Legend of the Five Rings: Die Nachtparade der 100 Dämonen - Marie Brennan - E-Book

Legend of the Five Rings: Die Nachtparade der 100 Dämonen E-Book

Marie Brennan

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Beschreibung

Ein spannendes, episches Fantasy-Abenteuer in der Welt des Brettspiels Legend of the Five Rings. Zwei rivalisierende Clans tun sich zusammen, um einem tödlichen, übernatürlichen Geheimnis auf den Grund zu gehen. In der isolierten Siedlung Seibo Mura des Drachenclans ist Chaos ausgebrochen. Während des Vollmonds wüten furchterregende Kreaturen durch das Dorf und sorgen für Zerstörung und Tod. Als der Drachensamurai Agasha no Isao Ryōtora losgeschickt wird, um der Sache auf den Grund zu gehen, sieht er sich noch größeren Gefahren entgegen, als er erwartet hatte. Um das Dorf zu retten, muss er sich seiner eigene schmerzhafte Vergangenheit stellen – ganz zu schweigen von dem unerwarteten Besucher vom Phönixclan, Asako Sekken, der seine eigenen Geheimnisse zu verbergen hat. Die Aufgabe, Seibo Mura zu retten, wird die beiden Samurai in die Tiefen der vergessenen Geschichte und in das sich wandelnde Terrain der Geisterreiche führen … wo sie sich einem uralten, fürchterlichem Übel entgegenstellen müssen.

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Seitenzahl: 473

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Die Nachtparade der 100 Dämonen

MARIE BRENNAN

Ins Deutsche übertragen vonWibke Sawatzki

Die deutsche Ausgabe von LEGEND OF THE FIVE RINGS: DIE NACHTPARADE DER 100 DÄMONEN wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler, Übersetzung: Wibke Sawatzki; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Katrin Aust; Korrektorat: Peter Schild;

Satz: Rowan Rüster; Layout: Sina Keller; Cover-Illustration: Nathan Elmer, Karte: Francesca Baerald

Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice. Printed in the EU.

Titel der Originalausgabe:

LEGEND OF THE FIVE RINGS: THE NIGHT PARADE OF 100 DEMONS

First published by Aconyte Books in 2021

Aconyte Books is an imprint of Asmodee Entertainment Ltd

Copyright © 2022 Fantasy Flight Games. All rights reserved.

Descent: Journeys in the Dark and the FFG logo are trademarks of Asmodee Group or affiliates.

German translation copyright © 2022 Cross Cult.

Print ISBN 978-3-96658-856-0 (Mai 2022)

E-Book ISBN: 978-3-96658-857-7 (Mai 2022)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für die treuen Mitglieder des Eulen-Klans

Inhalt

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel Vierundzwanzig

Kapitel Fünfundzwanzig

Kapitel Sechsundzwanzig

Kapitel Siebenundzwanzig

Glossar der 100* Dämonen

Danksagungen

Kapitel Eins

Die Straße nach Seibo Mura war steil und verdiente kaum diese Bezeichnung. Etwa alle halbe Meile seufzte Ryotoras Ponystute tief, wie um ihren Reiter daran zu erinnern, dass sie ausgesprochen hart arbeitete und ja wohl eine Pause verdient hatte. Wenn er dann ihren Hals tätschelte, trabte sie ganz unschuldig in Richtung des nächsten essbaren Fleckens Grün, bis er mit der Zunge schnalzte und an den Zügeln zog, um sie wieder auf Kurs zu bringen.

Immerhin war sie gesprächiger als die zwei Ashigaru, die ihn begleiteten. Der eine trottete vor ihm her, der andere hinter ihm, und selbst jetzt noch, nachdem sie fünf Tage unterwegs waren, hatte Ryotora Schwierigkeiten, sie auseinanderzuhalten. Einer hieß Ishi, der andere Taro, aber sie hatten die gleichen kantigen Kiefer, das gleiche dünner werdende Haar, die gleichen von Wind und Wetter gegerbten Züge, die sie so hart wirken ließen wie der Fels, der sie umgab. Am ersten Morgen, als sie aufgebrochen waren, hatte Ryotora den Versuch gewagt, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, aber seine Höflichkeitsfloskeln hatten in seinen eigenen Ohren so steif und unbeholfen geklungen, dass er am liebsten im Boden versunken wäre, und so hatte er es schnell aufgegeben.

Es war ihm noch nie leichtgefallen, mit dem einfachen Volk zu reden, schon unter normalen Umständen nicht, und noch viel weniger jetzt, auf dem Weg nach Seibo Mura.

Auf dem Weg zurück nach Seibo Mura.

Die Seufzer des Ponys wurden weniger, da es inzwischen all seine Aufmerksamkeit darauf verwenden musste, einen Weg den steinigen Abhang hinunter zu finden, der mehr wie eine Abflussrinne als wie eine Straße aussah. Ishi – oder auch Taro – hüpfte geschmeidig wie ein junges Zicklein von einem Stein zum nächsten, wobei er immer genug Abstand hielt, falls das Pony stolperte. Dieser Gedanke ließ Ryotora schaudern und bei nächster Gelegenheit zügelte er sein Reittier und stieg ab. Taro – oder doch Ishi – nahm die Zügel und Ryotora folgte dem Pony und den beiden Bauern zu Fuß. Dabei schluckte er einen derben Fluch hinunter, als er auf einem Stein umknickte und sich den Knöchel verdrehte.

Als sie unten ankamen, hielt ihm einer der Ashigaru die Zügel, damit Ryotora wieder aufsteigen konnte. Der andere fragte: »Wünschen der Herr weiterzureisen oder einen Lagerplatz für die Nacht zu suchen?«

Ryotora war keine zarte Blume aus dem Flachland. Seine Pflicht brachte ihn oft in die abgelegenen Provinzen des Drachen-Klans, von einem Bauerndorf zum nächsten. Aber während der letzten zwei Tage waren sie auf gar kein Dorf mehr gestoßen und gezwungen gewesen, unter freiem Himmel zu nächtigen. Selbst im Hochsommer war das nicht besonders angenehm, schon gar nicht, wenn die Wolken über den Berggipfeln Ryotora verrieten, dass sich ein Sturm zusammenbraute.

»Wir reisen weiter«, beschloss er schließlich und hoffte, dass er es nicht bereuen würde. »Bis zum Einbruch der Nacht sollten wir Seibo Mura erreicht haben.«

Und das hätten sie auch, wenn die Straße in einem passablen Zustand gewesen wäre. Aber sie war so schlecht gepflegt, dass Ryotora einen ebenen Streifen Erde für den eigentlichen Weg hielt und seinen Fehler erst bemerkte, nachdem sie schon wertvolles Tageslicht damit verschwendet hatten, in die falsche Richtung weiterzugehen. Auf dem Rückweg gerieten sie in das Unwetter.

Ryotora kauerte sich unter seinem Umhang aus Stroh zusammen und versuchte, dieses Pech nicht als schlechtes Omen zu sehen. Aber diese Reise hatte sich von Beginn an schon wie verflucht angefühlt. Wenn ich bloß nicht in Heibeisu gewesen wäre, als die Nachricht kam …

Er wischte sich das Regenwasser von der Nasenspitze und versuchte, solche Gedanken zu verdrängen. Dies war seine Pflicht und Bedauern war eine der Drei Sünden. Wenn es der Willen der Glücksgötter war, dass er nach Seibo Mura zurückkehrte, dann sei es so.

Durch die finsteren Wolken und die hohen Berge, die sie umgaben, wurde es schnell dunkel, und die schmale Mondsichel am Himmel konnte man kaum erkennen. Ryotora hätte seinen Plan, das Dorf noch zu erreichen, gern aufgegeben und ein Lager aufgeschlagen, aber er konnte keinen passenden Unterschlupf erkennen. Irgendwann stieg er wieder ab und führte das Pony am Zügel, ließ es das Tempo bestimmen, während es in der immer finsterer werdenden Nacht vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Er versuchte, dankbar zu sein, dass das Regenwasser wenigstens seinen schmerzenden, vertretenen Knöchel kühlte. Wenn sie nicht bald Schutz vor diesem Unwetter fanden, hätten sie keine andere Wahl, als einfach dort anzuhalten, wo sie gerade standen, und es vorbeiziehen zu lassen.

Zumindest war der Boden hier ebener. Und in nicht allzu großer Ferne glaubte Ryotora, Lichter schimmern zu sehen.

Irrlichter?, fragte er sich. Diese Lichter führten Wanderer auf den falschen Weg – oder über Klippen. Aber er hatte das Gefühl, als hätten sie den Talboden erreicht, und glaubte, das warme Glühen echter Fackeln zu erkennen.

Ohne Vorwarnung griff einer der Ashigaru in sein Bündel und hielt so schnell seinen Speer bereit, dass das Pony zu tänzeln begann. Einen Moment später rief jemand von den Bäumen herunter: »Halt! Gebt Euch zu erkennen!«

Ryotora versuchte, seinen rasenden Puls zu beruhigen. Gerade noch hatte er an Irrlichter und dergleichen gedacht und wenn man bedachte, welche Geschichte man ihm in Heibeisu erzählt hatte … Aber die Stimme hatte jung geklungen und einen starken nördlichen Akzent gehabt. Auch wenn der Besitzer sich alle Mühe gegeben hatte, war es ihm doch nicht ganz gelungen, wild entschlossen zu klingen. Ein Wächter, erkannte er. Und ein sehr pflichtbewusster, dass er auch bei diesem Wetter noch hier draußen Wache hält.

