Langzeitstillen in Deutschland -  - E-Book

Langzeitstillen in Deutschland E-Book

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Beschreibung

Langzeitstillen - was ist das? Und geht das in Deutschland überhaupt? In diesem Buch teilen 56 sehr unterschiedliche Frauen aus ganz Deutschland ihre Erfahrungen in Bezug auf das Stillen. Dabei werden individuelle Erlebnisse erzählt, aber auch Fragen (z.B. zum Thema Reaktionen im Umfeld, Berufstätigkeit und Abstillen) beantwortet. Auch gesundheitliche Aspekte, u.a. Karies, werden angesprochen. Das Buch beinhaltet ein Vorwort von Dr. Herbert Renz-Polster und einen Beitrag der Stillbuchautorin Dora Schweitzer. Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin besticht diese komplett überarbeitete und erweiterte Auflage des Buches "Langzeitstillen in Deutschland" durch ihre Leserfreundlichkeit und ein attraktives Layout!

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Meine Mutter hatte einen Haufen Ärger mit mir, aber ich glaube, sie hat es genossen.

Mark Twain

Über die Herausgeberin:

Sarah Becker wurde 1989 in München geboren. Sie ist selbst langzeitstillende Mutter von zwei Kindern und freiberuflich als Schriftstellerin tätig. Ihre Freizeit verbringt die Autorin am liebsten mit dem Fotoapparat und ihren Kindern in den Bergen. Über ehrliches Lob, konstruktive Kritik und andere Rückmeldungen freut sie sich in der Regel.

E-Mail: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur 1. Auflage

Einleitung

Abkürzungen die in den Interviews vorkommen

Glossar

Stillkinder zwischen 1 und 2 Jahren

Stillkinder zwischen 2 und 3 Jahren

Stillkinder zwischen 3 und 4 Jahren

Stillkinder zwischen 4 und 5 Jahren

Stillkinder zwischen 5 und 6 Jahren

Literaturempfehlungen der Mütter

Vorwort zur 1. Auflage

„Das, was wir heute als Langzeitstillen bezeichnen, ist genau das, was die allermeisten Mütter, die jemals auf dieser Erde gelebt haben, betrieben haben.“

Fragt man 100 Menschen auf der Straße, wie lange denn ein Säugling zu stillen sei, dann bekommt man extrem unterschiedliche Antworten. Tatsächlich ist der Mensch das erste Säugetier, das sich darüber streitet, was denn der richtige oder „normale“ Gebrauch der mütterlichen Brust sei.

Umso schöner, dass in diesem Band die Mütter selbst zu Wort kommen. Und zwar gerade die, die sich in dieser Debatte oft nicht so spontan melden – eben weil sie länger stillen als die meisten anderen (und damit auch die entsprechenden Blicke abbekommen).

Dabei ist am „länger Stillen“ aus Sicht der evolutionären Verhaltensforschung eigentlich gar nichts auffällig. Im Gegenteil: das, was wir heute als Langzeitstillen bezeichnen, ist genau das, was die allermeisten Mütter, die jemals auf dieser Erde gelebt haben, betrieben haben. Und zwar aus dem einfachen Grund: dass dies gut für ihre Kinder war – für ihr Überleben und für ihre Gesundheit.1

Umso spannender, den Antworten der in diesem Buch sprechenden Mütter zuzuhören: wie kommen sie überhaupt dazu, ihr Kind „so lange“ zu stillen? Wie sieht die Umwelt das? Wie ihr familiäres Umfeld und ihre Partner? Welche Erfahrungen haben sie dabei gemacht, und wie sehen ihre Beziehungen zu ihren Kindern aus?

Die Frage „Was, du stillst noch“? bekommt mit diesem Buch ein Gesicht. Nein, sie bekommt viele Gesichter. Und das ist gut so. Denn vielleicht wird mit diesen Geschichten eine der natürlichsten menschlichen Verhaltensweisen noch persönlicher - und allein dadurch auch „normaler“.

Dr. Herbert Renz-Polster, Autor von Kinder verstehen – Born to be wild – Wie die Evolution unsere Kinder prägt

1 Renz-Polster, Herbert: Langzeitstillen – wo ist das Problem? Online unter: http://kinder-verstehen.de/images/Langzeitstillen_140210.pdf

Einleitung

„Sie haben moderne Antworten auf Fragen, die so alt sind wie die Menschheit selbst.“

Vielleicht ist auch Ihnen beim Lesen des Buchtitels die Frage gekommen, was man überhaupt unter „Langzeitstillen“ zu verstehen hat. Was „Stillen“ ist weiß jeder, aber „Langzeit-Stillen“? Um es kurz zu machen: eine offizielle Definition gibt es hierfür nicht, was sicher auch damit zu tun hat, dass sich die Weltgesundheitsorganisation, diverse Heilpraktiker, Zahnärzte, Anthropologen usw. nicht einig sind, welche Stilldauer denn überhaupt „normal“ ist.

So lautet die Empfehlung der WHO:

“Exclusive breastfeeding is recommended up to 6 months of age, with continued breastfeeding along with appropriate complementary foods up to two years of age or beyond.”2

[Die WHO empfiehlt, Säuglinge bis zum 6. Monat zunächst ausschließlich zu stillen. Danach, so die Empfehlung, soll in Kombination mit geeigneter Beikost bis zum Alter von zwei Jahren oder darüber hinaus weitergestillt werden.] (Übersetzung der Herausgeberin)

Katherine A. Dettwyler, Ph.D., eine Anthropologin und Expertin auf diesem Gebiet, schreibt dagegen:

“My research concludes that the normal and natural duration of breastfeeding for modern humans falls between 2.5 years and 7 years.”3

[Meine Nachforschungen haben ergeben, dass die normale und natürliche Stilldauer des modernen Menschen zwischen 2,5 Jahren und 7 Jahren liegt.] (Übersetzung der Herausgeberin)

Dr. Karin Otten, Kinderzahnärztin, hier stellvertretend für viele andere Kinderzahnärzte in Deutschland, empfiehlt auf ihrer Website wiederum:

„Spätestens nach dem Durchbruch der ersten Zähne sollte jedoch abgestillt werden.“4

[Im Durchschnitt bekommen Säuglinge mit ca. sechs Monaten ihren ersten Zahn.] (Anmerkung der Herausgeberin)

Wie also eine „Still-Norm“ definieren? Aufgrund eigener Beobachtungen – und viele Mütter, mit denen ich mich hierüber unterhalten habe, stimmen mit mir darin überein – meine ich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz in Bezug auf das Stillalter bei ca. einem Jahr liegt: Um den ersten Geburtstag (besser vorher als nachher) sollte das Kind spätestens abgestillt sein. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, folgende Grenze für das Langzeitstillen zu ziehen: Die für das vorliegende Buch befragten Mütter sollten ihr Kind bereits mindestens ein Jahr gestillt haben, wobei ein Ende der Stillzeit zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht geplant gewesen sein sollte.

Als ich für dieses Buch nach Hintergrundwissen in Bezug auf Vorurteile zum Thema Langzeitstillen recherchiert habe, bin ich auf viele interessante Berichte, Bücher und Forschungsarbeiten gestoßen, manche davon auch etwas kurios. So wollen Forscher in Norwegen beispielsweise herausgefunden haben, dass nicht das (kurze oder lange) Stillen an sich, sondern die Menge der männlichen Geschlechtshormone (Androgene) im Blut der Mutter während der Schwangerschaft ausschlaggebend für die spätere Gesundheit der Säuglinge sei.5 Dr. med. Herbert Renz-Polster dagegen macht in seinem Buch Kinder verstehen Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt auch für Laien sehr gut verständlich, warum das (lange) Stillen kein Muss ist – aber sogar heute für Mutter und Kind noch Sinn macht. Nach vielen Stunden mit Stilllektüre und sehr langem Hin und Her habe ich mich dennoch dazu entschlossen, dass dieses Buch kein Diskurs für oder gegen das Langzeitstillen, sondern ganz den Erfahrungen der Langzeitstillmütter vorbehalten sein soll.

