Küstensommer - Karin König - E-Book
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Küstensommer E-Book

Karin König

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Beschreibung

Ein Ostseesommer voller Sonne, Strand und zweiter Chancen

Nina Meerbach liebt ihren Job als Lehrerin und ihre kleine Tochter Hannah, die sie zusammen mit ihrer Schwester im idyllischen Altensande an der Ostsee großzieht. Doch dann wird ausgerechnet Chris der neue Trainer von Hannahs Fußballmannschaft – Chris, der Ninas große Jugendliebe war und sie nach dem Abi vor fast zehn Jahren einfach sitzengelassen hat. Auch wenn Nina sich geschworen hat, nie wieder jemanden so nah an sich ranzulassen, schlägt ihr Herz höher, wann immer sie sich zwischen Dünen, Meer und Fußballplatz sehen. Auch Chris hat gute Gründe, sich von ihr fernzuhalten. Aber wie lange können sie ihre Gefühle füreinander noch unterdrücken?

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch

»Entschuldigung, könnten Sie mir sagen, wie spät es ist?«

Vor mir steht ein Mann, der ein klappriges rotes Fahrrad neben sich herschiebt. Seine kurzen sandblonden Haare sind vom Fahrtwind zerzaust, und er trägt eine schwarze Sonnenbrille.

»Ähm, sicher«, antworte ich. »Kurz vor vier.«

»Okay.« Er atmet erleichtert aus. »Dann bin ich ja noch pünktlich.«

»Wofür?«, frage ich leicht amüsiert. »Das Training der U-12-Fußballmädchen? Glaube kaum, dass man Sie da mitspielen lässt.«

»Da bin ich anderer Meinung.« Er nimmt die Sonnenbrille ab und steckt sie in den Kragen seines weißen Sportshirts. »Schließlich bin ich der neue Trainer.«

In diesem Moment macht etwas in meinem Gehirn klick. Bilder schieben sich voreinander wie in einem Kaleidoskop. Denn ich kenne diese Augen. Blau wie das Meer an einem Wintertag.

»Chris Reuter.« Der Name geht mir über die Lippen wie ein Fluch. Oder ein Zauberwort. Aber so ist das vielleicht, wenn man nach zehn Jahren wieder dem Mann gegenübersteht, der einem das erste Mal das Herz gebrochen hat.

Zur Autorin

Karin König hat Journalistik studiert, für mehrere Lokalzeitungen geschrieben und ein Volontariat beim WDR absolviert. Aktuell arbeitet sie als Journalistin für den WDR. Wenn sie mal nicht hinter ihrem Laptop sitzt, hat sie meistens ein Buch vor der Nase. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich als Rettungsschwimmerin. Den Sommer verbringt sie am liebsten an der Ostsee. Mehr über Karin König unter www.karin-koenig.com

Lieferbare Titel

Love & Lebkuchen

Wellensommer

Muschelsommer

Küstensommer

KARINKÖNIG

ROMAN

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 04/2025

© 2025 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Redaktion: Michelle Stöger

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design

unter Verwendung von © Shutterstock.com (KatarinaF, pun photo, Dlinnychulok, mimibubu, Long Summer, Lemaris, alamella, Daria Ustiugova, arxichtu4ki, anitapol)

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-33289-1V001

www.heyne.de

Für Karin d. Ä., die in ihrer unnachahmlichen Großzügigkeit nicht nur ihren Vornamen mit mir teilt.

Kapitel 1

Noch bevor ich den kleinen Fußweg zur Pension betreten habe, wird die dunkelgrüne Tür aufgerissen. »Mama, da bist du ja endlich!«, ruft Hannah mir entgegen. »Wir warten schon alle auf dich.«

Obwohl sie mir auch nach ihrem letzten Wachstumsschub gerade mal bis zum Bauchnabel reicht. ist sie in fünf schnellen Schritten bei mir und schlingt die Arme um meine Hüften.

»Hallo, mein Schatz.« Ich lasse meine Ledertasche mit den Arbeitsheften der Klasse 3A auf den Boden sinken und umarme meine Tochter. »Wo brennt es denn?«

»Rosa hat neue Törtchen gebracht! Ich finde Erdbeere super, aber Tante Sandra mag Tiramisu mehr. Du musst sie zur Vernunft bringen.«

Lachend richte ich mich wieder auf. »Ich werde mein Bestes geben.« Hannah greift nach meiner freien Hand und geht zielstrebig voran. Die drei kleinen Steinstufen am Eingang hoch und unter dem selbst bemalten Surfbrett mit der Aufschrift »Pension Meerbach« hindurch, das über der Tür hängt. Im Flur vor dem kleinen Rezeptionstisch, den Phillip letzten Winter eingebaut hat, steht eine Frau mit grauer Kurzhaarfrisur und Sonnenhut und studiert die Flyer in der Auslage. Ihre beiden fünfjährigen Enkel sind gerade dabei, das Strandspielzeug untereinander aufzuteilen.

»Moin, Frau Krause. Na, was macht der Urlaub?«, frage ich im Vorbeigehen.

»Alles wunderbar, meine Liebe. Und vielen Dank noch mal für die Strandwanderung am Samstag. Die beiden sahen danach aus wie matschige Sandmonster. Aber sie haben es geliebt.«

Kaum hat sie das Wort »matschig« ausgesprochen, lassen die beiden Kinder Wasserball und Schwimmflügel fallen und drehen sich mit großen Augen zu ihrer Oma um. »Können wir das noch mal machen? Vielleicht finden wir ja dieses Mal den Wattwurm. Bitteeee!«

Frau Krause zuckt schmunzelnd mit den Schultern. »Das müsst ihr nicht mich fragen, sondern unsere Wattführerin hier.«

»Strandführerin«, korrigiere ich, dann deute ich mit dem Kinn auf die Kork-Pinnwand hinter der Rezeption. »Ihr habt Glück. Diesen Samstag gibt es wieder eine Tour. Wenn ihr mitmachen wollt, tragt euch einfach auf die Liste ein, und dann sehen wir uns pünktlich um zehn Uhr hier.«

Triumphgeheul bricht aus. Frau Krause und ich tauschen einen amüsierten Blick, dann zieht Hannah mich weiter, durch den Flur in die große Küche. Neben den Mahlzeiten für meine kleine Familie wird hier auch jeden Morgen das Frühstück für die Pensionsgäste vorbereitet. Noch sind es ein paar Wochen bis zum Beginn der Sommerferien, und dementsprechend ist erst die Hälfte der Zimmer in der Pension Meerbach belegt. Der perfekte Zeitpunkt, um neue Rezepte zu testen.

»Besonders schwierig war die Buttercreme, wie du dir sicher vorstellen kannst. Sie sollte cremig und dekadent schmecken, aber zum Frühstück nicht zu schwer sein.«

Als wir die Küche betreten, deutet Rosa gerade zwischen zwei Blechen hin und her. Auf beiden befinden sich eine ganze Reihe kleiner Törtchen mit kunstvoller Buttercreme-Verzierung. Die Altensander Konditorin unterbricht ihren Vortrag, um mich heranzuwinken.

»Genau die Frau, die wir brauchen. Komm mal ran, Deern. Deine Meinung ist gefragt.«

»Jetzt lasst die Arme doch erst mal ankommen.« Sandra streckt die Hand aus, und ich reiche ihr dankbar die Ledertasche voller Hefte. Meine Schwester hat die schwarzen Haare zu einem praktischen Zopf gebunden und einen kleinen Klecks Buttercreme an der Oberlippe. Wortlos tippe ich mir an den Mund, und sie wischt ihn weg, bevor sie den Weg zum großen hölzernen Küchentisch freigibt.

»Ich sag ja nur, die mit Tiramisu-Geschmack sind himmlisch. Aber bilde dir ruhig deine eigene Meinung.«

Mein Magen erinnert mich daran, dass ich seit der Frühstückspause in der Schule nichts mehr gegessen habe, und ich lasse mich nicht zweimal bitten. Einem spontanen Impuls folgend greife ich zuerst zum rechten Blech mit den Tiramisu-Törtchen. Und kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, als ich hineinbeiße. Der Biskuitboden ist weich und saftig, und die Cremefüllung vereint süße Vanille und herben Kaffee zu einer köstlichen Geschmackskombination. »O mein Gott, Rosa. Wie hast du das gemacht?«

Die Konditorin hebt stolz das Kinn, ein seltenes Lächeln in ihrem Gesicht. »Ich habe diesen neuen lokalen Kaffee von D’Mayer ausprobiert, der kommt direkt aus Damp die Küste hoch. Der Rest ist allerdings Betriebsgeheimnis.«

»Kann ich verstehen«, antworte ich zwischen zwei Bissen. »Für so ein Rezept könnte man sich schon fast überlegen, jemanden auf dich anzusetzen.«

»Du kannst ja mal bei der Altensander Mafia anfragen«, entgegnet Rosa mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. »Die sollen erst mal kommen.«

Sandra nimmt sich auch noch ein Törtchen. »Also bist du meiner Meinung? Tiramisu für das Frühstücksbüfett?«

»Noch hat Mama Erdbeere nicht probiert«, erinnert Hannah nachdrücklich. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und nimmt ein Erdbeertörtchen vom Blech, das sie mir hinhält. »Die sind noch besser! Glaub mir!«

Drei Augenpaare wenden sich mir zu, als ich in das zweite Törtchen beiße. Hannah zuliebe mache ich eine kleine Show daraus, verziehe das Gesicht, beäuge das Törtchen kritisch und nehme noch einen zweiten Bissen, den ich mir langsam auf der Zunge zergehen lasse.

