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Die ersten Herbststürme fauchen über die Rocky Mountains heran, als Lassiter von einem alten Kameraden aus Kriegstagen kontaktiert wird. Charlie Bradford hat sich ein Frachtunternehmen aufgebaut und bittet ihn um einen kleinen Gefallen: Lassiter soll für ihn eine Lieferung mit Medikamenten nach Clancy transportieren. Doch diese Fahrt hat es in sich. Unbekannte haben es auf seine Fracht abgesehen, und sie scheuen sich nicht, ihn aus dem Weg zu schaffen, um sie zu bekommen. Schon bald schwirren dem großen Mann die Kugeln um die Ohren. Offenbar hat Charlie ihm nicht alles erzählt, denn in den Kisten verbergen sich keine Medikamente, sondern Ärger - und zwar jede Menge davon. Eine Schar Revolverschwinger heftet sich an seine Fersen. Und am Wolf Creek schnappt die Falle zu!
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Wolf Creek
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
von Katja Martens
»Das wird dem Boss nicht gefallen.« Ed Watkins duckte sich mit seiner Fackel in der Hand unter den tief hängenden Zweigen einer Weide hindurch. Neben ihm stapften Carlos und Dan über den Hof, ebenfalls jeder mit einer Fackel bewehrt. Sie führten ihre Reittiere am Zügel, bereit, zu tun, was nötig war, um den angerichteten Schaden zu begrenzen.
Vor dem Blockhaus ihres Arbeitgebers machten sie Halt. Die Fenster lagen in tiefer Dunkelheit. Nirgends war ein Lichtschein zu erkennen. Während ihre Fackeln in den Himmel rußten, bellte irgendwo in der Ferne ein Kojote.
»Und wer bringt dem Boss die schlechten Neuigkeiten bei?«, fragte Dan und trat von einem Fuß auf den anderen. Auf seine Frage breitete sich Schweigen aus wie zäher Nebel.
Schließlich trat Carlos vor und murmelte einen Fluch. »Ich werde es tun ...«
»Was zur Hölle ...?«
Mit einem wütenden Schnauben fuhr Morton Greaves aus dem Schlaf und starrte in die nächtliche Dunkelheit. Das wilde Hämmern von Fäusten gegen seine Haustür hatte ihn geweckt. Und wenn er eines verabscheute, dann war es, aus seinem wohlverdienten Schlummer gerissen zu werden.
Hitze ballte sich in seinem Magen zu einem wütenden Feuerball zusammen.
»Boss?« Die tiefe, grollende Stimme erinnerte an Gewitterdonner und gehörte Carlos, seiner rechten Hand.
Damit war an Schlaf nicht mehr zu denken. Wenn Carlos es wagte, ihn um diese Zeit zu stören, musste die Kacke am Dampfen sein.
Er zerbiss einen Fluch zwischen seinen Zähnen.
Neben ihm rührte sich Josephine im Bett. Die dralle Schöne räkelte sich und ließ ihre Hand auf seine Brust sinken. Sie kraulte die graumelierten Härchen, bis er ihren Arm unsanft zur Seite schob, sich aufsetzte und die Beine aus dem Bett schwang. Mit knirschenden Zähnen verwünschte er Carlos und den Rest der Welt.
Er drehte die Öllampe auf dem Nachtschrank höher, bis der Raum in sanftes Licht getaucht wurde. Seufzend drehte sich Josephine weg. Die Decke verrutschte und präsentierte ihm ihre nackte Kehrseite. Das Lampenlicht tauchte ihre seidenweiche Haut in einen verlockenden Schimmer, aber Greaves hatte jetzt keinen Blick dafür übrig.
Er stand auf und tappte barfuß aus seinem Schlafzimmer, die Treppe hinunter und zur Haustür. Er schob den Riegel zurück und drehte den Knauf.
Die Tür schwang auf und ließ einen kalten Windstoß herein. Nackt, wie er war, trat er vor seinen nächtlichen Besucher hin.
Wenn sich Carlos daran störte, dass sein Boss keinen einzigen Faden am Leib trug, so zeigte er es nicht. Er zuckte mit keiner Wimper, als er vortrat und grüßend eine Hand an seinen staubigen Hut legte.
Carlos war ein Hüne von einem Mann. Eine Fülle rabenschwarzen Haares ringelte sich unter seinem Hut hervor. Sein offener Hemdkragen entblößte eine fingerbreite gerötete Narbe, die sich einmal quer um seinen Hals zog. Die Narbe einer Henkersschlinge. Carlos dachte nicht im Traum daran, sie zu verstecken. Stattdessen trug er sie wie ein Ehrenmal.
