Lady Trents Erbe: Aus der Finsternis zum Licht - Marie Brennan - E-Book

Lady Trents Erbe: Aus der Finsternis zum Licht E-Book

Marie Brennan

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  • Herausgeber: Cross Cult
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Audrey Camherst ist die berühmte Enkelin von Isabella Camherst, der Lady Trent aus den unterhaltsamen und spannenden Drachenabenteuermemoiren. Als Lord Gleinleigh Audrey rekrutiert, um eine Reihe uralter Täfelchen zu entziffern, die die Geheimnisse der antiken drakoneischen Zivilisation enthalten, hat sie keine Ahnung, dass ihre Forschung sie in eine komplizierte Verschwörung stürzen wird, die eine Rebellion anzetteln und einen Krieg auslösen soll. Zusammen mit ihrem besten Freund aus Kindertagen, Kudshayn, der ebenfalls Archäologe ist, muss sie einen Beweis für die Verschwörung finden, ehe es zu spät ist.

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Seitenzahl: 556

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MARIE BRENNAN

AUS DER FINSTERNIS

zumLICHT

LADY TRENTS ERBE

Ins Deutsche übersetzt vonAndrea Blendl

Die deutsche Ausgabe von LADY TRENTS ERBE: AUS DER FINSTERNIS ZUM LICHT wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler, Übersetzung: Andrea Blendl; verantwortlicher Redakteur

und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Kerstin Feuersänger; Korrektorat: Peter Schild;

Satz: Rowan Rüster; Cover-Illustration: Todd Lockwood,

Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe:

TURNING DARKNESS INTO LIGHT

Copyright © 2019 by Bryn Neuenschwander

German translation copyright © 2020, by Cross Cult.

Print ISBN 978-3-96658-321-3 (November 2020)

E-Book ISBN 978-3-96658-322-0 (November 2020)

WWW.CROSS-CULT.DE

Inhalt

ERSTAUNLICHER FUND IN AKHIEN

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

GEPLÜNDERTER TEMPEL ENTDECKT

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

REPTILIENINVASION

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

FÜNF JAHRE ZUVOR

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

HEUTE

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

FÜNFZEHN JAHRE ZUVOR

HEUTE

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

ZEHN JAHRE ZUVOR

HEUTE

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Walter Lepperton

RAZZIA AM HAFEN

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

DRAKONEISCHE GESCHICHTE ENTHÜLLT

SIE SIND HERZLICH EINGELADEN

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Notizbuch von Cora Fitzarthur

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

BÜRO DES STADTPATHOLOGEN VON FALCHESTER

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

ZEUGENAUSSAGE VON AUDREY CAMHERST

OPPOSITIONSFÜHRER ABGESETZT

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

WAHRE DRAKONEISCHE GESCHICHTE ENTHÜLLT

ERÖFFNUNGSANSPRACHE ZUM KONGRESS VON FALCHESTER

Aus dem Tagebuch von Audrey Camherst

ERSTAUNLICHER FUND IN AKHIEN

Neu entdeckter Hort mit drakoneischen Inschriften Lord Gleinleighs Triumph

»Die wahre Geschichte wird endlich enthüllt«

Obwohl sie beinahe völlig wasserlos sind, sind die Wüsten von Akhien eine Quelle von Geheimnissen. Jahr um Jahr gibt ihr Sand weitere Überreste der antiken drakoneischen Zivilisation frei, die die Öffentlichkeit seit Hunderten – nein, Tausenden – von Jahren fasziniert.

Heute haben sie der Menschheit einen unbezahlbaren Schatz in die Hände gelegt, der dem Herz der Wächter selbst beinahe ebenbürtig ist: einen gewaltigen Hort an Inschriften, der von unbekannten Händen in den Tiefen einer Höhle verborgen wurde und bis jetzt in Vergessenheit geraten war. Eine Expedition, die von Marcus Fitzarthur, dem Grafen von Gleinleigh, angeführt wurde, wagte sich in die unwirtliche Region, die als der Qajr bekannt ist, wo Archäologen wenig Hoffnung auf bedeutende Entdeckungen hegten. Als er sich vor der Mittagshitze zurückzog, fand der Graf selbst den Hort, der Hunderte von Tafeln enthielt, die nie zuvor von modernen Gelehrten gesehen worden waren.

Welche Hände haben sie in der schützenden Erde jener Höhle vergraben, so weit ab von jeglicher bisher entdeckten Siedlung? War dies die Handlung irgendeines antiken Eremiten oder Geizkragens, der seine Bibliothek vor den Augen anderer schützen wollte? War es ein Versuch, diese Texte vor der Gewalt des Niedergangs zu retten, der die drakoneische Herrschaft beendete? Vielleicht erfahren wir es nie, außer die Worte selbst geben irgendeinen Hinweis auf ihren Wert oder Ursprung. Aber der Inhalt der Tafeln ist noch unbekannt. Lord Gleinleigh bestand auf deren sofortiger Entfernung, ehe Plünderer zu der Stätte kommen und diesen unbezahlbaren Schatz stehlen konnten. Er schmiedet bereits Pläne, um sie zu seinem Besitz in Stokesley zu bringen, wo er eine der umfassendsten privaten Sammlungen drakoneischer Antiquitäten auf der ganzen Welt zusammengestellt hat.

Als er um einen Kommentar gebeten wurde, sandte Simeon Cavall vom Tomphries-Museum die folgende Stellungnahme: »Wir gratulieren Lord Gleinleigh zu seiner Glückssträhne und hoffen, dass er die Details zu diesem Hort zügig mit der Weltöffentlichkeit teilen wird.«

Von: Büro des Kurators für drakoneische Antiquitäten

An: Alan Preston

14. Nivis

Tomphries-Museum

Chisholmstraße 12, Falchester

Lieber Alan,

also gut, du gewinnst. Lord Gleinleigh ist jedes bisschen so unausstehlich, wie du mich gewarnt hast. Ich bin durch die Dunkelheit gefahren, nur um in einem Gasthof zu übernachten, statt die Gastfreundschaft dieses Mannes für die Nacht anzunehmen.

Seine Privatsammlungen sind auf jeden Fall so erstaunlich, wie die Gerüchte behaupten, aber es ist schwierig für mich, irgendetwas zu bewundern, wenn ich weiß, dass er die Hälfte davon auf zweifelhaften Märkten in Übersee und die andere Hälfte auf zweifelhaften Märkten hier in Scirland erstanden haben muss. Er ist genau die Art von Kunde, die Joseph Dorak und sein Schlag gerne kultivieren: Er schert sich eindeutig gar nichts um die Artefakte an sich, nur um das Prestige, das sie ihm bringen, besonders das drakoneische Material. Wenn ich allein an die Flachreliefs denke – Schätze, die von ihren ursprünglichen Heimen abgemeißelt wurden, um die Mauern jenes Klotzes zu dekorieren, den er einen Landsitz seiner Vorfahren nennt, und die wahrscheinlich an unsere Küsten geschmuggelt wurden –, ich sage es dir, dann könnte ich weinen. Die akhische Regierung hätte ihm nie die Erlaubnis gegeben, den Qajr abzusuchen, wenn sie die geringste Ahnung gehabt hätte, dass er dort irgendetwas Wertvolles finden würde. Jetzt besitzt er das, was die Zeitungen beharrlich »den größten archäologischen Fund seit dem Herz der Wächter« nennen (pah – ich würde wetten, dass er diese Berichterstattung selbst bezahlt hat), und es gibt nichts, was irgendjemand dagegen tun kann.

Ich kann mich nicht entscheiden, ob es besser oder schlimmer wäre, wenn er überhaupt irgendein Talent für Sprachen hätte. Solches Wissen würde ihm noch größere Hochachtung für das schenken, was er gefunden hat. Auf der anderen Seite würde er sich wahrscheinlich dazu entschließen, die Inschriften selbst zu erforschen, und es zweifellos vergeigen, denn er besitzt nicht die Geduld, um es gut zu machen. So wie es aussieht, bewacht Lord Gleinleigh seinen Fund so eifersüchtig, dass ich stundenlang mit ihm diskutieren musste, ehe er mich überhaupt das Ganze sehen lassen wollte statt einiger verstreuter Tafeln – unbenommen der Tatsache, dass man keinesfalls von mir erwarten kann, eine gut informierte Beurteilung des Materials abzugeben, wenn ich keine Informationen habe, nach denen ich urteilen kann.

Aber schließlich habe ich ihn überzeugt, und so kommt hier der langen Rede kurzer Sinn:

Der Hort besteht aus zweihunderteinundsiebzig Tafeln oder deren Fragmenten. Einige von diesen Fragmenten gehören wahrscheinlich zusammen. Es gibt zumindest drei Paare, bei denen ich mir sicher bin, aber deutlich mehr, die weiterer Untersuchungen bedürfen. Wenn ich raten müsste, liegt die endgültige Zahl näher an zweihundertdreißig.

Ihr Zustand ist höchst unterschiedlich, obwohl unklar ist, wie viel davon an einer schlecht gemachten Konservierung liegt. So viel muss ich ihm zugestehen. Gleinleigh war zumindest vernünftig genug, sich sofort darum zu kümmern, also sollten wir hoffentlich keine weiteren Schäden durch Salz sehen. Aber einige Tafeln sind ziemlich verwittert (das waren sie schon, bevor sie vergraben wurden, kann ich mir vorstellen), und manche sind an der Oberfläche stark abgebröckelt, was, wie ich befürchte, eine Entzifferung jener Abschnitte schwierig, wenn nicht unmöglich machen wird.