»Und?« Ungeduldig hüpft Hannah auf und ab. Mit einem Grinsen erlöse ich sie. »Du hast recht. Fruchtig, erfrischend, sommerlich: Ich kann kaum glauben, dass das möglich ist, aber die sind tatsächlich noch ein kleines bisschen besser.«

Rosa brummt ein zufriedenes »Dankeschön«, während Hannah in die Hände klatscht. »Sag ich doch! Also können wir die fürs Frühstück nehmen, Tante Sandra? Bitte?«

Sandra tippt sich mit gespielter Nachdenklichkeit ans Kinn und legt den Kopf schief. »Das könnten wir natürlich machen. Oder …« Sie zieht das Wort in die Länge, bis ich ernsthaft Angst habe, meine Tochter könnte vor Spannung platzen. »Oder?«

»Oder wir machen einfach beide. Was meinst du, Rosa, kriegt ihr das hin?«

»Sollte gehen.« Die Angesprochene streicht ihre hellrosa Schürze glatt. »Seit wir Bernd in der Küche haben, können wir uns solche Extrawünsche erlauben.«

»Wirklich beide?«, wiederholt Hannah ungläubig.

»Man muss sich im Leben schon oft genug entscheiden«, antwortet Sandra lächelnd. »Ich denke, in diesem Fall können wir es uns etwas einfacher machen. Sowohl als auch statt entweder oder.«

»Dem kann ich nur zustimmen«, murmele ich um das dritte Törtchen in meinem Mund herum.

Kaum habe ich es heruntergeschluckt, klingelt es an der Rezeption, weil noch eine Familie sich für die Strandwanderung am Samstag anmelden will. Im Anschluss braucht Hannah Hilfe bei den Mathehausaufgaben. Währenddessen klingelt mein Handy. Als Jans Name auf dem Bildschirm aufleuchtet, stöhne ich innerlich und lasse den Anruf direkt an die Mailbox gehen. Schließlich muss ich dringend mit den Organisatoren von Altensandes Kindertheaterbühne und dem Bio-Bauernhof in Söderby telefonieren, um das Programm für die Sommerferien abzusprechen. Seit Sandra die ehemalige Pension unserer Eltern vor zwei Sommern wieder zum Leben erweckt hat, hat sich einiges verändert. Neben der schrittweisen Renovierung der Zimmer und der Kooperation mit Rosas Café habe ich angefangen, mich neben der halben Stelle in der Schule um das Aktivitätenangebot für die kleinen Pensionsgäste zu kümmern. Von Besuchen der lokalen Feuerwache über Surfstunden in Phillips Surfschule bis zu einem Strandfest am Ende der Sommersaison waren alle Aktionen letztes Jahr ein voller Erfolg. Dieses Jahr sollen neben der Strandwanderung noch weitere Angebote hinzukommen. Und die Zeit bis zu den Sommerferien rennt. Als ich mein Notizbuch endlich zuklappe, ruft Phillip bereits zum Abendessen. Nach einem Blick auf die immer noch ungeöffnete Tasche mit den Arbeitsheften erhebe ich mich seufzend vom Schreibtisch im kleinen Büro der Pension und schlendere in die Küche. Auch nach fast zwei Jahren lässt mich der Anblick, der sich mir dort offenbart, kurz innehalten.

Meine Tochter hilft Sandra dabei, den Tisch für vier Leute zu decken. Heute sind es Mamas gute Teller mit dem feinen Goldrand, die sie früher nur zu Weihnachten aus dem Schrank geholt hat. Als Sandra sie bei ihrer Inventur letzten Herbst wiederentdeckte, hat sie kurzerhand verkündet, das Leben sei zu kurz, um auf besondere Gelegenheiten zu warten. Seitdem essen wir hin und wieder Abendbrot auf Mamas altem Festtagsgeschirr, und es bringt mich jedes Mal zum Lächeln. Am Herd steht Phillip, rührt in einem Topf mit Spaghetti und summt leise den Taylor-Swift-Song aus dem Radio mit. Dieser Mann, der Hannah das Surfen beibringt, bei der Renovierung der Pension unverzichtbar war und meine Schwester so glücklich macht, wie ich sie noch nie gesehen habe. Den ich vor zwei Jahren noch nicht kannte und der jetzt aus diesem Haus nicht mehr wegzudenken ist.

Alle drei drehen sich kurz um, als ich reinkomme. Hannah winkt mir mit einer Hand voller Gabeln zu, Sandra und ich tauschen ein Lächeln, und Phillip fragt, ob ich die Soße probieren möchte.

Meine kleine Familie.

Die Wärme, die sich in meinem Brustkorb ausbreitet, hat nichts mit dem lauen Frühsommerabend zu tun. Zumindest nicht nur. Trotzdem öffne ich das große Küchenfenster, um eine Brise salzig-warme Luft hineinzulassen, bevor ich mir einen Löffel schnappe und die Soße koste.

»Ist gut«, konstatiere ich. »Kann man essen.«

»Mindestens so gut wie deine?«, fragt er mit einem schelmischen Grinsen.

»Keine Chance.« Ich schüttele entschieden den Kopf. »Du wirst besser, keine Frage. Aber an meine Bolognese kommst du noch nicht ran. Das ist ein Originalrezept aus dem Hause Meerbach, von Oma …«

»… an deine Mutter und an dich weitergereicht«, beendet er meinen Satz mit einem amüsierten Kopfschütteln. »Wie könnte ich das vergessen.«

»Tut mir leid, Schatz, aber hier muss ich meiner Schwester recht geben.« Sandra, die auf seiner anderen Seite aufgetaucht ist, gibt ihm einen Kuss auf die Wange. »Was Bolognese angeht, ist Nina unschlagbar.«

Phillip schlingt einen Arm um ihre Taille und zieht sie zu sich. »Jetzt fällst du mir auch noch in den Rücken?«

»Schuldig im Sinne der Anklage. Aber keine Sorge.« Sie senkt die Stimme. »Du hast andere Talente.«

Er lässt den Topf los und küsst sie in nur halb gespielter Theatralik, bis Hannah sich besorgt dazwischenschaltet: »Jetzt lass sie doch Luft holen!«

»Aber nur, weil du es bist«, sagt er mit einem Augenzwinkern und tritt zurück. Die Wangen meiner Schwester leuchten, und sie klingt etwas außer Atem, als sie Hannah bittet, noch ein paar Gläser aus dem Schrank zu nehmen.

Nach zwei Jahren sind die beiden immer noch so verliebt wie hormonkranke Teenies. Es ist beinahe widerlich. Wenn ich sie nicht beide so gernhätte.

Wenige Minuten später sitzen wir alle um den Tisch und füllen uns Spaghetti auf die Teller. Durch das geöffnete Fenster dringt Möwengeschrei herein. Im Garten sitzen ein paar der Pensionsgäste, lesen ein Buch oder unterhalten sich leise. Frau Krauses Zwillinge kicken einen Fußball hin und her, und Hannahs Blick wandert immer wieder von ihrem Teller nach draußen.

»Darf ich gleich mitspielen, Mama?«

»Wir müssen noch eine halbe Seite in deinem Deutschbuch lesen. Dann kannst du raus«, verspreche ich ihr.

