen wird: der theoretischen Physik. 1926 soll Einstein in einem Gespräch mit Heisenberg über Theoriebildung gesagt haben, es sei ganz falsch zu versuchen, eine Theorie allein auf objektive Beobachtung zu gründen. Das genaue Gegenteil sei der Fall: Die Theorie bestimme, was wir beobachten können.

In die gleiche Richtung geht Schrödingers Behauptung in seinem Buch Mind and Matters (1958): »Jedermanns Weltbild ist und bleibt stets das Konstrukt seines Verstandes, und es kann nicht bewiesen werden, daß es irgendeine andere Existenz hat.« (S. 52)

Und Heisenberg (1958) sagt zum gleichen Thema:

Die Wirklichkeit, über die wir sprechen können, ist niemals die Wirklichkeit »a priori«, sondern eine von uns geformte bekannte Wirklichkeit. Wenn man gegen diese Behauptung einwendet, es gebe doch schließlich eine objektive Welt, unabhängig von uns und unserem Denken, die ohne unser Zutun funktioniere oder funktionieren könne und die diejenige sei, die wir eigentlich meinen, wenn wir forschen, dann müssen wir auf diesen Einwand, so überzeugend er auf den ersten Blick auch klingen mag, entgegnen, daß selbst der Ausdruck »es gibt« seinen Ursprung in der menschlichen Sprache hat und daher nichts meinen kann, was nicht mit unserem Verstehen zusammenhängt. Für uns »gibt es« eben nur die Welt, in der der Ausdruck »es gibt« eine Bedeutung hat. (S. 236)

Die autoreferentielle Zirkularität des Verstandes, der sich selbst zum Gegenstand einer »wissenschaftlichen Untersuchung« macht, ist sehr schön von dem berühmten Biokybernetiker Heinz von Foerster (1974) beschrieben worden:

Wir sind jetzt im Besitz der Binsenwahrheit, daß eine Beschreibung (der Welt) jemanden impliziert, der sie beschreibt (beobachtet). Was wir jetzt brauchen, ist die Beschreibung des »Beschreibers« oder, anders ausgedrückt, wir brauchen eine Theorie des Beobachters. Da wir nur lebende Organismen als Beobachter bezeichnen würden, fällt diese Aufgabe dem Biologen zu. Er ist jedoch selbst ein Lebewesen, was bedeutet, daß er in seiner Theorie nicht nur über sich selbst, sondern auch über seine Ausarbeitung dieser Theorie Rechenschaft ablegen muß. Dies ist eine neue Situation für den wissenschaftlichen Diskurs, denn nach dem traditionellen Standpunkt, der den Beobachter von seinen Beobachtungen trennt, mußte jede Bezugnahme auf diesen Diskurs sorgfältig vermieden werden. Diese Trennung war alles andere als ein exzentrischer oder verrückter Einfall, denn unter gewissen Umständen kann die Einbeziehung des Beobachters in seine Beschreibungen zu Paradoxen führen, der Äußerung nämlich: »Ich bin ein Lügner.« (S. 401)

Und vielleicht noch radikaler (im ursprünglichen Sinn von »zu den Wurzeln zurückgehen«) äußert sich der chilenische Biologe Francisco Varela (1975) in seinem Aufsatz: »A Calculus for Self-Reference«:

Der Ausgangspunkt dieses Kalküls […] ist der Akt des Bezeichnens. In diesem ursprünglichen Akt trennen wir Formen, die uns als die Welt selbst erscheinen. Von diesem Ausgangspunkt aus behaupten wir die Vorrangstellung der Rolle des Beobachters, der Unterscheidungen trifft, wo immer es ihm beliebt. Die getroffenen Unterscheidungen, die unsere Welt schaffen, enthüllen aber genau dies: die Unterscheidungen, die wir treffen – und diese Unterscheidungen beziehen sich mehr auf eine Enthüllung des Standorts des Beobachters als auf eine immanente Konstitution der Welt, die gerade durch diesen Mechanismus der Trennung zwischen Beobachter und Beobachtetem stets nur schwer faßbar scheint. Indem wir die Welt finden, wie wir sie finden, vergessen wir alles, was wir unternommen haben, um sie als solche zu finden, und wenn wir wieder daran erinnert werden, wenn wir unseren Weg bis zur Bezeichnung zurückverfolgen, finden wir wenig mehr als ein gespiegeltes Spiegelbild unserer selbst und der Welt. Im Gegensatz zu dem, was gewöhnlich angenommen wird, enthüllt eine Beschreibung, wenn sie sorgfältig unter die Lupe genommen wird, die Eigenschaften des Beobachters. Wir, die Beobachter, erkennen uns selbst, indem wir erkennen, was wir anscheinend nicht sind, die Welt. (S. 24)

