Stein der Kelten: Sapphic Fiction - Taya Gondar - E-Book

Stein der Kelten: Sapphic Fiction E-Book

Taya Gondar

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Beschreibung

Cailín, Tochter von Suebenfürst Rogan, wird als junge Frau von den Römern verschleppt. Nur die Ehe mit dem Statthalter von Masillia erspart ihr das Schicksal einer gewöhnlichen Sklavin. Doch Cailín hat nur ein Ziel: Sie möchte zurück in ihre Heimat und ihren Vater rächen, von dem ihr nicht mehr geblieben ist als das steinerne Amulett, das er ihr - tödlich verletzt - überreicht hatte. Nach dem Tod ihres Gatten nutzt Cailín die Chance und flieht. Doch anstelle eines Sklaven, den sie in dieser männerdominierten Gesellschaft als ihren Ehemann ausgeben könnte, kauft sie eine andere Sklavin frei. Warum in Nerthus' Namen, tut sie das, wo die ihr doch nur hinderlich ist? Kann die Flucht mit ihr überhaupt gelingen? »Stein der Kelten« ist eine Sapphic Fiction.

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Anmerkung zum Inhalt

Auch wenn dieses Buch reine Fiktion ist, wird über Krieg, Tod, Prostitution, Gewalt und Sklavenhaltung erzählt.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Epilog

Kapitel Eins

ER ATMETE NUR NOCH UNREGELMÄßIG. Und die Pausen, bis sich sein Brustkorb wieder hob und er rasselnd die Luft einsog, wurden immer länger. Der Zeitpunkt, wann ihm die Kraft für den nächsten Atemzug ausgehen würde, rückte in greifbare Nähe.

Der Statthalter von Masillia lag im Sterben.

Heilige Anu! Die Strafe der Götter hat bald ein Ende! Trotz ihrer Freude versuchte Flavia, ihrem Gesicht einen Anstrich von Trauer zu geben. Ihr Blick schweifte über die eingefallenen Wangen ihres Gatten. Sein Kopf glich mit jedem Tag mehr einem mit Haut bespannten Totenschädel. Der Krebs wucherte in den Eingeweiden ihres Mannes und hatte ihn zusehends ausgezehrt. Der so große und kräftige Mann verlor seit zwei Monaten täglich an Gewicht. Weder das Schröpfen noch das Verabreichen von Froschgalle hatte geholfen. Sein Leibarzt war ratlos. Die letzten Wochen gab man ihm wegen der starken Schmerzen nur noch Opium. Er war kein schöner Anblick mehr – trotzdem empfand sie kaum Mitleid. Doch wollte sie den Anstand wahren und ihn nicht beim Sterben beobachten. Möge er in Frieden gehen!

Geräuschlos zog sie sich von der schweigenden Traube der Menschen zurück, die um das Krankenbett versammelt war: der Leibarzt und seine beiden Sklaven, die Crassus Quintus Tag und Nacht pflegten, die beiden Töchter, sein Sohn Marcus.

Marcus würde seinem Vater bald den letzten Kuss geben – wie die Tradition es verlangte – und ihm versprechen, das Erbe in seinem Sinne zu verwalten.

Ganz bestimmt würde er das tun – mehr, als seinem Vater lieb gewesen wäre.

Flavia zog sich in ihre Gemächer zurück und blickte aus dem Fenster auf den weitläufigen Garten hinaus. Der Brunnen direkt unter dem Sims plätscherte friedvoll. Ein Leben spendender Quell für Insekten und Vögel in diesem heißen und trockenen Land. Immer wenn sie hier stand, überkam sie die Sehnsucht nach den Wäldern ihrer Heimat, nach den sprudelnden Bächen und den saftig grünen Hügeln.

Am liebsten wäre sie sofort zu den Stallungen gegangen und hätte den Befehl erteilt, ihr Pferd zu satteln. Ventus, das schnellste Pferd aus dem Stall des Anwesens und das einzige Lebewesen, das ihr hier etwas bedeutete. Doch sie musste sich gedulden und den richtigen Moment abpassen. Als Frau des Statthalters konnte sie nicht einfach ohne Begleitung eines männlichen Wesens – sei es Gatte, Sohn oder Sklave – das Haus verlassen. Doch während der kommenden Beisetzungsfeierlichkeiten würde sie das Getümmel der Gäste ausnutzen und von hier verschwinden. Ein Plan, der in den letzten Jahren ihrer Ehe immer mehr an Gestalt gewonnen hatte.

Sechs Jahre war sie nun verheiratet, fast sieben, mit allen Rechten einer Ehefrau und freien Römerin. Doch nicht einmal mithilfe der Göttin war es ihr gelungen, eine gute Haushälterin und Ehefrau zu werden. Sie war zur Kriegerin geboren, nicht zur Hausfrau. Man hatte sie hier eingesperrt wie ein lebendiges Beutestück. Er hatte ihr den Namen Flavia gegeben, wegen ihres blonden Haars, und sie hatte sich ihrem Schicksal gefügt.

Doch nun war es damit bald vorbei.