Was die Themen betrifft, gibt es eine ganze Reihe, und ich hatte nicht genug Zeit, um mir mehr als einen kurzen Überblick zu verschaffen. Einige Listen von Königinnen, manche, die in Kalkstein geritzt sind und wie königliche Dekrete aussehen, ziemlich viele, die wie völlig prosaische Steuerlisten erscheinen. (Manchmal glaube ich, dass die literarische Produktion der drakoneischen Zivilisation zu fünfzig Prozent, wenn nicht mehr, aus Steuerlisten besteht.)

Aber was den Rest angeht … Ja, die Gerüchte sind wahr, oder zumindest denke ich das. Vierzehn der Tafeln sind auf die gleiche Größe und Dicke behauen, und wie es aussieht, war die Hand desselben Schreibers bei ihnen an der Arbeit. Sie scheinen einen fortgesetzten Text zu bilden, der auffällig archaischen Eigenschaften der Sprache nach zu urteilen – sie ist mit obsoleten Zeichen durchzogen, die es zu einer ziemlichen Herausforderung machen, irgendetwas zu entziffern. Das Wenige, was ich auf den ersten Blick erkennen konnte, ist anscheinend eine Erzählung. Ob Lord Gleinleigh damit recht hat, es die »verlorene Geschichte der drakoneischen Zivilisation« zu nennen, kann ich ohne weitere Untersuchungen nicht sagen, aber es ist fraglos ein atemberaubender Fund.

Und bei einem solchen Mann völlig verschwendet.

Allerdings gibt es Hoffnung! Angesichts dessen, wie widerwillig Gleinleigh war, mich die Tafeln sehen zu lassen, dachte ich, ich müsste Monate damit verbringen, ihn zu überreden, sie übersetzen und veröffentlichen zu lassen. Aber offenbar ist ihm bewusst, dass sich in fünf Jahren niemand mehr darum scheren wird, was er gefunden hat, außer man weiß, was da steht, denn er schlug vor, sie zu übersetzen, bevor ich dies überhaupt ansprechen konnte. Noch dazu habe ich ihn überzeugt, dass die Würde seines uralten Namens verlangt, dass man diesen Tafeln die größtmögliche Sorgfalt und Aufmerksamkeit widmet. Deine Gedanken schweifen schon in eine bestimmte Richtung, da bin ich sicher, aber ich möchte dich überraschen, indem ich dich zwei Generationen weiter lenke: Ich denke, wir sollten Audrey Camherst rekrutieren.

Meiner Meinung nach ist sie, was Kenntnisse in der drakoneischen Sprache angeht, ihrem Großvater locker ebenbürtig. Darüber hinaus hat sie den Vorteil ihres Geschlechts. Du hast selbst gesagt, dass Lord Gleinleigh jeden Mann, der in seine Nähe kommt, entweder als Untertan oder Bedrohung für sein eigenes Prestige betrachtet, was uns zu dieser Gelegenheit beides nicht gut dienen würde. Miss Camherst wird ihn, weil sie eine Frau ist, nicht zu solchen Überlegenheitsdarstellungen provozieren. Und wenn er doch versucht, mit seiner Bedeutung aufzutrumpfen – tja, Audrey kann den Namen ihrer Großmutter als Waffe und Schild gleichsam führen. Dadurch, dass die Aufmerksamkeit ihrer Familie sich derzeit darauf konzentriert, den Kongress in Falchester nächsten Winter vorzubereiten, bezweifle ich, dass ihr Großvater die Zeit und Sorgfalt aufbringen könnte, die diese Aufgabe verlangt, aber Audrey würde die Chance ergreifen.

Ich habe sie noch nicht bei Lord Gleinleigh empfohlen, weil ich denke, dass die Dame eine gewisse Warnung verdient, bevor ich ihn an ihrer Türschwelle auftauchen lasse. Aber wenn du kein starkes Gegenargument hast, habe ich vor, ihr so bald wie möglich zu schreiben. Die Welt lechzt danach zu sehen, was jene Tafeln zu sagen haben, und wir sollten sie nicht warten lassen.

Dein Freund

Simeon

Aus dem Tagebuch vonAudrey Camherst

4. Pluvis

Bin heute auf Lord Gleinleighs Landsitz angekommen, in einem sintflutartigen Platzregen, der mich im kurzen Intervall zwischen Motorwagen und Tür in einen begossenen Pudel verwandelt hat. Wäre nicht passiert, wenn sein Diener den gesunden Menschenverstand besäße, einen Regenschirm im Wagen zu haben. Schlechter Service? Oder Berechnung von Lord Gleinleighs Seite? Ich weiß, dass Simeon nicht glaubt, dass der Graf es für nötig halten wird, sich vor mir aufzuplustern, weil ich kein Mann bin, aber überzeugt bin ich nicht. Mein Eindruck, der zugegeben bisher auf einer kurzen Bekanntschaft basiert, ist, dass er überaus erfreut ist, dass die Enkelin von Lady Trent höchstpersönlich diesen ganzen Weg gekommen ist, um sich seine Tafeln anzusehen – aber nach dem, was Alan laut Simeon gesagt hat, kann ich mich nur fragen, ob er befürchtet, dass die Geschichten bald alle von mir statt von ihm handeln werden. Mich patschnass werden zu lassen, ist vielleicht seine Art, mich in die Schranken zu weisen.

Wenn in die Schranken gewiesen zu werden der Eintrittspreis ist, um die Tafeln zu sehen, werde ich ihn bezahlen. Nach dem, was ich über ihn höre, ist es Lord Gleinleighs übliche Gewohnheit, über seinen Fund zu wachen wie eine Drachenmutter, die ihre Eier ausbrütet. (Warum benutzen wir immer noch diese Analogie, obwohl Großmama klargestellt hat, dass die meisten von ihnen nicht brüten?) Es ist ein echtes Wunder, dass er begierig darauf ist, seinen neuen Fund veröffentlicht zu sehen, und ich kann nicht ganz darauf vertrauen, dass er es sich nicht anders überlegen wird. Falls er das tut … Tja, ich bin mir nicht zu fein dafür, Kopien meiner Papiere hinauszuschmuggeln und auf die Konsequenzen zu pfeifen. Papa wird mich schon rausboxen, da bin ich mir sicher. Dann kann ich für die Presse ganz tragisch und fest entschlossen aussehen, was sie mir aus der Hand fressen werden.

Lord Gleinleigh war schockiert, als er mich gesehen hat, und ich glaube nicht, dass es daran lag, wie durchnässt ich war. Die Leute neigen dazu, zu vergessen, wer meine Mutter ist, obwohl alles über unsere Familie Schlagzeilen macht. Sie erwarten, dass ich wie eine Scirländerin aussehe, und sind immer überrascht, wenn ich das nicht tue.

Aber er hatte sich schnell wieder im Griff, so viel gestehe ich ihm zu. »Miss Camherst«, sagte er mit der angemessenen Höflichkeit. »Willkommen auf Stokesley. Es tut mir leid, dass Ihre Reise so erschöpfend war.«

»Da draußen ist es wie im Monsun«, sagte ich, während ich stetig auf seinen Marmorboden triefte. »Aber das ist in Ordnung. Ich wäre die ganze Strecke hierher geschwommen, wenn das nötig gewesen wäre. Wann kann ich anfangen?«

Das schockierte ihn erneut. »Mit den … Mein liebes Fräulein, Sie sind gerade erst angekommen! Ich würde nicht davon träumen, Sie so bald an die Arbeit zu schicken.«

Es geht mir immer gegen den Strich, wenn mich jemand »Fräulein« nennt. Ich bin dreiundzwanzig und eine erwachsene Frau. Aber wahrscheinlich bleibe ich in aller Augen ein Fräulein, bis ich grauhaarig oder verheiratet bin. »Sie schicken mich nicht an die Arbeit«, sagte ich. »Das mache ich selbst. Wirklich, ich kann es nicht erwarten, die Tafeln zu sehen. Geben Sie mir nur ein Handtuch, um mich abzutrocknen …«

Natürlich verschwendete ich meinen Atem. Zuerst musste man mir mein Zimmer zeigen. Dann bestand Lord Gleinleighs Hausmädchen darauf, ein Bad einzulassen, und sagte, dass ich bis auf die Knochen ausgekühlt sein müsse. Was ich tatsächlich war, aber es störte mich nicht. Ich trocknete mich ab und warf dann zufällig einen Blick in einen Spiegel und stellte fest, dass mein Haar in alle Richtungen stand, wie es das bei feuchtem Wetter tut. Das Hausmädchen wollte das für mich in Ordnung bringen, aber es war offensichtlich, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie meine Mähne zähmen sollte. Ich steckte sie selbst hoch, zog trockene Kleidung an und marschierte wieder hinaus, auf der Suche nach meinem Gastgeber und dem Zweck meiner Anwesenheit.