Er sah auf und versuchte, so gut er es in diesem Regenguss konnte, sein Gesicht zu zeigen. »Ich bin Agasha no Isao Ryotora und wurde aus Heibeisu geschickt, nachdem wir Eure Nachricht erhalten hatten. Die beiden Ashigaru, die mich begleiten, sind Ishi und Taro.« Stumm schwor er den Glücksgöttern, dass er lernen würde, die beiden auseinanderzuhalten.

Seinen Worten folgte ein Moment des Schweigens, dann raschelte etwas und mit einem dumpfen Geräusch ließ sich der Wächter schließlich aus der Krone einer nahen Schierlingstanne fallen. Ryotora konnte nicht viel erkennen, aber jetzt, da die Stimme nicht mehr so herausfordernd erhoben war, klang sie weiblich. »Nur Ihr?«

»Und die beiden Ashigaru«, sagte Ryotora, auch wenn er sich selbst nicht recht vorstellen konnte, wozu sie gut sein sollten. Es kam wohl darauf an, was hier in Seibo Mura vor sich ging.

Für einen Augenblick stand sie stumm da. Als sie schließlich wieder sprach, klang sie enttäuscht. »Ich führe Euch zu Oganos Haus.«

»Müsst Ihr nicht hierbleiben und Wache halten?«

»Nein.« Sie klang noch geknickter. »Ich sollte nach Euch Ausschau halten, nicht nach den Monstern.«

Selbst im Dunkeln und im Regen konnte Ryotora sehen, wie viel Schaden das Dorf genommen hatte. Das Licht, das in einigen Häusern entzündet worden war, ließ die Umrisse eines verbrannten Gebäudes erkennen, dessen verkohlte Bretter anklagend gen Himmel ragten. Ihre Führerin murmelte eine knappe Warnung und führte sie um ein Loch herum, das in den Boden gerissen worden war. Hastig gefällte Baumstämme stützten das Dach eines anderen Hauses, dessen Seitenwand fehlte.

Das Haus, zu dem die junge Frau sie brachte, war vermutlich das größte im Dorf. Aus den zerbrochenen Fenstern drang so viel Licht auf die Terrasse, als würde der Besitzer sich keine Gedanken darum machen, Lampenöl für den Winter zu sparen. Als würde er nicht erwarten, dann noch am Leben zu sein.

Ryotoras Führerin klopfte an die Tür, aber niemand reagierte. Er glaubte allerdings, vom Rauschen des Regens gedämpfte Stimmen im Inneren auszumachen. Die junge Frau klopfte noch einmal und kurz darauf rief ein nervös klingender Mann: »Wer ist da?«

»Rin«, antwortete das Mädchen, »mit einem Samurai aus dem Süden.«

Die Stimme klang jetzt näher, aber noch immer wurde die Tür nicht geöffnet. »Woher weiß ich, dass du es wirklich bist?«

»Weil wir noch nicht Vollmond haben.« In ihrem Tonfall klang das »du Idiot« fast hörbar mit.

Das schien ihn immerhin so weit zu überzeugen, dass er die Tür entriegelte, aber sie wurde nur einen Spaltbreit geöffnet. Auch wenn Ryotora nicht mehr erkennen konnte als einen Schemen, fühlte er, wie er misstrauisch gemustert wurde. »Wie heißt Ihr? Und wer schickt Euch?«

Ryotora stellte sich auch ihm vor und fügte hinzu: »Ich wurde vom Statthalter von Heibeisu gesandt.«

»Das könnte eine Lüge sein«, entgegnete der Mann. »Ich kenne die Geschichten. Frauen, die einen Unterschlupf vor dem Schnee suchen. Weinende Babys auf den Feldern. Alles Tricks, damit wir in unserer Wachsamkeit nachlassen.«

Yokai. Viele Leute begegneten diesen Wesen nur in den Geschichten, die man sich nachts am wärmenden Herd erzählte. Aber wenn an den Berichten aus Seibo Mura etwas dran war, hatte dieser Mann recht, misstrauisch zu sein.

»Ich werde zu den Kami beten«, sagte Ryotora. »Ihre Antwort wird darin bestehen, dass …« Was sollte er nehmen? Was würde der Mann nicht als ein Zeichen deuten, dass er ein Yokai war? Ryotora ließ den Blick schweifen und entdeckte eine kaputte Spitzhacke auf dem Boden, die Art Werkzeug, wie sie ein Bergarbeiter bei der Arbeit brauchte – oder um sich zu verteidigen. »Der Stiel dieser Spitzhacke wird wieder ganz sein.«

Er sank auf die Knie, führte die Hände zu einer heiligen Mudra zusammen und murmelte ein Gebet. Dann legte er die Handflächen auf die Bruchstücke, legte sie wieder zusammen, riss sich ein paar Haare aus und wand sie um den Schaft. Die Erd-Kami im Holz erinnerten sich daran, dass sie einst ein ganzer Stock gewesen waren, der an einem Baum gewachsen war. Es war nicht schwierig, sie davon zu überzeugen, wieder zusammenzuwachsen.

Als er die schwere Spitzhacke hob, entfuhr dem Mädchen ein Laut der Überraschung. Ryotora hatte sich zwar als ein Agasha vorgestellt, aber nicht alle dieses Namens waren Shugenja, schon gar nicht in den Vasallenfamilien. Und es war durchaus denkbar, dass diese Leute selbst ein so kleines Wunder noch nie gesehen hatten.

Doch der Mann klang ganz und gar nicht beeindruckt. »Na, dann kommt mal herein.«

Ein solches Haus auf dem Lande hatte keinen gesonderten Eingang für Ehrengäste. Ryotora murmelte eine förmliche Entschuldigung für sein Eindringen, als er den Lehmboden des Arbeitsbereichs betrat. Links von ihm befand sich eine Erhebung aus hölzernen Planken. In der eingelassenen Feuerstelle flackerte fröhlich ein Feuer – die Lichtquelle, die von draußen zu sehen gewesen war. Aber die Schiebetüren, die zum Rest des Hauses führten, waren geschlossen und Ryotora sah sonst niemanden.

Das kam ihm seltsam vor. Der Dorfvorsteher, und mit diesem hatten sie es offensichtlich zu tun, sollte zumindest einige Diener haben, ganz zu schweigen von seiner Familie.

Nachdem Ryotora sich den Regen aus den Augen gewischt hatte, sah er, dass seine Führerin ein Mädchen von höchstens vierzehn Jahren war. Die Haare hatte sie über einer Schulter zu einem Zopf geflochten und in der Hand hielt sie eine kurze Schleuder. Der Mann war irgendwo zwischen dreißig und sechzig Jahre alt und hätte ein Cousin von Ishi und Taro sein können. »Nur einer?«, fragte er jetzt. Rin und den Aufzeichnungen in Heibeisu zufolge hieß er Ogano und war der Vorsteher von Seibo Mura. Davon, dass er so unhöflich war, hatte in den Aufzeichnungen allerdings nichts gestanden.

»Und zwei Ashigaru.« Ryotora deutete mit dem Kopf auf Ishi und Taro.

»Ashigaru sind vielleicht so viel wert wie ein Viertel Bushi. Allerhöchstens ein halber. Und ein Bushi war uns beim letzten Mal keine Hilfe.«

Die Unruhen in Seibo Mura hatten vor über einem Monat begonnen. Ein panischer Bote war nach Heibeisu gekommen und hatte etwas von Monstern und Geistern geplappert, die das Dorf auseinandernahmen. Der Statthalter hatte einen Beamten geschickt, um sich die Sache anzusehen: den Bushi Mirumoto Norifusa. Aber das Chaos hatte nur drei Nächte gedauert. Bis Norifusa angekommen war, war schon alles vorbei gewesen. Er hatte die Gegend abgesucht und keine Hinweise auf irgendetwas Ungewöhnliches gefunden. Also war er nach Heibeisu zurückgekehrt und hatte das Ganze als tragischen, aber letztlich unerklärlichen Vorfall abgetan.

Und jetzt, einen Monat später, war es wieder passiert.

»Ich versichere Euch, Vorsteher, dass ich mein Bestes tun werde, um …«, begann Ryotora.

»Um was? Unsere Toten wieder zum Leben zu erwecken? Die Häuser wiederaufzubauen, die die Monster zerstört haben, die Minenschächte, die sie zum Einsturz gebracht haben? Wenn Ihr Wunder dieser Größenordnung vollbringt, Shugenja, dann bin ich der Erste, der sich vor Euch verneigt.«

Nichts an Ogano deutete auf eine Verneigung hin. In anderen Gegenden des Reichs hätte ihm ein derart unverschämtes, feindseliges Verhalten gegenüber einem Höhergestellten durchaus Prügel eingebracht. Er hätte sofort anbieten sollen, den Mantel des Samurai aufzuhängen, hätte ihm ein Handtuch bringen sollen, damit er sich abtrocknen konnte, und ihm einen Platz am Feuer zuweisen sollen. Stattdessen warf er Ryotora vor, nutzlos zu sein, während dieser den Lehmboden des Arbeitsbereichs volltropfte.

