Saman - Ayu Utami - E-Book

Saman E-Book

Ayu Utami

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Beschreibung

Ein katholischer Priester stößt durch sein Engagement für unterdrückte Kleinbauern zum indonesischen Widerstand. Er verliebt sich in eine Menschenrechtsanwältin, gibt sein Priesteramt auf und emigriert nach New York. Ayu Utami thematisiert das schwierige Verhältnis zwischen Muslimen und Christen sowie den Hass auf die chinesische Minderheit. Virtuos wechselt sie zwischen Erzählperspektiven, Schauplätzen und Zeitebenen. Sie verknüpft Traumsequenzen und Mythen mit zeitgenössischen Verhältnissen. Der offene Umgang mit Tabus stellt einen Bruch mit der bis dato existierenden indonesischen Literatur dar.

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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Ayu Utami thematisiert das schwierige Verhältnis zwischen Muslimen und Christen sowie den Hass auf die chinesische Minderheit in Indonesien. Virtuos wechselt sie zwischen verschiedenen Erzählperspektiven, Schauplätzen und Zeitebenen. Der offene Umgang mit gesellschaftlichen Tabus stellt einen Bruch mit der bis dato existierenden indonesischen Literatur dar.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Ayu Utami, geboren 1968 in Bogor (Indonesien), studierte Literaturwissenschaften in Jakarta. Sie ist Radio- und Zeitungsjournalistin und Autorin von Romanen und Kurzgeschichten. Ihr erster Roman Saman wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

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Peter Sternagel (*1933) studierte nach seiner Schauspielausbildung und einigen Filmrollen Geschichte. Als Mitarbeiter des Goethe-Instituts war er in Indonesien und Japan tätig.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Ayu Utami

Saman

Roman

Aus dem Indonesischen von Peter Sternagel

E-Book-Ausgabe

Horlemann @ Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book des Horlemann-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.

Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel Saman im Verlag Perpustakaan Populer Gramedia, Jakarta.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 im Horlemann Verlag.

Die Übersetzung wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amtes unterstützt von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika e.V.

Originaltitel: Saman (1998)

© Ayu Utami 1998

© by Horlemann Verlag 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Fotolia, Nikita Buida

Umschlaggestaltung: Agentur Marina Siegemund, Berlin, und Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30927-2

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Version vom 28.05.2024, 05:39h

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Inhaltsverzeichnis

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Über dieses Buch

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Inhaltsverzeichnis

SAMAN

Central Park, 28. Mai 1996Im Südchinesischen Meer, Februar 1993Insel Matak, am Tag danachZwölf Uhr MittagsPerabumulih, 1993Inzwischen drei Uhr1983. Als er sich noch nicht Saman nanntePerabumulih, 1962»Meine kleine Schwester ist noch nicht zur Ruhe gekommen. Da bin ich sicher.«»Je mehr ich mich bemühe, dein Leben zu verbessern, desto mehr sehne ich mich nach dir.«1990. Mit Upi passiert etwasNew York, 28. Mai 1996Perabumulih, 11. Dezember 1990New York, 7. Mai 1994Worterklärungen

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Central Park, 28. Mai 1996

Hier in diesem Park – hier bin ich ein Vogel. Tausende von Meilen bin ich hergeflogen, aus einem Land, das keinen Frühling kennt. Die Sehnsucht nach dem Frühling hat mich hergeführt. Hier duften jetzt die Wiesen und auch die Bäume.

Wie alt sie wohl sind? Ob sie Namen haben?

Der Duft des Holzes umgibt mich, ich fühle die Kälte der Steine, atme den Geruch der Büsche und der Pilze.

Wer sagt mir, wie alt sie sind? Wer nennt mir ihre Namen?

Sicher haben die Menschen ihnen Namen gegeben, so wie Eltern ihre Kinder mit Namen rufen. Dabei sind diese Gewächse doch viel älter als die Menschen.

Freilich wächst hier im Central Park keine Rafflesia arnoldi, die findet man nur im Regenwald der malaiischen Hochebenen. Wars nicht ein Engländer, der dieser Blume seinen Namen gab? Die Menschen müssen alles bezeichnen, was da wild wächst oder in ihren Gärten steht, als ob sie es besser wüssten als die Pflanzen selbst, die nur Sonne und Kälte kennen oder die Wärme der Erde. Auch die Tiere kennen Bäume und Sträucher nicht mit Namen. Und ein Muttertier ruft die Jungen auf seine Weise. Dazu braucht es keine Namen. Und doch sind die Tiere glücklich in diesem Park, so wie ich es bin, eine Touristin in New York.

Braucht Schönheit einen Namen?

Es ist zehn Uhr morgens.

Obwohl der Tag noch jung ist, sind die Schatten schon kurz, denn gegen Ende des Frühlings werden die Tage hier schnell länger. Kleine Vögel suchen zwischen den Blättern nach der Sonne, lassen sich von den Strahlen wärmen, werden übermütig. Sie singen, zwitschern und schnäbeln, denn zu dieser Jahreszeit paaren sie sich. So wie dieses possierliche Paar mit weißer Brust. Das Männchen hat ringsherum dunkelbraunes, das Weibchen hellbraunes Gefieder. Ich habe keine Ahnung, welche Vogelart es ist. Ich sehe nur, sie sind glücklich.

