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Ein Roman, der die Tiefe deiner Seele berühren wird. Der Krebs hat über Larissas Mutter gesiegt. Aber um sie trauern fällt dem 17-jährigen Mädchen aus Fuchsstein nicht leicht, da sie vermutet, ihr Vater habe ihre Mutter vor dem Tod betrogen. Hinzu kommt, dass sie im pubertären Gefühlschaos mit ihrer ersten Liebe steckt. Larissas verregnete Tage im Kopf zeigen sich immer häufiger als Depressivität. Weshalb ihr Vater sie zum Psychologen schicken möchte. Mehr und mehr fühlt sie sich missverstanden und isoliert sich. Dann eskaliert es wie ein heftiges Unwetter! Diese herzzerreißende Geschichte zeigt ein Mädchen, welches in das dunkle Loch der Seele fällt und es erst gar nicht bemerkt. Wie viele Schicksalsschläge kann ein Mensch ertragen? Schafft sie es mit Zeit und Liebe wieder ins Leben zurück? Kann sie ihre Trauer endlich verarbeiten? Leserstimme: »Es ist mehr als eine dramatische Familiengeschichte. Die Poesie darin berührt mich.«
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Seitenzahl: 478
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Tina, Vicky, Marie, Jana und alle anderen.
Für uns alle könnte es ruhig ein wenig Glück regnen.
In liebevoller Erinnerung an Carsten.
Kapitel 1 – Trauerfeier
Kapitel 2 – Filmriss
Kapitel 3 – Krank
Kapitel 4 – Panikattacke
Kapitel 5 – Tochter und Vater
Kapitel 6 – Ausflüge
Kapitel 7 – Geister
Kapitel 8 – Erinnerungen
Kapitel 9 – Freundschaften
Kapitel 10 – Umzug
Kapitel 11 – Leere im Raum
Kapitel 12 – Neue Nachbarn
Kapitel 13 – Familie
Kapitel 14 – »Ich bin dein«
Kapitel 15 – »Du bist mein«
Kapitel 16 – Für die Liebe
Kapitel 17 – Der kalte Winter
Kapitel 18 – Einschnitte
Kapitel 19 – Gefunden
Kapitel 20 – Weihnachtsfeier
Kapitel 21 – Das Tagebuch
Kapitel 22 – 18. Geburtstag
Kapitel 23 – Der ersehnte Tag
Kapitel 24 – Rockyavolica
Kapitel 25 – Letzte Monate
Kapitel 26 – Private Show
Kapitel 27 – Die Flucht
Kapitel 28 – Gefühle
Kapitel 29 – Fest der Liebe
Kapitel 30 – Eis
Kapitel 31 – Weggelaufen
Kapitel 32 – Entscheidung
Kapitel 33 – Licht der Welt
Kapitel 34 – Neustart
Tränenfeuchte Haare klebten an ihrer Wange. Sie strich sie sich aus dem Gesicht, zog ihr langes Haar über die Schulter nach vorne und betrachtete das Rot, das dabei war zu verblassen. Sie liebte ihre Mutter mehr als alles auf dieser Welt. Und ihre Mutter hatte ihr erlaubt, die blonden Haare zu tönen. Es war ein kräftiges Rot gewesen. Aber Larissa hatte es versäumt, ihre Haare vor der Beerdigung aufzufrischen. Die anderen Familienmitglieder waren bereits in den Saal gegangen. Nur Larissa stand bis zuletzt an dem Grab. Henry, ihr Vater, sah seine siebzehnjährige Tochter vom Gemeindesaal aus dort stehen und lief zu ihr. Er wollte ihr einen Augenblick mit ihrer Mutter allein geben. Nun war es Zeit mit den Gästen das Essen und Trinken zu Ehren seiner verstorbenen Frau einzunehmen.
»Jetzt ist sie tot«, hauchte sie zwischen den Lippen mit bebender Stimme hervor. Larissa kniff die Augen zusammen, als sie versuchte, ihre Tränen und ihre unsagbare Traurigkeit im Zaum zu halten. Eine vertraute Hand ergriff ihre Schulter von der Seite. Larissa legte ihre tränenreiche Wange auf die Hand ihres Vaters, der ebenso mit seinen Gefühlen rang.
»Sie hat gekämpft und wir werden sie in Erinnerung behalten«, tröstete ihr Vater sie. Er drückte seine Tochter an sich und Larissa weinte für einen Augenblick noch schmerzvoller in seinen Pullover. Beide standen vor dem geöffneten Grab, in das vor ein paar Minuten die Urne hinabgelassen wurde. Rosenblätter und Erde lagen in dem Loch vor ihnen.
Als Henry seine Tochter so an sich drückte und bemerkte, wie sehr sie weinte, richtete er sein Gesicht gen Himmel. Er atmete schwer ein und aus und blinzelte stark mit den Augen, die gerötet waren, vor unterdrücktem Schmerz. Er erlaubte sich nicht, sich so gehen zu lassen. Für sein einziges Kind, das ihm seine Frau Laura geschenkt hatte, musste er die Fassung bewahren.
»Komm Larissa, lass uns reingehen. Es ist ganz schön kalt. Komisch, oder? Für September doch schon recht kühl.«
Mit zitternden Lippen küsste er Larissas Scheitel und reichte ihr ein Taschentuch. Damit trocknete sie ihre Augen. Kurz bevor die beiden die Tür erreichten, fragte Larissa: »Wird es irgendwann aufhören?«
Henry blieb stehen. »Was meinst du?«
»Dieser Schmerz. Papa, es tut so weh! Ich kann kaum atmen«, antwortete Larissa ihrem Vater.
»Es wird mit der Zeit besser, das verspreche ich dir.«
Henry öffnete die Tür, straffte seine Schultern und betrat den Gemeindesaal, wo bereits eine Handvoll Gäste auf die beiden warteten.
Larissa folgte ihrem großgewachsenen Vater und schloss die Tür hinter sich. Die Räumlichkeit im Gemeindesaal wirkte auf das Mädchen kalt und unpersönlich. Sie bekam eine Gänsehaut davon. Es schüttelte sie, als sie sich im Raum umsah. Dabei rieb sie ihre Hände an den Oberarmen. Eine lange Tafel stand in der Mitte des Raums. Die Tische wurden einfach nur zusammengeschoben. Auf ihnen lagen weiße Tischdecken und in regelmäßigen Abständen stand eine kleine Vase mit jeweils drei weißen und gelben Blumen drin.
Sieht hübsch aus, aber nicht besonders aufregend, dachte Larissa.
Einige Personen saßen bereits an den Tischen und unterhielten sich. Andere standen herum oder platzierten Kuchen auf einem länglichen Tisch an der anderen Wand des Saals. Die buchefarbenen Stühle hatten eine gräuliche Sitzfläche, die bereits leicht ausgeblichen war. Es wirkte alles etwas …
»Altbacken?«, fragte eine ihr bekannte Stimme von rechts. Eine Frau mit roten welligen Haaren kam auf Larissa zugelaufen. Mit einem einladenden Lächeln und geröteten Augen hielt Anke ihr die Hand entgegen. Larissa ergriff sie, auch wenn sie Anke noch nicht besonders gut kannte.
»Kannst du Gedanken lesen?«, fragte das Mädchen.
Anke schmunzelte. »Nein. Du siehst aus, als würdest du dich fragen, warum es hier so ›alt‹ aussieht. Habe ich nicht recht?«
»Und das hast du in meinem Gesicht gesehen?«, fragte Larissa verblüfft.
»Du bist total aufgelöst reingekommen. Und als du herumgeguckt hast, sahst du so aus, als wärst du enttäuscht«, antwortete Anke, die sich den zu langen Pony hinter das Ohr strich.
»Vielleicht könntest du damit recht haben. Ich habe keine supermoderne Kirchengemeinde erwartet. Aber die Möbel sehen schon sehr abgenutzt aus. Und wirklich liebevoll dekoriert ist das hier auch nicht. Immerhin ist meine Mama gestorben.«
Anke legte den Kopf schief und schürzte die Lippen. »Hm, das verstehe ich. Ich weiß aber auch, dass dein Vater sich viel Mühe gegeben hat, neben der Arbeit und dem großen Verlust, um sich um die Beerdigung und die Trauerfeier zu kümmern. Das hat viel Geld gekostet. So ein Grabstein ist echt nicht billig«, erklärte Anke.
»Ich weiß. Das habe ich mitbekommen, wie Papa sich aufgeregt hat, dass man für so ein bisschen gravierten Stein dreitausend Euro bezahlen muss. Aber ich hätte hier was anderes erwartet und bin ein bisschen enttäuscht, Anke.«
»Okay, verstehe. Komm, setz dich doch zu deinem Vater«, schlug sie beschwichtigend vor und zeigte auf einen Stuhl in der Mitte der Tafelrunde.