Aber so dunkel es draußen auch war, hatte Ryotora genug gesehen, um zu begreifen, welche Schrecken die Bauern von Seibo Mura durchgemacht hatten. Sie waren an lange Winter gewöhnt, schwere Schneefälle, Lawinen, Steinschläge und die Gefahren, die ein Leben in den Minen mit sich brachte. Aber diese »Monster«, ob sie nun Yokai waren oder nicht, waren etwas ganz anderes.

»Ich werde mein Bestes tun«, wiederholte Ryotora. »Wenn es bei dem bisherigen Muster bleibt, habt Ihr bis zum nächsten Vollmond nichts zu befürchten, aber ich würde mich nicht darauf verlassen. Morgen werde ich damit beginnen, jeden einzelnen Einwohner dieses Dorfes, ob jung oder alt, zu befragen, um so viel wie möglich über die Vorfälle zu erfahren. Und ich werde eine Verteidigung aufbauen, damit Ihr, wenn das Problem zurückkehrt, besser darauf vorbereitet seid.«

Ogano runzelte die Stirn. »Verteidigung. Na, das ist immerhin mehr, als der andere uns angeboten hat.«

Hinter einer der Schiebetüren erhob sich eine neue Stimme: »Ich nehme an, damit meint Ihr den vorherigen Bushi?«

Die Tür glitt zur Seite und gab den Blick frei auf einen weiteren Mann. Er war zu gut gekleidet, um ein Einwohner von Seibo Mura zu sein, in einen Kimono, der am Saum mit Ranken bestickt war. Hinter ihm kauerten all die Leute, die Ryotora in einem derartigen Haushalt erwartet hatte: eine Frau, vermutlich Oganos Ehefrau, vier Kinder und ein älteres Pärchen, das er für Diener hielt. Der Mann, der gesprochen hatte, machte eine beruhigende Geste und schob die Tür hinter sich wieder zu, als könnten dünnes Papier und Holz irgendeine Form von Schutz bieten, falls sich Schwierigkeiten ergaben.

»Asako Sekken.« Er verneigte sich. »Aus der Stadt der Geschützten Ebenen. Meine Mutter ist dort die Verwalterin der Kanjiro-Bibliothek. Und wer seid Ihr?«

Er musste gehört haben, wie Ryotora sich draußen vorgestellt hatte, aber es wäre unhöflich gewesen, die Formalitäten einfach zu übergehen. Und wie elegant er sich verbeugte … Sein Benehmen war so formvollendet, als stünden sie im Haus eines Daimyo statt eines Dorfvorstehers. Was tat ein Mitglied des Phönix-Klans hier?

Zum dritten Mal nannte Ryotora seinen Namen und verhaspelte sich beinahe. Es war, als wäre alles an Asako Sekken bewusst darauf angelegt, ihn aus dem Konzept zu bringen. Ein Samurai einer einflussreichen Familie statt eines bloßen Vasallen, ein wohlerzogener Höfling statt eines umherziehenden Shugenja, ein Außenstehender in einem Dorf, das an Problemen litt, von denen kein Außenstehender etwas hätte wissen sollen.

Und mit seinem spitzen Kinn, den geschwungenen Augenbrauen, den schmalen Händen und Handgelenken, die bei jeder Geste zu tanzen schienen … erinnerte er Ryotora zu sehr an Hokumei.

»Es ist mir eine Freude, Euch kennenzulernen, Herr Ryotora.« Der Asako verneigte sich abermals. »Ich kam letzte Nacht an und fürchte, ich habe den Raum erhalten, der Euch zugedacht war. Aber viereinhalb Matten sollten für uns beide reichen. Ich verspreche, ich nehme nicht zu viel Raum ein. Oder wir könnten unsere Futons stattdessen in diesem Raum niederlegen.« Er deutete auf das große Zimmer hinter sich, in dem sich nach wie vor Oganos Familie und Angestellte versteckten.

Ryotora gelang es endlich, sich zu sammeln. »Verzeiht, Herr Asako, aber was bringt Euch in dieses Dorf?«

»Nun, dasselbe wie Euch, nehme ich an. Das, was hier neulich vorgefallen ist.«

»Also weiß der Phönix-Klan darüber Bescheid?«

Das hatte etwas zu vorwurfsvoll geklungen, aber Sekken lächelte lediglich. »Zumindest einer von uns.«

Das war nicht besonderes beruhigend. Der Drachen- und der Phoenix-Klan kamen gut miteinander aus und hatten einige Gemeinsamkeiten, wie ihr Interesse an der Spiritualität. Aber wie viele Nachbarn stritten sie sich gelegentlich über die immer gleichen Punkte innerhalb dieser gemeinsamen Interessen, zum Beispiel, wenn der Drachen-Klan etwas einfach durchgehen ließ, was der Klan des Phönix als ketzerisch betrachtete. Oder wenn die Isawa beschlossen, dass sie, als die größte Familie von Shugenja im Reich, als Einzige in der Lage seien, mit gewissen Dingen angemessen umzugehen.

Er ist kein Isawa. Das bedeutete, dass Sekken immerhin keiner der schlimmsten Angehörigen des Phönix-Klans war, der in Seibo Mura hätte auftauchen können.

Bevor Ryotora jedoch etwas antworten konnte, wandte Sekken sich an Ogano: »Ich glaube, wir können uns sicher sein, dass er kein bösartiger Gestaltwandler ist, nicht wahr? Was bedeutet, dass wir Eure Familie aus ihrem Versteck lassen können. Kommt heraus!« Die letzten Worte hatte Sekken an die Leute im Raum hinter sich gerichtet. Er hatte die Tür einfach wieder geöffnet, ohne Oganos Antwort abzuwarten.

Das ist immerhin mehr, als der andere uns angeboten hat. Ogano hatte nicht von Mirumoto Norifusa gesprochen, sondern von diesem unerwarteten und ungebetenen Gast aus dem Phönix-Klan.

Die Frauen und Kinder krabbelten auf den Holzboden des Hauptwohnraums hinaus und verneigten sich dabei so tief, dass ihre Köpfe die polierten Dielen berührten. Wenn man bedachte, wie abgelegen Seibo Mura lag, war es durchaus möglich, dass keiner von ihnen je zwei Samurai gleichzeitig gesehen hatte.

Eine Weile lang wirkte alles wie in einem ganz normalen, geschäftigen Haushalt. Die ältere Frau ging nach draußen, um sich um Ryotoras Pony zu kümmern, während die Ehefrau ihm ein Handtuch brachte und sich dann rasch an den Herd im Arbeitsbereich zurückzog, um ihren neuen Gästen eine Mahlzeit zuzubereiten. Dabei half ihr der ältere Sohn. Das pausbäckige jüngere Kind, dessen Geschlecht Ryotora nicht erkennen konnte, saß nahe der Feuerstelle und starrte ihn unentwegt an.

Der ältere Mann mit dem schütter werdenden Haar stellte sich als Sekkens Diener Jun vor. Sekken trug ihm auf, einiges von seinem Gepäck in einen anderen Raum zu bringen, um Ryotora Platz zu machen. Währenddessen stand Ogano mit verschränkten Armen und finsterer Miene da, in seinem eigenen Haus zum Zuschauer degradiert.

Ryotora hatte das Gefühl, er müsste daran etwas ändern, aber er konnte nicht entscheiden, was. Es kostete ihn all seine Willenskraft, nicht in Oganos kantiges Gesicht und auf Rins sture Kinnpartie zu starren, während er sich fragte: Könnte dieser Mann mein Vater sein? Ist das Mädchen meine jüngere Schwester?

Als der Statthalter Ryotora die Aufgabe übertragen hatte, sich um die Angelegenheiten in Seibo Mura zu kümmern, war ihm nicht klar gewesen, dass er Ryotora damit in das Dorf zurückschickte, in dem er geboren war. Von solchen Dingen sprach man nicht.

Ryotora betete, dass ihn hier niemand erkannte – oder dass derjenige es zumindest für sich behielt. Er wollte auf keinen Fall, dass Asako Sekken irgendetwas von seiner Geschichte mitbekam. Ryotora würde bereits alle Hände voll zu tun haben, die Ursache für diese Unruhen herauszufinden und zu beseitigen, ohne dass sich ein neugieriger Angehöriger des Phönix-Klans einmischte.

Am besten komplimentiere ich ihn von hier weg, dachte Ryotora. Dann kümmere ich mich um das Problem und verschwinde so schnell wie möglich.

Aber er bezweifelte, dass es so einfach werden würde.

Kapitel Zwei

Zum ersten Mal seit Monaten schlief Sekken bis zum Morgen durch.