Schön, mag man sagen, aber was hat das alles mit unserem Beruf zu tun, in dem wir es mit der nackten Realität von Verhaltensweisen zu tun haben, deren Verrücktheit selbst ein Philosoph nicht leugnen könnte?

Lassen Sie mich als Antwort jenen merkwürdigen Vorfall erwähnen, der vor mehreren Jahren aus der italienischen Stadt Grosseto gemeldet wurde. Eine Frau aus Neapel, die in Grosseto zu Besuch war, wurde in einem Zustand akuter Schizophrenie ins städtische Krankenhaus eingeliefert. Da die psychiatrische Station nicht in der Lage war, sie aufzunehmen, wurde beschlossen, sie nach Neapel zurückzuschicken. Als die Männer der Ambulanz kamen und fragten, wo die Patientin sei, wurde ihnen gesagt, in welchem Raum sie warte. Als sie dort eintraten, fanden sie die Patientin auf dem Bett sitzend, vollständig angezogen und die Handtasche griffbereit. Als sie sie aufforderten, mit ihnen zum wartenden Krankenwagen hinunterzugehen, wurde sie erneut psychotisch, wehrte sich mit allen Kräften gegen die Pfleger, weigerte sich mitzukommen und zeigte alle Anzeichen von Persönlichkeitsverlust. Sie mußten ihr eine Beruhigungsspritze geben und sie zum Krankenwagen hinuntertragen, und dann fuhren sie mit ihr nach Neapel.

Auf der Autobahn außerhalb von Rom wurde der Krankenwagen von einer Polizeistreife angehalten und nach Grosseto zurückgeschickt. Es hatte eine Verwechslung gegeben: Die Frau im Krankenwagen war nicht die Patientin, sondern eine Einwohnerin von Grosseto, die ins Krankenhaus gekommen war, um einen Verwandten zu besuchen, der sich einer kleinen Operation hatte unterziehen müssen.

Wäre es übertrieben, wenn man sagt, daß der Irrtum eine klinische Wirklichkeit geschaffen (oder, wie wir radikalen Konstruktivisten sagen würden, »konstruiert«) hatte, in der auch das »wirklichkeitsangepaßte« Verhalten jener Frau ein klarer Beweis für ihre »Verrücktheit« war? Sie wurde aggressiv, beschuldigte das Personal böser Absichten, begann Anzeichen von »Ichverlust« zu zeigen, und so weiter.

Wer mit dem Werk des Psychologen David Rosenhan vertraut ist, brauchte gar nicht bis zu dem Vorfall in Grosseto zu warten. Bereits fünfzehn Jahre früher veröffentlichte er die Ergebnisse einer eleganten Studie, »On Being Sane in Insane Places« (1973), in der er und sein Team nachwiesen, daß die Normalen nicht erkennbar gesund sind und daß psychiatrische Kliniker ihre eigenen Wirklichkeiten schaffen.

Ein ganz analoges Beispiel wurde vor etwa einem Jahr von den Nachrichtenmedien aus der brasilianischen Stadt São Paulo berichtet. Diesem Bericht zufolge war es für nötig befunden worden, das (sehr niedrige) Geländer der Terrasse des Reitclubs zu erhöhen, da eine Reihe von Besuchern nach hinten über das Geländer gefallen waren und sich schwer verletzt hatten. Und da anscheinend nicht alle Unfälle einfach nur mit Trunkenheit erklärt werden konnten, wurde, vermutlich von einem Anthropologen, eine andere Erklärung vorgeschlagen: Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Regeln, was den »korrekten« Abstand betrifft, der einzunehmen und einzuhalten ist, wenn sich zwei Personen von Angesicht zu Angesicht unterhalten. In westeuropäischen und nordamerikanischen Gesellschaften beträgt dieser Abstand die sprichwörtliche Armlänge; in mediterranen und lateinamerikanischen Gesellschaften ist er erheblich kürzer. Wenn also ein Nordamerikaner und ein Brasilianer ein Gespräch miteinander beginnen, würde der Nordamerikaner vermutlich den Abstand halten, der für ihn der »korrekte, normale« ist. Der Brasilianer würde sich unangenehm weit vom anderen entfernt fühlen und näher rücken, um den Abstand herzustellen, der für ihn, den Brasilianer, der »richtige« ist; der Nordamerikaner würde zurückweichen, der andere näher rücken, und so weiter, bis der Nordamerikaner nach hinten über das Geländer fallen würde. Zwei verschiedene »Wirklichkeiten« schufen also ein Ereignis, für das in der klassischen monadischen Vorstellung vom menschlichen Verhalten die Diagnose einer Manifestation des »Todestriebs« nicht allzu weit hergeholt wäre und das folglich eine klinische »Wirklichkeit« konstruieren würde.