Ihr Blick riss sich vom Anblick des Gartens los, verlor sich in dem Zimmer, blieb an einer schweren Truhe hängen. Sie trat zu ihr und öffnete sie. Sorgsam zusammengefaltet lagen darin nützliche Kleidung und ihre Stola. Sie war wärmender Mantel und Statussymbol zugleich. Schon aus der Ferne erkannte man in ihr die freie römische Frau. Darunter lag ein einfacherer Überhang, eine Palla. Unauffälliger und doch wärmend, ein gewöhnliches Stück Tuch – so schien es. Der Stoff wog schwerer in ihrer Hand als üblich. Der Grund dafür waren etliche Goldstücke, die sie zwischen die zwei Lagen Stoff genäht hatte – das Haushaltsgeld ihres großzügigen Gatten. Jeden Monat hatte er ihr ein Goldstück gegeben. »Kauf dir etwas Schönes!«, waren seine Worte gewesen.

Nur jedes zweite Mal hatte sie es tatsächlich ausgegeben und Kleidung oder Schmuck auf dem Markt erworben. Das Sparen hatte sich gelohnt: Das Geld würde für die Reise zurück in die nördlichen Provinzen reichen – bis in das Land ihrer Mütter. Noch nicht einmal Marcus, ihr verhasster Stiefsohn, würde sie davon abhalten können.

Sie prüfte all ihre Wertsachen auf Vollständigkeit, tastete nach den Goldstücken im doppelten Stoff ihres Tuchs und zählte die in dem ledernen Bauchgurt. Nichts fehlte. Sogar die Anzahl an kleineren Münzen im Beutel war noch dieselbe wie gestern. Niemand hatte es gewagt, sich an ihrem Eigentum zu vergreifen. Flavia hoffte inständig, dass dies bis zur Beisetzung von Crassus Quintus so bleiben würde. Sorgfältig legte sie alles zurück in die Truhe, schloss sie ab und behielt den Schlüssel im Saum ihres Kleides.

Dann kehrte sie ans Fenster zurück. Es dauerte nicht lange, bis die Nachricht eintraf.

»Dein Gatte ist zu den Göttern gegangen, Flavia«, hörte sie den Leibarzt sagen, der nach einem Geräusch der Ankündigung, die Schwelle zu ihren Gemächern betrat.

Sie drehte sich zu ihm um. Er trug ein schwarzes Tuch bei sich, das er ihr nun überreichte. Flavia kannte es schon von anderen Witwen. Auch sie würde also den Schleier tragen. Gehorsam nahm sie ihn aus seinen Händen. Er fühlte sich überraschend weich und leicht an, als wollte er die Trauernde nicht noch zusätzlich belasten. Sie schlang es sich über Kopf und Schultern, wie es der Brauch war.

»Ich danke dir, Iberius.«

»Die Geister des Totenreichs werden sich deines Mannes annehmen und ihn zu den Elysischen Feldern begleiten.«

»So sei es.« Eine Antwort nach dem Protokoll, mehr nicht. Von ihr aus konnte er im Tartarus, der tiefsten Stelle des Totenreichs, vergammeln.

Der Leibarzt lächelte traurig. Er hatte ihren Mann geschätzt. »Von Marcus soll ich dir ausrichten, dass er dich aufsuchen wird, sobald er die Pflichten eines Sohnes erfüllt hat.«

»Ich danke dir«, sagte sie noch einmal. Ihre Stimme blieb warm, obgleich seine Worte sie innerlich zu Eis erstarren ließen. Ihr Pflegesohn schien es eiliger zu haben als erwartet.

Der Leibarzt zog sich mit derselben Höflichkeit zurück, die er auch ihrem Mann entgegengebracht hatte. Ihre Position als Herrin der Villa schien sich nicht verändert zu haben. Noch nicht.

Es dauerte keine zwei Stunden und Schritte waren zu hören, die sich ihrem Zimmer näherten. Ohne anzuklopfen – bereits ganz in der Manier des Hausherrn –, schritt Marcus über die Schwelle ihres Zimmers.

»Mein Vater und dein Gatte ist tot«, sagte er. Er lächelte. Obwohl auch sie den Tod ihres Mannes erleichtert zur Kenntnis nahm, stieß Marcus’ Lächeln sie ab. Also nickte sie nur stumm, wartete auf das, was kommen würde. Und tatsächlich hielt er nicht mehr den respektvollen Abstand ein, wie bisher. Jetzt kam er ihr so dicht, dass sie die Wärme seines Körpers fühlte. Er legte seine Hand auf ihren Arm und strich daran empor bis zu ihrer Schulter. Trotz der vorgetäuschten Zärtlichkeit fühlte sie deutlich, wie er ihren Körper am liebsten näher erkundet hätte. Fühlten seine Finger nicht begierig nach ihren Muskeln unter ihrer Haut? Schon immer war er von ihrer weiblichen Kraft fasziniert gewesen, von ihrer Größe und ihrem blonden Haar. Genau wie sein Vater, der sie Nacht für Nacht aufs Neue erobert hatte. Sie atmete tief ein, um gegen ihre aufkommende Übelkeit anzukämpfen. »Aus Respekt deinem Vater gegenüber könntest du wenigstens warten, bis er unter der Erde ist«, presste sie hervor.

Marcus zog seine Hand zurück, wich aber keinen Schritt von ihr. »Du meinst, es würde ihm nicht gefallen?« Seine Lippen kräuselten sich.

