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In Kyra, der jungen Priesterin, reift der Entschluss, ihr Volk aus dem Land der grünen Hügel zu führen und gemäß dem Wunsch ihrer Geliebten den Anderssprechenden zu folgen. Doch vor dem Aufbruch ins ferne Unbekannte verschwindet ihre Leibdienerin, trotz des Schwurs, den sie der Göttin gegenüber geleistet hat. Und mit ihrem Verschwinden bemerkt die Priesterin immer deutlicher, dass ihr Herz nicht nur für eine Frau schlägt. Kyra – Der Aufbruch ist der zweite Band der Kyra Saga.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
KYRA-SAGA, BAND 2
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Epilog
Nachwort
Namen und Begriffe
Über die Autorin
Text Copyright ©
2025 Taya Gondar, Sanne Hipp,
c/o Block Services, Stuttgarter Str. 106, 70736 Fellbach.
Cover: Juliane Schneeweiß, www.juliane-schneeweiss.com
Bildmaterial (c) shutterstock.com
Überarbeitete Auflage von 2018
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Kämpferinnen seid ihr, Frauen!
Seit Anbeginn der Zeiten.
Nebel stieg auf vom Fluss, kroch über das Grasland auf sie zu. Kyra saß auf der obersten Aussichtsplattform des Außenpostens und beobachtete ihn, als sei er ein lebendes Tier. Mit dem ersten diffusen Licht, das den Aufgang der Sonne ankündigte, hatte sie sich über Seile und Treppen empor gehangelt in die Krone des höchsten Baumes.
Dieses untätige Abwarten setzte ihr zu. Es war so unwirklich, nach dem vielen, was vorgefallen war in den letzten Tagen. Nun war alles ruhig. Zu ruhig. Aber sie war selbst schuld. Kyra, die Priesterin des Volkes der Jägerinnen, wartete auf das Zeichen der Göttin. Sieben Tage durfte sie darauf hoffen. Käme es nicht, wäre die Zeit ihrer Priesterschaft vorüber.
Die kürzeste Zeit, die je eine Priesterin regiert hätte, dachte sie bitter. Die aufgehende Sonne blinzelte über die Bergkette, die sich in weiter Ferne erhob. Bis auf die Wache schliefen noch alle in einer der zwei Gemeinschaftshütten des Lagers. Kyra bewohnte ihres Standes entsprechend allein die Hütte der Sulava.
Die Jägerin, die die Nacht über am Feuer gewacht hatte, erklomm nun ebenfalls die Plattform, grüßte sie mit einem stummen Nicken, denn es gebührte sich nicht, die Höchste des Volkes als Erste anzusprechen.
»Guten Morgen, Tai«, begrüßte Kyra sie. »Wie geht es Jara? Hat sie noch Schmerzen?« Tai, Jara und acht weitere teilten sich dieselbe Hütte.
»Es geht ihr besser, Sulava.«
Sulava war die Bezeichnung für die gute Führerin des Volkes und die Anrede, die die Jägerinnen gebrauchten, denn ihr Name war tabu, seit sie Priesterin geworden war.
»Die Schmerzen haben nachgelassen und sie hat heute Nacht tief und fest geschlafen. Bald wird sie wieder völlig gesund sein, dank deiner Hilfe.« Kyra hatte Jara die letzten Tage mehrmals Kräutertränke gegen Schmerzen zubereitet, ihr Verbände angelegt zur Heilung der Wunden, die ihr bei dem nächtlichen Überfall zugefügt worden waren.
»Es freut mich, dass sie wieder zu Kräften kommt. Jara ist eine weise und tapfere Frau, die Göttin wird ihr beistehen.« Kyras Blick verlor sich in der Ferne, sie betrachtete die dichten Schleier, die die Landschaft verbargen, als wollten sie die Orte des Geschehens vergessen machen und mit ihnen alle Schandtaten, die hier stattgefunden hatten. Ihre Jägerinnen hatten sich erfolgreich gewehrt gegen das Heer der fremden Krieger. Nun ruhten ihre Knochen unter einem Berg von Asche, an der Stelle, wo früher Holz für ihr Signalfeuer aufgeschichtet war. Sie hatten all ihre Leichen auf die felsige Ebene geschafft und verbrannt. Sie selbst beklagten keine Verluste, aber einige Verletzte. Manche so schwer, dass sie den Weg ins Dorf nicht mehr bewältigen konnten und getragen werden mussten. So wie Yuna, ihre Leibdienerin, die von dem langen Zug der ins Dorf zurückkehrenden Frauen auf einer Trage transportiert worden war, bewusstlos. Es war ungewiss, ob sie überlebte. Awen, die Medizinfrau im Dorf, würde sich ihrer annehmen, während sie selbst untätig hierbleiben musste, um ihr eigenes Schicksal abzuwarten. Sie hatte gegen das Reinheitsgebot verstoßen, dem sie als Priesterin verpflichtet war. Im Getümmel der Schlacht hatten etliche Männer sie berührt, ihr Blut hatte sie bespritzt. Ihr reinster Status als Priesterin war dahin. Überdies hatte sie vor drei Nächten die körperlichen Freuden mit einer Frau geteilt, die weder einen Schwur auf die Göttin noch auf die Priesterin geleistet hatte und noch nicht einmal ihrem Volk angehörte.
Seit drei Tagen wartete Kyra, aber nichts war geschehen. Heute war also der vierte Tag. Mit ihr warteten die Jägerinnen des Lagers. Die Wächterin, die nun neben ihr saß, warf ihr einen scheuen Blick zu. »Sulava, gestattest du mir eine Frage?«
»Was möchtest du wissen?«
»Warum bist du noch bei uns? Musst du dich nicht auf den Weg machen, um die Weisung der Göttin zu erhalten?«
»Wohin soll ich gehen? Die Göttin kann mir ebenso gut hier ihren Willen offenbaren.« Eine Tatsache, die nicht zu leugnen war. Es machte keinen Sinn, die Einsamkeit zu suchen. Wo sollte sie auch hin? Ihr Herz zog sie ins Dorf, zu den Gästen, die sie beherbergten. Fremde Frauen, die in ihr Land eingedrungen waren. Von denen sie zuerst angenommen hatten, es handele sich um fremde Krieger. Doch es waren Frauen, und sie kamen in Frieden. Sie wollten ihnen helfen, gegen die eigentliche Bedrohung, die sie kurz darauf heimsuchte. Ein ganzes Heer Männer, das von Osten hergezogen war. Es hatte sie überfallen, mit Waffen aus merkwürdig glänzendem Stein, mithilfe von Tieren, auf deren Rücken sie saßen. Schnell waren sie mit ihnen vorangekommen, als flögen sie über das Grasland. Doch Kyra und ihre Jägerinnen hatten sie alle besiegt, Dank der Göttin, die ihnen zur Seite stand.
Dabei hatte Kyra allerdings persönliche Fehler begangen. Wieder spürte sie einen Stich in ihrem Herzen. Feija – sie hatte die Freuden mit ihr geteilt, entgegen den Regeln ihres Volkes. Wieder hatte Kyra ihr wunderschönes Gesicht vor Augen. Blaue, aufgeschlossene Augen, ihr liebevolles Lächeln, ihr helles Haar, das in der Sonne glänzte, ihr Körper, so heiß und kraftvoll auf ihr, in jener Nacht ... Sollte alles vorbei sein, kaum dass es begonnen hatte?