Für dieses Buch haben sich nämlich 56 Frauen bereit erklärt, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Erfahrungen von Müttern, die zu Hause geblieben sind oder bereits einige Wochen nach der Geburt wieder gearbeitet haben, die mit Freundinnen ausgehen oder jeden Abend im Kreis ihrer Familie verbringen wollten, die Milchstaus und Brustentzündungen überstanden haben, die während des Stillens gebissen oder aufgrund allzu vieler schlafloser Nächte an den Rand der Verzweiflung getrieben worden sind. Mütter eben, die länger als ein Jahr gestillt haben – oder es immer noch tun. Sie leben in Dörfern und Großstädten in Deutschland – nicht am Amazonas oder in grauer Vorzeit. Und sie haben moderne Antworten auf Fragen, die so alt sind wie die Menschheit selbst.

2http://www.who.int/topics/breastfeeding/en/ (eingesehen am 03.12.18).

3https://bhaktibirth.wordpress.com/2010/07/09/breastfeeding-court-letter-by-katherine-a-dettwyler-ph-d-anthropology/ (eingesehen am 02.12.18).

4http://praxis-otten.de/faq/faq-stillen-warum-und-wie-lange/ (eingesehen am 02.12.18,).

5http://forskning.no/hormoner-svangerskap/2010/01/amming-ikke-sa-sunt-som-vi-tror (eingesehen am 02.12.18).

Abkürzungen die in den Interviews vorkommen

AB: Antibiotikum

AFS: Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen

BLW: Baby-Led-Weaning

FB: Facebook

IBCLC: International Board Certified Lactation Consultant (kurz: IBCLC): international geschützter Titel für examinierte Still- und Laktationsberaterinnen

KH: Krankenhaus

KiTa: Kindertagesstätte

LLL: La Leche Liga

LZS: Langzeitstillen

MA: Missed abortion

MuMi / Mumi: Muttermilch

NFP: Natürliche Familienplanung

Pre: Pre-Milch

PTA: Pharmazeutisch-technischer Assistent

Glossar

Abrasio: Ausschabung der Gebärmutter

Angina: Mandelentzünung

Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen (kurz AFS): eine gemeinnützige Organisation zur Förderung des Stillens

Attachment Parenting (kurz AP): Erziehungslehre, bei der die rasche Bedürfnisbefriedigung des Säuglings (u.a. auch nach Körperkontakt) im Mittelpunkt steht

Baby-Led-Weaning (kurz BLW): dem Baby wird bei BLW statt Brei Fingerfood angeboten, das es je nach Lust und Laune selbstständig untersuchen und/oder essen kann

Bryophyllum: homöopathische Arznei

Clusterfeeding: phasenweises Dauerstillen (bei Säuglingen besonders häufig in den Abendstunden)

Clusterkind: Kind, bei dem das Clusterfeeding (s.o.) keine Phase, sondern Dauerzustand ist

Embryotox.de: Website mit Informationen über die Schwangerschafts- und Stillverträglichkeit von Medikamenten. Medikamente die nicht gelistet sind, können telfonisch von Ärzten und Apothekern abgefragt werden

Dr. Jay Gordon: hat ein „sanftes“ Schlafprogramm für Stillkinder ab einem Jahr entwickelt Gestationsdiabetes (Schwangerschaftsdiabetes): erstmals in der Schwangerschaft diagnostizierte Glucose-Toleranzstörung

High-Need-Kind (auch „24-Stunden-Baby“ nach William Sears): (sogenanntes) Schreibaby

Hypoallergene Nahrung (HA-Nahrung): künstliche Babynahrung für allergiegefährdete Kinder, bei der das Kuhmilcheiweiß gespalten und somit vom Immunsystem des Säuglings nicht mehr als fremd erkannt wird

International Board Certified Lactation Consultant (kurz: IBCLC): international geschützter Titel für examinierte Still- und Laktationsberaterinnen; Voraussetzung für die lange Weiterbildung ist die Ausübung eines medizinischen Berufs

Lanolin (auch Wollwachs oder Wollfett): Sekret aus den Talgdrüsen von Schafen, das bei der Wäsche von Schafwolle gewonnen wird

La Leche Liga (kurz LLL): international als gemeinnützig anerkannte Fachorganisation, die sowohl politisch als auch konfessionell unabhängig arbeitet und die Förderung des Stillens zum Ziel hat

Mastitis: Brustentzündung

Missed abortion (kurz MA): Fehlgeburt, bei der die Fruchtanlage abgestorben ist, aber nicht spontan aus dem Uterus ausgestoßen wird

Natürliche Familienplanung (kurz NFP): symptothermale (Verhütungs-)Methode, bei der u.a. mittels Temperaturmessung und Beobachtung des Zervixschleims der monatliche Eisprung ermittelt wird

Orthomolekulare Nahrungsergänzungsmittel: Nahrungsergänzungsmittel in Form von hochdosierten Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen zur Vermeidung und Behandlung von Krankheiten

Ovaria comp: homöopathische Arznei

Pre-Milch (kurz: Pre): künstliche Säuglingsanfangsnahrung

Propofolnarkose: Betäubungsmittel

Soor: durch Pilze der Gattung Candida verursachte Infektionen

Stillstreik: das Baby oder Kleinkind verweigert plötzlich an der Brust gestillt zu werden, indem es sich wegdreht, schreit etc. (Ein Stillstreik wird oft fälschlicherweise als das Signal des Kindes interpretiert, dass dieses überhaupt nicht mehr stillen möchte. Die Ursachen sind sehr vielfältig, so kann sich der z.B. der Geschmack der Muttermilch aufgrund von Nahrungsmitteln oder hormonellen Schwankungen (z.B. wegen einer erneuten Schwangerschaft oder Einsetzen der Periode) so drastisch verändert haben, dass sich das Kind erst an diesen gewöhnen muss. Andere Gründe können z.B. Erkältung des Kindes, Schmerzen, Ablenkungen in der Umgebung oder Stress der Mutter sein.)

Tandemstillen: das gleichzeitige Stillen zweier (oder mehrerer) Geschwisterkinder gleichen oder unterschiedlichen Alters, wobei die Kinder sowohl zeitgleich als auch nacheinander angelegt werden können

Varizen: Krampfadern

Vasospasmus: krampfartige Verengung eines Blutgefäßes

Wollfett: siehe Lanolin

Zwiemilch-Ernährung: Ernährung des Säuglings mit Muttermilch UND einer künstlichen Anfangsnahrung

Stillkinder

zwischen 1 und 2 Jahren

Antonia (23) aus Sachsen-Anhalt

„Diese Bindung ist unbeschreiblich schön.“

Antonia ist im Vergleich zu vielen meiner anderen Interviewpartnerinnen sehr jung, stillt ihren Sohn jedoch bereits seit 18 Monaten und bleibt ihm zuliebe zu Hause. Dass sie stillen würde, war ihr von Anfang an klar. „Ich habe mir gewünscht, wenigstens ein Jahr stillen zu können. Jetzt stille ich schon 18 Monate und möchte meinen Sohn selbst entscheiden lassen, wann abgestillt wird. Das hätte ich vorher nie gedacht.“ Warum sie schon so lange stillt, weiß Antonia auch ganz genau: „Zu sehen, wie gut meinem Sohn das Stillen tut, ist wunderschön. Er strahlt dabei immer so mit den Augen.“

Die Reaktionen auf das Stillen fallen in der Verwandtschaft ganz unterschiedlich aus: Der Kindesvater steht zwar hinter ihr, doch wenn es nach ihrer Mutter ginge, wäre es nun an der Zeit wieder arbeiten zu gehen anstatt zu stillen. Und auch wenn ihre Freunde ihre Entscheidung in Bezug auf die Stilldauer akzeptieren, ist Antonia froh darüber, dass sie noch niemanden getroffen hat, der das Stillen eines älteren Kindes als „eklig“ bezeichnet hat. Und der Kinderarzt? „Der ist sehr begeistert davon, dass ich noch stille. Es ist nun mal das Beste fürs Kind.“ Auch der Kinderzahnarzt hat sich noch nie negativ zum Stillen geäußert.

