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Ein Kunstraub vor aller Augen, ein toter Rennfahrer und Freunde in finanziellen Nöten – ein neuer Fall für Lady Hardcastle
Mai 1912: Lady Hardcastle und Flo fiebern einer Ausstellung und einem Radrennen entgegen. Doch bei der Ausstellungseröffnung bricht ein Feuer aus, und zwei wertvolle Kunstobjekte werden gestohlen. Obendrein endet das Radrennen, das als charmanter Tagesausflug begann, mit einem schockierenden Mord. Zu guter Letzt enthüllen die Farley-Strouds, dass ihnen durch den Raub der Bankrott droht. Eine Jagd nach einem Kunstdieb, eine Mordermittlung und eine Schatzsuche zugunsten ihrer Freunde – das detektivische Duo hat wieder einmal alle Hände voll zu tun …
»Diese Reihe gehört mit Sicherheit zu den besten historischen Wohlfühlkrimis, die ich bis dato gelesen habe.« The Book Decoder
Lesen Sie auch die anderen Fälle des charmanten Ermittlerduos wie zum Beispiel »Lady Hardcastle und der Todesflug« oder »Lady Hardcastle und die tödliche Ernte«.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2026
Buch
Mai 1912: Lady Hardcastle und ihre Zofe Flo fiebern einer Ausstellung und einem Radrennen entgegen. Doch bei der Ausstellungseröffnung bricht ein Feuer aus, und zwei wertvolle Kunstobjekte werden gestohlen. Obendrein endet das Radrennen, das als charmanter Tagesausflug begann, mit einem schockierenden Mord. Zu guter Letzt enthüllen die Farley-Strouds, dass ihnen durch den Raub der Bankrott droht. Eine Jagd nach einem Kunstdieb, eine Mordermittlung und eine Schatzsuche zugunsten ihrer Freunde – das detektivische Duo hat wieder einmal alle Hände voll zu tun …
Autor
T E Kinsey wuchs in London auf und studierte Geschichte an der Universität Bristol. Er schrieb einige Jahre lang als Journalist für Zeitschriften und Magazine, bevor er der glamourösen Welt des Internets verfiel und bei einer sehr bekannten Unterhaltungswebsite arbeitete. Nachdem er dabei half, drei Kinder großzuziehen, Tauchen lernte und sich beibrachte, Schlagzeug und Mandoline zu spielen, beschloss er schließlich, dass es an der Zeit ist, zum Schreiben zurückzukehren. Zum Glück – denn seine Reihe um die exzentrische Hobbydetektivin Lady Emily Hardcastle und ihre tatkräftige Zofe Florence Armstrong wurde ein Megahit.
Von T E Kinsey bereits erschienen
Lady Hardcastle und der Tote im Wald · Lady Hardcastle und ein mörderischer Markttag · Lady Hardcastle und das tödliche Autorennen · Lady Hardcastle und ein filmreifer Mord · Lady Hardcastle und der tote Reporter · Lady Hardcastle und der Mord am Meer · Lady Hardcastle und der Todesflug · Lady Hardcastle und die tödliche Ernte · Lady Hardcastle und der Tod im Theater
T E Kinsey
Kriminalroman
Deutsch von Bernd Stratthaus
Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel An Act of Foul Play bei Thomas & Mercer, Seattle.
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Copyright der Originalausgabe © 2023 by T E Kinsey
This edition is made possible under a license arrangement originating with Amazon Publishing, www.apub.com, in collaboration with Agence Hoffman GmbH.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Susann Rehlein
Umschlaggestaltung: bürosüd nach einer Originalvorlage von Thomas & Mercer
Coverdesign: Tom Sanderson
Coverillustration: Jelly London
StH · Herstellung: DiMo
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-33372-0V001
www.blanvalet.de
Am ersten Mai waren Lady Hardcastle und ich unmittelbar nach dem Frühstück hinunter ins Dorf gegangen, um uns zu der Menge zu gesellen, die sich auf dem Dorfanger versammelte. Alle waren dort, um den Kindern beim Tanz um den Maibaum zuzuschauen, der in einem komplizierten Flechtmuster mit bunten Bändern umwickelt worden war. Es herrschte eine ausgelassen festliche Stimmung, und eine entspannte Vorfreude lag in der Luft.
Sir Hector und Lady Farley-Stroud hatten uns bei unserer Ankunft freudig begrüßt. Nun standen wir bei ihnen und sahen Miss Rossiter, der neuen Lehrerin, dabei zu, wie sie versuchte, ihre Schützlinge auf die ihnen zugewiesenen Plätze rund um den bebänderten Maibaum zu lotsen.
»Seid ihr auch extra früh aufgestanden, um euch das Gesicht mit dem Tau des Maifeiertags zu waschen?«, fragte Lady Farley-Stroud.
»Ich stehe jeden Tag früh auf, um mein Gesicht im Morgentau zu waschen«, erwiderte ich lächelnd.
Lady Farley-Stroud sah mich skeptisch an. »Ich glaube eher, dass Sie mich auf den Arm nehmen, meine Liebe«, sagte sie dann ebenfalls lächelnd.
»Aber natürlich tut sie das, Gertie«, schaltete Lady Hardcastle sich ein. »Beachte sie gar nicht, sie ist schon die ganze Woche über in so einer aufgedrehten Stimmung.«
Sir Hector quittierte das mit seinem fröhlich bellenden Lachen. »Ich habe Ihnen das abgenommen, meine Liebe. Irgendwas muss doch für Ihr jugendliches Strahlen verantwortlich sein, hm?«
»Gesunde Lebensweise, viel frische Luft und ehrliche Arbeit«, entgegnete ich. »Außerdem steht da so ein Bildnis auf dem Speicher.«
»Wie das von Dorian Gray?«, fragte Lady Farley-Stroud.
»Nein, es zeigt den Hafen von Cardiff. Ein paarmal pro Woche nach oben in den Speicher zu gehen, um es abzustauben, hält mich fit.«
Sir Hector musste wieder lachen, und Lady Farley-Stroud schüttelte nur nachsichtig den Kopf.
»Ich kann mich noch daran erinnern, was für eine schüchterne und respektvolle Kammerzofe Sie waren, als Sie hier im Dorf angekommen sind, meine liebe Florence«, sagte sie dann. »Als ich Sie kennengelernt habe, konnten Sie kein Wässerchen trüben, aber schauen Sie sich jetzt nur an.«
Lady Hardcastle schnaubte. »Rund um den Erdball gibt es viele trübe Wässerchen, die das bestreiten würden, liebe Gertie. Sie war noch nie harmlos.« Dann reckte sie den Hals, um einen besseren Blick auf die Vorbereitungen rund um den Maibaum zu haben. »Ich glaube, unsere kleinen Schätzchen stehen jetzt auf ihren Plätzen, ich muss euch also kurz allein lassen.«
Lady Hardcastle hatte sich überreden lassen – obwohl es tatsächlich keiner allzu großen Überredungskunst bedurft hatte – den Tanz um den Maibaum auf ihrem nagelneuen Akkordeon zu begleiten.
Sie quetschte sich höflich durch die Menge und nahm dann ihren Platz neben Miss Rossiter ein, wo sie sich das Instrument vor die Brust hievte. Als sie es bequem in Position gebracht hatte, schob sie den Blasebalg zusammen und erzeugte so einen fröhlichen Dur-Akkord. Es hörte sich an wie ein Tusch.
Die Kinder schnappten sich daraufhin das ihnen jeweils zugeteilte Band und nahmen in der richtigen Richtung Aufstellung, bereit, die Bänder tanzend zu entwirren.
Lady Hardcastle spielte eine der fröhlichen Melodien, die sie die letzten Wochen über geübt hatte, und die Kinder begannen ihren Tanz.
»Ich bin so froh, dass wir diese Traditionen noch immer pflegen«, sagte Lady Farley-Stroud. »Sehen die Kleinen nicht bezaubernd aus?«
Die Kleinen sahen tatsächlich bezaubernd aus, wie sie so ganz unbeschwert um den Maibaum hopsten und sprangen.
»Ich habe gehört, dass Ihre Freundin Maikönigin wird«, sagte Sir Hector.
Ich wandte mich von den Kindern ab. »Daisy? Sie freut sich sehr darüber. Anscheinend ist es für sie das erste Mal.«
»Ist es«, bestätigte Lady Farley-Stroud. »Früher hatte sie … Na ja, ich möchte nicht schlecht über das Mädel reden, aber sie hatte einen gewissen Ruf. So ein Mädchen konnten wir unmöglich zur Maikönigin küren.«
»Sie war ein bisschen flatterhaft, stimmt schon. Aber sie ist sehr gereift, seit wir sie kennengelernt haben. Sie wird sich gut als Maikönigin machen.«
»Wisst ihr, was ich vermisse?«, fragte Sir Hector, der offenbar das Interesse an Daisy Spratts Tugenden verloren hatte.
»Nein, Sir Hector«, erwiderte ich. »Was denn?«
»Jack in the Green.«
»Ach, Hector«, tadelte ihn Lady Farley-Stroud unleidlich. »Dir gefällt eben alles, was mit Alkohol und Albernheit zu tun hat. Ich bin froh, dass wir das los sind. Glückliche tanzende Kinder und hübsche Maiköniginnen, das ist es, was wir brauchen.«
»Wenn du meinst, mein kleiner Plumpudding. Wenn du meinst.«
Es dauerte noch ein paar Minuten, bis die Kinder ihren Tanz beendet und den Baum vollständig ausgewickelt hatten. Lady Hardcastle beendete ihr Spiel mit einem weiteren Tusch, und die lächelnden Dorfbewohner klatschten Beifall. Die Bänder wurden daraufhin mit Stäben am Boden festgemacht, sodass das Gebilde einem bunten Baum ähnelte.