Mit gespielter Gelassenheit hielt sie seinem Blick stand. Sie musste noch nicht einmal hochsehen, denn sie waren gleich groß. In ihrer Heimat hätte sie einen solch aufdringlichen Mann mit dem Schwert zurechtgewiesen. Nun brauchte sie ihre ganze Selbstbeherrschung, um ruhig zu bleiben.

Marcus lachte. Es klang abfällig und jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Er glaubte, sie nun rechtmäßig zu besitzen – mitsamt allem anderen, was ihm vermacht worden war.

Der Hausstand seines Vaters bot ihm mehr als zwanzig Sklavinnen. Die reichten ihm offenbar nicht. In den letzten Jahren waren ihr mehr und mehr seine Blicke aufgefallen. Er begehrte seine eigene Stiefmutter, die sogar ein Jahr jünger war als er. Sie schüttelte den Kopf darüber.

Warum haben wir die Schlacht gegen die Römer verloren? Weil wir germanischen Völker uns zu wenig solidarisiert haben? Weil die Römer uns militärisch überlegen waren? Mein Vater mit seinen Sueben und den Markomannen-Stämmen war nicht imstande, sich gegen dieses riesige Heer zu wehren. In einem Streich hatten die Römer das Land bis zur Danu hin eingenommen und aus Rache dafür, dass mein Vater mit den Stämmen gekämpft hatte, überschritten sie den Fluss und machten auch unsere Dörfer dem Erdboden gleich. Frauen und Kinder wurden verschleppt oder getötet. Dieser Tag hatte ihren Brüdern und ihren Vater das Leben gekostet und sie die Freiheit.

Verbittert strich sie mit ihren Fingern über den glatt geschliffenen Stein, den er ihr kurz vor seinem Tod gegeben hatte. In ihn war ein geflügelter Drache graviert, dessen filigraner Körper in einen langen Schweif überging, der so mit sich selbst verschlungen war, dass er ein nicht enden wollendes Geflecht bildete. Anfang und Ende verschmolzen zu Einem. Nie zuvor hatte sie so etwas gesehen und sie wusste nicht, was er zu bedeuten hatte. Dennoch behütete sie den Stein wie ihren Augapfel und trug ihn als heiliges Versprechen, ihren Vater eines Tages zu rächen.

Kapitel Zwei

DIE VORBEREITUNGEN auf die Trauerfeier liefen auf Hochtouren. Marcus war viel beschäftigt und belästigte sie nicht weiter. Er ließ in Massen Lebensmittel anschaffen: Hühner, Schweine und Schafe, feinste Speisen und dutzende Amphoren mit Wein. Die Sklaven des Hauses putzten die Gästezimmer heraus und verhalfen dem sowieso schon prunkvollen Anwesen zum letzten Glanz. Gärtner setzten noch mehr blühende Sträucher in den Garten, der Kies wurde noch ordentlicher gerecht, die Wasserbecken und Teiche von jedem kleinen Laubblatt befreit, das der Wind hineingeblasen hatte. Die hauseigenen Pferde trieb man auf die Weide, um in den Ställen Platz für die Tiere der Gäste zu schaffen. Zelte und Pavillons wurden errichtet, falls die Gästezimmer im Haus nicht ausreichen sollte.

Etliche bedeutsame Weggefährten des Verstorbenen, aus der Politik und dem Militär, hatten ihr Kommen angekündigt. Am Tag der eigentlichen Beisetzung würden noch hunderte von gekauften Trauergästen dazustoßen, die den Zug bis zum Mausoleum mit lauten Klagen begleiteten.

Was für eine Inszenierung! Jede Familie wollte die andere um die Länge des Trauerzuges überbieten. Aber Flavia konnte das nur recht sein. Je größer die Menschenansammlung, umso leichter konnte sie sich davonstehlen. Jetzt, während die Pferde auf der Weide standen, müsste es doch möglich sein, unauffällig zu Ventus, ihrem Lieblingspferd, zu gelangen. Aber wie sollte sie das mit ihrem Gepäck anstellen? Es würde Verdacht schöpfen, wenn sie es selbst hinüber zur Weide trug. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Marcus würde ihr an diesem Tag kaum von der Seite weichen. Der Erfolg ihres Plans würde allein von der Wahl des richtigen Augenblicks abhängen. Ihr Fortreiten musste von der Familie unentdeckt bleiben und von Fremden als selbstverständlich empfunden werden. Anu, ihre Schutzgöttin, möge ihr in der Stunde ihrer Flucht beistehen.

Die verbliebenen Tage bis zur Beisetzung unterschieden sich nicht sonderlich von denen der letzten Jahre. Und doch zogen sie sich ewig dahin.

Am Morgen der Trauerfeierlichkeiten stand sie früher auf als sonst und suchte wie immer das Tepidarium auf, das Badehaus der Villa, das von den Sklaven jeden Morgen angeheizt wurde. Feiner Dampf stieg aus einer Schale in der Mitte des gefliesten Raums. Eine Sklavin eilte herbei, um ihr behilflich zu sein, das Haar zu waschen und sie einzuseifen. Danach stieg Flavia in das Becken, dessen angewärmtes und aromatisiertes Wasser sie wohlig aufseufzen ließ. Doch sogar dieser außerordentliche Luxus schmälerte ihre Nervosität kaum. Zu viel stand auf dem Spiel. Würde sie es heute nicht schaffen zu entkommen, böte sich kaum eine weitere Gelegenheit. Es war so gut wie unmöglich, dass eine Frau ihres Standes das Haus ohne männliche Begleitung verließ.