Gegen Tagesanbruch erwachte er verwirrt. Sein Bewusstsein brauchte nach dem Aufwachen immer einige Augenblicke, um seinen Körper einzuholen. Erst recht hier, da er beinahe erwartete, ein geisterhaftes Gewicht auf der Brust zu spüren, unsichtbare Fesseln, die ihn banden. Aber er konnte sich frei bewegen und das einzige andere Lebewesen im Raum war der Shugenja des Drachen-Klans, der gerade außer Reichweite auf einem zweiten Futon lag.

Langsam atmete Sekken aus. Eine ungestörte Nacht. Was hatte das zu bedeuten?

Auch wenn Ogano der Ortsvorsteher dieses Dorfes war, sein Haus war doch ein einfaches, bäuerliches Gebäude. Bei seiner Errichtung war sicher mehr darauf geachtet worden, dass es dem winterlichen Wetter standhielt, als auf eine elegante Erscheinung. Der Raum, in dem Sekken und Isao Ryotora geschlafen hatten, wies an den Außenwänden keine durchscheinenden Papierschirme auf, sondern ausschließlich hölzerne Fensterläden, durch die so gut wie kein Licht drang. Ist der Raum irgendwie mit Schutzzaubern versehen?, überlegte Sekken kurz, verwarf den Gedanken dann aber wieder. Er hatte in vielen derart geschützten Räumen geschlafen, seit seine Probleme begonnen hatten, und nichts davon hatte geholfen. Ein paar abgelegene Bauern aus dem Drachen-Klan kannten wohl kaum eine Technik, die den Isawa unbekannt war.

Eine Nacht ungestörten Schlafs nach so langer Zeit fühlte sich wie reinster Luxus an. Sekken gähnte, kratzte sich mit den Fingernägeln die Bartstoppeln am Kinn und streckte sich. Dabei schleifte er mit den Fersen über die Tatami-Matte unter seinem Futon.

Die wenigen Lichtstrahlen, die durch die Ritzen in den Fensterläden drangen, waren so blass, dass der Sonnenaufgang noch nicht lange her sein konnte. Das war einer der vielen Gründe, warum er nie zu den Höflingen passen würde. Während seiner Ausbildung hatten ihn seine Kameraden immer gehänselt, warum er denn nicht gleich mit den Bushi trainieren ging, wenn er so früh aufstehen wollte. Die Gelehrten von Asako waren zwar nicht so faul wie die Doji, die angeblich nur dann vor Mittag aufstanden, wenn es gar nicht anders ging, aber sie mussten sicherlich auch nicht mit dem ersten Hahnenschrei aufspringen.

Sekken dagegen wachte von allein früh auf. Das war schon immer so gewesen. »Von Amaterasu Omikami gesegnet«, hatte seine Mutter immer gesagt. Selbst wenn er schlecht geschlafen hatte, mit Tagesanbruch erwachte er.

Der Shugenja neben ihm schien nicht auf diese Art gesegnet zu sein. Sekken hoffte, dass der Mann nicht immer so einsilbig war wie gestern Abend. Aber zugegeben, wenn Sekken wie ein begossener Pudel hier angekommen wäre, nur um festzustellen, dass ein anderer Samurai bereits auf ihn wartete und diesen peinlichen Moment mitbekam, wäre er auch etwas kurz angebunden gewesen. Während der Nacht war Isao Ryotoras Haar getrocknet und lag jetzt wie ein Fächer auf seinem Futon und der Tatami-Matte. Beinahe hätte Sekken sich beim Aufstehen darauf gestützt. Es ließ die kantigen Züge des Mannes weicher aussehen, die gestern so unnachgiebig wie die Berge selbst gewirkt hatten.

Ryotora wäre sicher nicht begeistert, wenn sein ungebetener Mitbewohner ihn auch noch aus dem Schlaf riss. Also erhob Sekken sich so leise wie möglich, zog seinen Kimono von dem Gestell, auf das er ihn gestern Abend gehängt hatte, und band seinen Gürtel mit einem einfachen Knoten zu. Hakama und eine kurze Robe wären in einem Dorf wie diesem sicher passender gewesen, aber sein Gepäck befand sich anderswo – wo auch immer Jun es hingeräumt hatte.

Die Tür zum Wohnraum quietschte, als Sekken sie aufschob, und er verzog das Gesicht. Glücklicherweise rührte Ryotora sich nicht. Eilig trat er auf den polierten Holzboden hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Oganos Ehefrau kam gerade die steile Holztreppe hinunter, die auf den Dachboden des Bauernhauses führte. Dorthin hatten sie und der Rest der Familie sich gestern Abend zurückgezogen. Nur Ogano selbst schlief gemeinsam mit Jun und den beiden Dienern des Shugenja im anderen Schlafraum.

Als die Ehefrau Sekken sah, verfehlte ihr Fuß die unterste Stufe und sie wäre beinahe gestürzt. Instinktiv sprang er vor, aber sie fing sich wieder, erreichte den sicheren Boden und kniete prompt darauf nieder, wobei sie das Gesicht auf die Bretter neigte. »Verzeiht, wenn ich Euch gestört habe, Herr.«

Der Akzent der Bergbauern aus dem Drachen-Klan unterschied sich von dem der Bergbauern aus dem Phönix-Klan, aber Sekken konnte ihn dennoch gut verstehen. Seine erste Anstellung nach seinem Gempuku war bei einer Gelehrten gewesen, die die Dialekte Rokugans studiert hatte. Sie hatte gesagt, dass die Worte einiger überlieferter Lieder die Veränderung in der Aussprache der Rokuganer in den letzten tausend Jahren zeigten, seit die großen Kami gefallen waren. Diese Behauptung grenzte für diejenigen, die darauf bestanden, dass das Reich unter seinen frühen Herrschern bereits Perfektion erreicht und sich danach nicht mehr verändert hatte, oder denjenigen, die fanden, dass jede Abweichung von der Lebensweise ihrer Vorfahren unverzeihlich war, schon an Ketzerei. Es war albern, sich deswegen in die Haare zu bekommen, aber eines Tages war seine Vorgesetzte bei Hofe mit dem falschen Matsu aneinandergeraten. Sekkens Familie hatte eilig alle möglichen Gefallen einfordern müssen, um zu verhindern, dass er gemeinsam mit ihr an einen abgelegenen Außenposten versetzt wurde.

Wieder einmal hatte er sich in seinen Gedanken verloren und Oganos Ehefrau kniete noch immer auf dem Boden. »Ihr habt mich nicht geweckt«, beruhigte er sie. »Ich stehe immer früh auf. Kann ich hier ein Frühstück bekommen oder …« Er verstummte. Gasthäuser waren diesem Ort so fremd wie der Ozean und es gab hier, anders als in den Klöstern, die er besucht hatte, auch keinen gemeinsamen Speisesaal. Wenn er in diesem Haus kein Frühstück bekommen konnte, dann nirgends, außer er spazierte hinaus und suchte sich einen Beerenstrauch. Jun war ein treuer Diener, aber ein furchtbarer Koch.

»Ich wollte gerade das Feuer entfachen.« Die Frau lag immer noch auf dem Boden, was völlig absurd war – aber zu spät begriff Sekken, dass sie wahrscheinlich einmal im Jahr einem Samurai begegnete, falls überhaupt. Sie wusste nicht, was angebracht war und was nicht.

»Bitte steht auf«, sagte er. »Ihr müsst Euch nicht jedes Mal derart verbeugen, schon gar nicht, wenn ich hier wohnen soll, solange ich in Seibo Mura bin. Sonst bekommt Ihr ja nie etwas erledigt.«

Sie erhob sich mühsam, verneigte sich ungeschickt und schob ihre Füße in die groben Strohsandalen, die auf dem Lehmboden bereitstanden. Um sie während ihrer Arbeit nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, zog Sekken seine Sandalen ebenfalls an und ging nach draußen.

Nach der Dunkelheit im Inneren des Hauses erschien es ihm, als bohre sich eine Lanze aus Licht in seinen Schädel, aber er atmete die kühle Bergluft tief ein, hob das Gesicht und empfing die Berührung der Sonne. Als er die Augen wieder öffnete, bot sich ihm ein atemberaubender Blick: die zerklüftete Erhebung des Großen Walls im Norden, hier von dichten Bäumen bewachsen, dort ein kahler Fels, der sich dem Himmel entgegenstreckte. Im Westen ergoss sich ein Wasserfall über einen Felsvorsprung und etwas nördlich davon klammerten sich die Überreste eines Schreins an den Berg, als wären sie bewusst dort angebracht worden, um einen Maler zu inspirieren.

Sekken hatte keine Farbe oder Tusche dabei. Aber er könnte vielleicht einige Kohlezeichnungen anfertigen und die Szenerie zu Hause malen. Allerdings würden ihn die Leute dann fragen, wo diese Landschaft lag, und er müsste entweder lügen, indem er vorgab, sie sich ausgedacht zu haben, oder zugeben, dass er ganz woanders gewesen war als dort, wo er hätte sein sollen.

Ich habe die Erlaubnis, mich im Land des Drachen-Klans aufzuhalten, dachte er trotzig. Eigentlich stand in seinen Reisepapieren nur, dass er das Kloster der Stillen Steine aufsuchen durfte, um dort die Bibliothek zu benutzen. Nicht ein unbekanntes Dorf, das schon beinahe im Land der Yobanjin lag.

