Lahr erzählt -  - E-Book

Lahr erzählt E-Book

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Beschreibung

44 Geschichten, die das Leben schrieb, sind im Buch Lahr erzählt vereint. Geschichten von Freud und Leid, Geschichten von Erfolgen und Misserfolgen, Geschichten vom Reisen und Ankommen, Geschichten der persönlichen Entwicklung, Geschichten rund um das Zeitgeschehen. Wer wissen möchte, was Menschen der Stadt Lahr und der Umgebung in ihrem Leben beschäftigt, geprägt und bewegt hat, der findet in diesem Buch den allerbesten Lesestoff. Es sind Geschichten von Menschen wie du und ich. Gerade deshalb sind sie so berührend.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Sabine Frigge

Vorwort

Macht der Worte

Wolfgang G. Müller Im richtigen Moment reden – oder schweigen

Ulrike Derndinger Der Weg zum eigenen Wort

Ludwig Hillenbrand Die Magie der Wörter

Das Abenteuer meines Lebens

Hermann Burger Abenteuer in zwei Ländern

Guido Schöneboom Kurz vor und kurz nach der Wiedervereinigung

Richard Stihler Das Leben ist mehr als eine abenteuerliche Bergbesteigung

Vom Schicksal bestimmt?

Erwin Bothor »Bub, ich bring dich rüber«

Alexander Marker Bin ich ein Deutscher oder bin ich ein Russe?

Aus fremden Welten

Adelheid Höckl Nach vielen Schikanen glücklich in der neuen Heimat

Jacques Coté Die Fremde wurde zur Heimat

Anne Rall-Krauß Als »Gastarbeiter« in den Emiraten

Begegnungen mit der Zeitgeschichte

Manfred Nebel Jede Menge »rollende« Kanadier

Aus der Welt von Beruf und Karriere

Brigitta Schrempp Erfolgreich allein unter Männern

Eberhard Roth Die Seele der Bevölkerung spüren

Wo die Liebe hinfällt

Helmut Dold »Otto, da bahnt sich ebbis an!«

Ingeborg und Herbert Schmider Der Preis der Liebe

Wendepunkte

Marlies Llombart Hauptsache Veränderung!

Marion Bauer 46 Gramm Hoffnung

Eine schicksalhafte Begegnung

Uwe Baumann »Meine Welt ist bunt«

Ottilie Dilger Amerika – mein zweites Zuhause

Sport bewegt

Waltraud Bothor Mit dem Sport um die Welt

Dorothea Oldak Durch Sport ins Leben gefunden

Stefan Wölfle Erst mal gar nicht so vom Sport bewegt

Über Schutzengel

Samuel Come und Susanne Moussa Einfach aufgenommen!

Alles auf Anfang

Maurizio Poggio Ohrfeigen des Schicksals

Brigitte Täubert Mein schwerster Neuanfang

Irma Barraud »Das kannst du!«

Prägungen: Fluch oder Segen?

Lukas Maria Oßwald Gemeinsam schafft man vieles leichter

Ercan Tarakci Stolz auf das Erreichte

Birgit König Die erste Entscheidung ist meist die beste

Teilen kann man immer

Siegrid Schäfer Ehrenamtliche bekommen viel zurück

Heike Wieseke Etwas von der eigenen Zeit abgeben

Heimfried Furrer und Huthifa Al Saady Mehr zurückbekommen, als man gibt

Gesagt, getan

Hanne Kaiser-Munz Besser reparieren als wegwerfen

Ulrike Karl Die Stadt wird eine andere sein

Alexander Hugenberg Fast schon eine Lebensaufgabe

Gregor Grüb Eine alte Tradition gerettet

Von der Muse geküsst

Ariane Mathäus Von Musik umgeben und geprägt

Sandro De Lorenzo Ein unmusikalischer Musiker

Steffen Siefert Ermittler – im Berufsleben und privat

Wir halten zusammen

Hilda Beck Die Familie als Quelle der Kraft

Georg Szkopiak Kondition, Durchhaltevermögen und Kampfgeist

Angekommen – angenommen?

Beate Schilling Das besondere Leben mit einem besonderen Kind

Sana Ahmad-Hossein Alyaaqubi Das Leben lag in den Händen eines Schleppers

Vorwort

Das Buch Lahr erzählt ist auf vielfältige Art und Weise etwas ganz Besonderes.

Da ist zum einen seine Entstehungsgeschichte: Hervorgegangen ist dieses Buch aus einer Veranstaltungsreihe mit dem gleichnamigen Titel. In dieser Reihe aus den Jahren 2013 bis 2017 haben Menschen aus Lahr und Umgebung einen Teil ihrer Lebensgeschichte erzählt. Jeder der insgesamt 18 Erzählabende in der Mediathek Lahr war mit einem Thema überschrieben, beispielsweise »Das Abenteuer meines Lebens«, »Wo die Liebe hinfällt« oder auch »Von der Muse geküsst«. Erzählt wurden Geschichten, die das Leben geschrieben hat, Geschichten von Freud und Leid, Geschichten von Erfolgen und Misserfolgen, Geschichten vom Reisen und Ankommen, Geschichten der persönlichen Entwicklung, Geschichten rund um das Zeitgeschehen.

Veranstaltet wurden die Erzählabende von der Geschichtswerkstatt Lahr – einer Gruppe von Lahrerinnen und Lahrern, die sich vor Jahren mit dem Ziel zusammengetan haben, die Erinnerungen der Menschen der Stadt und der Region zu sammeln, zu bewahren und sie an andere weiterzugeben. Wenn sich die Geschichtswerkstatt nicht unermüdlich und mit großem Engagement um das Projekt der Erzählabende gekümmert hätte, gäbe es dieses Buch nicht! Diesen Menschen gilt deshalb ein ganz besonders großes Dankeschön: Waltraud Bothor, Hermann Burger, Birgit König, Hildegard Nebel, Manfred Nebel sowie Maurizio Poggio.

Alle Beteiligten fanden es ausgesprochen schade, dass die Geschichten nur einmal, nämlich während der Erzählveranstaltung, zu hören gewesen waren. Zum Glück aber gab es von fast allen Abenden Tonaufnahmen. Also wurden diese transkribiert – und die Obengenannten sowie weitere Ehrenamtliche machten sich daran, die vorliegenden Texte zu formulieren. Das Ergebnis halten Sie heute in Händen. Ich selbst hatte das große Vergnügen, die Erzählabende als Moderatorin begleiten und der Geschichtswerkstatt in meinem Beruf als Ghostwriterin und Lektorin auch beim Buchprojekt zur Seite stehen zu dürfen. Für die überaus angenehme und professionelle Zusammenarbeit bedanke ich mich sehr.