Die Frau ging zu Henry, der sich mit zwei Männern unterhielt. Gemächlich lief Larissa zu ihrem zugewiesenen Stuhl. Ein Namensschild deutete darauf hin, dass es hier eine festgelegte Sitzordnung gab. Zu ihrer Rechten zeigte das Schildchen ›Henry Maier‹ und zu ihrer Linken den Namen ihrer Tante Gabi. Gabriele, wie sie eigentlich hieß, war die kleine Schwester ihrer Mutter. Sie saß jedoch auch nicht an ihrem Platz. Larissa durchsuchte mit den Augen den Raum nach ihrer Tante – der Einzigen aus der Familie mütterlicherseits, mit der sie sich gut verstand. Die Familie ihrer Mutter Laura war nicht besonders groß. Viele waren bereits gestorben, waren mit ihrer Mutter zerstritten oder konnten aus Gründen, die Larissa nicht kannte, nicht zur Beerdigung kommen. Ihre Tante erblickte sie, wie sie mit einem Stück Kuchen und einer Tasse Tee zum Tisch gelaufen kam.
»Ah, Larissa. Schön dass du da bist. Haben uns lange nicht gesehen, stimmts?«
Larissa nickte. »Ist denn Fiona auch hier, kommt die noch?«, erkundigte sie sich.
Gabi schüttelte den Kopf, als sie sich hinsetzte und den Teller mit dem Kuchen abstellte. »Nein, Fiona ist im achten Monat schwanger und glaubt, dass es Unglück bringt, als Schwangere auf eine Beerdigung zu gehen. Ich habe ihr gesagt, dass du auch da bist. Da hätte sie wenigstens jemanden in ihrem Alter, mit dem sie sich unterhalten kann. Aber sie wollte nicht.«
»Schade«, antwortete Larissa darauf, »ich habe sie lange nicht mehr gesehen oder gesprochen. Ich wusste nicht, dass sie ein Kind erwartet. Hätte mich gern mit ihr unterhalten.«
»Das glaube ich dir. Du bist hier wohl die Jüngste und das muss langweilig für dich sein. Hast du Hunger? Drüben gibt es Kuchen, Muffins und Kekse. Die Brownies habe ich gebacken.«
Larissa schaute zum Kuchenbasar hinüber. Im gleichen Moment kam ihr Vater zum Tisch gelaufen. »Mäuschen, willst du mit mir zusammen etwas holen oder allein losgehen?«, frage er sie.
Larissa stand auf, »ich komme mit dir mit, Papa«, und ergriff seine Hand.
Gabi drehte sich zu ihnen herum: »So süß deine Maus. Schon fast volljährig und bleibt trotzdem die Kleine für den Papa.« Mit den Augen zwinkernd deutete sie Henry das Umklammern seiner Hand an. Er schmunzelte daraufhin, weil er das ebenfalls niedlich fand.
Als Larissa mit ihrem Vater Kuchen und Kekse auf ihren Tellern verteilte, fragte sie ihn: »Warum ist Anke hier? Sie gehört doch gar nicht zur Familie.«
Henry schnitt sich ein Stück Baumkuchen ab und antwortete seiner Tochter, ohne sie anzublicken. »Sie gehört vielleicht nicht zur Familie, aber sie kannte deine Mutter und ist, wie wir alle hier, traurig um ihren Verlust. Zwei weitere Arbeitskolleginnen deiner Mutter sind auch hier. Dort drüben sitzen sie.« Henry zeigte mit der Messerspitze flüchtig in ihre Richtung. Mit den Augen folgte Larissa dem Verlauf. Sie runzelte die Stirn, als sie die Frauen für einen Augenblick beobachtete.
»Ich glaube, die hast du nur der Höflichkeit wegen eingeladen. Die beiden sitzen am hintersten Ende der Tischtafel und sehen irgendwie aus, als ob sie gleich gehen würden.«
»Larissa, bitte, benimm dich heute mal!«
Die Aufforderung ihres Vaters ignorierte sie. »Ich finde Anke komisch, auch wenn sie nett zu mir ist. Sie guckt dich immer so merkwürdig an. Will die was von dir?«
»Mein Kind, du übertreibst.«
Larissa gab ein genervtes Grunzen von sich, schnappte sich einen Vanille-Himbeer-Keks und ging wortlos zu ihrem Platz, ohne auf ihren Vater zu warten.
Die Feier ging bis in den Abend hinein. Es war bereits dunkel, als auch der letzte Gast Familie Maier eine gute Heimfahrt wünschte. Larissa saß auf dem Beifahrersitz und surfte auf ihrem Handy, als ihr Vater sie von der Seite anstupste.
»Wenn wir zu Hause sind, machst du alles so weit für die Schule fertig?«
»Ja, Papa.«
Larissas Smartphone summte. Eine Nachricht von Sophie.
»Kommst du morgen vor der ersten Stunde wieder zum Garten?«
Larissa zog beim Lesen der Nachricht das Handy zur Seite. Ihr Vater sollte das nicht mitlesen, auch wenn sie ein Codewort ausgewählt hatten.
»Ja. Hast du was für uns beide?«
»Nee, nur eins.«
»Okay, biba.«
Neugierig versuchte Henry auf das Telefon zu schauen, aber er konnte nichts lesen. »Na, schreibst mit einer Freundin?«
»Sophie fragt mich, ob wir uns morgen früher treffen wegen der Hausaufgaben, die wir in der ersten Stunde abgeben sollen.«
»Hm, Sophie schreibt echt oft von dir ab. Sie sollte vielleicht lernen, selbst und vor allem rechtzeitig ihre Hausaufgaben zu machen«, gab Henry zu bedenken.
Larissa antwortete darauf nichts und lauschte der Musik im Radio.
Zu Hause angekommen, machte sie sich bettfertig, wusch sich die Haare und setzte sich mit noch feuchten Strähnchen ins Bett. Dort schrieb sie in ihr Tagebuch. Gerade den heutigen Tag wollte sie ausgiebig beschreiben – den Tag, an dem ihre Mutter beerdigt wurde.
*
Der Sommer hielt nur kurz, genauso wie die Sommerferien. Laura, ihre Mutter, war im August verstorben, kurz vor Ende der Ferien. Die Schule hatte schon begonnen, aber Larissa wurde aufgrund der Beerdigung und ihrer Trauer die erste Woche krankgeschrieben.
Obwohl es erst September war, gab es Tage, wie heute, mit niedrigen Temperaturen. Irgendwie spielte das Wetter verrückt und machte, was es wollte. Larissa trug ihre neuen Lederstiefel zu einer dunkelblauen Jeans. Dazu die figurbetonte Übergangsjacke, die dunkelblau war. Morgens, wenn sie das Haus zur ersten Schulstunde verließ, war es bereits hell. Sie fuhr mit dem Bus fünf Stationen, lief fünfzehn Minuten durch die Innenstadt von Fuchsstein und bog in einen Park ein. Die niedrige Steinmauer säumte den schmalen Steinweg zu ihren Füßen. Der wolkenbehangene Himmel lud nicht gerade zum Träumen und Verweilen ein. Geradewegs lief Larissa auf ein Mädchen zu, das auf der Rückenlehne einer Bank saß.
»He, sorry dass ich so spät dran bin. Habe nicht so gut geschlafen.« Larissa begrüßte ihre beste Freundin mit einer kurzen Umarmung.
»Gestern war die Beerdigung deiner Mom, daher ist das verziehen«, zwinkerte Sophie Larissa zu.
Sophie öffnete ihre Jacke und holte einen selbstgedrehten Joint heraus. Sie nahm das Feuerzeug und zündete ihn an.
»Ganz schön kalt heute Morgen«, äußerte Larissa.
»Du hast auch ´ne echt dünne Jacke an. Kannst dich ja von Tom wärmen lassen«, kicherte die braunhaarige Schülerin neckisch.
»Von wem?«
»Sorry, du warst ja die letzte Woche nicht in der Schule. Wir haben einen neuen Mitschüler in der Klasse. Der wäre genau dein Typ«, antwortete Sophie lachend.
»Hör auf mich zu verarschen«, pustete Larissa den Rauch durch die Lippen, nachdem sie am Selbstgedrehten gezogen hatte.
»Doch, der ist auf gewisse Weise ganz süß. Aber dann wieder total schräg. Ist so ein Grufti in Schwarz.«
Larissa pustete ihre Freundin abermals an. »Hast schon mal einen Grufti in Pink gesehen? Und du meinst, nur weil er schwarz trägt, ist er mein Typ?«
Larissa schupste ihre Freundin leicht an die Schulter, sodass Sophie zur Seite schwankte. »Komm, wir müssen los. Können ja unterwegs aufrauchen. Will nicht zu spät kommen, sonst macht mein Vater wieder Stress.«
»Gott sei Dank fährt er dich nicht mehr zur Schule wie eine Grundschülerin«, alberte Sophie.
Die Zwei gingen in die zehnte Klasse einer Gesamtschule. Die Grundschüler der Klassen eins bis sechs waren räumlich von den Oberschülern getrennt. Das fand Larissa ganz gut. Sophie war von Anbeginn der siebten Klasse ihre Freundin gewesen. Beide hatten sie dieselben Interessen und dieselbe Kleidergröße, sodass sie sich manchmal die Klamotten ausliehen. Sophie kleidete sich allerdings etwas farbenfroher, weshalb der Klamottentausch nicht so oft vorkam.