Braucht Schönheit einen Namen?

Ein Obdachloser liegt auf einer Bank, in seine schmutzige Decke gewickelt. Ich weiß nicht, was für ein Mensch er ist, welche Hautfarbe er hat. Man sieht nur, er genießt seinen Schlaf. »Ich bin glücklich«, würde ich ihm antworten, wenn er aufstehen sollte und mich fragte. Sogar wenn er mich in seinen Träumen fragte.

Ich bin verliebt, so wie die beiden Vögel mit der aufgeplusterten weißen Brust da auf den Zweigen. Wir werden uns umarmen, werden uns küssen, spazieren gehen und in dem russischen Tea-Room ein paar Häuserblocks weiter im Südwesten etwas trinken. Es macht nichts, wenn es dort teuer ist. Denn so einen Tag gibt es nur einmal.

Ich warte hier auf Sihar. Niemand kennt diesen Ort hier, außer dem zerlumpten Kerl dort. Hier stören uns keine Eltern und keine Ehefrau, kein Sittenrichter und keine Sittenpolizei. Die Leute – erst recht Touristen – können sich hier wie Vögel fühlen und sich paaren, wenn sie danach Verlangen haben. Danach gibt es nichts, was man beklagen müsste. Niemand muss ein schlechtes Gewissen haben.

Wenn er in den Park kommt, will ich ihm ein paar Skizzen zeigen, die ich gemacht habe, weil ich Sehnsucht nach ihm habe. Auch das Gedicht, das ich unter ein kleines Aquarell geschrieben habe:

Ich denke an einen durstigen Mund

an einen Mann, dessen Jugendzeit verstrichen ist

zwischen den Sandbänken bewegt er sich gegen den Strom.

Wenn er kommt und es sieht, dann weiß er, dass ich mich maßlos nach ihm gesehnt habe, nach seinem Geruch, wenn er mich umarmt, nach der Wärme seiner Zunge, auf der der Geruch von Tabakpastillen liegt, es ist die Marke Skoal. Eigentlich raucht er sehr gern, aber wenn andere dabei sind, die den Rauch nicht leiden können, dann nimmt er Rücksicht. In letzter Zeit hat er nur noch die kleinen Tabakpillen genommen, die man lutscht. Ja, er hat gute Manieren. Heute sind es vierhundertdrei Tage, seitdem wir uns zum letzten Mal geküsst haben – auch dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. 403 Tage. Vergangenes Jahr am 22. April. Ich habe das Datum ständig im Kopf und zähle immer wieder die Tage. Denn jener Tag hat mir ein bitteres Gefühl hinterlassen, so bitter wie ein Duku-Kern, den man aus Versehen zerbeißt und verschluckt, aber das Verlangen, ihn wiederzusehen, ist geblieben. Werden wir uns wiedersehen? Wenn er bloß käme!

Es war in einem Hotelzimmer. Ich zitterte, und mir klopfte das Herz bis zum Hals. Ich war vorher noch nie allein mit einem Mann in einem Zimmer gewesen. Er war ziemlich schweigsam, sagte auch nicht, ob er schon früher einmal eine Frau mit ins Hotel genommen hatte. Immerhin war er ein Mann, der auf Bohrtürmen arbeitet, der Monate im Urwald oder auf dem Meer verbringt, wo es in der Nähe nur primitive Verkaufsstände gibt und billige Huren in Hütten mit dreckverschmierten Wänden oder auch kleine Ansiedlungen, in denen sich leichte Mädchen herumtreiben, die nur darauf warten, von den Ölarbeitern mitgenommen zu werden. Immerhin wirkte er in dem Hotelzimmer etwas nervös, jedoch längst nicht so verwirrt wie ich, die sich ins Badezimmer flüchtete, als der Hotelboy mit einer Bestellung kam. Denn ich hatte ein schlechtes Gewissen.

Dann lagen wir nebeneinander auf dem Bett, die Tagesdecke war noch ausgebreitet, denn es war ja noch nicht Schlafenszeit. Meine Brüste seien groß, sagte er. Ich schwieg. Dann fragte er, ob ich bereit sei. Hilf mir, sagte ich, ich bin noch Jungfrau. Was hätte ich sonst sagen sollen? Meine Lippen seien wunderschön, meinte er. Küss mich! Küss mich hierhin. Ich tat es, ohne ein Wort zu sagen. Damit hatte ich etwas Unerlaubtes getan, obwohl ich meine Unschuld noch bewahrt hatte.

Auf dem Heimweg sagte er, es wäre besser, wenn wir uns nicht mehr verabredeten. Das traf mich völlig unerwartet. »Ich habe eine Frau, ich bin verheiratet.«

Ich entgegnete, dass ich Eltern hätte, die sich um mich sorgten. »Nicht nur du musst ein schlechtes Gewissen haben, sondern ich auch.«

Darum ginge es nicht, meinte er. »Jemand, der verheiratet ist, kann nicht auf halbem Weg stehen bleiben.«

Ich hatte verstanden. Obwohl ich sexuell noch ganz unerfahren war.