Nun nahmen die Kinder in Reihen Aufstellung, alle hatten mit Blumen und bunten Bändern geschmückte Stöcke und Reifen in der Hand und schlossen sich der Prozession an, die Maikönigin Daisy zu ihrer Krönung geleiten sollte.
Lady Hardcastle gesellte sich mit dem vor die Brust geschnallten Akkordeon, das bei jedem ihrer Schritte ein asthmatisches Röcheln von sich gab, zu uns.
»Also wirklich, bravo, meine Liebe«, lobte Lady Farley-Stroud. »Das hast du ganz hervorragend gemacht. Ich kann gar nicht glauben, dass du erst vor ein paar Wochen mit dem Spielen angefangen hast.«
»Sie waren ja auch nicht jeden Abend in unserem Wohnzimmer. Sonst würden Sie es nämlich glauben.«
»Nun, ich für meinen Teil bewundere dein Talent und deine Hingabe, meine Liebe. Um ein Musikinstrument zu beherrschen, braucht es viel Talent.«
»Oh, ich bewundere sie auch«, stellte ich klar. »Bitte, Sie dürfen mich da nicht missverstehen. Es ist nur so, dass …«
»Sie hat schon recht, Gertie«, gab Lady Hardcastle zu. »Sogar ich hatte irgendwann einen Punkt erreicht, wo ich bereit war, eine von Mr. Wells’ Zeitmaschinen zu bauen, um in die Vergangenheit zu reisen und dort den Schurken, der ›Sailor’s Hornpipe‹ komponiert hat, davon abzuhalten, sich das vermaledeite Lied auszudenken. Ich vermag mir gar nicht auszumalen, wie es für die arme Flo gewesen sein muss, die mitanhören musste, wie ich mich wieder und wieder heillos in dem Ding verheddert habe.«
»Ich liebe ›Sailor’s Hornpipe‹«, warf Sir Hector schadenfroh ein. »Das hättest du spielen sollen, meine Liebe. Diedel-um-pum-pum …« Er führte ein erstaunlich leichtfüßiges kleines Tänzchen auf und summte dazu die Melodie.
Lady Farley-Stroud schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Ich denke, es wird langsam Zeit, dass wir uns auf den Weg zur Krönung machen. Komm schon, du Süßwassermatrose.«
Wir folgten den Dorfbewohnern zur Mitte des Dorfangers, wo auf einem Podest ein mit Blüten und Zweigen geschmückter Thron aufgestellt worden war. Ein Thron für Daisy.
Die Königin wurde von ihren zwei Mägden zum Thron geführt – unserer Köchin Blodwen Jones und Cissy Slocomb von der Molkerei – , wo ihr dann eine Blütenkrone aufgesetzt und ein mit zarten Blüten umranktes Zepter aus Weidenholz in die Hand gedrückt wurde. Gerne würde ich erzählen, um welche Blumen es sich genau handelte, aber mein botanisches Wissen reicht nur bis zu grünen Blättern und hübschen Blüten. Es muss also genügen, dass die Blätter von einem saftigen, üppigen Grün waren und dass die Auswahl und die Schönheit der Blüten ausreichten, sogar die abgestumpfteste, zynischste Seele zum Lächeln zu bringen.
Es war eine kurze Zeremonie, aber die Feierlichkeiten waren damit noch längst nicht vorbei. Es gab Speisen, die gegessen, und Getränke, die getrunken werden wollten. Das Maifeiertagskomitee hatte zum Sommerbeginn einen Festschmaus aus belegten Broten, Pasteten und kaltem Braten vorbereitet. Unterdessen hatte Old Joe, der Besitzer des Dog and Duck, mehrere Fässer von Mattick’s Cider gespendet, um die Feier mit ordentlich Schmierstoff zu versorgen.
Als sie von ihrem Thron herabstieg, gingen wir zu der frisch gekrönten Maikönigin hinüber.
Ich lächelte sie herzlich an. »Gut gemacht, Daisy.«
Daisy lächelte schelmisch. »Eure Majestät, wenn ich bitten darf. Immerhin bin ich jetzt die strahlende Königin.«
»Da hast du recht«, warf Sir Hector ein. »Herzlichen Glückwunsch, Eure Majestät.«
»Vielen Dank, Sir Hector.« Daisy neigte huldvoll den Kopf. Dabei rutschte ihr die Krone über die Augen, und sie schob sie mit einem missbilligenden Schnauben zurecht. »Ich weiß wirklich nicht, wie die königliche Familie das anstellt. Ich kann nicht mal einen Blütenkranz an Ort und Stelle behalten – und sie haben es mit riesengroßen, schweren Kronen zu tun.«
»Sie bekommen ein spezielles Training, Liebes«, erklärte Lady Hardcastle. »Latein, Französisch, Plaudern und Kronetragen, täglich vor dem Mittagessen. Am Nachmittag üben sie dann Bänderdurchschneiden, Schiffe vom Stapel lassen und aus einer fahrenden Kutsche winken.«
Daisy und Sir Hector kicherten. Lady Farley-Stroud bemühte sich zu lächeln, aber ich konnte sehen, wie sehr sie sich anstrengen musste, nicht allzu entsetzt über Lady Hardcastles unbotmäßigen Kommentar über unseren geliebten König und seine Familie zu wirken. Es war an der Zeit für einen Themenwechsel.
»Wie gehen denn die Vorbereitungen für die Kunstausstellung voran?«, fragte ich also.
»Ach, sehr gut, danke, meine Liebe«, antwortete Lady Farley-Stroud. »Wir haben alle Ausstellungsstücke der Dorfbewohner zusammen – danke für deine hübschen Gemälde, liebe Emily – , und die Exponate aus dem Museum in Chipping Bevington kommen am Freitag.«
»Ist Du-weißt-schon-Wer immer noch bereit, Du-weißt-schon-Was auszustellen?«, fragte Lady Hardcastle.
»Es soll das Glanzstück der Ausstellung sein«, antwortete Lady Farley-Stroud. »Was wirklich gut ist, denn wir haben der Lokalpresse bereits Bescheid gesagt.«
In der Lokal- und auch der überregionalen Presse war tatsächlich viel über das Prunkstück der Kunstausstellung von Littleton Cotterell berichtet worden: Basil Westburys Buch.
Westbury war ein Geschäftsmann aus der Gegend. Er gab sich stets jovial und arbeitete in seiner Ingenieurswerkstatt in der Bristoler Innenstadt etwas unerklärlich Komplexes, aber erstaunlich Lukratives und wohnte zusammen mit seiner Frau in dem Haus kurz vor der Stadtgrenze von Chipping Bevington, das früher James und Ida Seddon von der Spedition Seddon, Seddon und Seddon gehört hatte. Die Westburys waren ein reizendes Pärchen, und Lady Hardcastle und ich waren, kurz nachdem sie hergezogen waren, zu einer Party in ihrem neuen Zuhause eingeladen gewesen.
Anders als die vorherigen Bewohner des Hauses stellten sie ihren Reichtum nicht zur Schau und waren überhaupt sehr bescheiden im Auftreten – mit einer bedeutenden Ausnahme. Wie sich herausstellte, war Mr. Westbury nämlich geradezu besessen von William Shakespeare und sammelte alles, was mit Shakespeare zu tun hatte. Sein Arbeitszimmer, das er seinen Gästen stolz präsentiert hatte, war ein regelrechter Schrein für den Barden vom Avon. Der Raum wimmelte von wertvollen Ausgaben seiner Stücke und Gedichte. Es gab Shakespeare-Porträts, Shakespeare-Büsten sowie ungewöhnliche Shakespeare-Souvenirs – manche davon waren so alt wie der große Dichter selbst. In einem der Regale stand ein mit Satin ausgeschlagenes Kästchen, in dem ein Holzsplitter lag, begleitet von einer versiegelten und offiziell beglaubigten Erklärung, dass er aus einem der Balken in Shakespeares Wohnhaus in Stratford-upon-Avon stammte.
Das alles wies Mr. Westbury als bezaubernden Exzentriker aus, war allerdings nicht wert, näher betrachtet oder kommentiert zu werden.
Bis er das Buch hatte anfertigen lassen.
Zwei Jahre vor seinem Umzug nach Littleton Cotterell hatte Basil Westbury bei Dowers-Stillwell, den weltberühmten Londoner Buchbindern, eine wirklich bemerkenswerte, einzigartige Gesamtausgabe der Werke Shakespeares in Auftrag gegeben, die nun vor Kurzem geliefert worden war. Der Einband war mit über tausend extra dafür geschliffenen Edelsteinen besetzt und bestand aus mehr als fünftausend sorgsam ausgewählten Lederstücken, die kunstfertig so verarbeitet worden waren, dass sie Figuren und Motive aus den Stücken und Gedichten darstellten. Das allein schon hätte das Buch zu einem beeindruckenden Kunstwerk gemacht, aber es wurde durch die hundert Quadratfuß Blattgold, die in mühevoller Detailarbeit auf das geprägte und intarsierte Leder aufgebracht worden waren, noch weiter veredelt. Aber nicht nur der Einband war vorn und hinten verziert, sondern auch die Innenseiten des Buchdeckels (die, wie ich später lernte, als Dublüren bezeichnet werden) sowie der dicke Buchrücken. Das Buch war dreiunddreißig Zentimeter breit und vierzigeinhalb Zentimeter hoch, und sein Wert war auf über tausend Pfund geschätzt worden.
