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Wie spricht man mit Menschen, die glauben, psychisch gesund zu sein, obwohl alle anderen vom Gegenteil überzeugt sind? Wie vermittelt man ihnen die Einsicht, dass eine Therapie das Beste für sie ist? Angehörige und Therapeuten wissen, wie schwierig dies sein kann. Denn die "mangelnde Einsicht", psychisch erkrankt zu sein, ist keine bewusste Entscheidung des Betroffenen - sondern ein Symptom seiner Erkrankung. Entsprechend überfordert sind Angehörige und Freunde, wenn das stetige Leugnen der Krankheit eine Behandlung unmöglich macht. Konflikte sind unausweichlich, nicht selten kommt es zum völligen Abbruch der Kommunikation. Doch gerade das Gegenteil ist wichtig. Angehörige, Ärzte, Therapeuten und alle anderen Beteiligten möchten mit ihren Patienten dauerhaft eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen, die von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt geprägt ist. Nur dann können sie wirkungsvoll unterstützen. Hierbei hilft das LEAP-Konzept des amerikanischen Psychologen Xavier Amador, das sich in der Praxis vielfach bewährt hat. Mit seiner Hilfe lässt sich die Kommunikation spürbar verbessern und ein Miteinander finden, das allen guttut. Das Konzept basiert auf den Bausteinen "Listen" (zuhören), "Empathize" (Empathie zeigen), "Agree" (zustimmen) und "Partner" (partnerschaftlich handeln). Es richtet sich vor allem an Angehörige und Freunde, aber auch an alle Berufsgruppen, die sich professionell mit den Erkrankten beschäftigen: Ärzte, psychologische Psychotherapeuten, Pflegepersonal, Sozialarbeiter und Betreuer. Dieses Buch stellt das LEAP-Konzept anschaulich, verständlich und mit konkreten Handlungsanleitungen vor.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2015
HINTERGRÜNDE
Lass mich – mir fehlt nichts!
Ins Gespräch kommen mit psychisch Kranken
Xavier Amador
übersetzt von Frank-Gerald Pajonk
Für Enrĩque und Lou-Andréa
Dad, wie würdest Du Dich fühlen, wenn jemand, den Du liebst, sich umgebracht hat?
Ich raste gerade zur Notaufnahme mit meinem Sohn Mike, der noch im Schulalter war, als er mir diese Frage stellte. Er sah geheime Botschaften in Autoaufklebern und wies schnelle Stimmungsschwankungen auf. Als wir das Krankenhaus erreichten, fühlte ich mich enorm erleichtert. Die Ärzte dort würden wissen, was zu tun war! Vier Stunden später erschien endlich ein Arzt und erklärte, nachdem er Mike kurz befragt hatte, dass er nichts tun könne, um ihm zu helfen. Mike war überzeugt, nicht krank zu sein und weigerte sich, antipsychotische Medikamente einzunehmen. Weil Mike nach Ansicht des Arztes keine „unmittelbare Gefahr“ für sich oder andere darstellte, wurde mein Sohn nicht stationär aufgenommen, obwohl er eindeutig Wahnvorstellungen hatte.
In den nächsten 48 Stunden dekompensierte Mike. Nur andere Eltern können wirklich verstehen, wie qualvoll es ist, dabei zuzusehen, wie ihr Kind immer tiefer und tiefer in einen psychischen Abgrund rutscht. Ich versuchte natürlich das aufzuhalten. Ich erklärte Mike, dass Antipsychotika ihm dabei helfen würden, klarer zu denken. Er behauptete dagegen, dass an seiner Art zu denken nichts falsch sei. Ich versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass er Wahnvorstellungen hatte, aber er widersprach mir. Schließlich bettelte ich ihn an, seine Medikamente zu nehmen. „Bitte, bitte, mach es einfach für mich!“ Aber er wollte nicht. "Ich bin nicht krank", wiederholte er. Nach Stunden und Stunden anstrengender Diskussionen befahl ich ihm, seine Medikamente zu nehmen oder das Haus zu verlassen. Diese Drohung machte die Lage nur noch schlimmer. Aus Angst davor, was passieren könnte, wenn er auf der Straße landete, gab ich klein bei. Am nächsten Morgen ertappte mich Mike, als ich seine Medikamente in seine Frühstücksflocken streute und rastete aus.
Achtundvierzig Stunden später war Mike in Polizeigewahrsam. Er hatte sich morgens aus dem Haus geschlichen, und weil er das Gefühl hatte, schmutzig zu sein, war er in ein Haus eingebrochen, um zu baden. Zum Glück waren die Hausbesitzer verreist. Um ihn zu überwältigen, waren sechs Polizeibeamte notwendig, und Mike wurde Einbruch und Körperverletzung vorgeworfen.
Da ich unsicher war, was ich tun sollte, meldete ich mich bei der National Alliance on Mental Illness (NAMI), der größten nationalen Selbsthilfeorganisation für psychisch Kranke, die mir empfahl, das Buch von Dr. Xavier Amador „I am not sick – I don't need help!“ (Lass' mich – mir fehlt nichts!) zu lesen. Als ich das tat, staunte ich nicht schlecht. So gut wie alles, was ich getan hatte, um Mike zu helfen, war falsch gewesen. Statt die Situation zu beruhigen, hatte ich durch mein Handeln die Kluft zwischen Mike und mir nur vergrößert.
Ich hatte ihm nicht zugehört, war nicht mitfühlend und verständnisvoll gewesen, ich war erst recht nicht mit ihm einverstanden gewesen, und am Ende hatte ich auch keine Partnerschaft mit ihm gebildet. Das sind die vier Grundpfeiler von LEAP (Listen, Empathize, Agree, Partnership). Dr. Amador hat dieses Akronym geprägt, um Eltern und anderen Betroffenen dabei zu helfen, wie sie besser mit ihren psychisch kranken Angehörigen kommunizieren können. Bei meinen Auseinandersetzungen mit Mike hatte ich mich frustriert und überfordert gefühlt. In Dr. Amadors Buch fand ich eine einfache, verständliche Vorlage, der Eltern, Geschwister, Kinder und Freunde folgen können. Beim Lesen des Buchs von Dr. Amador erkannte ich auch, dass ich nicht allein war. Andere waren genau in der gleichen Situation wie ich mit Mike.
Ich entdeckte, dass Dr. Amadors Ratschläge auf jahrelanger Erfahrung als klinischer Psychologe basierten. Seine akademischen und beruflichen Qualifikationen waren beeindruckend. Er hatte als Professor für Psychiatrie an der Columbia University, Forschungsdirektor bei NAMI und Direktor der Psychologie am New York State Psychiatric Institute gearbeitet. Er fungierte als Berater bei NBC News, trat in zahlreichen TV-Nachrichtensendungen auf, wurde regelmäßig in den Medien zitiert und hatte das National Institute of Mental Health, die Veteranen-Verwaltung und das US-Justizministerium beraten. Dr. Amador war auch als Gutachter in so berühmten Fällen aufgetreten wie dem „Unabomber“ Theodore Kaczynski, der Entführung von Elizabeth Smart und dem Flugzeugentführer vom 11. September 2001, Zacarias Moussaoui.
Was mir aber besonders ins Auge sprang war ein weiteres Puzzlestück im Lebenslauf von Dr. Amador. Sein Bruder Henry hatte Schizophrenie. Das war für mich wichtig, weil es bedeutete, dass Dr. Amador nicht nur berufliche Erfahrung aufwies, sondern auch ein persönliches Interesse an seiner Forschung hatte. Einer der Gründe, warum er LEAP entwickelt hatte, war, einen Weg für sich zu finden, seinen eigenen Bruder besser zu verstehen.