Am nächsten Tag war er verschwunden. Vielleicht zum Meer, vielleicht in den Urwald, an einen Ort, an dem die Investoren Geld damit machen, dass sie aus der Tiefe der Erde Öl heraufpumpen. Vielleicht war er auf die Bohrinsel gefahren, die ich einmal besucht hatte. An den Ort, an dem wir uns zum ersten Mal getroffen hatten, wo uns das Meer das Gefühl gab, es würde uns verschlingen, und die Sterne am Nachthimmel aussahen, als wollten sie einen in die Irre führen. So wie ich vergeblich herumirrte, um seine Spur zu finden. Knapp fünf Monate lang. Bis er mich plötzlich eines Tages wieder bei der Arbeit anrief.

Warum hast du mich denn nie angerufen, fragte er. Ich habs versucht, aber ich habe deine Spur verloren, antwortete ich. Ich bin noch hier, hörte ich ihn sagen. Mein Herz schlug schneller, ich wusste nicht warum. Vielleicht, weil er in Jakarta war.

»Können wir uns treffen?«, fragte ich vorsichtig. »Zum Mittagessen?«

»Und was machen wir nach dem Mittagessen?«

»Danach … dann ist es schon Nachmittag.«

»Wie wäre es, wenn wir zusammen Abendessen gingen?«

»Ist deine Frau verreist?«

»Woher weißt du das? Du hast bei mir zu Hause angerufen, oder?«

»Sihar, du hast mich bisher noch nie zum Abendessen eingeladen …«

Er schwieg. Ich auch.

Dann fragte er einmal, ob wir nicht am nächsten Morgen zusammen frühstücken könnten, wenn wir zu zweit zu Abend äßen. Ich wohne noch bei meinen Eltern, antwortete ich. Sie würden alle möglichen Fragen stellen, wenn ich nicht heimkäme. Obwohl du doch schon erwachsen bist und oft ausgehst, fragte er. Ja, sagte ich. Ich hörte, wie er am Telefon seufzte. »Und außerdem bist du ja noch Jungfrau.« An jenem Abend kam es zu keiner Verabredung. So ging es unzählige Male. Bis er eines Tages sagte, ruf mich nicht mehr an. Besser nicht. Warum, fragte ich. Ich bin verheiratet, kam die Antwort. Was heißt das, fragte ich.

»Meine Frau erhält oft Anrufe, aber sobald sie sich meldet, wird aufgelegt.«

»Nicht von mir«, log ich. »Jedenfalls nicht so oft. Vielleicht ist es jemand anderes?«

»Aber sie sagt, sie hätte einen Verdacht.«

»Du hast also ein schlechtes Gewissen. Dabei ist doch zwischen uns noch gar nichts passiert.«

Seitdem hatten wir uns nicht mehr gesehen. Ich war ständig versucht, ihn anzurufen. Ich wollte wissen, wie er sich fühlte, was er von mir dachte. Monate vergingen. Jedesmal, wenn das Telefon zu Hause oder im Büro klingelte, hoffte ich, er wäre es. Aber nachdem vier Monate vergangen waren, war mir klar: Er hatte sich zurückgezogen. Ich konnte mir nicht recht erklären, warum. Vielleicht wollte er die Gefühle seiner Frau schonen. Vielleicht auch seine. Einmal hatte er gesagt, die Verabredungen mit mir hinterließen bei ihm immer einen schmerzhaften Druck, denn er müsste etwas zurückhalten, was herausdrängte. Wahrscheinlich die Begierde. »Es ist einfach so, dass man, wenn man einmal verheiratet ist, auf Sex nicht verzichten kann.« Ich dachte, ich müsste wohl die Gefühle seiner Frau achten oder auch die seinen. Denn ich war ja nicht verheiratet und brauchte nicht unbedingt Sex. Doch wer hätte die Gefühle, die wir füreinander hegten, gegenseitig abwägen sollen? Schließlich war ich es, die zurückstecken musste, denn ich war ja nicht verheiratet. Und ich war als letzte gekommen – das ist nun drei Jahre her.

Im Südchinesischen Meer, Februar 1993

Von hoch oben gesehen, erschien in der Ferne eine Bohrinsel, eine silberne Box mitten im azurblauen Meer. Der Hubschrauber flog näher. Aus der Höhe hatte das Meer ganz ruhig ausgesehen, aber nun zeigte sich eine wogende Wasseroberfläche, die bei aller Ruhe die gewaltige Kraft ahnen ließ, die in ihrer Tiefe verborgen war. Die Frau gab dem Piloten ein Zeichen, worauf er die Maschine drehte, bis der beste Blickwinkel für Aufnahmen von den Bohrtürmen unter ihnen erreicht war. Sie hatte das Fenster etwas aufgeschoben und hielt ihr Teleobjektiv nach draußen. Der hereinwirbelnde Wind fuhr ihr ins Haar. Sie trug es kurz geschnitten, hatte sich nussbraune Streifen einfärben lassen. Der Wind schlug gegen die Kabinendecke, der Rotorlärm war ohrenbetäubend. Die drei Insassen des Hubschraubers konnten sich nicht mehr miteinander verständigen. Die Frau hob den Daumen, der ihr beim Fotografieren ganz steif geworden war, zum Zeichen, dass sie fertig war. Die Maschine ging tief aufs Meer nieder. Auf dem Wasser bildeten sich Wirbel, in denen sich der Himmel widerspiegelte, kleine Fragmente von Wellen wie die Farbtupfer auf einem Gemälde von Seurat. Der Hubschrauber setzte zur Landung an, schwankte hin und her, dann kam er auf dem Landeplatz zum Stehen.

