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Ein Bilderbogen an Geschichten über Saman, Yasmin, Sihar, Laila und ihre Freunde. Verschiedene Figuren und Erzählstränge zeichnen ein Bild der Verhältnisse unter dem Regime Suhartos. Es geht um das gesellschaftliche Trauma, das die Massenmorde an Chinesen und Kommunisten nach dem Putschversuch im September 1965 auslösten, um das Leben der hedonistisch orientierten Mittelschicht und um den Widerstand der sozialkritisch denkenden und politisch wachen Opposition gegen die Repression der korrupten Militärregierung.
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Seitenzahl: 363
Veröffentlichungsjahr: 2015
Ein Bilderbogen an Geschichten über das Trauma, das die Massenmorde an Chinesen und Kommunisten nach dem Putschversuch im September 1965 auslösten, über das Leben der hedonistisch orientierten Mittelschicht und über den Widerstand der sozialkritisch denkenden und politisch wachen Opposition gegen die Repression der korrupten Militärregierung.
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Ayu Utami, geboren 1968 in Bogor (Indonesien), studierte Literaturwissenschaften in Jakarta. Sie ist Radio- und Zeitungsjournalistin und Autorin von Romanen und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman Saman wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.
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Peter Sternagel (*1933) studierte nach seiner Schauspielausbildung und einigen Filmrollen Geschichte. Als Mitarbeiter des Goethe-Instituts war er in Indonesien und Japan tätig.
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Ayu Utami
Larung
Roman
Aus dem Indonesischen von Peter Sternagel
E-Book-Ausgabe
Horlemann @ Unionsverlag
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Die deutsche Erstausgabe erschien 2015 im Horlemann Verlag.
Die Veröffentlichung dieses Buchs wurde ermöglicht mit Unterstützung durch das Übersetzungsförderungsprogramm des Ministeriums für Bildung und Kultur der Republik Indonesien.
Originaltitel: Larung
© by Horlemann Verlag 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Fotolia, ZoomTeam
Umschlaggestaltung: Agentur Marina Siegemund, Berlin, und Annelie Pawlitz
ISBN 978-3-293-30926-5
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
LARUNG
Das Jahr 1985Fledermäuse1996 – Diese Geschichte beginnt zwischen den Beinen, zwischen den …New York, 1. Juni 1996Perabumulih, September 1993New York, 1. Juni 1996New York, 6. Juni 1996New York, 10. Juni 1996New York, Juni 1996New York, 10. Juni 1996Jakarta, 20. Juli 1996New York, 25. Juli 1996Jakarta, 27. Juli 1996New York, 26. Juli 1996New York, 5. August 1996Philip Strait, 12. August 1996Auf der Insel MapurKijang, 12. August 199613. August 1998WorterklärungenMehr über dieses Buch
Über Ayu Utami
Über Peter Sternagel
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Morgens 5 Uhr 12
Wer bestimmt die Todesstunde eines Menschen?
Auf den Schienen in der Morgendämmerung immer der Geruch von Unterwegssein. Die Straßenlaternen, von nachts übrig geblieben, beleuchten die fahlen Mauern und den Straßenrand. Gelbes Licht, das allmählich im ersten Schimmer des herannahenden Morgens verblasst.
Und jeden Morgen um fünf Uhr geschieht das Gleiche:
Wenn auf dem Meer ganz im Osten bereits der erste warme Hauch der Sonne zu ahnen ist, lange bevor die Atmosphäre klare Farben wiedergibt, hält die Bencé jäh in ihrem Flug inne und verschwindet in einer Nische, die kein Sonnenstrahl trifft. Hörst du, da ist der zarte Widerhall einer Triole, ganz hoch und weit weg – dann hat ihn das Dunkel hinter dem Haus und den Bäumen verschlungen. Es gibt Geschöpfe wie die Fledermäuse, die die Helligkeit scheuen.
Eine durstige Krähe jedoch zieht ihre Kreise, auch wenn der junge Tag bald alles, was unter ihr liegt, mit seinen unerbittlichen Strahlen bloßlegen wird. Die Menschen glauben, ihr Erscheinen sei ein schlechtes Vorzeichen. Wenn ihr Krächzen, schrill und nahebei zu hören ist, wissen wir, sie riecht den Tod hier in der Nähe, in deiner Nähe und in meiner. Daher verschwindet sie auch nicht im Dunklen, weil sie weiß, die Sonne kann den Tod nicht vertreiben. Der hellste Tag kann den Tod nicht besiegen. Und das ist es, was jeden Morgen in aller Frühe geschieht und wovon die Menschen nichts ahnen:
Wenn die Krähe auf dem First eines Hauses niedergeht und einer der Bewohner schon am frühen Morgen mit blau angelaufener Brust stirbt, dann ist dem Tod ein Kampf der Nachtgeister vorangegangen, und die Seele hat den Körper verlassen, um daran teilzunehmen, doch sie ist in jenem Kampf unterlegen und kann nicht mehr in ihren Körper zurückkehren. So bleibt jener leblos liegen, wenn der Kampf endet, und der siegreiche Geist schwebt noch vor Morgengrauen davon. Der Unterlegene findet den Tod, bevor die Nacht weicht. Glücklich derjenige, der während des Kampfes die Strahlen der Geister wahrnehmen kann, die unter dem Himmel ihr Unwesen treiben, denn er kann sich, wenn er wieder zu sich kommt, flehend auf den kalten Boden werfen und die Verse von Gottes Thron sprechen, um die unsichtbaren Mächte davon abzuhalten, ihn in die Finsternis zu zerren. Es gibt Wesen, ähnlich den Fledermäusen, die in der Finsternis leben und das Licht scheuen.
Doch der frühe Morgen ist die Zeit, in der die ersten Sonnenstrahlen erscheinen und die Nacht nach Westen zieht. In der Luft liegt der Geruch der Abreise und der Geruch der Ankunft, und man riecht den Rauch der ersten Lokomotiven: die Morgendämmerung ist die Zeit des unaufhörlichen Kommens und Gehens.
Mein Zug hielt im Bahnhof von Tulungagung. Ich war gekommen, um meine Großmutter zu töten.
Aber es war, als würde der Wind den Zug bremsen.