Sekken fand ein schlichtes Band in seinem Ärmel und band sich die Haare zusammen, bevor er sich zu einem raschen Spaziergang durchs Dorf entschloss. Das würde seinen Appetit anregen und der Ehefrau des Vorstehers Zeit verschaffen, das Frühstück zuzubereiten. Als Sekken am Dorfbrunnen vorbeikam, fragte er sich, welche Bademöglichkeiten es hier wohl gab – falls es überhaupt welche gab. Er bezweifelte, dass er ein Badehaus finden würde, aber vielleicht konnte er auf eine heiße Quelle hoffen.

Er war nicht überrascht, dass er nicht als Einziger wach war. Die Bauern warfen ihm unsichere Blicke zu und machten noch unsicherere Verbeugungen, während sie Wasser aus dem Brunnen holten oder verschiedene Werkzeuge schulterten. Es war aber auch noch lange nicht so geschäftig, wie man es hätte erwarten können. Seibo Mura schien ein sehr kleines Dorf zu sein.

Und das ließ sich auch nicht ausschließlich auf die Vorfälle in jüngster Zeit zurückführen. Das niedergebrannte Haus, das er gestern gesehen hatte, war eindeutig erst kürzlich zerstört worden. Aber andere Häuser schienen schon seit Jahren leer zu stehen und zu verfallen, wenn man die eingestürzten Dächer und moosbewachsenen Wände betrachtete. Ein Haus am nördlichen Rand des Dorfes war eher eine Anhäufung von Hecken und kaum noch als Gebäude erkennbar.

Das alles ließ vermuten, dass das Phänomen, worin auch immer es bestand, weiter zurückreichte, mindestens eine Generation. Nicht ganz so weit wie das, was Sekken in der Klosterbibliothek gefunden hatte, aber weiter als seine eigenen Schwierigkeiten.

Seit Monaten befiel ihn im Schlaf ein Inugami, ein Hundewesen, das auf seiner Brust saß, während ihn unsichtbare Metallbänder fesselten. Es war ihm noch nicht gelungen, den Geist zu vertreiben. Die Suche nach Antworten hatte ihn ins Kloster der Stillen Steine und zu den dortigen Aufzeichnungen geführt. Und während er dort war, hatte der Inugami ihn plötzlich drei Nächte lang unaufhörlich angebellt.

Drei Nächte, die, wie sich herausstellte, genau den drei Nächten entsprachen, in denen zum ersten Mal Seibo Mura überfallen worden war.

Das konnte kein Zufall gewesen sein. Sobald er im Kloster erfahren hatte, was hier in den Bergen geschehen war, war Sekken augenblicklich aufgebrochen, ohne auf irgendeine Erlaubnis zu warten. Auf seinem Weg in den Norden wurde er noch einmal von drei Nächten unaufhörlichen Bellens geplagt, fast genau einen Monat später. Er hatte sich gefragt, ob das bedeutete, dass es in Seibo Mura erneut Probleme gegeben hatte, und war nicht überrascht gewesen, zu erfahren, dass er richtiggelegen hatte.

Im Ort war eindeutig ein böser Zauber am Werk. Aber bis Sekken mehr erfahren hatte, insbesondere, warum ausgerechnet er in die Sache hineingezogen worden war, würde er vorgeben, sich lediglich beiläufig für die Sache zu interessieren, und abwarten, was der Shugenja aus dem Drachen-Klan herausfand.

Auf dem Rückweg zum Haus des Ortsvorstehers fielen ihm einige ungewöhnliche Dinge auf. Neben einer der Lagerhallen stand eine Eberesche, die kahl und verkümmert aussah, als hätte sie Frost abbekommen. Dabei sollte sie jetzt, mitten im Sommer, voller frischer, grüner Blätter sein. In der Tür eines Farmhauses waren tiefe Kratzer ins Holz geschlagen, die kaum verblasst waren, vielleicht eine oder zwei Wochen alt. Und das Wasserrad eines Hauses, vermutlich der Mühle, war zerbrochen – mehr als nur zerbrochen, zersplittert, als wäre es von einem unvorstellbar kräftigen Schlag getroffen worden. Zwei Männer arbeiteten an einem Ersatz. Ihre gleichmäßigen Hammerschläge ertönten im Takt einer Art Arbeitsgesang.

Aber das war kein Arbeiterlied. Die Richtung der Bergbrise drehte und trug Sekkens Ohren die Worte zu.

Shoshi ni kie. Shoshi ni kie.

Das Mantra der Sekte des Perfekten Landes.

Sekken spannte sich an. Diese Ketzerei, hier? Das war nicht die Hexerei, die er erwartet hatte – andererseits war es genauso gut möglich, dass ein Bauer ein Anhänger des Perfekten Landes und ein Hexer war. Die Sekte behauptete, dass Rokugan in ein Zeitalter des Verfalls der Sitten eingetreten war, und sie machten die Samurai für diesen Verfall verantwortlich. Außerdem glaubten sie, dass ihr Mantra ihnen helfen würde, dem Kreislauf der Wiedergeburt zu entkommen, und es ihnen ermöglichen würde, in einem mythischen, von Shinsei geschaffenen Paradies nach Erleuchtung zu suchen, statt sie durch Studium in der Welt der Sterblichen zu erlangen. Wenn man bereits derart falsche theologische Ansichten hatte, war es nur noch ein kleiner Schritt zu alten magischen Praktiken.

Beinahe wäre er vorgetreten, um die Männer zur Rede zu stellen. Der Akzent ließ ihn innehalten, die Sprechweise der Landbevölkerung des Drachen-Klans, bei der das letzte Wort zu einer Silbe zusammenschmolz, ki. Er war nicht im Land des Phönix-Klans – und im Herrschaftsbereich des Drachen-Klans war die Sekte des Perfekten Landes nicht verboten. Mit gerunzelter Stirn zwang er sich, weiterzugehen, als hätte er nichts gehört. Aber innerlich rasten seine Gedanken.

Im Haus gab es keine Anzeichen, dass Ryotora erwacht war, aber die Frau des Ortsvorstehers hielt das Frühstück bereit. Sekken fragte sich, ob auch sie nach dem Perfekten Land suchte. War das ganze Dorf zu den Ketzern übergetreten? Das passierte oft, hatte der Phönix-Klan festgestellt. Selbst diejenigen, die immer noch dem orthodoxen Shinseismus anhingen, meinten, es schade ja nicht, bei der Arbeit das Kie zu singen – weil sie zu ungebildet waren, um zu begreifen, welchen Schaden sie damit anrichteten.

Sekken kniete sich stumm an den Tisch, während sie das Mahl auftischte. Sie hatte eine Art kleinen Fisch gebraten und servierte dazu eine Schüssel scharfer Miso-Suppe mit Hirse. Keinen Reis, bemerkte er. War das eine bewusste Beleidigung ihres ungebetenen Gasts? Das würde er einem Anhänger des Perfekten Landes zutrauen. Aber das Geschirr, das sie benutzt hatte, sah aus, als wäre es ihr bestes. Wahrscheinlich war es nur ein weiterer Hinweis darauf, wie arm dieses Dorf war – oder einfach darauf, dass er sich im Land des Drachen-Klans befand, das sich für Ackerbau einfach nicht gut eignete. Dennoch hätte er erwartet, dass zumindest der Vorsteher des Dorfes Reis zu essen hatte.

Obwohl Sekken derart in Gedanken versunken war, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er im Raum hinter dem Sichtschirm jemanden leise stöhnen hörte. Offenbar erwachte sein mürrischer Zimmergenosse morgens sogar noch mürrischer.

Aber das Grinsen war längst verschwunden, als die Tür quietschend beiseiteglitt und die Sicht auf Isao Ryotora freigab. Es war unhöflich, sich anmerken zu lassen, dass man etwas mitbekommen hatte, was hinter geschlossenen Türen geschehen war. Und Sekken hatte den Eindruck gewonnen, dass der Shugenja sehr viel Wert auf Manieren legte.

Zu seiner Überraschung sah Ryotora keinesfalls so aus, als wäre er schwer aus dem Bett gekommen. Der Mann war tadellos gekleidet, sah man einmal von seinem leicht zerknitterten Kimono und den Hakama ab, die letzte Nacht in dem Regenguss ziemlich gelitten hatten. Ryotora verbeugte sich, als er Sekken bemerkte, zögerte kurz und setzte sich dann zu ihm.

Die Ehefrau des Ortsvorstehers brachte eilig eine weitere Schüssel Suppe. Diese sah etwas einfacher aus und der Gesichtsausdruck der Frau ließ vermuten, dass ihr lieber gewesen wäre, Sekken wäre rechtzeitig fertig geworden, dass sie die Schüssel hätte auswaschen und auch dem anderen Samurai anbieten können, der unter ihrem Dach zu Gast war. Es handelte sich vermutlich um Oganos eigene Schüssel. Der Vorsteher musste aufgestanden und aus dem Haus gegangen sein, während Sekken weg gewesen war, denn seine Sandalen standen nicht mehr auf dem Lehmboden.