Es war glühend heiß. Heftige Windstöße wehten vom Meer herauf, mischten sich mit dem Wirbel des auslaufenden Rotors. Am Rand des Landeplatzes tauchte ein Mann auf; er kletterte auf einer Leiter hoch, die geradewegs aus der Tiefe des Wassers zu kommen schien. Von hier oben waren die Aufbauten unterhalb nicht zu sehen. Die Gestalt näherte sich. Es konnte kein Arbeiter der Bohrinsel sein, dafür war der Mann zu ordentlich gekleidet. Auch war er gut rasiert, trug ein leichtes Hemd und modische Shorts aus Baumwolle, jedenfalls keinen Overall. Er stellte sich vor: Rosano. Die Leute hier nennen mich einfach Cano. Er vertrat Texcoil, eine Ölfirma, die die Konzession hatte, in den Gewässern der Anambas-Inseln nach Öl zu bohren. Er war auf der Bohrinsel sozusagen der Hausherr. Er schüttelte den Gästen, die gerade angekommen waren, kräftig die Hand, lächelte kurz, doch sah er dabei den beiden nicht in die Augen. Sein Blick blieb irgendwo auf halber Entfernung zwischen ihnen stehen, dann wandte er sich nach einem Mann um, der sich von weiter her näherte. Er bat die beiden Gäste, sich die Schutzhelme aufzusetzen, die ein Begleiter geholt hatte. »Der Ort ist im Prinzip sicher, aber es könnte ja sein, dass eine Möwe ihren Dreck auf unseren Kopf fallen lässt. Oder dass uns irgendetwas gegen einen Pfosten schleudert oder sich ein Eisen löst und uns gegen den Kopf schlägt. Ich möchte Ihnen keine Angst machen, es ist nur so ein Hinweis. Wie eben die Tafeln mit der Aufschrift »Safety first«.«

Die Frau stellte sich als Laila vor, der Mann hieß Toni. Die beiden kamen von einem kleinen Studio, das sie selbst managten – nur eine Kommanditgesellschaft, keine GmbH. Sie hatten vertraglich vereinbart, zwei Aufgaben zu erledigen, die unmittelbar aufeinander bezogen waren. Zum einen sollten sie ein Profil der Firma Texcoil Indonesia erstellen, ein Gemeinschaftsunternehmen bestehend aus einer inländischen Aktiengesellschaft und einem Bergbauunternehmen mit Sitz in Kanada. Zum zweiten sollten sie im Auftrag des Petroleum Extension Service einen Bericht über Bohrungen im asiatisch-pazifischen Raum verfassen. Aus der Art, wie der Hausherr die Bohrinsel erklärte, war deutlich zu entnehmen, dass er nervös war, so als wäre etwas nicht in Ordnung. Während sie sich unterhielten, wanderten sie ungeduldig über die Plattform mit ihren Aufbauten aus Stahl und Eisen, die von vier Pfeilern gestützt mitten im Meer verankert war. Die Arbeiter in Monteuranzügen nickten zwar untergeben, wenn sie an dem Mann, der schätzungsweise Mitte dreißig war, vorbeikamen. Sobald sie aber weitergegangen waren, hörte Laila ihre Pfiffe. Ein merkwürdiges Gefühl überkam sie, denn sie wurde sich bewusst, dass sie die einzige Frau an diesem fremdartigen Ort war.

An der Nordseite der Bohrinsel war ein Versorgungsboot zu sehen, das heftig in den Wellen schaukelte, die Strömung war in der Monsunzeit äußerst stark. Das Brüllen der Brecher verschlang immer wieder die Rufe, mit denen sich die Leute in dem Boot mit denen auf der Plattform zu verständigen suchten. Alle waren dunkelbraun gebrannt wie Hafenarbeiter. Sie waren gerade dabei, Bündel von Geräten auf eine Gondel zu hieven, die an einem von der Brücke über das Deck ragenden Eisenträger baumelte. Die Möwen flogen kreischend über den Eisenstangen herum, einige ließen sich kurz auf deren Enden nieder. Zwei Männer versuchten, vom Boot aus in die Gondel zu springen. Einige Kollegen von der Besatzung hielten das schwankende Gerät fest. Einem der beiden Männer war gerade der Sprung gelungen, der zweite nahm Anlauf – und wäre um ein Haar ins Wasser gefallen, weil eine große Welle heraufspritzte. Froh über seine Rettung umarmten sich die beiden. Der Riesenarm schwenkte um 180 Grad und hob das Gerät mit den beiden Männern auf die Brücke, wo die Maschinen einen Höllenlärm machten.

»Der ist von Seismoclypse, dem Öl-Service, den wir für die Bohrung unter Vertrag haben«, sagte Cano und ging zu den Leuten hinüber, die dabei waren, den Sensor, den der Kran gerade abgesetzt hatte, in Betrieb zu nehmen. Er nannte sie »die vom Service«, umgekehrt sprachen sie von ihm als »dem company man« oder »dem von der Ölfirma«. Cano trug Freizeitkleidung und wurde allgemein respektiert, weil er von der Firma kam, die die Bohrung finanzierte. Laila und Toni folgten ihm.