»Ich gehe hinunter. Sag mir, wenn du etwas Besonderes siehst.« Überflüssig, es zu erwähnen. Ihre Jägerinnen warteten so ungeduldig wie sie selbst.
Kyra stieg herab, ging in ihre Hütte, suchte nach einer Beschäftigung, machte sich letztendlich daran, eine Pfeilspitze aus einem Feuerstein herauszuschlagen. Sie musste allein sein, sich mit irgendetwas ablenken.
Der Tag der Frauen begann üblicherweise mit dem Trinken eines heißen Kräutersudes, meist gab es Brei aus Einkorn, dazu ein paar Nüsse oder Beeren. Man würde ihr etwas zur Seite tun. Keine fragte nach ihr. Warum auch? Die Verletzten waren auf dem Weg zu genesen. Alle anderen würden ihren alltäglichen Aufgaben nachgehen, sich um die Vorräte kümmern, Kleinwild und Fische jagen, Kräuter und Wurzeln sammeln. Sie fühlte sich einsam. Wie ginge wohl ihr Leben weiter, wenn die Göttin ihr nicht verzieh? Seufzend legte sie die angefangene Pfeilspitze zur Seite und versank in trübe Gedanken.
Als die Sonne am höchsten stand, fühlte sie es. Es war da. Das Zeichen! Es war ganz in der Nähe. Kyra rannte aus ihrer Hütte, erklomm in höchster Eile den Aussichtsbaum, ungeachtet der Blicke der anderen. Ihr Herz schlug noch rascher als heute Morgen, als sie hier hoch gestiegen war. Die Wächterin schaute überrascht auf.
»Du kannst gehen, ich möchte allein sein«, sagte Kyra.
Sie blieb stehen, spähte höchst konzentriert zum Fluss hinüber, in Richtung Grasland. Zuerst sah sie nichts. Lange Halme bewegten sich im Wind. Weit oben kreisten Vögel. Wolken zogen in großen Schleiern. Dann veränderte sich die Stimmung. Vögel stoben auf, kreischten, und auf einmal stand sie da, allein inmitten des Graslandes. Eine einsame Hirschkuh – eine weiße Hirschkuh! Weiß, wie jenes Fell, das das Zimmer der Sulava zierte, das seit drei Generationen gehegt und gepflegt wurde. Ihr größtes Heiligtum. Und nun wurde ihr, Kyra, die Ehre zuteil, einem solchen Tier zu begegnen. Das deutlichste Zeichen der Göttin für ihr Wohlwollen. Kyra konnte kaum atmen. Sie sank auf die Knie.
»Ich danke dir, Göttin! Ich danke dir!« Tränen der Erleichterung quollen aus ihren Augen. Sie konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken. Alles würde gut werden. Die Göttin hatte sie als Priesterin nicht verstoßen, sie durfte bleiben, durfte zurück in ihr Dorf, konnte Feija wiedersehen. Mit diesem Gedanken erhob sie sich, warf noch einen Blick auf die weite Ebene, ehe sie sich schleunigst an den Abstieg machte und ihre Waffen holte: einen Bogen, ihr Messer, zwei Kurzspeere im Köcher, Pfeile, die sie auf ihren Rücken band.
Die Frauen bemerkten, dass etwas geschehen war, sahen sie erwartungsvoll an.
»Verhaltet euch ruhig, das Zeichen der Göttin ist da.« Eilig folgte sie dem Pfad in Richtung Fluss.
Der Wind stand ungünstig, als Kyra sich vorsichtig immer näher und näher heranwagte. Die Kuh müsste sie längst gewittert haben, und doch blieb sie stehen, graste in aller Ruhe, sah manchmal auf, und Kyra war es, als sähe sie zu ihr herüber. Kyras Herz klopfte in ihrem Hals und ihre Hände zitterten, als sie einen Pfeil auf den Bogen legte, ihn anspannte – um ihn wieder zu senken. Sie zitterte zu sehr, konnte nicht zielen. Musste sie die Kuh denn töten? Konnte sie es nicht einfach für sich als Zeichen werten, dass die Göttin ihr vergab?
Dann besann sie sich. Es war ein zu großes Geschenk. Sie musste es annehmen. Ein weißes Tier, wie es nur höchst selten vorkommt. So selten, dass es nur wenigen Frauen vergönnt war, es zu sehen. Kyra atmete tief ein, entschied sich, noch näher heran zu gehen. Nach einigen Schritten hielt sie inne und mahnte sich zur Ruhe, als sie erneut den Bogen spannte. Es musste ihr bester Schuss werden. Die Hirschkuh durfte nicht leiden. Kyra legte an und zielte. Lange. Als der Pfeil von der Sehne schnellte, wusste sie es bereits: ein guter Schuss! Die weiße Kuh brach zusammen, lag in den letzten Zügen, als Kyra zu ihr eilte, um ihr den Gnadenstoß zu versetzen.
Es war nicht mehr nötig. Kyra legte beide Hände auf ihren sterbenden Körper, atmete den Odem ihres letzten Atemzuges ein, damit ihre Seele in ihr weiterleben konnte, streichelte ihr dankbar über den Kopf. Ein Lied ihrer Dankbarkeit entrang sich ihrer Kehle, in tiefen Tönen. Alle Sorge fiel von ihr ab, Glück und Erleichterung breiteten sich in ihr aus, so mächtig, dass sie lange verharrte und noch so saß, als der Körper des toten Tieres schon abgekühlt war, und ihre Hände immer noch auf ihm lagen. Der Tag neigte sich bereits seinem Ende zu. Das wurde ihr blinzelnd bewusst. Dann nahm sie die Frauen wahr, die etliche Schritte entfernt von ihr auf der Erde saßen. Sie hatten ihre Sulava nicht allein gelassen, nun warteten sie auf einen Befehl. Kyra winkte sie heran.
»Helft mir, sie zu häuten und zu zerlegen.« Kyras Finger zeichnete das Zeichen der Göttin auf die Stirn des Tieres, dann erhob sie sich. Ihre Jägerinnen kamen herbei, setzten sich wieder und Jara, für die der Weg bis hierhin sicher sehr anstrengend gewesen war, sagte stellvertretend für alle zur Erneuerung ihres Schwurs: »Die Göttin hat dir ein Zeichen gesandt, das deutlicher nicht sein könnte. Du bist die Auserwählte, die Priesterin unseres Volkes. Dir, Tochter Alanas, werden wir folgen, wohin du auch gehst. Dein Leben werden wir schützen mit unserem Leben.«
Ihre Worte erinnerten Kyra an die Äußerungen ihrer Mutter Alana: du bist die auserwählte Priesterin. Kyra hatte nicht verstanden, was Alana damit sagen wollte, war es doch selbstverständlich, dass die Mutter das Priesteramt an die Tochter übergab. Nun jedoch wurde ihr bewusst, dass sie eine besondere Rolle spielen sollte in der Geschichte ihres Volkes und dass es nötig war, ihre Jägerinnen bedingungslos hinter sich zu wissen. Sie werden mir folgen bis in den Tod, hallte es in ihrem Kopf, vielleicht wird dieses Schicksal manche ereilen unter ihrer Führung.
Mit diesem Gedanken zog sie ihr Messer und begann mit kräftigen Schnitten den Bauch des Tieres zu eröffnen, trennte die Haut vom Fleisch. Die Jägerinnen traten herzu und halfen ihr dabei. Es geschah schweigend und voller Andacht. Es war beinahe dunkel, als sie mit ihrem Werk fertig waren. Jede der Frauen schulterte ein Stück des zerlegten Tieres. Die Haut wog schwer auf Kyras Schulter, doch sie wollte keine Hilfe annehmen, um sie bis zum Lager zu tragen. Sie tat jeden Schritt tief erfüllt mit Dankbarkeit.