»Guten Morgen«, begrüßte Sekken Ryotora gut gelaunt. »Ich hoffe, ich habe Wort gehalten und mich letzte Nacht nicht allzu breitgemacht.« Früher war ihm das oft passiert, dass er sich nachts viel bewegt hatte und mehr neben als auf seinem Futon erwacht war. Mit dem nächtlichen Spuk und dem Gefühl, von metallenen Bändern gefesselt zu sein, hatte das aufgehört. Aber dieser Spuk hatte ihn letzte Nacht verschont.

Ryotora machte den Eindruck, als wolle er sich so kurz nach dem Aufstehen am liebsten gar nicht unterhalten, aber er antwortete höflich, in tiefem, vollem Tonfall, der bei Hofe nicht fehl am Platz gewesen wäre: »Ihr habt mich nicht im Geringsten gestört.«

»Wunderbar. Das ist doch ein guter Anfang unserer Zusammenarbeit.« Sekken merkte, dass er plapperte, wie so oft, wenn er nervös war. Glücklicherweise schien Ryotora in seinem gegenwärtigen Zustand nicht einmal mehr zu wissen, dass es so etwas wie Reisepapiere überhaupt gab, geschweige denn, dass er jemanden danach fragen könnte. »Ich habe gestern mitbekommen, dass der Statthalter von Heibeisu Euch geschickt hat. Wohnt Ihr dort?«

Ein Brutzeln verkündete, dass ein weiterer Fisch gebraten wurde, offensichtlich für Ryotora, der nun steif und förmlich antwortete: »Ich bin umherreisend. Mein Vater lebt in Yomei Machi, dorthin reise ich jedes Jahr für das Obon-Fest, aber ich habe kein eigenes Heim. Ich gehe, wohin die Pflicht mich ruft.«

»Und worin besteht diese Pflicht? Zieht Ihr im Land des Drachen-Klans umher wie andere, die Euren Namen tragen, und schlagt spirituelle Probleme nieder, wo auch immer sie sich zeigen?«

Misstrauisch beäugte Ryotora ihn, als vermute er, dass Sekken sich über ihn lustig machte. Schließlich antwortete er: »Nein. Ich … besuchte abgelegene Ortschaften, die ansonsten nie einen Shugenja zu Gesicht bekommen. Allerdings ist diese Arbeit für gewöhnlich deutlich ruhiger.«

Die kurze Pause verriet, dass es eine tiefer gehende Antwort gab, aber nicht, welche. Der Drachen-Klan neigte dazu, heterodoxen Theologien gegenüber viel zu tolerant zu sein. Er erklärte oft, dass jeder seinen eigenen Weg finden müsse. Aber das hieß nicht, dass sie überhaupt keine Ketzer verfolgten. Vielleicht bestand Ryotoras Pflicht ja darin, diese abseitigen Sekten im Auge zu behalten und dafür zu sorgen, dass nichts zu Gefährliches in den abgelegenen Gegenden Fuß fasste – wie die Anhänger des Perfekten Landes.

»Und Ihr selbst?«, fragte Ryotora, nachdem er seinen Fisch erhalten hatte. »Welche Pflicht hat Euer Herr Euch auferlegt?« Entweder war er nicht besonders gut darin, den anklagenden Unterton in seiner Stimme zu verbergen, oder er versuchte es nicht einmal.

»Ich bin Gelehrter für spirituelle Angelegenheiten«, antwortete Sekken. »Ich habe nicht wie Ihr die Gabe, zu den Kami zu sprechen, aber ich studiere sie. Gerade habe ich mich mit den Schriften des Klosters der Stillen Steine beschäftigt, als ich von den Vorfällen hier erfahren habe.« Das war nicht gelogen, aber nur ein Teil der Wahrheit – diesen Balanceakt beherrschte jeder Höfling. Sollte ihn Ryotora doch für einen Müßiggänger halten, das war sicherer. Bis vor Kurzem war er das ja auch gewesen und sobald er seine Sorgen los war, würde er dieses Leben mit Freuden wieder aufnehmen.

»Also habt Ihr entschieden, es Euch selbst anzusehen. Dachtet Ihr etwa, der Drachen-Klan sei nicht in der Lage, die Angelegenheit aufzuklären?«

Ich bin kein Isawa. Sekken schluckte die Worte hinunter. Ryotora war als Shugenja von der Familie Agasha ausgebildet worden. Dem Phönix-Klan mit brüsker Ablehnung zu begegnen war ihm vermutlich genauso beigebracht worden wie die Liste von angemessenen Opfern an die Kami. Also sagte Sekken nur milde: »Mir war nicht bewusst, dass es sich um ein wiederkehrendes Problem handelt. Als ich das Kloster verlassen habe, hatte ich nur von einem Vorfall gehört. Aber ich hätte es für mangelndes Mitgefühl gehalten, nicht meine Hilfe anzubieten, wenn ich von Nutzen sein kann. Seht Ihr das nicht ebenso?«

Ryotora zuckte zusammen, als hätte Sekken ihn geschlagen. War seine Mutter möglicherweise vom Löwen-Klan gewesen? Alle Samurai mussten sich an den ethischen Kodex des Bushido halten, ob sie Krieger waren oder nicht – aber einige von ihnen nahmen ihn etwas ernster als andere, wägten jede Tat gegen die sieben Tugenden ab und nahmen es persönlich, wenn jemand sie infrage stellte. Angehörige des Drachen-Klans waren da allerdings normalerweise nicht so empfindlich.

Endlich verließ die Frau des Ortsvorstehers den Raum und sie waren allein. Sekken wusste nicht, wie lange sie wegbleiben würde, also sprach er schnell und mit gesenkter Stimme: »Es könnte Euch bei Euren Nachforschungen vielleicht helfen, zu wissen, dass es in diesem Dorf Anhänger des Perfekten Landes gibt.«

Ryotora hörte kurz auf, mit seinen Stäbchen den Fisch auseinanderzunehmen. »Das ist wohl kaum ungewöhnlich.«

Sein Tonfall war so ruhig, als hätte Sekken lediglich verkündet, dass einige der Dorfbewohner außereheliche Affären hatten. »Findet Ihr das nicht verdächtig?«

»Warum sollte ich?« Ehrlich überrascht starrte Ryotora ihn an. »Glaubt Ihr, dass das etwas mit den Vorfällen hier zu tun hat?«

Sekken fiel keine Antwort ein, die nicht unhöflich geklungen hätte, also nickte er lediglich.

Ryotora widmete sich wieder seinem Fisch. »Vielen Dank, Herr Asako, aber ich bezweifle Eure Theorie. Das Perfekte Land hat in vielen Dörfern des Drachen-Klans Anhänger gefunden, ohne dass eines von ihnen auf dieselbe Weise angegriffen worden wäre wie Seibo Mura. Selbstverständlich werde ich ein Auge auf Probleme aus dieser Richtung haben, denn es stimmt, die militanteren Anhänger der Sekte können Ärger machen. Aber ich bin sicher, die Ursache liegt woanders.«

Wie könnt Ihr da so sicher sein?, wollte Sekken ihn fragen. Anhänger der Sekte wollten die Weltordnung stürzen. Da war es doch nicht so schwer, sich vorzustellen, dass sie die spirituelle Welt derart durcheinanderbrachten, dass sie in Schieflage geriet.

Ärger und Ungeduld stiegen in ihm auf wie Galle und er zwang sich, ruhig zu atmen, bis sie abebbten. Eine Nacht erholsamen Schlafs hatte nicht ausgereicht, um ihn von all dem Stress der letzten Monate zu befreien, aber das rechtfertigte nicht, mit den Autoritäten dieses Landes aneinanderzugeraten. Der Status der Sekte des Perfekten Landes war schon lange Streitpunkt zwischen dem Phönix- und dem Drachen-Klan. Da musste man nicht direkt bei der ersten Begegnung den Finger genau in diese Wunde legen.

»Verzeiht.« Er verneigte sich im Sitzen vor Ryotora. »Meine Worte waren gedankenlos und voreilig. Bitte gestattet mir, sie zurückzuziehen.« Da kam ihm eine Idee. »Stattdessen hätte ich sagen sollen, dass ich mich Eurer Autorität beuge. Ich hoffe nur, dass Ihr mir erlaubt, Euch bei der Bewältigung dieser Probleme mit meinem Wissen zur Seite zu stehen.«

Seine älteste Schwester, die als Bushi ausgebildet war, hatte ihm beigebracht, wie man einen Gegner zu Boden warf: Erst leistete man Widerstand, dann gab man den Weg frei. Es gab zwar keinen hörbaren Aufschlag, als Ryotora im übertragenen Sinne niedergestreckt wurde, aber die Verbeugung, mit der er auf diese Bitte reagierte, kam auf dasselbe hinaus. »Das ist sehr großzügig von Euch, Herr Asako. Sobald ich die Gelegenheit hatte, meine Nachforschungen zu beginnen, lasse ich Euch wissen, wie Ihr behilflich sein könnt.«

Wie meine Familie mich jetzt anstarren würde. Sekken wich der Verantwortung nicht bewusst aus, das brauchte er gar nicht. Seine Eltern und Schwestern hatten alle derart einflussreiche Positionen inne, dass er, das jüngste Kind, den unvergleichlichen Luxus genoss, mehr oder weniger tun zu können, was er wollte. Ein anderer hätte sich an seiner Stelle vielleicht dem Alkohol oder dem Spiel hingegeben, aber da Sekken es vorzog, sich in alten Schriften zu vergraben, ließ man ihn in Ruhe. Das hieß, es war nicht gerade seine Angewohnheit, freiwillig seine Hilfe anzubieten.