Mein Sohn wurde schließlich zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, und während dieser Zeit hielt sich Mike an die Regeln. Er ging zur Therapie, beteiligte sich an Gruppensitzungen und nahm seine Medikamente. Einige Monate bevor die gerichtlich verfügten Auflagen ausliefen, traten aber wieder Anzeichen seiner Erkrankung auf. Ich war fassungslos, als ich entdeckte, dass Mike seine Medikamente abgesetzt hatte. Trotz allem, was wir durchgemacht hatten, hatte er wieder einmal die Behandlung abgebrochen. Mein erster Impuls war, ihn damit zu konfrontieren: „Wie kannst Du das wieder tun? Hast Du nichts gelernt?“ Meine Frau erinnerte mich aber an das Buch von Dr. Amador. Mit LEAP gelang es ihr, mit ihm ein Abkommen auszuhandeln, sodass er seine Therapie und medikamentöse Behandlung rasch fortsetzen konnte.
In dieser neuen Ausgabe hat Dr. Amador sein bahnbrechendes Buch aktualisiert. Er erklärt, warum "mangelnde Einsicht" in eine psychische Erkrankung ein Symptom dieser Erkrankung ist und keine bewusste Entscheidung des Betroffenen. Er gibt praktische Tipps, wie Familien und Ärzte die Lücke schließen können, wenn Angehörige aus gesetzlichen Gründen nicht über die Behandlung informiert oder daran beteiligt werden können. Er fasst die Gesetzeslage zur Zwangseinweisung und Behandlung zusammen und erklärt leicht verständlich die komplexen rechtlichen Grundlagen.
Seit der Veröffentlichung seines ersten Buches hat Dr. Amador mehr als 300 Vorträge gehalten und Hunderte von LEAP-Workshops durchgeführt. Informationen aus diesen Veranstaltungen sind in die jetzige Auflage eingeflossen. Dazu zählen u. a. Vorschläge für Gesprächsverläufe und welche Satzbausteine geeignet sind oder welche besser nicht. Sich auf diese Passagen beziehen zu können, ist so ähnlich, wie Dr. Amador in der Hosentasche dabei zu haben. Die Bedürfnisse jedes Menschen mit einer psychischen Erkrankung sind einzigartig. Unabhängig von den spezifischen Problemen einer Person bieten die von Dr. Amador entwickelten Grundlagen aber jedem Leser die Möglichkeit, seine eigenen Kommunikationsfähigkeiten zu verbessern, Vertrauen zu entwickeln und dabei zu helfen, Auseinandersetzungen in kooperative Zusammenarbeit umzuwandeln.
Eines Abends, als Dr. Amador seine Bücher signierte, näherte sich ihm ein Mann mit leeren Händen. Er habe sein zerlesenes Exemplar zu Hause gelassen, erklärte er, sich aber trotzdem in die Schlange gestellt, weil er die Hand des Arztes schütteln wollte, der ihm, wie er es beschrieb, „seinen Sohn zurückgegeben hat“. So fühle ich mich auch.Pete Earley
Pete Earley ist der Autor von „Crazy: A Father's Search Through America's Mental Health Madness”. Er ist ehemaliger Journalist der Washington Post und Autor mehrerer New York Times Bestseller-Bücher.
Als ich Xavier Amador vor einigen Jahren kennenlernte und er mir von LEAP erzählte, war ich beeindruckt. In meiner langjährigen Arbeit mit psychisch kranken Menschen, insbesondere mit psychotischen Erkrankungen, hatte ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es nichts bringt, auf dem eigenen Standpunkt und der eigenen Überzeugung zu beharren. LEAP interessierte mich daher nicht nur als Methode oder psychotherapeutische Technik, sondern sprach auch meine Grundüberzeugung an, dass jeder Mensch, gleich ob psychisch krank oder nicht, gleich ob einsichtig oder nicht, ein Recht auf seine Meinung und seine Sicht der Dinge hat und auch danach leben darf (sofern er andere dadurch nicht erheblich stört oder schädigt). Meine bisherige Erfahrung im Umgang mit schwer psychisch kranken Menschen in psychiatrischen Kliniken war dagegen häufig eine andere.
Während meiner Zeit am Universitätskrankenhaus Eppendorf lernte ich Thomas Bock kennen, der Patienten mit Schizophrenien, schizoaffektiven Störungen oder manisch-depressiven Erkrankungen ermunterte, ihren speziellen Weg zu gehen. In Hamburg wurde auf Initiative von Dieter Naber und Michael Krausz schließlich ein Therapiekonzept entwickelt, das die subjektiven Bedürfnisse dieser Patienten in den Vordergrund stellte und das eigene Erleben dieser Patienten in der Betreuung und Behandlung immer mit berücksichtigte. Aus dieser Initiative entwickelte sich eine Konferenz, die seit 1998 jährlich unter dem Titel „Die subjektive Seite der Schizophrenie“ in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland stattfindet. Dieser Kongress bringt Patienten, Angehörige und alle in der Psychiatrie tätigen Berufsgruppen miteinander in Verbindung, um voneinander zu lernen, wissenschaftliche Ergebnisse auszutauschen und Forschungen zu initiieren. Ich habe an vielen dieser Kongresse teilgenommen und immer wieder dort auch vorgetragen.
Was mir aber stets fehlte, war ein plausibler und strukturierter Leitfaden, wie ich als Arzt und Therapeut mit meinen Patienten dauerhaft eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen kann, die von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt geprägt ist, und der auch von allen anderen Beteiligten, insbesondere denen, die im Alltag mit den Patienten zu tun haben, erlernt und angewendet werden kann. Etliche Seminare später war ich überzeugt, dass LEAP genau dies leisten kann. Ich hatte schon zuvor einige Elemente von LEAP in meiner Arbeit eingesetzt. Bei LEAP fand ich ein durchdachtes und wissenschaftlich fundiertes Konzept vor, das nicht nur Teilaspekte berücksichtigte, sondern für die vielen Schwierigkeiten auf dem Weg zu einer Partnerschaft stimmige und praktikable Lösungsvorschläge anbietet.
Wenn sich das jetzt nüchtern und rational anhört, so spricht hier der Wissenschaftler in mir. Der Therapeut und vor allem der Mensch waren jedoch verblüfft und begeistert, wie gut LEAP tatsächlich bei vielen Patienten und in vielen Familien funktioniert, Konflikte reduziert, gemeinsame Ziele zu erreichen hilft und ein Miteinander statt ein Gegeneinander ermöglicht. Deshalb habe ich auch gerne zugestimmt, als Xavier Amador mich gebeten hat, sein Buch „I am not sick, I don’t need help!“ auf Deutsch zu übersetzen, ein Buch, das vor allem für Angehörige und Freunde schwer psychisch kranker Menschen geschrieben ist und die Grundzüge der LEAP-Technik verständlich und praxisnah erläutert. Es ist aber auch geschrieben für alle, die sich professionell mit psychisch kranken Menschen beschäftigen – Ärzte, Therapeuten, das Pflegepersonal, Sozialarbeiter, alle anderen Therapeuten und die Betreuer. Alle können von dieser Methode profitieren und damit gemeinsam mit den Patienten Dinge erreichen, die zuvor über Jahre undenkbar erschienen sind.