Vierzehn Frauen saßen an diesem Abend versammelt um das Feuer der größten Hütte, aßen vom Fleisch der Hirschkuh, das mit Kräutern umhüllt in heißer Glut zart und schmackhaft geworden war, lachten, scherzten. Als die Nacht voranschritt, entfachten sie noch weitere und größere Feuer, und als das ganze Lager hell erleuchtet war, sangen sie Lieder und tanzten. Kyra sang nicht weniger laut und tanzte genauso ausgelassen, wie alle anderen Frauen.
Als die Sonne aufs Neue ihr erstes Licht über die Bergkette sandte, legten sie sich matt und glücklich in ihre Felle. Keine Wache blieb auf, es war nicht mehr nötig. Das Zeichen war geschehen. Auch kein feindlicher Krieger, kein Besucher würde mehr kommen in nächster Zeit. Kyra wusste es.
Am Morgen erhob Kyra das Wort. »Nutzt den Tag heute, um alles zusammenzupacken, was verderben könnte, verschnürt, was wir noch benötigen. Wir werden morgen zurückkehren in unser Dorf und das Außenlager unbesetzt lassen. Es ist nicht mehr nötig, hier zu bleiben. Die Zeit der Besuche ist vorüber. Keine unserer Frauen wird sich mehr mit einem Mann vereinen in der kommenden Zeit.«
Die Jägerinnen wagten nicht nach dem Grund zu fragen.
»Nehmt die Gebeine der Toten und schichtet sie auf, an der Stelle, wo die weiße Hirschkuh ihr Leben gelassen hat. Wir wollen ein Denkmal hinterlassen, für die, die sich bis an unsere Grenze wagen.«
Die Frauen sammelten die blanken Schädel, Arm- und Beinknochen, die unter dem Ascheberg verborgen lagen, und trugen sie hinunter zum Fluss. An der Stelle, wo die Hirschkuh ihr Leben gelassen hatte, stampften sie die Erde fest und schufen einen Kreis mit den Schädeln derer, die im Kampf mit ihnen gefallen waren. Arm- und Beinknochen arrangierten sie um das Rund herum, wie Sonnenstrahlen um die Sonne. Dies war eine Huldigung ihrer Göttin und eine Warnung an alle Männer, die ihr Land in feindlicher Absicht betreten wollten.
Am Abend, als alles getan war, kochten sie das restliche Fleisch, buken Erbsen- und Kornfladen dazu. Kyra fiel auf, dass die Jägerinnen einige Stücke der Hirschkuh in Blätter packten, als Mitbringsel für ihre Liebsten im Dorf. Zuerst lächelte sie darüber, dann besann sie sich und legte für ihre Mutter Alana auch ein Stück zur Seite. Für Feija benötigte sie nichts, denn sie bekäme etwas viel Wertvolleres. Den halben Tag war sie damit beschäftigt gewesen, das weiße Fell von den Resten von Haut und Fett zu befreien. Nun lag es zum Trocknen in ihrer Hütte ausgebreitet. Zu Hause würde sie es mit dem Sud aus Eichenrinde behandeln, um es haltbar und geschmeidig zu machen. Vielleicht konnte sie Nimue dazu gewinnen, ein Jagdhemd daraus zu fertigen, das sie Feija schenken wollte.
Feija! Wieder überkam sie ein Glücksgefühl. Bald schon würden sie sich wiedersehen. Jetzt, wo das Urteil der Göttin so eindeutig zu ihren Gunsten ausgefallen war, konnte sie es kaum erwarten, in ihr Dorf zurückzukehren.
Am nächsten Morgen brachen sie auf, ließen die Hütten einsam zurück. Sie gingen gemächlich, machten mehr Pausen als üblich, denn Jara verfügte noch nicht über ihre gewöhnliche Kondition.
»Lass mich mit Tai hinterherkommen, Sulava. Geht ihr voraus, du wirst sehnsüchtig erwartet«, sagte Jara zu der Priesterin, als sie ein Stück nebeneinander hergingen.
Kyra lächelte über ihren Vorschlag. Jara, die Älteste des Außenlagers, war eine besonnene Frau. Kyra war von ihr beeindruckt seit dem Zeitpunkt, als Feija und ihre Begleiterinnen in ihr Land vorgedrungen waren. Jara hatte sich damals geweigert, ihren Bogen auf die Fremden anzulegen, sie zu töten, weil sie ohne Aufforderungen die Grenze überschritten hatten. Instinktiv hatte sie geahnt, sie könnten Boten der Göttin sein, weil sie so anders aussahen als sie selbst.
Ganz unrecht hatte sie damit nicht gehabt. Die Fremden waren tatsächlich von der Göttin gesandt, und es waren allesamt Frauen gewesen. Auch hatten sie einen bestimmten Auftrag, wenn Kyra auch noch nicht genau wusste welchen. Bis jetzt klang alles noch verwirrend, was die Fremden sagten, es war schwierig, sich zu verständigen, wenn man unterschiedliche Sprachen benutzte. Bevor Kyra den Fremden begegnet war, hatte sie nicht gewusst, dass es so etwas gab: Menschen, die reden konnten, aber in völlig anderen Worten. Auch jetzt rätselte die Priesterin noch darüber nach, was die Göttin sich nur dabei gedacht hatte.
»Ich habe Zeit, Jara. Man wartet auf mich bis zum siebten Tag. Das schaffen wir leicht gemeinsam.« Kyra machte eine Pause, sagte dann mit Nachdruck: »Es ist mir eine Ehre, in der Gesellschaft einer solchen Jägerin zu sein.«
Jara sah sie an, wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.
Kyra würde deutlicher. »Du hättest sie auch töten können, Feija und die anderen. Damals.«
Jara nickte. Sie verstand, auf was die Priesterin anspielte.
»Ich habe mich nie bei dir entschuldigt, Jara. Ich hatte deine Besonnenheit anfangs als Feigheit gedeutet, und konnte es kaum erwarten, mit meinen Kriegerinnen gegen die Fremden zu ziehen, in meinem Glauben, du wärest nicht fähig, sie zu töten. Aber du warst nicht feige. Du hattest mit deiner Entscheidung lediglich abgewartet, bis du sicher warst, das Richtige zu tun. Ich hatte vorschnell geurteilt. Verzeih mir, Jara.«
Jara war stehen geblieben. Die folgenden Frauen hielten ebenfalls an, wollten nicht weiter und sie am Schluss gehen lassen. Doch Kyra winkte sie weiter, bevor sie sich wieder Jara zuwandte.
»Ich hatte falsch gehandelt. Du hingegen richtig. Ich bin dir sehr dankbar dafür.«
»Du bist noch jung ...«, begann Jara, führte ihren Satz jedoch nicht zu Ende.
Kyra nickte dankbar. »Ich habe noch die Worte Anouks in meinen Ohren: …›aus deinen Worten höre ich die Torheit der Jugend‹. Ich hatte mich sehr über ihre Worte geärgert, heute weiß ich, sie hatte recht. Ich war zu unüberlegt. Wenn es dich nicht gegeben hätte, wären Feija und die anderen heute tot.«
Jara hielt ihren Blick gesenkt. Es war bei ihnen nicht üblich, über Gefühle und Zuneigungen zu reden, und doch tat die Sulava es. Es war ihr eine große Ehre.