Als wir näherkamen, sahen sie mich neugierig an und stellten gleichzeitig ihre Begehrlichkeit zur Schau. Ich war dort die einzige Frau.

Einer jedoch – es war der, der vorhin seinen Kollegen umarmt hatte – nahm kaum Notiz von ihr. Er blickte nur kurz in Lailas Richtung, wobei seine Brille die Sonne reflektierte, dann bückte er sich wieder, um die Maschine näher in Augenschein zu nehmen. Der Mann hatte das Oberteil seines Arbeitsanzugs geöffnet, so dass er ihm lose um die Hüfte hing. Man konnte seinen verbrannten Nacken sehen, der dunkler war als seine muskulösen, von der Arbeit gestählten Arme.

Ich kann seinen Schweiß riechen.

»Was ist denn los, Sihar? Das dauert ja ewig!«, rief Rosano verärgert, ohne auf die Besucher zu achten, die neben ihm standen.

Der Angeredete murmelte etwas Unverständliches. Dann stellte er fest: »Einen Moment, der Apparat hier muss erst noch überprüft werden. Wir können sowieso noch nicht anfangen, Pak. Das Prüfgerät zeigt an, dass der Gasdruck unten ansteigt. Wir müssen in jedem Fall noch warten … Pak.« Der Mann verlieh der Anrede »Pak« einen besonderen Nachdruck, nicht etwa aus Höflichkeit, sondern offenbar, um den eitlen Rosano auf den Arm zu nehmen, der sich nur zu gern mit »Pak« anreden ließ. Die beiden Männer waren etwa gleichaltrig, so um die fünfunddreißig. Vielleicht war Rosano sogar der jüngere von beiden.

Der von der Ölfirma schüttelte heftig den Kopf. Die Antwort passte ihm nicht. »Es ist nicht deine Sache zu entscheiden, ob wir abwarten müssen oder nicht. Deine Leute müssen spätestens in einer Stunde fertig sein.«

Dann stellte er den beiden Besuchern die Service-Leute vor. Erst Sihar Situmorang, Ingenieur und Spezialist für Ölbohrungen. Es war derjenige, der kurz zuvor schon allein dadurch Lailas Aufmerksamkeit erregt hatte, dass er sie kaum beachtet hatte. Doch auch seine kräftige Statur hatte Eindruck auf sie gemacht. Außerdem gefielen ihr die grauen Strähnen, die sich hier und da in seinem Haar zeigten. Der andere hatte ebenfalls schon die ersten grauen Haare, hatte etwas Freches im Blick und wirkte – nach seiner Ausdrucksweise zu beurteilen – reichlich ungebildet, zumindest nach Lailas vielleicht vorschneller Einschätzung. Es war der Maschinist Hasyim Ali, vielleicht sieben oder acht Jahre älter als Sihar. Dann Iman, ein jüngerer Mann von Mitte zwanzig, Junior-Ingenieur, noch ohne Berufserfahrung, der unter Sihars Anleitung arbeitete. Bei der Vorstellung der Besucher beschränkte sich Rosano auf die kurzen Worte »das ist die Fotografin Laila, und hier Toni, Reporter«. Damit war die gegenseitige Vorstellung beendet.

Als wir weitergingen, zog der Mann mit der Brille sein Unterhemd aus und trocknete sich damit seinen Schweiß ab. Erst am Hals, dann unter der Achsel und auf der nackten Brust.

Eine Bohrinsel ist ein eng begrenzter Ort. So begegneten sie sich wenig später beim Mittagessen im Speisesaal wieder. Der Mann hatte inzwischen das Oberteil seines grauen Overalls, der orangefarben gestreift war und an Armen und Beinen einen blauen Saum hatte, wieder übergezogen. Rosano rief nach ihm, sobald er an der Tür erschien. Nachdem er seine Portion Reis mit Beilagen auf einem Tablett geholt und verspeist hatte, kam er heran. Aufmerksam betrachtete Laila seine Gestalt aus der Nähe.

Er sah mich an. Diesmal blickte er mir in die Augen und setzte sich neben Rosano. Es war lediglich ein kurzer psychischer Kontakt. Als wäre er schüchtern, gleichzeitig stolz, männlich. Er wandte sich meinem Tablett zu und sagte: »Sie essen aber wenig.« Sihar Situmorang. Er lächelte.