Das rhythmische Geräusch der Räder, die über die Gleise ratterten, verlangsamte sich. Ich wurde wach. Das Geräusch kannte ich seit meiner Kindheit: sieben Schläge, wobei der vierte der heftigste war, wenn die Räder genau unter meinem Sitz auf die Gleisverbindungen trafen. Das Schwanken des Waggons, das meine Schultern in eine wiegende Bewegung versetzte, abwechselnd nach rechts und nach links, und das auch das Glas auf dem Klapptisch und den Löffel auf dem Aluminiumuntersatz erzittern ließ, der Druck auf der Blase, der üble Geschmack im Mund, weil man ihn so lange nicht aufgemacht hatte. Erfahrungen, die sich auf jeder Reise wiederholen.
Durchs Fenster drang der Widerschein der Lichter der kleinen Station, die Kristalle in der Scheibe leuchteten in irisierenden Ringen. Ich erinnerte mich nicht mehr, wann ich hier zum letzten Mal gewesen war. Offenbar hatte die Bezirksverwaltung erst vor kurzem angeordnet, dass alles neu in weiß und blau gestrichen werden sollte. Der Terpentingeruch von Wänden und Pfeilern schien noch über die Leute hinzuziehen, die verschlafen auf den Bänken mit Fuji-Film-Reklame hockten. Einige standen auf, als sie meinen Zug einfahren sahen, darunter eine ältere Frau, die plötzlich vor mir stand und anscheinend meinen Platz einnehmen wollte, denn der Matarmaja fuhr nach Blitar weiter. Unterwegs trifft man Leute, denen man nie wieder begegnet.
Die Frau lief jedoch hinter mir her und rief, Mas, Mas, als ich schon fast an der Tür war, um auszusteigen mit meiner Tasche, meinem einzigen Gepäckstück. Ich drehte mich zu ihr um, und als ich ihre Stimme vernahm und ihre Figur betrachtete, fand ich sie viel jünger, als sie mir anfangs erschienen war.
»Du hast dein Adressbuch liegen gelassen«, rief sie und streckte mir meine Agenda entgegen. Merkwürdigerweise war ihre Hand viel älter als ihr Gesicht.
Ich verwünschte meine Nachlässigkeit. Aber hier ging es nicht nur um Adressen.
Als sie sich etwas zu ihrer Hand herunterbeugte, die das Buch hielt, konnte ich ihr Ohr sehen. Oh, diese Höhlung! Jedes Ohr ist wie ein Labyrinth aus kleinen Härchen. Das Ohr ist der Teil des Körpers, der niemals altert. Ein Knorpel, der immer fest bleibt, bis er eines Tages vergeht. Sieh dir doch nur dieses Gewinde an, das Ohrläppchen, das übelriechende Gemisch von Schmutz und Schmalz, dann dieses schwarze Loch, in dem die Schmiere sitzt, die das empfindliche Trommelfell schützt, die aber einen unangenehmen Geruch verströmt, der selbst Insekten fernhält. Die Öffnung der Vagina lässt mich an weiches Gewebe denken, wo sich im Dunklen das erste Leben krümmt, wo der saure Duft auf das basische Sperma wartet, warm und feucht, aber das Ohrloch erinnert mich an den Tod: ein endloses Ende.
Frau, deine Ohrläppchen sind so spitz wie die des Teufels.
»Ach je, haben Sie vielen Dank.«
»Ja, ja … Du willst deine Großmutter besuchen?«
Da schrillte die Pfeife herüber, in mehreren dissonanten Tönen, und die Frau war verschwunden. Wie konnte sie wissen, was ich vorhatte, fragte ich mich. Ich war hier, um meine Großmutter zu töten. Von draußen kam ein Windstoß herein, als wollte er mich vor dem Ausgang aufhalten.
Als der Zug anfuhr, sah ich die Frau noch im Wagen stehen. Die Kupplung quietschte und die lange Kette von Waggons setzte sich mit einem bedrohlichen Geräusch in Bewegung, erst schwer und langsam, dann immer schneller und schneller. Der Zug fuhr in Richtung Osten, so als wollte er den Morgen einholen. Aus den Lautsprechern auf dem Bahnsteig kamen Routinedurchsagen. Ein Bahnhof ist ein mechanisches Uhrwerk, das immer nach demselben Muster funktioniert: Eisenplatten, Stangen und Hebel, die Zahnräder, Räder und kleine Glocken antreiben.
Ich bin eigentlich nicht abergläubisch. Aber ich fragte mich doch, wer wohl die alte Frau in dem Waggon war, die mir nachgelaufen war und mir mein Adressbuch zurückgegeben hatte. Vielleicht war es ja Vorsehung gewesen, – vielleicht hatte eine geheime Kraft mich dazu gebracht, es liegen zu lassen – das Adressbuch, ohne das ich mein Vorhaben, meine Großmutter umzubringen, nicht hätte ausführen können. Die alte Frau konnte ich als Zeichen sehen, dass ich meinen Plan zu Ende bringen sollte.
An der Bahnhofstür tauchten Becakfahrer auf, verschwitzt und mit ölverschmierten Gesichtern, die sich gegenseitig die Fahrgäste abzujagen versuchten. Hinter ihnen Marktfrauen, die Orangen anboten, und Bahnhofspersonal, das sich um nichts kümmerte.
»Hallo, Mas Becak«, redete ich einen von ihnen, der noch verschlafen wirkte, an, »bringt mich zur Pension Wigati im Jalan Agus Salim. Aber erst sagt mir eins: Habt Ihr schon mal ein Gespenst gesehen?«
»Sicher.«
Während er gemächlich in die Pedale trat, erzählte er. Einmal noch vor Morgengrauen sei ein junger Mann aus dem Zug ausgestiegen. Es war der letzte Passagier, bevor der nächste Zug kam. Er wollte zum Gang Lor gebracht werden, vielleicht eine Zigarettenlänge vom Bahnhof entfernt. Der Mann habe ganz normal ausgesehen, aber dort angekommen, sei er im Haus verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Er, der Becakfahrer, habe gewartet und sei dabei eingeschlafen, bis ihn schließlich der Gebetsruf geweckt habe. Da habe er die Frau angesprochen, die in der Frühe aus dem Haus getreten sei, um zu fegen und das trockene Laub zu verbrennen. »Ihr Sohn hat mich noch nicht bezahlt.« Da sei die Frau in Tränen ausgebrochen und habe ihm erzählt, ihr Sohn sei sieben Tage zuvor vom Zug überfahren worden und so verstümmelt gewesen, dass sie ihn kaum hätten begraben können, weil der Totengräber sich anfangs geweigert habe, für diesen Leichnam ein Loch von zwei Metern auszuheben. Dann habe die Frau aufgehört zu weinen und gesagt, an diesem Morgen sei er glücklicherweise nach Hause gekommen.