Sie erhob sich aus dem Becken, ließ sich in ein angewärmtes Tuch einhüllen. Sie wurde massiert und mit Ölen eingerieben, ihr Haar wurde gekämmt und mit schwarzen Bändern verflochten zu einer Hochfrisur gesteckt. Danach kleidete man sie in ein dunkles Kleid und sie legte ihr wieder das Tuch der Trauer über Kopf und Schultern.

Als sie das Badehaus verließ, sah sie Marcus am Eingang stehen, der bereits die ersten Gäste willkommen hieß: Konsul Claudius mit Gattin, gefolgt vom engsten Freund ihres Mannes, Präfekt Ceacilius Rektus.

»Flavia!«, rief Marcus überschwänglich, als er sie kommen sah, und ging ihr ein paar Schritte entgegen. »Guten Morgen, liebste Stiefmutter. Die Trauer steht dir ausgezeichnet, wenn du mir dieses Kompliment erlaubst.« Er dämpfte die Stimme bei seinem zweiten Satz, wollte er doch vor seinen Trauergästen nicht als pietätlos erscheinen. »Mögen die Götter uns wohlgesonnen sein, für das, was uns heute bevorsteht.«

Er hob ihre Hand an seine Lippen und hauchte ihr einen Kuss darauf. Flavia musste ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten um die Hand nicht zurückzuziehen.

Marcus bemerkte es nicht. »Heute wird getan, was getan werden muss. Ich werde mein Bestes tun, es in einem verträglichen Rahmen zu halten.« Der Blick, den er ihr dabei zuwarf, ließ vermuten, sie seien Verbündete in einem Spiel, dessen Regeln nur sie beide kannten. Doch sie spielte nicht mit. Trotzdem setzte sie ihr entzückendstes Lächeln auf und trat zu ihren Gästen.

»Liebe Freunde! Es freut mich, euch alle zu sehen, wenn auch der Anlass ein trauriger ist.«

»Mein tiefstes Beileid, Flavia. Wie bedauerlich, dass du deinen Mann so früh verlieren musstest!« Claudius schloss sie in die Arme wie ein echter Freund. Seine Gattin deutete ebenfalls eine Umarmung an. Es fielen viele freundliche Floskeln, die den Verstorbenen rühmten. Weitere Gäste trafen ein und Flavia gab fortan die Rolle der trauernden Witwe mit Eleganz und Würde.

Die Begrüßung und Unterbringung der Gäste erstreckte sich beinahe bis zur Mittagszeit. Als es am heißesten war, fanden sich alle Gäste zu einer großen Prozession zusammen, die den Weg zum Mausoleum mit Trauermusik und lautem Klagen zurücklegte. Marcus ging voran und bestand auf ihre Begleitung. Nach außen war er der perfekte Abglanz seines Vaters und ein würdiger Erbe. Und Flavia wollte nicht wissen, wie viele der Anwesenden in ihnen beiden bereits das nächste Paar sahen. Wohlwollende Blicke begegneten ihr, wohin sie auch sah. Wie abstoßend! Sie hatte das moralische Empfinden dieses Volkes nie nachvollziehen können. Es wunderte sie, dass ausgerechnet die Römer ihr Volk als Barbaren bezeichneten. Ihr Volk hätte keine Sechzehnjährige, die sie damals gewesen war, mit einem alten Mann verheiratet und sie noch weniger an dessen Sohn vererbt. Bei ihrem Volk galt es als ehrenvoll, erst spät zu ehelichen und sich zuvor durch ruhmreiche Taten bewiesen zu haben.

Sie verdrängte den Gedanken und schritt an der Seite ihres Stiefsohnes durch eine Allee von Hunderten Oleanderbüschen. Sie blühten von kräftigem Rot bis zu reinstem Weiß und es fanden sich alle Schattierungen dazwischen. Ihr zarter süßlicher Duft vermischte sich mit dem der Zistrosen, die den kiesigen Weg bis zum Haupttor des Anwesens säumten, wohin sie den Zug mit dem Leichnam nun führten.

Sie erreichten die breite, gepflasterte Straße, der sie folgten, bis sich das Familien-Mausoleum vor ihren Augen auftat – nur ein Steinwurf von der Straße entfernt. Hier lag bereits der Großvater ihres verstorbenen Gatten beerdigt. Es hatte ihn stets mit Stolz erfüllt, dort auch eines Tages zur Ruhe gebettet zu werden. Dies war nun früher geschehen, als ihm lieb gewesen war.

Hier also würde man ihn verbrennen. Dazu war ein hohes Schafott aufgetürmt worden, auf den man nun die Leiche ihres Mannes legte. Mit dem Auflodern der ersten Flammen begannen die langen Reden der Freunde und Wegbegleiter, die nun wortreich Passagen aus gemeinsamen Erlebnissen mit dem Verstorbenen erzählten. Ihn dabei über Gebühr zu loben, war bei solchen Anlässen der gebotene Brauch.