Das war alles, was er zu ihr sagte. Dann redete er mit Cano über die Arbeit. Er sah auch nicht mehr zu ihr hinüber. Außer, wenn ihn die Frau unterbrach. Aber Laila, die den beiden gegenübersaß, betrachtete ihn unverwandt. Sihar sprach zwar meist im Jakartaner Idiom, aber ab und zu kam die Ausdrucksweise des Batak durch, vor allem, wenn er hitziger wurde. In den Ohren der Frau klang es angenehm. Vielleicht, weil sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Vielleicht auch, weil sie selbst von Eltern abstammte, die die Javaner mit ihrer anmaßenden Art nicht so recht mochten. Sie hieß mit vollem Namen Laila Gagarina, woraus man entnehmen konnte, dass sie aus dem Gebiet von Minangkabau kam und wahrscheinlich Ende der sechziger Jahren geboren war. Ihr Vater war offenbar ein Verehrer von Yuri Gagarin. Ihre Mutter war Sundanesin und gehörte damit der kleineren Bevölkerungsgruppe auf Java an, die sich den eigentlichen Javanern gegenüber immer als Minorität fühlte. Für Laila war die rauhe Sprache der Batak ein Zeichen von Ehrlichkeit und Mut. Am Tisch war Laila zwischen den beiden Kontrahenten Sihar und Rosano, die unterschiedliche Positionen vertraten, gefangen. Warum konnten sich die beiden Männer nicht vertragen? Sihar war darauf aus, Rosanos schwachen Punkt aufzuzeigen. Umgekehrt kam der Mann von der Ölfirma immer wieder auf die Verzögerung zu sprechen, die das Team von Seismoclypse verursacht hätte. Unwillkürlich ergriff Laila Sihars Partei.

Nach dem Essen ging jeder wieder an seine Arbeit. Laila schlenderte herum, um Motive zu suchen, die nur hier zu finden waren und die die harte Arbeit auf einer Bohrinsel veranschaulichen konnten. Aber sie konnte sich nicht verhehlen, dass ihre Augen ständig abschweiften, um Sihar zu suchen. Schließlich erblickte sie den Mann vor einem Arbeitswagen. Sein Assistent stand neben ihm. Die beiden waren damit beschäftigt, die Stahlkabel zu spannen, die ineinander verwickelt von der Öffnung des Wagens nach unten zum Bohrloch hingen.

Auf der Plattform liefen Männer in verschmutzten Arbeitsanzügen und mit Helmen herum und bewegten sich – jeder in seinem eigenen Arbeitsrhythmus. Man hatte den Eindruck, als wäre die Bohrinsel eine Bühne und die einzelnen Gestalten Teile einer »Installation«. Laila machte Aufnahmen.

»Das sind doch keine Fotos für eine Gewerkschaftskampagne, oder?«, fragte Rosano in der ihm eigenen Art: freundlich einschmeichelnd und gleichzeitig arrogant. Später erfuhr Laila von Sihar, dass der Mann der Sohn eines höheren Beamten im Bergbauministerium war. »Texcoil hat seine Ausbildung in Amerika bezahlt. Zum Ausgleich dafür haben sie die Bohrerlaubnis bei Natuna schneller gekriegt«, erklärte Sihar. Ob er das nur sagte, um Rosano schlecht zu machen, war Laila nicht klar. Sie konnte nicht mehr objektiv urteilen. Es war ihr auch gleichgültig.

Sie beendete ihre Arbeit gegen drei Uhr nachmittags, obwohl niemand zum Gebet rief. Nur ab und zu schrie noch eine Möwe aus der Luft. Schon als Kind war sie gewohnt, regelmäßig zu beten, und konnte die fünf Zeiten dafür so genau schätzen wie andere die Uhrzeit. Der Sonnenstand sagte ihr, dass es Zeit war. Toni schwätzte noch mit einigen Arbeitern. Sie würden auf der Bohrinsel übernachten müssen, denn der Helikopter aus Matak kam erst morgen. Es war auch gar nicht sicher, ob die Propellermaschine von der kleinen Insel aus täglich nach Jakarta fliegen würde. Vielleicht müssten sie eine Maschine von Natuna nehmen. Aber sie würde es keinen Moment bedauern, falls sie länger festgehalten würden, denn sie hatte ein ganz neues Vergnügen entdeckt: Sihar zu beobachten, wie er geschäftig hin- und herlief. Auch wenn sie nicht wagte, sich ihm zu nähern, weil er so viel zu tun hatte. Um ihn deutlicher sehen zu können, richtete sie heimlich ihr Teleobjektiv auf ihn. Gerade schimpfte er aufgeregt mit seinem Assistenten, der eilfertig bemüht war, den Anweisungen zu folgen.

Dann bemerkte sie Rosano, wie er auf die beiden Ingenieure zuging. Sie spürte sofort, jetzt passiert etwas. Und tatsächlich wurde sie wenige Sekunden später Zeugin einer Auseinandersetzung zwischen den Männern. Der Wind trug ihre Stimmen deutlich zu ihr herüber.

»Wie steht es, Sihar? Ich möchte, dass die Sache hier bald abgeschlossen ist.«

»Wir können es noch nicht wagen anzufangen. Das Risiko ist zu groß.«

Rosano wies ihn zurecht: »Ich sage es noch einmal: Es ist hier nicht deine Aufgabe zu entscheiden. Setz dich mit dem mud logger in Verbindung.«

Sie telefonierten mit dem mud logger, dessen Aufgabe es war, den Zustand des Erdreichs im Bohrloch zu analysieren. Dann stritten sie weiter.

»Das gibts doch nicht! Die Geräte von Seismoclypse können bei diesem hohen Druck nicht arbeiten! Andere können das ohne weiteres!«, ereiferte sich Rosano.

Laila sah zu ihnen hinüber, die Auseinandersetzung wurde immer hitziger. Rosano beschuldigte offensichtlich Sihar, der aber wies mit dem Zeigefinger auf die Brust seines Gegners. Laila bekam Angst.