»Hat er denn nicht gestunken?«
»Wer?«
»Na, der Sohn dieser Frau.«
»Nein, überhaupt nicht.«
»Merkwürdig, Gespenster riechen doch normalerweise, die einen nach Fisch, die anderen nach Blüten. Wahrscheinlich habt Ihr an dem Morgen Schnupfen gehabt. Hat Euch denn die Frau die Fahrt bezahlt?«
»Ja, sie hat mir siebenmal den Preis für hin und zurück bezahlt.«
»Na, da habt Ihr Pech gehabt. Wenn der Junge vierzig Tage vorher ums Leben gekommen wäre, dann hättet Ihr vierzig Mal die Fahrt bekommen. Allerdings verlassen im Allgemeinen die Seelen von Toten nach vierzig Tagen die Erde und kommen entweder in den Himmel oder fahren zur Hölle. Genaues weiß man nicht. Jedenfalls wäre er wohl nach vierzig Tagen nicht wieder heimgekommen.
Aber Ihr habt ja kräftige Waden, so schön und kräftig, wie die der Betonskulpturen, die die Bildhauer des sozialistischen Realismus in Jakarta geschaffen haben. Ist Euer Bauch auch so kräftig?«
»Ich habe keine Ahnung«, entgegnete er. »Ich besitze keinen Spiegel.«
»Aber Ihr habt eine Frau?«
»Meine Frau ist schon lange gestorben.«
»Ist sie gestorben, bevor sie etwas über Euren Bauch gesagt hat? Und die Huren an den Bahngleisen, was haben die denn über Euren Bauch gesagt?«
Da lachte er. »Damals war auch eine dabei, die vom Zug erfasst wurde.«
»Das tut mir leid. Wie ist das Leben doch voller Geschichten über den Tod.«
»Was habt Ihr denn vor«, fragte er, um abzulenken
»Ich möchte meine Großmutter töten.«
»Warum das denn?«
»Eigentlich habe ich keinen Grund. Sie ist mir zu geschwätzig. Und außerdem ist es Zeit für sie zu sterben.«
Danach verstummte unser Gespräch.
*
Das ist meine Großmutter: Sie ist steinalt. So als wäre sie schon kein Mensch mehr, weder Frau noch Mann, sie ist sozusagen ein gewesener Mensch. Ein Zombie oder eine Mumie vielleicht. Wenn du ihre Hand ansiehst, wie sie sie ausstreckt, morgens gegen zehn Uhr über die Teesträucher streckt, um sie zu wärmen, dann denkst du an ein Reptil, dessen Haut nicht faltig ist, sondern hart und sehnig wie ein Stück Holz, voller heller und dunkler Pigmentflecken und Warzen. Es ist, als hätte sie schon das Bewusstsein verloren und ihre Glieder bewegten sich automatisch, ohne zu wissen, wozu sie gerade dienten: zum Atmen, Schwitzen, Pissen oder Scheißen. Ich glaube, einzig ihr Kopf ist noch am Leben. Doch sieh dir nur das Gesicht an, die Augenlider lassen nur einen schmalen Spalt für die Pupillen frei, um die Außenwelt zu betrachten; umgekehrt erscheinen der Außenwelt ihre Augen wie zwei schwarze Murmeln, von einer dünnen matten Schicht – dem grauen Star – überzogen, ähnlich dem nächtlichen Himmel, der vom Dunst getrübt ist. Und wenn ich ihr die Augenlider hochziehe, um ihr Pyrenoxin einzuträufeln, dann sind die Augäpfel voller aufgeplatzter kleiner Äderchen. Schwer vorstellbar, dass sie einmal weiß gewesen sind.
Ich pflege sie. Jeden Morgen geht das so: Ich setze ihren schmächtigen Körper in den Rollstuhl und fahre sie in die Badekammer, wo ich sie mit heißem Wasser und Naturseife wasche. Zwei- oder dreimal in der Woche helfe ich ihr auf das Klosett und säubere sie hinterher von dem übriggebliebenen Dreck, denn ihr Stuhlgang ist natürlich infolge ihrer schlechten Verdauung nicht sehr flott. Und in der Feuchtigkeit hält sich der Gestank lange. Ihr Kot ist nicht fest. Er ist weder braun noch schwarz, stinkt aber. Ich trockne sie mit einem Handtuch ab, trage sie wieder ins Bett und pudere ihr wie einem Baby die aufgesprungene Haut. Ich salbe ihr die Geschwüre an der Ferse und am Steißbein ein, auch eine eitrige Wunde am Ende der rechten Rippe, die hervorsteht wie ein Horn, das nicht herausgekommen ist. Die wunden Stellen hat sie vom jahrelangen Liegen in gleicher Position. Großmutter, hast du nicht gänzlich das Gefühl für Schmerzen verloren? So liegt sie Tag für Tag vor mir, bis es Zeit wird, sie von neun bis zehn für ein Stündchen in die Sonne zu setzen: nackt, nichts als Haut und Knochen. Ein Häufchen Elend auf der Matratze. Ihre eingeschrumpften Brüste hängen lang herunter, die Brustwarzen steif, kein Tropfen Flüssigkeit mehr darin, dort, wo mein Vater einmal gesäugt wurde, ist alles schlaff und flach. Weißes Schamhaar auf dunkelbraunen Schamlippen.
Bevor ich sie anziehe, kämme ich ihr die wenigen übrig gebliebenen langen Haarsträhnen. Ich betrachte auf ihrem Rücken die Vertiefungen an der Wirbelsäule, die sich deutlich abzeichnen wie bei einem alten Luftschlauch, der schon Millionen von Staubpartikeln eingesogen hat. Ihr Rückgrat ist nach rechts gebogen. Dein Knochengerüst enthält kaum noch Kalk, dein Körper krümmt sich, als wolltest du den Geruch der Erde einatmen, und niemand vermag dich wieder aufzurichten. Ein Knochenhaufen, der darauf wartet dahinzuscheiden.
Jedes Mal wenn ich mit ihrem vom Verfall gezeichneten Körper zu tun habe, ihre spröde Haut berühre, ihr Geschlecht, das Feuchtigkeit ausscheidet, dann werden meine Finger, ja ich selbst so weich wie zwei Nacktschnecken, die – weder Männchen noch Weibchen – mit dunkelbraunem Leib, schleimüberzogen, sich geil zu einem Knäuel zusammenkrümmen, eben noch flach auf der Erde gekrochen sind, zwei Weichtiere mit feinsten Fühlern, bevor sie sich nun in langsamer und ekelerregender Vereinigung winden. Seht doch, wie sonderbar die Intimität zwischen einem Paar Hermaphroditen, da kann einem ja übel werden. Aber seht auch die Schönheit, die aus dem Ekel geboren wird. Ist das Leben etwa kein Fluch?