Im Laufe meiner Arbeit an der Übersetzung ist mir deutlich geworden, dass ich dieses Buch nicht 1:1 übersetzen kann. So sind z.B. die Versorgungsstrukturen und die gesetzlichen Rahmenbedingungen in den USA ganz anders als in Deutschland. Da, wo es notwendig war, habe ich die Kapitel neu geschrieben und auf die deutschen Verhältnisse angepasst. Ich habe mich auch entschieden, grundsätzlich nur die männliche Form („er“) zu verwenden, um die Lesbarkeit zu erleichtern. Ich bitte alle Leserinnen und Leser, sich die weibliche Form („sie“) immer mit dazu zu denken. Gleichzeitig habe ich mich aber bemüht, so wort- und auch sinngetreu wie möglich zu übersetzen (auch wenn ich vielleicht einmal wissenschaftlich anderer Meinung war) und auch den Sprachstil der amerikanischen Ausgabe zu berücksichtigen, um den Charakter des Buchs nicht zu verändern. Es bleibt eine Übersetzung – es ist Xaviers (und Henrys) Buch.
Bei der Übersetzung und Fertigstellung dieses Buches haben mir Frau Dr. Katrin Wolf und Frau Christine Tauer großartig geholfen. Viele andere haben Rücksicht nehmen müssen, weil ich weniger Zeit für sie hatte. Ihnen allen gilt mein besonderer Dank. Danken möchte ich auch den Mitarbeitern des Thieme Verlags, die die Entscheidung, dieses Buch in deutscher Übersetzung zu veröffentlichen, getroffen und umgesetzt haben. Und ich danke Xavier Amador für sein Vertrauen, „I am not sick, I don’t need help!“ auf Deutsch übersetzen zu dürfen. Ich wünsche mir, dass dieses Buch in Deutschland eine ähnlich hohe Verbreitung erfährt wie in den USA und LEAP bekannt macht, zum Wohle aller Familien und Freundschaften.
Frank-Gerald Pajonk
Frank-Gerald Pajonk ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Professor für Psychiatrie an der Technischen Universität München. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und Bücher zum Thema Schizophrenie und psychotische Störungen.
Ich bin an vorderster Stelle meiner Tochter Lou-Andrea dankbar. Danke für Deine Liebe, Geduld und Opfer, während ich dieses Buch überarbeitet habe. Danke vor allem, dass Du mich zum Lachen gebracht hast, auch wenn ich mal grummelig war, und dafür, dass ich mich wie der glücklichste Mensch auf der Erde fühle. Vielen Dank für Dein "Der Mann ist mein Papa", und dass Du darauf bestanden hast, dass ich mich nicht rasiere. Ich liebe Dich mehr als ich sagen kann. Ich bin und bleibe Dein Papa-Daddy.
Mein Dank gilt auch Bob und Jason für ihre Unterstützung und Hilfe beim Schreiben dieses Buches und auch für unsere sonstige Zusammenarbeit. Dank an Dr. Dave Schaich und andere LEAP-Fakultätsmitglieder, die für mich eingesprungen sind und LEAP-Seminare gehalten haben, wenn ich es nicht konnte.
Seit der Veröffentlichung der ersten Auflage dieses Buches habe ich Vorträge vor Zehntausenden von Familienmitgliedern, im Gesundheitswesen Beschäftigten, Betroffenen, Anwälten und Richtern in den USA, Kanada und Übersee gehalten. Die Reaktionen auf die Botschaft und Lektionen in diesem Buch sind wirklich überwältigend. Mit jeder Einladung zu einem Vortrag, jeder E-Mail und jedem Telefonanruf, den ich erhalte, werde ich wieder daran erinnert, dass ich mit meinen Lesern durch viel mehr verbunden bin als durch ein Buch. Die gemeinsamen Erfahrungen, Worte der Anerkennung und die Lektionen, die ich durch diese Kontakte gelernt habe, sind von unschätzbarem Wert und inspirierten mich, diese 10. Jubiläumsausgabe zu schreiben.
Wieder einmal möchte ich vor allem den vielen Menschen mit psychischen Erkrankungen danken, die sich mir in den letzten 25 Jahren geöffnet und mich an ihren Erfahrungen haben teilhaben lassen. Danke auch an die Kursteilnehmer, die ich betreut habe. Ohne ihre Begeisterung für das Verständnis der Menschen, deren Pflege ihnen anvertraut wurde, hätte ich nie die Forschungsergebnisse in praktische Ratschläge umgesetzt, die sie in ihrer klinischen Arbeit nutzen können.
Viele Organisationen haben die in diesem Buch beschriebene Forschung unterstützt. Ihnen möchte ich für ihre Unterstützung und ihr Engagement für die Forschung an schweren psychischen Erkrankungen danken. Mein Dank gilt der National Alliance for Research on Schizophrenia and Affective Disorders (NARSAD), der Stanley Research Foundation, der Scottish Rite-Stiftung, dem National Institute of Mental Health (NIMH) und der National Alliance of Mental Illness (NAMI).
Und noch einmal, muchos gracias a mi hermano. Vielen Dank, dass ich unsere Geschichte erzählen konnte und dafür, dass Du der liebevollste und beste ältere Bruder warst, den ein Mensch sich nur wünschen kann. Deine Ausdauer und Dein Sinn für Humor sind der Maßstab für mich, den ich weiter versuche zu erfüllen. Ich vermisse Dich, obwohl ich jeden Tag das Gefühl Deiner Gegenwart verspüre.
Xavier
PS: Merci, Daniel, für Deine offene Ehrlichkeit und redaktionelle Beratung. Ich denke, dass die Danksagungen jetzt Deine Zustimmung finden.
Wenn Sie „Lass mich – mir fehlt nichts!“ lesen, dann wahrscheinlich, weil jemand, den Sie lieben oder den Sie als Patient behandeln, an einer schweren psychischen Erkrankung leidet und das leugnet. Sehr wahrscheinlich nimmt er die Medikamente nicht ein, die ihm dabei helfen, ein Wiederauftreten der Krankheit zu vermeiden und sich wieder zu erholen. Oder, falls er sie einnimmt, nimmt er sie nicht regelmäßig ein. Sie haben bereits verschiedene Strategien versucht, ihm zu helfen, die nicht funktioniert haben und Sie suchen jetzt nach Informationen, wie Sie ihm doch noch helfen können, Hilfe zu bekommen.
Der erste Teil des Buches liefert Informationen über die Art und das Ausmaß dieses Problems, mit dem Sie gerade kämpfen. Einige von Ihnen könnten versucht sein, diesen Abschnitt zu überblättern und direkt mit Teil II des Buchs (LEAP) zu beginnen – einer Kommunikationstechnik, die entwickelt wurde, um das Vertrauen von psychisch kranken Menschen zu gewinnen, die nicht einsehen, warum sie eine freundschaftliche Beziehung zu jemanden aufbauen und dessen Ratschlägen folgen sollen (z.B. eine Therapie zu akzeptieren, in eine betreute Wohneinrichtung zu ziehen oder andere Unterstützung anzunehmen). Ich habe damit kein Problem und ermutige Sie sogar dazu, wenn die Situation akut ist. Oder, falls die Situation noch brenzliger sein sollte, fangen Sie direkt mit Teil III an, in dem ich praktische Hilfestellungen gebe, wann und wie Hilfe zur Behandlung möglich ist (ambulante oder stationäre Behandlung auch gegen den Willen des Patienten). Meiner Ansicht nach wäre das Überspringen der Kapitel dann ein sinnvoller Einsatz dieses Buches. Ich empfehle Ihnen aber dringend – wenn sich die Situation wieder etwas beruhigt hat –, zurückzugehen und die ersten drei Kapitel zu lesen, die den ersten Teil des Buches ausmachen.