Sie hörte Sihar erregt sagen: »Ich denke nicht daran, das Gerät laufen zu lassen, solange der Druck nicht sinkt. Verstehst du, Cano?«

Der Streit musste wirklich sehr heftig sein, denn Sihar nannte Rosano nicht mehr »Bapak« Rosano. Ich hatte ein unangenehmes Gefühl, denn ich fürchtete, er würde sich größere Probleme einhandeln. Seine Stimme drang zu mir herüber, diesmal im Idiom der Batak.

»Noch einmal, das Risiko ist zu groß. Wenn du darauf bestehst, kannst du meinen Namen aus dem Vertrag streichen!«

Er duzte ihn tatsächlich.

Rosano sah ihn wütend von der Seite an, versuchte sich zu beherrschen. »Okay!«, sagte er plötzlich ganz ruhig. »Ich streiche deinen Namen. Aber ich werde Seismoclypse mitteilen, dass das auf deinen Wunsch hin geschehen ist.« Er wandte sich Iman zu, der mit offenem Mund zwischen den beiden Kontrahenten stand, und wies ihn an: »Von jetzt an bist du verantwortlich. Wirf das Gerät an! Andernfalls muss Seismoclypse für den Schaden aufkommen.«

Sihar bebte vor Zorn, konnte sich kaum zurückhalten. Er sah auf seinen Assistenten, der vor Schreck die Sprache verloren hatte. Der junge Mann war völlig durcheinander, die plötzliche Verantwortung war zu viel für ihn. Er blickte seinen Vorgesetzten flehentlich an. Dieser konnte es nicht zulassen, dass sein Gehilfe eine so schwere Last übernehmen sollte. Er zwang sich noch einmal zur Höflichkeit und sagte in etwas ruhigerem Ton: »Lassen Sie mich in der Zentrale anrufen.«

»Nein«, schnitt ihm Rosano das Wort ab und riss den Hörer an sich. »Dein Name ist bereits gestrichen. Du hast kein Recht mehr, Weisungen zu erteilen. Du kannst hier noch essen und schlafen, falls du das willst, bis der Helikopter morgen früh kommt. Wenn nicht, dann musst du eben fasten, bitte schön.« Damit wandte sich Rosano ab und befahl Iman mit dem entschlossenen Gesicht eines Befehlshabers: »Wirf das Gerät an!«

»Du bist verrückt, Cano!«

Danach lief Sihar zu einem Telefon in der Nähe.

Ich wusste nicht, worum es im Moment eigentlich ging. Ich hatte zu wenig Ahnung von ihrer Arbeit.

Nachdem Sihar weggelaufen war, scharten sich die anderen um Rosano, den Chef. Sihars Mann Hasyim machte ein mürrisches Gesicht, denn er hielt natürlich zu seinem Vorgesetzten, ging aber doch zum Schacht und ließ den Sensor in das Bohrloch hinunter, das bereits bis in eine Tiefe von einigen hundert Metern mit einer Stahlröhre versehen war, sich dann weiter in das lehmige Erdreich hineingefressen hatte, bis dorthin, wo das Erdöl zu finden war, aber auch höchst explosive Gase, die unter immensem Druck standen. Iman schrie dem Operator zu, er solle das Drahtseil bis zum Grund des senkrechten Bohrlochs hinunterlassen und sich bereithalten, die Maschine anzuwerfen. Die Maschine lief.

Plötzlich eine Explosion.

Die Brücke wurde heftig erschüttert. Laila wurde der Länge nach hingeworfen und einige Meter herumgewirbelt. Die Männer suchten Halt am Boden zu finden. Laila konnte Sihar nicht mehr sehen. Was war passiert?

Die Sicherheitsventile am Schachtausgang unterhalb der Plattform hatten der gewaltigen Energie, die unvermittelt von unten heraufbrach, nicht standhalten können und waren geborsten. Die Eisenplatte, auf der einige Arbeiter gestanden hatten, war in die Luft geflogen, und die drei Männer, die am Fuß des Bohrturms gearbeitet hatten, waren wie Plastiksoldaten in die Luft geschleudert worden, während im selben Moment der Turm in sich zusammengeknickt war. Die Männer konnten nicht einmal schreien, so schnell ging alles. Während Laila noch den Atem anhielt, prallten Hasyim und die beiden anderen Männer zurück auf die Plattform und wurden von der Wucht des Aufpralls ins Meer geschleudert. Ebenso das Schild mit der Aufschrift »Safety first«. Der Boden bebte. Feuer. Die Alarmsirene heulte.

Sihar hatte recht gehabt. Das Gas und die Flüssigkeit unten hatten unter einem derartigen Druck gestanden, dass sie im Bohrloch mit rasender Geschwindigkeit nach oben stiegen und mit unglaublicher Gewalt alles mit sich rissen. Die Leute versuchten sich in wilder Flucht zu retten. Rettungsboote und -kabinen wurden heruntergelassen, aber nach einigen Minuten stand die Bohrinsel wieder fest und ruhig. Dann hörte Laila, wie Sihar einen rauhen, langgezogenen Schrei ausstieß, der tief aus seiner Kehle kam: »Fu-u-ucked u-up!«

Der Mann stand auf einer Türschwelle. Aus seinen Augen sprachen maßlose Wut und Ohnmacht.