»Komm, wir müssen wieder aufholen.« Kyra zog Jara mit sich.
Sie mussten nicht lange gehen, um die anderen zu erreichen. Sie hatten auf sie gewartet und nahmen sie wieder in ihre Mitte. Den Rest des Tages lief Jara schweigsam hinter ihr her, doch als sie Rast machten, und sich ihre Blicke wieder trafen, wusste Kyra, dass sie eine Freundin gefunden hatte. Ehrliche Worte zur rechten Zeit konnten Menschen miteinander verbinden. Aber wie schwierig war es, zusammenzufinden ohne dieselben Worte zu haben, dachte sie wieder voller Verdruss. Wie viel wollte sie Feija sagen und konnte es nicht!
Am Ende des zweiten Tages ihrer Wanderung berieten sie darüber, ob sie die Nacht im Wald verbringen oder den Rest in der Dunkelheit laufen sollten, um in später Nacht zu Hause einzutreffen. Alle stimmten dafür, noch eine Nacht in dieser Gruppe beisammenzubleiben. Das Zeichen der Göttin miterlebt zu haben, war wie ein Band, das sie feierlich zusammenhielt.
Also machten sie sich ausgelassen daran, mit Ästen und Laub Lager für die Nacht zu bauen, in denen sie zu zweit oder dritt Platz fanden. Das Jagdglück schenkte ihnen zwei Vögel und einem Hasen. Kräuter des Frühlings, welche das Essen schmackhaft machten, wuchsen an dieser Stelle zuhauf. Während das Essen garte, schlugen zwei Frauen Rhythmen auf improvisierten Trommeln, die nach Lust und Laune von anderen aufgenommen wurde, indem sie Stöcke aufeinanderschlugen. Mehr und mehr Gesang kam hinzu, übertönte mehrstimmig das Wispern des nächtlichen Waldes, das Gezirpe der Grillen, die Geräusche der Tiere bis spät in die Nacht. Es war eine sternenklare Nacht, die Kyra noch mal deutlich vor Augen führte, für was sie verantwortlich war: für den Fortbestand eines Volkes, das aus Frauen bestand – aus wunderbaren, lebensfrohen, starken Frauen.
»Wird sie zurückkehren?«
Es war die erste Frage, die Awen den zurückkehrenden Jägerinnen stellte, als sie ihr berichteten, was am Außenposten geschehen war. »Das Blut der Männer hat sie besudelt?«, Awen war außer sich vor Zorn. »Warum habt ihr sie nicht daran gehindert, mit euch zu kämpfen? Was seid ihr für jämmerliche Frauen!«
Awen suchte augenblicklich die Ältesten auf. Etwas, was sie die letzten Jahre nicht getan hatte. Sie legte keinen großen Wert auf die Ratschläge anderer, führte ihr Leben so individuell wie nur irgend möglich. Aber jetzt war alles anders. Jetzt war ein großes Unglück über sie gekommen, sie mussten zusammenhalten. Wie konnte Kyra nur so unvorsichtig sein! Voller Unwillen schüttelte sie den Kopf. Die Kriegerinnen in einen Kampf gegen Feinde zu führen, war eine Sache, eine ganz andere in vorderster Reihe mitzukämpfen und sich von ihnen anfassen zu lassen - und damit ihren reinen Status als Priesterin der Sonnengöttin aufs Spiel zu setzen. Diese ungestüme Frau! Was, wenn Kyra nicht mehr zurückkehrte? Wer sollte ihnen den Willen der Göttin kundtun? Es gab keine, die wie Kyra in der Lage wäre, die Stimme zu vernehmen. Wie sollte ihr Leben weitergehen ohne sie? Übelkeit stieg in ihr auf, machte sich breit in ihrer Magengegend.
Argwöhnisch betrachtete sie zusammen mit den Ältesten die merkwürdigen Waffen, die sie den feindlichen Kriegern abgenommen hatten. Pfeilspitzen aus unbekanntem Stein, Schmuck aus starrem, glänzendem Band, das sich merkwürdig kalt anfühlte. Kalt, wie auch die Pfeilspitzen. Erschrocken legte Awen den Schmuck zurück auf das Leder, das vor ihnen ausgebreitet lag. Auch die Ältesten schüttelten die Köpfe. Solche Steine hatten sie noch nie gesehen. Keine wusste, wie man sie bearbeiten musste, um so gleichförmige, scharfe Spitzen zu bekommen.
»Vielleicht wissen die Anderen, was dies für ein Stein ist?« Anouk, als die Älteste, hatte das Recht auf das erste Wort. Die Anderen waren die sechs Frauen, die vor einem halben Mond zu ihnen gekommen waren. An dem Tag, als sie zum ersten Mal aufeinandergetroffen waren, hatten sie alle angenommen, die Fremden könnten nicht reden, mussten sich später jedoch korrigieren. Die Fremden redeten ebenso wie sie, nur verwendeten sie falsche Worte. So war es schwierig zu erraten, was sie wollten, aber es gelang ihnen mit jedem Tag besser.
»Hol Feija, Syrina und die anderen«, befahl Anouk der Jüngsten im Kreise.
Es dauerte nicht allzu lange, da kehrte sie mit Frauen zurück, die sich von ihrem Äußeren her von den Einheimischen unterschieden. Ihr Körperbau war größer und stabiler, ihr Haar und ihre Haut heller. Aber sie waren wissbegierig und aufgeschlossen. Ohne Berührungsängste nahmen sie die Gegenstände in die Hände, betrachteten sie und tauschten sich darüber aus, in einer Sprache, die keine der Umstehenden verstand. Auffällig war, dass sie den Argwohn der Jägerinnen nicht teilten, im Gegenteil. Sie nahmen den Schmuck, legten ihn an, gaben sogar Laute der Bewunderung von sich. Anerkennendes Nicken über so viel Handwerkskunst. Sie hatten keine Angst davor.
»Kennt ihr diesen Stein und das, woraus das gefertigt wurde?«, fragte Anouk.
Die Anderen hörten ihre Frage ohne zu verstehen, und nun versuchten die Hände aller Ältesten, ihre Frage zu erklären. Awen wandte sich mit einem Blick an Rana, eine der Hellhäutigen, mit einer auffordernden Geste. Rana schüttelte nachdenklich den Kopf. Nein, sie kannte diesen Stein nicht, aber er schien sie auch nicht zu irritieren. Zur weiteren Erklärung nahm sie einen der Pfeile und trat an die offene Feuerstelle inmitten der Ältesten. Kurzerhand schob sie den Pfeil mit der Spitze in die heiße Glut.
Awen sah ihr gespannt zu. Was hatte sie vor? Sie ließ die Umstehenden einige Zeit warten, bis sie es wieder herauszog. Die Ältesten wichen entsetzt zurück. Die Spitze des Pfeiles hatte die Farbe des Feuers übernommen, sie glimmte rot! Für alle sichtbar nahm Rana nun eine der erbeuteten Äxte, legte die Pfeilspitze auf die steinerne Einfassung der Feuerstelle, und hieb einige Male mit der Axt darauf, und siehe da: die Spitze verformte sich. Sie wurde flach, je öfter Rana darauf schlug. Awen ächzte auf. Was war das für ein Zauber, der harte Steine verformen konnte?