Die wirklichkeitschaffende Kraft solcher kultureller Gegebenheiten ist das Thema von Walter Cannons (1942) klassischem Aufsatz »Voodoo Death«, einer faszinierenden Sammlung anthropologischer Fallstudien, die zeigen, wie der feste Glaube einer Person an die Macht eines Fluchs oder eines bösen Zaubers innerhalb von Stunden zum Tod dieser Person führen kann. In einem Fall zwangen die Mitglieder eines Stammes im australischen Busch ihren Medizinmann jedoch, seinen Fluch zurückzunehmen, und das Opfer, das bereits ganz lethargisch geworden war, erholte sich innerhalb kürzester Zeit.

Soweit ich weiß, hat niemand die Konstruktion solcher klinischer »Wirklichkeiten« eingehender studiert als Thomas Szasz. Von seinen zahlreichen Büchern ist The Manufacture of Madness – A Comparative Study of the Inquisition and the Mental Health Movement (1975) für mein Thema von besonderer Relevanz. Lassen Sie mich von den historischen Quellen, die er benutzte, diejenige zitieren, mit der ich am vertrautesten bin. Es handelt sich um das Buch Cautio Criminalis, das die Hexenprozesse behandelt und 1631 von dem Jesuiten Friedrich von Spee geschrieben wurde (wiederveröffentlicht 1977). Als Beichtvater vieler der Hexerei Angeklagter wurde er Zeuge der grausamsten Folterszenen und schrieb dieses Buch, um den Gerichten bewußtzumachen, daß nach ihren Prozeßregeln keine Verdächtige jemals für unschuldig befunden werden könne. Mit anderen Worten, diese Regeln konstruierten eine Wirklichkeit, in der jedes Verhalten der Angeklagten ein Schuldbeweis war.

Hier einige der »Beweise«:

Gott würde die Unschuldige von Anfang an beschützen; nicht von Gott gerettet zu werden, ist »daher« bereits an sich ein Schuldbeweis.

Das Leben einer Verdächtigen ist entweder rechtschaffen oder nicht. Wenn nicht, dann ist das ein zusätzlicher Beweis. Wenn ja, dann gibt dies Anlaß zu weiteren Verdächtigungen, denn es ist ja bekannt, daß Hexen in der Lage sind, als rechtschaffen zu erscheinen.

Im Gefängnis wird die Hexe entweder Angst haben oder nicht. Hat sie Angst, ist das ein klarer Beweis, daß sie sich ihrer Schuld bewußt ist. Hat sie keine Angst, so bestätigt das die Wahrscheinlichkeit der Schuld, denn man weiß ja, daß die gefährlichsten Hexen in der Lage sind, unschuldig und ruhig zu wirken.

Die Verdächtige versucht zu fliehen oder sie versucht es nicht. Jeder Fluchtversuch ist ein klarer und zusätzlicher Schuldbeweis, während keine Flucht bedeutet, daß der Teufel ihren Tod will.

Wie wir erneut sehen können, konstruiert die Bedeutung, die bestimmten Umständen innerhalb eines gegeben Rahmens von Annahmen, Ideologien oder Überzeugungen zugewiesen wird, eine ganz eigene Wirklichkeit und enthüllt sozusagen jene »Wahrheit«. In Gregory Batesons Terminologie handelt es sich hier um »Doppelbindungs«-Situationen, logische Sackgassen, für die er vor allem in seinem Buch Perceval’s Narrative – A Patient’s Account of His Psychosis (1961) zahllose klinische Beispiele gab.