Ob sie ihren Sohn auch in der Öffentlichkeit stillt, möchte ich wissen. „Ich habe ab und zu im Auto gestillt, als mein Sohn noch kleiner war, aber mittlerweile hat er unterwegs nur noch sehr selten Hunger. Mein Verlobter und seine zwei Großen räumen dann immer das Auto und bewachen es, damit keiner guckt und mein Sohn und ich unsere Ruhe beim Stillen haben. Das ist wirklich sehr schön.“ Und bei Freunden? „Dort ziehe ich mich immer in einen Nebenraum zurück.“

Das Stillen hat allerdings nicht immer reibungslos funktioniert. Einmal hatte Antonia über 24 Stunden hinweg einen einseitigen, sehr starken Milchstau. Da dieser einfach nicht verschwinden wollte, fuhr sie schließlich ins Krankenhaus, wo sie zu ihrer Überraschung in den Kreißsaal geschickt wurde. „Die Hebamme fragte, wie alt das gestillte Kind sei und war überrascht als sie meinen Sohn sah. Sie gab mir Tipps, wie ich den Milchstau in den Griff kriege und am nächsten Tag waren meine Beschwerden auch schon wieder weg.“

Wenn ein neuer Zahn im Anmarsch war, hat der Sohn auch gerne auf den Brustwarzen seiner Mutter rumgekaut. „Manchmal hat er auch kräftig zugebissen und das hat sehr wehgetan“, gibt Antonia zu. „Ich habe dann „auf“ gesagt, ihm die Brust aus dem Mund genommen und gesagt, dass mir das wehtut.“ Beim ersten Zahn war er erst acht Monate alt und hat noch wenig Verständnis gezeigt. In der Zeit hat Antonia zur Schmerzlinderung viel Brustwarzensalbe verwendet. „Mittlerweile ist er alt genug um zu verstehen, dass es wehtut und lässt es auch wenn ich „auf“ sage. Er entschuldigt sich sogar.“ Immerhin.

Doch einmal musste sie ihren Sohn deswegen dennoch fast abstillen, da das Stillen aufgrund einer offenen Stelle an der Brustwarze extrem schmerzhaft war. „Ich bin fast verzweifelt vor Schmerzen, weil scheinbar nichts helfen wollte. Ich habe im Internet ganz viele Tipps gelesen. Ganz viel Brustwarzensalbe hat dann geholfen. Ich musste die Wunde damit feucht halten und dann heilte es.“

Wer so trainierte Kiefermuskeln hat, will diese natürlich auch beim Essen einsetzen. „Mein Sohn hasst Brei. Von Anfang an. Deswegen machen wir Baby-Led-Weaning. Er bekam mit 4,5 Monaten Möhren etc. weich gekocht in die Hand zum selbst essen. Jedoch mag er Gemüse und Obst nicht besonders, aber dafür liebt er Fleisch umso mehr. Wir essen Frühstück, Mittag, Kaffee und Abendbrot gemeinsam zu relativ festen Zeiten. Bei jeder Mahlzeit kriegt der Kleine dasselbe wie wir. Er kann essen, wenn er möchte, aber er muss nicht. Zwischendurch darf er Knabberzeug essen. Gestillt wird meistens zum Einschlafen oder wenn er krank bzw. nicht gut drauf ist zwischendurch. Ich biete ihm die Brust nicht an, sondern er kommt selbst an und hebt das T-Shirt hoch und versucht die Brust auszupacken.“ Selbst ist der Mann.

Das kann manchmal ganz praktisch sein – besonders nachts. Anfangs hat er zwar durchgeschlafen, doch dann folgte eine Zeit, in der Antonia nachts fast durchgängig gestillt hat. „Mittlerweile stille ich nur noch ca. zwei Mal in der Nacht. Er schläft bei uns im Bett und ich meist obenauf frei. Das hat den Vorteil, dass ich nicht wach werden muss zum Stillen. Wenn der Kleine was trinken will, braucht er sich nur umzudrehen und kann alleine andocken. So ist die Nacht für uns alle entspannter.“

Seit der Geburt war Antonia nur einmal ohne ihr Kind unterwegs – da war sie allein beim Arzt. In die Disco geht sie nicht. Und sonst? „Wenn wir uns mit Freunden treffen kommt der Kleine mit und alle nehmen auch Rücksicht auf ihn. Ein befreundetes Pärchen hat einen Pool. Da waren wir im Sommer und haben alle gemeinsam gebadet und abends gegrillt. Mit dem Kleinen absolut kein Problem. Er durfte sogar nackig baden.“

Antonia hat den Eindruck, dass die Muttermilch ihrem Sohn hilft, leichter mit Krankheiten umzugehen. „Wenn er eine Erkältung hat, steckt er Mama und Papa meist mit an. Den Kleinen erwischt es aber nicht so schlimm wie uns. Nach den Impfungen hatte er bisher nie Fieber oder Ähnliches. Ich habe Bekannte, die entweder gar nicht gestillt haben oder nur kurz, und ihre Kinder hatten immer sehr zu kämpfen mit den Impfungen und sind viel öfter krank. Mein Kind ist weniger und kürzer krank. Er hat meiner Meinung nach ein stärkeres Immunsystem.“ Auch bei Schmerzen hilft das Stillen: „Wenn mein Kind sich wehtut oder er sich erschrickt etc., kann ich ihn durch das Stillen viel schneller beruhigen als ohne Stillen.“ Theoretisch müsste Antonia am Kiefer operiert werden, aber das wird so lange verschoben wie sie stillt. „Da sind die Chirurgen sehr nett.“

Weiterer Nachwuchs ist erst zu einem späteren Zeitpunkt geplant. Zur Verhütung verwendet Antonia neben dem Stillen eine östrogenfreie Pille – sicher ist sicher.

Abschließend sagt Antonia noch: „Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr stillen und das auch über einen längeren Zeitraum. Für das Kind ist es das Beste, was es gibt und diese Bindung ist unbeschreiblich schön.“

Christin (30) aus Brandenburg

„Für mich stand immer fest, zu stillen.“

Christin ist derzeit schwanger mit Kind Nummer 2. Ihr erstes Kind hat die Mutter aus Brandenburg genau ein Jahr, elf Monate und drei Wochen gestillt. Dass sie so lange stillen würde, hatte die jetzt 30-jährige Brandenburgerin nicht gedacht. „Mein Ziel war es, wie „alle“ ein halbes Jahr zu stillen. Am Anfang fragte ich mal meine Freundin, wie lange sie gestillte hatte. Sie meinte neun Monate und das fand ich ganz schön lang.“

Welche Faktoren haben denn am meisten dazu beigetragen, dass du so lange gestillt hast? Ich wollte meinem Kind etwas Gutes tun. Wir haben es sichtlich genossen „unsere Momente“ zu haben.

Und wie hat dein Umfeld darauf reagiert? Für meinen Mann war es immer vollkommen in Ordnung und meine Familie hat uns gegenüber auch nie etwas Negatives erwähnt. Im Gegenteil, meine Mutter bereute es, meine Schwester nicht auch gestillt zu haben. Mich hat sie ein Jahr gestillt.

Wie lange hast du öffentlich gestillt oder hast du dich überhaupt getraut, dein „großes“ Stillkind öffentlich zu stillen? Mein Sohn war nie ein „Milchvampir“. Er hat mit Beginn der Beikost nur noch zum Schlafen seine Milch eingefordert, oder eben in der Nacht.

Hast du während deiner Stillzeit auch den Rat einer Stillberaterin gesucht? Welche Erfahrungen hast du hiermit gemacht? Wie gut konnte sie dir weiterhelfen? Ich hatte einmal ein Problem: Mein Sohn wollte nur an einer Brust stillen. Ich habe dann eine Mail an LLL geschrieben und nie eine Antwort erhalten. Ansonsten tausche ich mich gerne in Langzeitstillgruppen auf Facebook aus.

Immer wieder raten Kinderzahnärzte vom Langzeitstillen ab, da dies angeblich Karies begünstigen soll und setzen Frauen regelrecht unter Druck, um diese zum Abstillen zu bewegen. Welche Erfahrungen hast du hiermit gemacht? Was ist deine Meinung dazu? Ich habe es öfter gehört und mich etwas damit befasst. Nach der Erkenntnis, dass die Milch beim Stillen die Zähne nicht umspült, war es mir gleich was andere Leute behaupten. Wir putzen morgens und abends und die Zahnärztin hat die Zähne unseres Sohnes gelobt.