Und während ich morgens die Zeitung lese, redet sie in einem fort auf mich ein, überlaut, aber mit einer trockenen, schnarrenden Stimme. Aus ihrem Mund kommt ein scharfer Geruch wie von überreifen Salak-Früchten, so als hätte sie etwas in sich, das in Fäulnis übergegangen ist. Ihre Enzyme und ihr Speichel sind nicht mehr frisch. Nur die Ohren sind nicht gealtert.
»Larung«, ruft sie dann, nachdem sie mich lange angesehen hat, »Larung, mein tapferer Junge.« Ihre Augen werden ganz schwarz. Ich muss an einen Affen denken. »Mein tapferer Junge, genau wie dein Vater, genau wie dein Großvater.« Ich bin der einzige, der meine Großmutter versorgen darf. Sie wird sofort böse, wenn sich eine Hausangestellte, eine Krankenschwester oder selbst meine Mutter, ihre Schwiegertochter, um sie kümmert. Vielleicht gelten in ihren Augen nur die männlichen Nachkommen etwas. Oder sie hat nur für Männer etwas übrig. Was bin ich wohl für sie? Enkel, Sohn oder Ehemann?
Jedes Mal wenn ich ihr dann in die Augen sehe, komme ich mir vor wie eine Affenmutter, die ihr Junges säugt. Sie sieht mich an wie ein Affenbaby, das gerade nach der Mutterbrust greift und daran saugt, während seine Ohren auf meinen Herzschlag horchen, der ihm Ruhe und Geborgenheit gibt. Also gut, ich bin die kluge Mutter, die weiß, wie Umarmung und Herzschlag im Einklang sind und die mit ihrem Fell deine zarte Gestalt schützt.
Aber der Körper meiner Großmutter birgt ein Geheimnis. Da ist eine Kraft, um vieles mächtiger als ihr Gewicht. Wer in der Lage ist, eine Aura wahrzunehmen, kann den schwarzen Schein sehen, der sie umgibt. Weder rötliche, noch weiße oder blaue, sondern schwarze Strahlen. Die Energie von etwas Totem, wie das schwarze Loch in der Milchstraße, wo ein gewaltiger Stern, der einmal geleuchtet hat, erloschen ist und einen dunklen Ort hinterlassen hat, an dem die Schwerkraft weiter wirkt. Allmählich ist mir klar geworden, dass sie schon lange tot ist. Nur eine geheime Kraft hält ihre Organe noch am Leben.
Die Menschen können die geheimnisvolle Strahlung selbst in der Armseligkeit erkennen, die sie umgibt. Ich sage das, weil ihre Gestalt und ihr Geruch bereits dermaßen mitleiderregend sind, dass niemand sie noch verabscheuen könnte. Meine Großmutter ist eine Qual für jeden, der sie sieht, aber man würde sich schämen, wenn man sich von ihr abwendete oder sich in ihrer Nähe die Nase zuhielte. Wer meine Großmutter sieht, kann nicht weglaufen, sondern muss das Unsagbare aushalten: den geistigen Schock erleben, dass hier die Natur keine Zukunft mehr hat.
Sie ist ein Wesen, aus dessen zitterndem Mund Schmutz und Gemeinheit dringen. Ihre Gemeinheit besteht aus Worten. Ihre Worte verletzen, aber du kannst sie deswegen nicht verabscheuen. Du kannst dich nur selbst quälen, um das überwältigende Verlangen, sie umzubringen, zu unterdrücken. Einmal stach sich meine Mutter mit der Gabel ins Handgelenk, nachdem meine Großmutter wieder einen ihrer Flüche ausgestoßen hatte. Ein andermal stach sie sich sogar die Gabel in den Hals. Die Großmutter schaute dabei ungerührt zu, wie ein Spiegel, der die böse Tat meiner Mutter nur widerspiegelte. Denn meine Mutter hätte ihr selbst das nur zu gern angetan.
Ich kann nicht vergessen, wie sie eines Tages mit einem Haufen Kissen im Rücken auf der Matratze lag. Da kam eine neue Krankenschwester herein, trat ans Bett und stellte sich vor. Es war wohl die hundertfünfzigste. Einhundertneunundvierzig Schwestern waren in den vergangenen sieben Jahren schon gekommen und waren voller Angst und Abscheu wieder weggelaufen. Ich konnte sehen, was für die Großmutter nicht sichtbar war, den Rücken der jungen Frau, den weißen Kittel, die feinen Haare in ihrem Nacken, die schlanken Beine, die Narbe von irgendeiner Verbrennung – vielleicht von einem Auspuff – die Schuhsohlen. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen. Aber ich konnte das Gesicht meiner Großmutter sehen, die vor ihr lehnte, die finsteren Augen mit den verklebten Lidern, den trüben Blick. Der Abstand zu ihr machte sie so winzig, dass man glauben konnte, sie wäre nicht von dieser Welt, während ihre Ohren riesig groß erschienen. Allerdings fallen mir Ohren immer auf, selbst wenn sie klein und niedlich sind. Sie hielt die Hände auf dem Schoß gefaltet, die Adern traten deutlich hervor. Ihr Rücken war vom Alter so tief gebeugt, dass man dachte, der Kopf käme aus den Rippen. Sie blickte auf das Mädchen wie auf einen Affen.
Ihr Mund sah aus wie eine Qualle, die sich langsam in den Wellen öffnet und schließt, voller Gift. Da spie sie böse Worte aus, die aus ihrem tiefsten Inneren kamen, aus ihrem Herzen, schon abgestorben, von Zirrhose befallen, wie eine trübe Flüssigkeit voller halbverdauter Speisebrocken und stinkender Gasblasen, mit der sie die weiße Kittelschürze der Schwester bespritzte, so dass diese einen halben Meter zurücksprang und fast hingefallen wäre. Sie wagte nicht, sich mit den Händen die Ohren zuzuhalten, wollte vielmehr voller Furcht und Ekel weglaufen, aber der Lichtschein der Lampe ließ die Hände der Großmutter als schwarzen Schatten erscheinen, der sie auf die Stelle bannte, wo sie gerade stand. Das Mädchen trat von einem Bein aufs andere und zitterte, als ob sie ihr Wasser nicht halten könnte. Die Hitze, die vom Körper meiner kranken, aber übermächtigen Großmutter ausging, muss ihr vorgekommen sein wie der Hauch der Hölle. Als sich dann die Wut über die Beleidigung schließlich gelegt hatte, blieb auf dem Fußboden nur der saure und klebrige Speichel zurück, wie Flecken von einem Koitus.