Über seine Herstellung war in der nationalen und internationalen Presse begeistert berichtet worden, und der Shakespeare-Anhänger, der es in Auftrag gegeben hatte, war eine Zeit lang eine lokale Berühmtheit gewesen.
Lady Farley-Stroud hatte Westbury gefragt, ob er bereit sei, sein Buch auf der Kunstausstellung in Littleton Cotterell zu präsentieren, und er hatte mit Freude zugesagt. Er war so begeistert von der Idee, dass er dem Komitee nicht nur erlaubt hatte, das Buch auszustellen, sondern sogar selbst die Kosten für die Versicherung übernahm. Seine Versicherung hatte zur Bedingung für die Police gemacht, dass ihre eigenen Sicherheitsleute das Buch für die Dauer der Ausstellung bewachen würden. Diese Rund-um-die-Uhr-Bewachung hatte eine beträchtliche Extraprämie zur Folge. Doch selbst das hatte Basil Westbury nicht zögern lassen – er wollte, dass so viele Menschen wie möglich die Schönheit des Buches bewundern konnten, bevor er es in seinen Shakespeare-Schrein integrierte.
»Ich freue mich mehr auf die Ausstellungsstücke aus dem Dorf«, erklärte ich. »Ich bin sehr neugierig zu sehen, wozu unsere talentierten Freunde in der Lage sind. Aber ich kann nicht leugnen, dass ich fasziniert von dem Gedanken bin, meine bescheidenen, sterblichen Augen auf das Wunder des Buchs zu richten.«
Lady Hardcastle musste lachen. »Es ist von der Boulevardpresse ziemlich enthusiastisch gefeiert worden, nicht wahr? In seltenen Momenten des Selbstzweifels habe auch ich mich schon gefragt, ob wir es verdienen, so ein Wunderwerk bei uns zu haben.«
»Ihr beide seid wirklich gemein«, schalt Lady Farley-Stroud. »Basil Westbury ist ein charmanter und großzügiger Mann, und sein großartiges Buch wird Menschenmassen anziehen und unserer kleinen Ausstellung so zu größerer Bekanntheit verhelfen.«
»Wohl wahr, meine Liebe«, beschwichtigte Lady Hardcastle. »Und sie hat es verdient.«
»Ja. Nun. Danke«, erwiderte Lady Farley-Stroud. »Aber ihr könnt euren Spott wiedergutmachen. Ich habe mich gefragt … Habt ihr beide vielleicht am Freitagmorgen Zeit? Ich könnte ein paar vertrauenswürdige Hände gebrauchen, die mir dabei helfen, die teureren Exponate aufzuhängen.«
»Hm«, machte Lady Hardcastle. »Freitag. Na ja, die Teestube in Chipping hat freitags immer ganz köstliche Cremeschnitten im Angebot. Und in Bristol gibt es eine Matinee, die ich mir eigentlich noch anschauen wollte …«
Lady Farley-Stroud wirkte niedergeschlagen.
»Ach, du dumme Gans«, rief Lady Hardcastle. »Natürlich helfen wir dir, oder, Flo?«
»Sehr gern«, pflichtete ich bei. »Ich kann wirklich überhaupt nicht malen, habe aber einen scharfen Blick für schräg aufgehängte Bilder und windschiefe Skulpturen.«
»Vielen Dank, ihr Lieben. Würdet ihr um Punkt zehn zu uns in die Dorfhalle kommen?« Lady Farley-Stroud blickte sich um. »Tut mir wirklich leid, aber jetzt muss ich mich sputen. Hector! Hector, wo willst du denn hin?«
Sir Hector hatte seine Gelegenheit gewittert und sich an den Cider angepirscht, doch seine Frau war ihm jetzt dicht auf den Fersen.
»Hätten Sie gern ein Lunch, Eure Majestät?«, wandte sich Lady Hardcastle nun wieder an Daisy, während wir unseren Freunden nachsahen, wie sie sich quer über den Dorfplatz entfernten.
»Ich dachte schon, ihr fragt nie«, antwortete Daisy. »Ich habe einen riesigen Kohldampf. Die Arbeit als Königin macht echt hungrig, wisst ihr?«
Der Donnerstag verging im Großen und Ganzen ereignislos. Die ortsansässigen Dachse hatten mal wieder die Blumenbeete verwüstet, aber Jed Halfpenny – unser Gelegenheitsgärtner – reparierte den Schaden im Nullkommanichts. Als er wieder fort war, erklärte ich den Blumen, dass das das Risiko war, das sie eingingen, wenn sie in unserem Garten freie Kost und Logis in Anspruch nahmen. Und ich glaube, sie verstanden.
Am Freitagmorgen plauderte ich mit Miss Jones und unserer Haushälterin Edna Gibson in der Küche, während ich Toast für Lady Hardcastle butterte.
Edna wehrte sich noch immer gegen die Bezeichnung Haushälterin. Zwar hatte sie schon vorher als Haushälterin gearbeitet, aber sie fand es zu anstrengend. Sie bevorzugte eine Stelle als Hausmädchen, sagte sie, aber sie war so viel mehr als das und würde das irgendwann einfach akzeptieren müssen. Ob nun Haushälterin oder nicht, sie wollte sich unter keinen Umständen mit Mrs. Gibson anreden lassen.
»Das ist für Leute wie mich doch viel zu formell«, behauptete sie.
»Aber Sie nennen mich doch auch Miss Armstrong«, entgegnete ich.
»Das ist was anderes, Sie sind eine Kammerzofe. Die werden immer Miss genannt.«
»Und Haushälterinnen werden immer Mrs. genannt. Genau wie Köchinnen.«
»Aber ich bin doch Miss Jones«, wandte die Köchin ein.
»Und ich bin keine Haushälterin«, beschwerte sich die Haushälterin.
»Wir haben uns alle darauf geeinigt, dass Mrs. Jones nicht zu Ihnen passt«, entgegnete ich. »Und Sie sollen ja auch Ihren Willen bekommen, Edna. Aber Sie verdienen einfach mehr Respekt für die ausgezeichnete Arbeit, die Sie leisten.«
»Solange Sie mich nicht Mrs. Gibson nennen, können Sie meine Stelle nennen, wie Sie wollen.«
»Großartig«, sagte ich. »Dann können wir ja sofort Ihre Visitenkarten drucken lassen.«
»Ich mit einer Visitenkarte, das fehlte noch.«
»Sie wären das Dorfgespräch.«
»Solange nicht Mrs. Gibson draufsteht. Mrs. Gibson ist die Mutter von meinem Dan, und die ist eine ziemliche Hexe – mit der will ich nicht verwechselt werden.«
Von der Küchentür her hörten wir das Schlurfen von Pantoffeln.
»Guten Morgen«, begrüßte Lady Hardcastle uns gähnend.
Edna und Miss Jones erwiderten im Chor: »Guten Morgen, Mylady.«
»Wie schön, Sie zu sehen«, sagte ich. »Hier ist Ihr Toast.«
Ich reichte ihr den Teller, und sie blickte ihn mit verschlafener Verwirrung an.
»Nehmen Sie ihn mit rüber ins Frühstückszimmer, ich bin dann gleich mit dem Kaffee bei Ihnen.«
Gehorsam trottete sie von dannen.
»Gehen Sie nur gleich mit, Liebes«, forderte Edna mich auf. »Sie ist morgens nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Ich bringe den Kaffee dann gleich rüber. Wollen Sie auch ein bisschen Toast?«
»Nein, ich warte bis zum richtigen Frühstück, denke ich. Danke, Mrs. Edna.«
Sie lachte und schlug mit einem Geschirrtuch nach mir, aber ich war schon zur Tür hinaus.
Lady Hardcastle saß indessen schon am Tisch im Frühstückszimmer und stützte den Kopf auf die Hand. Als ich eintrat, lächelte sie.
»Guten Morgen, liebe Flo«, sagte sie matt. »Oder wie man hier so sagt: Wie geht’s so?«
»Gut, danke«, erwiderte ich. »Sind Sie sicher, dass Sie nicht lieber langsam im Bett zu sich kommen wollen?«
»Albtraum«, antwortete sie mit einem Kopfschütteln. »Ich bin aus dem Schlaf hochgeschreckt und habe entschieden, dass ich lieber hier unter Freunden sein will, als oben noch mal einzuschlummern und das Grauen wieder zu durchleben.«
»Das Übliche?«
»Leider ja. Egal, jetzt bin ich wach.«
Während ihrer Karriere als Spionin war Lady Hardcastle fast ihr gesamtes Erwachsenenleben über unmittelbaren Todesgefahren mit unfassbar guter Laune begegnet, scheinbar ohne schlimme Folgen. Sie war unzählige Male gejagt, angegriffen, eingesperrt und mit kreativer Grausamkeit gequält worden. Aber erst im Jahr 1908, als wir uns für kurze Zeit in Littleton Cotterell zur Ruhe setzten, hatte sie ihre erste wirklich lebensbedrohliche Verletzung erlitten. Im Zuge von Mordermittlungen, in die wir unversehens geraten waren, war sie von einem Querschläger in den Bauch getroffen worden, und diese zufällige Verwundung war es, die ihr immer noch Albträume verursachte. Wenn wir uns darüber unterhielten, war es die Zufälligkeit des Ganzen, die sie am meisten aufbrachte. Seitens ihres Beinahe-Mörders hatte keinerlei Absicht bestanden, sie zu töten – der Schuss, sofern er überhaupt willentlich abgegeben worden war, hatte jemand anderem gegolten. Der reine Zufall hatte die Kugel auf ihren Bauch gelenkt. Nun spielten sich die Ereignisse weiterhin in ihren Träumen ab, während ihr Geist sich noch immer gegen die Ungerechtigkeit der ganzen Sache auflehnte.