Wo wir schon bei den Zähnen sind: Nicht wenige der kleinen Racker beißen ja gerne zu, wenn sie ihre ersten Zähnchen bekommen. Wie hast du diese Zeit stilltechnisch überwunden? Mein Sohn hat mich in einem zu ruhigen Stillmoment angeschaut und irgendwie wusste ich, dass er überlegt zuzubeißen. Er zwickte mich und ich rief automatisch „Aua!“. Seitdem hatte er es nie wieder probiert oder gemacht.

Manchmal gibt es beim Stillen körperliche Probleme, die Mütter mitunter auch verzweifelt zum Abstillen bringen können, da sie nicht wissen, wie sie der Probleme anders Herr werden können. Gab es auch bei dir Probleme? Und falls ja – wie hast du sie lösen können? Ja, ich habe jeden möglichen Infekt meines Sohnes mitgenommen. Ich wollte endlich mal gesund werden. Dafür hätte ich aber nicht-stillverträgliche Medikamente nehmen müssen. Der Wille meinen Sohn zu stillen, war am Ende stärker.

Ein anderes Thema ist die Ernährung: Oft denken Frauen ja heute noch, dass man spätestens mit sechs Monaten anfangen sollte, einzelne Stillmahlzeiten durch mehr oder weniger feste Nahrung zu ersetzen. Du stillst aber noch will dein Kind etwa nichts Gescheites essen? Nein, ganz im Ernst: Wie sah bei euch die Kombination aus Muttermilch und fester Nahrung im Alltag aus? Habt ihr da einen festen Rhythmus gehabt oder gab es mal dieses, mal jenes, je nachdem was gerade verfügbar war? Wir hatten einen festen Rhythmus. Mein Sohn braucht irgendwie feste Zeiten. Wir haben BLW betrieben, ganz ungezwungen. Wenn er gegessen hat, war es gut, wenn nicht, auch nicht schlimm. Ich wusste ja immer, dass er mit seiner Milch alles bekommt, was er braucht.

Wo wir gerade bei der Verfügbarkeit sind: Du hattest ja mehrere Kinder. Gab es da nie Streit um die Brust? Wie hast du das Problem gelöst und welche Tipps würdest du anderen Müttern hierzu geben? Ich hätte gerne tandemgestillt, aber mein Sohn hat sich in meiner 9. SSW selbst abgestillt.

Eine andere Sache, die auch mit der Verfügbarkeit zu tun hat: Warst du bereits während der Stillzeit wieder im Berufsleben tätig oder noch zu Hause? Und falls du wieder im Berufsleben tätig warst – wie hast du das mit dem Stillen unter einen Hut bekommen? Welche Tipps kannst du anderen Stillmüttern hierzu geben? Ja, ich habe voll gearbeitet. Wie gesagt, mein Sohn war kein „Milchvampir“. Er wollte nur zum Schlafen gestillt werden. Ansonsten kann ich nur jeder Mutter, die Angst hat, ob ihr Kind es ohne das Stillen in der Einrichtung schafft, raten, es zu probieren. Die Kleinen gewöhnen sich schnell daran und die Mütter haben immer die größte Angst.

Egal ob man nun zur Arbeit geht oder „zu Hause bleibt“ – früher oder später kommt bei vielen der Punkt, wo sie nachts gerne wieder durchschlafen möchten. Wie war das bei euch? Mein Sohn hat sich nachts regelrecht selbst bedient. Ich konnte morgens nicht sagen, ob und wie oft wir gestillt haben. Wir schlafen bis heute im Familienbett, weil es für uns alle entspannter ist.

Ausgehen, vielleicht sogar was trinken gehen, das Nachtleben genießen. Einige wollen auch einfach mal eine Nacht (oder auch mehrere) außer Haus ohne Stillkind verbringen. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Welche Tipps kannst du hierzu anderen Müttern geben? Ich bin eher häuslich und konzentriere mich auf mein Kind. Niemals könnte ich mehr als zwei Gläser Wein trinken. Ich hätte immer Angst, dass doch etwas mit meinem Kind ist und ich „total betrunken“ wäre.

Noch ein weiterer Punkt der mir einfällt, ist folgender: Von Kinderärzten und anderen Medizinern bekommt man als Mutter eines Kleinkindes oft zu hören, dass das Kind die Muttermilch aus ernährungsphysiologischer Sicht gar nicht mehr brauche und man ja auch so mit dem Kind schmusen könne. Andererseits enthält die Milch bis zum Schluss wertvolle Nährstoffe und Antikörper. Hast du das Gefühl, dass die Muttermilch die Gesundheit deines Kindes beeinflusst hat? Ist dir hierzu etwas im Vergleich zu Gleichaltrigen aufgefallen, die nicht mehr gestillt worden sind? Mein Sohn hatte bis heute keine Magen-Darm-Erkrankung. Ich schiebe diesen Umstand gerne auf das Langzeitstillen.

Auch Mütter können krank werden. Hast du Erfahrung mit einer medikamentösen Behandlung oder einem medizinischen Eingriff (z.B. Operation, Impfung usw.) während des Stillens gemacht? Wie ist das bei euch abgelaufen? Welche Ängste und Probleme gab es (zum Glück nicht)? Ich konnte keine Medikamente nehmen. Das Stillen war mir aber persönlich wichtiger. Eine Operation oder starke Medikamente waren bei uns Gott sei Dank nie nötig.

Einige Wissenschaftler wie z.B. Herbert Renz-Polster gehen davon aus, dass die Stilldauer der Mutter beim Menschen schon immer vom Kosten-Nutzen-Faktor beeinflusst worden ist: Solange der (subjektiv empfundene) Nutzen höher sei als die (subjektiv empfundenen) Kosten werde meist weitergestillt. Was ist deiner Meinung nach der größte „Nutzen“ des Stillens? Und was die größten „Kosten“? Wo hast du als Mutter das Gefühl gehabt bei der Sache etwas zu „gewinnen“ und wo hast du draufgezahlt? Für mich stand immer fest, zu stillen. In einem Ratgeber in der Schwangerschaft las ich, was Pulvermilch kostet und ich war entsetzt. Stillen ist nie leicht und man muss es vor allem wollen. Man muss für sein Kind jederzeit verfügbar sein. Papa kann nicht einfach mal in der Nacht aufstehen. Was mein Gewinn ist? Ich habe eine ganz spezielle Bindung zu meinem Sohn. Ich kann es nicht beschreiben, es ist wie ein unsichtbares starkes Tau. Ich weiß nicht, ob es auch ohne das Stillen genauso wäre. Draufgezahlt habe ich nicht.

Manche wollen es, manche nicht – noch ein Kind. Laktationsamenorrhoe wird das Phänomen genannt, dass bei stillenden Müttern oft der Eisprung unterdrückt wird und die Menstruation ausbleibt. Wie war das bei euch? Welchen Tipp hast du hier für andere Mütter? Wir sind direkt beim ersten Mal wieder schwanger geworden, ich kann also hier nichts wirklich beitragen.

Alles hat ein Ende – auch die Stillzeit. Wie hat das bei euch geklappt? Hast du hierfür Tipps für andere Mütter? Mein Sohn hat sich selbst eine Woche vor seinem zweiten Geburtstag abgestillt. Ich hätte auch noch weitergestillt, aber ich fand es klasse, dass er es für sich selbst bestimmt hat.

Christin sagt „Danke“

Ein Jahr.

Ein Jahr ist vergangen. Dass ich stille, stand für mich von Anfang an fest. Zugegeben, etwas blauäugig von mir. Ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht, es ist schließlich eine von der Natur geschaffene Nahrungsquelle. Viele Hürden mussten wir nehmen. Krankenschwestern und Ärzte, die einen unter Druck setzen, Stillhütchen, die keiner braucht.