Seit Larissas Mutter schwer krank war, ging es mit ihren Schulleistungen bergab. Sie hatte öfter die Stunden geschwänzt oder lernte einfach nicht genug, um gute Noten zu schreiben. Daher hatte sich ihr Vater gezwungen gesehen, sie mehr zu überwachen. So kam es, dass er jeden Morgen, bevor er zur Arbeit fuhr, an Larissas Schule vorbeikam, um zu schauen, ob sie zur ersten Stunde gegangen war. Nicht alles hatte er mitbekommen, was seine Tochter im Verborgenen getan hatte. Grundsätzlich war das Verhältnis der beiden schon immer schwierig gewesen.
Nachdem Jamie sie nach fünf Monaten Beziehung, letztes Jahr, ohne eine Erklärung verlassen hatte, war sie in ein Loch gefallen und hatte mit dem Kiffen angefangen. Sophie, die selbst ab und zu kiffte, hatte es toleriert und versuchte, für ihre beste Freundin da zu sein.
Jamie ging auf die gleiche Schule wie die beiden Mädchen. In der neunten Klasse war er sitzen geblieben, während Larissa mit ihrer Klasse in die zehnte gewechselt war. Jamie war Larissas erste Liebe und der erste Junge, mit dem sie das Bett geteilt hatte. Er war zu der Zeit sehr beliebt auf der ganzen Schule. Larissa war stolz, mit ihm eine Beziehung geführt zu haben, aber verstand nie, warum er das vor den anderen verheimlichen wollte. Sie hatte es so hingenommen und vertraute darauf, dass er sie liebte, wie sie ihn liebte. Dass er nach nur fünf Monaten per Sprachnachricht Schluss gemacht hatte, verstand sie kein bisschen und hatte ihr Herz gebrochen. Hinzu kam, dass Larissas Mutter Laura immer schwächer geworden war und ihr Tod näher rückte. Jeden Tag versuchte sie nach der Schule zu ihrer Mutter ins Krankenhaus zu fahren.
Nun war ihre Mutter tot und sie wusste plötzlich nicht mehr, was sie nach der Schule mit ihrer Zeit anfangen sollte. Also verkroch sie sich gelegentlich in ihrem Zimmer und schrieb Gedichte. Sie heftete sie in ihrem Tagebuch ab, weil sie fand, dass niemand sonst sie lesen sollte. Sie konnte zwar mit Sophie reden, aber ihre wahren Gefühle und Gedanken blieben verborgen. Nach außen hin versuchte sie stets die Starke und Unnahbare zu sein. In der kurzen Zeit nach dem Tod ihrer Mutter fing sie an sich für Gothic und Okkultes zu interessieren. Morbides und Fantasievolles reizte sie umso mehr. Sie recherchierte zum Thema Geistererscheinungen und hatte Sophie gefragt, ob sie mit ihr das Hexenbrett ausprobieren könne. Aber Sophie fand das gar nicht gut. Sie sah darin eine Phase, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten, nahm es aber auch nicht besonders ernst. Es wird nur eine Phase sein, sagte sie zeitweilig zu Larissa, wenn sie das mitbekam.
Larissa winkte ihrem Vater zu, als er mit dem Auto an ihr vorbeifuhr. Danach lief sie mit Sophie in den Klassenraum. Dort erblickte sie den neuen Schüler Tom. Hochgewachsen, schlank mit schwarzem Wuschelhaar und rehbraunen Augen. Ein netter Anblick, dachte Larissa, als sie sich an ihren Platz setzte. Sie schrieb sofort auf einen kleinen Schmierzettel eine Nachricht an Sophie: »Ok, Tom sieht schon süß aus, hihi.«
Sie knüllte das Papier zusammen und reichte es unauffällig Sophie weiter, die direkt neben ihr saß. Ihre braunhaarige Freundin öffnete den Zettel, las ihn und grinste ihre Kameradin an.
Später, als die Klasse Sportunterricht hatte und dieser zu Ende war, traf Larissa beim Verlassen der Mädchenumkleide auf den neuen Schüler. Sie stießen mit der Schulter zusammen. Tom hatte das Mädchen ebenso nicht gesehen, als er gedankenversunken die Jungsumkleide verließ.
»Oh, tut mir leid. Ich habe dich nicht rauslaufen sehen«, entschuldigte sich Larissa.
»Schon gut, habe auch nicht aufgepasst. Du bist Larissa, richtig?«
Verlegen strich sie sich mit der Hand über die Haare, die zum Zopf gebunden waren. »Ja.«
»Hast gut gespielt. Wie man mit dem Basketball umgeht, weißt du.«
»Jap. Eine Sportart, die ich mag. Ich bin zwar klein, aber ich treffe fast immer die Körbe«, sagte Larissa stolz. »Ich war nicht da, als du zu uns in die Klasse kamst. Stimmt es, dass du sitzen geblieben bist und die zehnte Klasse wiederholen musst?«
Die beiden wurden von den anderen Mitschülern von den Türen weggedrängt und sie liefen zusammen langsam richtig Ausgang. Sophie flitzte an ihr vorbei, zwinkerte ihr zu und grinste.
Tom überlegte derweil, was er dem Mädchen anvertrauen sollte. Nach einem kurzen Augenblick antwortete er ihr dann: »Das hast du richtig gehört. Dass ich die Klasse wiederholen muss, liegt einfach daran, dass ich auf meinem Zeugnis zu viele Fünfen hatte. Habe einfach kein Bock auf Lernen gehabt.«
»Und, hat sich das jetzt geändert?«, wollte Larissa wissen.
Tom schnaufte belustigt und grinste.
Aus Larissa kam ein leises Lachen, das aber sehr schnell wieder verstummte. »Geht mir genauso. Aber ich will die Schule schnell hinter mich bringen, damit ich hier endlich wegkomme.«
»Klingt nach einem guten Plan.«
An der Tür angekommen, wartete Sophie bereits auf Larissa.
»Bis morgen, Tom«, verabschiedete sie sich. Er lächelte ganz schwach, nickte ihr leicht zu und ließ die beiden Mädels die Treppe der Sporthalle hinuntergehen, bis er sich selbst in Bewegung setzte.
Bevor Larissa und Sophie den Schulplatz durch das Haupttor verließen, hörten sie eine männliche Stimme rufen. »Larissa, warte mal!«
Die Mädchen wandten sich um. Sophie verdrehte genervt die Augen. »Oh Gott, es ist Jamie. Was will der denn jetzt von dir?«
»Keine Ahnung.«
Jamie blieb kurz vor Larissa stehen. Sein Atem ging schnell und seine grünbraunen Augen wirkten nervös. Er fuhr sich mit der rechten Hand flüchtig durch sein kurzes dunkelblondes Haar. »Kann ich kurz mit dir reden? Dauert nicht lang.«
»Was willst du von ihr, du Mistkerl?«, fragte Sophie missmutig und stellte sich demonstrativ zwischen die beiden.
»Das geht nur mich und Larissa was an«, entgegnete er.
»Wir schreiben nachher, Maus, okay?«, fragte Larissa ihre Freundin.
Diese ging grummelnd davon, warf Jamie aber zum Schluss einen Blick des Todes zu.
Larissa registrierte Toms Augenpaar, als er an ihnen wortlos vorbeilief, um das Schulgelände zu verlassen. Ihr wurde augenblicklich bewusst, wie sie ihm nachsah, und sie wendete sich ihrem Exfreund zu. »Und?«, fragte sie.
»Können wir ein Stück laufen, dann erzähle ich es dir.«
»Dann komm, aber verschwende nicht meine Zeit«, sagte sie zu ihm und beide verließen das Schulgelände Richtung Straße.
Zwei Tage später. Abends lag Larissa in ihrem Bett und hatte die Musik laut aufgedreht. Sie schaute zur Decke, wo eine leuchtende Vorrichtung über ihr hing. Ein Sternenhimmel. Bei diesen Temperaturen ging sie nur ungern raus, um sich das echte Sternenzelt anzuschauen. Das tat sie sehr oft, aber dieses Jahr war der September recht kühl.
Sie wischte bei der langsamen Chillout-Musik eine Träne von ihrer Wange. Zu sehr schmerzte der Verlust, ihre Mutter nie wieder hören und sehen zu können. Sie umklammerte das Kissen und presste es an ihre Brust. Einen Seufzer später hielt sie es sich zum Betrachten vor sich. Es war ein Geschenk ihrer Mutter mit einem Familienfoto darauf.