Die Informationen aus Teil I sind aus mehreren Gründen unerlässlich. Zum einen werden sie Ihnen helfen, die neuesten Forschungsergebnisse zu den Ursachen dessen zu verstehen, was für Sie möglicherweise reine Starrköpfigkeit des Menschen zu sein scheint, dem Sie zu helfen versuchen. Menschen mit psychischen Erkrankungen betrachten uns (und dabei spreche ich sowohl als Therapeut als auch als Familienangehöriger) viel zu oft als ihre Feinde. Aus ihrer Sicht sind wir ihre Widersacher und Gegner – und keinesfalls ihre Verbündeten, während wir uns den Kopf darüber zerbrechen und uns wundern, warum sie so unfähig oder unwillig sind, unsere Hilfe anzunehmen. In diesem Zusammenhang überrascht es nicht, wenn aus Beziehungen häufig Feindschaften werden. Sobald Sie aber verstehen, dass die Weigerung eines psychisch kranken Menschen, eine Therapie zu akzeptieren, typischerweise auf Störungen seiner Hirnfunktionen beruht, die er nicht selbst kontrollieren kann, werden Sie einsehen, dass Sie das nicht persönlich nehmen oder ihm vorwerfen sollten, wenn er die offensichtliche Erkrankung scheinbar absichtlich abstreitet.
Unzählige Male kam nach meinen Vorträgen vor Fachpublikum, Familienangehörigen, Interessierten und Patienten jemand auf mich zu und erklärte mir, dass die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft ihm dabei geholfen hätten, seine Schuldgefühle zu lindern. Genauso oft erfahre ich, dass diese Informationen dabei geholfen haben, Vorwürfe oder Ärger über psychisch Kranke zu verringern, die Hilfe ablehnen. Sobald Sie sich ärgern und einer Person Vorwürfe machen, der Sie versuchen zu helfen (beides häufige und natürliche Gefühle), werden Sie weniger erfolgreich sein, das zu vermitteln, was Sie wollen. Ihre Aufgabe wird eher einem unglücklichen, zermürbenden Zweikampf gleichen als einer positiven Zusammenarbeit.
Fast genauso wichtig ist, dass Sie lernen, warum Sie nicht aufgeben sollten. Die Datenlage deutet darauf hin, dass die Prognose umso besser ist, je früher jemand seine Medikamente einnimmt. Damit verringern sich auch das Risiko für Krankenhauseinweisungen und die Dauer einer Krankenhausbehandlung. Oft ist es schwierig, an einer Entscheidung festzuhalten, wenn Ihr Gegenüber nichts von Ihrem Angebot annehmen will. Aber Ihr Wissen um die Wichtigkeit einer Behandlung wird Ihnen helfen, beharrlich zu bleiben.
Wenn Sie einmal wissen, welcher Art das Problem ist und warum Sie es so dringend angehen müssen, sind Sie besser darauf vorbereitet, den neuen Ansatz für eine bessere Krankheitseinsicht und Behandlungsakzeptanz zu verstehen und anzuwenden, wie er im zweiten Teil dieses Buches beschrieben ist. Die sogenannte LEAP-Technik (engl. für „Sprung“), die Sie lernen werden, basiert zum einen auf wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zu Krankheitseinsicht und Behandlungsadhärenz, von denen Sie vielleicht bereits gelesen haben, andererseits aber auch auf aktuellen Plazebo-kontrollierten Studien und meiner eigenen Erfahrung beim Umgang mit Patienten und ihren Familien sowie bei der Supervision anderer Therapeuten.
Ich kann nicht garantieren, dass mit der LEAP-Technik bei dem Menschen, dem Sie helfen wollen, definitiv jede Verweigerung einer medikamentösen und anderen Behandlung überwunden werden kann. Wenn Sie die vorgeschlagenen Verhaltensweisen aber konsequent einhalten, kann ich versprechen, dass sie dabei helfen, die Spannung zu verringern, das Vertrauen zu erhöhen und die Wahrscheinlichkeit deutlich zu verbessern, dass die Person, der Sie helfen wollen, Ihre Ratschläge annimmt. Nach meinen bisherigen Erfahrungen und den veröffentlichten Studienergebnissen sind die Chancen sehr gut, dass Sie damit sehr positive Veränderungen erreichen werden.
Im Lauf der Zeit, während Sie an dem Problem arbeiten, können Ihnen viele Fragen und schwierige Dilemmas begegnen, mit denen sich zahllose andere betroffene Familien und Therapeuten auseinander setzen müssen. Soll eine psychiatrische Behandlung nach den Unterbringungsgesetzen des Bundes und der Länder erzwungen werden oder nicht? Dies kann manchmal ein unverzichtbarer oder sogar überlebensnotwendiger Teil des Behandlungsprozesses sein. Dieser ist aber dann am wirkungsvollsten, wenn dabei so vorgegangen wird, dass das Bündnis mit dem psychisch Kranken letztendlich gestärkt wird, statt es zu zerstören. Der dritte Teil des Buches beschäftigt sich überwiegend mit der Frage, wann und unter welchen Umständen eine Zwangsbehandlung erwogen werden muss, d.h. eine Behandlung gegen den Willen des Patienten in einem Krankenhaus. Sie werden nicht nur das A und O einer stationären Einweisung kennenlernen, sondern auch, wie Sie mit den schwierigen Gefühlen umgehen können, die für Sie und jeden davon Betroffenen damit verbunden sind. Mein Hauptziel ist es, Ihnen zu zeigen, wie Sie mit den Vorwürfen, mit denen Sie wahrscheinlich konfrontiert werden, umgehen können – nämlich Ihren Angehörigen verraten oder betrogen zu haben, und auch mit Ihren möglicherweise auftretenden Schuldgefühlen. Darüber hinaus möchte ich verdeutlichen – was noch wichtiger ist –, wie Sie die stationäre Einweisung selbst nutzen können, um das Vertrauen und das Gefühl einer Teamarbeit genau bei der Person zu stärken, die Sie gegen ihren Willen behandeln lassen wollen.
Sehr oft erfolgen Einweisungen in einer akuten Krisensituation; sie stellen daher eine schnelle und kurzfristige, aber eben oft auch keine nachhaltige Lösung dar. Auf der Grundlage des im Krankenhaus erworbenen Vertrauens und schon erzielter Erfolge können Sie in der Folge aber weiter darauf aufbauen, und ich werde Ihnen das Handwerkszeug liefern, um genau das zu erreichen.
Der letzte Teil des Buches verknüpft letztendlich alles vorher Gesagte miteinander. Sie erfahren in einem kurzen Kapitel den theoretischen und wissenschaftlichen Hintergrund von LEAP und anderen Psychotherapieformen, die sich zur Verringerung von Symptomen als wirksam erwiesen haben. Ich erläutere, dass wissenschaftliche Ergebnisse stark für eine Neubewertung sprechen, wie wir Schizophrenie, bipolare Störungen und andere verwandte Erkrankungen diagnostizieren. Kurz gesagt bin ich der Auffassung, dass wir messen und dokumentieren müssen, ob ein Mensch sich seiner Erkrankung bewusst ist, damit wir einen sinnvollen Behandlungsplan aufstellen können (wie z.B. mittels LEAP oder motivierender Gesprächsführung/Motivational Interviewing), statt die Betroffenen nur zu bitten, ihre verschriebene Medikation einzunehmen, von der sie sicher sind, sie nicht zu brauchen.