Dann lag das Meer wieder ruhig da. Die Strömung glänzte von Millionen von Planktonpartikeln, die phosphorisierend an die Oberfläche geschwemmt wurden. Von den drei Männern war keine Spur zu sehen. Das Blut an Deck war das einzige, was von ihnen zurückgeblieben war. Salzgeruch lag in der Luft. Das Meer, ein flüssiges Monster, das Menschen fraß und hinterher sanft lächelte, als wäre nichts geschehen.

Insel Matak, am Tag danach

Deine Hand ist verletzt.

Auf dem kleinen Flugplatz schlug Sihar immer wieder vor Wut auf die Bank, bis ihm die Haut an den Fingerknöcheln aufsprang. Dunkelrot quoll das Blut hervor. Von der Gischt, die an beiden Seiten der schmalen Insel brandete, lastete der Salzgeruch der See auf der Insel. Sihar war maßlos wütend. Er hätte Rosano niederschlagen sollen, um das Unglück zu verhindern, das er vorausgeahnt hatte. Dass er es nicht getan hatte, hatte ihn einen Freund gekostet, während Rosano nur gesagt hatte: »Ich bedaure das natürlich. Aber das ist das Risiko unserer Arbeit hier. Außerdem haben Sie fahrlässig gehandelt. Und schließlich, es war ja nicht so schlimm. Jedenfalls mussten wir die Bohrinsel nicht verlassen. Das war immerhin noch ein Glück.« Außerdem hatte er noch eine Reihe von Gründen angeführt, die zeigten, dass er den Unfall für relativ geringfügig hielt. Jetzt, da Sihar allein war, machte er sich schreckliche Vorwürfe. Er verfluchte sich.

Laila setzte sich zu ihm. Immerhin hatte sie einen echten Grund, in seiner Nähe Platz zu nehmen. Die beiden saßen sich auf zwei Bänken gegenüber. Toni und Iman hatten sich etwas entfernt von ihnen niedergelassen. Sie wirkten niedergeschlagen. Der junge Ingenieur, noch in den Zwanzigern, hatte nach dem Unglück stundenlang kein Wort hervorgebracht. Das erste, was er dann äußerte, war, dass er sich entschieden habe, bei Seismoclypse zu kündigen. Es sei seine erste Erfahrung gewesen, seitdem er als Ingenieur arbeitete, und er wolle so etwas nicht noch einmal erleben.

Auch Laila war empört über Rosano, der sie und Toni davor gewarnt hatte, sich einzumischen. »Ihr seid hier nur, um das Unternehmensprofil zu erarbeiten, das wir bestellt haben. Jedenfalls nicht als Journalisten«, hatte er gesagt, als der Hubschrauber kam, der sie zum Flughafen nach Matak bringen sollte, und sie ihn gefragt hatten, wie die Katastrophe hatte passieren können. Laila hatte noch die letzte Debatte zwischen ihm und Sihar mit angehört. Ihre Sympathie für Sihar verstärkte noch ihren Zorn, zumal wenn sie daran dachte, wie Rosano arrogant seinen Mund verzogen hatte. Jetzt aber sah sie Sihars verletzte Hand vor sich. Sie war der Anlass, dass zwischen ihnen beiden Gefühle wach wurden.

»Hör auf damit!«

Der Mann hielt inne.

»Er war mein Freund. Wir waren immer und überall zusammen.«

Sihar, ein Mensch in Gottes Hand.

Sie fürchtete, er könnte ihre gut gemeinten Worte missverstehen. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen und wollte nicht, dass er sich von ihr gegängelt fühlte.

»Ich habe Betadine dabei. Lass mich zuerst deine Wunde säubern.« Der Mann streckte ihr seine Hand hin. Laila reinigte sie mit etwas frischem Wasser und einem Papiertaschentuch. Sie hatte stets welche in ihrer Tasche, um sich auf der Toilette abtrocknen zu können. Dann träufelte sie etwas von der rotbraunen Tinktur darauf. Es roch nach Jod.

Als ihm Laila die Hand verband, sah Sihar auf die See hinaus. Er hatte das Meer immer geliebt, aber dieses Ungeheuer hatte seinen besten Freund verschlungen, ein Schock für ihn. Er fürchtete, jetzt würde er das Meer hassen. Später, als er am Strand stand und der Brandung lauschte, erzählte er Laila von seiner Kindheit. Sein Vater war Hafenmeister gewesen. Seine Familie war mehrfach umgezogen, hatte aber immer in der Nähe eines Hafens gewohnt. Erst in Gunungsitoli, dann in Kijang, Mentok, Biliton und schließlich in Sibolga. Sein Vater stammte von der Insel Samosir und hatte die typischen Merkmale eines Stammes, den die Leute gern verspotten: starke Backenknochen und eine dicke Nase. Seine Mutter hatte eine hellere Haut und auch ihr Haar war heller. Sihars Gesichtsschnitt ähnelte dem seines Vaters, aber seine schlanke Nase hatte er von der Mutter. Seine Haut war dunkel, vielleicht das Erbteil seines Vaters, vielleicht aber auch, weil er sich als Kind so viel am Strand getummelt hatte.