»Oh, da fällt mir ein, der ist heute für dich gekommen.« Sandra dreht sich auf ihrem Stuhl um und angelt nach einem Brief von der Arbeitsfläche. »Post von Hannahs Fußballverein.«

»Bestimmt ist es die Anmeldung fürs Camp!«, sagt Hannah aufgeregt. »Wusstest du, dass ich dieses Jahr endlich groß genug bin, um mitzufahren?« Die Frage richtet sie an Phillip, der sie in den letzten Wochen schon Dutzende Male beantwortet hat. Seit sie nach dem Training einen Flyer mit der Ankündigung des Sommercamps mitgebracht hat, kennt Hannah kein anderes Thema mehr. Trotzdem nickt Phillip beeindruckt, als wäre ihm diese Entwicklung völlig neu. »Gratuliere! Du bist ja schließlich auch schon sieben Jahre alt.«

»Genau.« Stolz reckt sie das Kinn. »Wir werden das beste Team sein und am Ende den Wettbewerb gewinnen!«

»Eins nach dem anderen«, beschwichtige ich sie, während ich den Umschlag aufreiße. Der Brief selbst ist kurz, aber das macht ihn nicht weniger überraschend. »Sorry, Hannah, es geht nicht ums Camp. Es geht um Lydia. Deine Trainerin will aufhören?«

Für Hannah scheint das allerdings keine Neuigkeit zu sein. »Sie ist jetzt auch Oma. Aber ihre Enkel wohnen ganz weit weg von hier. Deshalb will sie näher zu ihnen.«

Ich lasse das Schreiben sinken. »Ach so. Das wusste ich gar nicht.«

»Natürlich ist es irgendwie traurig«, meint Hannah, während sie Spaghetti auf ihre Gabel dreht. »Aber wenn ich Enkel hätte, dann wäre ich auch lieber bei denen. Denke ich.«

Ich streiche ihr eine blonde Strähne hinters Ohr, bevor die Gefahr läuft, in ihre Nudelsoße getränkt zu werden. »Das finde ich sehr verständnisvoll von dir.«

»Steht da denn, wer das Team jetzt trainieren wird?« Sandra beugt sich über den Tisch und greift selbst nach dem Brief.

»Nein, dazu schreibt sie nichts. Nur, dass ein Ersatz wohl gefunden ist und schon vor den Ferien anfangen wird.«

»Da bin ich ja mal gespannt. Vielleicht wird es ja Robin, der Sohn vom Peters? Der hat doch früher mal Kreisliga gespielt.«

Phillip nickt kauend. »Oder die Rüters? Die jetzt schon die U-16-Mannschaften trainiert?« Den Rest der Mahlzeit verbringen die beiden mit wilden Spekulationen über das Fußballtalent verschiedener Altensanderer Mitbürger. Wenn man meine Schwester so reden hört – tiefer drin im Dorfklatsch, als ich es jemals sein könnte –, scheint es fast surreal, dass sie jemals weg war. Dabei hatte sie nicht unbedingt einen problemlosen Neuanfang in Altensande. Das ganze Drama mit dem Modernisierungsprojekt des alten Bürgermeisters hat ein paar Leute gegen sie aufgebracht. Andere brauchten einfach ein bisschen, bis sie sich daran gewöhnt hatten, dass die Weltenbummlerin, die ihrer Heimat abgeschworen hatte, jetzt wieder zurück war. Aber durch ihren Halbtagsjob im Tourismusbüro und die Pension ist sie mittlerweile wieder ein fester Bestandteil von Altensande geworden. Und wenn es nach mir geht, lasse ich sie nie wieder ziehen.

Nachdem wir den Tisch abgeräumt haben, lese ich mit Hannah in ihrem Deutschbuch und bringe sie ins Bett. Danach setzen Sandra und ich uns noch an die Abrechnungen aus dem letzten Monat und richten den Frühstücksraum für den nächsten Morgen her. Am Ende schaffe ich nur noch fünf Arbeitshefte, bis mir die Augen zu schwer werden, um geradeaus zu schauen. Als ich mich in mein ungemachtes Bett fallen lasse, ist es kurz vor elf. Der Mond wirft sein kühles Licht über die Baumkronen vor meinem Fenster, und wenn ich ganz still liege, höre ich das Meer an die Küste brausen. Obwohl ich todmüde bin, kreisen meine Gedanken weiter um die Ereignisse des Tages. Den anstehenden Elternabend der 3A. Die zu korrigierenden Arbeiten. Der unbeantwortete Anruf von meinem Ex, den ich irgendwann zurückrufen muss. Die Finanzen der Pension. Hannahs neuer Fußballtrainer. Oder Trainerin, je nachdem, ob Sandra oder Phillip mit ihren Vermutungen richtiglagen. Mit einem Seufzen vergrabe ich meinen Kopf in der kühlen Seite des Kissens. Gegenüber auf dem Flur knarzt Sandras Zimmertür. Sie sagt etwas, Phillip antwortet, aber sie reden zu leise, als dass ich sie verstehen könnte.

Ein Hauch von Sehnsucht flackert in mir auf. Danach, jemanden neben mir liegen zu haben, mit dem ich meine Gedanken teilen kann. Dessen ruhigem Atem ich lauschen kann, bis ich einschlafe.

Aber die Sache mit Männern ist, dass sie ja auch irgendwann wieder aufwachen. Und dann meistens mehr Ärger machen, als sie es wert sind.

Ich drehe mich auf die andere Seite, und mein Blick fällt auf meinen Nachttisch. In der untersten Schublade liegt der Vibrator, den ich mir ein Jahr nach meiner Scheidung im Internet bestellt habe. Danach konnte ich immer besser schlafen. Aber dann müsste ich noch mal aufstehen. Und im schlimmsten Fall erst mal Batterien suchen. Allein der Gedanke ist so ermüdend, dass ich ihn nicht zu Ende denken kann. Draußen fährt der Ostwind sanft durch die Bäume. Zwei Zimmer weiter lacht Sandra leise. Es ist das Letzte, was ich höre, bevor ich einschlafe.

Kapitel 2

In der großen Pause ruft Jan wieder an. Ich bin gerade dabei, einen Streit um die Benutzung eines unerlaubterweise mitgebrachten iPads zu schlichten, als das Handy in meiner Tasche vibriert. Beim Blick auf den Bildschirm rutscht mein Herz eine Etage tiefer. Es ist jetzt fünf Jahre her, dass wir zusammen zum Scheidungsanwalt gefahren sind und das endgültige Scheitern unserer Beziehung offiziell gemacht haben. Trotzdem hat sein Name immer noch Macht über mich. Weil er Macht über Hannah hat.

Ich lasse mir so viel Zeit wie möglich dabei, den drei Mädchen aus der zweiten Klasse zu erklären, wieso sie keine elektronischen Geräte auf dem Pausenhof benutzen dürfen. Fahre die ganze Litanei ab, angefangen bei den gesundheitlichen Auswirkungen von zu viel Bildschirmzeit bis zu den Hinweisen auf das schöne Klettergerüst nur drei Meter weiter, das die Schule erst letztes Jahr neu gebaut hat. Wohl wissend, dass sie das iPad wieder einschalten werden, sobald sie den Schulhof verlassen haben. Aber ich kann das Unvermeidliche nicht ewig vor mir herschieben. Wenn er das zweite Mal innerhalb von zwei Tagen anruft, muss es wichtig sein. Es sind noch vier Minuten bis zum Ende der Pause, als ich mich in eine etwas ruhigere Ecke hinter dem Fußballfeld zurückziehe und auf Rückruf drücke. Er gibt mir keine Zeit, mir irgendwelche Katastrophenszenarien auszumalen. Schon nach dem ersten Klingeln nimmt er ab.

»Nina! Wie schön, von dir zu hören!« Seine Stimme ist mir immer noch vertraut. Tief, warm und ein kleines bisschen abgelenkt, als würde er nebenbei bereits etwas anderes machen. In den letzten fünf Jahren hat sich nicht viel verändert.

»Was macht das Leben? Geht es dir gut?«

Das Schlimme an diesen Fragen ist, dass er sie absolut ernst meint. In Jans Augen sind wir immer noch so was wie Freunde.

»Ich bin in der Schule«, antworte ich knapp. »Was gibt es?«

Wenn ihn mein Tonfall irritiert, lässt er es sich nicht anmerken. Ohne Umschweife geht er zum nächsten Thema über, dem eigentlichen Grund seines Anrufs. »Ich weiß, wir hatten verabredet, dass Hannah übernächste Woche zu mir kommt. Aber da muss Fabienne jetzt kurzfristig beruflich nach Zürich. Deshalb würde es uns besser passen, wenn sie dieses Wochenende zu uns nach Hamburg käme.«

»Würde es das?«, presse ich hervor.

»Natürlich nur, wenn es keine Umstände macht«, ergänzt er in diesem diplomatischen Ton, den er sonst für seine schwierigen Patienten reserviert hat. Eine Frau mit panischer Angst vor dem Zahnarzt hat mir mal erzählt, dass er der Einzige ist, von dem sie sich behandeln lassen kann. Weil er so ein vertrauenswürdiges Gesicht habe, so eine beruhigende Stimme. Auf mich hat beides seit unserer Scheidung eher den gegenteiligen Effekt.