Ich hatte ihr nie gestanden, dass auch ich im Traum von denselben Ereignissen heimgesucht wurde, denn ein Tritt von mir zur falschen Zeit hatte dazu geführt, dass die Waffe in eine andere Richtung gezielt hatte. Mitgefühl für meine eigenen Albträume zu erwarten, wenn sie diejenige war, die die Folgen hatte tragen müssen, kam mir jedoch selbstmitleidig vor.
Sie bemerkte meinen besorgten Blick und runzelte die Stirn. »Wenn du jetzt rührselig wirst, überdenke ich meine Entscheidung noch mal und lege mich direkt wieder ins Bett. Ich bin hier runtergekommen, damit deine Gesellschaft mich aufheitert, ich brauche kein Händchenhalten.«
»Also gut«, entgegnete ich. »Reißen Sie sich zusammen, Sie traurige alte Schachtel.«
»Das ist doch schon viel besser. Also, wo bleibt mein Kaffee?«
»Hier ist er, Mylady«, sagte Edna, die gerade mit einem Tablett hereinkam. »Ich habe Ihnen trotzdem ein bisschen Toast gebracht, Miss Armstrong. Ich weiß doch, wie verführerisch der warme, gebutterte Toast von jemand anderem sein kann.«
Sie stellte das Tablett ab und ging wieder.
»Danke, Edna«, riefen Lady Hardcastle und ich im Chor.
Dann langten wir zu und besprachen unsere Pläne für den Tag.
Genau wie verlangt, waren Lady Hardcastle und ich um »Punkt zehn« zur Stelle in der Dorfhalle und bereit für die Erledigung unserer Pflichten.
Das Hallendach war im vorausgegangenen Sommer durch ein Feuer schwer beschädigt worden, und die Wiederaufbauarbeiten waren nur langsam vorangekommen, zunächst verzögert durch den ungewöhnlich heißen Sommer, dann durch den nasskalten Winter. Mitte April waren die Arbeiten dann aber schließlich abgeschlossen.
Wie immer angeleitet durch die Wünsche von Lady Farley-Stroud, hatte das Dorfhallenkomitee beschlossen, dass die große Wiedereröffnung nicht nur eine Feier der Halle, sondern gleich des gesamten Dorfes sein sollte. Und wie hätte man das besser bewerkstelligen können, als durch ein Zurschaustellen der versammelten künstlerischen Talente der Dorfbewohner vor den Augen der Welt? Zwar hatte es ein paar Gegenstimmen gegeben – einige Mitglieder des Komitees hatten sich für Essen und Trinken im Überfluss als angemessene Art des Feierns ausgesprochen. Aber Lady Farley-Strouds Sicht hatte sich durchgesetzt – wie es bei Lady Farley-Strouds Sicht so oft der Fall war – , also war eine Kunstausstellung organisiert worden.
Der Großteil der Ausstellung bestand aus den Werken der Dorfbewohner. Uns waren sowohl Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde als auch Fotografien, Collagen und sogar Skulpturen versprochen worden. Diejenigen, die fanden, dass sie nicht ausreichend Talent hatten, selbst etwas Künstlerisches herzustellen, waren dazu ermuntert worden, Gemälde oder Gegenstände aus ihrem Zuhause zur Verfügung zu stellen, wenn sie denn glaubten, dass andere daran Gefallen finden würden.
Das Museum in Chipping Bevington hatte ebenfalls angeboten, ein paar Stücke von örtlichen Künstlern auszuleihen. Nach einem Treffen mit Lady Farley-Stroud war dieses Angebot in ein paar wichtige Stücke von örtlichen Künstlern geändert worden.
Als wir eintraten, roch es in der Halle nach Sägespänen, Gips, Kitt und Farbe. Die Wände leuchteten hell, sogar in dem matten Licht des grauen Tages, das durch die frisch verglasten Fenster hereinfiel. Glückliche Geschäftigkeit lag in der Luft, denn Lady Farley-Strouds Freiwillige waren schon fleißig bei der Arbeit und verteilten die Werke der Dorfbewohner unter ihrem scharfen Blick in der Halle.
»Ich denke, Mrs. Blands wunderbares Porträt ihres Hundes …«, setzte Lady Farley-Stroud an.
»Hamlet, Mylady«, half Mrs. Gardner, die Vorsitzende des Stickvereins, aus.
»Was habe ich denn gesagt?«
»Gar nichts, Mylady. Ich wollte Sie nur daran erinnern, dass der Hund der Frau des Vikars Hamlet heißt. Es ist eine Dänische Dogge.«
»Genau. Gut, Mrs. Blands Porträt von Hamlet würde sich hier drüben vielleicht besser machen, neben Mrs. Stitchs Skizze ihrer Hauskatze, finden Sie nicht? So sind alle Haustiere gewissermaßen an einem Ort versammelt.«
Mrs. Stitch war Mrs. Gardners beste Freundin und die Schatzmeisterin des Gärtnereivereins. Doch während Mrs. Stitchs gärtnerische Fähigkeiten über jeden Zweifel erhaben waren, waren ihre künstlerischen Bemühungen, obgleich mit fröhlichem Enthusiasmus ausgeführt, eher mangelhaft. Aber das hier sollte eine Feier sein, keine Gelegenheit für spöttische Bemerkungen. Daher dachte ich, es wäre unfair, Mrs. Stitchs freudig-amateurhafte Zeichnung neben Jagruti Blands fachmännisch wirkendes Ölgemälde ihres absurd gigantischen Hundes zu hängen.
»Wenn Sie die Meinung einer künstlerischen Laiin hören wollen«, sagte ich also vorsichtig, »würde sich die Katze vielleicht besser auf der anderen Seite machen. Wenn wir sie an die Wand hinter die Pullover und Schals des Strickkreises hängen, sieht es so aus, als ob Mr. Bumble mit der Wolle spielt.«
»Minnies Katze heißt Mr. Bumble«, half Mrs. Gardner aus.
»Das habe ich mir schon gedacht«, erwiderte Lady Farley-Stroud. »Und danke, Florence, ich finde, Ihre künstlerische Laienidee ist ganz hervorragend. Das wird den Stricksachen zusätzlichen Charme und ein Augenzwinkern verleihen. Gott weiß, dass sie das gebrauchen können.«
Lächelnd trat ich beiseite, damit sie die Exponate neu anordnen konnten.
»Du hast dir gerade deinen Platz im Himmelreich verdient, Liebes«, sagte Lady Hardcastle, als wir eine Runde durch die Halle gingen und die entstehende Ausstellung bewunderten.
»Ich weiß nicht recht«, erwiderte ich. »Tief in mir schlummern ein paar wirklich böse Gedanken.«
»Gilt das nicht für uns alle? Du meine Güte, die Aufrechtesten unter uns würden in Ohnmacht fallen, wenn sie mir in den Kopf schauen könnten.«
»Das glaube ich gern. Sie sind noch in Ihren besten Momenten eine Schande.«
»Na ja, eben. Aber du hast gerade eine gute Tat vollbracht, kleine Dienerin.«
»Man gibt sich doch Mühe, freundlich zu sein.«
Lady Farley-Stroud hatte unser zielloses Umherstreifen bemerkt und kam nun zielstrebig auf uns zu.
»Tut mir leid, dass ich euch beiden noch keine Aufgabe zugewiesen habe«, sagte sie. »Ich hatte gehofft, dass die Lieferung des Museums inzwischen eingetroffen wäre.«
»Ist schon in Ordnung«, entgegnete Lady Hardcastle. »Wir haben gerade die Ausstellungsstücke bewundert. Wir leben in einem sehr talentierten Dorf.«
»Das tun wir tatsächlich, nicht wahr«, antwortete Lady Farley-Stroud mit beinahe mütterlichem Stolz. »Und deine Stücke sehen besonders entzückend aus. Vielen Dank dafür.«
Von Lady Hardcastle wurden drei Bilder ausgestellt. Das erste war ein Aquarell, das sie vollständig aus der Erinnerung gemalt hatte und das die chinesische Metropole Shanghai zeigte. Eine zweite Aquarellskizze, diesmal von dem geschäftigen Treiben im Hafen von Kalkutta, hatte sie angefertigt, während wir an Bord unseres Schiffes im Jahr 1901 auf unsere Rückreise nach England warteten. Zu guter Letzt gab es noch ein Ölgemälde von der Park Street und der Kathedrale von Bristol, das sie vor einigen Monaten nach einem Foto gemalt hatte, das ich bei einem unserer Besuche in der Stadt aufgenommen hatte.