Nur dass er mich natürlich erst durch die Familienbehausung führen musste, bloß damit er mit seiner Sammlung prahlen konnte. Der Mann hat keinen Geschmack! Und auch überhaupt keinen Sinn für Ordnung. Er hat nichäische Friese um Fresken aus Coyahuaca gestopft und eine monströse Riesenvase aus Yelang davorgestellt, sodass man kaum sehen kann, was dahinter ist. Und die drakoneischen Antiquitäten … Ich glaube nicht, dass er weiß oder sich darum schert, dass er Wandmalereien aus Schlüpfkammern hat, die auf eine Weise eine Gedenkstele überragen, die das antike Volk entsetzt hätte. Aber Simeon hat mich gewarnt, also habe ich wie erwartet »Ohhh« und »Ahhh« gemacht und nur das Gesicht verzogen, wenn er mir den Rücken zudrehte.

Schließlich kamen wir zum Geschäftlichen. Lord Gleinleigh sagte: »Ich sollte Ihnen erklären, Miss Camherst, dass ich einige Bedingungen für diese Unternehmung habe. Wenn diese für Sie akzeptabel sind, dann dürfen Sie morgen mit der Arbeit anfangen.«

Kein Wunder, dass er mir die Tafeln noch nicht gezeigt hatte. Wohlgemerkt, er hätte den Anstand besitzen können, mich über diese »Bedingungen« zu informieren, bevor ich den ganzen Weg hier heraus gekommen bin … aber Lord Gleinleigh ist kein völliger Idiot. Er wusste, dass es viel schwieriger würde, mich zu weigern, wenn ich im gleichen Gebäude wie die Tafeln wäre, nur durch wenige dünne Mauern von diesen getrennt. »Ich würde mich freuen, Ihre Bedingungen zu hören«, sagte ich so höflich zu ihm, wie ich konnte.

»Sie sind nicht belastend«, versprach er mir. »Die Erste ist, dass ich verlange, dass Sie hier arbeiten, statt die Tafeln anderswo hinzubringen. Ich werde als Teil Ihrer Entlohnung natürlich ein Zimmer und Verpflegung stellen, so lange Sie brauchen, und Arrangements treffen, dass Ihre Besitztümer hierhergebracht werden.«

Auf Stokesley wohnen! Ich hätte nicht überrascht sein sollen. Das ist völlig vernünftig, wenn man Material aus irgendeiner Privatsammlung erforscht. Aber nach dem, was Simeon gesagt hat, wird das hier keine schnelle Arbeit. Ich werde monatelang hier sein.

Ich konnte jedoch kaum diskutieren. »Völlig in Ordnung. Ich glaube nicht, dass ich viel brauche. Ich bin es gewohnt, auf Schiffen zu leben, wo all meine Besitztümer in eine einzige Truhe gestopft werden und ein Großteil davon Bücher sind.«

Er nickte auf eine Art, die klarstellte, dass er an meinem persönlichen Leben überhaupt nicht interessiert war. »Die Zweite ist, dass ich nicht möchte, dass irgendetwas über den Inhalt der Tafeln durchsickert, bis ich bereit bin, sie in ihrer Gesamtheit zu präsentieren. Wenn man ihnen kleine Stücke gibt, werden die Leute spekulieren und alle möglichen Theorien entwickeln. Mir wäre lieber, dass sie den ganzen Text auf einmal bekommen.«

Tagebuch, ich habe vor Frust beinahe gekreischt! Natürlich will er eine grandiose Enthüllung des Gesamttexts veranstalten – und um ehrlich zu sein, kann ich es ihm nicht ganz verdenken. Es wird viel aufregender, wenn die Leute alles gleichzeitig lesen können, selbst wenn es üblicher wäre, Teile zu veröffentlichen, während ich arbeite. Aber in Anbetracht der Länge des Haupttexts bedeutet das, dass ich Ewigkeiten warten muss, bevor ich ihn mit der Welt teilen kann!

Dann durchdachte ich, was er gesagt hatte. »Wenn Sie ›durchsickern‹ sagen …«

»Ich meine, dass Ihnen nicht erlaubt wird, Informationen darüber mit irgendjemandem zu teilen. Nicht, bis Sie fertig sind. Ich fürchte, ich muss auf Sicherheitsmaßnahmen bestehen, Miss Camherst – ich bin überzeugt, Sie verstehen das.«

Oh ja, ich verstehe. Er ist ein gieriger alter Wurm, so viel ist klar, und er hat nicht die geringste Ahnung, wie solche Dinge funktionieren. »Aber was, wenn ich Schwierigkeiten bekomme? Es ist übliche Praxis, während der Arbeit andere Forscher zu konsultieren.«

Er tat überrascht. »Man hat mir zu verstehen gegeben, Miss Camherst, dass Sie einer der hellsten Köpfe auf Ihrem Gebiet sind. Ihr Großvater war ein Pionier in der Entzifferung der Sprache, und Ihre Großmutter – nun, ihr Ruf ist auf der ganzen Welt bekannt. Dr. Cavall vom Tomphries hat mir erzählt, dass Sie angefangen haben, die drakoneische Schrift zu studieren, als Sie sechs waren. Aber wenn Sie andere konsultieren müssen, dann sollte ich vielleicht stattdessen an einen von diesen herantreten.«

Mir wurde ganz heiß. »Was ich meine, ist – antike Texte sind oft sehr unklar. Ich muss vielleicht das, was Sie haben, mit unterschiedlichen Tafeln vergleichen, die im Tomphries oder in privater Hand sind.« Da ist nur einer der Gründe, aber es war der Einzige, der mir einfiel, den er nicht als Eingeständnis von Inkompetenz aufgefasst hätte.

Er sagte: »Sicherlich können Sie das tun, ohne verraten zu müssen, was Sie selbst erfahren haben.«

Das kann ich. Es wird nur fürchterlich lästig. Und doch … Die Alternative ist es, überhaupt nicht an diesen Tafeln zu arbeiten. Er weiß sehr gut, wie sehr sie mich in Versuchung führen und wie sehr er meinen Stolz angestachelt hat.

Also habe ich eingewilligt. Natürlich habe ich eingewilligt. Wie hätte ich etwas anderes tun können?

»Ausgezeichnet!«, rief er so erleichtert, dass ich glaube, er war wohl ernsthaft besorgt, dass ich mich weigern würde. »Dann können Sie gleich morgen früh mit der Arbeit anfangen. Ich habe sogar eine Assistentin für Sie organisiert.«

Die Scheinheiligkeit dieses Mannes! Erst muss ich alles geheim halten. Dann drängt er mir irgendeine Fremde auf und sagt gar nichts dazu, außer dass ich sie morgen kennenlernen werde. Und bevor ich ihm erklären konnte, was ich davon hielt, fragte er mich, wie bald ich meiner Meinung nach fertig sein könnte.

Mein erster Instinkt war es, ihm ins Gesicht zu lachen. Wie kann ich so etwas voraussagen, ohne zuerst den Text anzuschauen? Aber ich besitze eine gewisse Selbstbeherrschung, egal was Simeon sagt. Und ich habe Simeons Bericht über die Größe der Tafeln, wie dicht sie beschrieben sind, und ihre archaische Schrift, was reicht, um zumindest eine grobe Schätzung abzugeben. »Sehr viel wird davon abhängen, wie obskur der Text ist, verstehen Sie. Aber ich würde schätzen, wahrscheinlich zwei Tafeln pro Monat.«

»Wunderbar«, sagte Lord Gleinleigh und klatschte sich aufs Knie. »Das passt ganz gut, Miss Camherst.«

Er war tatsächlich so zufrieden, dass ich ihn misstrauisch ansah. »Ich sollte etwas klarstellen. Zwei Tafeln pro Monat, wenn es gut läuft, was es vielleicht nicht tut. Und das ist nur für einen ersten Entwurf – etwas, das einen klaren Eindruck von der Bedeutung des Texts gibt. Ihn zu polieren und sicherzustellen, dass meine Übersetzung so akkurat ist, wie ich es erreichen kann, wird wesentlich länger dauern.«

Lord Gleinleigh winkte bei meinem Kommentar ab. »Natürlich – ich bin sicher, dass man in Zukunft weitere Forschung brauchen wird –, aber das Wichtige ist zu wissen, was da steht, ja? Die Feinheiten können warten. Könnten Sie wohl, sagen wir, nächsten Gelis zur Veröffentlichung bereit sein?«

In zehn Monaten. Wenn er nur die einfache Arithmetik von sieben Monaten für vierzehn Tafeln berechnet hätte, hätte er Fructis gesagt. Wenn er allgemein gesprochen hätte, hätte er ein Jahr oder so gesagt. Gelis ist sowohl zufällig als auch spezifisch.

Und ich konnte mir denken, warum.

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich es nicht gesagt hätte. Aber ich rechnete im Kopf, und als ich zu meiner Schlussfolgerung kam, platzte sie mir direkt aus dem Mund. »Sie meinen vor dem Kongress in Falchester.«

Wirklich, ich hätte es kommen sehen sollen. Warum sonst wäre er so begierig, diese Tafeln von jemandem übersetzen zu lassen, wenn er seine Sammlungen bis jetzt verborgen hat, sodass nur er selbst und seine Freunde sie genießen können? Weil der Kongress nächsten Winter stattfindet. Alle werden dann über die Drakoneer nachdenken, weil deren Delegation hierherkommt und die Zukunft des Refugiums zur internationalen Debatte steht. Die Übersetzung wird wahrscheinlich schneller aus den Regalen gegriffen sein, als man sie hineinstellen kann.