»Hannah hat am Samstag ein Fußballturnier«, erkläre ich. »Da will sie unbedingt hin.«

»Das kann ich natürlich verstehen. Aber wir haben schon Karten für das Miniatur Wunderland gekauft. Da wollte sie doch schon so lange hin.«

Da ist sie wieder, die liebste Problemlösungsmethode meines Ex-Mannes: Bewirf das Problem mit Geld, bis es einknickt.

»Du kannst sie ja mal fragen«, fährt er fort, als ob ich eine andere Wahl hätte. »Wenn sie wirklich lieber zu ihrem kleinen Turnier will, finden wir bestimmt eine andere Lösung.«

»Wie großzügig«, murmele ich.

»Was?«

»Ich kann sie fragen«, antworte ich laut. In diesem Moment liefert mir das Klingeln eine willkommene Ausrede. »Sorry, aber die Pause ist zu Ende. Ich muss los.«

»Klar. Gib mir Bescheid, was meine Kleine sagt. Und dir einen schönen …«

Ich lege auf, bevor er seinen Satz beenden kann. Soll er mir wünschen, was er will. Ich wünsche ihn vor allem zum Teufel. Mein Herz hämmert aufgebracht in meiner Brust, als ich das Handy zurück in meine Tasche schiebe. Zum hundertsten Mal bereue ich bitterlich, dass ich damals nicht mal versucht habe, das alleinige Sorgerecht zu bekommen. Und schäme mich zum hundertsten Mal für diesen selbstsüchtigen Gedanken. Hannah liebt ihren Vater. Sie vergöttert ihn. Ihn und sein teures Auto und seine große Wohnung im Hamburger Norden und den kleinen Labrador Sammy, den er und seine neue Freundin seit letztem Weihnachten haben. Und das soll sie auch. Das Letzte, was ich will, ist, ihr den Vater wegzunehmen, nur weil ich seinen Anblick kaum ertragen kann. Weil da immer dieser kleine Rest Angst bleibt. Davor, dass sie irgendwann das Angebot annehmen könnte, das er immer wieder macht. Und ich meine Tochter verliere.

»Ins Miniatur Wunderland? Echt?« Hannahs Augen sind fast so groß wie die Untertasse, auf der ich meinen Kaffee abstelle. Es ist der dritte heute, und trotzdem klebt die Müdigkeit an mir wie Kaugummi. Bevor die Mutter einer Freundin Hannah vom Training zurückgebracht hat, konnte ich gerade mal drei Arbeiten korrigieren. Und die Unterrichtsplanung für nächste Woche muss auch noch gemacht werden.

»Ja, echt.« Ich bemühe mich, so viel Enthusiasmus wie möglich in meine Stimme zu legen. »Er hat gesagt, das wünschst du dir schon lange.«

»Ja, schon ganz lange! Aber …« Ihr Strahlen gerät ins Wanken. »Aber was ist mit dem Fußballturnier? Das ist ja auch am Samstag.«

Es fällt mir schwer, ein triumphierendes Grinsen zu unterdrücken. Schließlich kenne ich meine Tochter. Ihr Fußballteam geht für sie über alles.

»Ich kann die anderen ja nicht einfach im Stich lassen«, fährt sie fort, die Stirn jetzt in nachdenkliche Falten gelegt. »Das wäre unfair. Können wir denn nicht das Wochenende danach ins Miniaturland gehen?«

»Miniatur Wunderland«, korrigiere ich, und das Triumphgefühl verpufft augenblicklich. »Das geht leider nicht, mein Schatz. An dem Wochenende kann dein Vater nicht, weil er und Fabienne in die Schweiz müssen.«

»Das ist in den Bergen, oder? Dann ist das wohl ziemlich weit weg.«

»Ja, das ist sehr weit weg.«

»Okay. Aber dann das Wochenende danach?«

Die unerschütterliche Hoffnung in Hannahs Blick bohrt sich direkt in meine Brust. Nachdem ich mich beruhigt hatte, bin ich in der kleinen Pause bereits alle Alternativen durchgegangen. Habe mich schließlich dazu durchgerungen, Jan noch mal zu schreiben und nach anderen Daten zu fragen. Erwartungsgemäß erfolglos.

»Da ist er auf einem Fachärztekongress in Berlin.«

»Kann ich da nicht mitkommen?«

Ich muss schmunzeln. »Das würde dir nicht gefallen. Da reden sie nur über Zähne.«

Ihr Gesicht verdunkelt sich, als sie zum selben Ergebnis kommt wie ich heute Vormittag. »Also, wenn ich jetzt nicht hinfahre, dann sehe ich Papa diesen Monat gar nicht?«

»Ja, leider.« Ich strecke die Arme aus, und sie hüpft auf meinen Schoß.

»Das ist ja total doof«, murmelt sie und vergräbt das Gesicht in meiner Schulter. Der vertraute Geruch nach ihrem Erdbeershampoo und Sonnencreme und Hannah schnürt mir den Hals zu. »Ich weiß, mein Schatz.«

Für ein paar Sekunden sitzen wir einfach so da. Hannah schnieft in meine Bluse, und ich verfluche die Welt im Stillen. Dann streichele ich ihr über die Haare und mache einen Vorschlag: »Wie wäre es, wenn ich deiner Trainerin eine Entschuldigung schreibe? Du kannst leider nicht, weil du einen wichtigen Termin bei deinem Vater hast. Das werden die anderen Mädchen bestimmt verstehen.«

»Meinst du wirklich?« Besorgt kaut sie auf ihrer Unterlippe.

»Ganz bestimmt. Schließlich sind sie deine Freundinnen, und die wollen nur das Beste für dich.«

Sie legt den Kopf schief, denkt über meine Worte nach. »Eigentlich schon.«

»Siehst du. Und bald ist ja auch schon das große Sommercamp. Da seid ihr dann eine Woche zusammen.«

Bei der Erwähnung des Sommercamps strahlt sie endlich wieder über das ganze Gesicht. »Stimmt! Volle fünf Tage! Das wird super.«

»Wird es ganz sicher.« Ich gebe ihr einen Kuss auf den Schopf, dann rutscht sie von meinem Schoß.

»Darf ich noch ein bisschen rausgehen? Mit Paula und Magnus Fußball spielen?«

Ein Blick aus dem Fenster des kleinen Büros zeigt die beiden Enkel von Frau Krause, die sich auf dem Rasen hinter der Pension einen Beachvolleyball zuschießen.

»Na klar, ab mit dir. Dann sage ich deinem Vater zu und kläre das mit deiner Trainerin, okay?«

Hannah, die schon auf dem halben Weg nach draußen war, kommt noch mal zurück und umarmt mich. »Danke, Mama. Du bist die Beste.«

Bis ich die Buchstaben in dem Arbeitsheft vor mir nicht mehr verschwommen sehe, hat sie sich bereits draußen ins Spiel eingeklinkt.

Als es am Freitagnachmittag um fünfzehn Uhr an der Tür klingelt, sitzt Hannah mit gepacktem Rucksack und geschnürten Schuhen auf der Treppe. Ich hatte eine halbe Woche Zeit, mich darauf vorzubereiten, und trotzdem ist da diese altbekannte Übelkeit, die jede Begegnung mit meinem Ex begleitet.

Als ich die Tür öffne, beendet er gerade einen Anruf auf seinem Diensthandy.

»Wir sprechen uns dann am Montag. Aber sollte am Wochenende im Notdienst was sein, zögern Sie nicht, mich anzurufen.«

Sobald er bemerkt, dass ich in der Tür stehe, lässt er das Handy sinken und lächelt mich an. »Hallo, Nina. Wie schön, dich zu sehen.«

Es ist immer noch dasselbe warme Lächeln, in das ich mich vor acht Jahren verliebt habe. Und wie jedes Mal ist ein Teil von mir insgeheim überrascht, wie wenig Jan sich verändert hat. Die schokobraunen Haare, die gebräunte Haut, die feingliedrigen Hände. Objektiv betrachtet ist er ein verdammt attraktiver Mann. Und ich hasse ihn dafür.

»Du bist zu spät«, erwidere ich, bevor die Pause zu lang wird. »Wir hatten halb drei gesagt.«

Er kommt nicht dazu, darauf zu antworten, denn im nächsten Moment schiebt sich Hannah an mir vorbei und springt in die geöffneten Arme ihres Vaters.

»Da bist du ja endlich! Ich hab dich so vermisst.«

»Und ich dich erst!« Er wirbelt sie einmal im Kreis herum, und sie juchzt vergnügt. »Vorsicht, lass sie nicht …«

In einer geübten Bewegung setzt er sie wieder auf dem Boden ab und richtet sich auf.

»… fallen«, beende ich lahm.

»Mach dir keine Sorgen, Nina. Wir zwei haben alles im Griff.«

Der amüsierte Blick, den er mir zuwirft, verwandelt die Übelkeit in meinem Bauch in Wut.