Im letzten Kapitel erzähle ich Ihnen von Henrys Tod. Genauer gesagt, erzähle ich Ihnen über sein Leben und seine Beziehungen zu seinen Freundinnen, Freunden, Betreuern und seinem jüngeren Bruder – mir. Meine Absicht dahinter ist, Sie mit diesem Kapitel zu inspirieren und zu motivieren, durch LEAP Ihre Beziehung zu retten und Ihnen viele Jahre der Freude und der Hoffnung zu schenken. Ich hoffe, dass ich mit Ihnen in diesem Kapitel etwas von Henrys bemerkenswerter Selbstlosigkeit teilen kann.
Der letzte Absatz fasst kurz und knapp die in diesem Buch beschriebenen Interventionen zusammen. Buchstäblich ist er ein „Spickzettel“ für LEAP, der Ihnen dabei helfen wird, sich leicht an die wesentlichen Werkzeuge zu erinnern, mit denen Sie jemanden, der seine Erkrankung nicht erkennen kann, dazu bringen, Behandlung und Unterstützung zu akzeptieren und – was noch wichtiger ist – Ihre Freundschaft und Hilfe anzunehmen.
Und zuallerletzt möchte ich alle Familienangehörigen dazu ermutigen, nach Hilfsangeboten zu suchen und sich einer der Angehörigen- und Betroffenengruppen anzuschließen, die ich im Anhang aufliste (z.B. NAMI, Psychiatrienetz – www.psychiatrie.de, Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK)). Dafür sprechen viele Gründe, nicht zuletzt, dass Sie sich nicht alleine fühlen und in Ihrem Bemühen um ein besseres Leben für Ihren psychisch kranken Verwandten mehr Unterstützung erhalten. Diese Organisationen werden Ihnen auch dabei helfen, sich weniger dafür zu schämen oder peinlich berührt zu fühlen, weil Sie einen psychisch Kranken in Ihrer Verwandtschaft haben. Diese unbegründeten Gefühle werden Sie nur daran hindern, demjenigen, den Sie lieben, zu helfen.
Viel zu viele Jahre habe ich mich wegen meines Bruders geschämt, der an Schizophrenie erkrankt war. Obwohl ich wusste, dass er an einer Gehirnerkrankung litt und dass es nichts gab, weswegen ich mich schämen musste, habe ich solche Organisationen gemieden und seine Erkrankung vor meinen Kollegen verheimlicht. Erst nachdem ich mit Menschen gesprochen hatte, denen es ähnlich ging, gelang es mir, diese Schuld abzulegen. Aus meiner eigenen Erfahrung könnte ich Sie gut verstehen, wenn Sie sich noch nicht bereit fühlen würden, an einem Treffen oder einer Konferenz zu psychischen Erkrankungen teilzunehmen. Die Ironie liegt traurigerweise darin, dass der Instinkt, nicht über unsere Familienprobleme zu reden, viele von uns davon abhält, die Unterstützung und Informationen zu bekommen, die wir brauchen, um diese Probleme zu lösen.
Sie können aber auch dann von diesen Organisationen profitieren, wenn Sie noch zögern, mitzumachen. Sie müssen an keinem einzigen Treffen teilnehmen, um von den Webseiten einen Gewinn zu haben oder Literatur anzufordern, die diese Gruppen anbieten. Ich habe von diesen Gruppen viel gelernt und fand es sehr tröstlich, dass es nicht nur sehr viele Familien wie meine gibt, sondern dass auch viele gemeinsam daran arbeiten, die Gesetzeslage für psychisch Kranke, die Forschungsförderung und die Behandlung zu verbessern.
Den Therapeuten, die dieses Buch lesen, möchte ich Hoffnung machen, dass es möglich ist, ihre Patienten/Klienten mit ernsten psychischen Erkrankungen erreichen zu können, auch wenn diese nicht glauben, dass sie krank sind und jede Hilfe ablehnen. Unabhängig davon, ob Sie ein Profi im Umgang mit psychisch Kranken oder ein Familienangehöriger sind, wird Ihnen das Buch dabei helfen, nicht aus Verzweiflung den Kopf in den Sand zu stecken. Es wird Ihnen neue Hoffnung geben, wirklich etwas verändern zu können.