Er hustete delikat. »Das wäre praktisch, ja.«

Ganz zu schweigen von profitabel. Bei der Art, wie er Geld für Antiquitäten ausgibt, würde man annehmen, dass er im Reichtum schwimmen muss, aber wie ich höre, haben heutzutage viele Hochadlige Schwierigkeiten, ihre Anwesen zu unterhalten. Vielleicht hat er sich verschuldet. Oder vielleicht will er einfach nur mehr Geld, um damit mehr Antiquitäten zu kaufen. So oder so, das wird er tun können, wenn diese Übersetzung rechtzeitig herauskommt – um nicht zu erwähnen, dass er berühmt sein wird.

Und ich auch.

Das sollte nicht das Erste sein, was mir durch den Kopf geht. Ich sollte mir mit diesem Text Zeit nehmen und sicherstellen, dass er erst veröffentlicht wird, wenn ich absolut überzeugt bin, dass ich das Beste abgeliefert habe, zu dem ich fähig bin – selbst wenn das bedeutet, dass er erst herauskommt, wenn ich vierzig bin. Ruhm bedeutet gar nichts, wenn die Leute später sagen: »Ach, Audrey Camherst? Meinst du diejenige, die vor einigen Jahren diesen traurigen kleinen Versuch einer Übersetzung geschrieben hat?«

Aber es ist so schwierig, wenn ich spüren kann, wie mich alle anschauen und darauf warten zu sehen, was ich tun werde. Nicht meine Familie natürlich. Wenn ich beschließen würde, mich in ein Häuschen auf dem Land zurückzuziehen und mein Leben damit zu verbringen, Rosen zu züchten – nicht einmal prämierte Rosen; mittelmäßige, von Blattläusen zerfressene –, würden sie mich umarmen und mir alles Gute wünschen. Es ist der Rest der Welt, der von mir erwartet, etwas Spektakuläres zu vollbringen, weil Papa das getan hat, und Mama, und Großpapa, und besonders Großmama. Wann werde ich mein Recht beweisen, neben ihnen zu stehen?

Ich muss überhaupt nichts beweisen.

Außer für mich selbst.

Und ich weiß, dass ich das hier schaffen kann. Wenn es bedeutet, lange Stunden zu arbeiten, um es rechtzeitig fertigzubringen … Tja, genau dafür gibt es Kaffee.

Aus dem Notizbuch vonCora Fitzarthur

Eine neue Frau ist nach Stokesley gekommen. Ich wusste, dass jemand zu Besuch kommen würde, aber Onkel hat mir davor nicht erzählt, dass sie monatelang hier wohnen wird, was sehr unangebracht von ihm ist. Die gute Nachricht ist, dass sie keinen kläffenden kleinen Hund hat, der überall Fell verliert, wie unser letzter Hausgast. (Der Hund hat natürlich das Fell verloren, nicht der Hausgast.) Ich habe Mrs. Hilleck gesagt, dass sie sie im lila Zimmer unterbringen und herausfinden soll, was sie gerne isst.

Ihr Name ist Audrey Isabxella Mahira Adiaratou Camherst. Sie ist dreiundzwanzig Jahre alt, und Onkel hat sie angestellt, um die Tafeln zu übersetzen. Ich habe gesehen, wie sie zum Abendessen gegangen ist, obwohl sie mich nicht gesehen hat.

Onkel sagt, es ist sehr wichtig zu wissen, zu welchen Leuten jemand gehört, also habe ich ihre Familie gestern Abend in Webbers Almanach über den Hochadel und andere illustre Persönlichkeiten von Scirland nachgeschlagen. Da steht, sie ist die Enkelin von Isabella Trent, geborene Hendemore, ehemalige Camherst, 1. Baroness Trent, die eine Drachenforscherin und sowohl sehr berühmt als auch sehr skandalös ist. (Der Almanach behauptet nicht, dass sie skandalös ist, aber so viel weiß ich selbst.) Audreys Großvater väterlicherseits war Jacob Camherst, zweiter Sohn eines Barons. Ihr Stiefgroßvater, falls das ein richtiges Wort ist, ist Suhail, Lord Trent, der Akhier und Archäologe und Linguist ist. Er ist auch berühmt, aber weniger, und nicht sehr skandalös. Ihr Vater ist der ehrenwerte Jacob Camherst, ein Ozeanograf. Ihre Mutter ist Kwenta Adiaratou Shamade aus der Talu-Union, eine Astronomin. Das erklärt, warum Audrey eine dunkelbraune Hautfarbe hat, abgesehen von ihrem Haar, das schwarz ist und wie eine Wolke aussieht, wenn sie es offen lässt. Ihre Großeltern mütterlicherseits stehen nicht im Almanach, wahrscheinlich weil sie weder Hochadlige noch Scirländer sind.

Ich weiß nicht, warum es wichtig ist, solche Dinge nachzuschlagen. Der Almanach hat keinen Eintrag, der mir verrät, ob sie die richtige Art von Leuten sind. Ich denke allerdings nicht, dass Onkel sie dafür hält.

Meine Anweisungen sind, Audrey auf jegliche Art zu helfen, die sie mir sagt (sogar wenn alles, worum sie mich bittet, ist, ihr einen Tee zu holen) und all ihre Briefe zu lesen, bevor sie in die Post gehen, und Onkel zu erzählen, wenn sie irgendjemandem irgendetwas über die Tafeln schreibt oder wenn sie irgendetwas Unhöfliches oder Verdächtiges über ihn sagt. Der Brief, den Audrey an das Tomphries-Museum geschrieben hat, verrät nur, dass sie hier angekommen ist und dass Lord Gleinleigh genau so ist, wie sie erwartet hat, was vielleicht gemein sein könnte, je nachdem, was sie erwartet hat, aber ich denke nicht, dass es das ist, was Onkel im Sinn hatte. Trotzdem, ich schätze, ich sollte es ihm erzählen, nur um sicherzugehen.

Aus dem Tagebuch vonAudrey Camherst

5. Pluvis

Lord Gleinleigh ist nicht beim Frühstück. Wie unhöflich von ihm! Der Hausdiener sagt, dass er nicht oft Frühstück einnimmt. Ich frage mich, ob er überhaupt schon wach ist? Er verbringt einen Großteil seiner Zeit auf dem Kontinent. Vielleicht hat er sich die kontinentale Gewohnheit zugelegt, lange wach zu bleiben. Ich habe mein Bestes getan, um so lange auszuschlafen, bis es die meisten Leute als zivilisierte Zeit erachtet hätten, aber nachdem ich so viel von meinem Leben mit Papa und Mama auf Schiffen verbracht habe, ist die Gewohnheit, bei Tagesanbruch aufzuwachen, schwer abzulegen.

Irgendjemand muss jedoch auf sein, ansonsten haben die Bediensteten etwas Essen gemopst, weil sie annahmen, dass niemand es essen würde. Wer sonst ist hier, frage ich mich?

Später

Gut, jetzt sind mehrere Fragen gleichzeitig beantwortet. Aber was ich von der Antwort halte, da bin ich mir noch nicht sicher.

Als ich mit dem Frühstück fertig war, ging ich direkt zur Bibliothek, wo, wie Lord Gleinleigh versprochen hatte, die Tafeln für mich ausgelegt sein würden. Ich war halb überzeugt, dass er vergessen hätte, das zu tun – oder vielleicht »vergessen« –, weil er sie mich sicher nicht sehen lassen konnte, ohne dass er anwesend wäre, um über seinen Trophäen zu thronen. Aber da waren sie, in einer ordentlichen Reihe auf einem Tuch ausgelegt, um den langen Tisch zu schützen, der die Mitte des Raums beherrscht. (Warum hat ein Mann, der sich so wenig um echte Gelehrsamkeit schert, eine so gewaltige und gut ausgestattete Bibliothek? Prestige, nehme ich an.)

Ich steckte mein Haar hoch und fing an, die Reihe zu untersuchen. Jener Raum braucht eine bessere Beleuchtung. Ich habe den Hausdiener bereits gebeten, mir eine Lampe mit einem ausreichend langen Kabel zu bringen, damit ich sie herumzerren kann, wie ich sie brauche. Für den Anfang allerdings musste ich eine der Tafeln zum Fenster tragen, damit ich sie deutlich sehen konnte.

Und dann stellte ich fest, dass ich grinste wie ein Affe, denn da stand ich, mit einem unbezahlbaren Schatz in meinen Händen! Natürlich ist es nicht das erste Mal, dass ich einen drakoneischen Text in der Hand halte. Ich werde nie den Tag vergessen, an dem Großpapa mir zum ersten Mal eine Tontafel in die Hände gelegt und mir erklärt hat, dass ich wahrlich Geschichte in den Händen hielt. Ich war fünf, denke ich, was die Leute immer entsetzt, wenn sie es hören – was, wenn ich sie hätte fallen lassen? Die Tafel war nur eine Steuerliste. Trotzdem ein Verlust, wenn ich sie zerbrochen hätte, ganz klar, aber keiner, der mich bis an mein Lebensende verfolgt hätte.