John Perceval, Sohn des britischen Premierministers Spencer Perceval, entwickelte 1830 eine Psychose und blieb bis 1834 hospitalisiert. In den Jahren nach seiner Entlassung schrieb er zwei autobiographische Berichte unter dem Titel Narrative, in denen er detailliert seine Erfahrungen als geisteskranker Patient schildert. Hier nur ein Beispiel aus Batesons Einleitung, wo er von der Interaktion zwischen dem Patienten und seiner Familie spricht:

[Die Eltern] können ihre eigene Perfidie nicht erkennen, es sei denn, sie wird durch das Verhalten des Patienten gerechtfertigt, und der Patient wird sie nicht erkennen lassen, wie sein Verhalten mit seiner Ansicht über das, was sie getan haben und was sie jetzt tun, verknüpft ist. Die Tyrannei »guter Absichten« muß endlos ausgeübt werden, während der Patient eine ironische Heiligkeit erreicht, indem er sich selbst in närrischen oder selbstzerstörerischen Handlungen opfert, bis er schließlich gerechtfertigt wird durch das Zitieren des Gebets unseres Heilands: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. – Amen.« (S. xviii)

Die alte Weisheit similia similibus curantur (›Gleiches wird durch Gleiches geheilt‹) gilt jedoch auch für diese Situationen. Das älteste Beispiel der Konstruktion einer positiven klinischen Wirklichkeit, das mir bekannt ist, wird von Plutarch in seinen Moralia berichtet und spricht vom außerordentlichen Erfolg des Ratschlags eines weisen Mannes in der antiken Stadt Milesia in Kleinasien:

Ein gewisse schreckliche und ungeheure Verstimmung, deren Ursache unbekannt war, befiel die Mädchen von Milesia. Sehr wahrscheinlich hatte die Luft eine erregende und giftige Eigenschaft angenommen, die sie zu dieser Veränderung und Geistesgestörtheit trieb; denn sie wurden ganz plötzlich von einem heftigen Verlangen zu sterben gepackt, das sich in wütenden Versuchen, sich aufzuhängen, äußerte, und vielen gelang es insgeheim. Die Argumente und Tränen der Eltern und die Versuche der Freunde, sie davon abzubringen, fruchteten nichts, im Gegenteil, sie entzogen sich ihren Bewachern, obwohl diese all ihre Findigkeit aufboten, um sie daran zu hindern, und sie brachten sich weiterhin um. Und das Unheil schien ein außergewöhnlicher göttlicher Fluch zu sein, gegen den die Menschen nichts ausrichten konnten, bis auf den Rat eines weisen Mannes hin der Senat ein Gesetz erließ, das verfügte, daß alle Mädchen, die sich erhängt hatten, nackt über den Marktplatz getragen werden sollten. Dieses Gesetz ließ ihr Verlangen, sich umzubringen, nicht nur erlahmen, sondern unterdrückte es vollständig. Beachtet, was für ein starkes Argument der Anständigkeit und Tugendhaftigkeit diese Furcht vor Schande ist; denn sie, die keine Angst vor den schrecklichsten Dingen der Welt, Schmerz und Tod, hatten, konnten die Vorstellung nicht ertragen, sogar nach ihrem Tod noch entehrt und erniedrigt zu werden.

Vielleicht kannte jener weise Mann die ebenfalls alte Weisheit von Epiktet, der sagte, daß nicht die Dinge an sich uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir über die Dinge haben.

Doch das sind Ausnahmen. Im großen und ganzen hat unsere Disziplin niemals aufgehört anzunehmen, daß die Existenz des Namens der Beweis für die »wirkliche« Existenz des benannten Dings ist – trotz Alfred Korzybskis Warnung (1933), daß der Name nicht das Ding ist und die Landkarte nicht das Land. Das eindrucksvollste Beispiel für diese Art von Wirklichkeitskonstruktion, zumindest in unseren Tagen, ist das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM). Seinen Verfassern muß nämlich der wahrscheinlich größte therapeutische Erfolg aller Zeiten zugute gehalten werden: Auf zunehmenden gesellschaftlichen Druck hin strichen sie aus der dritten Auflage (DSM-III) die Homosexualität als psychische Störung und heilten auf diese Weise mit einem Federstrich Millionen von Menschen von ihrer »Krankheit«.