»Freut mich, dass sie dir gefallen, Liebes«, antwortete Lady Hardcastle. »Malen macht mir so viel Spaß. Ich sollte der Malerei wirklich mehr Zeit widmen.«
»Du hast eine seltene Gabe, meine Liebe«, stimmte Lady Farley-Stroud ihr zu. »Aber macht es dir wirklich nichts aus?«
»Was denn?«
»Dass du nichts zu tun hast. Wegen der verzögerten Lieferung und so weiter mache ich mir Sorgen, dass du denken könntest, ich hätte euch hier unter Vorspiegelung falscher Tatsachen herzitiert.«
»Keine Angst, liebe Gertie. Ich übernehme immer gern eine Aufgabe, bei der es gar nichts zu tun gibt. So kann ich meiner natürlichen Faulheit frönen und mich gleichzeitig im selbstzufriedenen Glanz sonnen, pflichtbewusst meine nicht existenten Dienste angeboten zu haben.«
Lady Farley-Stroud stieß ein bellendes Lachen aus, das auf unheimliche Weise dem ihres Mannes ähnelte. Einige der schüchterneren Freiwilligen blickten sich erschrocken um.
»Wir finden schon etwas für dich zu tun, Emily, keine Sorge«, entgegnete sie. »Wir finden schon was.«
Wir standen neben einem hölzernen Sockel.
»Der sieht übrigens ziemlich beeindruckend aus«, merkte ich an. »Wofür ist er?«
Ich zeigte auf eine Säule aus hellem Holz, gut einen Meter hoch und mit vielleicht etwas über dreißig Zentimeter Kantenlänge, auf der oben ein Sockel mit einem Glaskasten angebracht war. Der Glaskasten war an jeder Seite knapp zehn Zentimeter breiter als der Sockel und etwas über dreißig Zentimeter hoch. In die Seiten des Sockels waren feine Muster ineinander verschlungener Ranken geschnitzt worden – es verlieh dem Ganzen Charakter und Struktur, ohne von dem abzulenken, was ganz offenbar die Hauptattraktion sein sollte: was auch immer am Ende auf der angeschrägten Fläche in der Vitrine liegen würde.
»Das tut er, nicht wahr? Charley Hill hat ihn für uns angefertigt. Er hat die Dachreparaturen überwacht und außerdem die wunderbare Wandvertäfelung der Halle hergestellt. Jede einzelne Tafel kann man nämlich abnehmen, wissen Sie? Hill meinte, an einem Ort wie diesem könnten sie von Zeit zu Zeit ein bisschen Schaden nehmen, also hat er einzelne Teile angefertigt, die abgenommen und repariert werden können, ohne dass man gleich alles entfernen muss. Er ist wirklich ein erfinderischer Mann.«
»Ganz zweifellos«, pflichtete ich bei.
»Aber dieses Prachtstück hat er in seiner Freizeit gebaut. Ich habe ihm gesagt, dass er als Möbelschreiner gutes Geld verdienen könnte, aber er besteht darauf, dass ihm sein Zimmermanns- und Schreinerhandwerk mehr Befriedigung verschafft. ›Ich baue einfach gern Räume, in denen die Leute wohnen und arbeiten, Mylady‹, hat er gesagt.«
»Er ist wirklich sehr geschickt«, stimmte ich zu. »Aber was …?« Ich deutete auf den leeren Glaskasten.
»Oh, tut mir leid, meine Liebe, ich plappere mal wieder. Der ist für Basil Westburys Buch.«
»Ach ja, natürlich.«
Das Buch und seine Wächter wurden erst für den kommenden Morgen erwartet, unmittelbar vor Ausstellungseröffnung, aber der Sockel war schon bereit und sah für mich wie ein mehr als angemessenes vorübergehendes Zuhause für eins der berühmtesten Bücher der Welt aus.
Ich wollte gerade weitere Fragen zu den Sicherheitsvorkehrungen stellen, als Lady Farley-Stroud von Räderquietschen und Hufgetrappel vor der Tür abgelenkt wurde, wo ein großer Wagen an der Halle vorfuhr.
»Ach, ich schätze, das ist endlich unsere Lieferung vom Museum«, rief Lady Farley-Stroud. »Dann kommt mit, meine Damen, lasst uns mal nachsehen, was für Schätze sie uns geschickt haben.«
Am Samstagmittag, dem vierten Mai 1912, als die Farmer ihre Arbeit für die Woche beendet und die örtlichen Geschäfte ihre Türen geschlossen hatten, versammelte sich fast die gesamte Bevölkerung von Littleton Cotterell und der umliegenden Dörfer vor der Dorfhalle.
Das Podest von Königin Daisy war zu einer beflaggten Bühne umfunktioniert worden, von der aus Lady Farley-Stroud die außergewöhnlichen Anstrengungen der Dorfbewohner, die Geld für die Reparaturen an der Dorfhalle gespendet hatten, sowie die wundervolle Arbeit der Handwerker pries, die diese Reparaturen ausgeführt hatten. Als der Applaus abebbte, trat der Bürgermeister von Chipping Bevington ans Rednerpult und hieß uns alle zur Eröffnung der ersten Kunstausstellung von Littleton Cotterell willkommen.
Ich sah zu Lady Hardcastle und zog eine Augenbraue hoch.
»Genau mein Gedanke«, sagte sie. »Erste? Lass uns erst mal abwarten, wie die hier läuft, bevor wir uns darauf festlegen, das alles zu wiederholen.«
Es folgte ein höfliches und geordnetes Gedränge an den Türen, und wir traten alle nacheinander nach drinnen.
Wie zu erwarten, war die Halle entsetzlich überfüllt. Man hatte offenbar viel zu wenige Gedanken daran verschwendet, dass, wenn das ganze Dorf zur Eröffnungszeremonie erschien, auch das ganze Dorf hineingehen und sich die Ausstellung ansehen wollen würde.
Glücklicherweise hatten wir uns am Vortag gründlich umgesehen, sodass wir mit Mopp und Eimer, einem Aquarell-Stillleben von Mrs. Grove, der Haushälterin des Vikars, bereits vertraut waren. Außerdem hatten wir Dr. Fitzsimmons’ anatomische Kohlezeichnungen sowie ein expressionistisches Werk in Pastellkreiden Ihrer Majestät Königin Daisy gesehen, das den Titel Old Joe in der Bar trug.
Wir hatten sorgsam die Serie von Ölgemälden aufgehängt, die die Landschaft des Severn-Tales darstellten, und ich hatte beinahe ein Gefäß aus der Bronzezeit fallen lassen, das neben einem Grabhügel in der Nähe von Woodworthy gefunden worden war. Zwar war es schon einmal wieder rekonstruiert worden, also war ich ziemlich sicher, dass die Experten es auch ein zweites Mal hätten zusammensetzen können, aber ich war dennoch erleichtert, dass jahrelanges Training in der chinesischen Kampfkunst meine Reflexe ausreichend geschärft hatte, um die prähistorische Keramik aufzufangen, bevor wir die Fähigkeiten dieser Experten einem weiteren Test unterziehen mussten.
Wie vorausgesehen, war der Westbury-Shakespeare der größte Publikumsmagnet – es geschieht schließlich nicht alle Tage, dass die Leute die Gelegenheit haben, sich ein tausend Pfund teures Buch anzusehen – , daher kamen wir nicht einmal in die Nähe davon. Diese Unwucht in der Verteilung der Menge im Raum bedeutete allerdings auch, dass wir gerade genug Platz hatten, uns zu Sir Hector durchzuquetschen, der weiter hinten in der Halle stolz neben seinen eigenen Exponaten stand.
»Donnerwetter, Hector«, staunte Lady Hardcastle. »Das ist ja großartig. Hast du das selbst gemalt?«
Erneut erfolgte das vertraute bellende Lachen.
»Nein, meine Liebe. Das stammt aus meiner Sammlung. Es heißt The Grange von Osten gesehen und ist von Edgar Summerhays.« Er zeigte auf ein prächtiges Ölgemälde in einem vergoldeten Rahmen. Ganz sicher musste ich es vorher schon einmal gesehen haben, aber inmitten des ganzen viktorianischen Krimskrams auf The Grange war das schwer zu sagen. Auf dem Bild waren die Gebäude verewigt, wie sie im achtzehnten Jahrhundert ausgesehen hatten, nachdem die palladianische Fassade errichtet worden war, aber noch bevor die neogotischen Teile Mitte des neunzehnten Jahrhunderts angebaut worden waren. Das Haus wirkte so eindrucksvoll wie eh und je, allerdings ohne die Erker und Spitzbogenfenster auch seltsam nackt.
»Und das hier«, fuhr er fort und deutete auf eine Alabasterbüste eines Mannes mit zerzaustem Haar, der einen Stehkragen und eine sehr realistisch wirkende Krawatte trug, »ist der verstorbene Sir Theodore Elderkin. Er war während des spanischen Unabhängigkeitskrieges Major des achten Dragonerregiments. Hat in Vitoria gekämpft, wisst ihr? Und als er dann nach Hause zurückgekehrt ist, hat er The Grange gekauft. Einer meiner Vorgänger, könnte man sagen.«
»Ziemlich hübscher Kerl«, sagte Lady Hardcastle.
»Ach ja? Ist er wohl, jetzt, wo du es sagst.«
»Das sind wirklich schöne Arbeiten, Sir Hector«, lobte ich.
»Danke, meine Liebe, ich hänge auch sehr an ihnen. Sind ein interessantes Stückchen Lokalgeschichte, hm?«
»Wirklich sehr interessant«, stimmte ich zu. »Wissen Sie denn etwas über Sir Theodore …«
Da unterbrach mich ein Schrei aus dem hinteren Teil der Halle.
»Feuer!«
Umgehend entstand eine Panik.
Ich konnte hören, wie Lady Farley-Stroud zur Ruhe mahnte und die Leute dazu anhielt, die Halle geordnet zu verlassen, aber niemand hörte ihr zu, was angesichts der jüngsten Geschichte des Gebäudes mehr als verständlich war.