Es würde mich bis an mein Lebensende und darüber hinaus verfolgen, wenn ich eine von diesen hier fallen ließe. Unsere modernen Drakoneer wissen nicht alles über ihre Vorfahren, die Anevrai, genauso wenig, wie ich weiß, was antike Scirländer oder Utalu getan oder gedacht haben. Wir haben nur diese Fragmente, die Texte, die zufällig den Niedergang ihrer antiken Zivilisation überlebt haben. Ich bin sicher, dass die Menschen, die gegen die Anevrai-Herrschaft rebelliert haben, sehr vernünftige Gründe dafür hatten – aber wenn ich könnte, würde ich in der Zeit zurückreisen und sie bitten, dabei nicht so viel zu zerstören. Egal wie tyrannisch ihre Herrscher waren, was gab es damit zu gewinnen, Paläste und Städte niederzubrennen? Wer hatte etwas davon, dass sie die Texte zerschmetterten, die alles Wissen ihrer Welt enthielten? Sie haben sich selbst in eine so tiefe Finsternis gestürzt, dass wir gerade erst anfangen, die naheliegendsten Ecken davon mit Lichtern zu beleuchten.

Das Stück Ton, das ich heute in meinen Händen hielt, könnte sich vielleicht als wirklich sehr helles Licht erweisen. Ich neigte es vor und zurück, ließ das Tageslicht die schwachen Abdrücke herausbringen, wo die Finger des Schreibers einst die Kanten angefasst hatten, bevor es gebrannt worden war. Ich wäre die Erste, die seine Worte lesen würde!

… das dachte ich zu dem Zeitpunkt zumindest.

Ich hatte mich gerade mitten an den Tisch gesetzt, um einige vorläufige Notizen aufzuschreiben, als hinter mir jemand sagte: »Das ist mein Stuhl.«

Wenn ich diese Geschichte später erzähle, will ich mich selbst beschreiben, wie ich mich mit makelloser Haltung und gefasst umdrehe, aber in Wahrheit habe ich gekreischt. Die Sprecherin war ein Mädchen – nun, ich nenne sie ein Mädchen. Ich denke, sie ist nur wenige Jahre jünger als ich. Aber sie war sehr schlicht gekleidet, in ein taubengraues Kleid, das, wie ich gesagt hätte, schlecht passte. Erst später wurde mir bewusst, dass den Schneider keine Schuld traf. Sie hielt sich so ungelenk, dass es das Kleid wie einen Sack wirken ließ. Und weil ich eine schreckliche Beurteilerin von Mode bin, kann ich mir nur vorstellen, dass sie eine furchtbare Zeit erleben wird, wenn sie in die Gesellschaft eingeführt wird – falls sie das überhaupt je wird.

»Das ist mein Stuhl«, wiederholte sie, während sie ein Notizbuch an ihre Brust drückte.

Sie war eindeutig keine Bedienstete. Ich stand auf und sagte: »Sind Sie … Lord Gleinleighs Tochter?« Er ist nicht verheiratet, aber sie hätte wohl sein uneheliches Kind sein können. Nur gibt es keine höfliche Art zu fragen, ob jemand ein Bastard ist.

»Ich bin sein Mündel«, sagte sie. »Ich sitze da jeden Tag, während ich an der Übersetzung arbeite.«

»An der …« Das wurde zu einem weiteren Kreischen, nur dass dieses hier entschieden zorniger war.

Ich dachte – Simeon war sehr deutlich –, diese Aufgabe sollte meine sein! Es ist eine Sache, wenn Lord Gleinleigh mir dieses Mädchen als Assistentin aufdrängt, ohne auch nur um Erlaubnis zu fragen. Aber es ist ein Schlag ins Gesicht, dass er sie mit der Arbeit anfangen lässt, bevor ich auch nur ankomme! Und warum hat er gestern Abend nichts davon zu mir gesagt? Wahrscheinlich weil er wusste, wie ich reagieren würde, und als der Feigling, der er ist, ist er dem Problem ausgewichen, indem er mich über diesen Eindringling stolpern ließ, während er noch in seinem warmen Bett war.

Sie hielt einen Stapel aus Büchern und Notizzetteln an ihre Brust gedrückt. Jetzt sah ich den Raum in einem neuen Licht: den Tisch mit seinem schützenden Tuch und der Reihe aus Tafeln. Lord Gleinleigh hatte sie nicht ausgelegt. Dieses Mädchen hatte das getan. Und sie hatte auf genau dem Stuhl gesessen, den ich gewählt hatte, und begonnen, die Geheimnisse dieses Horts zu entschlüsseln, was meine Verantwortung und mein Privileg sein sollte.

Ich weiß, dass es schrecklich von mir ist, es so zu schreiben. Wenn Großmama hören würde, dass ich ein solch gieriger kleiner Draken bin, würde sie mich für eine Woche ohne Bücher in mein Zimmer sperren. Außer dass sie auch weiß, wie wütend es einen macht, wenn einem der angemessene Respekt verweigert wird – und wenn es nicht dieses unbeholfene Mädchen gewesen wäre, das mir den Rang abgelaufen hatte, denke ich, dass ich vielleicht völlig die Beherrschung verloren hätte. (Wenn es Lord Gleinleigh gewesen wäre … Tja, dann hätte ich ihn wohl mit Gelächter aus dem Raum vertrieben, weil ich weiß, dass er kein Fünkchen Talent für diese Aufgabe besitzt. Aber irgendein anderer Mann wie er? Ich wäre rasend vor Wut gewesen.)

Jedenfalls kann ich nicht behaupten, dass ich sehr höflich war. »Dann lassen Sie mich sie sehen«, sagte ich und streckte eine Hand aus.

»Was sehen?« Aber der Art nach zu urteilen, wie sie ihren Stapel fester hielt, wusste ich, dass sie verstanden hatte, was ich meinte.

»Die Übersetzung«, sagte ich. »Ich nehme an, Sie sind die Assistentin, die Lord Gleinleigh mir gegenüber erwähnt hat«, wobei ich das Wort »Assistentin« betonte. Unter keinerlei Umständen hatte ich vor, mich in eine untergeordnete Stellung zwingen zu lassen. »Weil Sie so freundlich waren, bereits mit der Arbeit anzufangen, werde ich sie mir ansehen.«

Ihr Kinn verspannte sich zu einer sturen Linie, aber sie stellte ihren Stapel ab und holte einige Blätter aus einer Mappe. Ich war erleichtert, als ich sah, dass es so wenige waren: Ich hatte halb Angst, dass sie bereits alles durchgegangen war, obwohl ich wusste, dass das nicht möglich war. Ich setzte mich ganz betont auf den Stuhl, den sie für sich beansprucht hatte, und begann zu lesen.

Die Seiten waren ein völliges Chaos, mit durchgestrichenen Zeilen gefüllt, wo sie es sich ständig anders überlegte, also brauchte ich einige Momente, um mir überhaupt meinen Weg durch das Gewirr zu suchen und festzustellen, was sie geschrieben hatte – und dann noch einige weitere Momente, um die Absurdität dessen zu verdauen, was ich gerade gelesen hatte. Es war ein solch unglaubliches Desaster, dass ein Teil von mir in Gelächter ausbrechen wollte. Aber weil es so kurz nach meiner Schmach kam, war es schwierig für diesen Impuls, sich durchzusetzen, und im Ergebnis saß ich nur da und starrte die Seiten noch lange an, nachdem ich zu lesen aufgehört hatte, während ich darüber nachdachte, was ich sagen sollte.

Natürlich konnte ich nicht ewig dort sitzen. Schließlich blickte ich auf – immer noch ohne die geringste Idee, was ich sagen würde – und stellte fest, dass sie wartete, ihr Körper steif in jenem schlichten grauen Kleid.

Niemand, der intelligent genug war, selbst diesen Murks aus einem drakoneischen Text zu produzieren, konnte ansatzweise dumm genug sein, um sich nicht bewusst zu sein, wie schlecht dieser war. Ich sah in der Haltung ihres Kinns eine Art Herausforderung, als würde sie darauf warten, zu sehen, was ich sagen würde. Würde ich Höflichkeitsfloskeln nutzen, als würde sich ihr Werk nicht lesen, als sei es von einer Fünfjährigen geschrieben? Oder würde ich auf sie losgehen, weil sie so furchtbare Arbeit geleistet hatte?

Ich stellte fest, dass ich nichts davon tun konnte. Die Sanftheit meiner eigenen Stimme überraschte mich, als ich sagte: »Haben Sie je zuvor antikes Drakoneisch übersetzt? Oder die moderne Sprache?«

Die Antwort kam als angespanntes kleines Kopfschütteln. Dann fügte sie hinzu, während ich wieder nach Worten suchte: »Onkel hat gesagt: Du liest gerne und du magst Rätsel. Du solltest das hier versuchen.«

Als würde eine Vorliebe für Rätsel einen dafür qualifizieren, mit einer toten Sprache zu arbeiten! Aber es klang genau wie etwas, das Lord Gleinleigh sagen würde. »Haben Sie überhaupt schon viel übersetzt?«

»Ich spreche Thiessois und Eiversch«, sagte sie.