Doch Spaß beiseite, die praktischen, klinischen Konsequenzen des Gebrauchs diagnostischer Begriffe wurden ernsthaft untersucht von Karl Tomm und seinem Team im Family Therapy Program, Department of Psychiatry, University of Calgary.

Was für praktische, nützliche Schlußfolgerungen können wir aus all dem ziehen?

Wenn man akzeptiert, daß geistige Normalität nicht objektiv definiert werden kann, dann ist notwendigerweise der Begriff der Geisteskrankheit ebenso undefinierbar.

Aber wie sieht es dann mit der Therapie aus?

Implikationen für die Therapie

An diesem Punkt müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf ein Phänomen richten, das lange fast ausschließlich als eine negative, unerwünschte Verkettung von Umständen bekannt war: die sich selbst erfüllende Prophezeiung. Die erste detaillierte Untersuchung beruht auf den Forschungen von Russel Jones (1974) (und hier zitiere ich den Untertitel dieses Buchs) über die sozialen, psychologischen und physiologischen Wirkungen von Erwartungen.

Es ist allgemein bekannt, daß die sich selbst erfüllende Prophezeiung eine Annahme oder Voraussage ist, die, eben weil sie gemacht wurde, das erwartete oder vorhergesagte Ereignis eintreten läßt und so ihre eigene »Richtigkeit« bestätigt. Die Untersuchung interpersoneller Beziehungen bietet zahlreiche Beispiele. Wenn ein Mensch beispielsweise, aus welchem Grund auch immer, annimmt, daß die Menschen ihn nicht mögen, wird er aufgrund dieser Annahme ein so feindseliges, überempfindliches, mißtrauisches Verhalten an den Tag legen, daß er in seiner menschlichen Umgebung genau die Abneigung hervorruft, die er erwartete und die ihm »beweist«, wie sehr er von Anfang an recht hatte.

Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung auf staatlicher Ebene ereignete sich im März 1979, als die kalifornischen Nachrichtenmedien berichteten, daß aufgrund des arabischen Ölembargos eine schlimme Benzinknappheit drohe. Das Ergebnis war, daß die kalifornischen Autofahrer das unter den gegebenen Umständen einzig Vernünftige taten: Sie stürmten die Tankstellen, um ihre Tanks zu füllen und sie so voll wie möglich zu halten. Dieses Auffüllen von 12 Millionen Benzintanks (die zu jenem Zeitpunkt vermutlich zu 70% leer waren) brauchte die gewaltigen Benzinreserven vollständig auf und führte buchstäblich innerhalb eines Tages zu der vorhergesagten Knappheit. Endlose Schlangen bildeten sich an den Tankstellen, doch drei Wochen später war das Chaos beendet, als öffentlich bekanntgegeben wurde, daß die Benzinzuteilung für den Bundesstaat Kalifornien nur geringfügig eingeschränkt worden sei.

Andere mittlerweile klassische Untersuchungen sind die hochinteressanten Forschungen von Robert Rosenthal, über die er insbesondere in seinem Buch Pygmalion in the Classroom (Rosenthal/Jacobson, 1986) berichtet, ganz zu schweigen von den zahlreichen Untersuchungen über die Wirkung von Placebos, jenen chemisch inaktiven Substanzen, die der Patient für neuentwickelte hochwirksame Medikamente hält. Obwohl seit der Antike bekannt und von allen möglichen »spirituellen« Heilern, Kurpfuschern usw. angewandt, wurde dem Placebo-Effekt bis zur Mitte unseres Jahrhunderts von wissenschaftlicher Seite keine große Aufmerksamkeit geschenkt. Laut Shapiro (1960) wurden allein zwischen 1954 und 1957 mehr Forschungsberichte über dieses Thema veröffentlicht als in den vorangegangenen 50 Jahren.

In welchem Ausmaß bloße Annahmen oder Bedeutungen, die Wahrnehmungen zugeschrieben werden, den physischen Zustand einer Person beeinflussen können, wird an einem Beispiel deutlich, das ich bereits an anderer Stelle (Watzlawick, 1990) gegeben habe.