Xavier Amador
Widmung
Geleitwort zur englischen Ausgabe
Vorwort des Übersetzers
Danksagung zur englischen Ausgabe
Einleitung
Teil I Die Wahrheit über Krankheitsleugnung
1 Ein weit verbreitetes Problem
1.1 Matt
2 Ich bin nicht krank
2.1 Warum wir schlafende Hunde wecken müssen
2.2 Mythen und Fakten rund um die Einsicht
2.3 Zusammenfassung
3 Die Wurzel des Problems: Neue Ergebnisse zur Anosognosie
3.1 Wissenschaftliche Ergebnisse zu den Ursachen von mangelnder Einsicht
3.2 Ein in der Vergangenheit stehen gebliebenes Selbstverständnis
3.3 Wenn ein Mann seine Frau mit einem Hut verwechselt…
3.4 Exekutive Funktionsstörungen und mangelnde Krankheitseinsicht
3.5 Neue Erkenntnisse zu Anosognosie
3.6 Anosognosie oder Verleugnung
3.7 Eine Störung der Gehirnfunktion lässt sich leichter beheben
Teil II Wie Sie mit LEAP helfen können
4 Die Richtig-oder-Falsch-Strategie
4.1 Der falsche Ansatz
4.2 Der richtige Ansatz
4.3 Motivationsverstärkungstherapie und LEAP
4.4 Die Listen-Empathize-Agree-Partner (LEAP)-Methode
5 Wie ich LEAP lerne
6 Lauschen bzw. reflexives Zuhören
6.1 Aufbau einer Behandlungsvereinbarung
6.2 Ineffektives Zuhören
6.3 Effektives Zuhören
6.4 Risiken des reflexiven Zuhörens
6.5 Das Verzögerungs-Werkzeug
6.6 Die „A“-Werkzeuge – wie Sie Ihre Meinung äußern können
7 Empathie
7.1 Empathie mitteilen
7.2 Dolores
7.3 Wie man mit der „Stimmen Sie mir zu?“-Frage umgeht
8 Anerkennen, anderer Meinung zu sein
8.1 Erkennen und nützen, wenn sich eine Möglichkeit bietet
9 Partnerschaft
9.1 Matt
9.2 Dolores
9.3 Vicky
Teil III Wachsam bleiben und nächste Schritte
10 Das Problem der schlechten Adhärenz
11 Die besten Behandlungsmöglichkeiten – Therapien der ersten Wahl
11.1 Medikamente: Welches und in welcher Form
11.2 Psychotherapie
11.3 Wie Sie einen Therapeuten überzeugen, dieses Buch zu lesen
11.4 Kognitive Therapie
12 Zwangseinweisung
12.1 Wenn eine Behandlung zwingend erforderlich ist
12.2 Nutzen Sie Ihre LEAP-Fähigkeiten, um Ihr Ziel zu erreichen
12.3 Lösen Sie Ihren Gewissenskonflikt – haben Sie keine Schuldgefühle
12.4 Die Warnsignale erkennen
12.5 Rechtliche Grundlagen für eine Unterbringung in Deutschland
12.6 Zusammenfassung
13 Wie es funktioniert
13.1 Was ich hätte besser machen können
13.2 Ein mobiles Krisenteam suchen und finden
13.3 112 anrufen und das Kriseninterventionsteam anfordern
13.4 Die Aufnahme
13.5 Ein letztes Wort über den Anruf bei der Polizei
14 Wie man eine Zwangsbehandlung durchsteht
14.1 Verrat in Loyalität verwandeln
15 Die Überraschung
15.1 Die Überraschung für Henry und Xavier
Teil IV LEAP: Theorie, Forschung und praktische Vorgehensweisen
16 LEAP – Theorie und Forschung
16.1 Klientenzentrierte Gesprächstherapie nach Carl Rogers (1951, 1959)
16.2 Kognitive Therapie nach Aaron T. Beck (1979)
16.3 Motivierende Gesprächsführung bzw. Motivationsverstärkungstherapie (1991)
16.4 Zusammenfassung
16.5 Neuere Forschungsergebnisse zu LEAP
17 Psychotherapie bei Psychosen?
17.1 Mythen zur Psychotherapie bei Psychosen
17.2 Von der Psychoanalyse zu Medikamenten und Realitätsprüfung
17.3 Das Gute an Psychotherapie
17.4 Warum Psychotherapie nur selten angeboten wird
18 Gewalt und psychische Erkrankungen
18.1 Forschung über Gewalt und Schizophrenie
18.2 Mangelnde Einsicht führt zu medikamentöser Non-Adhärenz, die das Risiko von Gewalt erhöht
19 DSM-5 und Anosognosie
19.1 Studien mit neuropsychologischen Tests
19.2 Strukturell bildgebende Studien
19.3 Wie Forschung die Diagnosemanuale beeinflussen sollte
20 Henry
20.1 Doppelter Abschied
20.2 Trauern, wenn eine psychische Krankheit zuschlägt
20.3 Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere
21 Literatur
21.1 Weiterführende Literatur zu kognitiver Therapie bei Schizophrenie
21.2 Empfohlene Bücher
22 Anhang
22.1 Kontaktadressen in Deutschland
22.2 Kontaktadressen in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA)
22.3 Weitere informative Webseiten
Autorenvorstellung
Anschrift
Impressum
1 Ein weit verbreitetes Problem
2 Ich bin nicht krank
3 Die Wurzel des Problems: Neue Ergebnisse zur Anosognosie
„Ich bin nicht krank, ich brauche keine Hilfe!”
Henry Amador im Gespräch mit Xavier Amador
„Mein Bruder ist so krank. Er hat sich geweigert, seine Medikamente zu nehmen. Wir haben versucht, ihn dazu zu überreden“, sagte April Callahan, die Schwester von Russel Weston, der angeklagt wurde, zwei Sicherheitsbeamte im amerikanischen Kapitol erschossen zu haben. „Er wollte es einfach nicht tun“, ergänzte seine Mutter, Arbah Weston. „Was sollen wir mit einem 41-jährigen Mann machen? Sie können ihn nicht einfach ins Auto setzen und zum Arzt bringen.“
AP-Meldung, 26. Juli 1998
„Da war die(se) kranke Person, die in John Lettermans Haus einbrach. Sie lehnte eine Behandlung ab und leugnete, dass sie ein Problem hatte.“
Anna-Lisa Johanson im Gespräch mit Xavier Amador
„Meine Mutter wollte, dass wir auf seinem Grundstück zelten und ihn davon überzeugen, Hilfe anzunehmen. Er war davon überzeugt, dass wir ein Problem hätten und nicht er.“
David Kaczynski, Bruder des geständigen „Unabombers“ Ted Kaczynski, im Gespräch mit Xavier Amador
„Nach Jeffs letzter manische Episode dachte ich, er hätte endlich realisiert, dass er seine Medikamente regelmäßig einnehmen muss. Letzte Woche hat er aber sein Lithium wieder abgesetzt. Er sagte, es gehe ihm jetzt wieder besser und er brauche es nicht mehr.“
Julia im Gespräch mit Xavier Amador
Bewusst oder unbewusst, jeder kennt das Problem zumindest aus den Schlagzeilen der Zeitungen. Viele Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, verneinen, dass sie krank sind und weigern sich, sich behandeln zu lassen. Diejenigen von uns, die mit einer solchen Person verwandt sind, erkennen sich und ihre geliebten Angehörigen nur widerstrebend selbst in diesen Schlagzeilen wieder. Das Dilemma, von dem Julia berichtete und das nie im Fokus einer Zeitung stand, beleuchtet ein Problem, das weltweit Millionen von Familien trifft, deren Namen nie in den Medien genannt werden. Tatsächlich ist dieses Szenario weit häufiger als solche, die mit Gewalt und/oder Suizid verbunden sind und über die wir in den Nachrichten hören. Aber genauso wie in den berüchtigteren, oben zitierten Beispielen glaubte Julias Verwandter nicht, dass er krank ist und wollte keine Medikamente einnehmen. Seine Leugnung und Ablehnung müssen nicht in einer Straftat enden, aber führen höchstwahrscheinlich zu einer Verschlechterung seiner Erkrankung, zu verpassten Möglichkeiten und zu zerstörten Beziehungen zu Menschen, die ihm nahe stehen.
Viele Menschen mit Schizophrenie oder bipolarer Störung glauben, dass ihre Krankheit kommt und geht. Für eine kurze Zeit hatte Jeff seine Erkrankung zugegeben und seine verschriebenen Medikamente eingenommen. Nachdem es ihm aber besser ging, beschloss er, sein Lithium nicht länger zu brauchen. Für Jeff war Lithium eine Medizin, mit der seine Erkrankung ähnlich behandelt werden kann wie eine Infektion mit Antibiotika. Ist die Packung leer, bist du geheilt. In Wirklichkeit ist Lithium bei manischen Erkrankungen besser mit Insulin bei Diabetes zu vergleichen, einem Medikament, das täglich eingenommen werden muss, um einen Rückfall oder sogar Tod zu verhindern. Bipolare Erkrankungen und Schizophrenien sind lebensgefährliche Erkrankungen (etwa 10 bis 15% der Betroffenen versterben wegen eines krankheitsbedingten Suizids). Die Analogie ist daher genau zutreffend.
Auch wenn Jeff seine Medikamente nur sporadisch genommen hat, war er damit vielen Menschen einen Schritt voraus. Viele psychisch Schwerkranke geben nie zu, dass sie krank sind und weigern sich, ihre Medikamente (1) überhaupt zu nehmen. David Kaczynski, der Bruder des „Unabombers“ Theodore Kaczynski, erzählte mir, dass obwohl sein Bruder zwanzig Jahre lang Amerika terrorisiert hatte, die Familie Kaczynski in zahllosen Briefen Unterstützung, Verständnis und Beileidsbekundungen von Menschen erhalten habe, die mit einem schwer psychisch Kranken verwandt sind. Wie David und seine Mutter hatten sie die Hilflosigkeit und seelische Qual erlebt, die damit verbunden ist, wenn man sich um jemanden sorgt, der seine psychische Erkrankung abstreitet. Tatsächlich habe sogar ich einen dieser Briefe geschrieben. Die Situation der Kaczynskis spiegelte meine eigene wie die der anderen wider. Ich hatte nur mehr Glück, weil mein Bruder Henry, wie die überwiegende Mehrheit der Menschen mit dieser Erkrankung, nicht gewalttätig war.