Wenn sie nur annähernd wie andere junge Damen ist, spricht sie sie nur gut genug, um einige Lieder zu singen. »Aber keine Übersetzung? Ich meine lange Passagen.« Als sie wieder den Kopf schüttelte, sagte ich: »Es ist eine ziemliche Herausforderung, und obwohl es manchmal ein wenig wie ein Rätsel ist, ist es auch ganz anders. Sie … haben hier einen guten Anfang gemacht.«

Sie biss wieder die Zähne zusammen. Dann sagte sie offen: »Es ist furchtbar.«

Angesichts einer derartigen Aussage konnte das Taktgefühl meine natürliche Ehrlichkeit nicht länger niederringen. »Es ist furchtbar«, stimmte ich zu. »Aber sogar es so weit zu schaffen, ist eine Leistung.«

Sie starrte auf ihre Schuhe. Ein Lächeln begann, an meinem Mundwinkel zu zupfen – ich konnte es nicht unterdrücken. Dann fing sie an zu lachen, und das überrumpelte mich, und die Anspannung in mir löste sich.

Als wir endlich aufhörten zu lachen, stand ich auf, um ihr einen Stuhl zu holen. Nur dass sie, als ich mich wieder umdrehte, meinen Stuhl eingenommen hatte – ihren Stuhl, meine ich, denn ich habe das Gefühl, dass ich, wenn es darum geht, gegen den Wind segle. Mir schien es nicht mehr wert, darüber zu diskutieren, also setzte ich mich auf den, den ich herangezogen hatte.

»Ich bin Cora«, sagte sie.

»Und ich bin Audrey Camherst.«

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich meine, das habe ich mir gedacht. Onkel hat gesagt, dass du kommen würdest. Aber du siehst nicht aus wie eine Scirländerin.«

Die meisten Leute sagen es mir nicht so ins Gesicht, obwohl ich weiß, dass sie das denken. »Das bin ich zur Hälfte«, sagte sie. »Meine Mutter ist eine Utalu. Aus Eriga.«

Den letzten Teil fügte ich an, weil die meisten Scirländer dazu neigen, Eriga als undifferenzierte Masse zu betrachten, einen ganzen Kontinent, der unter einem Namen zusammengefasst wird, und die Talu-Union nicht auf einer Karte finden könnten, wenn man ihnen damit drohte, sie für ihr Scheitern kielzuholen. Aber Cora nickte, ehe ich es überhaupt ganz klargestellt hatte. »Du bist die Enkelin von Lady Trent. Und dein Großvater, dein Stiefgroßvater meine ich, ist derjenige, der Drakoneisch entschlüsselt hat.«

»Na ja, er und ein Haufen anderer Leute. Es ist nicht so, dass er es einfach eines Tages angesehen und gerufen hat: Ha! Ich hab’s! Aber ja, er ist derjenige, der den Kataraktstein übersetzt und die Theorie aufgestellt hat, dass die Sprache mit Lashon und Akhisch verwandt ist. Und dann hat Großmama bewiesen, dass er recht hatte.«

»Hast du irgendwelche Drakoneer getroffen?«

»Oh ja, ganz viele. Ich war sogar schon im Refugium.« Ich erschauderte bei der Erinnerung. »Die Leute sind liebenswert, aber was sie dort ›Sommer‹ nennen, würde hier kaum als kühler Frühlingstag durchgehen.«

Cora sagte: »Ich war noch nie außerhalb von Scirland. Ich glaube nicht, dass es mir sehr gefallen würde, aber Onkel verreist andauernd. Meistens nach Thiessin und Chiavora – Akhien hat ihm nicht gefallen.«

Alle möglichen unhöflichen Antworten schossen mir dabei durch den Kopf, aber ich schluckte sie hinunter.

»Wenn du nicht willst, dass ich dir helfe«, fuhr Cora fort, »dann sag es mir. Onkel hat gesagt, dass ich tun soll, was auch immer du sagst.«

Als sei sie irgendeine Bedienstete! Oder noch schlimmer, eine Sklavin. »Ich möchte deine Hilfe«, sagte ich. »Aber nur, wenn du helfen willst.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, wie ich das kann. Du hast gesehen, was passiert ist, als ich es versucht habe. Und es hat dich wütend gemacht, nicht wahr? Dass ich versucht hatte, etwas zu übersetzen.«

Höflich wäre es gewesen, zu lügen. Aber Cora ist so direkt, dass ich feststellte, dass ich genauso antwortete. »Nun ja, ein wenig. Aber ich hätte nicht wütend sein sollen. Was das Übersetzen betrifft, braucht es gewöhnlich Jahre des Studiums, bis jemand bereit ist. Es gibt allerdings andere Dinge, die du tun kannst – und um ehrlich zu sein, wäre ich dafür dankbar. Dein Onkel will, dass das hier sehr schnell erledigt wird, sodass es mein Leben viel einfacher machen würde, wenn mir jemand bei all den Nebenaufgaben helfen würde.«

Sie nickte und war nicht überrascht. »Als die Tafeln angekommen sind, hat er gesagt, dass sie alles verändern würden.«

Tagebuch, ich sage dir: Lord Gleinleigh hat eine sehr hohe Meinung über die Wichtigkeit seines Fundes, und ich fange an, mich zu fragen, warum. Er hat einen langen Erzähltext entdeckt, und das ist sehr aufregend, wenn man sich viel aus der antiken drakoneischen Zivilisation macht. Wir haben zuvor einige Gedichte entdeckt, wenige, kurze mythische Legenden oder Auszüge aus der Geschichte, jedoch nichts, was diesem Maßstab nahekommt. Aber zu sagen, dass es alles verändern wird? Das scheint mir unangebracht, wenn wir noch nicht einmal wissen, was da steht.

Was mich dazu bringt, mich zu fragen, ob er es irgendwoher doch weiß. Nur dass ich mir nicht vorstellen kann, wie er das überhaupt könnte! Es ist leicht genug, den Sinn einer Steuerliste auf den ersten Blick zu erkennen, aber eine Erzählung ist viel schwieriger, und selbst einige Minuten des Betrachtens sagen mir, dass diese hier wirklich kompliziert ist. Die Sprache ist so archaisch, dass mir nicht viele Leute einfallen, die überhaupt wüssten, was sie damit anfangen sollten, und die Besten von ihnen könnten sie nicht einfach überfliegen und einem erklären, was da steht, nicht im Detail. Ich habe Lord Gleinleigh erzählt, dass ich zwei Tafeln pro Monat durcharbeiten kann. Ich hoffe nur, dass ich mein Wort halten kann. Wie also könnte er – ein Mann, der wahrscheinlich nicht einmal weiß, was ein Determinativ ist – auch nur anfangen vorauszusagen, welche Wirkung das hier haben wird?

Pah. Ich zäume den Drachen vom Schwanz auf. Lord Gleinleigh hat nur eine übersteigerte Meinung von sich selbst, also muss natürlich alles, was er findet, gewaltig wichtig sein.

Natürlich habe ich nichts davon zu Cora gesagt. Ich bin nicht so hirnrissig. Ich sagte nur: »Gut, wir werden sehen. Es wird viele Arbeitsstunden dauern, ehe wir irgendeine echte Ahnung haben, was hier steht.«

Dasselbe sagte ich erneut beim Abendessen heute Abend, um zu sehen, ob Lord Gleinleigh reagieren würde, aber das tat er nicht. Wir haben alleine gegessen, ohne Cora. Als ich fragte, warum, antwortete er nur, dass »sie nicht gerne in Gesellschaft speist«. Dann, während ihm Missbilligung aus jeder Pore strömte, sagte er: »Ich habe gehört, dass Sie den ganzen Nachmittag im Garten waren.«

Er dachte, ich drücke mich! Ich sagte: »Ja, weil ich heute mit dem Kopieren angefangen habe. Ich weiß nicht, warum, aber ich finde, dass natürliches Licht am besten dafür ist, mich die Inschrift deutlich sehen zu lassen – Lampen sind einfach nicht dasselbe.«

»Kopieren?«, wiederholte er.

Er versuchte nicht einmal, nicht misstrauisch zu klingen. Ich seufzte und erklärte in meinem diplomatischsten Tonfall: »Die Tafeln sind zwar zum größten Teil in einem guten Zustand, aber das werden sie nicht lange bleiben, wenn ich sie ständig anfasse. Es ist viel besser, mit einer Kopie zu arbeiten – einer exakten Zeichnung der Symbole, wie der Schreiber sie geschrieben hat – und das Original nur zu konsultieren, wenn ich denke, dass da vielleicht ein Fehler ist. Sobald das erledigt ist, werde ich den Text transkribieren …« Ich sah, dass ich ihn verloren hatte. »Die Laute in unserem Alphabet aufschreiben«, sagte ich. »Das sind notwendige Schritte, mein Lord, das versichere ich Ihnen. Fragen Sie jeden Übersetzer, und er wird Ihnen dasselbe erzählen.«

Lord Gleinleigh verwarf das mit einem kurzen Wink. »Nein, nein, ganz richtig. Ich stelle Ihre Methoden nicht infrage, Miss Camherst.« (Doch, das tat er … aber das stellte ich nicht heraus.)

Der Hausdiener servierte den Suppengang. Etwas muss ich Lord Gleinleigh zugutehalten: Er tischt ein gutes Festmahl auf. Allerdings habe ich bei Suppe immer Angst, dass ich schlürfe und mich blamiere. Der Graf widmete sich ganz ruhig seiner eigenen Schüssel und richtete sich dann genug auf, um zu fragen: »Wie kommen Sie voran?«

»Bis jetzt gut. Ich habe heute gute Fortschritte mit dem Kopieren der ersten Tafel gemacht.« Ich lachte. »Jedoch wäre ich weiter gekommen, wenn Ihre Gärtner und Bediensteten mich nicht ständig unterbrochen hätten, um mir einen Sonnenschirm anzubieten. Ich habe ihnen gesagt, dass ich das direkte Licht für meine Arbeit brauche, aber sie haben es immer weiter versucht!«

»Sie sorgen sich nur um Ihre Gesundheit«, sagte er.