Die Leute schoben und drängelten. Es wurde gerufen und geschrien.
Es gab Leugnungen.
»Ich sehe gar nichts.«
Darauf erfolgten unmittelbar Antworten.
»Ich kann es riechen.«
»Es ist Rauch.«
»Das Gebäude steht in Flammen.«
Ich konnte es inzwischen auch riechen. Ich versuchte mich umzuschauen, um zu sehen, ob ich die Quelle ausmachen konnte, aber die Menge drängte weiter, und wir wurden in Richtung Ausgang gesogen.
Lady Hardcastle, die sehr viel größer als ich war, versuchte irgendetwas zu erspähen.
»Am hinteren Ende der Halle«, sagte sie. »An der Seitenwand.«
Erneut versuchte ich, mich umzudrehen, aber schon die kurze Drosselung des Tempos machte den Mann hinter mir fuchsteufelswild. Er knurrte wütend und versetzte mir einen herzhaften Stoß.
»Geh weiter, du lahme Mähre – sonst verbrennen wir alle.«
Unter anderen Umständen hätte ich mich vielleicht über seine Unhöflichkeit beschwert oder ihm spielerisch den Ellbogen in den Solarplexus gerammt, aber er hatte nicht ganz unrecht. In einer panischen Menschenmenge konnte jede Verzögerung tödliche Konsequenzen haben – falls irgendwer stürzte, würde er niedergetrampelt. Also biss ich mir auf die Zunge und ging weiter.
Der Gestank war nun stärker. Beißend öliger Rauch.
Die Panik wuchs.
Die Schreie wurden lauter.
Und dann wurden wir von der anschwellenden Menge durch die Türen auf die Straße gespült und waren draußen.
Befreit vom begrenzten Raum in der Halle, verteilte sich die Menge, sodass wir alle Platz hatten, um uns zu sammeln und die Situation zu bewerten.
Viele waren uns durch den Vordereingang gefolgt, aber eine große Zahl von Besuchern war auch durch die Seiteneingänge ins Freie gelangt.
Der Rauchgestank war inzwischen noch stärker geworden, aber selbst jetzt, da die Eingänge weniger verstopft waren, konnte ich im Inneren noch immer keine Flammen erkennen.
»Sollen wir noch mal reingehen?«, fragte ich. »Vielleicht sitzt da drin irgendwer in der Falle.«
»Das hab ich mir auch schon gedacht«, antwortete Lady Hardcastle. »Lass uns nachsehen, ob wir irgendwie helfen können.«
Mühsam kämpften wir uns gegen den Strom verängstigter Dorfbewohner zurück zum Eingang und wurden von den Herausdrängenden beschimpft, aber irgendwann erreichten wir die Türen, wo wir auf Lady Farley-Stroud trafen.
»Das ist schrecklich«, sagte sie. »Einfach schrecklich.«
»Wo brennt es denn?«, fragte ich. »Und sind alle draußen?«
»Ich glaube schon, meine Liebe«, antwortete sie. »Mir hat man gesagt, das Feuer sei im Büro ausgebrochen.«
Lady Hardcastle nickte mir zu, und bevor sie uns noch davon abhalten konnte, drückten wir uns gemeinsam an Lady Farley-Stroud vorbei und durch die Tür wieder ins Innere.
Die Halle füllte sich zwar weiter mit Rauch, aber es gab ansonsten noch immer kein Anzeichen eines tatsächlichen Brandes.
»Ist hier noch irgendwer?«, rief ich.
Niemand antwortete. Und ich konnte auch keine Flammen knistern hören.
Der Rauch schien unter der Bürotür hervorzuquellen, genau wie Lady Farley-Stroud gesagt hatte. Mit raschen Schritten trat ich näher, Lady Hardcastle folgte dicht hinter mir.
»Hallo!«, rief sie. »Ist irgendwer da drin?«
Noch immer keine Antwort.
Ich legte die Hand an die Bürotür. »Seltsam«, sagte ich. »Die Tür ist kalt. Wenn es da drin brennen würde …«
»Wäre sie inzwischen warm, stimmt«, vollendete Lady Hardcastle meinen Satz. »Ich denke, es ist sicher, mal einen Blick hineinzuwerfen.«
Vorsichtig öffnete ich die Tür, aus der weiterer dicker schwarzer Rauch hervorquoll und uns beide zum Husten brachte. Aber das einzige Anzeichen für ein Feuer kam aus einem verzinkten Metalleimer mitten im Raum. Lady Hardcastle schnappte sich einen der roten Feuereimer, die an der Wand vor dem Büro hingen, und löschte rasch die letzten Flammen mit dem darin befindlichen Sand.
Der Eimer im Büro war mit Papier, Holzspänen und ölgetränkten Lappen gefüllt – es reichte für ein sehr stinkendes Feuer aber nicht, um wirklichen Schaden anzurichten.
»Merkwürdig«, sagte Lady Hardcastle.
Wir suchten auch die anderen Seitenräume nach verängstigten Dorfbewohnern ab, aber das Gebäude war leer, und wir konnten bestätigen, dass auch sonst nirgends ein Schaden entstanden war.
Erst als wir die Halle wieder durchquerten, um Lady Farley-Stroud die gute Nachricht zu überbringen, bemerkte ich die schlechte Nachricht.
»Sir Hectors Büste und das Gemälde«, rief ich. »Sie sind weg.«
»Genauso wie«, ergänzte Lady Hardcastle und zeigte auf die leere Vitrine auf dem schönen Holzsockel, deren Glasscheibe eingeschlagen worden war, »der Westbury-Shakespeare.«
Sergeant Dobson und Constable Hancock, unsere zuverlässigen Dorfpolizisten, waren bereits am Tatort. Ihre Pflichten hatten sie davon abgehalten, die Ausstellung zu besichtigen, aber der Aufruhr vor der Halle hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, und innerhalb weniger Minuten, nachdem das erste Mal »Feuer!« gerufen worden war, waren sie auch schon zur Stelle.
Wir berichteten dem Sergeant, was wir entdeckt hatten – das zur Ablenkung gelegte Feuer und die Diebstähle – , und er nahm sofort die Ermittlungen auf. Er notierte sich sorgfältig unsere Zeugenaussagen und wies seinen jungen Kollegen an, mit den zahlreichen Dorfbewohnern zu sprechen, die sich noch immer in der Nähe aufhielten.
Die Polizeiwache befand sich in zwei kleinen Häuschen direkt am Dorfanger, und die beiden Beamten waren zuständig für den Großteil des Landstrichs südlich des Marktfleckens Chipping Bevington, also auch für unser Dorf und das nahe gelegene Woodworthy. Offiziell waren sie der Polizei von Gloucestershire unterstellt, aber Sergeant Dobson traute deren Detectives nicht. Entgegen aller Anweisungen und trotz mehrfacher Tadel durch seine Vorgesetzten fand er üblicherweise einen Weg, die komplizierteren Fälle an die Polizei in Bristol zu überweisen. Doch diesmal war das gar nicht nötig. Die Sache schien ihm ein einfacher Diebstahl zu sein, der seine Fähigkeiten längst noch nicht überstieg. Wir stimmten dem zu und überließen ihm die Angelegenheit.
Dann drückten wir uns noch fast eine ganze Stunde vor Ort herum, weil wir hofften, über das Belauschen von Gesprächen noch mehr herauszufinden. Nach allem, was wir so mit anhörten, hatte allerdings niemand etwas mitbekommen, weder vom Feuer noch von den Diebstählen, und bald wurde offenkundig, dass wir unsere Zeit zwar nicht im eigentlichen Sinn verschwendeten, sie aber auch nicht produktiv nutzten.
Wir gingen also zum Sergeant, um uns zu entschuldigen und heimzugehen. Wir wussten, dass wir seine Erlaubnis nicht brauchten, aber unsere Freundschaft zu dem freundlichen Polizisten und unsere vier Jahre alte Angewohnheit, ihm zu helfen, wie und wo auch immer wir konnten, gab uns das Gefühl, dass die Höflichkeit eine gut gelaunte Verabschiedung gebot.
Glücklicherweise stand er allein neben der Halle, hatte bei seinen Befragungen eine Pause eingelegt und sah noch einmal seine Notizen durch.
»Gibt es noch irgendwelche Informationen, die Sie von uns brauchen, Sergeant?«, fragte Lady Hardcastle.
»Ich glaube nicht, Mylady«, erwiderte der bärtige Polizist. »Der junge Hancock und ich haben die Sache gut im Griff.«
»Wie immer«, entgegnete Lady Hardcastle mit einem Lächeln.
Sergeant Dobson warf noch einen kurzen Blick in sein Notizbuch und sah dann wieder uns beide an. Sein Gesichtsausdruck wollte nicht so ganz zu seinem selbstsicheren Tonfall passen.
»Ist irgendwas nicht in Ordnung, Sergeant?«, hakte Lady Hardcastle daher nach.
»Na ja«, antwortete er langsam, »ich weiß, dass ich gesagt habe, wir haben alles im Griff … aber … na ja, Ihnen kann ich es ja sagen, Mylady, ich mache mir Sorgen wegen dieses Buches von Mr. Westbury. Normalerweise haben wir es mit Leuten zu tun, denen Werkzeug aus dem Schuppen gestohlen wurde oder denen ein paar Kühe abhandengekommen sind. Mit so was kann ich umgehen. Aber dieses vermaledeite Buch … Es heißt, es ist tausend Pfund wert. Tausend verfluchte Pfund – ich muss um Entschuldigung bitten, Mylady.«
Sie legte ihm beruhigend eine Hand auf den Unterarm.