Rana lachte, ihresgleichen ebenfalls. Sie versuchten es den Ältesten zu erklären, erhitzten die Spitze wieder, verformten sie weiter, ließen sie abkühlen. Alle Umstehenden mussten sie anfassen. Tatsächlich! Sie war wieder hart geworden. Diesen wundersamen Stein konnte man unter Erhitzen formen. Um wie viel einfacher war es, damit Waffen und Gegenstände herzustellen, als sie mühselig aus Stein zu schlagen. Wie würde Kyra staunen, wenn sie ihr das erzählte!
Wenn sie denn wiederkäme.
Komm wieder, Kyra, bat sie inständig. Die Welt ist dabei, sich zu verändern. Wir brauchen den Rat der Göttin.
* * *
»Schlaf bei mir, wenn du es möchtest«, lud die Priesterin Jara zu sich ein, als sich eine um die andere zurückzog. Jara nahm die Einladung gerne an. Es war eine besondere Ehre, der Sulava so nahe zu sein, denn im alltäglichen Umgang sonderte sie sich ab, war meist nur in Gesellschaft ihrer ersten Leibdienerin, Yuna. Yuna, die beim Kampf so schwer verletzt wurde, dass sie ihr Amt nicht mehr ausführen konnte.
So kroch zuerst Kyra, dann Jara in den niedrigen Verhau hinein. Sie legten Jaras Fell zuunterst, deckten sich mit Kyras weißem Fell zu, bedeckten sich zusätzlich mit einem Haufen von trockenem Laub, kuschelten sich aneinander und Kyras Arm legte sich auf Jaras Taille. Unwillkürlich zuckte Kyra zurück.
»Was ist?«, fragte Jara mit Unbehagen. »Soll ich wieder gehen, Sulava?«
»Nein, nein. Entschuldige«, erwiderte die Priesterin erschrocken. Sie hatte Jaras Verletzungen gefühlt. Ihre Schmerzen! Überdeutlich.
»Kannst du das ausziehen?«, fragte sie, zupfte an Jaras Hemd. Jara hatte es aus Anstand anbehalten, nicht um sich vor der Kälte zu schützen. Der niedere Verhau, das aufgeschichtete Laub, die Felle und ihre Körperwärme reichten aus für ein angenehmes Schlafklima.
Jara kam der Aufforderung nach, obwohl die beengten Verhältnisse dies erschwerten. Die Priesterin half ihr dabei. »Hab keine Angst«, sagte sie, als Jara nackt neben ihr lag, »und jetzt zeige mir, wo deine Verletzungen am schlimmsten sind.«
Jara wunderte sich darüber, zeigte dann aber auf ihre immer noch schmerzende Schulter, ihre Hüfte.
Kyra legte die Hände auf beide Stellen, fühlte die Wärme von Jaras Haut, die eigene Wärme ihrer Hände, die jetzt zunahm, als Kraft von ihr in den Körper der anderen strömte. Heilende Kraft der Göttin. Doch das waren nicht alle ihre Verletzungen, bei Weitem nicht! Ihre Hand fühlte viel mehr. Verletzungen, die nicht von selbst heilten.
»Jara«, sagte die Priesterin, »lege meine Hand auf die Stelle, wo sie dich am meisten verletzt haben.«
Jara begann zu weinen und Kyra strich besänftigend über ihr Haar. »Nimm sie und leg sie dorthin«, wiederholte Kyra.
Und Jara tat es. Sie nahm Kyras Hand, legte sie auf ihre Scham, und die Priesterin ließ sie dort liegen, auf ihrem gelockten Haar. Sie musste ihr eigenes Stöhnen unterdrücken, so schmerzvoll konnte sie es fühlen: Jaras Schmerz, ihre Angst, ihren Ekel. Sie erschrak darüber. So sehr, dass sie ihre Hand schon zurückziehen wollte, da war die Stimme der Göttin in ihrem Kopf. Plötzlich, ohne, dass sie sich vorher angekündigt hatte. Worte, die sie nicht verstand. Sprach sie gar durch ihren Mund? Ihre Sinne schwanden.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie neben Jara, die sie anlächelte und flüsterte: »Noch nie war unserem Volk die Göttin so nah, wie durch dich.«
Kyra lachte leise auf. Sie war müde. Die Nähe der Göttin kostete jedes Mal Kraft. Sie drehte sich auf die Seite, zog das Fell über sich, und schlief augenblicklich ein.
Das Krabbeln eines Insekts an ihrem Bein ließ sie am Morgen erwachen, an den Körper der nackten Frau geschmiegt, die ruhig und tief atmete. Erstes einfallendes Licht ließ ihre entspannten Gesichtszüge erkennen. Sie lächelte sogar noch im Schlaf.
Ganz vorsichtig, um sie nicht zu wecken, schlich Kyra ins Freie, blickte sich um. Sie war nicht die Einzige, die schon wach war. Zwei Jägerinnen saßen auf dicken Ästen, ein Feuer brannte, in dem sie schon Steine für einen heißen Kräutersud erhitzt hatten. Eine von ihnen erhob sich, schöpfte Kyra etwas aus dem ledernen Sack, der an Ästen aufgehängt war, bot es ihr an.
»Guten Morgen«, sagte die Sulava leise, um keine zu wecken. »Ich danke dir.« Sie nahm einen großen Schluck und setzte sich. Gedämpft fuhr sie fort: »Ich sehne mich nach den warmen Wassern unserer Höhle, nach unserem klaren Bach. Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.«
Beide Jägerinnen stimmten ihr lächelnd zu, auch sie suchten die warmen Becken der Höhle immer als Erstes auf, wenn sie vom Außenposten zurückkehrten. Gemeinsam verabredeten sie sich für den heutigen Nachmittag in die Höhle der Göttin, sobald es ihnen möglich wäre.
Über dem Morgen lag eine geradezu feierliche Stimmung. Mit zunehmender Helligkeit schlüpfte eine nach der anderen aus ihrem Nachtlager, heißer Tee wurde herumgereicht. Sie tranken aus Holztassen, die jede Jägerin am Gürtel mit sich führte, wenn sie unterwegs waren. Jara erschien als Letzte, die Haare zerzaust, noch kaum in der Lage, die Augen zu öffnen. Sie musste sehr tief geschlafen haben.
»Guten Morgen«, sagte Kyra. »Du bist die Letzte.«
Sie stand auf, schöpfte einen Becher mit Kräutertee und reichte ihn ihr. Jara nahm ihn verblüfft entgegen.
Zu essen benötigten sie heute Morgen nichts. Der Weg war nicht mehr weit, bis zum Mittag wären sie im Dorf. Voller Erwartungen an den Tag, von dem sie wussten, es wurde ein glücklicher Tag werden, setzten sie ihre letzte Etappe fort.
Ihr Volk bemerkte ihr Kommen, als sie noch weit von den Hütten entfernt waren. Heute, am siebten Tag des Wartens, schien niemand mehr zu arbeiten. Auf die Ersten trafen sie, als noch etliche Schritte bis zum Dorf zurückzulegen waren. Jägerinnen warteten ungeduldig auf die Sulava oder deren Botin oder irgendetwas, das ihnen die Gewissheit gab, dass die junge Priesterin wiederkehrte. Und sie kam! Als sie und ihre Begleiterinnen an ihnen vorübergingen, blieben sie respektvoll sitzen, um sich ihnen am Ende der Schlange anzuschließen zu einem immer länger werdenden Siegeszug hinein ins Dorf.