Und um meinen Teint, da bin ich sicher – als sei der nach scirländischen Standards nicht bereits auf verlorenem Posten. Aber meine Güte, das hier ist nicht Eriga oder die akhische Wüste. Ich glaube nicht, dass mich die Sonne hier verbrennen könnte, wenn sie es den ganzen Sommer lang versuchen würde – noch viel weniger mitten im Winter.

Dann räusperte Lord Gleinleigh sich und fragte: »Und was ist mit dem Text selbst? Ich weiß, dass Sie gesagt haben, dass diese anderen Schritte zuerst kommen, das Kopieren und so weiter, aber …?«

Wenn ich ihn lasse, wird er mich dazu drängen, das hier völlig halbgar zu machen, statt den richtigen Standards zu folgen. Tja, ich werde ihn nicht lassen – und ich habe gute Gründe dafür. »Das ist schwer zu sagen. Wissen Sie«, (ich bezweifle, dass er irgendetwas Derartiges weiß), »dass es in der drakoneischen Schrift ein Zeichen gibt, das genutzt wird, um Wörter zu trennen, gerade so, wie wir ein Leerzeichen nutzen? Das ist eine spätere Innovation in ihrer Schrift. Frühere Texte haben es nicht, und das hier ist definitiv ein früherer Text. Während ich also hier und da ein Wort herauslesen kann, sind wesentlich mehr so gut wie miteinander verschwommen, sodass ich nicht sicher bin, ob da zašu kīberra oder zašukī berra steht. Ich fürchte, es wird einige Zeit dauern, bevor ich etwas habe, das klar genug ist, um es mit Ihnen zu teilen.«

»Kann Cora nicht helfen? Sie arbeitet schon an den Tafeln, seit diese angekommen sind.«

Offensichtlich hat er sich nichts von ihrer Arbeit angesehen, sonst wüsste er die Antwort darauf. Nun, ich hatte nicht vor, ihm zu erklären, dass ihre Mühen uns beide zum Lachen gebracht hatten. Ich sagte bloß: »Wir werden sehen«, und beließ es dabei.

(Wenn ich zurück auf das blicke, was ich geschrieben habe, kann ich Großmama hören, wie sie über mich mit der Zunge schnalzt. »Ihr jungen Leute und eure Duzerei! Ihr kanntet einander kaum drei Minuten, bevor ihr miteinander gesprochen habt wie beste Freundinnen.« Tja, ich habe nicht vor, jedes Mal »Miss Fitzarthur« zu schreiben, wenn ich mich auf Cora beziehe, und ich glaube nicht, dass es sie stört. Das ist ihr Familienname – sie muss die Tochter von Lord Gleinleighs Bruder sein, weil sie ihn »Onkel« nennt. Mir war jedoch nicht bewusst, dass er einen Bruder hat. Es ist wirklich schockierend, wie wenig ich über den scirländischen Hochadel weiß, obwohl ich eines Tages Großmamas Baronie erben werde.)

Aus dem Tagebuch vonAudrey Camherst

6. Pluvis

Verdammte scirländische Winter! Es hat den ganzen Tag genieselt, und auch wenn es mich nicht stört, nass zu werden, ist das Licht nicht gut dafür, mir die Tafeln anzusehen. Ich frage mich, ob ich Lord Gleinleigh dazu überreden könnte, mich nach Trinque-Liranz oder Qurrat oder an irgendeinen sonnigeren Ort umziehen zu lassen, während ich an dem Text arbeite? Nein, ich habe Lotte versprochen, dass ich in der Nähe bleibe, falls sie mich braucht – obwohl ich nicht weiß, was ich tun könnte, um ihre Debüt-Saison zu verbessern, wenn man das völlige Desaster betrachtet, das ich aus meiner gemacht habe.

Nein, ich werde einfach mit den Lampen arbeiten oder etwas anderes finden müssen, was ich bei schlechtem Wetter mit mir anfangen kann. Ich schätze, ich kann meine Transkription dessen anfangen, was ich bereits kopiert habe.

Später

Das Transkribieren ging langsamer, als es vielleicht hätte gehen können, aber das lag daran, dass ich Cora unterrichtet habe. Es ist klar, dass einige Fehler in ihrer Übersetzung daran liegen, dass sie die Schriftzeichen für ša und ma und auch gil mit suk verwechselt – sehr häufige Anfängerfehler, und sie erklären das zusammenhanglose Zeug und so weiter, auf das sie gekommen ist.

Ach, das hätte ich nicht schreiben sollen. Großpapa redet immer davon, wie man jeden Schritt nacheinander machen sollte. Kopieren, dann Transkribieren, und erst, wenn das fertig ist, Übersetzen. (Und jedes Mal, wenn er das tut, macht Großmama eine spitze Bemerkung über seine »verdammenswerte Geduld«, und dann erzählt sie die Geschichte von jener zerfallenden Tür im Herzen der Wächter und wie er sie diese hat zeichnen lassen, ehe er irgendjemanden durchließ, um zu sehen, was sie geschützt hatte.) Aber ich bin nicht aus solch geduldigem Holz geschnitzt, und ich habe bereits den ersten Teil der Transkription …

Alle anderen sind im Bett. Es wird unser kleines Geheimnis bleiben, Tagebuch.

Tafel I: Anrufung

Übersetzt von Cora Fitzarthur

Lausche mit deinen Schwingen in den Gräben und Felsen in allen Ecken.

Durch mich sage ich, wie Ton gemacht wurde, Staub und Wasser und Decke und Wind und Korn und Tiere des Bodens und Flundern und Himmel, die drei Herzschilfe und die vier, die später drei waren. Stein meine Worte für das kommende Jahr, weil Verstandsaufzeichnungen die eine echte für immer sind. Wenn diese Klammer aufgezeichnet wird, leben wir mit ihnen, und die Güte ihres Schatzes wird die gehenden Generationen weiter Dinge tun lassen.

Einer war rot von der Sonne und geformt wie viele eiserne Hände.

Zwei waren grünes Wasser und wuchsen vom geschlafen werden groß.

Drei waren himmelblau und kamen klug mit ihren Baumzweigen.

Vier, die männlich waren, schwarz bedeckt und wurden zum ersten Mal niedergeschrieben.

Vier brachen zusammen ein einziges Ei, was ein Ding war, das niemand zuvor getan hatte.

Zusammen gingen sie hinunter und hinauf und wurden Finsternis durch Licht.

Tafel I: Kolophon

Übersetzt von Audrey Camherst

Hört, breitet eure Schwingen aus, um zu lauschen, von den Schluchten zu den Höhen aus Stein, in jeder Ecke der Welt.

Durch mich wird dieser Ton davon sprechen, wie alles gemacht wurde, die Erde und die Wasser, der Himmel und der Wind, die Pflanzen und die Tiere von Land und Flüssen und Himmel, die drei Völker und die vier, die danach drei waren. Bewahrt meine Worte für die kommenden Zeitalter, denn die Erinnerung ist die einzig wahre Unsterblichkeit. Solange man sich an diese vier erinnert, werden sie in uns leben, und der Segen ihrer Taten wird andauern.

Die Erste war golden wie die Sonne, und ihre Hände waren als Waffen geeignet.

Die Zweite war grün wie Wasser und bepflanzte die Erde, sodass das Getreide hoch wuchs.

Die Dritte war blau wie der Himmel und war klug im Bauen von Dingen.

Der Vierte war ein Bruder mit schwarzen Schuppen, und er war der Erste, der Sprache in Ton aufzeichnete.

Diese vier schlüpften aus einer einzigen Schale, was man nie zuvor gesehen hat.

Zusammen stiegen sie hinab und wieder herauf und machten die Finsternis zum Licht.

Aus dem Tagebuch vonAudrey Camherst

7. Pluvis

Oh, Cora ist clever. Sie mag zwar eine fürchterliche Übersetzerin sein, aber sie hat einen sehr geordneten Verstand und hat etwas entdeckt, das ich noch nicht bemerkt hatte.

Ich habe schon erwähnt, dass die Tafeln, als ich zum ersten Mal in die Bibliothek kam, in einer Reihe ausgelegt waren. Ich bin so daran gewöhnt, mit Texten zu arbeiten, an denen bereits jemand gearbeitet hat, dass mir nie der Gedanke gekommen wäre, dass irgendetwas seltsam daran war, als ich um die erste Tafel bat und sie mir diese ohne Zögern reichte. Aber natürlich hätte ich mich wundern müssen: Woher wusste sie, dass diese die Erste war?