Viel häufiger als die Tragödien, die es bis in die Schlagzeilen bringen, sind die Tragödien, die Familienbande zerreißen lassen und das moralische Dilemma der Therapeuten, die mit der Therapie unserer Angehörigen und Freunde betraut sind. Jedes Mal, wenn wieder einmal eine Medikamentenpackung im Müll oder versteckt unter der Matratze entdeckt wird, wenn wir zu hören bekommen, dass wir uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern sollen, dass wir die einzigen sind, die ein Problem haben, wenn wieder einmal ein Arzttermin verpasst wurde, bringt uns das einen Schritt näher an den Punkt, an dem wir verzweifelt aufgeben wollen. Manchmal, auch wenn wir nicht weglaufen, tun sie es, die Menschen, die wir ja lieben (2) . Sie verschwinden für Stunden, Tage, Wochen oder sogar Jahre. Mein Bruder Henry hatte die Angewohnheit, für Tage zu verschwinden und per Anhalter kreuz und quer durch die Lande zu trampen. Einige machen anonym Schlagzeilen, wenn sie auf der Straße landen oder eingesperrt werden. Das war meine größte Sorge.
In den USA leben ungefähr 6 Millionen Menschen mit ernsten psychischen Erkrankungen. In Deutschland wird die Zahl auf etwa 2 Millionen geschätzt (3) . Weltweit sind es buchstäblich Hunderte von Millionen. Die Ergebnisse aktueller wissenschaftlicher Studien weisen einstimmig darauf hin, dass rund die Hälfte dieser Menschen mit diesen Erkrankungen nicht glauben, krank zu sein und sich weigern, ihre Medikamente zu nehmen. Das bedeutet 3 Millionen schwer psychisch kranke Amerikaner (1 Million Deutsche), die nicht realisieren, dass sie krank sind. Vielleicht hatten Sie bereits eine Vorstellung davon, wie verbreitet diese Erkrankungen sind. Haben Sie aber bereits einmal überlegt, wie viele Familienangehörige davon betroffen sind? Wenn wir nur die Eltern der Erkrankten zusammenzählen, sind das schon doppelt so viele. Rechnen Sie jetzt nur einen Bruder, eine Schwester oder ein Kind dazu, wird die Zahl schon atemberaubend. Das ist eine Schlagzeile, die den Namen verdient: Mehr als zehn Millionen Amerikaner (mehr als drei Millionen Deutsche(4)) haben einen nahen Verwandten mit einer psychischen Erkrankung, der diese leugnet und sich weigert, seine Medikamente zu nehmen.
Die meisten Studien weisen darauf hin, dass etwa die Hälfte der Personen mit schweren psychischen Erkrankungen ihre Medikamente nicht nimmt. Der häufigste Grund dafür ist mangelnde Krankheitseinsicht.
In den letzten 20 Jahren hat die Forschung zum Problem der mangelnden Krankheitseinsicht explosiv zugenommen. Eine der früheren Studien in dieser Zeit stammt von meinen Kollegen und mir. Wir untersuchten mehr als 400 Patienten aus ganz Amerika mit einer psychotischen Erkrankung. Dieser „Feldversuch“ war Teil unseres Beitrags zur Revision des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM, Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (APA). Wir untersuchten ein großes Spektrum von Symptomen, einschließlich der Einsicht in verschiedene Aspekte der Erkrankung und Behandlung. Wir hofften daraus zu erfahren, wie häufig Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht realisieren, dass sie krank sind. Unsere Ergebnisse zeigten, dass sich fast 60% der Patienten mit Schizophrenie, etwa 25% der Patienten mit einer schizoaffektiven Störung und fast 50% der Personen mit einer manisch-depressiven Erkrankung nicht bewusst waren, krank zu sein. Dieses Hauptergebnis konnte mittlerweile mehr als hundertfach in der Literatur bestätigt werden und ist heute so akzeptiert, dass im Jahr 2000 das Standarddiagnosemanual DSM, das von allen Berufsgruppen, die mit psychisch kranken Menschen arbeiten und in den USA und auch von vielen in Deutschland verwendet wird, feststellt: Die Mehrheit der Personen mit Schizophrenie weist nur eine geringe Einsicht in die Tatsache auf, dass sie an einer psychotischen Erkrankung leiden“ (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV-TR, American Psychiatric Association Press 2000, Seite 304). Mit anderen Worten, etwa die Hälfte der Patienten, die in unsere Studien eingebunden waren, antwortete auf die Frage, ob sie mentale, psychische oder emotionale Probleme hätten, mit „nein“. In der Regel war das „nein“ empathisch und gefolgt von manchmal bizarren Erklärungen, warum sie beispielsweise in einer psychiatrischen Abteilung untergebracht seien. Die Erklärungen reichten von „weil meine Eltern mich hierher brachten“ bis zu seltsameren Überzeugungen wie „Ich bin nur zu einer allgemeinen Untersuchung hier“. Während die Mehrheit der Patienten mit Depressionen oder Angststörungen aktiv eine Behandlung suchen, weil es ihnen schlecht geht und sie Hilfe wollen, waren sich diese Personen im Gegensatz dazu nicht bewusst, eine ernste psychische Erkrankung zu haben. Anders als Menschen mit Depressionen oder Angststörungen klagen sie nie über „Symptome“, weil sie keine haben. Tatsächlich klagen sie hauptsächlich darüber, dass sie sich von ihren Familien, Freunden und Ärzten schikaniert fühlen, die sie zwingen, eine Therapie für eine Erkrankung zu akzeptieren, die sie nicht haben!
Wir mussten mit Überraschung zur Kenntnis nehmen, dass die Probleme mit der Krankheitseinsicht nicht auf das Abstreiten der Diagnose begrenzt waren. Die Uneinsichtigkeit, die wir beobachteten, war schwerwiegend und allgegenwärtig.
Darüber hinaus war sich ein signifikanter Anteil derer, die wir untersuchten, nicht über verschiedene Zeichen der Erkrankung bewusst, an der sie „litten“, obwohl jeder aus ihrem Umfeld die Symptome leicht erkennen konnte (z.B. Denkstörungen, Manie, Halluzinationen…). Das in Abbildung 1 gezeigte Muster der tiefgreifenden Uneinsichtigkeit haben wir auch bei allen anderen von uns untersuchten Patienten mit psychotischen Erkrankungen beobachtet (mit Ausnahme der Patienten mit psychotischen Depressionen).
Abb. 1.1 Anteil der Patienten mit Schizophrenie, die sich der genannten Zeichen und Symptome der Erkrankung nicht bewusst waren.
(Amador 1994)
Dies war das erste Mal, dass dieses Thema wissenschaftlich untersucht wurde, und wir haben mit Überraschung erfahren, dass die Probleme mit der Krankheitseinsicht nicht auf das Abstreiten der Diagnose begrenzt waren. Die Uneinsichtigkeit, die wir beobachteten, war schwerwiegend und allgegenwärtig. So war den Patienten weder ihre Diagnose bewusst, noch waren sie in der Lage, Zeichen und Symptome ihrer Erkrankung zu erkennen.
Um zu verdeutlichen, wie extrem die Uneinsichtigkeit sein kann, möchte ich Ihnen etwas über Matt erzählen, einem meiner früheren Patienten. Wenn Sie seine Geschichte lesen, bitte ich Sie dabei im Hinterkopf zu behalten, dass Sie in dem folgenden Kapitel erfahren werden, wie ich Matt helfen konnte zu begreifen, wie ihm Medikamente helfen können, auch wenn er nicht daran glaubte, psychisch krank zu sein. Als er dazu in der Lage war, endeten – nicht überraschend – auch die endlosen Konflikte mit seiner Familie wegen seiner Weigerung, die Behandlung fortzuführen.