Im weiteren Sinne an den Erzählabenden und damit an der Entstehung dieses Buches waren außerdem beteiligt: Uwe Baumann, Irma Förschner, Adelheid Höckl, Bettina Schaller, Erika Toulouse, Edwin Fischer von der Stadtmühle Lahr sowie der Seniorenbeirat der Stadt Lahr. Herausgegeben wird das Buch vom Förderkreis Mediathek Lahr, finanzielle Unterstützung kam von der Regionalstiftung der Sparkasse Offenburg/Ortenau. Auch diesen Personen und Institutionen gilt unser Dank.

Sie merken – dieses Buch ist tatsächlich etwas ganz Besonderes. Wir wünschen Ihnen nun viel Vergnügen beim Lesen und Eintauchen in die vielen persönlichen und einzigartigen Erinnerungen der Bürgerinnen und Bürger aus Lahr und Umgebung.

Ihre

Macht der Worte

Wolfgang G. Müller

Im richtigen Moment reden – oder schweigen

Beim Thema »Macht der Worte« habe ich mich gefragt, wann habe ich denn jemals so gesprochen, dass aus dem Wort heraus, aus der Formulierung, aus der Kraft der Rhetorik heraus wirklich etwas erreicht wurde? Ich bin mir sehr bewusst, was Worte bewirken können. Im richtigen Moment das richtige Wort gewählt, im richtigen Moment das vermeintlich richtige Wort vermieden, oder auch im richtigen Moment gar nichts gesagt zu haben. Also: Macht der Worte kann auch heißen »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«. Manchmal empfiehlt es sich, nichts zu sagen. Eher das, was der andere gesagt hat, im Raum stehen und auf alle anderen wirken zu lassen, auch um dadurch den Worten eine gewisse Schwere zu geben oder vielleicht auch eine Sinnentleerung.

Einmal im Monat findet die Sitzung des Gemeinderates unter meinem Vorsitz statt. Dabei muss ich nicht jedes Argument replizieren oder auf alles antworten. Auch in dieser Situation kann gelten: »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold«. Nicht alles, was gesagt ist, nicht jede Formulierung, die man benutzt, nicht alles, was verbalisiert wird, ist von vornherein gut oder hilfreich. Das muss man wissen. Trotzdem ist es so, dass mein Alltag und der Großteil meines Lebens sehr stark durch verbale Kommunikation bestimmt sind. Reden ist Teil der Kommunikation, aber Reden alleine macht nicht den Erfolg aus. Es reicht nicht, dass gehaltvoll gesprochen wird. Nein, eine Rede muss auch in der richtigen Art und Weise vorgetragen werden. Lediglich fünf bis zehn Prozent des Inhalts bleiben laut Wissenschaft bei den Zuhörern haften. Also, die Wirkung einer Rede hängt nicht nur davon ab, was gesagt wird, sondern auch davon, wie es gesagt wird. In welchem Kontext, mit welcher Körpersprache, mit welcher Betonung und mit welcher Mimik – das macht die Wirkung der Rede aus. Am 10. November 2015 ist Helmut Schmidt gestorben. Er war ein ganz großer Redner, ein hervorragender Rhetoriker. Während und nach seiner Regierungszeit als Bundeskanzler (1974–1982) sind Anerkennung und Respekt ihm gegenüber ständig gewachsen. Bei ihm war sicherlich nicht jeder Satz gleich bedeutsam, aber die Art und Weise, wie er bei Interviews saß, an seiner Zigarette zog und dann noch einmal und dann sozusagen langsam im Fluss des Rauches den Fluss des Satzes folgen ließ und seine Worte pointierte – das war hohe Kunst. Es gibt sicher eine Reihe von guten Rhetorikern, aber Helmut Schmidt ist für mich ein gelebtes Beispiel starker Worte. Schon als Jungsozialist – ich war ungefähr 18 Jahre alt – begeisterte mich die Art und Weise, wie Helmut Schmidt reden konnte. Natürlich gab es außer ihm noch andere packende Redner. Beispielsweise Franz Josef Strauß oder Herbert Wehner. Bei den Übertragungen der Debatten aus dem Deutschen Bundestag saßen wir vor dem Fernseher und haben uns immer gefreut, wenn »unser Schmidt« gepunktet hat.

Von Strauß stammt die Formulierung: »Kompliziert denken und einfach sprechen.« Schwierige Sachverhalte in klaren, griffigen Worten darzustellen ist wichtig, wenn man politische Wirkung erzielen will: In der Politik gilt es, zu überzeugen und Mehrheiten zu finden, kommunalpolitisch im Gemeinderat und auch bei der Bevölkerung.

Wenn wir uns heute die Politik und die weltweiten Krisenherde ansehen, dann kann man eigentlich nicht von einer Macht des Wortes sprechen, sondern eher von einer Ohnmacht. Wie viele Generationen von Außenpolitikern sind schon in den Nahen Osten oder früher auf den Balkan gepilgert? Ich möchte noch einmal auf Helmut Schmidt zurückkommen, weil eine Begegnung mit ihm mich besonders beeindruckt hat. Er war 1990 nach Brasilien gekommen, um die neue Regierung politisch zu beraten. In dieser Zeit arbeitete ich als Wirtschaftsattaché an der Deutschen Botschaft in Brasilia. In dieser Eigenschaft musste ich nicht nur sicher mit meiner Muttersprache umgehen können, sondern auch in der Landessprache jedes Wort genau abwägen und die Kultur des Landes kennen. Helmut Schmidt kam in die Botschaft und sollte ganz aktuell über die Lage in Brasilien und die letzten Tagesaktualitäten informiert werden. Ich war für die wirtschaftspolitische Berichterstattung zuständig. Wir waren zu dritt, der Botschafter, Helmut Schmidt und ich. Damals war die Balkankrise, neben dem, was in Brasilien aktuell war, das Thema beim Mittagessen. Es ging um Lösungsansätze. Da sagte Schmidt zu mir – und ich hoffe, er hatte nicht recht: »Ihr jungen Leute, ihr müsst lernen, dass man bestimmte Dinge nicht lösen kann, sie sind nicht lösbar und die Menschen schlagen sich alle 50 Jahre die Köpfe ein.« Er rauchte und trank Cola. 1990 war er über 70 Jahre alt. Nach dem Essen meinten wir, wir hätten ein Zimmer vorbereitet und er könnte sich dort noch bis zum Termin beim Präsidenten ausruhen. Da sagte er: »Ja, sind Sie, junger Mann, denn schon müde?« Während meiner beruflichen Laufbahn und auch jetzt als Oberbürgermeister treffe ich so manchen Politiker, aber Helmut Schmidt war derjenige, der mich von seiner Art und Weise am meisten beeindruckt hat.