»Wir sind hier unter Freunden, Sergeant. Sie sollten mal hören, was ich in der Abgeschiedenheit meines Salons so von mir gebe. Oder vielleicht besser nicht – manchmal würde ich einen Hafenarbeiter rot werden lassen, ganz ehrlich. Aber was das Buch betrifft, denken Sie doch mal so darüber: Sein Wert ist nur eine Zahl, die wir ihm beimessen. Ob es nun ein Messer ist, das aus dem Schuppen eines Bauern gestohlen wurde und vier Schilling gekostet hat, oder ob es sich um ein prachtvolles Buch handelt, das aus einer Kunstausstellung entwendet wurde und tausend Pfund kostet, am Ende ist es nur ein gestohlener Gegenstand. Wenn Sie den einen finden können, dann auch den anderen.«
»Sie sind sehr freundlich, Mylady. Wir machen uns darum aber trotzdem ein bisschen größere Sorgen als um die gestohlene Mistgabel vom alten Jim Palmer.«
»Das verstehe ich. Wenigstens ist es versichert.«
»Na ja, das stimmt wohl, Mylady«, erwiderte er lächelnd.
»Apropos«, warf ich ein, »wo sind eigentlich die Wachleute der Versicherungsgesellschaft?«
»Ich habe sie nicht zu Gesicht bekommen, Miss«, erklärte mir Sergeant Dobson. »Als Hancock und ich hier eingetroffen sind, hatten sie sich schon aus dem Staub gemacht. Wollten sich wohl nicht zu viele Fragen über die Vernachlässigung ihrer Pflichten stellen lassen, nehme ich an. Mrs. Gardner hat mir berichtet, dass sie sie mit Mr. Westbury hat wegfahren sehen, also hat er sie vielleicht irgendwo hingebracht, wo er ihnen unbeobachtet die Leviten lesen kann.«
»Vielleicht«, erwiderte ich.
»Irgendwer sollte das jedenfalls tun«, ergänzte Lady Hardcastle. »Ich meine, was ist das für ein Wachmann, der sich das eine Ding, das er bewachen soll, stehlen lässt?«
»Manche Leute nehmen ihre Arbeit eben nicht so ernst wie andere«, entgegnete der Sergeant.
»Dann ist es gut für Mr. Westbury, dass Sie und Constable Hancock sich um den Fall kümmern«, sagte Lady Hardcastle.
»Sehr freundlich, Mylady.«
»Ich meine das ganz ernst, Sergeant. Sie werden den Fall im Nullkommanichts lösen. Und wir sollten Sie jetzt besser damit weitermachen lassen. Sind Sie sicher, dass wir im Augenblick nichts weiter für Sie tun können?«
»Danke, Mylady, aber wir kommen klar.«
»In diesem Fall würden wir, wenn es Ihnen recht ist, aufbrechen. Sie wissen ja, wo Sie uns erreichen.«
»Das weiß ich, Mylady. Vielen Dank.«
Eigentlich hatten wir noch versuchen wollen, mit Sir Hector und Lady Farley-Stroud zu sprechen, mussten jedoch feststellen, dass sie schon fort waren.
»Sie sind vor etwa zehn Minuten aufgebrochen«, erklärte uns Mrs. Gardner. »Bert hat sie mit dem Auto heimgefahren.«
Wir bedankten uns bei ihr und machten uns auf den Weg.
»Wir sollten nach The Grange fahren«, sagte Lady Hardcastle. »Ich denke, das ist eine dieser Gelegenheiten, wo man unangekündigt bei engen Freunden aufkreuzen kann.«
»Da haben Sie wohl recht«, erwiderte ich. »Ich erinnere mich an ein Kapitel in Debrett’s Handbook, das sich mit der korrekten Etikette für den Fall befasst, dass einem engen Freund ein Gemälde aus einer Ausstellung gestohlen wird.«
»Ganz genau«, entgegnete sie. »Es steht zwischen Verlegen eines hochgeschätzten Füllers und Kündigung einer Köchin. Wir nehmen den Rolls Royce.«
Lady Hardcastles Silver Ghost Roadster war ein schönes Automobil. Er war letzten Juni geliefert worden und hatte uns beiden viel Freude gemacht, bevor er bei einer Mordermittlung im Theater im November in Bristol eine Panne hatte. Aber eigentlich war das nicht wahr. Als uns das Auto nämlich von einem Mitarbeiter der Firma und einem livrierten Fahrer wiedergebracht worden war, hatte jener Lady Hardcastle darüber informiert, dass ein Rolls Royce keine Panne hat.
»Ich würde schon sagen, dass meiner eine hatte«, hatte sie geantwortet. »Wir sind deshalb in Bristol gestrandet und konnten nicht nach Hause fahren.«
»Ah, ja, Madam«, hatte der Mann geantwortet. »Wir sind uns der vorübergehenden Fahruntüchtigkeit bewusst, aber jetzt funktioniert der Wagen wieder ganz einwandfrei.«
Sie hatte die Quittungen unterschrieben, und der Mann und sein Fahrer waren in dem Wagen wieder davongeschnurrt, den man uns für die Zeit, in der der Roadster, der keine Panne gehabt hatte, repariert worden war, geliehen hatte.
Eine Untersuchung des Automobils – sowohl Lady Hardcastle als auch ich waren erpicht darauf, so viel wie möglich zu lernen – hatte ergeben, dass die Nicht-Reparaturen recht ausufernd gewesen sein mussten und dass mehrere wichtige Komponenten ersetzt worden waren. Außerdem stellten wir fest, dass der Motor selbst auf das Wesentliche reduziert worden war. Es war uns nicht gelungen, irgendwelche Details darüber von Rolls Royce in Erfahrung zu bringen. Die Firma bestand weiterhin darauf, dass an einem Auto, das keine Panne gehabt hatte, auch keine Reparaturen nötig gewesen seien.
Der frisch nicht reparierte Wagen hatte uns dann ohne weiteren Zwischenfall durch Winter und Frühling gebracht, also hatten wir uns entschieden, die armen Rolls-Royce-Mitarbeiter nicht weiter mit Fragen zu drangsalieren, die sie ganz offensichtlich nicht beantworten durften.
Als wir näher kamen, stand der silberglänzende Wagen in der Auffahrt vor unserem Haus. Er wirkte auf mich immer eifrig wie ein Hund, der das Geräusch kennt, mit dem die Leine vom Haken genommen wird, und der dann ganz aufgeregt herumhopst, um zu zeigen, dass er bereit für seinen Spaziergang ist.
Wir stiegen ein, und ich drückte auf den Anlasser – wir hatten dank Lady Hardcastles Freund Lord Riddlethorpe, der Rennwagen entwarf, einen elektrischen Anlasser. Der Rolls startete beim ersten Versuch, und sein Motor begann, hypnotisch zu brummen, sodass er uns ein paar Augenblicke, nachdem wir zu Hause angekommen waren, schon wieder geschmeidig und elegant hügelaufwärts nach The Grange transportierte.
Das architektonische Chaos des örtlichen Herrenhauses war zum Großteil hinter Hecken verborgen, die die Straße zu ihm hinauf säumten. Als es dann schließlich schlagartig in Sichtweite kam, wirkte es wie eine illustrierte Geschichte der englischen Architektur von 1560 bis 1860. Ich liebte es. Die vorherigen Besitzer hatten keinen Gedanken an optische Harmonie verschwendet, und jeder Anbau war einfach dorthin geklatscht worden, wo noch Platz war.
Wir brausten durch die stets geöffneten Tore auf das Grundstück. Es gibt ein weiteres Kapitel in Debrett’s Handbook, das der Art und Weise gewidmet ist, wie man sich einem Landsitz nähert. Dafür ist es notwendig, durch Tore zu brausen – jede andere Art der Annäherung wird als gesellschaftlicher Fauxpas betrachtet.
Der Kies in der Auffahrt knirschte angenehm unter den Reifen des Silver Ghost, und das Geräusch alarmierte Sir Hectors Spaniels – die von der Rückseite des Hauses bellend auf uns zugestürmt kamen.
Ich parkte ordentlich neben der Eingangstür, und wir stiegen aus, um die Mädels zu begrüßen, die ausgelassen um uns herumtollten.
»Hallo, ihr drei.« Lady Hardcastle beugte sich hinab, um Atropos – oder Troppo, wie sie von ihren Freunden genannt wurde – zärtlich hinterm Ohr zu kraulen. »Ist eure Familie denn zu Hause?«
Jenkins, der weißhaarige Butler der Farley-Strouds, hatte die Hunde gehört und öffnete die Tür, um nachzusehen, wer seine Arbeitgeber besuchen kam. Als er uns erkannte, lächelte er.
»Guten Tag, Lady Hardcastle. Und guten Tag, Miss Armstrong.«
»Guten Tag, Jenkins«, erwiderte Lady Hardcastle. »Sind sie zu Hause?«
»Der Herr und die Herrin sitzen im Salon. Bitte, kommen Sie doch herein.«
»Danke.«
Wir folgten ihm zum Salon, wo er anklopfte und eintrat.
»Lady Hardcastle und Miss Armstrong sind hier für Sie, Mylady«, verkündete er, bevor er beiseitetrat und uns hineinließ.
»Ach, Emily«, rief Lady Farley-Stroud. »Vielen lieben Dank, dass du gekommen bist.«
Ihre Augen waren gerötet, und ihr Gesicht war ganz verquollen.