Für die Wichtigsten der Trauergemeinde hatte man einen Schatten spendenden Pavillon errichtet. Den anwesenden Damen reichte man Becher mit kühlem Wasser, um die Stunden zu überstehen, die diese Feierlichkeit andauerte. Schließlich brauchte der Leichnam Zeit, um zu Asche zu zerfallen.

Priester sangen merkwürdige Weisen und redeten sehr lange. Endlich, als der Leichnam weitgehend zu Asche geworden war, bedankte sich Marcus für all die aufrichtigen Worte, die seinen Vater nun in gutem Andenken in die Totenwelt ziehen lassen würden. Die Beisetzung der Asche im Familiengrab war Aufgabe der Priester und der Sohn lud die Gäste nun zum Essen in die Villa ein. Den Klagegästen zahlte er ihren Lohn aus und schickte sie ihrer Wege.

Flavia verfolgte das ganze Szenario erleichtert. Das meiste war also überstanden. Den Gästen schien es entgegenzukommen, nicht den ganzen Tag der sengenden Sonne ausgesetzt zu sein.

»Geht es dir gut, Flavia? Macht dir die Hitze zu schaffen?«, fragte Marcus überraschend aufmerksam, als er an ihrer Seite gehend die kleiner gewordene Prozession wieder nach Hause führte.

»Danke, es geht mir gut.«

»Zuhause wird es ein Festmahl geben. Es soll dir an nichts fehlen. Ich habe dir Datteln und Feigen kommen lassen, die du so magst. Lassen wir den Rest des Tages im Schatten und im Wohlgenuss ausklingen.« Sein Lächeln war Andeutung auf Wohlgenüsse der besonderen Art und bestärkten Flavias Absicht, sich rechtzeitig auf und davon zu machen. Sie hatte nicht die Absicht, sich in sein Bett nötigen zu lassen.

Die Trauernden wurden mit allem Pomp und Luxus empfangen, die die Villa zu bieten hatte. Flavia beschloss, es ein letztes Mal zu genießen – oder ein erstes Mal, je nachdem wie sie es betrachtete. Die Flucht zurück in das Land ihrer Mütter würde noch genug Entbehrungen mit sich bringen.

Sie versammelten sich zum Mahl im größten Raum des Hauses, dessen Tische und Stühle zu einer Runde zusammengestellt waren. Zur Rechten Flavias nahm Marcus Platz, der nun eine letzte Ansprache hielt. Knappe Worte, die damit endeten, ihnen einen guten Appetit zu wünschen. Platten wurden aufgetragen, mit gegrillten Schweine- und Schafshälften, Schüsseln voller Gemüse, Brot und Obst. Schon bald herrschte vergnügliche Stimmung am Tisch, als hätte es das Weinen und Klagen in den letzten Stunden nicht gegeben.

Sklaven schenkten Wein ein und sie musste achtgeben, dass er ihr nicht zu Kopf stieg. Es war ein kräftiger Tropfen. Marcus leerte seinen Becher in einem Zug und griff nach einem Stück Fleisch, das größer war als die Faust eines Mannes. Während des Essens warf er ihr immer wieder Blicke zu. Kein Zweifel, er sonnte sich in der Rolle des Hausherrn. Flavia versuchte, ihn so gut es ging zu ignorieren, und wandte sich ihren Tischnachbarn zu, unterhielt sich gepflegt, erkundigte sich nach dem Wohlergehen eines jeden, den sie kannte. Und das waren nicht wenige. Ihr Mann Crassus Quintus hatte großen Wert darauf gelegt, sie überall und jedem vorzustellen. Er war stolz auf sie gewesen. Natürlich. Allein ihr Haar entsprach einem Schönheitsideal, dem römische Frauen nacheiferten, aber trotz aller Bleichmittel niemals erreichen würden. Ihres war hell wie die Sonne.

Nach einer halben Stunde schlug sich Marcus das erste Mal auf den Bauch und rülpste. Ein Sklave trat mit einer Schale Wasser zu ihm. Er tunkte seine Hände hinein und trocknete sie an einem Tuch ab. Danach verlangte er noch mehr Wein.

Auch Flavias Becher wurde wieder gefüllt.

»Mögen die Götter dir und deinem Haus gnädig sein!«, ertönte von manchen der Gäste. »Und demjenigen, der seinem Vater so ähnlich sieht und sein Werk in Ehren fortführt.«

»Das werde ich! Bei den Göttern, das werde ich tun!«, rief Marcus aus und legte seine Hand auf ihren Oberschenkel. Flavias Unbehagen wuchs zu einem fühlbaren Knoten in ihrem Magen.

Sie entschuldigte sich beiläufig, sobald es ihr möglich war, und ging in ihre Gemächer. Ein letztes Mal kontrollierte sie ihr Gepäck: die lederne Tasche, die man einrollen und auf den Pferderücken binden konnte. Darin befanden sich eine Tunika, Kleider zum Wechseln und natürlich die Palla mit den Goldstücken. Weitere waren in dem breiten Gurt aus feinem Leder. In der Umhängetasche befand sich ein Lederbeutel mit Sesterzen und Denaren für das Alltägliche und einfache Kleidung. Alles in allem war es nicht viel, was sie mitnahm. Trotzdem würde sie mit dem Gepäck auffallen. Wie sollte sie es schaffen, damit ungesehen bis zu ihrem Pferd zu kommen?