Ihre Mutter und ihr Vater standen nebeneinander, Larissa in der Mitte vor ihnen. Die Aufnahme hatten sie im Park gemacht, an einem warmen Sommertag. Sie lachten alle auf dem Foto und ihre Mutter sah dort sehr glücklich aus. Das Foto hatten sie aufgenommen, als es ihr noch nicht so schlecht ging, sie aber bereits von dem Schilddrüsenkrebs wusste. Es war einer dieser Tage, an denen alle voller Hoffnung waren. Mit genügend Mut und Kraft könne man ihn besiegen. Als Larissa an diesen Tag zurückdachte, weinte sie nur noch mehr. In ihrem Kopf hörte sie die Stimme ihrer Mutter, wie sie an dem Tag zu ihr sagte, dass sie alles schaffen könnten, wenn nur die Familie zusammenhalte.
Es klopfte leise an der Tür. Larissa schreckte auf und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht. »Ja?«
»Ich bin es. Ich fahre jetzt los. Bin schon spät dran. Wir sehen uns morgen Nachmittag«, sagte Henry durch die Tür hindurch.
»Okay Papa, viel Erfolg beim Meeting morgen und deiner Präsentation.«
Henry bedankte sich und verließ die Wohnung.
Larissa wartete einen Augenblick. Dann nahm sie ihr Handy in die Hand und schrieb mit Jamie und Sophie gleichzeitig. Sophie schrieb ihr, dass sie Jamie nicht leiden könne und Larissa aufpassen solle, dass er sie nicht ausnutze.
Jamie und sie waren schon lange getrennt, aber wie das mit der ersten Liebe so ist, dachte sich Larissa, man kann sie nicht völlig vergessen.
Larissa konnte nicht einordnen, was sie Jamie gegenüber fühlte. Sie wusste nur, dass sie bis heute nicht erfahren hatte, warum er Schluss gemacht hatte. Und jetzt war er wieder furchtbar nett zu ihr und tröstete sie wegen des Todes ihrer Mutter. Seine Fürsorge überraschte sie zunehmend. Sie fühlte sich geschmeichelt und war auf der einen Seite skeptisch. Auf der anderen Seite fühlte es sich wie früher an, als sie noch zusammen waren. Sie blätterte dabei ihr altes Tagebuch durch, schwelgte in Erinnerungen und dachte an die Zeit kurz vor der Trennung. Jamie hatte sich damals immer weniger bei ihr gemeldet und sie seltener besucht. In dieser Zeit vermisste sie ihn sehr.
Komisch. Ich habe wohl einfach aufgehört den Tagebucheintrag fertig zu schreiben. Hier ist ja noch die halbe Seite leer. Dann fülle ich die jetzt.
Dadurch inspiriert, bastelte sie nun an einem neuen Gedicht, während sie mit den beiden Textnachrichten schrieb.
Zeit, die ich vermiss
Zeit, die ich vermiss,
die mir fehlt, ganz gewiss.
Wo ist dieses schöne Gefühl,
das einmal war,
als ich dich ansah?
Du hast kaum Zeit für mich,
willst mehr Zeit für dich.
Du bist lange unterwegs und brauchst viele
Stunden für dich allein.
Doch denkst du mal an mich?
Du bist so gemein.
Wo ist dein Gesicht?
Ich habe dich lange nicht mehr gesehen.
Und meine Sorge und Sehnsucht,
scheinst du nicht zu verstehen.
Du sagst selten, dass ich dir fehle.
Ein Schreien steckt in meiner Kehle.
Ich könnte einfach losschreien.
Nicht vor Wut, sondern vor Trauer.
Und du bist sauer?
Ich bin ehrlich zu dir und drück dir meine
Gefühle aus.
Es ist noch ein langer Weg bis zum Ziel.
Bitte mach daraus kein grausames Spiel.
Sie schrieb immer weniger Nachrichten an Sophie und dafür mehr an Jamie. Dabei erwähnte sie, dass sie bis morgen allein zu Hause sei.
»Mein Vater ist für einen Tag auf Geschäftsreise.
Ist wohl sehr wichtig, sagte er.«
»Kann ich zu dir kommen?«
Larissa hielt inne. Soll ich wirklich Jamie zu mir nach Hause einladen? Sollte ich nicht vorher mit Sophie darüber reden? Ich weiß nicht, was ich machen soll. Vielleicht sagt er mir den Grund der Trennung von damals, wenn er hier ist. Aber was ist, wenn wir uns näherkommen? Sophie sagt, er spiele nur mit mir. Aber was ist, wenn er die Trennung bereut und wieder mit mir zusammen sein will?
Larissa schrieb ihm eine Nachricht zurück.
»Ja, kannst du machen. Aber wirklich nur kurz.«
»Ich freue mich. Bis gleich. Mache mich sofort auf den Weg«, antwortete Jamie und war sogleich offline.
Larissa las Sophies Nachricht, die sie zuletzt geschrieben hatte, aber sie antwortete nicht darauf. Sophie würde sie nur anrufen wollen und nicht lockerlassen, warum sie ihr auf die Frage, ob Jamie bei ihr sei, nicht antworte.
Eine Viertelstunde später klingelte es an Larissas Tür. Sie öffnete sie und Jamie kam die Treppen hinauf. Er lächelte sie an und die Schülerin fühlte sich wie beim ersten Date. Er zog Jacke und Schuhe aus und folgte Larissa ins Wohnzimmer. Jamie stellte seinen Rucksack neben das Sofa, öffnete ihn und holte eine Flasche heraus.
»Was ist denn das?«, fragte Larissa.
»Was Selbstgemixtes, habe mir gedacht, du hilfst mir beim Vernichten«, antwortete Jamie mit einem Grinsen.
»Was Selbstgemischtes? Ja, klar und dann lieg ich hier auf dem Boden, weil ich kein Alkohol vertrage. Außerdem…«
Jamie winkte mit einer Hand ab. »Ach Quatsch! Komm, probiere und entscheide dann, ob du mit mir trinken willst. Kannst du uns zwei Gläser holen, Babe?«
Larissa setzte sich in Bewegung und holte aus der offenen Küche, welche direkt neben dem Wohnzimmer angrenzte, zwei Trinkgläser. Sie stellte die Behälter auf dem Couchtisch ab und ihr Ex goss jedem ein wenig ein.
»Was ist denn da eigentlich alles drin?«, wollte sie wissen.
»Alles Mögliche. Wodka, Baileys und noch anderes Zeug. Probier einfach.«
Sie hielt sich das Glas an die Lippen und roch daran. »Boah, das stinkt aber!«
»Los, mach. Kippen, nicht nippen.«
Jamie trank als Erster einen Schluck und dann auch Larissa. Sie schüttelte sich danach und verzog ihr Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
»Und? Noch mehr?«, fragte Jamie.
»Ja … okay. Aber nicht so viel. Morgen ist ja wieder Schule.«
Jamie schenkte jedem ein wenig von dem berauschenden Zeug ein.
Mit der Zeit kamen die beiden ins Gespräch über alte Zeiten, frühere Lehrer und wie das für Jamie ist, sitzen geblieben zu sein. Beide waren schon recht betrunken und saßen bereits angekuschelt auf dem Sofa.
»Mir ist soooo schwummrig. Das ist lustig«, kicherte sie.
Jamie strich die Haare aus ihrem Gesicht, um ihre Wange zu streicheln.
»Du bist hübsch, wenn du kicherst.«
»Warum hast du die Beziehung damals beendet?«, fragte Larissa, nachdem sie den letzten Rest der Flasche in ihr Glas gegossen und dieses mit einem Mal ausgetrunken hatte.
Jamie überging ihre Frage. »Weißt du, was jetzt schön wäre? Wenn wir beide es noch mal zusammen machen würden. Du fehlst mir. Und jetzt, wo du so neben mir sitzt und so süß bist, Babe … das macht mich total an.«
Larissa sagte daraufhin nichts. Ihre Augen waren geschlossen und sie taumelte bereits im Sitzen herum. Er berührte ihren Hals und ließ seine Hand über ihre Brüste wandern.
»Heyyy, was machst´n du da?«, fragte Larissa leicht empört, aber offenkundig scherzhaft.
»Du willst mich noch, oder?«
»Ja, das tuuu ich«, säuselte sie, während sie ihren Kopf alkoholisiert von einer Seite zur anderen warf, um mit ihren langen Haaren zu spielen.
»Ich will dich. Unbedingt.«
»Waaas? Du liebst mich auch, das isss aber schöön«, lallte Larissa.
Jamie stand auf. Dass sie ›liebte‹ sagte, überhörte er. Dabei verlor Larissa ihr Gleichgewicht und ließ sich betrunken, wie sie war, rücklings auf das Sofa fallen. Dann raschelte es, ein Hosenstall wurde geöffnet.
»Jamie, was machst du denn da? Ziehst du dich gerade aus?? Boah, ich krieg kaum meine Augen auf. Hihi. Bin total besoffen, ey.«
Sie versuchte sich aufzusetzen. Aber es schwindelte sie so sehr, dass sie gar nicht mehr wusste, wo oben und unten war. »Ich bin so müde, Jamie, meine Augen sind wie Blei… Jamie.«
Fehler, die du machst
Du bist in der Nacht der hellste Stern.