Allmählich wurde mir klar, sie war schon seit langem tot.
Einmal hörte ich nebenbei jemanden im Hintergarten Lontar-Geschichten vorlesen, ein vager Schatten auf dem Schirm, eine flackernde Öllampe. Irgendeine alte Geschichte über Ni Rangda, eine blutsaugende Hexe, eine Witwe aus Jirah mit tief herabhängenden Brüsten, schwarz und weiß gestreift, die Tote wieder zum Leben erweckte, solange sie noch warm waren, und vom Friedhof in die Einsamkeit brachte, nicht um sie dort zu fressen, sondern um sie zu Schmuck zu verarbeiten. Leichen, die schon stanken, wurden den Hunden oder Aasgeiern überlassen. Die anderen wurden aufgereiht und die Toten heulten, wenn die Reihe an sie kam, sich für ein Schmuckstück zerschneiden zu lassen. Ihre Tränen rannen auf den Boden, wurden dort aber sofort von Jirahs ausgetrockneter Erde aufgesogen. Dann kam Ni Rangda aus ihrer Hütte, eine Gürtelschnalle aus Lunge angelegt, das Gedärm als Kette um den Hals geschlungen, Ohrringe aus Gallenblasen, Knöpfe aus Augenäpfeln. Ihre Schüler hatten die Organe vom Blut gereinigt, so wie meine Mutter bei einem Huhn die Eingeweide auswusch, so dass man die violetten Lungenbläschen sehen konnte, den Darm, gelb vom Fett, die verschlungenen Schleifen der Gedärme, die aussahen wie eine Brosche, die hellgrüne Galle, Augen wie marinierte Eier. So war sie geschmückt inmitten von Opfergaben. Aber meine Großmutter sagte zu mir (war es wirklich die Großmutter oder war es Ni Rangda, die zu mir sprach?): »Sei still, mein Junge! Verabscheue das Böse nicht! Das eine Böse bewahrt uns vor dem anderen Bösen, der eine Tod rettet uns vor dem anderen Tod, der eines Tages kommen wird. Meine bösen Kräfte vertreiben diejenigen, die uns Unglück bringen wollen.«
Damals war ich noch sehr klein. Mein Vater lebte noch. Die Großmutter sah schon damals alt aus.
Drei Monate später hörte ich das Krächzen von Krähen, die über unserem Dach kreisten. Und beim Morgengrauen standen schon die Nachbarn auf unserem Hof. Sie klopften an die Tür und holten meinen Vater aus dem Haus, ohne Fackeln, nur beim Licht einer schwachen Taschenlampe. Ich sah, wie sie ihn immer weiter wegtrugen und er in der Dunkelheit immer kleiner wurde. Aber in meiner Vorstellung wurde er immer größer, bis er sich schließlich auflöste, ganz wie Moleküle eines Stoffes, wenn sie zu Gas werden. Da zog mich die Großmutter von der Seite meiner weinenden Mutter weg. Sie machte alle Fenster zu und sagte: »Vergiss ihn! Diese Leute, die deinen Vater wegschleppen, werden ihn umbringen, um Rache zu nehmen.«
Doch als dann dieselben Leute zurückkamen, um uns zu holen, gelang es der Großmutter, sie zu verjagen. Sie vertrieb die Eindringlinge, die sie umringten, einfach dadurch, dass sie vor der Tür stand und aufs Meer blickte. Seit dem Moment wusste ich, dass sie eine geheime Kraft in ihrem Körper hatte. Ich habe meinen Vater niemals wiedergesehen, nachdem sie ihn abgeholt hatten, auch nicht seine Leiche, aber meine Großmutter blieb immer bei mir. Sie war niemals jung, von Anfang an nicht.
»Nein. Deine Großmutter war einmal jung«, sagte meine Mutter, als ich sie danach fragte. »Sie ist eine kraftvolle Erscheinung gewesen, sehr beredt, sehr hochmütig. Sie war ungewöhnlich mutig und hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als einen Fehler zuzugeben.«
»Wann wurde sie geboren?«, fragte ich.
»Das war, als man die Zeit noch nicht als linearen Ablauf verstand, sondern als fortdauernden Zyklus. Damals notierte man nur die Wochentage und nahm das Alter noch nicht wichtig, denn die Tage kehrten ja immer wieder, das Alter aber verging unbemerkt. Sie wurde an einem Dienstag Pahing geboren, vor der ersten Volkszählung.«
»Aber welches Datum steht denn in ihrem Ausweis?«
»Da ist nur das Jahr 1900 angegeben, ohne Tages- oder Monatsdatum. Sie fühlte die ersten Wachstumsschmerzen in der Brust, als sich im Osten und im Westen der Puputan ereignete und sich ihre Eltern insgeheim Vorwürfe machten, dass sie sich nicht wie die Leute in Badung und Tabanan gegen die holländischen Truppen gewehrt hatten. Und die Zahl 1900 war ganz einfach zu merken. Aber es ist durchaus möglich, dass sie sieben oder sogar zehn Jahre früher geboren wurde. Nur waren die Jahre vor der Jahrhundertwende eine Zeit, die man sich nicht vorstellen konnte. Sie behauptete stets, dass sie aus der Kaste der Ksatria stammte, und zwar aus Gianyar. Sie ist dann mit einem holländischen Opiumhändler durchgebrannt und nach Java geflohen, weil sie sich vor dem Zorn der Familie fürchtete. Ihr Mann, dieser Weiße, wurde von den Japanern interniert und verschwand in einem Lager. Sie heiratete schließlich zum zweiten Mal, diesmal einen Widerstandskämpfer, und brachte 1944 deinen Vater zur Welt. Dein Vater nahm mich zur Frau, als wir beide siebzehn waren. Im Jahr 1960 wurdest du geboren.«
»Hat denn Großmutter noch mit fünfundvierzig Kinder gekriegt?«
»Vielleicht sogar noch mit fünfzig, Sie war unglaublich stark. Das kam daher, dass sie ihre Kraft nicht von der Welt der Menschen hatte, sondern aus einer geheimnisvollen Götterwelt. Wie viele Berge und Friedhöfe in Java und Bali hat sie nicht bestiegen oder besucht, um zu meditieren!«, sagte meine Mutter ganz kühl. Aber ich hatte das Gefühl, dass sich hinter der Kühle etwas verbarg. Daher fragte ich, was denn daran falsch sei, nach innerer Weisheit zu suchen.