Plötzlich wusste sie es. War es nicht das Unauffälligste, sich so zu geben, wie es von der Herrin des Hauses erwartet wurde? Sie würde befehlen, natürlich! Jemand musste auf die Weide gehen und ihr das Reittier satteln. Sie brauchte nur einen Grund für ihr Tun. Nach kurzem Überlegen fiel ihr einer ein. Sie musste nur noch etwas warten. Dann wäre Marcus betrunken und ein Großteil seiner Gäste auch.

Mit einem Lächeln auf den Lippen kehrte sie an Marcus’ Seite zurück. Dessen Hand fand ungeniert auf ihren Schenkel zurück.

Noch eine Stunde! Dann bin ich dich hoffentlich für alle Zeiten los.

Die Sonne neigte sich und die Hitze wich nun einer milden Abendbrise. Die Gäste nutzten es, flanierten im Garten umher oder setzten sich auf die steinernen Bänke und schauten den Wasserspielen zu. Marcus zog es vor, im Inneren zu bleiben. Er unterhielt sich mit den ehemaligen Freunden seines Vaters und deren Söhnen. Schon wurde wieder über zotige Witze gelacht und deftige Trinksprüche in die Runde geworfen.

Flavia sah ihre Stunde gekommen und rief den nächstbesten Haussklaven zu sich.

»Herrin?«, fragte der.

»Geh in den Stall, lass Ventus, mein Lieblingspferd, für mich satteln.« Damit ihr Wunsch keinen Argwohn erregte, ergänzte sie in ebenso herrischem Tonfall: »Und ein zweites für meine Begleitung. Sie sollen vor dem Badehaus auf uns warten.«

»Ich werde es veranlassen. Du wirst sie dort finden.« Er verneigte sich und verschwand.

Sie hoffte, ihr Wunsch mochte so banal klingen, dass er bei keinem der Ausführenden irgendeinen Verdacht erregte. Unauffällig schritt sie durchs Haus, unterhielt sich mal hier und dort, ging wie zufällig ein letztes Mal in die Richtung ihrer Gemächer, huschte rasch in ihr Umkleidezimmer. Der Blick aus dessen Fenster war auf das Badehaus ausgerichtet und so wartete sie, bis sie den Sklaven kommen sah, der zwei gesattelte Pferde herbeiführte. Ihr Herz begann zu hämmern. Jetzt zählte es! Hoffentlich befand sich Marcus immer noch im Inneren des Hauses. Kaum, dass der Sklave verschwunden war, beugte sie sich aus dem Fenster und sah sich um. Niemand war in der Nähe. Alle Gäste waren einen guten Steinwurf entfernt.

Sie warf die Taschen hinaus, hörte sie auf die Erde plumpsen, verließ ihre Gemächer und trat in den breiten Flur. Gäste begegneten ihr, die ihr versicherten, wie schön die Feier war und wie gut das Essen. Sie erwiderte die Höflichkeiten, ließ sich aber auf keine Unterhaltung mehr ein. Endlich gelang es ihr den Hinterhof zu erreichen, wo ihr geliebter Rappe stand.

Er wieherte, als er sie erkannte. Sie tätschelte seinen Hals und flüsterte: »Ventus! Ich muss fliehen! Hilfst du mir?«

Ventus blies seine Nüstern auf, schüttelte die Mähne. Trotzdem sah es aus, als wäre er begeistert.

Ein trockenes, leises Lachen entfuhr ihrer Kehle. »Das heißt ja!« Für einen kurzen Moment berührte ihre Stirn die seine.

»Kann ich etwas für dich tun, Herrin?«, hörte sie eine Stimme hinter ihrem Rücken.

Sie fuhr herum, erkannte Primus. Der Sklave, der die anderen im Haus unter sich hatte.

»Bei allen Göttern, du hast mich erschreckt!«, sagte sie, weil ihr nichts anderes einfiel.

»Entschuldige, Herrin. Ich sah dich allein hier draußen. Fehlt dir etwas?«

Fieberhaft überlegte sie, was sie darauf antworten sollte. Primus diente dem Haus mit unerschütterlicher Loyalität. Er war ein Hüne, aber ein Dummkopf.

»Nein! Ich … Ich wollte nur noch einmal zu dem Grab meines Mannes reiten und sehen, ob die Priester alles zu meiner – und zu Marcus’ – Zufriedenheit erledigt haben«, log sie und hoffte, er würde es glauben.

»Wer wagt es, dich warten zu lassen?« Primus’ Blick war auf das zweite Pferd gerichtet.

»Ach! Niemand! Ich habe es ursprünglich für Marcus satteln lassen«, strickte sich Flavia weiter in ihr Lügengeflecht, »aber inzwischen …«, sie machte eine Pause, als wäre es ihr tatsächlich peinlich, »… ist er zu unpässlich.« Sie lächelte gequält und Primus verstand. Marcus war zu betrunken. Was öfter der Fall war.

Er nickte so loyal wie immer. »Ich werde dich gerne begleiten.«

»Das brauchst du nicht! Deine Hilfe ist im Haus dringlicher geboten. Am Grab sind die Priester und deren Helfer. Ich werde nicht allein sein. Und für die kurze Strecke dorthin werde ich die Stille genießen. Gelächter und Späße können einem rasch zu viel werden, wenn man in Trauer ist.«

Primus schloss für einen Augenblick die Augen und neigte den Kopf. Sie wusste, sie hatte sein Herz getroffen.