Es gab Momente, in denen ich mir gewünscht habe, er wäre endlich sechs Monate alt und ich „müsste“ ihn nicht mehr stillen. So sehr habe ich mich selbst unter Druck gesetzt. Wenn mich heute jemand fragt, sage ich mit Bestimmtheit: „Stillen muss man vor allem WOLLEN.“ Es ist nicht immer so einfach, wie man es sich vorstellt, aber jetzt, rückblickend, ist es doch ein Gedanke, der mir immer wieder alles warm ums Herz macht. Befreit von vielen negativen Fesseln und völlig im Reinen mit meinem Instinkt und unserem Baby war/ist es doch mit das Emotionalste von der Welt. Diese Minuten nur wir beide, dieser tiefe Blick von ihm in meine Augen, dieses Urgefühl. Ich könnte mir nichts anderes vorstellen und werde es uns auch nicht nehmen lassen, solange es uns so unglaublich gut damit geht. Von nichts und niemanden.

Danke...

Eléa (26) aus Baden-Württemberg

„Ich stille öffentlich, die Zeit in der ich mich anderen zuliebe versteckt habe ist vorbei.“

Eléa ist Hausfrau und Mutter von zwei Kindern, die jetzt fünf Jahre und achtzehn Monate alt sind. Oft sagen Eltern, dass sie beim zweiten Kind vieles so machen wie beim ersten, da sie „nun wissen, wie es geht“. Eléa denkt da anders: Beim ersten Kind war der Druck ihres Umfeldes so groß, dass sie dieses nur ein Jahr gestillt hat, beim zweiten stand von vornherein fest, mindestens ein Jahr oder länger zu stillen. „In meinem Umfeld ist ein Jahr hart an der Grenze, also hatte ich anfangs gedacht, ein Jahr auf jeden Fall, danach mal schauen.“

Ein herausforderndes Umfeld und virtuelle Unterstützung

Der Vater des Kindes hält sich weitgehend aus der Stillfrage raus, der Rest der Familie jedoch nicht: „Jede Familienfeier enthält mindestens ein Gespräch wie ‚Wie lange willst du es denn noch stillen?‘, ‚Du bist doch grade nur der Schnuller, schau sie trinkt nicht mal!‘ oder ganz knapp ‚Was, bist du schon wieder am stillen?!‘.“ Auch sonst gibt es wenig Unterstützung: „Bekannte und Fremde sagen nicht wirklich was, aber was soll ich sagen, ich kann die Blicke die mir zugeworfen werden durchaus deuten.“

Im Internet findet Eléa dagegen in einer Stillgruppe auf Facebook reichlich Unterstützung: „Die Damen dort gaben mir den Rückhalt, den ich in meinem Umfeld nicht hatte und haben mir wieder mein Bauchgefühl nahegebracht.“ Zudem befinden sich unter den Userinnen dieser Gruppe „auch tolle Stillberaterinnen und viele erfahrene Mamas“, deren Ratschläge „immer hilfreich und kompetent“ waren.

Das Stillen in der Öffentlichkeit

„Ich stille öffentlich, was andere dazu meinen interessiert mich mittlerweile nicht mehr, die Zeit in der ich mich den anderen zuliebe mit einem Spucktuch abgedeckt oder versteckt habe ist vorbei.“ Dabei fallen die Reaktionen der Mitmenschen unterschiedlich aus: Da gibt es böse Blicke und lächelnde Mitmenschen. Und nicht zu vergessen: „Meine Mutter, die versucht meinen Schal um mich zu drapieren.“

Karies und Kinderzahnärzte

Bei der Wahl des passenden Kinderzahnarztes hat Eléa sich „bewusst eine Ärztin ausgesucht, die sich nicht ungefragt einmischt.“ Denn ihre Einstellung zu diesem Thema ist klar: „Es heißt nicht umsonst Milchzähne. Das natürliche Abstillalter liegt zwischen einem6 und sieben Jahren, einen Zusammenhang von Muttermilch und mehr Karies sehe ich nicht, im Gegenteil: Ich bin der Meinung, dass Muttermilch viel besser für die Zähne ist als jede Pre, 1er, 2er Milch oder gar Kuhmilch.“

Das Beißen

Eléas Tochter beißt phasenweise immer wieder. „Am Anfang habe ich es einfach mit Geduld versucht, immerhin wissen ja die kleinen Süßen nicht, was Zähne sind und müssen sich selbst erst daran gewöhnen. Ein „Aua“ wurde immer mit Lachen beantwortet.“ Trotzdem ist Eléa gegen die gängige Methode, bei der das Kind kurz an die Brust gedrückt wird: „Meiner Meinung nach steht es mir nicht zu, meinem Kind die Luft abzudrücken, auch nicht für Sekunden.“ Deswegen hat sich die Mutter für viel Geduld entschieden und ihre Tochter mit dem kleinen Finger von der Brust abgedockt. Dann hat sie ihr mit ruhiger Stimme gesagt: „Bitte nicht beißen, das tut mir weh.“ Das hat das Mädchen auch erstaunlich schnell verstanden und weiß inzwischen, dass „wenn sie es mit Absicht machen sollte, die Brust erst mal kurz weg ist.“ Und wie geht so ein kleines Kind mit so einer Situation um? „Sie sagt dann ‚Mama aua‘, gibt mir einen Kuss und umarmt mich, dann kann es auch schon weitergehen.“

Gesundheitliche Aspekte

Das Stillen beeinflusst auch die Gesundheit von Mutter und Tochter. Einmal hatte Eléa eine Brustentzündung, sonst gab es glücklicherweise keine Probleme. Die Tochter profitiert vom Stillen: „Ich finde, sie wird schneller wieder gesund.“ Außerdem: „Das Stillen im Bett, wenn die Kinder krank sind, bewirkt schon Wunder.“ Eléa erinnert sich: „Als mein erstes Kind in dem Alter krank war, quengelte sie und fühlte sich unwohl und fand schlecht in den Schlaf.“ Die Mutter aus Baden-Württemberg ist sich sicher: „Das Stillen ist nun mal nicht nur Nahrungsaufnahme, mein zweites Kind beruhigt sich an der Brust, findet in den Schlaf, kuschelt mit mir und ruht sich richtig aus.“

Beikost

Mit den Beikostreifezeichen hat Eléa mit Baby-Led-Weaning angefangen. „Das fand sie sehr spannend! Klar gab es auch mal Brei, aber überwiegend hat sie mit weniger Gewürz einfach vom Familientisch mitgegessen." Und jetzt? „Was soll ich sagen, ich warte immer noch darauf, dass sie mal richtige Mengen isst.“ Eléas Tochter liebt das Stillen und ist, was Essen angeht, sehr wählerisch. „Teigsachen wie Brot usw. mag sie gar nicht, Gemüse kommt gut an, aber auch nicht soooo viel... Ich lass ihr die Zeit, die sie braucht, es steigert sich ständig und ich bin überzeugt, dass sie mit 20 Jahren dann sicher nicht mehr an die Brust kommt, weil ihr das Essen nicht schmeckt.“

Durchschlafen und Ausgehen

Wenn es um das nächtliche Durchschlafen geht, lautet Eléas Zauberwort „Familienbett“. „Ganz aus dem Bauch heraus, wie mit meiner ersten Tochter, schlafen wir in einem Bett, das extra hierfür umgebaut wurde. Mit anderen Worten, wenn mein Kind nachts wach wird, nehme ich es zu mir, Oberteil hoch und wir schlafen zusammen wieder ein. Dadurch, dass ich weder in ein anderes Zimmer gehen, noch aufstehen muss, werde ich gar nicht erst ganz wach und dementsprechend schlafe ich so gut wie durch.“ Die Zusatz-Kuschel-Stunden betrachtet sie nicht als Einschränkung, sondern als Bonus. „Wo ist ein Baby bzw. Kind besser aufgehoben als bei Mama?“

Wenn Eléa wollen würde, hätte sie genügend Babysitter und auch die Möglichkeit auszugehen. Aber gar kein Bedürfnis danach! „Wenn wir ausgehen, dann meist zu Spieleabenden usw. Da können die Kinder mit und dort hingelegt werden und somit bin ich da, wenn mein Kind stillen will.“ Vor Kurzem war Eléa drei Stunden mit ihrer besten Freundin unterwegs, im Kino. „Das lief super… Nach einer Weile kennt man sein Stillkind und kann abpassen, wann es möglich ist und wann kein guter Zeitpunkt ist.“

Kosten und Nutzen des Stillens

Eléa genießt das Stillen: „Diese Momente sind unbezahlbar und ich fühle mich meiner Tochter verbunden. Es ist unglaublich schön, dass wir so lange stillen können, zum Beruhigen, zum Schlafen, zum Essen usw.“ Wenn sie krank ist, hätte Eléa schon mal gerne ihre Ruhe, aber dann kommt die Tochter erst recht alle fünf Minuten, weil die Mutter ja schon liegt… „Duschen geht alleine auch so gut wie nie… Aber was soll ich sagen, Mama-Sein ist ein 24h-Job.“ In manchen Momenten denkt Eléa sich: „Was soll‘s, die Zeit geht so schnell vorbei, die Jahre ziehen dahin und wenn sie alle fünf Minuten stillen will oder ich mich nicht ausruhen kann, dann ist das so… Eines Tages werde ich alt sein und meine Kinder außer Haus, da werde ich es vermissen gebraucht zu werden. Deswegen genieße ich jede Facette, auch die anstrengenden…“ Außerdem steht für die kleine Familie fest: Sie sind komplett, ein weiteres Stillkind ist nicht mehr geplant.