»Nichts«, meinte meine Mutter, »aber überall an ihrem Körper trägt sie kleine goldene Zaubernadeln, sie lebt mit Zaubersprüchen und denkt in Mantras. Um unverwundbar zu sein, hat sie siebenundsiebzig bleierne Schrotkugeln geschluckt.«
»Das hast du aber nicht selbst gesehen, oder?«, fragte ich.
»Natürlich nicht, aber erinnerst du dich, dass sie sieben Mal am Abend badete und sich die Haare wusch?«
»Ja, aber ich dachte, das war wegen der drückenden Hitze. Jedenfalls hat sie nach dem Duschen ihren schwarzen BH verkehrt herum angezogen, das weiß ich noch, das Vorderteil nach hinten. Sie hatte lang herabhängende Brüste.«
»Den hat sie nicht verkehrt herum angezogen«, widersprach meine Mutter. »Sie wollte bloß die Schnalle erst zumachen. Danach hat sie ihn wieder nach vorn gedreht und ihren Busen reingeschoben. So machen das die Frauen, wenn ihnen niemand hilft. Aber hast du vergessen, dass sie uns einige Male verbot, einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang die Lampen anzumachen, obwohl kein Nyepi war? Das nennt man Askese. Die muss man üben, wenn man einen Abwehrzauber besitzen will. Ja, das ist mir im Gedächtnis geblieben, wenn ich auch nicht weiß, wozu das dienen sollte.«
Meine Mutter fuhr fort: »Deine Großmutter hätte schon vor dreizehn Jahren sterben müssen. Da ist ihr Bus bei Alas Roban mit einem Laster zusammengestoßen, der Sand geladen hatte, und den Abhang runtergestürzt. Dem Fahrer wurde die Brust zerquetscht, alle waren tot, nur deine Großmutter nicht, eine fast achtzigjährige Greisin, der nicht ein Haar gekrümmt wurde. Dabei hatte sie vorn gesessen.
Junge, deine Großmutter kann nicht sterben, solange die goldenen Zaubernadeln und die Bleikügelchen in ihrem Körper sind und sie noch ihre Zauberformeln auf den Lippen hat. Sie kann nicht sterben, obwohl sie schon lange tot ist. Sie ist ein lebender Leichnam, der länger atmen wird als du, und wenn sie stirbt, kommt sie mit Sicherheit eher in die Hölle, als dass sie den schmalen Weg zum Himmel findet. Du musst wissen, viele Götter zu haben, ist eine Sünde, die nicht ohne Strafe bleibt. Keiner der Männer in ihrer Nähe ist alt geworden; ihr Mann, dein Großvater, nicht und dein Vater auch nicht. Aber du bist ja noch jung.«
»Mutter, hasst du denn Großmutter nicht, weil sie mir diesen Namen gegeben hat?«
»Ich wollte dich Begawan nennen.«
»Aber ich heiße Larung.«
»Das ist ein Mädchenname.«
»Ich heiße aber Larung Lanang, männlicher Larung.«
»Fürchtest du dich nicht vor dem Eingeständnis, dass Großmutter eigentlich schon tot sein müsste, mein Junge?«
»Nein, das macht mir keine Angst.«
Der Gedanke, dass sie kein Recht hat, noch länger zu leben, schreckt mich nicht. Aber wer muss es verantworten, daraus die Konsequenz zu ziehen?
»Muss ich etwa Großmutter töten, Mutter?«
»Bist du verrückt, Larung?«
»Ich bin verrückt, sagst du. Weil ich Haloperidol genommen habe. Mutter, du bist bei klarem Verstand, aber du kannst das Problem nicht lösen. Ich bin verrückt, wie du sagst, aber ich habe damit keine Schwierigkeiten.«
»Deine Mutter möchte nicht, dass du so denkst. Und du wärest ja auch gar nicht imstande, die Großmutter zu töten.«
Aber eigentlich will meine Mutter, dass ich Großmutter töte, und ich bin auch dazu imstande.
Am Tag nach diesem Gespräch badete ich die Großmutter wie immer, wenn ich zu Hause war. Wie üblich sah sie mich dauernd an, als hätte sie Freude an meiner Jugend, der Jugend, die sie selbst nicht mehr besaß. Ich konnte es ihren Augen ansehen. Nur ihren Augen. An diesem Morgen brachte ich sie nach draußen und blieb bei ihr, während sie ein Sonnenbad nahm, denn es war Sonntag.
»Großmutter, wie ist es, wenn man alt ist?«
»Das weißt du erst, wenn du selbst diese Erfahrung gemacht hast. Der graue Star ist wie ein trüber Himmel.«
»Heißt das, dass du immer weiterleben möchtest? Oder hast du das Gefühl, dass du bald sterben musst?«
Sie kräuselte die zitternden Lippen.
»Das wirst du niemals erfahren. Wenn ein Mensch alt wird, verlässt ihn die Schönheit. Erst dann verstehen wir, was es bedeutet, Augen zu besitzen, mit denen man die Schönheit des Lebens erkennen kann, weil wir dann Abstand zum Leben gewonnen haben. Kinder werden geboren und wachsen unschuldig auf, die Jungen lieben die Brust, die ihnen die Milch gibt, während die Mädchen nach dem Penis ihres Onkels schielen, sie sind flink wie Rehe, sie weinen und kabbeln sich wegen Nichtigkeiten, üben sich unbewusst für die Zeit, wenn sie erwachsen sind, wenn Tränen und Gewalt wirklich einen Grund haben.
Alt zu werden ist, als wäre man eine Figur im Film, die sich langsam von der Leinwand löst und die Handlung verlässt, in den Zuschauersitz sinkt und die Handlung verfolgt, an der man nicht mehr teilnimmt. Wenn man alt wird, dann wird man zum Auge, ist nur noch Auge. Man nimmt nicht mehr teil, sieht nur noch die anderen. Dann gibt es auch kein Du mehr, denn es gibt kein Ich.« »Aber, Großmutter, du weißt doch noch nicht, was das für ein Gefühl ist, wenn man stirbt!«
»Vielleicht wird dann dies ›es gibt kein Ich‹ das Absolute.«
Das ist wohl das völlige Verschwinden des Ich.
Das hörte sich gut an. Sie fürchtete sich nicht vor dem Sterben.