Aber es war notwendig, dass Ryotora und alle anderen ihn nur als einen hilfsbereiten Besucher betrachteten, den das Mitgefühl hierhergeführt hatte und der blieb, weil es ungebührlich wäre, sich einfach wieder aus dem Staub zu machen.

Und wenn ihm hier eine Aufgabe zugewiesen würde, gäbe ihm das den notwendigen Vorwand, um seine eigenen Nachforschungen anzustellen – nach den Hunden des Dorfes, nach Hexen, die von ihnen Gebrauch machen könnten, und nach den Anhängern des Perfekten Landes. Diese Dinge mussten in irgendeiner Weise zusammenhängen und Sekken wollte herausfinden, wie.

Kapitel Drei

Ryotora verabschiedete sich nach dem Frühstück nicht gerade subtil von Asako Sekken, aber das war auch gar nicht seine Absicht. Vielleicht entsprach das nicht der Tugend der Höflichkeit, aber ein Fremder, der ihm über die Schulter sah, während er mit den Nachforschungen begann, hatte ihm gerade noch gefehlt.

Derzeit war Sekken ohnehin damit beschäftigt, sich Badewasser zu beschaffen, nachdem er mit Bedauern gehört hatte, dass die heiße Quelle im Ort letztes Jahr versiegt war. Währenddessen versuchten sein Diener und Ryotoras Ashigaru, die Unterbringung sinnvoll zu arrangieren, jetzt, da es nicht mehr mitten in der Nacht war oder in Strömen regnete. Auch der Diener hatte ein Pony und Sekken sogar ein richtiges Pferd. Ryotora wusste nicht, was die alle essen sollten, insbesondere das Pferd. Im Gegensatz zu den Ponys würde ihm das wenige Grün auf den Wiesen nicht genügen, aber die Dorfbewohner hatten kaum genug Getreide für sich selbst, geschweige denn für das edle Ross des Samurai.

Am besten wäre es, wenn er das Problem mit den Angriffen schnell lösen und den Ort wieder verlassen könnte, bevor das Futter zu einem Problem würde. Deshalb suchte Ryotora nach Ogano.

Der Knöchel, den er sich gestern verdreht hatte, schmerzte noch, und sein Kopf fühlte sich im blendenden Sonnenlicht schwer an wie ein Sack Sand, aber Letzteres war er gewohnt. Er war noch nie ein Morgenmensch gewesen. Auch die vielen Jahre, die er nun schon früh aufstand, hatten daran nichts geändert. Tag für Tag quälte er sich aus seinem Futon, während sein Körper einfach weiterschlafen wollte. Aber so schwer es ihm auch fiel, seine Pflicht verlangte von ihm, aufzustehen, also stand er auf.

Haru, Oganos Frau, hatte ihm gesagt, wo der Ortsvorsteher hingegangen war – und warum. Am Rande des Friedhofs blieb Ryotora stehen und ließ den Blick über die Grabsteine der Familiengräber schweifen. Sie waren fachmännisch gemeißelt. Seibo Mura lebte hauptsächlich vom Bergbau und offenbar waren einige der Minenarbeiter auch in filigraneren Techniken der Steinbearbeitung versiert.

Einige Gräber waren allerdings zugewuchert, als hätten sich seit Jahren keine Angehörigen mehr darum gekümmert. Andere waren ganz frisch. Hier und da sah Ryotora das helle Holz einer Gedenktafel, das viel zu sauber und neu für diese Jahreszeit wirkte, da das Obon-Fest, bei dem sie für gewöhnlich aufgestellt wurden, noch drei Monate hin war. Eine Grabstelle hatte noch nicht einmal einen Grabstein. Ryotora fragte sich, wessen Grab es war. Offensichtlich hatte derjenige keine Vorfahren, die hier im Dorf begraben waren.

Und meine Vorfahren? In welcher dieser Grabstätten befindet sich ihre Asche?

Ogano war nicht schwer zu finden. Seit Generationen stellte seine Familie schon die Ortsvorsteher von Seibo Mura, also hatte ihr Grab das größte und kunstvollste Denkmal. Der derzeitige Ortsvorsteher kniete davor, hatte die Hände aber nicht zum Gebet zusammengelegt. Stattdessen starrte er nur abwesend auf die Steine und blinzelte kaum.

Er musste den Samurai, der bei ihm zu Gast war, auf dem Weg entdeckt haben, rührte sich jedoch nicht. Ryotora spannte sich an. Einen Friedhof zu betreten war nicht grundsätzlich korrumpierend für einen Shugenja – er kümmerte sich jedes Jahr mit seinem Adoptivvater um die Familiengräber, wie es sich für einen guten Sohn gehörte –, dennoch war es unhöflich von Ogano, nicht aufzustehen und ihm entgegenzukommen. Insbesondere, da das Gespräch, das sie führen mussten, für diesen Ort der Stille nicht angemessen war.

Aber Haru hatte es ihm erklärt und für die Schroffheit ihres Ehemanns letzte Nacht um Entschuldigung gebeten. Oganos jüngerer Bruder Ogura war bei der zweiten Angriffsserie ums Leben gekommen. Die frisch umgegrabene Erde vor dem Ortsvorsteher verriet ihm, wo die Urne mit seiner Asche beigesetzt worden war.

Höflichkeit und Mitgefühl. Die Leitfäden des Bushido hatten Ryotora seit seiner Kindheit geführt, und sie sagten ihm auch jetzt eindeutig, was er zu tun hatte.

Ruhig trat er näher, kniete sich neben das Grab und legte ein Räucherstäbchen in den kleinen Halter vor dem Grabstein. Mit einem geflüsterten Gebet an die Kami des Feuers entzündete er es. Die Bergbrise trug den Rauch fast sofort davon. Ryotora legte die Handflächen aneinander und betete, dass Oguras Seele das Meido schnell hinter sich lassen möge.

Als er die Hände sinken ließ, sagte Ogano: »Wir haben beim Begräbnis getan, was wir konnten, aber ich befürchte, die Seele meines Bruders irrt noch immer umher.«

Ryotora runzelte die Stirn. »Ist kein Mönch gekommen, um sich um die Toten zu kümmern?« Die Bruderschaft von Shinsei sandte regelmäßig zu diesem Zweck Mönche in ländliche Gegenden, damit Tote nicht zu lange auf die notwendigen Riten warten mussten. Er hatte angenommen, dass sogar an einem derart abgelegenen Ort in der Zwischenzeit einer von ihnen vorbeigekommen sein musste.

Ogano deutete mit dem Kinn auf die frische Grabstelle, die noch kein Grabmal hatte. »Er liegt da drüben. Dachte, er könnte das Problem allein lösen. Stattdessen wurde er selbst umgebracht.«

Selbst jetzt im Hochsommer war der Wind kühl genug, dass sich Ryotora die Nackenhaare aufstellten. »Ich verstehe. Ich … werde sehen, was ich für sie tun kann.« Begräbnisse übernahmen normalerweise die Shinseisten, da der Tod eine Quelle der spirituellen Korruption war und die Gebete zu den Glücksgöttern und den Kami beeinträchtigen konnte. Hier allerdings gab es keine Leichen mehr und Ryotora konnte sich von allen Unreinheiten, die noch an ihm haften mochten, später reinigen. Die Toten von Seibo Mura hingegen konnten sich nicht selbst helfen.

Das Angebot brachte ihm ein Brummen von Ogano ein, das weniger feindselig klang als bisher. Ryotora schlug vor: »Lasst uns an einen Ort gehen, wo wir reden können, und dann erzählt Ihr mir, was hier vorgefallen ist. Von Anfang an.«

In Heibeisu hatte Ryotora den Bericht gelesen, aber es war eine Zusammenfassung gewesen, verfasst von jemandem, der geglaubt hatte, die Unruhen wären vorbei. Die Beschreibung, die er von der zweiten Angriffsserie erhalten hatte, war unvollständig und zusammenhanglos gewesen: Der Bote hatte Seibo Mura schon am ersten von drei Tagen verlassen und wirr von Chaos und »Monstern« gefaselt. Jetzt wollte Ryotora sich ein vollständiges Bild machen.

In der ersten Nacht, zu Beginn des Vollmonds vor mehr als einem Monat, hatte alles noch ganz harmlos gewirkt. Die Dorfbewohner hatten seltsame Geräusche im Dorf und der Umgebung gehört: Schritte auf dem Heuboden oder in leeren Räumen, ein Klopfen an der Wand, das Platschen von Wasser oder ein Rasseln, als ob jemand getrocknete Bohnen auskippte – an Orten, wo es weder Wasser noch Bohnen gab. Im Wald war Gesang erklungen oder die Stimmen von Leuten, die sich in Wahrheit ganz woanders befunden hatten. Eine Person hatte erzählt, sie hätte einen Gong gehört, obwohl es in ganz Seibo Mura kein solches Instrument gab.