Abstillen

Beim ersten Kind geschah das Abstillen sehr abrupt. „Ich habe mir einreden lassen, dass das Stillen über das erste Jahr hinaus unnormal sei. Ich erspare die Einzelheiten, es gab viele Tränen auf beiden Seiten, aber ich habe sie nie alleingelassen.“ Jetzt rät sie allen Müttern: „Lass dein Kind sich selbst abstillen... Falls du unbedingt abstillen willst, sei dir dessen ganz sicher. Ich habe es sehr bereut und bis heute Gewissensbisse, weil ich es der anderen wegen getan habe und nicht nach meinem Bauchgefühl gehandelt habe... Also überlege es dir gut, denn DU musst es wollen! Niemand sonst.“

Eléas Tipps

„Hör auf dein Bauchgefühl! Such Gleichgesinnte, es tut gut, sich austauschen zu können, wenn das Umfeld Druck ausübt! Stillen ist nicht nur Nahrungsaufnahme! Und zu guter Letzt: Google nach schlagfertigen Antworten für Langzeitstillende, einerseits, weil es dich zum Lachen bringen wird und andererseits, weil man das manchmal einfach braucht für die Menschen, die meinen, sich in eure Stillbeziehung einmischen zu müssen. Nur für dich und dein Kind/deine Kinder muss es richtig sein für niemanden sonst! Ich wünsche eine wunderschöne Stillzeit!“

6 Das vermutete natürliche Abstillalter liegt zwischen zwei und sieben Jahren. Vgl. Einleitung. (Anm. der Herausgeberin)

Hannah (29) aus Niedersachsen

„Ich warte noch auf blöde Sprüche, weil ich mir schon so viele passende Antworten überlegt habe... Aber bisher kam noch nie etwas.“

Hannah ist Mutter von drei Kindern, von denen zwei bereits verstorben sind. Ihren ältesten Sohn, der im Alter von 27 Monaten verstorben ist, hat sie 21 Monate gestillt. Der zweite Sohn wurde im 5. Monat still geboren, die jüngste Tochter stillt Hannah seit deren Geburt vor etwas über einem Jahr.

Hast du dir zu Beginn vorstellen können, dass du jemals so lange stillen würdest? Oder anders gefragt: Hast du zu Beginn überhaupt irgendeine Vorstellung davon gehabt, wie lange du stillen wollen würdest?

Für mich war schon in der Schwangerschaft mit unserem ersten Sohn klar, dass das Stillen für mich nicht nach den ersten sechs Monaten endet. Wie lange ich stillen wollte, wusste ich, glaube ich, nicht so genau. Es ist dann einfach so passiert. Bei unserer Tochter war für mich von Anfang an klar, dass auch sie lange gestillt werden soll. Gut, dass ich schon eine positive Langzeitstillerfahrung – oder wie ich lieber sage: Normalzeitstillerfahrung – hatte, denn sie hat mich zum Teil heftig gebissen, zum Glück noch ohne Zähne. Wer weiß, ob ich sie ohne Vorerfahrung nicht abgestillt hätte.

Welcher Faktor oder welche Faktoren haben denn am meisten dazu beigetragen, dass du schon so lange stillst?

Die Überzeugung, dass Muttermilch besser ist als jeder Ersatz. Außerdem ist für mich auch wichtig, dass das Stillen so viel mehr ist als Nahrungsaufnahme: Bindung, Sicherheit, Geborgenheit, Trost, Kuscheln...

Und wie hat dein Umfeld darauf reagiert bzw. wie steht es heute dazu?

Der Vater steht zum Glück völlig hinter mir. Die Urgroßmütter sind immer mal wieder überrascht, dass ich noch stille, dass da noch was kommt, etc. Ich erkläre das dann bei Bedarf auch gerne. Ansonsten habe ich (bisher) nur neutrale oder positive Reaktionen erlebt.

Welche Erfahrungen hast du mit deinem „großen“ Stillkind in der Öffentlichkeit gemacht? Stillst du noch öffentlich oder hast du mal öffentlich gestillt oder was denkst du über andere Frauen, die öffentlich stillen?

Ich habe sowohl unseren großen Sohn noch in der Öffentlichkeit gestillt, als auch jetzt unsere Tochter. Ich warte noch auf blöde Sprüche, weil ich mir schon so viele passende Antworten überlegt habe... Aber bisher kam noch nie etwas. Die meisten sagen gar nichts. Ich finde öffentliches Stillen unproblematisch, mir persönlich ist das nicht unangenehm. Wenn ich eine Frau ihr Kind stillen sehe, dann freue ich mich und gucke wahrscheinlich länger, als die Höflichkeit es eigentlich zulässt. Ich hoffe, die denken dann nicht, dass ich das unmöglich finde, was sie tun! Aber ich lächle immer dabei.

Hast du während deiner Stillzeit auch mal den Rat einer Stillberaterin gesucht? Welche Erfahrungen hast du hiermit gemacht? Wie gut konnte sie dir weiterhelfen?

Ich habe einmal während der Zeit mit unserem großen Sohn eine Stillberaterin kontaktiert, weil er das erste dreiviertel Jahr große Probleme mit dem Stuhlgang hatte. Sie konnte mir nicht weiterhelfen, war aber sehr nett. Ich möchte im kommenden Jahr selbst eine Ausbildung zur Stillberaterin machen, weil ich im Umfeld erlebe, dass viele Frauen stillen möchten, aber ihnen von Krankenhäusern oder Ärzten (oft unnötige) Steine in den Weg gelegt werden.

Immer wieder raten Kinderzahnärzte vom Langzeitstillen ab, da dies angeblich Karies begünstigen soll und setzen Frauen regelrecht unter Druck, um diese zum Abstillen zu bewegen. Welche Erfahrungen hast du hiermit gemacht? Was ist deine Meinung dazu?

Die Zahnärztin bei der ich zur Stillzeit mit meinem Sohn in Behandlung war, hat sich nie negativ über langes Stillen geäußert. Bei meinem jetzigen Zahnarzt war ich das letzte Mal kurz nach der Geburt. Wenn die Kontrolle bald ansteht, wird es vermutlich kein Thema sein. Ich habe mich noch nicht auf der wissenschaftlichen Ebene mit dem Thema beschäftigt, deshalb kann ich hier nur sagen, dass ich nicht glaube, dass Karies durch langes Stillen begünstigt wird. Das wäre ja eine evolutionäre Idiotie.

Wo wir schon bei den Zähnen sind: Nicht wenige der kleinen Racker beißen ja gerne zu, wenn sie ihre ersten Zähnchen bekommen. Wie hast du diese Zeit stilltechnisch überwunden? Und falls du Probleme hattest: Hast du irgendwelche Tipps, die du anderen Müttern hierzu weitergeben könntest?