Du bist am Tag der wärmste Sonnenstrahl.
Du hast mich einfach zu gern.
Doch bist du endlos weit weg von mir.
Mein Herz ist immer bei dir.
Und doch lässt du zu, dass eine Andere dich
gewinnt. Erlebst eine heiße Nacht mit ihr.
Und am Morgen danach hast du Angst.
Du bereust es und trennst dich von mir.
Schatzi, ich bleibe trotzdem bei dir.
Mein Vertrauen zu dir ist geknickt.
Aber die Hoffnung auf ein Happy End noch
nicht.
Du willst erst mal Zeit für dich.
Wenn deine Liebe groß genug ist,
werden wir zusammen alles überstehen.
Doch sollte es ein zweites Mal geschehen,
lass ich dich eiskalt im Regen stehen.
Wir werden uns schon wie früher verstehen.
Du bist mir wichtiger als Millionen von Geld.
Und wenn du es zulässt, wird unsere Welt
wieder erhellt.
Durch den Mond, der wie ein silbern funkelndes Band unsere Welt umschließt und Amor zum
zweiten Mal seinen Pfeil durch unsere Herzen
schießt.
Larissa wurde durch das Summen ihres vibrierenden Handys geweckt. Sie schreckte auf und fand sich auf dem Sofa wieder, eingehüllt mit der Decke aus ihrem Zimmer. Das Telefon lag auf dem Sofatisch. Schlaftrunken griff sie danach und stieß ein Trinkglas um, das noch mit dem süßen Nektar des gestrigen Abends benetzt war.
»Oh scheiße!«, fluchte sie, als sie sah, wie spät es war. Sophies Name war auf dem Display zu lesen.
»Larissa, Mann, wo steckst du?!«
»Habe verschlafen. Scheiße. Habe gerade gesehen, wie spät es schon ist. Mann, so ein Scheiß, ey, mein Schädel dröhnt so heftig. So kann ich doch nicht zur Schule gehen.«
»Jamie war bei dir, gib es zu!«
Larissa gab keine Antwort, sie zögerte einen Moment. »Ich weiß gar nichts mehr. Habe voll den Filmriss«, gestand sie ihrer Freundin.
»Oh Mann, Larissa, was hast du nur gemacht?«
»Ich habe Jamie zu mir nach Hause eingeladen.«
»Ich glaube, ich habe mich gerade verhört?!«, fragte Sophie ärgerlich.
»Ähm, nein, beste und liebste Freundin?«
Instinktiv zog Larissa ihre Schultern hoch, duckte den Kopf, in der Hoffnung, der Rüge ihrer Freundin ausweichen zu können.
»Er hat gepanschten Alkohol mitgebracht und ich habe eventuell etwas davon getrunken.«
Stille am Telefon.
»Und, ähm, dann … ich glaube, wir hatten Sex.«
»Du weißt es nicht?«, fragte Sophie.
»Ich kann mich an nichts erinnern. Ich weiß nur noch, dass wir auf dem Sofa saßen und gekuschelt haben. Er meinte irgendwie, er liebe mich noch und will wieder mit mir zusammen sein.«
»Das hat er wirklich gesagt?«, fragte Sophie.
»Ich glaube ja. Jedenfalls ist es das, woran ich mich erinnere.«
»Oder hat er das nur gesagt, um dich flachlegen zu können?«, warf Sophie ein.
»Nein, ich glaube nicht. Ich weiß nicht, ob wir Sex hatten. Ich sehe nur auf der Decke einen weißen Fleck und ein Taschentuch am Boden.«
»Wie, ihr habt nicht mal verhütet? Larissa! Wie kannst du nur so naiv sein?«
»Mann, jetzt schrei mich nicht so an!«, rief Larissa erbost ins Telefon.
»Entschuldige, das wollte ich nicht. Aber Larissa, ich traue dem Kerl nicht. Du weißt, dass er gerne mal nach anderen Weibern guckt und nach eurer Beziehung zwei weitere Tussis hatte und das innerhalb eines halben Jahres.«
»Was soll ich deiner Meinung nach tun?«, fragte Larissa ihre beste Freundin.
»Komm erst mal zum Unterricht. Du kannst ja sagen, dass es dir nicht gut geht und du nach einer Stunde wieder heimgehst. Putz dir ordentlich die Zähne, damit du nicht so nach Alkohol riechst«, gab ihr Sophie noch einen Tipp.
»Meinst du echt, dass das hilft?«
»Keine Ahnung. Google doch einfach. Ich muss jetzt Schluss machen, die Pause ist vorbei. Ich muss wieder zu den anderen.«
»Okay, bis später«, verabschiedete sich Larissa.
Mit dröhnenden Kopfschmerzen und noch nicht ganz wachen Augen sah sie sich um. Sie hatte nichts gehört und niemanden gesehen. »Jamie?«, rief sie in den Raum. Es antwortete niemand. Daher stand Larissa auf, schwankte ein wenig, vom Restalkohol und den lärmenden Kopfschmerzen. Ihr Exfreund war nirgends zu sehen und auf dem Handy hatte er keine Nachricht hinterlassen. Er war mitsamt der Flasche und seinem Rucksack verschwunden.
Larissa nahm eine Kopfschmerztablette ein, machte sich rasch für die Schule fertig, lief in den Keller und holte ihr Fahrrad heraus. Damit würde sie schneller sein als mit dem Bus. Auch wenn es heute nicht so kalt war wie die letzten Tage, fühlte sich der Wind auf dem Fahrrad wie fünf Grad kälter an. Die Sonne schien und die Straßen waren wenig befahren. Larissa hatte also freie Fahrt und fuhr deshalb zweimal über eine rote Ampel.
Die große Hofpause hatte gerade begonnen, als sie sich zu Sophie und Vanessa gesellte. Dabei wurde sie von einigen Leuten aus den anderen Gruppen schief angeguckt.
Als sie bei ihren zwei Freundinnen ankam, fragte sie daher: »Was glotzen die denn alle so?«
»Dass du gestern mit Jamie geschlafen hast, hat sich bereits rumgesprochen«, erzählte Vanessa, als sie sich verstohlen zu Larissa über beugte. Ihre pechschwarzen Haare glitten dabei sanft über ihre Schultern.
»Ja, als ich mit dir telefoniert habe, hat er angefangen, das überall herumzuerzählen. Jamie erzählt jedem, dass du nach Sex mit ihm gebettelt hast. Er sei so heiß im Bett und du könntest nicht ohne ihn.«
Vor Entsetzen riss Larissa die Augen auf.
»Und er erzählt, dass du ständig gesagt hättest, du willst nur Sex, damit du von ihm noch weiter lernen kannst, weil er der Beste sei, den du je ›in der Ritze‹ hattest«, schilderte Vanessa mit einem Hauch von Bedauern in der Stimme.
»Genau. Und er sagt, dass du ihn betrunken machen wolltest«, ergänzte Sophie.
»Das stimmt doch alles gar nicht!«, klagte Larissa.
»Aber hast du vorhin nicht am Telefon zu mir gesagt, dass du einen Filmriss hattest und gar nicht mehr weißt, was genau passiert ist?«, fragte Sophie vorsichtig.
Larissa lief rot an. In ihrem Körper fing es an zu brodeln. »Das habe ich dir im Vertrauen erzählt. Ja, ich weiß nicht mehr, was passiert ist, weil ich zu viel getrunken habe. Unterstellst du mir etwa, dass ich lüge?«
Sophie hob die Hände empor, um ihr Bedauern auszudrücken. »Nein, auf keinen Fall. Du bist doch meine BFF. Ich glaube dir, aber die anderen werden es nicht tun. Für die anderen sieht es so aus, als ob du versucht hast, ihn mit Alkohol dazu zu bringen, mit dir zu schlafen.«
»Er stellt sich als Opfer dar«, meinte Vanessa, die ihre Hand leicht auf Larissas Schulter legte.
»Wo ist er?«, fragte Larissa und sah sich um.
»Nein, tu das nicht Lari, sprich ihn jetzt nicht darauf an«, mahnte Sophie.
Es klingelte zum Reingehen. Larissa wartete einen Moment ab, bis sich die Raucherinsel leerte. »So ein Glück, da steht er noch. Jetzt kann der was erleben!«, sagte Larissa, ohne auf ihre Freundinnen zu achten. Sie lief direkt auf Jamie zu, der noch mit vier weiteren Personen die letzte Zigarette aufrauchte.
»Jamie, können wir kurz reden?«
»Mit so einer Irren rede ich nicht mehr. Du hast mir was ins Trinken gemischt, ganz sicher.«
»Krass, dass die Olle sich traut, hierher zu kommen, nachdem sie dir was untergemischt hat«, äußerte ein Junge, der neben Jamie stand.
»Können wir bitte allein reden, ganz kurz?«, fragte Larissa noch einmal und versuchte sich zu beherrschen.
»Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich dich nicht mehr liebe. Du bist total irre, ey. Ich bin schockiert, dass du so krank nach mir bist, dass du mir was untermischst und mich in meinem Zustand benutzt«, sagte Jamie.