»Hannah hat am Montag direkt wieder Fußballtraining, sie sollte nicht zu spät ins Bett«, antworte ich kühl. »Ich würde es also begrüßen, wenn ihr spätestens um vier wieder hier wärt.«

»Gar kein Problem«, antwortet Jan mit einem entwaffnenden Lächeln. »Wir werden pünktlich sein. Und dieses Wochenende jede Menge Spaß haben, stimmt’s, meine Kleine?«

Hannah klatscht aufgeregt in die Hände. »Ja! Miniaturland, wir kommen!«

Ich schlucke meinen Ärger hinunter und gebe meiner Tochter eine Abschiedsumarmung. Halte sie fest, bis sie ungeduldig von einem Fuß auf den anderen tritt, bereit für ihr Abenteuer in der großen Stadt. »Pass auf dich auf, ja?«

»Immer doch, Mama«, ruft sie, schon auf dem halben Weg zu Jans neuem dunkelroten BMW. Hinter der Scheibe des Beifahrersitzes sehe ich die Silhouette von Fabienne. Als sie meinen Blick bemerkt, winkt sie zögerlich. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und winke zurück.

Ich bleibe im Türrahmen der Pension stehen, bis der Wagen in die nächste Straße abbiegt und aus meinem Blickfeld verschwindet. Sofort fühlt sich das Haus hinter mir leerer und weniger farbenfroh an.

»Da bist du ja.«

Erschrocken fahre ich zusammen, als Sandra plötzlich hinter mir auftaucht. Sie trägt ihre Arbeitshose und Gummistiefel, offensichtlich bereit, der Hecke im Garten zu Leibe zu rücken.

»Du siehst aus, als könntest du eine Ablenkung gebrauchen.«

Leugnen ist zwecklos. Meine Schwester kennt mich zu gut. »Er ist einfach so …«

Ich gestikuliere wild mit den Händen, unfähig, meine Frustration in die richtigen Worte zu packen. Sandras Hand auf meiner Schulter ist verständnisvoll, erdend. »Ich weiß. Hab mal gehört, dass man seine Wut super an so einer Buchsbaumhecke auslassen kann. Und heute Abend gehen wir ans Meer. Essen Eis und trinken Wein, bis du nicht mal mehr weißt, wie der Idiot heißt.«

»Das klingt wunderbar.«

Mit einem Seufzen wende ich mich um und suche in der Kommode im Flur nach meinen Gartenhandschuhen. »Packen wir es an.«

Das Wasser der Ostsee schwappt eiskalt über meine Knie. Aber es ist eine willkommene Abkühlung nach diesem Tag, ein angenehmer Kontrast zum Chaos, das immer noch in meinem Kopf herrscht. Eben erst hat Jan mir ein Foto geschickt. Er, Fabienne, Hannah und ihr kleiner Labrador auf einem Abendspaziergang, jeder ein Eis in der Hand. Hannahs Wangen leuchteten rot, ihr klebte ein bisschen Schoko-Eis am Mundwinkel, und sie sah rundum glücklich aus.

Vielleicht glücklicher, als sie seit Wochen hier in Altensande war, wie eine kleine Stimme mir seit dem Nachmittag immer wieder ins Ohr raunt. Umgeben von Hausaufgaben und Pensionsgästen und einer Mutter, deren To-do-Liste länger ist als ein Beipackzettel.

Einen Vorteil haben meine nagenden Selbstzweifel: Die Hecke sieht aus wie neu, die Arbeiten sind korrigiert, und das Bad glänzt hygienisch rein. Jetzt habe ich Muskelkater und Blasen an den Fingern und fühle mich trotzdem keinen Deut besser.

»Sicher, dass du nicht mit rauswillst?« Phillip bleibt neben mir im knietiefen Wasser stehen, ein dunkelgrünes Surfboard unter dem Arm. »Mir hilft das immer. Wenn ich nicht so richtig weiß, was ich brauche.« In seiner Stimme liegt keinerlei Wertung, und für einen Moment möchte ich in Tränen ausbrechen. Oder mich kopfüber ins Meer stürzen. Egal was, um nur diesen verständnisvollen Blicken zu entgehen, die Sandra und er mir seit heute Nachmittag zuwerfen.

»Danke. Aber ich glaube, ich setze heute aus.« Ich verschränke die Arme vor der Brust und bereue meine Entscheidung, nicht doch eine Strickjacke mitgenommen zu haben. »Einer muss ja auf das Bier aufpassen.«

»Du weißt ja, wo die Boards sind, falls du es dir anders überlegst.« Er nickt in Richtung der Surfschule hinter uns. Sandra zieht gerade die Tür hinter sich zu und schließt den Reißverschluss ihres Neoprenanzugs. Dann schnappt sie sich das hellblaue Board, das ihr Freund für sie an die Wasserkante gelegt hat, und kommt im Laufschritt auf uns zu.

»Bis gleich.« Sie klopft mir im Vorbeigehen auf die Schulter, lässt ihre Hand eine Millisekunde länger ruhen als unbedingt nötig. Das Brennen in meinen Augen verstärkt sich. Dann stürzen die beiden sich in die Fluten.

»Viel Spaß da draußen«, rufe ich hinterher und beobachte, wie sie sich durch die Wellen langsam nach draußen arbeiten. Bis zu dem Punkt draußen vor der Sandbank, an dem sie perfekt sind. Kurz davor, zu brechen. Die offensichtliche Parallele zu meinem emotionalen Zustand bleibt mir nicht verborgen. Ein leicht manisches Kichern steigt in mir hoch, und ich lasse es raus, zusammen mit den Tränen, die ich seit heute Nachmittag zurückhalte. Hier sehen mich gerade nur die Möwen. Und die haben ihre Meinung verdammt noch mal für sich zu behalten.

Mit dem Unterarm wische ich mir über die Augen und atme tief ein. Schließe die Augen und lasse zu, dass die frische Brise der Ostsee für einen Moment meine Gedanken davonträgt. So lange, bis die nächste Welle bis zu meinen Shorts hochspritzt.

Mit einem großen Sprung nach hinten bringe ich mich in Sicherheit und stakse zurück zu der Picknickdecke, auf der wir Handtücher und eine Kühltasche mit Sandwiches und Bier geparkt haben. Draußen paddelt Sandra in ihre erste Welle. Durch den rauen, auflandigen Wind sind die Wellen weiter draußen über 1,5 Meter hoch. Für eine Schönwetter-Surferin wie mich ist das schon fast zu hoch. Aber meine Schwester ist vollkommen in ihrem Element. In einer fließenden Bewegung drückt sie sich nach oben und steht im nächsten Augenblick auf dem Board. Noch immer erfüllt es mich mit einem Hauch von Nostalgie, ihr beim Surfen zuzusehen. Als würde ich in einen Teil der Vergangenheit blicken, der für immer verloren ist. Dabei ist sie zurück und wird bleiben. Und selbst wenn sie sich irgendwann noch mal vom Fernweh mitreißen lässt, weiß ich, dass sie immer zurückkehren würde.

Nachdenklich versenke ich meine Zehen im kühlen Sand. Folge Sandra mit den Augen, bis die Welle sie freigibt und sie mit einem eleganten Sprung vom Brett ins Meer taucht.

Vielleicht liegt es einfach daran, dass wir nicht mehr sechzehn und vierzehn sind und uns abends rausschleichen, um nach dem Essen noch mal schwimmen zu gehen. Sie hat sich eine Karriere aufgebaut und aufgegeben und leitet jetzt die Pension und das Modernisierungsprojekt von Altensande. Ich habe meine Arbeit in der Schule, meine Tochter und einen Ex, der mir den Schlaf raubt. Wir sind keine Teenies mehr. Auch wenn es mir hier am Wasser leichter fällt, das zu vergessen.

Mein Handy brummt. Ich ignoriere es. Als es ein zweites Mal vibriert, möchte ein Teil von mir es einfach in die Ostsee werfen. Aber der Teil, der sofort Sorge um Hannah hat, ist größer. Auf dem Bildschirm blinkt Jans Name auf. Mit klopfendem Herzen öffne ich den Chat und schaue auf ein Foto von Hannahs schlafendem Gesicht. Sie liegt eingekuschelt in der roten Fleecedecke mit den Sternen, die Jan ihr zur Geburt gekauft hat. Der erste Tag war ein voller Erfolg, steht darunter, mit einem zwinkernden Smiley. Ich hasse diese zwinkernden Smileys.

Ich schicke einen Daumen nach oben zurück und sehne die Zeit herbei, in der ich es mit meinem Gewissen vereinbaren kann, meiner Tochter ein eigenes Handy zu kaufen. Dann könnte ich einfach direkt mit ihr sprechen und müsste nicht auf Updates von Jan warten.