Mein Sohn hat mich einmal gebissen (da war schon ein Zahn da), da habe ich so heftig geschrien vor Schmerz, dass er sich fürchterlich erschrocken hat und es nie wieder gemacht hat. Meine Tochter war da schon ein härterer Fall. Sie fand meine Schreie eher lustig und hat über Wochen immer wieder gebissen. Es hat aufgehört, nachdem ich ihr auf den Rat einer Freundin hin in einer ruhigen Minute, in der ich nicht gestillt habe und sie gut drauf war, gesagt habe, dass mir das wehtut und ich nicht möchte, dass sie das macht. Sie hat aus heiterem Himmel angefangen zu weinen und hat es dann nie wieder gemacht. (Ehrlich, kein Witz! Ich habe das selbst für Quatsch gehalten und bin auch nicht besonders esoterisch oder so.) Inzwischen turnt sie manchmal so beim Stillen rum, dass die Zähne dann etwas wehtun, aber dann setze ich sie anders hin und erkläre es ihr, das klappt ganz gut. Mit ihren Zähnen trifft sie mich also eigentlich nur noch aus Versehen.

Egal ob die Kleinen nun beißen oder nicht – manchmal gibt es beim Stillen körperliche Probleme, die Mütter mitunter auch verzweifelt zum Abstillen bringen können, da sie nicht wissen, wie sie der Probleme anders Herr werden können. Gab es auch bei dir Probleme? Und falls ja – wie hast du sie lösen können?

Ich habe trotz Stillens nach Bedarf immer einen heftigen Milcheinschuss nach der Geburt und habe in den ersten Tagen mit extrem wunden, schmerzhaften Brustwarzen zu kämpfen. Was den Milcheinschuss betrifft: Augen zu und durch. Beim Sohn hatte ich Schüttelfrost mit wahnsinnigem Frieren, Heizung auf fünf, drei Decken und Wärmflasche im Wechsel mit krassem Schwitzen, Fenster auf im Winter, etc. Bei meiner Tochter war es im Vergleich dazu relativ harmlos, ich hatte aber mehrere Tage mit sehr schmerzhaften und übervollen Brüsten zu kämpfen, das hat sich nur sehr langsam reguliert. Und die wunden Brustwarzen: Bei mir kommt es in den ersten Wochen darauf an, dass ich penibel darauf achte, das Baby richtig anzulegen. Meine Hebamme beim Sohn konnte mir dabei nicht helfen, weil sie das Problem nicht erkannt hat. Meine Brustwarzen waren nach dem Stillen immer verformt und die Schmerzen wurden immer schlimmer. Mit Hilfe des GU Buches Stillen habe ich dann „nach Anleitung“ Schritt für Schritt angelegt. Dadurch verformten sich die Brustwarzen nicht mehr und verheilten. Nach den ersten Wochen war das jeweils kein Problem mehr, die Brustwarzen härten ja zum Glück ab.

Ein anderes Thema ist die Ernährung: Oft denken Frauen ja heute noch, dass man spätestens mit sechs Monaten anfangen sollte, einzelne Stillmahlzeiten durch mehr oder weniger feste Nahrung zu ersetzen. Du stillst aber noch will dein Kind etwa nichts Gescheites essen? Nein, ganz im Ernst: Wie sieht bei euch die Kombination aus Muttermilch und fester Nahrung im Alltag aus? Habt ihr da einen festen Rhythmus oder gibt es mal dieses, mal jenes, je nachdem was gerade verfügbar ist?

Unser Sohn hat ganz klassisch Brei bekommen nach acht Monaten Vollstillen. Mit sechs Monaten hatte er überhaupt kein Interesse daran. Ich habe dann angefangen, Mahlzeiten zu ersetzen und habe irgendwann angefangen, ihn dazwischen oder danach wieder zu stillen. Er zeigte das Bedürfnis und ich habe es dann erfüllt. Das war wohl der Zeitpunkt, wo ich beim Stillen „hängen geblieben“ bin. Die Tochter ist ein BLW Kind. Sie hat etwa mit fünf Monaten Interesse am Essen gezeigt und dann von mir was bekommen. Das hat mit ihr ziemlich gut geklappt und sie hat zum Teil recht früh größere Mengen gegessen. Sie isst mit, wenn wir essen oder kriegt zwischendurch mal Fingerfood ein Stück Apfel oder eine Dinkelstange zum Beispiel. Wenn sie nichts will, dann stillen wir auch mal fast ausschließlich. Sowieso stillt sie relativ oft, meistens haben wir ca. ein bis zwei Stunden Abstände, egal wie viel sie isst.

Wo wir gerade bei der Verfügbarkeit sind: Du hast ja mehrere Kinder. Gab es da nie Streit um die Brust? Wie hast du das Problem gelöst und welche Tipps würdest du anderen Müttern hierzu geben?

Da meine Tochter erst nach dem Tod unserer Söhne geboren wurde, musste sie die Brust nie teilen.

Eine andere Sache, die auch mit der Verfügbarkeit zu tun hat: Bist du bereits wieder im Berufsleben tätig oder noch zu Hause? Und falls du wieder im Berufsleben tätig bist – wie bekommst du das mit dem Stillen unter einen Hut? Welche Tipps kannst du anderen Stillmüttern hierzu geben?

Beim Sohn habe ich nach neun Monaten wieder gearbeitet und die ersten Wochen auf der Arbeit abgepumpt. Mein Mann hat sich in der Zeit um ihn gekümmert und schon bald war die abgepumpte Milch nicht mehr nötig. An freien Tagen und nach der Arbeit haben wir ganz normal weitergestillt. Jetzt werde ich auch bald wieder anfangen müssen zu arbeiten, während meine Mutter auf die Kleine aufpasst und bin gespannt, wie es mit einem BLW Kind klappt. Je nachdem wie viele Tage man weg ist und wie lange, kann es für die Brüste ja schon etwas schwierig sein sich auf die unterschiedlichen Tage einzustellen... Das habe ich gemerkt, als ich beim Sohn nur noch drei Tage gearbeitet habe, aber neun Stunden von ihm getrennt war. Das war wirklich hart an der Grenze. Aber ich wollte nicht aus diesem Grund an den anderen Tagen weniger stillen. Diese Phase war allerdings auch nur übergangsweise, sonst hätte ich mir wohl noch mal Gedanken machen müssen, wie man das besser lösen kann.

Egal ob man nun zur Arbeit geht oder „zu Hause bleibt“ – irgendwann kommt bei vielen der Punkt, wo sie nachts gerne wieder durchschlafen möchten. Wie war oder ist das bei euch?

Wo man bitte was möchte? Das Wort habe ich jetzt nicht verstanden... Unser Sohn hatte durch eine Grunderkrankung heftige Schlafstörungen, das war unglaublich anstrengend. Dagegen ist es jetzt richtig erholsam, obwohl die Tochter auch etwa stündlich aufwacht. Meistens findet sie die Brust aber selbstständig und ich wechsle nur hin und wieder die Seite, ich muss also nicht immer richtig wach werden. Anstrengend sind Nächte wo sie dauernuckeln möchte und ich nicht einschlafen kann (es gibt auch Nächte wo ich trotz Dauernuckeln einschlafen kann, zum Glück). Wir hatten jetzt auch eine Phase, wo sie nachts untröstlich geweint hat und sich durch nichts beruhigen ließ, das war wirklich heftig für alle Beteiligten (inzwischen haben wir rausgefunden, dass sie es offenbar nicht verträgt Zwiebeln zu essen). Zum Glück trägt mein Mann das alles wunderbar mit und ich darf dann oft morgens noch eine halbe Stunde oder Stunde liegen bleiben, wenn er da ist.

Ausgehen, vielleicht sogar was trinken gehen, das Nachtleben genießen. Einige wollen auch einfach mal eine Nacht (oder mehrere) außer Haus ohne Stillkind verbringen. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Und welche Tipps kannst du hierzu anderen Müttern geben?

Dazu kann ich leider nicht viel beitragen, weil dieses Bedürfnis bei mir nicht sonderlich stark ausgeprägt ist. Ich hatte meine wilde Zeit um die 20 herum. Ich werde sicher noch genug Zeit in diesem Leben haben, wenn meine Tochter mich abends und nachts nicht mehr so dringend braucht. Im Moment geht das definitiv vor. Ich kenne aber LZS Frauen, die abends auch ohne größere Probleme mal weggehen können während sich der Partner um das Kind kümmert.