Im Getümmel sah Kyra sich um, suchte Feija in der Menge, fand sie jedoch nicht. Ihr erster Weg zwang sie zur Hütte der Ältesten. Wo war Feija bloß? Erwartete sie sie nicht schon längst? Die große Menge an Frauen wartete draußen, als die Priesterin die einzig runde Hütte des Dorfes betrat – und erstaunt stehen blieb. Da saßen sie alle versammelt, die Ältesten – die Frauen vom anderen Volk und Feija, deren blaue Augen ihr entgegenleuchteten. Sie trug das Lederhemd mit den bunten Perlen, das sie anhatte, als sie sich das erste Mal sahen. Es ließ ihre muskulösen Arme nackt. Ihr helles Haar war entsprechend den Sitten ihres Volkes unüblich kurz, auch trug sie keinerlei Band oder Schmuck darin. Und doch war sie die Schönste von allen Anwesenden. Und während alle Frauen ihres Volkes sich schweigend verneigten, sprang Feija mit einem Freudenschrei auf und machte schon einige Schritte auf sie zu, ehe sie sich an die Regeln ihres Gastgebervolkes erinnerte. Also hielt sie inne, hin- und hergerissen zwischen ihrem Wunsch, Kyra entgegenzustürzen, und dem Gebot des Anstandes, sich zu setzen und zu verneigen, wenn die Sulava den Raum betrat.
Auch Kyra war um die Wahrung der Sitten bemüht, wandte sich zuerst an Anouk. »Ich grüße dich Anouk und alle euch Ältesten. Die Frist der sieben Tage neigt sich dem Ende zu, und ich bin zurückgekehrt mit dem geforderten Zeichen. Seht selbst.« Mit diesen Worten legte sie Anouk das Fell der weißen Hirschkuh zu Füßen. Alle Augenpaare waren nun auf die Älteste gerichtet, deren Hand andächtig über das herrliche Fell strich. Sie ließ nicht lange auf ihre Antwort warten, erhob sich ohne viele Umstände.
»Nur wenigen ist es vergönnt, diese seltenen Tiere zu sehen, noch wenigeren, sie zu erbeuten. Die Göttin hat dir, Kyra, Tochter Alanas, ein sehr deutliches Zeichen geschickt. Damit sagt uns die Göttin, dass du unsere Sulava bleibst, dass deine Priesterschaft mehr zählt, als die Erfüllung unserer Gesetze. Du bist auserwählt − dir werden wir folgen, egal wohin. Dein Leben werden wir schützen mit unserem Leben.« Sie sprach die Worte des Schwurs, deutlich ohne jegliches Zögern oder Zittern in der Stimme. Als sie sich setzte, wurde sie sofort von den anderen umringt. Alle wollten das Fell berühren, Laute voller Bewunderung ertönten.
Auch vor der Hütte wurde es laut. Frauen klatschten in die Hände, jubelten, als sie die Entscheidung des Rates hörten. Das war der Zeitpunkt, als Feija ihr endlich um den Hals fiel.
»Feija!«, hauchte Kyra überwältigt. Was war es für ein unbeschreibliches Gefühl, sie wieder in den Armen zu halten!
»Du da«, war alles, was Feija lachend vor Freude von sich gab. Immerhin war sie dabei, ihre Worte zu lernen. Stolz nahm Kyra es zur Kenntnis.
»Ja, ich bin wieder da. Die Göttin hat mir alle meine Regelverstöße vergeben, auch den mit dir«, sagte sie, als ihre Hand zärtlich über Feijas Haare strich und sie wieder an sich drückte. Es machte nichts, dass Feija keines ihrer Worte verstand. Wichtig war, dass sie sich wiederhatten, und dass sie die Sulava ihres Volkes bleiben würde. Alles andere ergab sich mit der Zeit.
Als sie sich voneinander lösten, wandte sich die Priesterin an die Umstehenden. »Wo ist Yuna? Wie geht es ihr?«
»Sie lebt, ist aber nicht bei Bewusstsein. Sie ist in der Höhle der Göttin, Awen ist bei ihr.«
Kaum war die Rede von der Medizinfrau, betrat diese die Ältestenhütte. »Der Göttin sei Dank!«, rief sie aus, den Blick auf Kyra geheftet. Auch sie reagierte anders, als ihr die Sitten vorschrieben. Statt sich zu verneigen, fiel sie vor ihr auf die Knie, wartete nicht, bis die Priesterin ihr die Erlaubnis zu sprechen gab. »Du bist wieder da!«, sagte sie voller Dankbarkeit. Wieder trug sie ihr Hirschgeweih auf dem Kopf. Es hatte immer etwas Bedrohliches an sich, insbesondere, wenn sie, so wie jetzt, einer damit vor die Füße fiel. Kyra wäre zurückgewichen, wenn es ihr möglich gewesen wäre, aber sie war von zu vielen Frauen umringt.
»Spieß mich nicht auf, ich bitte dich!« Beim Anblick der verschrobenen Medizinfrau merkte sie, wie sehr sie ihr gefehlt hatte. Oh, Göttin, wie hätte ich leben sollen, ohne all die Lieben hier in meinem Dorf?, fragte sich Kyra. Wie hätte ich mein restliches Leben gefristet, wenn die Göttin mir nicht vergeben hätte und ich nicht hätte zurückkehren dürfen? Awen erhob sich, und ihre Arme umschlossen sie fest.
Kyra keuchte. »Du fragst mich nicht, ob du das darfst. Ist denn hier jegliche Regel des Anstandes aufgehoben, seit ich mich selbst nicht mehr daran halte?«
»Ich darf es, denn ich habe mich am meisten nach dir gesehnt.«
»Bist du dir da sicher?« Kyra brauchte nicht auf die Frau in ihrer unmittelbaren Nähe zu weisen, damit Awen verstand.
»Ja, bin ich, denn Feija war sich merkwürdigerweise sehr sicher, dass du wiederkommst. Was hast du ihr gesagt?«
Kyra zögerte. »Nun, ich hatte gesagt, dass ich in sieben Tagen kommen werde.«
»Und du hast nicht das Wort vielleicht gebraucht?«
»Nein«, gestand Kyra, schräg lächelnd, »sie hätte es doch nicht verstanden.«
Awen lachte auf, ihre Hand drückte gutmütig Feijas Arm. Die Priesterin wunderte sich über die herzliche Berührung der Medizinfrau, war sie doch anderen Menschen gegenüber kaum aufgeschlossen. In der Zeit des gemeinsamen Wartens schien sich einiges verändert zu haben.
»Und ich fragte mich die ganze Zeit, wie Feija sich so sicher sein konnte ...« Dann fiel ihr Blick auf das Fell. »Die Göttin hat dir die weiße Hirschkuh gesandt«, flüsterte sie andächtig, und ließ sich, wie viele andere auch, von dem Wunder anziehen, erlag dessen Zauber, wollte es berühren. Der Raum war mittlerweile zum Brechen voll, der Versammlungsplatz vor der Hütte ebenso. Stimmen, Gelächter, Gesang ... ein Durcheinander feiernder Menschen.