»Natürlich, Herrin. Ich werde dich nicht mit meiner Gegenwart belästigen«, sagte er, drehte sich um und ging davon.

Flavia wagte nicht, vor Erleichterung die Luft auszustoßen. Entschlossen ergriff sie die beiden Taschen, die vor ihrem Fenster lagen, und band sie auf den Pferderücken. Ihre Finger zitterten dabei und doch zwang sie sich, Ventus völlig unaufgeregt über den gepflasterten Hof zu führen. Innerlich betete sie inständig, Marcus oder einer seiner Freunde möge sie nicht zufällig dabei beobachten. Sobald es ging, saß sie auf und ritt in Richtung Tor. Die Gäste, die dort in Grüppchen zusammenstanden, lächelten ihr freundlich zu. Manche wollten wissen, wohin sie des Weges war.

»Zum Grab«, antwortete sie und erntete verständnisvolle Blicke.

Im Schritt ritt sie die Straße entlang bis dorthin, wo sie zum Mausoleum der Familie Quintus abzweigte. Doch Ventus trabte daran vorbei. Nichts geschah. Niemand rief ihr nach oder nahm außergewöhnliche Notiz von ihr. Sie ritt einfach weiter die Straße entlang.

Händler kamen ihr mit Ochsengespannen entgegen. Denen folgte eine Gruppe von zehn Legionären. Sie musterten die gut situierte Witwe mit Respekt und behel‐ligten sie nicht weiter. Als Flavia außer Sichtweite war und die Landschaft ihr etwas Deckung bot, stieg sie ab, nahm das schwarze Tuch vom Kopf, zog die Nadeln aus ihrer Hochsteckfrisur, schlüpfte aus dem schwarzen Kleid und schleuderte es ins Gebüsch. Im Gepäck befand sich eine einfache Tunika, wie Bürgerliche sie trugen. Die zog sie an und stopfte ihr langes Haar unter eine unauffällige Kappe. Mit dem Gefühl, das Leben der Statthaltergattin ein für alle Mal abgelegt zu haben, schwang sie sich zurück auf den Pferderücken. Rogans Tochter war zurück! Ein kräftiger Schenkeldruck ließ das Pferd in Galopp fallen.

»Heilige Anu, wir haben es geschafft! Jetzt mach deinem Namen alle Ehre, Ventus, und reite wie der Wind.« Sie ließ dem Rappen freien Lauf auf dem unbefestigten Seitenstreifen entlang der Straße. Die Menschen, die ihr begegneten, hielten sie wahrscheinlich für einen Kurier mit wichtiger Post.

Kapitel Drei

MIT JEDER PFERDELÄNGE, die sie sich von der Villa Masillia entfernte, wurde ihr leichter zumute. Vorbei war die Zeit, in der sie sich einem Ehemann unterordnen musste. Nun gehörte sie wieder sich selbst. Sie lachte und weinte gleichzeitig, als sie den Wind der Freiheit in ihrem Gesicht spürte.

Mit zunehmender Dunkelheit, als kein sicheres Vorankommen mehr möglich war, hielt sie an. In eine der Herbergen direkt an der Straße wollte sie nicht einkehren. Damit würde sie ihren Verfolgern eine allzu deutliche Spur hinterlassen. Also kauerte sie sich abwärts der Straße in ein Gebüsch und band den Rappen fest. Leider hatte sie es versäumt, einen Wasserschlauch mitzunehmen. Jetzt hatte sie Durst. Ventus wahrscheinlich nicht weniger.

Sie klopfte zärtlich auf seinen Hals. »Verzeih mir, mein Guter! Morgen früh, sobald es hell ist, machen wir uns auf den Weg und halten bei der ersten Möglichkeit zum Trinken. Ich verspreche es dir.«

Sie schlang das wärmende Tuch fester um sich und bemerkte, wie erschöpft sie war. Ihre Muskeln schmerzten durch die lange, ungewöhnliche Belastung. Was wohl in der Villa vor sich ging? Sie versuchte, es sich vorzustellen. Wahrscheinlich hatte Marcus recht bald ihr Fehlen bemerkt und nach ihr suchen lassen, trotz seiner Trunkenheit. Und er wird in der Lage gewesen sein, das Geschehene richtig einzuschätzen: Seine Stiefmutter war vor ihm geflohen! Seine aufschäumende Wut darüber konnte sie sich gut vorstellen.

Wahrscheinlich hatte er längst Verfolger in alle Richtungen ausgesandt. Sie werden mich nicht mehr einholen! Bei diesem Gedanken gab sie ein leises Lachen von sich und Ventus beantwortete es mit einem gutmütigen Schnauben. Wenn sie Glück hatte, erstreckte sich ihr Vorsprung über zwei Stunden. Kein Pferd im Stall konnte ihre Geschwindigkeit mithalten. Und die Dunkelheit hinderte auch ihre Verfolger am Weiterreiten. Sie musste nur gründlich ihre Spuren verwischen. Keiner sollte sich an eine Frau auf einem Rappen erinnern.