Noch ein weiterer Punkt der mir einfällt, ist folgender: Von Kinderärzten und anderen Medizinern bekommt man als Mutter eines Kleinkindes oft zu hören, dass das Kind die Muttermilch aus ernährungsphysiologischer Sicht gar nicht mehr brauche und man ja auch so mit dem Kind schmusen könne. Andererseits enthält die Milch bis zum Schluss wertvolle Nährstoffe und Antikörper. Hast du das Gefühl, dass die Muttermilch die Gesundheit deines Kindes beeinflusst hat bzw. beeinflusst? Ist dir hierzu etwas im Vergleich zu Gleichaltrigen, die nicht mehr gestillt werden, aufgefallen?

Mein Sohn war nicht sonderlich viel krank und hatte nicht die für die Grunderkrankung eigentlich typischen Mittelohrentzündungen. Meine Tochter hat am laufenden Band Erkältungen, ich kann gar nicht zählen, wie viele es inzwischen schon waren! Allerdings hat sie noch nie mehr als eine laufende, bzw. verstopfte Nase gehabt, kein Husten oder sonst etwas. Ach so, Magen-Darm hatte sie auch schon zweimal... Aber das hat sie zum Glück auch ohne größere Probleme weggesteckt. Ob es da größere Unterschiede gibt, kann ich schwer beurteilen, weil die meisten Kinder mit denen ich engen Kontakt habe Langzeitstillkinder sind.

Auch Mütter können krank werden. Hast du Erfahrung mit einer medikamentösen Behandlung oder einem medizinischen Eingriff (z.B. Operation, Impfung usw.) während des Stillens gemacht? Wie ist das bei euch abgelaufen? Welche Ängste und Probleme gab es (zum Glück nicht)?

Ich hatte beim Sohn Zahnbehandlungen mit Betäubungsspritzen. Ich habe die Milch abgepumpt und verworfen. Bei der zweiten Behandlung habe ich erfahren, dass das „Problem“ nur das Adrenalin in den Betäubungen ist, er also schlechter schlafen könnte. Da ich das ja schon gewohnt war, war es mir ab da egal. Dann musste ich mal Antibiotika nehmen, als er 15 Monate alt war. Nachdem mir zum Abstillen geraten wurde, habe ich dann doch was Stillfreundliches verschrieben bekommen... Warum nicht gleich so? Seit der Geburt meiner Tochter war ich noch nicht ernster krank. Bei kleineren Sachen informiere ich mich selbst über Embryotox.

Einige Wissenschaftler wie z.B. Herbert Renz-Polster gehen davon aus, dass die Stilldauer der Mutter beim Menschen schon immer vom Kosten-Nutzen-Faktor beeinflusst worden ist: Solange der (subjektiv empfundene) Nutzen höher sei als die (subjektiv empfundenen) Kosten werde meist weitergestillt. Was ist deiner Meinung nach der größte „Nutzen“ des Stillens? Und was die größten „Kosten“? Wo hast du als Mutter das Gefühl bei der Sache etwas zu „gewinnen“ und wo zahlst du drauf?

Die Nähe und die enge Bindung sind, glaube ich, mein größter Nutzen. Ganz dicht gefolgt davon, dass es einfach unglaublich praktisch ist immer und überall eine wohltemperierte, leckere Mahlzeit dabei zu haben. Als die größten Kosten würde ich auf Anhieb die Momente bezeichnen, wo sich ein Kind ausschließlich durch die Brust beruhigt und selbst beim Vater völlig ausrastet (vorzugsweise nachts).

Manche wollen es, manche nicht – noch ein Kind. Laktationsamenorrhoe wird das Phänomen genannt, dass bei stillenden Müttern oft der Eisprung unterdrückt wird und die Menstruation ausbleibt. Wie war oder ist das bei euch? Welchen Tipp hast du hier für andere Mütter?

Ich habe bei meinem ersten Sohn nach fünf Monaten wieder einen regelmäßigen Bilderbuch-Zyklus gehabt, bei meiner Tochter habe ich etwa eine Woche nach Ende des Wochenflusses meine erste Regel bekommen... Obwohl ich voll nach Bedarf gestillt habe.

Alles hat ein Ende – auch die Stillzeit. Hast du bereits ein Kind abgestillt? Und falls ja – wie hat das geklappt? Hast du hierfür Tipps für andere Mütter?

Sohn 1 hat sich durch eine Chemotherapie abgestillt. Die letzten Tage davor habe ich ihn voll gestillt, weil er keinen Appetit mehr auf etwas anderes hatte, dann blieb der Appetit völlig aus. Ich habe dann noch einige Tage abgepumpt, aber es dann auslaufen lassen, weil es mich in der Krankenhaussituation (psychisch) zu sehr belastet hat. Einige Wochen später wollte er noch mal an die Brust, aber er hat nur kurz genuckelt/getrunken. Entweder kam nichts mehr oder es schmeckte anders (nach einer Chemotherapie kann sich der Geschmackssinn verändern), jedenfalls wollte er dann nicht mehr... Nach der stillen Geburt von Sohn 2 habe ich die Abstilltablette verweigert. Etwa eine Woche nach der Geburt hatte ich einen leichten Milcheinschuss. Ich habe viele Salbeibonbons gelutscht und konzentrierten Pfefferminztee getrunken, das hat geholfen. Bei unserer Tochter ist ein Ende der Stillzeit noch nicht abzusehen und bisher von keiner Seite erwünscht.

Zu guter Letzt noch eine Frage: Der Markt ist voller Bücher. Gibt es ein Buch zum Thema Langzeitstillen, das du anderen Frauen empfehlen kannst?

Ich habe selbst noch kein Buch über das Langzeitstillen gelesen. Aber für Stillprobleme zu Beginn fand ich das oben schon genannte GU Buch Stillen wirklich hilfreich.

Nun sind wir am Ende unseres Interviews angekommen und ich danke dir vielmals für die Teilnahme! Da ich allerdings nicht so gerne das letzte Wort behalte, überlasse ich es dir: Gibt es etwas, das du den Leserinnen und Lesern dieses Interviews noch gerne mitteilen würdest?

Für mich persönlich ist Stillen etwas, für das es sich lohnt zu kämpfen. Diese Intimität, die Nähe, die Zuneigung, das ist so besonders und wunderschön! Es wäre schön, wenn Stillen in unserer Gesellschaft als das empfunden würde, was es ist: die natürlichste Sache der Welt (nicht nur bei kleinen Babys)!

Irina (33) aus Nordrhein-Westfalen

„Nur weil man arbeitet, muss man nicht abstillen.“

Irina stillt ihren Sohn seit dessen Geburt vor 20 Monaten. Und: Sie ist berufstätig und arbeitet 30 Stunden in der Woche. Wie sich das Stillen mit der Berufstätigkeit und dadurch bedingten Fremdbetreuung kombinieren lässt, verrät sie uns jetzt.

Vorbereitung während der Schwangerschaft

„Ich habe mir bereits in der Schwangerschaft das Buch Stillen von Vivian Weigert gekauft und bin zuerst davon ausgegangen, dass ich mindestens sechs Monate vollstillen würde und danach bis zu einem Jahr teilstillen. So wie es auch von der WHO empfohlen wird.7 Es war mir aber ziemlich schnell klar, dass wir sicher über das erste Jahr hinaus weiterstillen würden. Ich habe mich in der Zeit dann auch immer intensiver mit dem Thema ‚Stillen‘ befasst und umso natürlicher, selbstverständlicher war es für mich, meinen Sohn und meinen Mann. Wir haben uns keinen festen Zeitpunkt vorgegeben, wie lange wir stillen wollen.“

Stillen von Anfang an

„Ich habe mich mit dem Thema schon frühzeitig befasst, habe also von Anfang an darauf viel Wert gelegt, dass ich z.B. in einem babyfreundlichen Krankenhaus entbinde. Ich habe es überhaupt nicht infrage gestellt, ob ich stillen soll oder nicht. Es war für mich einfach das Natürlichste meinem Sohn die bestmögliche Nahrung geben zu wollen. Außerdem ist das Stillen sehr praktisch, man hat die Milch immer gut temperiert dabei, es geht sehr schnell. Das Baby kann sofort angelegt werden, sobald es die ersten Anzeichen des Hungers zeigt. Es erspart allen Beteiligten die typische Situation, wo ein Säugling vor Hunger schreit, während die Eltern das Fläschchen mixen müssen.“

Nähe

„Am schönsten ist diese durch nichts anderes zu ersetzende Nähe und Geborgenheit und