»Komm, lass uns verschwinden!« Die Priesterin zog Feija davon. Die Schaulustigen machten ihr Platz so gut es ging, was nicht einfach war, da die hinteren immer stärker nach vorne drängten. Die beiden Frauen schlugen den Pfad in Richtung Höhle ein. Als sie sicher waren, dem Getümmel entkommen zu sein, hielt Kyra an, schlang die Arme um ihre Geliebte und ihre Lippen fanden sich zu einem langen, sehnsüchtigen Kuss. Augenblicklich fühlte sich Kyra zurückversetzt in ihre erste gemeinsame Nacht. »Der Göttin sei Dank! Ich habe dich wieder!«, hauchte sie. »Ich möchte nie wieder ohne dich sein.« Ihre Hände hielten das Gesicht der anderen umschlossen, ihr Blick tauchte in das Blau ihrer Augen. »Verstehst du, was ich dir sage?«
Feija lächelte unsicher. Nein, sie verstand ihre Worte nicht, aber sie schien ähnlich zu fühlen. Ihr nächster Kuss war drängender, und sie presste sich noch dichter an sie. In der Priesterin regte sich der Wunsch, mit ihr sofort die Freuden zu teilen, so ungezügelt und verlangend, wie die blonde Frau vor über einer Woche gewesen war, in jener verhängnisvollen Nacht. Feija flüsterte etwas, was Kyra zu verstehen glaubte. Sie strich ihrer Liebsten übers Haar, lächelte, als sie die unverhohlene Frage in ihren Augen las.
»Wir müssen zuerst nach Yuna sehen.« Kyra nahm ihre Hand, zog sie weiter. Am Eingang zur Höhle der Göttin stand keine Wache. Alle Jägerinnen waren wohl beim Rat der Ältesten oder feierten auf dem Versammlungsplatz. Trommeln dröhnten von dort, immer mehr.
Feija blieb stehen, als sie den Spalt in der Felswand erreichten. Bisher war ihr das Betreten des Allerheiligsten untersagt, weil sie nicht dem Volk der Jägerinnen angehörte und den herkömmlichen Schwur nicht geleistet hatte.
»Komm mit!«
Feija verstand ihre Worte − und sah sie verblüfft an. Kyra schob sie entschlossen vor sich her. Die blonde Frau zwängte sich durch den engen Spalt, und Kyra folgte ihr auf den Fersen. Vom Tageslicht abgeschnitten führte der Gang immer tiefer in den Berg hinein. Seit sie mit Feija die Freuden geteilt hatte, wusste sie, dass jede Frau seit ihrer Geburt mit der Göttin verbunden war, allein durch die Tatsache, eine Frau zu sein. Es bedarf keines Schwures oder einer zusätzlichen Einsetzung, denn die Göttin hatte ihr ›Ja‹ längst bekundet. Alle vom Menschen auferlegten Zeremonien waren nichts weiter, als eine Anmaßung, die Zusage der Göttin für ungesichert zu halten. Kyra nahm sich vor, noch andere unnütze Regeln ihres Volkes außer Kraft zu setzen.
Kleine Nischen waren in regelmäßigen Abständen in die Wand geschlagen, Öllampen standen darin, wiesen ihnen den Weg.
Plötzlich blieb Feija stehen. Ein riesiges Gewölbe tat sich vor ihnen auf.
»Jumalatar!«, stieß sie aus. In ihrer Sprache war dies der Name für die Sonnengöttin. Dabei weiteten sich ihre Augen vor Ehrfurcht. Sie reckte den Hals, staunte, bewunderte alles um sich herum mit Lauten, von denen Kyra nicht wusste, ob es sich um Worte handelte oder einfach Laute der Verblüffung waren. Mächtige Tropfsteine hingen von der Decke herab, teilten den riesigen Raum in einzelne Bereiche, in denen sich Wasser in verschiedenen Becken sammelte, dessen sich kräuselnde Oberfläche zum Baden einlud. Man fühlte die aufsteigende Wärme schon auf die Entfernung und es roch eigenartig.
Das tiefste und größte Becken bot Platz für zehn Frauen. Entzückt steuerte Feija das Becken an, tauchte ihre Hand hinein, zog sie wieder heraus, strahlte dabei über das ganze Gesicht und versuchte, Kyra etwas zu erklären.
Kyra nickte. Ja, es war immer wieder ein erhebendes Gefühl, die Höhle der Göttin zu betreten. Warmes Wasser, das dem Felsen entsprang, schien Feija nicht zu überraschen, im Gegenteil. Und ganz selbstverständlich legte sie ihre Kleider ab, tauchte ein, tauchte völlig unter, auch mit dem Kopf.
»Kyra! Tule!«, rief sie prustend.
Doch die Priesterin ging zum hinteren Bereich der Felskathedrale, zu der Stelle, die mit feinem Kies eingeebnet war und wo frau mit Ästen, Flechten und Fellen ein weiches Lager für eine Kranke geschaffen hatte. Eine alte Frau saß da, ihr Oberkörper vornübergebeugt, jetzt, wo sie die Priesterin erkannte. Auf dem Lager lag Yuna. Ihr Anblick erinnerte Kyra eher an die Aufbahrung einer Toten. Sie trat zu der Alten.
»Sei gegrüßt. Vergib mir, dass ich mich nicht an deinen Namen erinnere.«
»Mein Name ist Lana, Sulava.«
»Seit wann bist du hier?«
»Seit heute Morgen. Wir sind zu viert, die sich abwechseln, sie zu pflegen.« Ihr besorgter Blick strich liebevoll über den reglosen Körper. »Ich habe alles versucht, Sulava. Ich habe ihr alle Tränke eingeflößt, die Awen mir gebracht hatte. Sie trinkt, doch dann fällt sie wieder in tiefen Schlaf.«
»Sie ist nicht für längere Zeit zu sich gekommen?«
»Nein. Sie ist sehr schwach, und öffnet die Augen nur, wenn wir sie baden, im Wasser der Göttin.«
Kyra beugte sich über die Bewusstlose. Die Lider der Kranken waren fest verschlossen, die Wangen eingefallen. Die Priesterin deckte sie auf, legte die Hand auf ihren Bauch, der sich hart anfühlte. Yuna reagierte nicht auf die Berührung, und Kyra selbst fühlte überraschend wenig. Sie erschrak und ein Schuldgefühl überkam sie. Hätte sie diesen Zustand verhindern können, wenn sie Yuna nicht verstoßen hätte? Dann wäre ihre Dienerin erst zu einem späteren Zeitpunkt am Außenlager eingetroffen, zusammen mit ihr. Aber vielleicht zu spät für Feija und Eev. Vielleicht wären die beiden nicht mehr am Leben, wenn Yuna ihnen nicht beigestanden hätte.
Feija stand plötzlich neben ihr, riss sie aus ihren Gedanken. Sie war wieder in ihr Hemd geschlüpft, und ihr Blick war auf Yuna gerichtet.
»Verzeih!«, sagte sie. Sie meinte wohl ihr unbeschwertes Baden in Anwesenheit einer Schwerkranken.
Kyra freute sich, dass Feija das Wort ›verzeih‹ makellos ausgesprochen und passend zur Situation verwendet hatte. Doch sie legte beschwichtigend ihre Hand auf ihren Arm. »Du hast nichts falsch gemacht. Es ist nichts Falsches daran, sich an den Geschenken der Göttin zu erfreuen.« Außerdem hatte sie gar nicht wissen können, dass sich Yuna hier im hinteren Teil der Höhle befand.
Schritte näherten sich. Die Jägerin, die für die Wache der Höhle eingeteilt war, kam auf die Priesterin zu, kniete nieder.
»Verzeih, Sulava. Ich war bei der Hütte der Ältesten, um die freudige Nachricht zu hören, und habe meine Aufgabe vernachlässigt.«
»Du hattest einen guten Grund«, erwiderte Kyra nur. Keine musste sich dafür entschuldigen.