Ich bin mit großer Sprachverbundenheit aufgewachsen, übrigens im nordbadischen Dialekt. Ich stamme nämlich aus Bruchsal. Im Jahr 1953 zogen wir nach Karlsruhe. Viele Kinder im Kindergarten und in der Schule sprachen dort ganz anders als ich, sodass ich dachte, Hochdeutsch sprechen zu müssen. Meine Mutter meinte also, wenn ich Hochdeutsch sprechen möchte, dann sprechen wir ab jetzt nur noch Hochdeutsch. So rief ich einmal klagend, als meine Schwester Elisabeth und ich im Hof spielten, und meine Mutter zum Fenster heraus schaute: »Mutti, Mutti, die Elisabeth ist da hinein gedappt.« Sehr weit her war es mit meinem Hochdeutsch also nicht. Wenn ich heute von Lahr mit dem Regionalzug nach Bruchsal oder von einer Reise von Frankfurt kommend mit den Nahverkehrszügen fahre, ist es schön zu hören, wie sich die Sprache der Zusteigenden von Station zu Station ändert und man sich mehr und mehr zuhause fühlt. Das ist eben die Kunst und die Macht des Wortes, dass sie nicht nur auf den Kopf zielt, sondern auch auf das Herz und damit auf die Emotionen. Darin besteht die große Kraft des Dialektes, der wir uns nicht entziehen können, weil sie uns das Gefühl der Heimat gibt und uns an die Kindheit erinnert.

Jetzt komme ich auf Helmut Kohl zu sprechen: Er kam 1991 auf eine zweiwöchige Reise nach Brasilien und Chile. Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, dass Spitzenpolitiker für so lange Zeit Deutschland verlassen und ins Ausland reisen. Damals war es möglich! Auf Wunsch der brasilianischen Regierung besuchte Kohl einen Kindergarten mit Ganztagsbetreuung. Der Termin war mit dem Kindergarten natürlich vorher vereinbart und die Kinder waren entsprechend herausgeputzt worden. Der damalige Staatspräsident Fernando Collor war mit dabei, außerdem Helmut Kohl und der kleine Müller, der als Adjutant irgendwie seine Funktion erfüllte. Staatspräsident Collor stand einfach nur so herum und sprach weder mit den Erzieherinnen noch mit den Kindern. Er hat sich nur mit anderen Politikern unterhalten, nichts anderes interessierte ihn. Was aber machte Helmut Kohl? Er ging in den Raum und fing an, mit den Erzieherinnen zu sprechen. Natürlich war ein Dolmetscher dabei. Dann sprach er mit den Kindern und schrieb seinen Namen an die Tafel. Er hat sich und die Kinder unterhalten, ohne dass er die Sprache konnte. Helmut Kohl hat eine Brücke gebaut und er hat die Herzen der Menschen angesprochen. Das ist auch eine Gabe. Wenn es um die Macht der Worte geht, dann muss Sprache auch empathisch sein, eingebunden in Gesten.

Ein Beispiel für die Macht der Worte spürte ich 1997 in Lahr. Ich kandidierte als Oberbürgermeister und galt nicht unbedingt als Favorit. Es war eine Vorstellung der Kandidaten in der Stadthalle organisiert worden und alle Kandidaten hatten großen Respekt davor. Man selbst weiß nicht, was die Mitbewerber sagen, weil man unten in den Katakomben der Stadthalle sitzt und auf seinen Auftritt wartet. Dann folgte eine Diskussionsrunde. Nun kann man vorher schlecht Parteifreunde darum bitten, einen dies oder jenes zu fragen. Jeder in der Stadthalle würde das sofort merken und es würde nur schaden. Die Frage eines Bürgers wurde für mich aber zu einem Glücksfall, denn er fragte mich: »Sie sind da in Bonn. Wie viele Leute schaffen da unter Ihnen?« Ich war Regierungsdirektor im Wirtschaftsministerium, hatte eine Sekretärin mit einer Halbtagsstelle und einen Beamten des gehobenen Dienstes als Mitarbeiter. Das war also sehr überschaubar. Dagegen hatte der favorisierte Mitbewerber sehr viele Mitarbeiter, denn er war Bürgermeister in Freiburg. Ich antwortete spontan: »Unter mir arbeiten keine Menschen, sondern ich arbeite mit Menschen zusammen.« Wenn ich meine Lahrer Zeit rückblickend betrachte, war dies der Moment, wo die Welle anfing, mich zu tragen. Eine Rede kann jeder vorbereiten, aber eine solche Situation kann man nicht planen. Sie ergibt sich im besten Fall von selbst. Damit stand eine empathische Aussage im Raum, wie ich künftig mit den Menschen in der Stadt und insbesondere mit denen in der Verwaltung umgehen wollte.

Es gibt weitere Beispiele, bei denen ich glaube, dass die Macht der Worte und Argumente geholfen haben, Richtungsänderungen herbeizuführen: Eines der großen politischen Themen in der Stadt war die Nutzung des Flughafens und dessen Organisation. Ein bedeutsamer Teilaspekt war der Ausstieg der Stadt aus der Betreibergesellschaft des Flughafens und damit deren komplette Privatisierung. Ich befürwortete dies uneingeschränkt, obwohl die Stadt zwei Jahre zuvor – 1996, noch unter meinem Vorgänger – der Gesellschaft erst beigetreten war. Zunächst wollte ein großer Teil des Gemeinderates diesen Weg nicht mitgehen, da man den Einfluss der Stadt in der Betreibergesellschaft nicht aufgeben wollte. Ein Teil des Gemeinderates befürwortete den Ausstieg, weil damit die Stadt auch aus der Kostenträgerschaft ausscheiden würde. Andere unterstützten diesen Schritt, weil sie sich darin in ihrer kritischen Haltung zur Fliegerei bestätigt sahen und den Rückzug begrüßten. Für jemanden, der sich für die Fliegerei in Lahr engagiert einsetzte, was ich bis zum heutigen Tage tue, war dieser Vorschlag hoch kontrovers und konnte missverstanden werden. Eine politische Gratwanderung gleich im ersten Amtsjahr! Mit den entsprechenden Argumenten und der aufgezeigten, absoluten Überzeugung, das Richtige zu tun, ist sie jedoch gelungen. Also nicht nur die Argumente allein, sondern eben auch die Gewichtung und damit die Macht der Worte in Beratungen des Gemeinderates haben ihr Übriges getan. Wir haben schließlich mit einer sehr deutlichen Mehrheit des Gemeinderates den Ausstieg beschlossen und so neue Konstellationen ermöglicht.