Nach einem letzten Blick auf das Foto lege ich das Handy wieder weg und fische eine Flasche Alster aus unserer Kühlbox. Genieße den ersten Schluck mit Blick auf den Himmel über dem Meer, der sich langsam rot färbt. Am Horizont fährt ein einsames Segelboot mit hölzernem Rumpf und schwarzem Segel langsam Richtung Hafen. Es ist zu weit entfernt, um erkennen zu können, wie viele Menschen an Bord sind, aber es wäre groß genug für mindestens zehn Passagiere. So ein Boot wollte Jan immer haben, wenn er seine eigene Zahnarztpraxis in Altensande eröffnet hat.

Ich schnaube bei der Erinnerung. Als ob er es jemals lange hier ausgehalten hätte, mitten im Nirgendwo. Als ob ich es jemals mit ihm hier ausgehalten hätte. Im nächsten Moment ärgere ich mich über mich selbst. Jan und ich sind Geschichte. Es war eine einvernehmliche Trennung. So sehr »im Guten«, wie das eben geht, wenn ein gemeinsames Kind und gemeinsame Möbel und die Scherben einer gemeinsamen Zukunft zwischen einem liegen. Natürlich war es mein Fehler, ihn überhaupt zu heiraten. Aber ich war 23 und schwanger und naiv. Da kann man schon mal falsche Entscheidungen treffen. Darüber bin ich lange hinweg. Wenn da nicht Hannah wäre. Das Schiff am Horizont kommt näher, und jetzt erkenne ich eine einsame Gestalt am Mast, die ein weiteres Segel hisst, so schwarz wie das erste.

Mittlerweile hat Jan vermutlich das Geld für so ein Schiff. Er könnte Hannah auf eine Hamburger Privatschule schicken, sie in einem teuren Fußballclub anmelden und jeden Sommer mit ihr ein anderes Land erkunden. Und er würde es tun, wenn ich ihn ließe.

»Sie kann immer zu mir kommen«, das hat er von Anfang an gesagt. In den letzten zwei Jahren wurde daraus zunehmend ein »Sie kann auch bleiben. So lange sie will.«

Am Anfang hatte ich gehofft, das wäre nur eine fixe Idee. Ein weiterer Schritt auf seinem Weg zu einem erfolgreichen Leben: eigene Praxis, eigene Altbauwohnung, glückliche Beziehung, da fehlt ja quasi nur noch das Kind. Also habe ich zähneknirschend zugestimmt, dass Hannah letztes Jahr die ganzen Herbstferien in Hamburg verbracht hat. Wenn er erst mal merkt, wie viel Arbeit es sein kann, sich um eine Siebenjährige zu kümmern, würde er sich das schnell anders überlegen. Aber das Gegenteil war der Fall. Er schien es eher als persönliche Challenge zu betrachten, Hannah die perfekten Ferien zu bereiten, so weit weg vom schnöden Alltag wie möglich. Sie waren schwimmen, Rad fahren, shoppen und im Kino, und wenn er zwischendurch mal in die Praxis musste, ist Fabienne breitwillig eingesprungen. Damit löste sich auch meine letzte Hoffnung auf, seine neue Freundin könnte ihr Veto einlegen, das Kind einer anderen Frau zu hüten. Dummerweise ist sie Kinderpsychologin, immer freundlich und absolut vernarrt in Hannah, die diese Zuneigung bereitwillig erwidert. Als Jan dann Weihnachten den Welpen gekauft und ihn Hannah bei unserem Besuch am zweiten Feiertag als Geschenk für sie verkauft hat, sind bei mir sämtliche Alarmglocken losgeschrillt. An dem Abend haben wir ein langes Gespräch in der Küche geführt, während Hannah und Fabienne im Nebenraum mit dem Hund gespielt haben. Und es ist ihm nach wie vor ernst. Wenn sie möchte, würde er Hannah zu sich nehmen. Für immer. Jan, Fabienne, Hannah und Sammy. Eine kleine Bilderbuchfamilie in einer großen Wohnung in Hamburgs grünem Norden. Die Einzige, die in diesem Bild keinen Platz hat, bin ich.

Lass uns warten, bis sie älter ist, habe ich plädiert, zwei Tassen Glühwein im Blut und erstickende Panik in meiner Stimme. Bis sie die Tragweite einer solchen Entscheidung abschätzen kann. Lass uns nicht zu lange warten, hielt er geduldig dagegen. Wenn sie erst ein paar Jahre hier in der Schule war, würde es nur schwerer für sie, zu gehen.

Das Gespräch dauerte Stunden. Ich wurde immer lauter, er immer kühler. Irgendwann habe ich ihn stehen gelassen und bin nach draußen gestürmt, mit Socken in den verschneiten Garten. Dort bin ich stehen geblieben, bis die Tränen auf meinen Wangen sich gefroren anfühlten und ich meine Zehen nicht mehr spüren konnte. Seitdem tanzen wir bei jedem Treffen um dieses Thema herum. Ich wage es nicht, ihn darauf anzusprechen, und gebe ihm wiederum keine Gelegenheit, es von sich aus zu tun. Weil ich im Grunde einfach ein Feigling bin. Ein Feigling, der den Gedanken nicht erträgt, ohne mein Kind zu leben.

»Mann, das hat gutgetan.« Sandras Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Meine Schwester legt ihr Brett neben der Picknickdecke in den Sand und schält sich aus ihrem Neoprenanzug.

»Sah auch gut aus«, antworte ich und werfe ihr ein Handtuch zu. Mit einer Schnelligkeit, die nur jahrelange Übung mit sich bringt, wickelt sie sich in das Handtuch und zieht sich darunter um. Als sie in Jogginghose und T-Shirt neben mir Platz nimmt, habe ich schon ein zweites Alster für sie geöffnet.

»Auf dich, Schwesterherz.« Sie hält ihre Flasche hoch.

»Womit habe ich das verdient?«, frage ich verwirrt.

»Einfach so. Weil du es immer verdient hast«, antwortet sie leichthin. Stößt mit ihrer Schulter sanft gegen meine. »Und weil du gerade so aussiehst, als könntest du es auch gebrauchen.«

»Na, herzlichen Dank.« Lachend stoße ich meine Flasche gegen ihre. Wir trinken schweigend, den Blick vor uns aufs Meer gerichtet, wo Phillip immer noch mit den Wellen ringt. Aber es ist die Art von Stille, die sich geborgen anfühlt. Ich lasse den Kopf auf Sandras Schulter sinken. Sie lehnt ihre Wange an meinen Schopf. Und ich erlaube mir den Gedanken, dass vielleicht doch alles gut wird.

Kapitel 3

»Ich habe den kleinsten Flughafen der Welt gesehen! Und das kleinste Schiff!« Hannah strahlt bis über beide Ohren, als ich die Haustür öffne. Es ist Sonntagabend, zwei Stunden nach der vereinbarten Uhrzeit. Jan kommt hinterher, ihren Rucksack unterm Arm und sein Telefon am Ohr. Ich beachte ihn nicht weiter, sondern breite die Arme aus und umarme Hannah zur Begrüßung. Sobald sie ihre Arme um meinen Hals schlingt, entspannt sich etwas in meiner Brust, das seit Freitagnachmittag in Alarmbereitschaft war.

»Das hört sich ja abenteuerlich an«, antworte ich. »Musst du gleich alles in Ruhe erzählen.«

»Mach ich! Aber erst muss ich aufs Klo.«

Hannah ist leider mit meiner schwachen Blase und meiner tiefen Abneigung gegenüber Rastplatztoiletten gesegnet. Also trete ich schnell zur Seite und lasse sie an mir vorbeiflitzen. Als ich mich wieder umdrehe, steht Jan vor mir und steckt das Handy gerade in seine Tasche.

»Da sind wir wieder«, antwortet er. Vielleicht ist es nur Wunschdenken, aber er klingt irgendwie erschöpft. »Bevor du es sagst: Ich weiß, dass wir zu spät sind. Aber Hannah wollte unbedingt noch mal auf den kleinen Spielplatz bei uns an der Ecke, und dann gab es Stau auf der A7.«

»Da kann man nichts machen«, antworte ich und spüre mit einem Schlag das volle Gewicht meiner eigenen Erschöpfung nach den letzten Tagen. »Jetzt seid ihr ja da.«

»So ist es.«

Normalerweise würde er mir jetzt Hannas Rucksack reichen und sich dann auf den Rückweg machen. Aber er macht keine Anstalten, ihn loszulassen, hält ihn vor seiner Brust umklammert wie einen Rettungsring.

»Wir müssen noch mal reden, Nina.«

Meine Handflächen beginnen zu schwitzen. »Worüber?«, frage ich mit gespielter Verwirrung.