»Ja, sei froh dass er nicht zur Polizei geht, um dich anzuzeigen«, warf das eine Mädchen ein, das auch dort stand. Jamie lachte daraufhin. Er bemerkte jedoch Larissas Gesichtsausdruck und verstummte augenblicklich.
»Zieh Leine und lass unseren Jamie mit deiner Psychonummer in Ruhe!«, drohte der Junge, der als Erster sprach. Dabei kam er Larissa ein Stück näher, um sie einzuschüchtern. Jamie hielt ihn ab, indem er seine Hand vor seinen Kumpel hielt und somit andeutete, dass er wieder zurücktreten solle. Was er auch tat.
Larissa spürte, wie die Tränen in ihre Augen schossen, und rannte davon. Dabei hörte sie die anderen lachen. An Sophie und Vanessa vorbei, rannte sie, ohne zu gucken, einfach weiter. »Larissa! Wo willst du hin?«, rief ihr Sophie hinterher, aber die weinende Larissa war nicht aufzuhalten.
Als Larissa mit ihrem Fahrrad zu Hause ankam, schmiss sie es regelrecht in den Keller, rannte die Treppen hinauf, schloss die Tür auf, zog sich die Schuhe und Jacke aus und warf sich verzweifelt auf ihr Bett.
»Mäuschen?«, kam die Frage aus dem Wohnzimmer.
Larissa antwortete nicht, sondern drückte ihr Gesicht weiter in das Kissen, um das Wimmern verstummen zu lassen. Nun stand Henry an ihrer Zimmertür.
»Was ist denn los? Warum bist du nicht in der Schule?«
»Lass mich in Ruhe!«, blökte sie ihn an.
Verärgert ballte Henry die Faust und ließ seinen Unterkiefer spielen. »Larissa, es reicht langsam. Ständig machst du Ärger, vernachlässigst die Schule und lässt nicht mit dir reden. Das kann so nicht weitergehen. Ich weiß nicht, was dich schon wieder geritten hat, aber die Schule zu schwänzen, ist keine Lösung.«
»Hau ab und lass mich einfach in Ruhe!«
Brummend beließ er es dabei und schloss Larissas Tür. Er lief ins Wohnzimmer zurück und nahm sein Handy in die Hand. Als seine Tochter so stürmisch in die Wohnung gelaufen kam, hatte er gerade eine Nachricht lesen wollen. Er machte das Chatprogramm erneut auf, um die Textnachricht zu lesen. Zu sehen waren zwei Herz-Smileys und ein Kussmund-Smiley. Dahinter stand »Ciao Honey«. Henry musste kurz auflächeln, aber seine Tochter hatte ihm die Stimmung verdorben.
Er schrieb zurück: »Ich wollte mich gerade hinsetzen und mir unsere schönen Fotos angucken, die wir gestern Abend gemacht haben, aber Larissa kam früher von der Schule. Ich schreibe dir heute Abend noch mal, Süße.«
Nachdem er auf Senden gedrückt hatte, legte er sein Handy auf den Tisch und ging in die Küche, um zu schauen, was er noch einkaufen müsste. Er schrieb eine kurze Einkaufsliste und naschte ein paar Weintrauben, die in einer Schale auf der Arbeitsfläche direkt neben ihm stand.
Indessen hatte sich Larissa beruhigt, hatte ihr Tagebuch aus ihrem Geheimversteck gezogen und schrieb die momentanen Ereignisse auf. Sie hielt nicht nur fest, was die letzten Tage und heute passierte, sie erinnerte sich an die Zeit, als Jamie und sie ein Paar waren. Er war ihre erste Liebe und mit ihm hatte sie ihr erstes Mal. Sie dachte, es würde ewig halten und so würde sich Liebe anfühlen. Sowohl an die innigen und herzlichen Momente als auch an die, in denen sie ein komisches Gefühl gehabt hatte, erinnerte sie sich. Sophie hatte ihr damals schon zur Vorsicht geraten.
Ihr Tagebuch war ihr Heiligtum. Es war ein dickes DIN-A4-großes Buch mit leeren Seiten, welches ein festes Buchcover hatte. Das Buchcover war farblich in Gold und Braun gehalten. Geschwungene Ornamente zierten die Vorder- und Rückseite des Druckwerks. Es hatte einen orientalischen Touch und das gefiel der Schülerin besonders. An der rechten Seite befand sich ein Schloss, das sie mittels eines kleinen Schlüssels geöffnet hatte.
Seit ihre Mutter tot war, hatte sie angefangen, Gedichte zu schreiben. Einfach nur ihre Gefühle und Gedanken niederzuschreiben, als Tagebucheintrag, reichte ihr nicht, um diese auszudrücken. Wenn sie im Flow war, flossen die Worte wie Wasser. Oft kamen ihr dabei die Tränen. Es war wie Ekstase, da sie dadurch alles vergessen konnte und sich komplett auf ihr Innerstes konzentrierte. Es gab nur sie, den Stift und das Buch. Sie hörte in diesem Zustand gerne emotional komponierte Musik, die ihre Gefühlswelt noch mehr herauskitzelte. Aber selbst wenn sie keine Musik dabei hörte, war sie so beschäftigt mit dem Schreiben, dass sie manchmal nicht einmal das Klopfen an der Tür registrierte.
Gefühle, die nicht verschwinden
Sie sind bei mir.
Wie ein Schatten hängen sie sich an mich,
und erzählen von dir.
Ach, wie schön die Zeit doch war.
Doch jetzt muss ich allein bleiben.
Meine Träume sind nur noch zerbrochene
Scheiben.
Scheiben, von einem Spiegel meiner Seele.
Er war die Welt für mich.
Und doch dreht sie sich weiter.
Rettet mich jemand,
bevor ich mich so weiter quäle?
Ich will nur noch vergessen.
Ich kann nicht mal mehr essen.
Und schlafen schon gar nicht.
Ich liebe ihn noch immer und es tut weh,
zu wissen, dass ich allein durch die Welt geh.
Auf meinem Herzen legt sich kalter Schnee.
Gefrieren sollen die Gefühle.
Sollen sie so lange eingeschlossen bleiben,
bis er zurückkommt.
Ich kann nicht mehr ohne ihn.
Der Schatten an meiner Seite verändert sich
und fliegt davon.
Kann ich jetzt doch noch hoffen?
Auf ein Happy End?
Geräusche aus dem Flur tönten ins Jugendzimmer. Sie legte den Stift beiseite und ging gucken, was ihr Vater trieb. Als sie die Tür öffnete, sah sie, wie er sich Schuhe mit einem Schuhanzieher anzog.
»Hast du dich wieder beruhigt?«, fragte er leise.
»Hm, ja, habe ich. Du gehst weg?«
»Ich gehe einkaufen. Hier, das habe ich im Wohnzimmer gefunden.« Henry gab ihr ein Foto in die Hand. Es war so klein, als könnte es in einer Brieftasche gelegen haben.
Ausgedruckt auf normalem Papier, also recht dünnem Papier, stellte Larissa sofort fest. Auf dem Foto war Vanessa zu sehen, wie sie jemanden umarmte. Das Foto war an der Seite abgerissen.
Henry nahm seine Jacke, zog sie sich an und schnallte sich seinen Rucksack um. »Bis später«, verabschiedete er sich und verließ die Wohnung, ohne Larissas Worte abzuwarten.
Das Mädchen ging gar nicht weiter darauf ein, warum ihr Vater sie so distanziert behandelte. Sie war mehr darüber entsetzt, dass Jamie offenbar gestern Abend etwas vergessen hatte. Und es schockierte sie noch mehr, dass es Vanessa war, die darauf zu sehen war. Jetzt schaute sie sich das Foto genauer an. Der Junge, den sie dort im Arm hatte, war rausgerissen. Aber dann erkannte sie den Arm, der noch auf dem Foto zu sehen war. Es war Jamies Arm. Ihr stockte der Atem. Die Vanessa, die seit einigen Monaten ihre Freundin war und mit der sie und Sophie immer Zeit verbrachten? Sofort ergriff Larissa ihr Telefon und wählte die Nummer ihrer besten Freundin. Sophie beteuerte, dass sie davon nichts wüsste und genauso schockiert wäre wie sie.
Nachdem sie mit Sophie telefoniert hatte, schrieb sie Jamie eine Nachricht.
»Das habe ich im Wohnzimmer gefunden.« Sie sendete dem Text das Foto hinterher.
»Kannst wegschmeißen«, schrieb er sofort zurück.