Ein weiteres heikles Thema war die Entscheidung, das Kasernenareal nicht zu erwerben. Viele Jahre stand die Frage im Raum, ob die Stadt Lahr das Kasernenareal kaufen solle. Ein Landtagsabgeordneter vertrat die These, man könne daran, ob es gelänge, das Gelände zu kaufen, die politische Handlungskompetenz der Stadtverwaltung und des neuen Oberbürgermeisters messen. Diese Meinung wurde angesichts des zunehmenden Verfalls der leerstehenden Gebäude auch immer stärker im Gemeinderat und in der Bevölkerung vertreten. Wir haben über Jahre verhandelt. Die Stadt Lahr wollte das Areal durchaus erwerben, aber zu einem Preis, den wir als vernünftig angesehen haben. Zu diesem Preis wollte es uns der Bund jedoch nicht verkaufen. Es folgten lange Debatten im Gemeinderat. Im Kern ging es angesichts der sehr umfangreichen Konversionsaufgaben darum, wo die Stadt mit welchem Finanzaufwand und welchem Risiko einsteigen sollte. Mein Votum war: Nicht erwerben, nicht zu diesem Preis, nicht mit diesen altlastenbedingten Unwägbarkeiten – gerade weil wir so viele Konversionsaufgaben zu stemmen hatten und uns danach die Altlasten am Flughafen große Schwierigkeiten bereiteten.

Schließlich erhielt ich nach intensiver Überzeugungsarbeit für diese Position eine mehrheitliche Unterstützung des Gemeinderates. 2007, rund zwei Jahre später, kaufte ein privater Interessent das gesamte Areal für einen (!) Euro. Wir hätten dafür rund drei Millionen Euro bezahlen sollen und hätten dazu noch die Entwicklung finanzieren müssen. Es war also eine richtige Entscheidung und wir gewannen finanzielle Spielräume. Heute ziert das ehemalige Kasernenareal die Stadt als ein modernes Wohngebiet für rund 1 000 Menschen. Auch hier kamen die Kraft und das Gewicht der Worte mit den richtigen Begründungen zur rechten Zeit zum Tragen.

Noch etwas zu Sprechgewohnheiten. Da gibt es Erlebnisse, die zum Thema gut passen, denn sie hängen mit Sprache zusammen. Für gewöhnlich benutzen wir in Deutschland das »Sie« als erste Form der Ansprache. Sozialdemokraten aber duzen sich üblicherweise. Im Prinzip duzen sich also alle Sozialdemokraten sofort. Ich bringe dies nicht fertig. Ich habe auch Helmut Schmidt nicht geduzt. Auch den Bundestagsabgeordneten Fritz Rinderspacher, der mich im Wahlkampf unterstützte, habe ich zunächst gesiezt. Doch als wir in Dinglingen eine Wahlkampfveranstaltung hatten und ich ihn öffentlich siezte, schob er mir einen Zettel zu, auf dem stand: »Der Genosse Rinderspacher bittet um das Genossen-Du.« Als Gerhard Schröder erstmals in Lahr war, sagte unser Bundestagsabgeordneter Peter Dreßen zu ihm: »Der OB von Lahr ist auch bei uns in der SPD.« Darauf fragte Schröder: »Warum duzt er mich dann nicht?«, ich hatte ihn nämlich gesiezt. Das »Du« wollte ich nicht so unvermittelt beim ersten Kontakt. Mit dem »Du« transportieren wir sehr viel und wir schaffen damit unmittelbar und ohne Vorlauf eine sehr große Vertrautheit. Auch das hat etwas mit der Macht der Sprache zu tun.

Darüber hinaus eine weitere Geschichte: 1975 – also 30 Jahre nach dem Krieg – war ich im Sommer mit zwei Freunden in Polen. Wir waren in Danzig und man bot uns die Wohnung einer Frau an, die auf einer Wallfahrt war. Wir übernachteten dort und gaben den Nachbarn dafür ein paar Westmark. Das war eine tolle Sache. Im Morgengrauen klingelte es plötzlich. Draußen stand ein Mann in Uniform. Sieht mich und zieht seine Pistole. Ich spreche kein Polnisch, mir fiel nur ein einziges russisches Wort ein: »Druschba«, was Freundschaft heißt. Daran, wie ich es sagte, muss er wohl gemerkt haben, dass ich weder ein Pole noch ein Russe bin, sondern ein Deutscher. Dann fragte er: »Wo ist meine Oma?« Ich sagte: »Die Oma ist auf Wallfahrt und die Nachbarschaft hat uns die Wohnung für zwei Tage gegeben.« Man stelle sich vor: Er wollte seine Großmutter besuchen und traf dabei in ihrer Wohnung auf einen jungen Deutschen im Schlafanzug. Ein einziges Wort kann eine brenzlige Situation in Wohlgefallen auflösen. Auch das gehört zur Macht der Worte. Die Situation war gerettet und ging über in eine deutschpolnische Frühstücksrunde.

*****

DR. WOLFGANG G. MÜLLER wurde 1951 in Bruchsal geboren. Er studierte Politik- und Verwaltungswissenschaften in Konstanz und wurde 1981 zum Doktor der Sozialwissenschaften promoviert. Während seiner beruflichen Laufbahn war Müller unter anderem in den Bereichen Forschung und Lehre, im Bundeswirtschaftsministerium in Bonn und als Wirtschaftsattaché an der Deutschen Botschaft in Brasilia tätig. Darüber hinaus leitete er als Vorsitzender den Ausschuss für Handel, Industrie und Unternehmerentwicklung der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (ECE/ UN) in Genf. Seit 1997 ist er Oberbürgermeister der Stadt Lahr.