»Mutter, die Großmutter hat keine Angst vor dem Tod. Warum will sie dann nicht sterben?«
»Sie kann nicht. Nicht eher, als bis sie ihren Zauber an ihre Nachkommen vererbt hat. Und welcher Enkel steht ihr denn näher als du? Du bist der einzige. Hat sie dich noch nie zu überreden versucht?«
»Nein.«
»Ich denke, es ist besser für dich, früh zu sterben, als den Zauber zu erben.«
»Das ist keine echte Wahl, Mutter.«
*
Ich tat es allein. Das war so meine Art. Ich hatte mich entschlossen, Großmutters Geheimnis zu ergründen, um in der Lage zu sein, den Zauber aus ihrem Leib zu entfernen, so dass ihre Seele gehen konnte. Das erste, was ich mir vornahm, war, alle ihre vergilbten alten Papiere und Sachen durchzusehen, denn ich wusste praktisch nichts aus ihrer früheren Zeit und von ihren Freundinnen von damals. Soweit ich zurückdenken konnte, war sie schon immer alt. Aber in ihrem Kleiderschrank fand ich nichts weiter als ein paar Batiktücher, Schärpen und alte Kleidungsstücke, die nach Seife und Kampfer rochen. Einige Lappen mit Mäuseurin und Kakerlakenkötteln. Keine trockenen Blüten, keine Gürtel oder Stücke von Tigerfell, keine Zettel mit arabischem Abwehrzauber, keine Amulette, nichts, was man mit schwarzer Magie in Verbindung bringen konnte. Daher tat ich alles wieder zurück in den Schrank.
Am Tag darauf fand ich in einem Karton, der mit Klebeband verschlossen war, als sollte sein Inhalt am besten vergessen werden, zwei Fotoalben und ein Bündel mit Unterlagen. Ich brachte alles ins Wohnzimmer, um es genauer anzusehen: Das Fotoalbum hatte einen Einband aus Batik und schwarze Seiten. Der Klebstoff war schon brüchig geworden, so dass die vergilbten Fotos durcheinandergefallen waren. Alte Aufnahmen mit weißem Rand, teilweise gezähnt, Menschen aus früherer Zeit mit Pomade oder Öl im Haar und entsprechend schwarzen oder fettigen Flecken auf dem Kragen, junge Frauen mit aufgestecktem Dutt, Jünglinge mit kessen Stirnlocken, die Damen mit Kebaya, die Herren in weiten Hosen, Passfotos von Personen, die lächelnd ihre Zähne entblößten; wer war das nur alles? Leute, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten, ohne zu wissen, was da eigentlich in Europa geschah. Leute aus einer Zeit, die man aus Romanen kennt und mit Melancholie verbindet. Und wo waren diese Aufnahmen gemacht worden? Von Bali, wo meine Großmutter herstammte, war da nichts zu sehen. Natürlich nicht. Es war ja eine Zeit, in der die Fotografie das Privileg der Holländer war, eine Angelegenheit von Naturforschern, Zoologen, Anthropologen oder Fotografen, die auf Sensationen aus waren, auf nackte Asiatinnen. Aber auch der erste Ehemann meiner Großmutter, der holländische Opiumhändler, war nicht zu sehen. Natürlich nicht, denn nach der Hochzeit mit einem Freiheitskämpfer hatte sie sicher sämtliche Spuren der kolonialen Vergangenheit aus dem Album getilgt.
Die meisten Fotos waren offenbar nach 1945 entstanden, wenn nicht nach 1950. Jedenfalls war nichts aus ihrem Leben erhalten, bevor sie meinen Großvater traf. Von ihr waren überhaupt nur wenige Porträtaufnahmen vorhanden. Es handelte sich offenbar nicht um ihr Album, sondern um das ihres Mannes. Von ihr gab es nur drei Bilder. Eines davon war eine Studio-Aufnahme, wohl aus der Zeit, als sie mit dem Holländer zusammenlebte. Darauf war sie noch ziemlich jung, so Mitte dreißig. Sie hatte eine Kebaya an, wie junge Frauen sie damals trugen, und saß vor einem Samtvorhang. Sie war nicht hübsch, aber sie hatte eine reizende Figur. Auf dem weißen unteren Rand stand: Adnjani. Ja, mein Gott! Das war ihr Name, den ich noch nie gehört hatte, denn für mich war sie immer nur die Oma, die Großmutter gewesen. Dieser Name bedeutete, dass sie die Zugehörigkeit zu ihrer Kaste hatte aufgeben müssen, weil sie ihr Elternhaus verlassen hatte.
Das zweite Foto war von schlechterer Qualität, es war fleckig, und wegen der verblassten Farben erschien sie durchsichtig wie eine Fee. Sie stand zusammen mit einer anderen Frau – sicher eine Freundin – vor einem Faltenvorhang. Sie trug eine javanische Kebaya, hatte ganz traditionell einen Dutt angesteckt (die Großmutter trug fast immer eine Kebaya, vielleicht erschien sie auch deswegen in meiner Erinnerung immer als alte Frau), während ihre Freundin einen Rock und eine helle Bluse trug. Auf der Rückseite stand – ich konnte es lesen, weil das Foto nicht mehr fest im Album klebte – von Hand geschrieben: Njani und Suprihatin, Photo Studio Liek Kono, Djogja, 1941.
Ein drittes Foto war nicht vor Februar 1961, möglicherweise auch erst Anfang 1962 aufgenommen, denn auch ich war darauf zu sehen. Mein Vater hob mich hoch, so als wollte er mich vor die Kamera halten, denn jeder Erstgeborene ist doch ein Beweis der Männlichkeit. Seht nur, wie niedlich und wie unschuldig ich aussehe, und was für ein stolzes, breites Lächeln mein Vater zeigt! Er trug eine Paradeuniform, dabei sah er alles andere als kräftig aus, so mager und schmächtig, wie eben damals der normale Soldat. Er war Unteroffizier und hatte dreieckige Abzeichen auf den Schulterklappen. Als er starb, war er Unterleutnant. Bei der Aufnahme im Studio schauten nur ich und mein Vater in die Kamera, meine Mutter und die beiderseitigen Großeltern blickten voller Freude auf mich. Ich stand im Mittelpunkt dieser Szene, die alle begeisterte, der Neugeborene, der alle entzückte. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, jemals wieder so ernst genommen worden zu sein. Erst jetzt, da ich die Großmutter versorge, bedeute ich etwas.