Sein Zeichen, dass er über den Sensenmann triumphiert hatte und mit dem Leben davongekommen war, als sein Ende eigentlich bereits besiegelt war.
Er hatte als Wachposten bei Greaves angefangen und sich mit seiner Loyalität und seinem Mut hochgearbeitet. Inzwischen führte er die Männer an und sorgte dafür, dass alle spurten und sich keiner an etwas vergriff, das ihm nicht gehörte.
»Sorry, dass ich Sie wecken musste, Boss«, grollte er.
Greaves kniff die Augen zusammen. »Wehe, es ist nicht wichtig.«
»Ist es. Sonst wären wir nicht hier.« Carlos deutete mit der Fackel in seiner Hand zu den beiden Männern, die sich hinter ihm in respektvollem Abstand hielten. Ed Watkins und Dan, zwei verlässliche Männer, die nie viele Fragen stellten, sondern taten, was von ihnen verlangt wurde. Hinter ihnen scharrten ihre Pferde auf dem festgestampften Boden.
Greaves heftete seinen Blick wieder auf Carlos. »Was ist los?«
»Gibt Ärger, Boss.«
»Geht es auch etwas genauer?«
»Eines der Mädchen ist verschwunden.« Carlos nahm seinen Hut ab und kratzte sich im Nacken. »Die kleine Französin ...«
Greaves fluchte. »Warum stehen wir dann noch hier herum? Geh und sattle mein Pferd. Ich bin in fünf Minuten bereit für den Aufbruch.«
Damit schlug er seinem Besucher die Tür vor der Nase zu, strebte immer drei Stufen auf einmal nehmend die Treppe nach oben und machte sich daran, sich anzukleiden, ohne auf die schlafende Josephine zu achten.
Ausgerechnet die kleine Französin war ihnen entwischt.
Hölle und Verdammnis.
Das passte ihm gar nicht.
Das Girl hatte Qualitäten, nach denen sich die Gents alle Finger ablecken würden. Eine wahre Goldgrube. Das war sie. Außerdem wusste sie mehr, als gut für sie war. Sie mussten das Mädchen wieder einfangen – und das so schleunigst!
Wenig später war er angezogen, stülpte seinen Hut auf und lenkte seine Schritte wieder nach unten.
Offiziell leitete er die Bank von Hobson und führte das Leben eines angesehenen Geschäftsmannes. Nebenher jedoch betrieb er noch ein anderes ... Geschäft. Einträglicher als jede seiner Banktransaktionen. Allerdings auch mit Ärger verbunden.
So wie in dieser Nacht.
Er war jedoch nicht so weit gekommen, weil er sich kampflos die Butter vom Brot nehmen ließ. O nein. Er würde das Girl wieder einfangen und dafür sorgen, dass sie von weiteren Fluchtversuchen absah ...
Während er in Gedanken schon einen Plan schmiedete, wie er dabei am besten vorging, und die Hand nach dem Türknauf ausstreckte, wurde die Tür am Ende des Korridors geöffnet und eine zierliche Gestalt erschien. Sie trug ein bodenlanges weißes Nachthemd und hielt eine Kerze in ihrer Hand, die ein warmes Licht auf ihr Gesicht warf. Violet. Seine Tochter. Sein Augenstern und irgendwann vermutlich auch der letzte Nagel für seinen Sarg. Sie war bildhübsch mit ihrem herzförmigen Gesicht, den vollen Lippen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, und den blonden Locken, die sich nie ganz bändigen ließen und ihr wildes Temperament verrieten.
»Was ist denn los, Dad?«, fragte sie ihn. »Warum ist Carlos mitten in der Nacht hergekommen?«
»Darum musst du dich nicht sorgen. Ich kümmere mich schon um alles.«
»Aber ...«
»Geh wieder in dein Zimmer«, bellte er.
Es war keine Bitte. Das wussten sie beide.
Schweigend wandte sich Violet um und verschwand so leise, wie sie gekommen war, wieder in ihrem Zimmer. Sie ging jedoch nicht, ohne ihm vorher einen forschenden Blick zuzuwerfen. Einen Blick, den er noch allzu gut von ihrer verstorbenen Mutter kannte. Es war dieser Blick, der besagte, dass sie ihn besser kannte, als ihm lieb sein konnte.