Ulrike Derndinger

Der Weg zum eigenen Wort

Mein Vater brauchte für jedes Wort eine halbe Ewigkeit. Wenn er etwas aufschrieb, dann mit Kreide auf die Saustalltür. Darauf notierte er, wann die Säue gedeckt wurden und wann sie geferkelt haben. Er war der Sohn eines Bauern aus Kürzell und wurde selber Landwirt auf dem Hof, auf dem er aufgewachsen war. Über die Stalltür hinaus füllte er noch landwirtschaftliche Anträge aus und ab und zu setzte er seinen »Servus« unter mein Schulzeugnis. Oft genug sagte er dabei: »Gib’s der Mutter, die kann das besser.« Mein Vater ist vor drei Jahren gestorben. Meine Mutter ist noch quicklebendig, aber schreiben mag sie ebenso wenig wie mein Vater es mochte. Dabei fand ich ihre großen runden Buchstaben als Kind wunderschön. Sie selbst war der Meinung, sie habe eine Sauklaue und deshalb zu Recht in Schönschreiben schlechte Noten bekommen. Sie sagt oft, sie habe lieber gerechnet. Und gelesen hat sie gern. Aber auch das hat seine Tücken. Sie findet, dass Lesen einen von den wichtigen Dingen des Lebens abhält. Zum Beispiel vom »Schaffe«.

Über meine Eltern hatte das Wort wenig Macht. Ich hingegen war von Sprache fasziniert. Im Kindergarten lernte ich Lieder und Gedichte schnell auswendig. Meine Mutter erzählte mir, wie ich mit vier Jahren mit dem Dreirad auf dem Trottwar entlanggefahren war und unserer Nachbarin ein Lied vorgesungen habe. Sie meinte später zu meiner Mutter: Sie habe ja gar nicht gewusst, dass das Lied so viele Strophen hat!

Die Erzieherin im Kindergarten hieß Vroni. Wir sagten »Tante« zu ihr. Tante Vroni sagte zu meiner Mutter: »Man meint immer, die Ulrike hört nicht zu, wenn wir ein Gedicht lernen. Aber am Ende kann sie es doch als Erste auswendig.« Ich mochte Worte, aber nicht Stillsitzen. Ich redete lieber, machte Faxen und hörte gleichzeitig zu.

Als Grundschulkind fand ich die drei Enkelsöhne unserer Nachbarin spannend. Gespielt haben die Buben eines evangelischen Pfarrers und einer Grundschullehrerin immer ganz pädagogische Sachen, es durfte nicht gebrüllt und es musste immer »Danke« gesagt werden. Aber ihre Sprache, die war interessant. Sie wohnten in Berlin und konnten aus meiner Sicht reinstes Schriftdeutsch. Wenn sie zu Besuch da waren und ich zum Spielen durch den Garten rüberhopste, stellte ich mit diesem Sprung auf Hochdeutsch um. Einmal fragte mich die Mutter, die ursprünglich aus Norddeutschland stammte, erstaunt: »Ulrike, wo hast du denn so gut Hochdeutsch gelernt?« Ich wusste es selber nicht und sagte so was wie: »Ich kann‘s halt. Aus dem Radio oder dem Fernseher.«

Ich wollte Deutschlehrerin werden. Jedenfalls habe ich mich darauf in meinem Kinderzimmer vorbereitet. Ich hielt Schulstunden ab und benutzte den Kleiderschrank als Tafel, auf die ich mit Kreide Wörter schrieb. Meine Schüler spielte ich mit verstellten Stimmen, lobte und tadelte sie. Manchmal rief meine Mutter in Richtung Kinderzimmer: »Uli, isch ebber bi der?« »Nein, nein, ich halt Schuel.« Noch heute lachen wir darüber.

Auf unserem Tabakacker spielte ich die Alleinunterhalterin, machte »Radiosendungen«. Als Jüngste in der Familie musste ich noch keinen Tabak gebückt ernten, sondern ihn auf dem Pritschenwagen stehend entgegennehmen und Stapel für Stapel »setze«. Zur Unterhaltung moderierte ich die Ernte wie ein Fußballspiel: »Jetzt kommt ein großer Haufen mit Tabakblättern!« Bei »Toooor!« klatschte ich den Haufen hin. Anschließend verkündete ich das Wetter: »Es bleibt kalt, das ist gut, denn dann fliegen die Bremsen nicht so arg.« Zwischendurch sang ich ein Lied. Wie im richtigen Radio halt.

In der Grundschule machte ich meine ersten Erfahrungen mit dem Schreiben von Dialekt. Ich schrieb: »Mama hat einen Schurz an.« Die Lehrerin schrieb an den Rand: »Eine Schürze.« Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es gibt einen Unterschied zwischen Dialekt und Hochdeutsch.

Meine Liebe zum Wort und zur Bühne wurde in meiner Kindheit von der Kirche geprägt. Ich war Ministrantin, Lektorin und sang im Kirchenchor – nicht, weil ich so gern gesungen hätte, sondern weil ich unbedingt beim Kirchenchortheater mitspielen wollte. Viele Leute freuten sich darüber, dass sie endlich mal was verstanden hatten. Wir hatten keine Mikrofone auf der Bühne und die Zuschauer meinten, dass ich Gottseidank schön laut gesprochen habe. Ich war stolz über die guten Kritiken.

Nach der Realschule durfte ich, wie meine ältere Schwester, Abitur machen. Danach beschloss ich, mich an der Freiburger Universität einzuschreiben. Oft wurde ich gefragt: »Warum Theologie – und dann auch noch katholische?« Das sei doch wahnsinnig, als Frau. Heute weiß ich: Ich habe es getan, weil ich mich mit Kirche auskannte und der kirchliche Dienst eine Jobgarantie bot. Der Beruf der Pastoralreferentin war konkret und ich musste nicht fürchten, eines Tages als arbeitslose Geisteswissenschaftlerin Taxi zu fahren. Ich war die Erste in der Familie, die an der Universität studieren durfte, also wollte ich meinen Eltern Sicherheit bieten.

Im Studium stieß ich erneut auf die Macht der Worte. Im Gymnasium hatte ich Englisch und Französisch gelernt. Für das Theologiestudium brauchte ich Latein, Griechisch und Hebräisch. Ohne die Sprachen kein Studium. Es war hart, aber gefiel mir auch.

2003 habe ich den Abschluss als Diplomtheologin gemacht. Damit kam ich in einen Zwiespalt. Schon im Studium, nach ein paar Semestern, war mir klar geworden, dass ich doch nicht für die Kirche arbeiten will. Das Wort – mit all seiner Macht – von der Kanzel verkünden? Ich zweifelte, ob ich wirklich Alles mit Feuer und Flamme glauben und predigen konnte.

Doch was tun? Ich hatte meiner Mutter versprochen, Pastoralreferentin zu werden. Es kostete mich Überwindung, ihr zu sagen, dass nichts daraus wird. Offenbar hatte ich meine Mutter unterschätzt, denn sie antwortete: »Gott sei Dank! Du wärsch sowisso mit em Pfarrer hintrefiir kumme!« Sprich: Du hättest dich sowieso mit dem Pfarrer überworfen.