Die Jägerin blickte hoch. »Wir hätten unser Leben gegeben, um die Göttin gnädig zu stimmen, damit sie dich zu uns zurückschickt, Sulava.«
»Ich danke euch für eure Treue. Doch die Göttin lässt sich in ihren Entscheidungen nicht beeinflussen«, fügte die Priesterin hinzu. Verlegen strich sie sich eine Strähne aus dem Gesicht. Inzwischen durfte sie wahrhaftig davon ausgehen: ihre Jägerinnen folgten ihr unerschütterlich. Der Tag würde kommen, an dem sie genau das von ihnen fordern würde, auch wenn es ihren Tod bedeutete.
Plötzlich war ihr dies so deutlich vor Augen, als müsste es schon morgen geschehen. Sie erschrak, flüchtete sich in Anweisungen. »Wenn wir nun schon so viele sind, lasst uns Yuna zum Becken tragen. Ich möchte sehen, wie sie reagiert.« Sie schob beiseite, was die Zukunft von ihr auch immer verlangen mochte; jetzt war es an der Zeit, nach ihrer Dienerin zu sehen, deren Zustand sich nicht bessern wollte. Zu dritt trugen sie die bewusstlose, nackte Frau mithilfe ihrer ledernen Unterlage zum Becken, legten sie am Rand ab. Die Wächterin stieg ins Wasser und nahm Yuna entgegen, als die beiden anderen Frauen sie in die blubbernde Wärme hineingleiten ließen.
Yuna reagierte nur mit einem leisen Stöhnen. Lana nahm nun eine Handvoll Tonerde, wusch ihren Körper, ihre Haare, während die anderen sie hielten. Kyra verfolgte Yunas Mimik wie gebannt, aber nichts regte sich im Gesicht ihrer Dienerin. Sie öffnete die Augen nicht, blinzelte nicht einmal.
»Ihr Geist ist weit weg«, stellte Kyra resigniert fest.
»Gestern machte sie die Augen auf, für einen Moment«, sagte Lana.
Betroffen trugen sie Yuna zurück zu ihrem Krankenlager, trockneten sie ab. Aus der Feuerstelle der Göttin entnahm Lana vier erhitzte Flusskiesel. Doch bevor sie diese wieder ins Lager legte und die Kranke warm einpacken konnte, tastete Kyra noch einmal Yunas Bauch ab. Er war auch nach dem Bad hart und gespannt. Auf leichten Druck gab Yuna ein schmerzvolles Stöhnen von sich. Das war kein gutes Zeichen. Nichts wies auf eine beginnende Genesung hin. Sie musste mit Awen sprechen. Doch zuerst wollte sie Yuna schlafen lassen. Das Bad hatte sie angestrengt.
Eine Gruppe Frauen näherte sich, sie unterhielten sich, lachten. Die Wächterin wies sie mit einem Zeichen auf die Anwesenheit der Priesterin hin. Augenblicklich verstummten sie. Als Kyra sie erkannte, erinnerte sie sich wieder an ihre Verabredung. Mit einem letzten Blick auf ihre Dienerin erhob sie sich und überließ der alten und erfahrenen Frau die weitere Pflege, zu der diese sich auch sofort anschickte. Sie drehte Yuna auf die Seite, lagerte sie bequem mithilfe gefüllter Fellkissen und Decken. Die Kranke war in besten Händen.
»Ich danke dir, Lana, für die Pflege meiner Dienerin.«
Lana verbeugte sich, und Kyra verließ die Nische des hinteren Bereiches.
»Yuna zeigt noch keine Zeichen der Genesung. Wir müssen abwarten«, klärte sie die fragend dreinschauenden Jägerinnen auf. Dann trat sie an die Feuerstelle, die zugleich Opferstelle für die Göttin war, nahm einige Kugeln duftendes Baumharz und warf es in die Glut, kniete nieder und bat die Göttin um Beistand.
Nach einiger Zeit erhob sie sich. »Nun lasst uns ins Nass steigen und uns an den Geschenken der Göttin erfreuen.« Kyra entledigte sich als Erste ihrer Kleider, stieg ins Wasser, lehnte ihren Rücken an den Beckenrand und schloss die Augen. Die Jägerinnen folgten ihrem Beispiel. Feija zeigte sich plötzlich unschlüssig, obwohl sie doch so von dem Wasser begeistert war.
»Nun komm schon!«
Feija schlüpfte aus ihrem Hemd, kam zu ihr. Nackt. Kyra musste ihren Blick abwenden von der einnehmenden Schönheit ihrer hellen, zarten Haut, der rosigen Knospen, die ihren Blick anzogen. Es gelang ihr nicht, sie ganz aus ihrem Blickwinkel zu verbannen. Das Wippen ihrer Brüste, als sie sich näherte, jagte ihr einen Schauer über ihren Rücken. Kyra schloss konsequent die Augen.
Immer mehr Frauen trafen ein, bis tatsächlich die ganze Gruppe des Außenpostens zusammengekommen war. Es wurde immer lauter, der Hall ihres Gelächters erfüllte das Felsmassiv mit seinen ewig tropfenden Säulen. Frauen befanden sich nun in allen Becken, wuschen sich, badeten, schrubbten sich gegenseitig. Es war ein geselliges Treiben. Frau musste in der Höhle der Göttin nicht schweigen oder sich andächtig verhalten. Im Gegenteil. Die Lebensfreude, die frau hier verspürte, durfte gezeigt werden.
Kyra spielte einen Augenblick mit dem Gedanken, ob sie ebenfalls einen Klumpen Tonerde nehmen sollte, um Feija damit einzuseifen, aber sie verwarf die Idee rasch wieder. Es war ihr nicht möglich, sie jetzt zu berühren − vor allen anderen. Sie konnte noch nicht einmal ihren nackten Anblick aushalten, ohne dass jede der hier anwesenden Frauen ihr ansehen würde, wie sehr sie das aufwühlte. Also mied sie Feijas Nähe und überließ sie der Gesellschaft der anderen, die sich nur zu gerne mit ihr austauschten.
Kyra wechselte hinüber in ein kleineres Becken, in dem sich Jara und zwei ihrer Freundinnen der Länge nach ausstreckten. Als sie bei ihrem Näherkommen Anstalten machten sich aufzusetzen, sagte Kyra rasch: »Bleibt so. Für mich ist genügend Platz!« Und sie legte sich ebenso wie die anderen ausgestreckt ins Wasser. »Gibt es etwas Schöneres?«, seufzte die Priesterin auf.
Verlegenes Lachen war die Antwort und Kyra selbst fiel sofort etwas ein, was noch schöner war. Sie fühlte Röte in sich aufsteigen. Rasch nahm sie sich von der Wascherde, bedeckte ihr Gesicht damit, ließ es einwirken, während sie entspannt liegen blieb und sich dem liebkosenden Gefühl der unzähligen Bläschen hingab, die aus dem Beckengrund aufstiegen.
Botinnen aus der Gemeinschaftsküche brachten zu essen und Krüge mit frischem Wasser. Beim näheren Hinsehen erkannte Kyra Stücke von knusprig gebratenem Wildschwein und Kornfladen. Sofort waren die Überbringerinnen von allen umringt, die sich hungrig auf die Leckerbissen stürzten. Eine der Frauen brachte Kyra Essen an den Beckenrand, von allem eine gute Menge, dazu eine Schale mit getrockneten Beeren.