»Warum hast du ein Foto von Vanessa bei dir gehabt?«
Anhand der blauen Häkchen erkannte Larissa, dass Jamie die Nachricht gelesen hatte, aber er schrieb nicht. Sie wartete bis zum Abend darauf, doch ihr Warten war vergebens. Selbst als sie zweieinhalb Stunden später Fragezeichen hinterherschickte, las er sie, antwortete aber nicht. Ihr Vater war auch noch nicht zurück, obwohl er nur einkaufen gehen wollte. Es war bereits kurz nach acht Uhr abends, als sie von ihrem Vater eine Nachricht bekam, dass er später heimkommen würde, da er beim Einkaufen einen alten Freund wiedergesehen habe und mit ihm spontan etwas trinken gegangen sei. Sie machte sich für das Bett fertig und kuschelte sich in ihre weiche Bettdecke. Dabei umklammerte sie, wie immer, das Kissen mit dem Foto ihrer Mutter.
Mitten in der Nacht wachte sie schweißgebadet auf. Ihre Haare waren feucht, genauso wie ihr Gesicht. Im Zimmer herrschte Dunkelheit. Nur ein wenig Licht von der Laterne draußen auf der Straße kam durch die Lamellen des Rollos hindurch. Sie fühlte sich elend und atmete schwer. Ihr Blick fiel auf das Telefon neben ihr. Keine Nachrichten, nicht mal von Sophie. Larissa wischte über ihr Gesicht und strich ihre zerzausten Haare glatt. Dann setzte sie sich auf, und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Der Traum, durch den sie aufschreckte, war so schlimm, dass sie jetzt immer noch ein schlechtes Gefühl in sich trug und vor Traurigkeit ihre Lippen bebten. Sie hatte von Jamie und Vanessa geträumt. Das war zu viel für Larissa. Sie schnappte sich ihr Tagebuch, nachdem sie das kleine Licht neben ihrem Bett angeknipst hatte. Es war dezent, aber brannte dennoch in ihren müden Augen, die noch voller feuchtem Wasser waren. Eigentlich wollte sie den Traum aufschreiben, aber dann flogen die Worte nur so über das Blatt.
Der Schrei der Seele
Es ist mitten in der Nacht,
als ich mit Tränen in den Augen
bin aufgewacht.
Ich hatte einen schrecklichen Traum.
Ich blicke zur Seite und sehe dein Gesicht.
Ich muss weg hier, einfach raus.
Ich flüchte ins Nebenzimmer, öffne das
Fenster und weine bittere Tränen.
Ich kann es nicht verstehen,
dich so in meinem Traum zu sehen.
Sehe dich da mit einer Freundin stehen.
So wie du sie anguckst,
solltest du mich angucken.
Ich kann nicht so tun, als wäre alles okay.
Es tut so weh!
Mein Weinen schallt durch den Ort.
Nur du scheinst es nicht zu hören.
Vor Herzweh fange ich leise an,
ein Lied zu singen.
Lasse die Melodie erklingen.
Ich singe mir den Frust von der Seele.
Ein Schreien steckt in meiner Kehle.
Ich schreie, so laut wie ich kann.
Du wirst es mir nie beichten und du wirst nie
meine stummen Schreie hören.
Damit wirst du meine schöne Welt zerstören.
Wahrscheinlich für immer.
Henry bat Larissa darum, zum Arzt zu gehen und sich wegen psychischer Probleme krankschreiben zu lassen, damit sie zu Hause zur Ruhe kommen kann. Das tat Larissa auch.
Als sie leise in den Flur schlich, hörte sie ihren Vater im Wohnzimmer mit jemandem sprechen. Er telefonierte. Sie hatte durch die Tür hindurch ihren Namen vernommen und wollte nun wissen, was ihr Vater erzählte.
»Ja, sie ist jetzt zwei Wochen krankgeschrieben. Ich habe mit der Ärztin gesprochen. Larissa scheint den Tod ihrer Mutter nicht gut zu verkraften. Die Ärztin hat mir deshalb geraten, sie einem Psychologen vorzustellen… Ich weiß … das … das habe ich ihr schon mehrfach gesagt. Denkst du, für mich ist es einfach? Laura hatte zu unserer Tochter immer einen besseren Draht als ich … Ich habe Laura bis zum Schluss geliebt und meine Tochter liebe ich auch … Bitte mach jetzt nicht schon wieder so ein Fass auf … Nein, das ist es nicht. Ich komme gerade nur schwer an sie heran. Sie will, dass ich sie in Ruhe lasse, und sie erzählt mir auch nichts mehr, scheint wohl auch was mit der Schule zu tun zu haben. Was die Ärztin gesagt hat? Sie vermutet eine leichte Depression, nach dem, was Larissa ihr alles erzählt hat. Ja … sie hat es mir erzählt. Ich bin der Vater, und meine Tochter ist noch nicht volljährig, daher habe ich darauf bestanden, dass die Ärztin mir das erzählt … Ich will mich nicht streiten … Ich laufe auch schon auf dem Zahnfleisch und bin nervlich am Ende. Sie sitzt immer öfter in ihrem Zimmer, verdunkelt es und hört traurige Musik. Gott, Schatz, mir fehlt meine Frau! Ich will darüber nicht mit dir reden. Bis später … Ja, bis dann.«
Als Larissa bemerkte, dass ihr Vater das Telefonat beendete, schlich sie zurück in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich so leise, wie sie konnte. Warum erzählt er das alles einer Frau, die er »Schatz«, nennt? Ich verstehe das nicht! Kaum ist Mama weg, sucht er sich ´ne Neue, oder was? Depression, pah! Und dann erzählt die Ärztin ihm das trotz Schweigepflicht, das ist unglaublich!
Larissa schaute auf ihr Handy. Sophie meldete sich immer weniger und Antworten kamen von ihr ebenso seltener.
Larissa scrollte in einer App Bilder zu Gothic durch. »Die ist aber schön«, sagte sie zu sich selbst, als sie eine schwarze Hose mit Nieten betrachtete.
»Larissa, möchtest du jetzt was essen?«, fragte Henry hinter der Zimmertür.
»Nein, danke, kein Hunger.«
»Süße, du solltest etwas essen. Du hast seit gestern Abend nichts mehr gegessen.«
»Doch, habe ich. Einen Schokoriegel und fünf Weintrauben«, antwortete Larissa ihrem Vater.
»Das reicht doch gar nicht. Und es ist nicht besonders nahrhaft. Ich muss zur Arbeit, Maus. Ich habe dir ein wenig Geld in die Küche gelegt, damit du dir Essen bestellen oder was holen kannst. Vielleicht einen Döner oder du holst dir Ente kross vom Chinesen.«
»Danke Papa.«
»Tschüss, bis morgen, weißt ja, ich bin …«
»Beim Meeting, ja, ich weiß«, beendete Larissa Henrys Satz.
Als Henry die Wohnung verlassen hatte und Larissa beobachtete, wie er mit dem Auto wegfuhr, rief sie Sophie an.
»Hey Sophie, hast du Lust auf Garten?«
»Ich habe leider nichts mehr und bin gerade bei meiner Tante zu Besuch, tut mir leid. Wie geht es dir?«
»Geht so. Wollte mich nur ablenken. Wie lange bist du noch bei deiner Tante? Meinst du, du könntest gegen zehn Uhr?«, fragte Larissa.
»Das wird leider nichts. So schnell kann ich auch nichts auftreiben. Habe ja gesagt, dass ich nix hab.«
»Okay, dann wünsche ich dir noch viel Spaß bei deiner Tante.«
»Sei nicht traurig, beste Freundin, okay? Ich melde mich morgen bei dir.«
»Na gut. Bis dann, Sophie.«
»Ciao, Lari.«
Larissa legte auf. Die Uhr auf ihrem Display zeigte Viertel nach sechs Uhr abends. Bald müsse sie schlafen gehen und das war ihr neuerdings ein Graus. Sie schlief seit einigen Wochen sehr schlecht, wachte nachts auf und hatte oft Albträume. Manchmal schlief sie nur fünf Stunden. Auch lag sie mitunter bis zu drei Stunden wach, bevor sie tatsächlich einschlief. Daher nahm sie jeden Abend pflanzliche Schlaftabletten. Damit war der Schlaf einigermaßen erholsam. Aber gegen die Albträume konnten die Dragees leider nichts bewirken. Sie hatte das Bedürfnis, ihre Mutter zu besuchen. Jedoch lag der Friedhof am anderen Ende von Fuchsstein. Sie suchte sich eine Busverbindung heraus, nahm sich das Geld vom Küchentisch, zog sich an und machte sich auf den Weg.
Mit Kopfhörern auf den Ohren fuhr sie Richtung Südwesten an den Stadtrand. Die Sonne tauchte die Häuser und die Bäume, an denen sie mit dem Bus vorbeifuhr, in orangenes Licht. Die Wolken waren vereinzelt, es war relativ mild an diesem Abend. Als sie aus dem Bus ausgestiegen war, lief sie etwa hundertfünfzig Meter einen kleinen Pfad hinauf auf einen Hügel. Der Friedhof lag direkt neben dem Forst und dem sogenannten ›Blick‹. Das war ein Gelände mit einem winzigen Spielplatz in der Mitte und einer erhöhten Plattform, um sich vom höchsten Punkt des Hügels den Wald anzuschauen. Jedoch war dieses Gebiet ab einer gewissen Uhrzeit abgesperrt, da es der Stadt gehörte.