Mit der Pflege von alten Leuten im Pflegeheim hatte ich mein Studium finanziert, also arbeitete ich zunächst dort weiter. Übrigens herrscht auch dort die Macht der Worte. Meine Kollegen aus allen Ländern der Welt konnten keinen Dialekt. Viele alte Menschen vermissten ihre Sprache und freuten sich, wenn sie auf Alemannisch angesprochen wurden.

Durch Zufall erfuhr ich von einem Aufbaustudium »Journalismus für Theologen«. Dazu muss man wissen, dass ich bereits nach dem Abitur drei Praktika gemacht hatte, bei der Lokalzeitung, beim Burda-Verlag und eins beim Lokalradio. Danach dachte ich, dass ich als einfaches Bauernkind aus praktisch bücherfreiem Haus ohnehin keine Chance als Journalistin habe und schrieb mich für Theologie ein.

Im Aufbaustudium kehrte ich nun, einige Jahre älter, zum Journalismus zurück. Ich machte ein Praktikum bei der Badischen Zeitung, arbeitete als freie Mitarbeiterin und wurde Volontärin. Für die Ausbildung zur Redakteurin bewarb ich mich mit einem Anschreiben in meinem Dialekt, auf Alemannisch. Für die Nichtdialektschwätzer übersetzte ich den Text auf Hochdeutsch. Ich glaubte nicht so recht daran, dass man mich nehmen würde. Aber die (Dialekt-) Worte waren wohl mächtig genug.

Seit einigen Jahren arbeite ich nun als Redakteurin bei der Badischen Zeitung in Lahr. Schon in der ersten Woche in der Redaktion bekam ich zu spüren, welche Macht meine Worte in der Zeitung haben. Ich musste über einen Konflikt in einer katholischen Kirchengemeinde berichten, der ausgerechnet in meinem Heimatdorf spielte. Es ging um einen Pfarrer, der das Dorf in Gegner und Befürworter gespalten hatte. Ich schrieb mehrere Artikel und Kommentare. Die Befürworter des Pfarrers nahmen es mir übel, dass ich das Thema aufgegriffen hatte: »Mensch Ulrike, du bist doch Ministrantin gewesen und hast Theologie studiert. Jetzt schreib doch nicht über uns!« Sie redeten mir schwer ins Gewissen. Damit lernte ich gleich eine wichtige Lektion des Lokaljournalismus: »Nah dran sein, aber Abstand halten.«

Seit mehr als zehn Jahren bin ich zudem Dialektautorin. 2003 habe ich einen Mundartpreis gewonnen. Die Geschichte, die prämiert wurde, handelt davon, wie die letzte Kuh eines Bauernhofs den Stall verlässt. Der Text berührt bei Lesungen viele Menschen, weil er sie an ihre eigene Geschichte erinnert. Mich selbst berührte der Preis, weil er etwas adelte, was ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte: Ich, das Bauernmädchen, habe ausgerechnet mit dem Thema »Bauernhof« Erfolg. Hier hat sich für mich ein Kreis geschlossen.

*****

ULRIKE DERNDINGER, geboren 1977 in Lahr, wuchs auf einem Bauernhof in Meißenheim-Kürzell auf und wurde Journalistin. Seit 2007 ist sie Lokalredakteurin der Badischen Zeitung in Lahr. Mit ihren Mundarttexten tritt sie mit ihrem Mann Heinz Siebold auf den Kleinkunstbühnen der Region auf. Sie lebt mit ihm in Lahr.

Ludwig Hillenbrand

Die Magie der Wörter

Was soll man erzählen zum Thema »Macht der Worte«? Wie erlebt man den Umgang mit der Sprache, welche Erlebnisse, welche Erfahrungen hat man gemacht? Welche Bedeutung hat das Wort im Leben gehabt?

Was mich betrifft, so muss ich biografisch weit zurückgehen. Ich habe mich gefragt, wie kommt es, dass ein Bub wie ich, der im Dorf aufgewachsen ist und Mundart spricht, dass so einer dann Deutschlehrer wird? Wie kommt es, dass ein Deutschlehrer, der den Kindern richtiges Hochdeutsch vermitteln soll, dann später in Mundart schreibt und veröffentlicht? Wie passt das zusammen? Welches Verhältnis zum Wort steckt dahinter? Ich versuche im Rückblick zu erklären, wie ich dazu gekommen bin.

Ich bin in einem Dorf aufgewachsen. Meine Eltern hatten eine Gastwirtschaft, eine Bäckerei sowie eine kleine Landwirtschaft. Das Umfeld war also nicht gerade durch eloquente Rhetorik gekennzeichnet, sondern eher durch Wortkargheit und Nüchternheit. Man sprach nur das Nötigste, und das nur in Mundart.

Aus dieser Zeit gibt es etwas, das mich nachhaltig beeinflusst hat – es waren einfache Kinderverse, Schlaflieder und Schlafverse. So banal das vielleicht klingen mag: Sie haben mich, wie andere Kinder auch, fasziniert und sind mir in Erinnerung geblieben. Beispielsweise:

Nina Bubbele

Koch em Kind a Suppele,

schlag em auch a Gaggele dran.

Dass es besser schlofe kaan.

Oder der bekannte Trostvers bei Schmerzen:

Heile, heile Sege,

drei Tag Rege,

drei Tag Schnee

dann duet´s em Kindli nimmi weh.

Über diese Verse hat man eine Ahnung bekommen, dass Worte eine Wirkung haben, dass sie trösten, beruhigen, heilen können. Aber auch, dass man mit Worten spielen kann und dass Worte auch Spielmaterial selbst darstellen. Der Sinn der Worte spielt gar keine so große Rolle, sondern vor allem der Klang der Worte, ihre Ausstrahlung. Man hat ein Gefühl bekommen für Reime und den Rhythmus von Versen, die ja Vorstufen von Lyrik sind.

Ich höre heute noch den fast magischen Klang der Verse, die mein Vater zum Rhythmus des Dengelns der Sense vor sich hingesprochen hat:

De Litz de Latz de Läderlitz,

Er leit im Bett un schwitzt,

Er streckt de Arm zum Fenster nuss

Un said, er het e Hitz.

Noch heut putze ich im Rhythmus dieser Nonsensverse meine Schuhe.