Immer wieder fiel sie in einen leichten Dämmerschlaf, die Hand fest um den Griff ihres Messers geschlossen. Nichts geschah in dieser Nacht. Sie erwachte sogar mit dem Gefühl, ausgeruht zu sein. Die Vögel zwitscherten und kündigten den baldigen Sonnenaufgang an. Sie atmete kühle, satte Luft. Noch schien es ihr, als sei sie allein auf der Welt, die Landschaft so trügerisch friedlich. Sie steckte das Messer zurück in die Scheide, deren Riemen sie sich um den Unterarm gebunden hatte. Das Tuch trug sie als Umhang und befestigte es mit einer Fibel. Beim ersten Silberstreif am Horizont erklomm sie den Sattel und schlug den Weg zurück zur Straße ein.

»An der ersten Quelle machen wir halt, versprochen«, murmelte Flavia.

Ihr Ziel war die Villa eines zweifelhaften Freundes: Lucius. Früher war er der leitende Centurio der Legion gewesen, die ihr Gatte verwaltet hatte. Lange Jahre hatte zwischen den beiden Männern eine dicke Freundschaft bestanden. Doch dann hatten sie sich aufgrund einer ihr unbekannten Tatsache zerstritten und ihr Verhältnis hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Er würde ihr gerne Unterschlupf anbieten, insbesondere wenn er erfuhr, dass ihr Mann verstorben war.

Flavia kannte den Weg dorthin auswendig. In der Nähe seines Gutshofs befanden sich viele Straßen. Eine führte hinab zur Küste und die andere hoch in die Berge nach Norden. Sie war sich immer noch unschlüssig, welchen Weg sie wählen sollte. Was war weniger gefährlich? Sich als allein reisende Frau dem Getümmel der Küstenstädte auszusetzen oder in die Einsamkeit der Berge zu fliehen? Gegen die Passage über die Berge sprach die Tatsache, dass sie keinerlei Proviant dabeihatte und auch keine Ausrüstung für die kühlen Nächte. Und die Menschen sagten, es gäbe dort Wegelagerer und Räuber. Die breiten Pass-Straßen hingegen wurden von der Armee gesichert. Beide Umstände brachten sie in Schwierigkeiten. Vielleicht könnte sie von Lucius einen Sklaven abkaufen, das wäre sicherer und dazu noch eine gute Tarnung. Wenn sie ihn als ihren Ehemann verkleidete, würden sie als reisendes Paar nicht auffallen.

Flavia folgte weiter der schnurgeraden Straße. In regelmäßigen Abständen informierte ein Meilenstein über die zurückgelegte Strecke und die Entfernung zum nächsten Ort. Eines musste man diesen Römern lassen, sie hatten ein fantastisches Straßennetz. Und Badehäuser konnten sie ebenfalls bauen. Sie liebte die römischen Dampfbäder, diese Warm- und Kaltwasserbecken in beheizten Räumen. Die Germanen konnten mit nichts Vergleichbarem aufwarten. Aber sie hatten etwas, wovon diese Römer nur träumen konnten: weite, unberührte Wälder, fruchtbare Erde und den Reichtum ihres handwerklichen Könnens. Und natürlich ihren unbezähmbaren Drang nach Unabhängigkeit und Freiheit. Zumindest sie und ihr Vater und der ganze Stamm der Sueben, die noch die Muttergöttin Anu ehrten. Andere germanische Stämme beteten Odin, Freya und Tyr an. Flavia schienen es dieselben Götter zu sein wie die der Römer. Wen kümmerte es schon, ob sie nun Odin oder Zeus hießen? Sie alle waren nur steinerne Statuen.

Und trotz ihrer toten Götter haben die Römer es geschafft, ihr Volk zu besiegen! Warum? Diese Frage stellte sie sich, seit sie von ihnen verschleppt worden war. Damit hatte dieses verdammte Leben in diesem Land begonnen. Ja, sie würde Lucius ein Goldstück für einen einfachen Feldarbeiter bieten, der auf jedem Sklavenmarkt nur die Hälfte wert war. Er musste nur groß und kräftig sein. Sie tastete nach dem Ledergürtel an ihrer Taille. Wenn man sie nicht bestehlen würde, könnte sie sich auf ihrer Reise jeglichen Luxus gönnen.

Auf die Dauer wurde die Straße langweilig, so schnurgerade wie sie war. Wie auf einem Brettspiel. Und immer im Abstand einer halben Tagesreise hatte man die Möglichkeit, in einem dieser Mansiones etwas zu essen zu bekommen oder ein Bett für die Nacht. Jetzt wies wieder ein Stein darauf hin, dass es in fünf Meilen eine solche Raststätte gab.

»Dort bekommst du etwas zu trinken und guten Hafer«, versprach Flavia ihrem Pferd, weil sie bis jetzt noch keine Quelle gefunden hatten. Sie würde also das Risiko in Kauf nehmen, Menschen zu begegnen. Aber was sollte schon daran gefährlich sein, ein Pferd zu tränken und zu füttern? Sie selbst brauchte ja nicht einzukehren, dann würde nicht auffallen, dass sie ohne männliche Begleitung unterwegs war. Sicher gab es dort auch Stände, an denen man Brot und Speck kaufen konnte.

Mit größter Selbstverständlichkeit näherte sie sich also wenig später dem Schuppen, der sich der Gaststätte gegen‐über befand. Noch bevor sie abgestiegen war, kam ihr ein Stallknecht entgegen.