»Hannah hat gesagt, dass sie gerne mit Sammy zur Hundeschule gehen möchte.«

Ich blinzele. Er tritt von einem Fuß auf den anderen. »Also, jede Woche, zusammen mit Fabienne. Dass sie sich eine Dauerkarte im Miniatur Wunderland zum Geburtstag wünscht. Und dass sie unbedingt mal ins Stadion will, wenn der HSV spielt.«

»Verstehe«, antworte ich tonlos.

»Wir haben immer gesagt, sie soll es selbst entscheiden können. Aber dann müssen wir ihr auch ehrlich die Wahl lassen, Nina.«

Das Blut rauscht in meinen Ohren, und mir wird schwindelig. »Sie ist noch nicht alt genug.« Ich hasse das Zittern in meiner Stimme. »Wir wollten doch noch warten.«

Er verzieht das Gesicht, als wäre ihm der nächste Satz unangenehm. »Du wolltest noch warten. Ich denke, wenn sie alt genug ist, um in die Schule zu gehen, ist sie alt genug, über ihr Leben zu entscheiden.«

»Weil du mit sieben bestimmt schon total vernünftige Entscheidungen getroffen hast«, halte ich dagegen. »Aber hast du schon mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn sie im Stadion und im Wunderland und bei der Hundeschule war? Wenn ihr alles mit ihr gemacht habt, was man mit Geld kaufen kann?« Wut fühlt sich besser an als Angst. Also lasse ich zu, dass sie meine nächsten Worte bestimmt. »Als wäre sie bestechlich, und ihr könntet euch ihre Liebe einfach kaufen, weil ihr es euch leisten könnt?«

Jan tritt zurück, als hätte ich ihn geohrfeigt. »Ich liebe meine Tochter, Nina. Auch wenn du das vielleicht nicht wahrhaben möchtest.«

»Das hat nichts mit mir zu tun. Mir geht es nur um Hannah.«

»Da sind wir uns ja einig.« Sein Blick ist unnachgiebig. Der Mann, der die Entscheidungen trifft und erwartet, dass alle anderen ihnen folgen. »Ich will nur das Beste für sie.«

»Und das kann ich ihr nicht bieten?« Ich spucke ihm die Frage vor die Füße, als wäre sie nicht meine schlimmste Angst, der Grund für meine schlaflosen Nächte.

Da liegt sie nun zwischen uns, nackt und schutzlos, und am liebsten würde ich sie wieder zurücknehmen. Aber dafür ist es jetzt zu spät.

»Das habe ich nicht gesagt.« Er seufzt, als spräche er mit einem besonders uneinsichtigen Patienten. »Am Ende kann das nur Hannah entscheiden. Oder traust du ihr das nicht zu?«

Mit dieser Frage zwingt er mich in die Knie, und er weiß es genau. Ich predige meiner Tochter, seit sie laufen kann, dass sie ein eigenständiger Mensch mit eigenen Wünschen sein darf. Dass sie sich von niemandem etwas gefallen lassen muss und stark genug ist, mit allen Schwierigkeiten des Lebens umzugehen.

»Natürlich traue ich ihr das zu«, antworte ich mit Nachdruck. Kratze meinen letzten Rest Selbstbeherrschung zusammen und spreche weiter: »Wir lassen sie entscheiden. Aber erst nach dem Fußballcamp.«

Jan öffnet den Mund, als wollte er widersprechen, aber ich gebe ihm keine Gelegenheit dazu. »Darauf freut sie sich jetzt seit Monaten, und sie soll es genießen können, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wo sie in Zukunft leben möchte.« Dieses Mal bin ich es, deren Stimme keinen Raum für Kompromisse lässt.

Er nickt langsam. »Das ergibt Sinn. Gut. So machen wir es also.« Er streckt die Arme aus und hält mir den Rucksack entgegen, als wollte er damit den Pakt besiegeln. »Nach dem Fußballcamp soll sie sich entscheiden.«

Wie in Trance nehme ich ihn entgegen. Im nächsten Moment kommt Hannah um die Ecke gestürmt, um sich von ihrem Vater zu verabschieden. Ich stehe schweigend im Türrahmen, während er ihr verspricht, dass sie sich bald wiedersehen werden. Spätestens zum Vater-Tochter-Trip, den sie jeden Sommer unternehmen, weil ich so in der Pension eingebunden bin, dass ich nicht wegkann. Jedes Jahr tut er so, als würde er meine Abwesenheit bedauern. Ich sollte froh sein, dass er Hannah zuliebe so tut, als wäre zwischen uns noch so etwas wie Freundschaft. Aber eigentlich wünsche ich mir nur, er würde die Spielchen lassen. Zum Abschied nickt er mir zu, als wären wir zwei Verbündete. Ich reagiere nicht darauf. Bilde mir ein, dass er für einen Moment enttäuscht aussieht. Nicht mal das kann mir Genugtuung verschaffen.

Die nächsten zwei Stunden verbringe ich damit, Hannahs Wäsche zu waschen, sie unter die Dusche zu verfrachten und mir in allen Details ihr Wochenende beschreiben zu lassen. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich kaum zuhöre. Zu laut hallen Jans Worte in meinem Kopf nach. Als ich Hannahs Kinderzimmertür schließlich leise hinter mir zugezogen habe, stehe ich für ein paar Sekunden im Flur und weiß nicht, was ich als Nächstes tun soll. In Tränen ausbrechen klingt wie eine gute Option. Eine Voodoo-Puppe von Jan basteln und mit Nadeln spicken. Oder eine Flasche Wein öffnen. Normalerweise wäre mein erster Impuls in so einer Situation, mit Sandra zu sprechen. Aber heute Abend sind die beiden auf dem Geburtstag des Bürgermeisters eingeladen und werden kaum vor Mitternacht zurück sein. Natürlich könnte ich Dagmar oder Luisa anrufen, etwas in mir sträubt sich dagegen. Meine Freundinnen kennen mich seit unserer Grundschulzeit in Altensande, und damals waren wir absolut unzertrennlich. Mittlerweile sind wir erwachsen. Wenn es gut läuft, treffen wir uns alle zwei Wochen zum Frühstücken, auf einen Spaziergang oder einen Kaffee bei Rosa, wo wir dann über die Arbeit oder unsere Familie reden, bis eine von uns den nächsten Termin hat. Und beide führen glückliche Ehen mit zuverlässigen Männern und bieten ihren Kindern ein geordnetes, behütetes Zuhause. Auch wenn sie es niemals laut sagen würden, spüre ich ihre Blicke, wenn ich von meinem Ärger mit Jan erzähle. Das würde ich gerade nicht ertragen.

Und vielleicht ist es auch nicht fair, dieses Problem direkt an jemand anderen weiterzutragen. Ich habe es schließlich selbst zu verantworten. Ich habe Jan geheiratet, ein Kind mit ihm bekommen und mich scheiden lassen. Mit den Folgen dieser Entscheidungen muss ich umgehen, dabei kann mir niemand wirklich helfen. Abgesehen davon, dass Sandra mehr als genug um die Ohren hat. Natürlich werde ich ihr davon erzählen müssen. Im schlimmsten Fall würde sie es ja ohnehin erfahren, wenn Hannah …

Der Gedanke ist so schmerzhaft, dass ich ihn nicht mal zu Ende denken kann. Also tue ich es nicht. Bis zum Fußballcamp sind es noch knapp zwei Monate. Diese Zeit werde ich nutzen. Komme, was wolle.

»Frau Rieters, Herr Rieters, kommen Sie rein. Schön, dass Sie heute Abend hier sind.« Ich winke das Paar ins Klassenzimmer der 3A hinein und führe sie zum Lehrerpult. Sie marschiert mit einem schwarz gebundenen Aktenordner zu einem der beiden Stühle und rutscht gleich einen halben Meter nach links. Herr Rieters wiederum schiebt seinen Stuhl nach rechts, bevor er sich daraufsinken lässt.

»Als würde ich jemals einen Elternabend verpassen«, sagt Frau Rieters mit einem pointierten Seitenblick auf ihren Ex. Der verschränkt die Arme vor der Brust. »Als Abteilungsleiter kann ich mir nicht immer freinehmen, wann es mir passt.«

»Ach, aber mein Job als Sekretärin ist nicht so wichtig, was?«

»Das hab ich nicht gesagt. Und wie du ja sehen kannst, habe ich heute Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um hier zu sein. Denn für Kai mache ich möglich, was geht.«

»Ist das so? Wieso hast du dann letztes Wochenende …«

»Kai ist ein gutes Stichwort«, hake ich entschieden ein. »Vielleicht können wir uns an dieser Stelle wieder dem eigentlichen Grund für Ihren Besuch hier zuwenden.«

Die beiden haben immerhin den Anstand, für einen Moment peinlich berührt zu schweigen.