Oder hier ein Wörterspiel, bei dem man die Anzahl der hinter dem Rücken aufgezeigten Finger erraten musste:

Rumbili bumbili Holderstock

Wie viel Hörner het de Bock?

Wie viel Fingern stehn?

Wie auch Eugen Gomringer, der als Begründer der Konkreten Poesie gilt, einmal gesagt hat: »Worte sind Spiele und Spiele werden Worte.« Das war in solchen Kinderversen der Fall. Sie waren gleichsam »Zungenspäße«, in ihnen habe ich erstmals den Zauber, die Magie von Wörtern verspürt.

Vielleicht kam auch noch hinzu, dass mein Vater gerne in Mundart geschrieben hat. Er war ein Könner auf dem Gebiet der sogenannten Schnitzelbank. Er ging an Fasnacht in die Bütt und hat wunderbare, lustige, witzige Verse gedrechselt und geschnitzt, deshalb Schnitzelbank. Ich habe das als Bub auch versucht und schon damals gemerkt, dass es einen besonderen Reiz hat, Verse in Mundart zu schreiben.

Später als Lehrer habe ich immer sehr gerne Gedichte behandelt, denn in Gedichten sind die Worte eben »verdichtet«. Gedichte sind verdichtete Texte und man erkennt in diesem Klangpotenzial von Wörtern die verschiedenen Abtönungen, die verschiedenen Bedeutungsnuancen. Gerne nahm ich mir im Unterricht Nonsensgedichte vor. Und ich habe Ringelnatz, Morgenstern, Jandl und Hugo Ball häufig behandelt.

Gerade in der Unterstufe war es immer wieder faszinierend, wenn ich in die Klasse kam und einfach anfing mit:

Der Flügelflagel gaustert

durchs Wiruwaruwolz

die rote Fingur plaustert

und grausig gutzt der Golz.

Da haben die Schüler große Augen gemacht, als wollten sie fragen: »Was soll das?« Wenn man das aber richtig vorgetragen hat, dann haben die Schüler bald erkannt, dass es einen gruselt, obwohl man vom Inhalt fast nichts versteht. Aber man spürt die Stimmung. Das Gedicht ist das Gruselett von Christian Morgenstern.

Ich bin überzeugt, dass ich bei vielen Schülern noch in Erinnerung bin, weil ich in verschiedenen Klassen in Vertretungsstunden oft das Gedicht Der Zipferlake von Lewis Carrol in einer Übersetzung von Christian Enzensberger vortrug, das mit diesen Zeilen begann:

Verdaustig war’s, und glasse Wieben

rotterten gorkicht im Gemank.

Gar elump war der Pluckerwank,

und die gabben Schweisel frieben.

Vielleicht hat solch ein Gedicht die Kinder gerade deshalb fasziniert, weil der Sinn verborgen blieb und nur aus Wortklängen bestand.

Goethes Mephisto sagt einmal: »Gewöhnlich meint der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.«

Viele Jahre, nachdem ich die Schule verlassen hatte, wurde ich immer wieder auf den Zipferlake angesprochen und viele konnten das ganze Gedicht noch auswendig. Vor einiger Zeit hat mir eine Studentin eine DVD zugeschickt, sie hat Medientechnik studiert und als Zwischenprüfung mussten sie eine CD erstellen und da hat sie den Zipferlake vertont. Auch bei dieser Studentin wirkte die Macht des Wortes offensichtlich noch lange nach.

Gerade auch als Mundartschreiber habe ich gemerkt, dass man mit Worten und Klangfärbungen sehr schön spielen kann und auch mit Kontrasten zwischen Hochsprache und dem Englischen. Hier ein Beispiel: Meine Tochter wollte die Schillerstraße hochfahren, da habe ich in meiner Mundart gesagt: »D’Schillerstroß derfsch nit hochfahre, die isch da obe gsperrt.« Meine siebenjährige Enkelin fragte gleich: »Opa, was sind das für Dschiller?« Ich habe zuerst gar nicht verstanden, was sie meinte. Erst als sie nachhakte: »Wer tut da oben dschille?«, verstand ich, dass sie das englische Wort »chillen« meinte und wissen wollte, wer da oben in der Schillerstraße wohl »chille«.

Einmal kam eine aus Norddeutschland stammende Lehrerin zu mir und sagte: »Sie können doch gut Dialekt sprechen. Wissen Sie was Ziegsii ist?« Ich antwortete: »Ziegsii, Ziegsii, das weiß ich jetzt nicht. In welchem Zusammenhang haben Sie es gehört?« Sie hätte nachmittags einen Schüler aus Schweighausen getroffen und sie hat ihn gefragt, was er denn noch in Lahr mache. Er sagte: »Wir gehen morgen ins Landheim und jetzt kauf ich noch Ziegs ii.« Solche Wortspiele wirken eben nur in der Mundart.

Man wird dann richtig hellhörig für solche Wortspiele. Ein weiteres Beispiel für ein sprachlich bedingtes Missverständnis zwischen einem »Hochsprachler« und Mundartsprecher: Als wir einmal mit der Sportgruppe abends beim Italiener saßen, hat ein norddeutscher Sportskamerad gesagt: »Ich esse einen Krabbensalat.« Unser Landwirt aus Hugsweier antwortete empört: »Oh jee, gege die Krabbe mueß mr jetzt endlich ebbs undernämme, die fresse jo alli Äcker leer.« Der Norddeutsche war natürlich völlig konsterniert, weil er überhaupt nicht kapiert hat, was das Wort »Krabben« im Alemannischen bedeutet. Bei uns sind das nämlich die Saatkrähen.

Ich kann keine lyrischen Gedichte schreiben, versuche mich aber mit Wortspielereien wie beim »Selleriesalat«: Selli, von sellem – said – sellere; Sellerie wär gsund, selldrum sodd seller meh Sellerie esse. Sell wär nit verkehrt. Aber seller Sellerie von sellere schmeckt sellenem besser wie seller Sellerie von sellere. Mit solchen Mundartwörtern kann man wunderbar spielen.

Die Macht des Wortes und damit die Faszination des Wortes sind letztlich immer in dessen Klangfarben, Klangabtönungen, im Satzrhythmus, in seiner Klangmagie begründet, also in der Ästhetik der Sprache.

Nochmals ein Schritt zurück in meinen biografischen Erinnerungen. Was könnte mich noch motiviert haben, mich mit Sprache auseinanderzusetzen? Wie kommt man als Dorfbub zur Literatur, zur Philologie?