Ein wegen seiner Fähigkeiten und klinischen Erfolge hochgeachteter Hypnotiseur war eingeladen worden, einen Workshop für eine Gruppe von Ärzten in der Wohnung von einem von ihnen zu leiten. Als er das Haus betrat, bemerkte er, daß »jede horizontale Fläche mit Blumensträußen vollgestellt war«. Da er an einer starken Allergie gegen frisch geschnittene Blumen litt, spürte er fast augenblicklich das wohlbekannte Brennen in Augen und Nase. Er wandte sich an den Gastgeber und erzählte ihm von seinem Problem und seiner Befürchtung, daß er unter diesen Umständen nicht in der Lage sein würde, seinen Vortrag zu halten. Der Gastgeber gab seiner Verwunderung Ausdruck und bat ihn, sich die Blumen doch einmal näher anzusehen; sie erwiesen sich als künstlich. Nachdem er diese Entdeckung gemacht hatte, verschwand seine allergische Reaktion fast ebenso schnell, wie sie aufgetreten war.

Dieses Beispiel scheint einen klaren Beweis dafür zu liefern, daß das Kriterium der Wirklichkeitsanpassung letztlich doch stichhaltig ist. Der Mann hielt die Blumen für echt, doch sobald er entdeckt hatte, daß sie nur aus Nylon und Plastik bestanden, löste diese Konfrontation mit der Wirklichkeit sein Problem und ließ ihn zur Normalität zurückkehren.

Wirklichkeiten erster und zweiter Ordnung

An diesem Punkt wird es notwendig, zwischen zwei Ebenen der Wirklichkeitswahrnehmung zu unterscheiden, die gewöhnlich in einen Topf geworfen werden. Wir müssen unterscheiden zwischen dem Bild der Wirklichkeit, das wir durch unsere Sinne empfangen, und der Bedeutung, die wir diesen Wahrnehmungen zuschreiben. Eine neurologisch gesunde Person kann beispielsweise einen Blumenstrauß sehen, berühren und riechen. (Der Einfachheit halber werden wir die Tatsache außer acht lassen, daß diese Wahrnehmungen auch das Ergebnis unwahrscheinlich komplexer Konstruktionen unseres zentralen Nervensystems sind. Wir wollen ebenfalls außer acht lassen, daß der Ausdruck »Blumenstrauß« nur für Sprecher des Deutschen eine Bedeutung hat. Für jeden anderen ist er bedeutungsloses Geräusch oder eine Reihe von Buchstabensymbolen.) Nennen wir dies die Wirklichkeit erster Ordnung.

Meist bleiben wir jedoch auf dieser Ebene nicht stehen. Fast immer weisen wir den Gegenständen unserer Wahrnehmung einen Sinn, eine Bedeutung und/oder einen Wert zu. Und auf dieser Ebene, der Ebene der Wirklichkeit zweiter Ordnung, entstehen die Probleme. Die entscheidend wichtige Unterscheidung zwischen diesen beiden Ebenen der Wirklichkeitswahrnehmung wird sehr schön durch den alten Witz veranschaulicht: »Was ist der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten?« Antwort: »Ein Optimist sagt, eine Flasche Wein ist halb voll; ein Pessimist sagt, sie ist halb leer.« Die Wirklichkeit erster Ordnung ist dieselbe Flasche für beide (eine Flasche mit Wein darin); die Wirklichkeit zweiter Ordnung ist für beide eine andere, und es wäre vollkommen sinnlos, herausfinden zu wollen, wer recht und wer unrecht hat.

Im Fall des allergischen Hypnotiseurs kann die Allergie als ein Phänomen angesehen werden, das normalerweise auf der Ebene der Wirklichkeit erster Ordnung angesiedelt ist; das heißt, das System reagiert in typischer, objektiv nachprüfbarer Weise auf die Anwesenheit von Pollen in der Luft. Doch wie die Beispiele zeigen, hatte die bloße Annahme, daß Blumen im Zimmer sind (mit anderen Worten, die Konstruktion einer Wirklichkeit zweiter Ordnung) die gleiche Wirkung.