Violet lebte hier draußen mit ihm – und sie bekam vieles von seinen Geschäften mit. Zu viel. Das war nicht gut für sie. Womöglich sollte er doch überlegen, sie zu ihrer Tante nach Chicago zu schicken. Dort würde sie nichts von seinen Geschäften mitbekommen. Doch er war nicht bereit, auf ihre Gesellschaft zu verzichten.
Nein, Chicago war keine Option.
Er trat vor sein Haus und warf die Tür hinter sich zu.
Seine Männer waren bereits aufgesessen. Carlos hielt sein Pferd am Zügel. Greaves schwang sich in den Sattel und drehte den Kopf.
»Wo ist sie hin?«, bellte er.
»Schätze, wo sie immer hinlaufen, wenn sie wegwollen«, gab Carlos zurück. »Runter zum Fluss und dann über die Brücke zur Stadt.«
»Wir müssen sie vorher einholen, sonst wird es schwer, die Sache zu vertuschen«, warf Dan ein. »Ich meine ...«
Carlos brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.
Greaves packte die Zügel fester und befahl: »Also los!«
Sie stießen ihren Reittieren die Absätze in die Seiten und trieben sie an.
Unter dem rußenden Schein der Fackeln preschten sie durch die Nacht, dass Staub und Grasbatzen unter den Hufen ihrer Pferde aufgewirbelt wurden.
Bald lag sein Anwesen hinter ihnen.
Sie sprachen kein Wort, hielten jedoch die Augen offen.
Tief hängende Zweige peitschten ihre Haut und zerrten an ihrer Kleidung, aber sie wurden nicht langsamer.
Sie waren eine gute Stunde scharf geritten, als Dan den Arm hob und nach vorn deutete. »Da! Seht ihr das?«
Tatsächlich zeichnete sich vor ihnen ein heller Fleck in der Dunkelheit ab. Ein Fleck, der sich bewegte. Vor ihnen rannte eine schmale Gestalt mit gerafften Röcken den Trail entlang. Es war eine junge Frau, beinahe noch ein Mädchen. Stolpernd stürmte sie vorwärts und schrie auf, als Carlos sein Pferd neben sie brachte, sie am Arm packte und zu sich in den Sattel hob, als wäre sie nicht schwerer als eine Feder.
Er legte sie quer vor sich über den Sattel.
Ihr Kleid rutschte hoch und enthüllte, dass sie barfuß war. Ihre Füße waren schmutzig und bluteten. Das war nicht gut. Sie würden sich darum kümmern müssen. Wenn sie krank wurde oder gar starb, nutzte sie ihm nichts.
Sie brüllte und zappelte, hieb nach Carlos und schimpfte auf Französisch. Doch der lachte nur. »Nur immer weiter so. Viele Gents lieben Girls mit Feuer im Blut. Du wirst unseren Boss zu einem verdammt reichen Mann machen.«
Sie erstarrte mitten in der Bewegung und sah furchtsam zu ihm auf.
Greaves musterte sie schweigend. Sie konnte nicht älter als fünfzehn sein und war schon jetzt von einer überragenden Schönheit. Sie würde ihm viele Jahre Geld einbringen, sobald sie erst richtig angelernt und erblüht war. Dafür würde Josephine schon sorgen. Sie hatte ihre Mittel und Methoden, um die Mädchen gefügig zu machen.
Zufrieden nickte er, als das Girl keinen weiteren Widerstand wagte.
»Reiten wir zurück«, befahl er und trieb sein Pferd wieder an.
Seine Männer folgten ihm.
Schweigend ritten sie zurück.
Als sich sein Haus vor ihnen abzeichnete, waren die meisten Fenster hell erleuchtet. Offenbar hatte der Zwischenfall seinen gesamten Haushalt auf die Beine gebracht. Greaves knirschte mit den Zähnen.
Im Näherreiten sah er seine Tochter am Fenster stehen. Violet hielt einen Morgenmantel vor ihrer Brust zusammen und sah ihnen mit großen, bestürzten Augen entgegen. In ihrem Gesicht zeichnete sich Mitgefühl für das Girl aus, das sich vor Schmerzen stöhnend vor Carlos auf dem Sattel wand.
Sie dauerte Violet. Das konnte er deutlich sehen.
Wie es schien, würde er sie wieder einmal daran erinnern müssen, dass er all das nur für sie tat. Damit sie eine sichere Zukunft hatte.
Er war schließlich kein Monster.
Er war Geschäftsmann.
✰
Das gleichmäßige Rumpeln der Postkutsche hatte drei der vier Reisenden in einen unruhigen Schlummer verfallen lassen. So schien es zumindest.