Das zweite Album zeigte die Familie und enthielt Fotos aus der Dienstzeit meines Vaters. Er war im Jahr 1962 in Denpasar stationiert worden. Meine Großmutter folgte ihm. Ich habe keine Ahnung, ob sie damals zum ersten Mal wieder nach Bali kam, seitdem sie ihr Elternhaus verlassen hatte. Darüber habe ich auch nie nachgedacht. Auch die Aufnahme mit ihrer Freundin hätte mich nicht weiter interessiert, wenn ich nicht hinten im Album wieder auf diese Frau gestoßen wäre: Suprihatin. Sie saß in einem Vorderzimmer, wo man Gäste empfängt, am Fenster, so dass nur eine Gesichtshälfte deutlich zu erkennen war, und unterhielt sich mit meiner Mutter. Es war ein Schwarz-Weiß-Foto. Ich erkannte sie sofort, obwohl sie inzwischen schon älter geworden war. Aber hier trug sie eine Kebaya. Wer mochte diese Frau sein? Seit wann kannte sie meine Großmutter?
*
Genau diese Frau suche ich nun in der kleinen Stadt. Ich halte das Notizbuch fest in der Hand, das vorhin im Zug um ein Haar verloren gegangen wäre. Ich komme mir dumm vor und kann nicht begreifen, wie ich so nachlässig sein konnte, nachdem ich fast ein Jahr lang nach der Adresse in Lebuh gesucht habe, nach dem Dorf am Fuße des Watuangkara, wo Suprihatin, Adnjanis Freundin, wohnen soll. Ein Jahr an Nachforschungen!
Ich habe mich nicht übermäßig beeilt auf der Suche nach der Adresse, weil ich hoffte, die Hinfälligkeit meiner Großmutter würde sich verschlimmern und sie würde sterben. Von alleine sterben.
Der Becak-Fahrer hat mir nicht mehr geantwortet.
Er schweigt, verursacht nur ein ächzendes Geräusch, indem er auf der leicht abschüssigen Straße in die Pedale tritt, und lässt dann – als es bergan geht – ein leichtes Keuchen hören. An der Herberge will er nicht warten, sondern verlangt sofort bezahlt zu werden, bevor ich noch gehe, um den Pförtner zu wecken.
»Keine Angst!«, versuche ich ihn zu beruhigen, »Ich bin nicht der Geist von einem, den der Zug zermalmt hat. Schon eher ist die Frau, die ich suche, ein Geist, oder war vielleicht schon früher einer.« Ich fasse ihn am Arm, der vom Wind ganz kalt ist, während meine Hand warm ist, weil ich sie unter die Achsel gesteckt hatte. »Fühlt mal, Mas, ich habe eine Temperatur von 37 Grad. Und außerdem habe ich genug Geld, die Fahrt zu bezahlen.«
Da entfernte er sich in Richtung Stadtplatz, vielleicht um ein Nickerchen zu machen. Deine Waden sind rund und schön, nassgeschwitzt. Der Dreck auf deiner Haut kupferroter, saurer Staub.
Dann, als die Sonne schon am Himmel steht und ich mich etwas ausgeruht habe, gehe ich zur Rezeption, um zu telefonieren, denn im Zimmer gibt es kein Telefon, nicht einmal heißes Wasser.
»Mutter, ist die Großmutter noch am Leben? Schläft sie noch?«, frage ich in der Hoffnung, dass sie plötzlich verschieden wäre, eines natürlichen Todes gestorben, so dass ich die Aufgabe nicht übernehmen müsste.
»Nein, mein Junge. Sie ist schon auf. Sie hat schon nach dir gefragt. Wo du seist und was du machtest.«
»Sag ihr nur, ich käme bald wieder.«
Aber wenn sie aus freien Stücken ihren Geist aufgeben würde, wäre ich froh, weil ich dann frei wäre.
»Mein Junge, sie hat sich schon nassgemacht und geflucht.«
»Ich höre es, Mutter. Du brauchst gar nichts zu sagen. Ich kann den beißenden Gestank ihrer Worte riechen, aber die kümmern mich im Moment nicht, denn ich bin ja nicht gemeint.«
Wo liegt die Grenze zwischen Unflätigkeit und Höflichkeit? Nicht beim Subjekt, sondern beim Objekt, beim Betroffenen, der der Unflätigkeit ausgesetzt ist oder der höflich behandelt wird? Sie lässt mich in einem besseren Licht erscheinen, indem sie andere gegen mich abgrenzt. Aber vielleicht macht mich die Großmutter nicht besser als andere, sondern macht andere schlechter als mich. Was für ein merkwürdiger Maßstab, wo setzen wir die Markierung?
Da sie heute Morgen noch nicht tot ist, beschließe ich, ein Ojek zu mieten, ein Motorradtaxi, das mich nach Lemah Tulis bringen soll, einem kleinen Dorf in der Gemeinde Lebuh, im Bezirk Watuangkara, etwa hundert Kilometer nördlich von Tulungagung.
Aber plötzlich gibt es einen Regenguss, der so stark ist, dass das Sonnenlicht verschwindet. Da will der Mann mit dem Motorrad nicht mehr fahren, denn er hat Angst sich zu erkälten.
»Ich dachte, einer, der sein Motorrad vermietet, kann sich nicht erkälten«, sagte ich. »Ist nicht Wetterfestigkeit eine wichtige Voraussetzung für einen, der ein Motorradtaxi betreibt, wichtiger noch als der Führerschein C? Die erste Bedingung ist natürlich die leere Brieftasche.«
»Das habe ich auch mal gedacht«, antwortete er. »Aber dann ist mein Kumpel Tukijo gestorben, weil er sich erkältet hatte und dasaß, nachdem er jemanden im Regen gefahren hatte. Er war ganz steif und blau gefroren, er konnte nicht mehr atmen und starb. Ich möchte nicht so draufgehen«, meinte er.
Armer Tukijo! Aber meine Mutter möchte, dass die Großmutter stirbt.
Überdies sei Lebuh sowieso kein guter Ort, meint er und sucht weitere Gründe für seine Ablehnung. Früher seien von daher Seuchen gekommen. Viele hätten dort in den Bergen nach geheimen Kräften gesucht. Das sei geschichtsträchtiger Boden, dort hätten Rebellen aus früheren Reichen Zuflucht gesucht, aus Kedhiri, Dhaha und Jenggala, und hätten in dem Ort viel Böses gestiftet. Ob ich nicht von den Massakern im Jahr 66 gehört hätte? Die seien wahrhaftig in jener Gegend kein Zufall gewesen.