Wie anfangs erwähnt, verfügt die Medizin über eine angemessen zuverlässige Definition solcher Ereignisse und Prozesse der Wirklichkeit erster Ordnung. In der Psychotherapie bewegen wir uns dagegen in einer Welt bloßer Annahmen und Überzeugungen, die Teil unserer Wirklichkeit zweiter Ordnung und folglich Konstruktionen unseres Geistes sind. Die Verfahren, mit denen wir unsere persönlichen, sozialen, wissenschaftlichen und ideologischen Wirklichkeiten konstruieren und sie dann für »objektiv wirklich« halten, sind Gegenstand jener modernen erkenntnistheoretischen Disziplin, die radikaler Konstruktivismus genannt wird.

Realität und Psychotherapie

Einer der wahrscheinlich schockierendsten Lehrsätze dieser Denkschule besagt, daß wir von der »wirklichen« Wirklichkeit bestenfalls nur wissen können, was sie nicht ist. Mit anderen Worten, erst, wenn unsere Wirklichkeitskonstruktion scheitert, erkennen wir, daß die Wirklichkeit nicht so ist, wie wir sie uns vorgestellt haben. In seiner »Einführung in den radikalen Konstruktivismus« definiert Ernst von Glasersfeld (1984) das Wissen wie folgt:

Wissen wird vom lebenden Organismus aufgebaut, um den an und für sich formlosen Fluß des Erlebens soweit wie möglich in wiederholbare Erlebnisse und relativ verläßliche Beziehungen zwischen diesen zu ordnen. Die Möglichkeiten, so eine Ordnung zu konstruieren, werden stets durch die vorhergehenden Schritte in der Konstruktion bestimmt. Das heißt, daß die »wirkliche« Welt sich ausschließlich dort offenbart, wo unsere Konstruktionen scheitern. Da wir das Scheitern aber immer nur in eben jenen Begriffen beschreiben und erklären können, die wir zum Bau der scheiternden Konstruktionen verwendet haben, kann es uns niemals ein Bild der Welt vermitteln, die wir für das Scheitern verantwortlich machen könnten. (S. 37)

Mit diesem Scheitern, diesem Zusammenbrechen sind wir jedoch in unserer Arbeit konfrontiert, mit jenen Angst-, Verzweiflungs- und Wahnsinnszuständen, die uns befallen, wenn wir uns in einer Welt wiederfinden, die nach und nach oder ganz plötzlich sinnlos geworden ist. Und wenn wir die Möglichkeit akzeptieren können, daß wir von der wirklichen Welt mit Sicherheit nur wissen können, was sie nicht ist, dann wird die Psychotherapie zu der Kunst, eine Wirklichkeitskonstruktion, die nicht länger »paßt«, durch eine andere zu ersetzen, die besser »paßt«. Diese neue Konstruktion ist ebenso fiktiv wie die vorherige, mit der Ausnahme, daß sie uns die bequeme, »geistige Normalität« genannte Illusion erlaubt, daß wir die Dinge jetzt so sehen, wie sie »wirklich« sind, und daß wir dadurch im Einklang mit dem »Sinn des Lebens« stehen.

Aus dieser Perspektive befaßt sich die Psychotherapie damit, die Weltsicht des Patienten umzudeuten, eine neue klinische Wirklichkeit zu konstruieren und bewußt jene zufälligen Ereignisse herbeizuführen, die Franz Alexander (1956) korrigierende emotionale Erfahrungen nannte. Konstruktive Psychotherapie gibt sich nicht der Illusion hin, sie könne den Patienten die Welt sehen lassen, wie sie wirklich ist. Der Konstruktivismus ist sich vielmehr bewußt, daß die neue Weltsicht nur eine andere Konstruktion, eine andere Fiktion ist und sein kann – allerdings eine nützliche, weniger schmerzliche.

Am Ende einer Kurzzeittherapie (von neun Sitzungen) sagte die Patientin, eine junge Frau: »So, wie ich die Situation sah, war sie ein Problem. Jetzt sehe ich sie anders, und sie ist kein Problem mehr.«

Für mich sind diese Worte die Quintessenz einer erfolgreichen Therapie: Die Wirklichkeit erster Ordnung ist zwangsläufig dieselbe geblieben, aber die Wirklichkeit zweiter Ordnung des Patienten ist jetzt eine andere, erträgliche.

Und diese Worte bringen uns zurück zu Epiktet: Nicht die Dinge an sich beunruhigen uns, sondern die Meinungen, die wir über die Dinge haben.