In der zweiten Nacht war alles schlimmer geworden. Geschirr war von allein zersprungen, Papierschirme zerrissen. Die Stoffbahn, aus der Haru eine neue Winterjacke für Ogano hatte nähen wollen, war plötzlich losgeflogen und hatte versucht, sie zu erwürgen. Niemand war ernsthaft verletzt worden, aber das ganze Dorf war in Panik geraten und hatte Rat beim Ortsvorsteher gesucht.

Spirituell war Ogano nicht besonders gebildet. Das sagte er Ryotora zwar nicht direkt, aber es wurde offensichtlich in der Art, wie er seine Geschichte erzählte. Bislang hatten seine Pflichten als Ortsvorsteher darin bestanden, Streit zwischen den Dörflern zu schlichten und dafür zu sorgen, dass sie zweimal im Jahr ihre Lieferungen nach Heibeisu fertig machten. Aber er hatte sein Bestes getan, die Probleme anzugehen. An diesem Tag hatten sie allen Glücks- und anderen Göttern, die ihnen relevant erschienen, ein Opfer dargebracht: von Jizo, dem Gott der Gnade, bis zu den Kami ihrer Felder und Feuerstellen. Weil sich in der vorigen Nacht der schlimmste Spuk innerhalb der Häuser abgespielt hatte, hatte Ogano vorgeschlagen, dass sie alle unter freiem Himmel schliefen, während einige abwechselnd Wache hielten.

In dieser Nacht kamen die Monster.

Ryotora hatte sein tragbares Schreibset mitgebracht und machte sich Notizen, während er Ogano zuhörte, aber das Stück tintengetränktes Moos, das zum Set gehörte, wurde trocken, ehe sein Gegenüber zum Ende gekommen war. Als Ryotora wegen der »Monster« nachhakte, beschrieb Ogano eine wilde Mischung von Wesen, von bizarr bis furchterregend: laufende Haarbüschel, einen riesigen Kopf, eine überdimensionierte Katze mit zwei Schwänzen, alle umgeben von schaurigen Flammen. Die Dorfbewohner waren in ihre Lagerhallen geflohen und hatten die Türen verrammelt, aber zwei, die noch draußen gewesen waren, waren in jener Nacht gestorben.

Am nächsten Tag hatte Ogano den besten Läufer des Dorfes nach Heibeisu geschickt. Auch in der vierten Nacht hatten sich alle in den Lagerhallen verschanzt … doch nichts war geschehen. Auch nicht in der nächsten Nacht und so war es weitergegangen bis zum Eintreffen Mirumoto Norifusas.

Offenbar hatte Norifusa niemandem in Seibo Mura erzählt, zu welchem Schluss er gekommen war. In dem Bericht, den er zurück in Heibeisu geschrieben hatte, hatte er allerdings angedeutet, dass es sich um kollektive Wahnvorstellungen gehandelt haben könnte. In den Minen vor Ort wurden Zinnober und Rubinschwefel abgebaut und Ryotora wusste, dass diese Rohstoffe gefährlich sein konnten. Einer seiner Sensei aus der Familie Agasha war bei der Arbeit mit Zinnober ums Leben gekommen. Norifusa war davon ausgegangen, dass Ausdünstungen aus den Minen für das Chaos verantwortlich waren.

Aber auch wenn diese Substanzen Körper und Geist durchaus schädigen konnten, verursachten sie dennoch keine Halluzinationen. Und sie erklärten auch nicht, was einen Monat später geschehen war.

Diesmal hatte es keine Vorwarnung gegeben. Nachdem alles tagelang ruhig und friedlich geblieben war, hatten die Monster unvermittelt zugeschlagen. Das verbrannte Haus, das Ryotora gesehen hatte, war in der ersten Nacht in Flammen aufgegangen. Eine Frau, deren Haare mit Haken versehen waren und sich von selbst bewegten, hatte einen der Bewohner, der den Flammen entkommen war, auseinandergerissen. Auf ähnliche Weise hatte ein unsichtbarer Wirbelwind den Dorfschmied fast in Stücke gerissen. Etwas, das wie eine Kreuzung aus einer Fledermaus und einem Affen ausgesehen hatte, hatte versucht, einer Großmutter den Atem zu stehlen. Die alte Frau war so taub, dass sie den ganzen Tumult einfach verschlafen hatte. Sie hatte nur überlebt, weil ihre Enkelin das Wesen verjagt hatte.

Am nächsten Tag hatte Ogano wieder seinen Boten entsandt. Eine Handvoll Dorfbewohner hatte beschlossen, Seibo Mura zu verlassen. Tage später hatte ein Kind ihre leblosen Körper entdeckt, die etwas südlich des Dorfes von den Bäumen gebaumelt hatten.

Oganas Bruder Ogura und der Mönch waren in der dritten Nacht gestorben. Der Mönch, Yukagu, hatte Norifusa auf dessen Reise nach Seibo Mura getroffen und war dortgeblieben, nachdem der Samurai das Dorf verlassen hatte, um der Gemeinde zu helfen, Ruhe zu finden. Da diese Ruhe nun wieder gestört worden war, hatte er mit Ogura zusammen der Sache auf den Grund gehen wollen. Am nächsten Morgen waren beide tot aufgefunden worden, ihre Glieder durch Vergiftungserscheinungen unnatürlich verdreht.

Zu Anfang seiner Erzählung hatte Ogano mit flacher, emotionsloser Stimme gesprochen, als wäre er von dem erlittenen Trauma noch wie betäubt. Im weiteren Verlauf war er aufgeregter geworden, während er das Trauma noch einmal durchlebt hatte, hatte Angst und Schrecken und Zorn gezeigt. Doch als er zum Tod seines Bruders kam …

Alles wurde still, bis auf den Wind in den Bergen und die leisen Geräusche des Dorflebens unter ihnen. Schließlich sagte Ogano: »Das war’s. So ist es passiert. Und wenn Ihr es nicht aufhaltet, wird es wieder passieren.«

Ryotora bezweifelte das nicht.

Nachdem Ogano gegangen war, blieb Ryotora noch eine Weile auf dem Felsen sitzen, sah auf das Dorf hinunter und versuchte, seine Gefühle in den Griff zu bekommen.

Beim Gespräch mit dem Ortsvorsteher hatte er die Fassung bewahrt, weil er nicht nur mangelnde Selbstbeherrschung an den Tag gelegt, sondern auch seine Pflicht Ogano gegenüber vernachlässigt hätte, wenn er sich das volle Ausmaß seines Grauens hätte anmerken lassen – und seiner Angst. Aber was der Mann da beschrieben hatte … übertraf alles, was Ryotora je gesehen hatte oder womit er fertigwerden konnte.

Ganz bewusst ballte er die Hände zu Fäusten und entspannte sie wieder. Mut und Pflicht. Er war auf solche Dinge viel besser vorbereitet als die Dorfbewohner. Wenn sie angesichts einer derartigen Drohung noch so besonnen handeln konnten, durfte er ihnen nicht nachstehen.

Die Wesen, die Ogano beschrieben hatte, klangen wie Yokai. Aber es brachte ihn nicht wirklich weiter, zu sagen: »Es handelt sich um übernatürliche Wesen.« Das war, wie einem Patienten zu sagen: »Eure Symptome werden von einer Krankheit verursacht.« Was für Wesen? Und warum waren sie hier?

Die schiere Menge der Geschöpfe stellte ihn vor ein Rätsel. Ryotora hätte nicht jede Kreatur benennen können, die Ogano da beschrieb – bei vielen von ihnen war die Beschreibung auch nicht genau genug –, aber es ergab einfach keinen Sinn, dass so viele von ihnen gleichzeitig am selben Ort auftauchten. Ein Wanderer traf vielleicht auf eine Nure-onna an einem Flussufer oder auf einen gesichtslosen Noppera-bo auf einer verlassenen Straße oder einen Akaname in einem dreckigen Badezimmer. Aber er begegnete nicht allen drei auf einmal, und Dutzenden weiteren, in einem Bergdorf, das nie etwas getan hatte, um die Aufmerksamkeit derart vieler übernatürlicher Wesen auf sich zu ziehen.

Es klang, als hätte sich das Senkyo, das verwunschene Reich, das neben der Welt der Sterblichen existierte, über das Dorf ergossen. Wahrscheinlich stammten die Wesen aus dem Sakkaku. Die Yokai von dort spielten den Menschen gern Streiche, die manchmal tödlich endeten. Aber er konnte auch nicht ausschließen, dass es sich um das Yume-do handelte. Für gewöhnlich begegnete man dem Reich der Träume nur im Schlaf, aber wenn es irgendwie die wirkliche Welt durchdrungen hatte, könnten sich die Ängste der Dorfbewohner als schreckliche Monster manifestieren.

Vielleicht. Wenn die Dorfbewohner von all diesen Yokai schon einmal gehört hätten. Aber wenn man bedachte, wie obskur einige von ihnen waren, bezweifelte Ryotora das.