Fuchsstein war ein kleiner, aber schöner Ort mit viel Natur, Wald und Wiesen. Als Larissa der melancholischen Musik ihres Handys lauschte, erinnerte sie sich daran, wie sie ihre Mutter einmal gefragt hatte, warum der Ort ›Fuchsstein‹ heißt. Ihre Mutter antwortete darauf, dass er deshalb so genannt werde, weil es früher eine fuchsreiche Gegend gewesen sei. Hin und wieder würde man noch Füchse sehen, aber das sei sehr selten geworden.
Larissa hatte bisher nur viermal in ihrem Leben einen Fuchs in der Stadt gesehen. Schöne Tiere, kam Larissa in den Sinn, als sie darüber nachdachte.
Die Sonne war fast untergegangen, als sie den Friedhof erreichte. Den Weg zum Grab ihrer Mutter, wusste sie noch, da die Beerdigung noch nicht allzu lange her war.
Dort angekommen, blieb sie einige Zeit regungslos stehen. Sie zündete eine Kerze an, die auf dem Grab stand, und hielt selbst eine weitere Kerze in einem roten Teelichthalter in der Hand. Sie dachte nicht nur an ihre Mutter, sondern an alles, was sie gerade niederschmetterte.
Hallo Mama. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Du fehlst mir so. Du hast es immer geschafft, mich aufzumuntern, wenn mich etwas bedrückt hat. Ich habe das Gefühl, dass keiner sich wirklich für meine Gefühle interessiert. Weder Sophie noch Papa. Dabei konnte ich mich vor allem immer auf Sophie verlassen, aber das ist momentan echt schwierig. Sie geht mir immer öfter aus dem Weg, weicht mir aus, fragt kaum noch, wie es mir geht. Und wenn sie es fragt, dann habe ich das Gefühl, sie will meine wahre Antwort gar nicht hören. Neulich habe ich ihr gesagt, dass es mir nicht so gut gehe, und sie hat das übergangen und hat das Thema gewechselt und nur von sich gesprochen. Warum fragt sie mich dann erst, wie es mir geht, wenn sie sich für meine Antwort gar nicht interessiert? Du warst für mich immer ein Anker in meinem Leben und der fehlt mir jetzt. Scheiße, Mann! Mir gehts nicht gut! Mami!
Larissa begann zu weinen und wimmerte ganz leise. Dabei versuchte sie ihre Fassung nicht zu verlieren. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und atmete hörbar aus. »Mann, jetzt reiß dich zusammen«, sagte sie zu sich selbst.
Auf einmal hörte sie ein Knacken im Unterholz. Hastig drehte sie sich um, da sie das Geräusch von hinten vernahm. Die Sonne war bereits untergegangen, daher konnte sie nicht mehr so viel erkennen. Das Licht der Kerze blendete, was die Sicht nicht gerade begünstigte. Das verunsicherte Mädchen bemerkte eine schwarze Gestalt auf sie zu schwanken. Bedrohlich wirkte sie. Langsam nahm die Gestalt die Form eines Mannes an. Er trat weitere Schritte auf sie zu. Es fühlte sich an wie in Zeitlupe, dabei handelte es sich nur um wenige Augenblicke.
»Erschreck dich nicht, Larissa«, sprach die Stimme sanft zu ihr.
Zuerst erkannte Larissa den Mann nicht, dann sah sie durch das Kerzenlicht seine Form.
»Tom?«
»Ja, ich bin es«, antwortete er.
»Alter, hast du mich erschreckt. Was machst du hier?«
Beschwichtigend hob ihr Mitschüler die Hand und sah Larissa direkt ins Gesicht. »Ich habe dich beobachtet, wie du auf den Friedhof gekommen bist und hier stehen geblieben bist. Ich wollte dich nicht erschrecken, tut mir leid. Du hast geweint und ich dachte, ich gebe mich zu erkennen«, erklärte Tom, während er seine schwarzen Wuschelhaare mit der Hand durchfuhr.
Larissa entspannte sich etwas, entgegnete Tom jedoch mit einem ironischen Unterton: »Deshalb machst du hier einen auf Horrorfilm und trittst erst mal auf einen Zweig?«
Tom musste daraufhin grinsen. »Nein, das war keine Absicht. Es ist nicht besonders hell und selbst ich weiß manchmal nicht, wo ich hintrete.«
Tom kam näher, sodass Larissa ihn jetzt viel besser erkennen konnte. Er trug einen schwarzen Stoffmantel, der erst an seinen Knöcheln endete und vorne kürzer war als hinten. Da er den Mantel offen trug, konnte Larissa darunter dunkle Kleidung sehen. Seine Augen wirkten trotz der Dunkelheit freundlich und wach. Sie bemerkte, dass sein Gesichtsausdruck von freundlich zu ernst umschlug.
»Du trauerst um deine Mutter?«
Larissa drehte sich zum Grab ihrer Mutter herum. »Ja, auch. Ich hatte das Bedürfnis sie zu sehen, ihr nahe zu sein, verstehst du?«
Tom stellte sich neben Larissa und blickte wie sie auf den Grabstein, der durch den abnehmenden Mond und einige wenige Sterne am leicht bewölkten Himmel hindurchschien.
»Ja, ich verstehe das sehr gut.«
»Trauerst du auch um jemanden?«, wollte Larissa nun wissen.
Stillschweigen entstand, bevor Tom sich äußerte. »Es ist schön, dass wir uns so einfach unterhalten können, ohne dass du mich gleich als verrückten Freak siehst und mich hysterisch fragst, was ich abends im Dunkeln auf dem Friedhof treibe«, äußerte Tom mit einem Schmunzeln.
»Na ja, ich stehe auch hier. Ich halte dich nicht für einen Freak, wie die meisten anderen auf der Schule. Wenn du blutverschmiert wärst und ein Messer halten würdest, würde ich dich aber schon für einen Verrückten halten.«
»Du suchst die Dunkelheit und Einsamkeit, wie ich. Der Friedhof hat etwas Tröstendes und Geheimnisvolles. Ich bin gerne hier«, sagte Tom.
Larissa gab darauf keine Antwort. Sie spürte, dass Tom eine faszinierende Aura umgab und dass er mit dieser Aussage ins Schwarze getroffen hatte. Als sie diesen Gedanken formulierte, musste sie innerlich über sich lachen. Im Dunkeln ins Schwarze treffen, haha.
»Ich suche Halt bei der Person, die nun nicht mehr da ist. Das klingt komisch, aber an ihrem Grab zu stehen, tröstet mich mehr, als ihre Fotos zu Hause anzuschauen.«
»Das Gefühl kenne ich«, gab Tom zurück.
»Dass du auf meine Frage, ob du auch um jemanden trauerst, nicht antwortest, lasse ich mal so stehen«, merkte Larissa an, aber mit einem Lächeln, um auszudrücken, dass sie das nicht böse meint.
Etwa drei Schritte von ihm entfernt stand eine Bank aus Holz. Darauf nahm er Platz. »Es ist gut, dass du gerade nicht zur Schule kommst«, leitete er ein neues Thema ein. »Man redet viel über dich.«
Sie drehte sich zu ihm herum, um ihn anzuschauen. Dabei hielt sie immer noch die Kerze im roten Kerzenhalter in der Hand. »Ich will es gerade gar nicht wissen. Mich macht das eh schon alles fertig. Habe echt gedacht, Jamie will noch was von mir. Dabei wollte er mich nur flachlegen. Gegen die Gefühle kann man aber nur schwer was tun.«
»Jamie ist ein Womanizer, schon immer gewesen. Der hatte mehr Weiber, als er an seinen Händen abzählen kann«, gab Tom zu verstehen.
»Weißt du auch was von Vanessa?«, fragte Larissa etwas zögerlich.
Nun war die Frage raus, und sie konnte jetzt nicht mehr kneifen. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Antwort wirklich hören wollte, wenn Tom irgendetwas darüber wusste.
»Wie kommst du auf Vanessa?«
Larissa zog aus ihrer Jackentasche das Foto heraus, das ihr Vater im Wohnzimmer gefunden und ihr dann gegeben hatte. Tom sah es sich im Kerzenschein an und reichte es Larissa wieder entgegen.
»Letztes Jahr wart ihr beide mal zusammen, oder?«, erkundigte sich Tom.
»Ja. Nach fünf Monaten hat er per Sprachnachricht einfach Schluss gemacht. Ich weiß bis heute nicht den Grund, auch wenn ich ihn oft danach gefragt habe«, antwortete sie ihm ehrlich. Sie setzte sich zu ihm auf die Bank und hielt die Kerze in ihrem Schoß.
»Jamie hat es mir selbst nicht erzählt, aber ich habe vieles mitbekommen. So habe ich auch mal beobachtet, dass er mit ihr weggegangen ist. Von der Schule aus, oder wenn ich sie in Fuchsstein in der Stadt gesehen habe«, erzählte Tom.
»Bist du ein Stalker?«