»Natürlich«, sagt Kais Mutter schließlich. »Entschuldigen Sie bitte.«

Es ist das längste Gespräch des Abends. Nicht, weil der kleine Kai so ein schwieriger Schüler wäre. Ganz im Gegenteil, er ist aufgeweckt, interessiert und begeistert sich für Zahlen. Aber seine Eltern lassen keine Gelegenheit ungenutzt, sich gegenseitig in die Pfanne zu hauen. Er übt nicht genug Grammatik mit Kai, sie würde ihn verwöhnen und verziehen. Keiner kann in den Augen des anderen irgendetwas richtig machen, und gleichzeitig sind beide überzeugt davon, der bessere Elternteil zu sein. Als ich die beiden endlich zur Tür begleite, spüre ich eine bleierne Erschöpfung in meinen Knochen. Und tiefes Mitgefühl für Kai. Es ist ein ziemlich brutaler Weckruf, nachdem ich den ganzen Montag mit Fantasien darüber verbracht habe, wie ich Hannah davon überzeugen kann, bei mir zu bleiben. Denn das Letzte, was ich mir für sie wünsche, ist, dass sie zum Spielball zwischen zwei Erwachsenen wird, deren Ego ihnen wichtiger ist als ihre Tochter.

Tief in Gedanken versunken beginne ich, den Klassenraum aufzuräumen. Immerhin waren Kais Eltern die letzten, die für heute Abend auf meiner Liste standen. Damit bleibt mir jetzt nur noch, alles wieder für den morgigen Schultag herzurichten. Die 3A ist erst seit letztem Sommer meine Klasse, weil eine Kollegin in den Ruhestand gegangen ist. Nach fast einem Schuljahr habe ich das Gefühl, diese Kinder schon ewig zu begleiten. Nachdem ich alle Stühle wieder an ihre Tische geschoben und die Tafel mit den Namen der Eltern sauber gewischt habe, schließe ich hinter mir ab und mache mich auf den Weg zum Lehrerzimmer. Es ist beinahe etwas unheimlich, nach Einbruch der Dunkelheit noch in der Schule zu sein. Die Gänge, tagsüber erfüllt von den Schritten und Stimmen Hunderter Kinder, liegen verlassen und still da. Das einzige Geräusch ist das Echo meiner Schritte auf dem Linoleum, als ich an Wänden voller handgemalter Plakate und Klassenfotos vorbeigehe. Erst als ich auf den Flur des Lehrerzimmers biege, kommt das Leben zurück.

»Nina, da bist du ja. Wir haben uns schon Sorgen gemacht, die Rieters hätten dich den letzten Nerv gekostet.« Marie Wong ist gerade dabei, die Tür zum Lehrerzimmer aufzuschließen. Die Klassenlehrerin der 2B hat ein Jahr vor mir an der Altensander Grundschule angefangen und liebt Lehrerzimmertratsch genauso sehr wie ich.

»Es war ne knappe Angelegenheit.«

»Kann ich mir vorstellen.« Sie öffnet die Tür und lässt mir den Vortritt. »Musst du mir gleich noch mal in Ruhe erzählen. Dafür kann ich dir … was ist denn hier los?«

Ich bin bereits stehen geblieben und betrachte verwirrt die Ansammlung an Cupcakes und Konfetti auf dem langen Tisch in der Mitte des Zimmers.

»Haben wir was verpasst?«

»Noch nicht«, sagt Mohammed, Klassenlehrer der 1C, der sehnsüchtig die Cupcakes beobachtet. »Larissa wollte warten, bis alle da sind. Aber ich glaube, ihr wart die Letzten.«

Tatsächlich sind bis auf zwei Stühle bereits alle siebzehn Plätze um den Tisch belegt. Sobald wir uns gesetzt haben, erhebt sich Larissa Koch, die stellvertretende Direktorin der Schule.

»Guten Abend in die Runde. Ich hoffe, ihr habt den Elternabend erfolgreich hinter euch gebracht und konntet in konstruktiven Austausch treten.« In ihrer Stimme schwingt dieselbe Motivation, mit der sie mich sonst morgens um sieben an der Kaffeemaschine begrüßt. Wo sie um kurz vor zehn noch die Energie dazu hernimmt, ist mir ein Rätsel.

»Und ganz besonders freut es mich, dass ihr euch noch ein paar Minuten von eurem Abend nehmt, denn ich wollte eine kleine Ankündigung machen.« Sie tauscht einen Blick mit ihrem Freund Stephan, einem unserer Sportlehrer. »Also, wir wollen … jetzt komm schon, steh auf.«

Unter wohlmeinendem Gelächter erhebt Stephan sich und winkt in die Runde.

»Was meine Freundin sagen will: Sie wird bald nicht mehr meine Freundin sein.« Er greift nach ihrer Hand. »Sondern meine Frau. Wir werden heiraten.«

Applaus brandet auf. Marie pfeift auf ihren Fingern. Stühle werden quietschend zurückgeschoben, um dem glücklichen Paar zu gratulieren.

»Die Cupcakes sind nur ein Vorgeschmack für die Feier«, ruft Larissa über das Stimmengewirr hinweg. »Wer am 9. September noch nichts vorhat, ist auf den Polterabend in der Gemeindehalle eingeladen.«

Der Applaus wird lauter. Ich klatsche mit und versuche, das Engegefühl in meiner Brust zu ignorieren, das mich jedes Mal ereilt, wenn Bekannte oder Freunde ihre Verlobung oder Schwangerschaft verkünden. Es ist kein Neid. Nicht wirklich. Nur eine bedrückende Erinnerung, dass die Zeit nicht stehen bleibt, für niemanden.

Ich gratuliere den Kollegen herzlich und esse einen klebrig-zuckrigen Cupcake. Das Engegefühl in meiner Brust bleibt. Fast jeder im Kollegium hat einen Ring am Finger. Allein dieses Frühjahr wurde ich auf drei Hochzeiten eingeladen. Und schon mehr als ein Mal mit einem Augenzwinkern gefragt, wann ich mich denn wieder ans Daten wagen würde. Als ob ich daran irgendein Interesse hätte. Mein Blick bleibt an Larissas und Stephans ineinander verschränkten Händen hängen. An dem seligen Lächeln auf ihrem Gesicht, das ich an Sandra bemerke, wenn sie Phillip ansieht und sich unbeobachtet fühlt. Zur Enge in meiner Brust gesellt sich ein Stich. In der ausgelassenen Stimmung bemerkt niemand, dass ich das Papier meines Cupcakes in den Mülleimer werfe und mich auf den Heimweg mache.

Kapitel 4

Als ich am Donnerstagnachmittag in Timmendorf aus dem Auto steige, bin ich noch schwerer beladen als sonst. Neben den Sporttaschen von Hannah und ihrer Freundin Frieda, dem Beutel mit Wasserflaschen und Snacks und meiner Tasche mit Unterrichtsvorbereitungen balanciere ich noch einen Teller mit selbst gebackenem Schokokuchen und einen Blumenstrauß im Arm. Die Mädchen stürmen begeistert voran in Richtung des kleinen Sportheims des Timmendorfer FC. Das einstöckige weiß gekalkte Gebäude liegt neben einem großen Rasenplatz direkt hinter den Dünen. Der Sandweg vom Parkplatz zum Eingang ist uneben, und ich trage noch die Ballerinas, mit denen ich heute Morgen in der Schule war. Beides zusammen ist eine eher ungünstige Kombination für mein ohnehin fragiles Gleichgewicht. Schon nach wenigen Schritten rutscht mein Fuß im Sand zur Seite, und ich gerate in eine bedrohliche Schieflage. Verzweifelt rudere ich mit dem Arm, der den Blumenstrauß hält, während ich mich an den Teller mit dem Kuchen klammere. Wie durch ein Wunder gelingt es mir, im letzten Moment einen Sturz zu verhindern. Vor dem Eingang des Sportheims wartet bereits eine kleine Traube aus anderen Eltern und Kindern.

»Warten Sie, ich nehme Ihnen was ab.« Ein Vater kommt mir entgegen und streckt die Arme nach dem Kuchenteller aus. »Danke«, schnaufe ich. »Hab mich doch etwas verkalkuliert.«

»Ich stelle ihn einfach nach drüben zu den anderen und … Ähm …« Sein Blick bleibt für einen Moment an meiner Brust hängen, bevor er ihn eilig abwendet. »Also, Sie haben da was.«

Mit einer düsteren Vorahnung folge ich seinem Blick. Auf meiner cremeweißen Bluse, ziemlich genau auf Höhe meiner Brustwarzen, sind mehrere daumengroße dunkle Flecken. Bei meinem Balanceakt bin ich der Schokoglasur offensichtlich zu nahe gekommen.