Lady Hardcastle durchquerte eilig den Raum und nahm sie in den Arm. »Du armes Ding«, sagte sie. »Bestimmt wendet sich alles zum Guten.«
»Wie denn, Emily? Wie denn? Hectors Gemälde ist weg. Und die Büste auch. Und der arme Mr. Westbury … Sein wunderschönes Buch. Alles gestohlen. Und alles nur meinetwegen.«
»Alles wegen eines Diebes, liebe Gertie. Du hast doch nichts damit zu tun. Du hast es auch nicht verschuldet. Und immerhin gab es keinen Schaden an der Dorfhalle.«
Lady Farley-Stroud löste sich aus der Umarmung und wischte sich die Augen mit einem bestickten Taschentuch trocken.
»Aber ich habe die Bürotür nicht abgeschlossen«, erklärte sie. »Wenn die dort nicht reingekommen wären …«
»Dann hätten sie das Feuer woanders gelegt«, erwiderte Lady Hardcastle besänftigend.
»Du hast natürlich recht«, schniefte Lady Farley-Stroud. »Ich bin einfach eine dumme Gans.«
»Die kommen nicht weit«, warf ich ein. »Dobson und Hancock erwischen sie im Nullkommanichts.«
»Im Schlag einer Hand und dem Umdrehen einer Wimper«, pflichtete mir Lady Hardcastle bei.
Lady Farley-Stroud konnte sich zu einem kleinen Lachen durchringen.
»Wollt ihr das denn ganz und gar den Jungs in Uniform überlassen?«, fragte Sir Hector.
»Das hatten wir eigentlich vor, Sir Hector, ja«, antwortete ich. »Sergeant Dobson ist wirklich fähig.«
»Oh ja«, bestätigte Sir Hector, »wirklich sehr fähig. Es ist nur … Na ja, Wally Dobsons Mühlen mahlen ein bisschen langsam. Und manchmal dann trotz allem nicht sehr fein. Ich … Wir stecken da ein bisschen in der Zwickmühle, versteht ihr?«
»Hector, nicht«, warnte ihn Lady Farley-Stroud.
»Sie sind unsere Freundinnen, mein Apfelstrudel, es ist doch keine Schande, eine Freundin um Hilfe zu bitten.«
»Aber …«
»Er hat recht, Gertie«, beschwichtigte Lady Hardcastle. »Wenn es Ärger gibt, tun wir alles in unserer Macht Stehende, um zu helfen. Du darfst absolut nie Angst haben zu fragen.«
»Aber …«
»Aber Rhabarber, mein kleiner Baumkuchen«, unterbrach Sir Hector sie. »Emily und Florence haben bewiesen, dass sie mehr als fähig sind, viel schwierigere Rätsel als dieses zu lösen. Und wir haben wirklich keine Zeit, auf Wally Dobson zu warten.«
»Warum erzählt ihr uns nicht einfach alles«, schlug Lady Hardcastle vor, »dann sehen wir, was wir tun können.«
Mit einer Geste lud er uns beide zum Hinsetzen ein, und wir nahmen auf dem alten, aber bequemen Sofa Platz. Er wartete, bis auch seine Frau sich wieder hingesetzt hatte.
»Ihr wisst ja, dass Geld hier auf The Grange nicht gerade im Überfluss vorhanden ist«, begann Sir Hector. »Daraus haben wir nie einen Hehl gemacht.«
»Ich schon«, warf Lady Farley-Stroud empört ein.
»Tatsächlich«, mischte sich Lady Hardcastle ein, »war das eins der ersten Dinge, die du uns anvertraut hast. Als das Smaragdauge gestohlen wurde, erinnerst du dich? Du musstest es wiederbekommen, weil es mit einem Kredit belastet war.«
»Ach«, sagte Lady Farley-Stroud. »Ja. Na ja.«
»Und den gibt es immer noch – den Kredit, meine ich«, ergänzte Sir Hector. »Aber wenigstens ist er von unserem Smaragd abgedeckt. Allerdings ist das nicht das volle Ausmaß unseres Schlamassels, meine Liebe. Nicht mal annähernd. Wir hatten ein paar schlechte Jahre, weißt du? Die Pacht fließt weniger üppig. Das Dower House hat ein Jahr lang leer gestanden – wir haben gerade erst wieder einen neuen Pächter dafür gefunden. Für den Obsthain gilt das leider nicht. Wir müssen mit dem auskommen, was uns die Bank leiht, wisst ihr? Aber deren Geduld ist auch nicht unendlich. Die Zeit läuft uns davon. Und … na ja, wir haben letzte Woche den befürchteten Brief bekommen. Wir haben nur noch etwas über einen Monat – bis zum siebten Juni, um genau zu sein.« Er hielt kurz inne. »Dann verlieren wir The Grange.«
»Gütiger Himmel«, rief Lady Hardcastle. »Ihr verliert The Grange? Wie kann das denn sein?«
»Wir haben zuletzt auch eine Hypothek auf das Haus aufnehmen müssen, weißt du? Eine große. Sie musste für den Lebensunterhalt reichen, für die Löhne – alles Mögliche. Alles türmt sich auf. Die Pachteinnahmen würden nur mit Ach und Krach die Tilgung ermöglichen … Falls wir denn Pachteinnahmen hätten. Ich habe keinerlei Talente oder Fähigkeiten, mit denen ich unseren Lebensunterhalt verdienen könnte, und bin sowieso zu alt für richtige Arbeit. Obwohl das vielleicht nötig werden wird. Kennst du irgendwen, der einen Handwerker braucht?«
»Der müsste dann einen zweiten Handwerker anstellen, der all die Sachen repariert, die du bei dem Versuch kaputt gemacht hast, sie wieder zum Laufen zu kriegen«, warf Lady Farley-Stroud ein.
»Ha!«, bellte Sir Hector. »Qualität hat eben ihren Preis, stimmt schon. Also, wie ihr seht, sind wir so ziemlich am Ende der Fahnenstange angekommen.«
»Gütiger Himmel«, rief Lady Hardcastle aus. »Könntet ihr denn nicht das Dower House verkaufen? Oder den Obsthain?«
»Haben wir versucht, meine Liebe. Es gibt keine Käufer. Und wir brauchen doch die Einkünfte daraus.«
»Wie schrecklich. Können wir irgendwas tun?«
»Mein Gemälde zurückholen«, erwiderte er unumwunden. »Es ist eins von zweien, wisst ihr? Edgar Summerhays.«
»Tut mir leid, ich weiß nicht …«, setzte ich an.
»Er ist ein Landschaftsmaler aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert«, erklärte Lady Hardcastle. »Zu seiner Zeit ziemlich verkannt, aber im Moment wird er wiederentdeckt. Eins seiner Gemälde wurde vor Kurzem bei Sotheby’s für ein kleines Vermögen versteigert.«
»Genau, meine Liebe«, bestätigte Sir Hector. »Darum habe ich unsere Summerhays auch schätzen lassen. Mit dem Erlös aus dem Verkauf von beiden könnten wir unsere Schulden zurückzahlen und hätten noch genug für alles andere übrig, bis sich die Geschäftslage bessert. Zwar würde schon eins allein eine ordentliche Summe einbringen, aber nicht genug, um sämtliche Schulden zu begleichen. Wenn die Sammler ein Paar wie meins sehen, drehen sie nämlich komplett durch.«
»In diesem Fall«, versprach Lady Hardcastle, »tun wir, was wir nur können, um es zurückzubekommen.«
»Unbedingt«, stimmte ich zu. »Unter diesen Umständen hat bestimmt auch Sergeant Dobson nichts dagegen einzuwenden.«
»Er darf auf keinen Fall davon erfahren«, meldete sich Lady Farley-Stroud zu Wort. »Niemand darf davon erfahren. Niemand.«
»Natürlich nicht, meine Liebe«, lenkte Lady Hardcastle ein. »Es wäre allerdings hilfreich, wenn er auf unserer Seite wäre, also müssen wir ihm schon verraten, was wir vorhaben. Aber solange wir sicherstellen, dass er die ganzen Lorbeeren für die Verhaftung einheimst, bin ich Flos Meinung, dass er bestimmt nichts dagegen hat.«
»Glaubt ihr denn wirklich, dass ihr es finden könnt?«, fragte Sir Hector. »Das wäre unsere Rettung. Wirklich.«
»Ich kann es nicht versprechen«, erwiderte Lady Hardcastle. »Aber wir werden unser Bestes geben. Wenn es möglich ist, euren verlorenen Summerhays wiederzufinden, gelingt uns das.«
»Falls irgendjemand das kann, meine Liebe, dann ihr beide«, sagte Sir Hector.
»Dein Vertrauen schmeichelt mir, lieber Hector. Wir geben auf jeden Fall unser Bestes.«
»Tun wir«, pflichtete ich bei.
Sir Hector nickte dankbar.
»Was ist mit dem Westbury-Shakespeare?«, fragte Lady Farley-Stroud.
»Was soll mit dem sein?«, entgegnete Lady Hardcastle.
»Sucht ihr nach dem auch? Ich weiß nicht, wie ich dem armen Basil Westbury gegenübertreten soll. Er hat uns sein wunderschönes Buch anvertraut, und jetzt ist es weg.«
»Er hatte Wachleute dafür, Liebes. Ich bin sicher, dass die Verantwortung für die Sicherheit des Buches bei denen lag, nicht bei dir.«
»Und doch habe ich dem Dieb Gelegenheit gegeben, das Feuer zu legen.«