Ich möchte zwei Lehrer erwähnen. In der »Volksschule« Fessenbach war es unser Lehrer Albert Braunstein. (In der Region ist vielleicht noch die Braunsteindynastie bekannt.) Albert Braunstein konnte herrliche Geschichten erzählen und er hat sie uns sehr spannend und anschaulich geschildert. Er hat mir damit die Welt der Märchen eröffnet.

Der zweite Lehrer war unser Deutschlehrer Klein am Schiller-Gymnasium in Offenburg. Er hat uns in Vertretungsstunden ganze Fortsetzungsromane sehr anschaulich erzählt. Durch die Macht des Erzählens, durch die Macht der Sprache, hat er mich zum Lesen gebracht. Ich habe wahnsinnig viel gelesen, alle griechischen und deutschen Sagen. Das Nibelungenlied habe ich bestimmt zehn Mal gelesen. Das alles ist mir später im Studium der mittelhochdeutschen Literatur zu Gute gekommen, weil ich mit den Inhalten der Sagen schon vertraut war.

Lesen war für mich sehr wichtig. Ich hätte natürlich in der Bäckerei, in der Wirtschaft, in der Landwirtschaft oder in den Reben arbeiten und mithelfen müssen, aber ich sagte immer, ich hätte viele Hausaufgaben auf. Ich hatte immer heimlich ein Buch bei mir. Diese Einstellung – lieber lesen und Hausaufgaben machen als körperlich schaffen – hätte ich mir später als Lehrer von manchen Schülern auch gewünscht. Und meine Frau meint, dass sich diese Eigenschaft bis heute bei mir erhalten hat …

So wurde ich schon in den Schülerjahren zur Literatur hingeführt. Literatur und Sprache haben mich schon früh fasziniert, und deshalb habe ich dann Deutsch und Englisch studiert. Aber als Mundartsprecher Deutsch zu studieren, war an der Uni mit Problemen verbunden. Zwar waren wir südbadischen Kommilitonen mit unserer alemannischen Klangfärbung der deutschen Sprache mächtig, aber mit unserem entschleunigten Sprechtempo waren wir den sprachgewandten und flink formulierenden norddeutschen Studenten weit unterlegen. Selbstzweifel haben sich bei uns Alemannen eingestellt, Zweifel an der eigenen Sprechfähigkeit. Ich muss ehrlich gestehen, in den ersten sechs bis sieben Semestern habe ich in den Seminaren kaum ein Wort gesprochen, aus lauter Angst, mich zu blamieren.

Damals in den 1950er- und 60er-Jahren nämlich hatte die Mundart einen sehr schlechten Ruf; sie war als minderwertig verpönt. Gestützt auf angeblich wissenschaftlich begründete Theorien, die aus den USA herübergeschwappt waren, galt die Mundart als eine degenerierte Sprachform. Man müsse daher den Dialektsprechern kompensatorischen Sprachunterricht anbieten, so die Forderung. Das heißt, man muss ihnen den Dialekt und die Mundart abgewöhnen wie das Nasenbohren oder Nägelkauen. Das war die damals gültige wissenschaftliche Auffassung von Mundart.

Zum Glück gab es aber die Professoren, die Mittel- und Althochdeutsch und Sprachgeschichte unterrichtet haben und mir bald die Augen öffneten: Maurer, Besch, Basler. Und so erkannte ich, Dialekt ist ja gar keine degenerierte Sprachform, sondern eine sehr alte Sprachform! Als wir mittelhochdeutsche Texte gelesen haben, haben wir plötzlich entdeckt, das ist ja unsere Mundart! Zum Beispiel das älteste deutsche Liebesgedicht: »Ich bin diin, du bist miin, des sollt du gewiss siin« usw. Das klingt ja ganz alemannisch!

Wir Alemannen durften dann die mittelhochdeutschen Texte vorlesen. Das konnten wir besser als die norddeutschen Studenten und wir verstanden die Texte auch schneller als die anderen. So holten wir uns in Alt- und Mittelhochdeutsch unser Selbstbewusstsein zurück und wir lernten, auf die Kraft unserer Sprache zu vertrauen. Wir erkannten, unser Alemannisch hat uralte geschichtliche Wurzeln. Und unsere Muttersprache ist ein ganz wesentlicher Aspekt unserer Identität.

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LUDWIG HILLENBRAND wurde 1939 in Offenburg geboren. Nach dem Lehramtsstudium Deutsch und Englisch, erhielt er seine erste Stelle als Lehrer am Max-Planck-Gymnasium in Lahr. Von 1986 bis 2003 war er dort auch Schulleiter. Seit seiner Pensionierung veröffentlichte er mehrere Mundartbücher.

Das Abenteuer meines Lebens

Hermann Burger

Abenteuer in zwei Ländern

Während des Fluges von Mimi nach Cali hatte ich aus dem kleinen Fenster der Propellermaschine geblickt und teils interessiert, teils besorgt zwei, drei »tanzende« Schrauben auf den Flügeln betrachtet. Jetzt war ich an meinem Ziel in Kolumbien angekommen. War dieser »Schraubentanz« symbolisch für das Abenteuer, auf das ich mich eingelassen hatte?

Eine Bewerbung und einige Briefe waren per Luftpost zwischen Kolumbien und dem Badischen hin und her gewandert, seit ich das etwas außergewöhnliche Inserat in der Fachzeitschrift gelesen hatte:

Schweizer Geschäftsmann sucht für seine Konditorei mit Filialen in der Millionenstadt Cali in Kolumbien einen interessierten, tüchtigen Konditor als Backstubenleiter.

Und wie interessiert ich war! War diese Offerte nicht die Herausforderung, die ich mit meinen 22 Jahren gerade brauchte? Wenn die »alten« Männer in meiner Kinder und Jugendzeit von ihren großen Abenteuern in fernen Ländern erzählt hatten, dann berichteten sie meist von Kriegsgeschichten. Auch ich träumte von fernen Ländern, jedoch ganz ohne Krieg.

Nach dreijähriger Bäckerlehre, der ich noch zwei Jahre einer Ausbildung zum Konditor angeschlossen hatte, hatte ich in der Schweiz und in Deutschland in guten Häusern gearbeitet und war überzeugt, eine sehr gut ausgebildete Fachkraft zu sein. Dass ich nicht besonders viel verdiente, aber sehr viel arbeiten musste, verstimmte mich nur von Zeit zu Zeit, denn ich liebte meinen Beruf. Ich fühlte mich ganz gut aufgehoben mit meinen vielen Freunden und hatte auch eine nette Freundin, doch wollte ich um Himmelswillen noch nicht geheiratet werden.