Als ich Matt kennerlernte, war er 26 Jahre alt, Single und lebte bei seinen Eltern. Sechs Jahre zuvor war bei ihm die Diagnose einer schizoaffektiven Erkrankung gestellt worden, nachdem er Größenwahnvorstellungen und Verfolgungswahn entwickelt hatte. So dachte er, er wäre ein Spezialbotschafter von Gott, kenne den Präsidenten der USA persönlich, und er hatte Angst, dass die CIA ihn töten wolle. Seine Sprache war zerfahren, sein Verhalten bizarr (er trug zerbrochene Kopfhörer, die mit Aluminiumfolie umwickelt waren) und er hörte Stimmen. Auch wenn sich Matt über seine offensichtlichen Zeichen einer psychischen Erkrankung bemerkenswerterweise keinerlei Gedanken machte, waren seine Familie, Freunde und auch seine Nachbarn – die seine lauten Reden ertragen mussten – darüber sehr beunruhigt. Er war, seitdem er krank wurde, bereits viermal im Krankenhaus gewesen.
Zur Zeit der Untersuchung, über die Sie gerade lesen, war Matt freiwillig in die Abteilung für Schizophrenieforschung an der Columbia Universität von New York gekommen. Er war gegen seinen Willen in ein städtisches Krankenhaus eingeliefert und dort in die psychiatrische Abteilung überwiesen worden, nachdem seine Mutter die Polizei angerufen hatte. Vor dem Notruf hatte Matt mindestens für 6 Wochen keine Medikamente mehr eingenommen, die genaue Dauer blieb ungeklärt. In dieser Nacht kochte die Paranoia über, die sich über Tage in ihm angestaut hatte. Matt begann seine Mutter anzuschreien, sie würde seine Mission für Gott gefährden, dessen Botschaften er persönlich an den Präsidenten der USA zu übermitteln habe. In den letzten Tagen hatte er unablässig einen Brief nach dem anderen an den Präsidenten geschrieben und versucht, das Weiße Haus anzurufen. Am meisten ängstigte seine Mutter, dass er die Stimme Gottes hörte, die ihm befahl, sie im Schrank einzusperren.
Zum Zeitpunkt, als er in die Columbia Universität kam, hatte Matt bereits seit einem Monat wieder Medikamente bekommen. Als ich ihn befragte, waren bis auf die Wahnvorstellungen fast alle seine Symptome deutlich besser geworden. Auch wenn er immer noch glaubte, Gottes Botschafter zu sein und dass die CIA ihn töten wolle, empfand er seine Ideen nicht mehr als so dringend und machte sich weniger Sorgen um seine Sicherheit. Trotz seiner offensichtlich mangelhaften Krankheitseinsicht, stand er kurz vor seiner Entlassung ins Haus seiner Eltern mit einer Überweisung in ein ambulantes Behandlungsprogramm. Ich begann das Gespräch mit der Frage, wie er in die Klinik gekommen sei.
„Ich denke, ich war… Ich weiß den genauen Ausdruck nicht. Ich wurde bisher noch nicht darüber informiert. Ich denke, sie brachten mich wegen einer allgemeinen körperlichen Untersuchung dahin. Sie wollten von mir wissen, ob ich etwas getrunken oder geraucht habe. Ich habe der Polizei erzählt, dass ich weder getrunken noch geraucht hätte. Wir haben nur eine kleine Meinungsverschiedenheit gehabt, und ich glaube, dass meine Mutter über mich bestimmt hat, weil sie älter ist. Daher haben sie mich mit in die Klinik genommen, damit der Doktor entscheiden kann, ob mit mir alles in Ordnung ist.“
Auch wenn die Sprache von Matt nicht ganz geordnet und etwas eigenartig war, hatte ich eine Ahnung, was er versuchte mir zu sagen und ich fragte weiter: „Und als Sie die Auseinandersetzung hatten, hat jemand die Polizei gerufen?“ Er nickte. „Ist das Ihre Mutter gewesen?“
„Ich denke schon.“
„Warum denken Sie, dass Ihre Mutter die Polizei gerufen hat?“
„Keine Ahnung. Sie wollte, dass ich in die Klinik gehe.“
„Warum wollte Ihre Mutter, dass Sie in die Klinik gehen?“
„Sie sagte, sie wolle eigentlich nicht, dass ich in dem Fall einer ähnlichen Auseinandersetzung in die Klinik gehe, weil wir darüber diskutierten, wie ich telefoniere.“
„Ich verstehe nicht genau, was Sie gerade gesagt haben“, gab ich zu. „Warum wollte sie, dass Sie in die Klinik gehen?“
„Wir stritten miteinander und ich glaubte, sie dachte, ich sei krank und das müsse abgeklärt werden.“
„Waren Sie krank?“
„Nein, wir stritten uns nur.“
„Die Polizei nahm Sie dann mit in die Klinik?“
„Das stimmt.“
„Warum nahmen die Leute in der Klinik Sie auf?“
„Das sagten sie nicht. Ein ganz netter Kerl war dort. Der sagte mir: ‚Mach Dir keine Sorgen, Du bleibst hier eine Weile und ich möchte, dass Du Deine Gedanken ordnest.‘ Seitdem bin ich in der Klinik.“
„Ja, aber das war in der Notaufnahme. In welche Abteilung kamen Sie dann?“
„Ich kam eine Treppe höher in die psychiatrische Abteilung. Sie nahmen mir meine Kleider weg und sagten, ich würde dort eine Weile bleiben.“
„Aber warum in die psychiatrische Abteilung?“
„Ich denke, weil nur noch dort Platz war, wegen des heftigen Drogen- und Alkoholkonsums. Sie bekommen möglicherweise kein Geld für eine allgemeine Gesundheitsprüfung.“
„Matt, jetzt bin ich durcheinander. Meinen Sie, dass die Ärzte Sie für einen allgemeinen Gesundheitscheck in die psychiatrische Abteilung verlegt haben?“
„Ja, das ist richtig“, antwortete er, als wäre an seiner Auffassung der Umstände nichts ungewöhnlich oder auffällig.
„Sehen Sie sich selbst als jemanden, der nicht in eine psychiatrische Abteilung gehört?“
Ich machte eine Pause und fügte dann hinzu: „Sehen Sie sich selbst als einen Menschen, der keine psychischen oder emotionalen Probleme hat?“
„Ja, das stimmt. Aber sie haben meine Emotionen wegen des 2-Parteien-Systems (5) getestet. Sie haben mich gebeten zu kooperieren. Daher habe ich ziemlich viel kooperiert. Manchmal auch gegen meinen Willen, aber ich kann kooperieren.“
„Sie wollten nicht bleiben, ist das richtig?“
„Stimmt.“
„Warum sind Sie geblieben?“
„Ich musste wegen des Richters. Er hat festgelegt, dass ich einen Monat bleiben muss.“
„Und nach diesem Monat beschlossen Sie, hierher in die psychiatrische Abteilung zu kommen. Ist das richtig?“
„Genau.“
„Aber Sie haben das Gefühl, dass mit Ihnen alles in Ordnung ist?“
„Das stimmt. Meine Mutter wollte, dass ich komme, aber mit mir ist alles in Ordnung.“