[1]Aus Zeig, J. K. (Hg.), The Evolution of Psychotherapy: The Second Conference, Brunner/Mazel, New York, 1992, S. 55–62

2. Kapitel

ERNST VON GLASERSFELD

Radikaler Konstruktivismus oder Die Konstruktion des Wissens[2]

Als ich vor zwanzig Jahren das erste Mal über den Konstruktivismus schrieb, erwartete ich nicht, daß dieser Begriff in Mode kommen würde. Jean Piaget hatte ihn in den dreißiger Jahren eingeführt, in der psychologischen Literatur hatte er allerdings nur wenig Widerhall gefunden. Heute kann man kaum noch eine Fachzeitschrift für Sozialwissenschaften aufschlagen, ohne auf jemanden zu stoßen, der einen »konstruktivistischen Standpunkt« einnimmt. Sehr häufig jedoch ist die Sicht, die da zum Ausdruck gebracht wird, nicht im geringsten mit derjenigen vereinbar, der ich diesen Namen geben würde.

Der Konstruktivismus ist eine Erkenntnistheorie, die einen radikalen Bruch mit der traditionellen Epistemologie verlangt. Wenn man in diese Richtung zu denken beginnt, wird man feststellen, daß fast alles, was man vorher gedacht hat, geändert werden muß. Eine so weitreichende Revolution ist sowohl schockierend als auch furchterregend, und derjenige, der sie vorschlägt, sollte erklären, was dazu führte und warum man sie befürworten sollte. Ich bin mir dieser Verpflichtung sehr wohl bewußt und werde daher versuchen, etwas näher auf die vier Quellen einzugehen, aus denen dieses Denken sich speist. Es handelt sich um historische und biographische Quellen, die unter den folgenden Stichworten zusammengefaßt werden können: 1) Sprache; 2) die Position der Skeptiker seit Beginn der abendländischen Geschichte; das Schlüsselkonzept der Darwinschen Evolutionstheorie; die Kybernetik.

Bevor ich mich diesen vier Punkten zuwende, möchte ich jedoch eine wissenschaftliche Entdeckung präsentieren, die eines der stärksten Argumente für den Weg des Konstruktivismus liefert. Sie betrifft eine Tatsache, die im vorigen Jahrhundert von Neurophysiologen entdeckt wurde, die in der psychologischen Literatur jedoch praktisch keine Spuren hinterlassen hat. Heinz von Foerster, der ebenfalls zu den Begründern des Konstruktivismus gehört, entdeckte sie vor etwa dreißig Jahren wieder. Er entdeckte eine dem Nervensystem inhärente Eigenschaft: Die Signale, die von den Sinnesorganen eines Organismus an die Hirnrinde (den Teil des Gehirns, in dem, wie man annimmt, die kognitiven Prozesse stattfinden) gesendet werden, sind alle gleich. Er sprach daher von »undifferenziertem Kodieren«.

Dies bedeutet, daß, wenn ein Neuron in der Netzhaut ein »visuelles« Signal zur Hirnrinde sendet, dieses Signal exakt die gleiche Form hat wie das, das von den Ohren, von der Nase, von den Fingern oder Zehen oder von jedem anderen Signale erzeugenden Teil des Organismus kommt. Es gibt keinen qualitativen Unterschied zwischen diesen Signalen. Sie variieren hinsichtlich Frequenz und Amplitude, aber es gibt keinen qualitativen Hinweis auf das, was sie bedeuten könnten. Wie von Foerster sagt: »Sie sagen uns wieviel, aber nicht was.«

Das war eine verblüffende Beobachtung. Sie wurde später von Humberto Maturana im Bereich des Farbensehens bestätigt. Er zeigte, daß die Rezeptoren, die, wie man vermutet, Rot empfangen – Physiker würden sagen, die Wellenlängen des Lichts, die wir Rot nennen –, Signale senden, die sich in keiner Weise von denen unterscheiden, die von »Rezeptoren« ausgesendet werden, die Grün empfangen. Wenn wir aber fähig sind, Rot und Grün zu unterscheiden, so müssen diese Unterscheidungen in der Hirnrinde gemacht werden. Und doch kann dies nicht auf der Grundlage einfacher qualitativer Unterschiede geschehen, da es derartige Unterschiede nicht gibt. Die Behauptung, daß wir die Dinge erkennen, weil wir »Informationen« aus der sogenannten äußeren Welt empfangen, entbehrt also jeder Grundlage.

Ende der Leseprobe