Die Antwort liegt natürlich in dem Teil, den ich bereits übersetzt habe. Sie war zwar wohl nicht fähig, ihn sehr gut zu lesen, aber sie konnte sehen, dass er anders war. »Dieser Teil war mit einer horizontalen Linie abgetrennt«, sagte sie, als ich sie fragte. »Keine von den anderen hat einen abgetrennten Teil, nicht so. Es schien mir nicht logisch, dass sie das am Ende der Reihe machen würden oder irgendwo in der Mitte – nicht, wenn es in der oberen Ecke war wie hier.«

»Es ist beinahe wie ein Kolophon«, sagte ich und beugte mich über die fragliche Tafel. »Dann aber auch wieder nicht. Normalerweise verrät einem ein drakoneischer Kolophon alle möglichen Dinge, von einer Zusammenfassung des Texts oder einigen Schlüsselsätzen bis dahin, welcher Schreiber ihn verfasst hat oder wer ihn in Auftrag gegeben hat und warum. Dieser gibt eine Art Zusammenfassung, aber der Rest jener Informationen ist nicht da. Ist er auf der letzten Tafel? Manchmal haben sie ihn stattdessen ans Ende gesetzt.«

Cora schüttelte den Kopf. »Falls er das ist, haben sie ihn nicht markiert.«

Ein schneller Blick auf die letzte Tafel in der Sequenz reichte, um mir zu verraten, dass der letzte Text auch kein Kolophon war. Dann runzelte ich die Stirn und blickte an dem Tisch entlang. »Bist du sicher, dass das hier der Letzte ist?«

»So sicher, wie ich sein kann«, sagte Cora. »Ich habe sie zuerst geordnet, bevor ich versucht habe, mit der Übersetzung anzufangen.«

Ich war von einem Mysterium ins nächste gestolpert. »Woher weißt du, dass sie in der richtigen Reihenfolge sind?«

Obwohl ich mit meinem Kopieren noch nicht sehr weit gekommen war, hatte ich mir jede Tafel angesehen und das Fehlen einer Nummerierung bemerkt. Was Sinn ergibt. Dieser Text ist offensichtlich ein sehr früher und scheint vor der Idee zu datieren, eine Zahl und das Incipit des Texts an den Rand der Tafel zu schreiben, um Dokumente besser zusammen und in Ordnung halten zu können. Aber ohne dies und ohne die Fähigkeit, den Text zu lesen, wie um aller Welt hatte Cora irgendeine Ahnung über ihre Reihenfolge?

Sie strahlte, als ich sie das fragte. Ich glaube, sie wusste, dass sie etwas Kluges gemacht hatte, und war berechtigt stolz. »Schau«, sagte sie und hastete zurück zum Anfang der Reihe. »Siehst du das hier, am Ende dieser Tafel? Und dann den Anfang der nächsten.«

Ich sah es tatsächlich. Die letzte Glyphe auf der ersten Tafel war das Schriftzeichen für »zwei«, und das erste Symbol auf der zweiten Tafel war das Zeichen für »eins«. Die zweite Tafel endete mit »drei«, während die dritte mit »zwei« begann, und so weiter die Reihe entlang.

Was offensichtlich ist, wenn man weiß, worauf man achten muss – aber für jemanden wie Cora, deren Kenntnis der Sprache so rudimentär ist wie die eines Anevrai-Schuljungen, ist es eine gewaltige Leistung, das zu bemerken! Besonders, weil zwei von ihnen so schwer beschädigt sind (möge die Sonne verbrennen, wer auch immer dafür verantwortlich ist!). Und alle von ihnen haben natürlich Text auf beiden Seiten, die Ziffern aber nur am Anfang der Vorderseite und am Ende der Hinterseite, ohne irgendeine andere Markierung, die einem sagt, welche Seite welche ist. Ein schneller Blick zeigte mir sogar zwei Stellen, wo die Hinterseite mit einer Ziffer beginnt oder die Vorderseite mit einer endet, aber einfach als normaler Teil des Texts, nicht als Andeutung einer Reihenfolge. »Ja«, sagte Cora, als ich auf jene hinwies. »Die haben mir für eine Weile einen Haufen Schwierigkeiten gemacht.«

»Ich habe das nie zuvor gesehen«, sagte ich staunend, während ich hastig einige Notizen kritzelte. (Pfeif auf die Übersetzung. Ich vermute, ich könnte den Rest meines Lebens damit verbringen, Fachartikel und Monografien über andere Aspekte dieser Tafeln zu schreiben.) »Keiner von den drakoneischen Texten, die ich schon untersucht habe, hat diese Methode der Reihung benutzt. Und es ist so seltsam, dass es keinen Kolophon gibt – die haben sie bei so gut wie allem benutzt, was kein Dokument für den kurzen Gebrauch war, weil es die einzige Möglichkeit war, ihre Bibliotheken zu sortieren. Ich meine, das hier ist eindeutig ein sehr alter Text, also hatten sie jene Techniken vielleicht noch nicht entwickelt. Aber trotzdem.«

»Wie kannst du feststellen, dass er alt ist?« Cora nahm ihre Notizen zurück und steckte sie in eine Ledermappe weg. »Alle drakoneischen Texte sind alt. Aber du meinst, er ist noch älter, nicht wahr?«

Mich über die Reihe an Tafeln zu beugen, hatte meinen Rücken steif gemacht. Ich streckte ihn und dankte im Geiste meiner Utalu-Mutter, weil sie nie den Sinn von anthiopischen Korsetten gesehen hatte, selbst bevor diese aus der Mode gekommen waren. »Wegen der Orthografie – der Art, wie er geschrieben ist. Frühe Texte neigen dazu, fehlerhafte Doppelkonsonanten zu haben, was bedeutet, dass der Schreiber sie nicht beide geschrieben hat. Man muss einfach herausarbeiten, ob sie doppelt oder einfach sein sollten. Deshalb hattest du übrigens in deiner Übersetzung ›geschlafen‹ statt ›bepflanzt‹. Du wusstest nicht, dass der Schreiber im Verb ein verdoppeltes M gemeint hat. Und diese Tafeln sind so archaisch, dass sie Zeichen für dreiradikalige Wurzeln verwenden, die für jedes von einem Dutzend Nomen oder Verben stehen könnten, die aus jener Wurzel gebaut werden.«

Cora wirkte verwirrt. »Woher soll man wissen, welches es ist?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Man rät.«

Ihre Verwirrung verwandelte sich zu aufrichtigem Ärger. Meine Hand zur Sonne: Ich habe nie im Leben jemanden gesehen, der von Orthografie so erzürnt wurde. »Drakoneisch ist so«, sagte ich, als könne eine weitere Erklärung sie besänftigen. »Manchmal soll man ein bestimmtes Schriftzeichen als seine wörtliche Bedeutung lesen, zum Beispiel galbu für ›Herz‹. Manchmal soll man es stattdessen für seine Silbenbedeutung lesen, lal. Und manchmal ist es ein Determinativ – was bedeutet, dass man es überhaupt nicht ausspricht. Es ist nur da, um einem etwas über den nächsten Teil zu verraten. Der Herz-Determinativ bedeutet, dass was auch immer folgt eine Person oder Personen sind, selbst wenn es nicht so aussieht. ›Drei Herzschilfer‹ sind eigentlich ›drei Völker‹ im Sinn von Rassen oder Nationalitäten.«

Cora machte einige Male den Mund auf und zu, während sie nach Worten suchte. Schließlich fragte sie: »Wie kann irgendjemand diese Sprache lesen?«

»Mit großen Schwierigkeiten«, sagte ich schulterzuckend. »Jetzt weißt du, warum ich nicht einfach diese Tafeln nehmen und sie wie eine Speisekarte in einem thiessischen Restaurant vorlesen kann.«

»Ja, aber wie haben die sie gelesen? Die antiken Drakoneer?«

Ich lachte. »Genauso wie wir es tun. Einer der ersten Texte, die Großpapa komplett übersetzt hat, stellte sich als Brief von einem jungen Anevrai-Schreiber an den Priester in seinem Heimatdorf heraus, in dem er sich beschwert, wie sehr er es hasst, die Determinative zu lernen, und wie gnadenlos sein Lehrer ihn drischt, wenn er beim Vorlesen einen verdoppelten Konsonanten übersieht.«

»Das ist völlig irrational«, sagte Cora zornig. »Es muss so viele Möglichkeiten geben, die Bedeutung falsch herauszulesen.«

»Ja, aber allgemein wird einem nach einer Weile bewusst, dass man es tatsächlich falsch verstanden hat. Wir würden weniger Fehler machen, wenn wir die Sprache fließend sprechen würden, wie die Schreiber der Antike, aber natürlich müssen wir gleichzeitig auch den Wortschatz herausarbeiten. Wir sind seit dem Kataraktstein weit gekommen, wohlgemerkt – wir können jetzt ziemlich viel lesen. Aber es geht immer noch langsam.«

Ich glaube nicht, dass ich sie von irgendetwas überzeugt habe, obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht sicher bin, ob es irgendetwas gibt, von dem ich sie überzeugen könnte. Die drakoneische Schrift ist wirklich ziemlich irrational, wenn man sie sich ansieht. Aber es war das erste Mal, dass irgendjemand irgendwo auf der Welt die Schrift erfunden hatte, und wir können ihnen nicht vorwerfen, dass sie beim ersten Versuch keine sehr gute Arbeit geleistet haben.

Und wenn man darüber nachdenkt, haben sie ausreichend gute Arbeit geleistet, dass ihre Texte über Jahrtausende überlebt haben und wir sie heute immer noch lesen können – wenn auch mit sehr viel Mühe. Ich wäre glücklich, wenn irgendetwas, das ich tue, ein Tausendstel so lange überdauert!