Die beiden jungen Frauen, die Lassiter gegenübersaßen, hielten die Köpfe zueinander geneigt und die Augen geschlossen. Wann immer ein Blitz vor dem Schiebefenster der Kutsche aufflammte und das Innere des Gefährts in fahles Licht tauchte, war zu erkennen, dass sie beide bildhübsch waren – eine mit braunen Locken und einem herzförmigen Gesicht, die andere mit schwarzen Haaren und hohen Wangenknochen, die ihr trotz des schlichten braunen Reisekleides ein aristokratisches Aussehen gaben. Ihre Kleider waren einfach, aber sauber und warm.
Neben Lassiter hatte ein Mann in einem wollenen grauen Anzug Platz genommen. Seine dunklen Haare waren an den Schläfen bereits grau und lichteten sich über der Stirn. Er hielt seinen Hut auf dem Schoß und die Augen geschlossen. Seine zuckenden Augenlider gaben jedoch Anlass zum Zweifel, ob er wirklich schlief.
Kräftiger Regen trommelte auf das Dach der Kutsche, und hin und wieder fegten Sturmböen über das Gefährt hinweg und rüttelten spürbar an dem Wagen, als wollten sie ihn aus der Spur bringen. Wasser spritzte unter den großen Rädern auf. Immer wieder zerrissen Blitze das nachtdunkle Firmament wie silbrige Klingen.
Nein, dieser Abend war nicht zum Reisen gemacht.
Lassiter nahm an, dass noch eine Strecke von zwanzig Meilen vor ihnen lag. Vor ihrem Ziel – Hobson – gab es keine Siedlungen mehr, keinen Ort, an dem sie Schutz finden würden. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Fahrt fortzusetzen.
Doch statt nachzulassen, wurde das Unwetter schlimmer und schlimmer.
Wie Kanonenschläge hallte der Donner, und in den Regen mischten sich Hagelkörner, die wie Fäuste auf das Gefährt einschlugen und alles weiß machten.
Lassiter beneidete weder den Kutscher noch dessen Gehilfen um den Platz hinter den Pferden. Das schmale Vordach würde den beiden Männern kaum Schutz bieten.
Und die Pferde ... Wie lange würden sie dem Tosen des Wetters noch standhalten, bevor sie unruhig wurden und womöglich durchgingen?
Im Gegensatz zu seinen Mitreisenden war Lassiter hellwach.
Er lauschte auf das Schlagen der Räder und das Wiehern der Pferde.
Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, auf der Hut zu sein – und bereit, den Unwägbarkeiten einer Reise zu begegnen. Wachsamkeit hielt einen Mann hier draußen am Leben. Ganz gleich, ob er auf einem Pferd oder in einer Kutsche saß.
Also gab er acht.
Er war auf dem Weg nach Hobson. Ein alter Freund aus seinen Tagen bei der Army hatte sich dort niedergelassen: Charlie Bradford. Ein ebenso schweigsamer wie verlässlicher Mann, mit dem Lassiter so manche Schlacht geschlagen und Kämpfe überlebt hatte, von denen ihm nur Blut und Verderben in Erinnerung geblieben waren. Charlie würde bald heiraten und hatte Lassiter gebeten, als sein Trauzeuge zu fungieren.
Dass es ihm gelungen war, Lassiter ausfindig zu machen, zeugte von der Aufrichtigkeit seiner Bitte. Als Agent, der im Auftrag der Brigade Sieben überall dorthin eingriff, wo sich die örtlichen Sternträger die Zähne ausbissen, war Lassiter ständig unterwegs und schwer zu finden. Seine Aufträge waren ebenso geheim wie sein Aufenthaltsort. Nur wenige Kontaktmänner wussten darüber Bescheid – und die waren über den ganzen Kontinent verstreut.
Die Brigade Sieben hatte gerade keinen Auftrag für ihn. Das konnte sich jeden Moment ändern, aber er hoffte, dass seine Auftraggeber ihm wenigstens die Zeit ließen, um an der Trauung seines alten Freundes teilzunehmen.
Wieder ein Blitz.
Der kurze Lichtschein enthüllte, dass sich der Reisende neben Lassiter vorgebeugt hatte und seine Hand nach der Kette mit dem silbernen Medaillon ausstreckte, die eine der beiden Frauen um den Hals trug. Nach allem, was er während ihrer Unterhaltung aufgeschnappt hatte, war ihr Name Briana. Die Frau neben ihr war ihre Schwester Amy. Wie dürre Spinnenbeine näherten sich die Finger des Graubarts dem Schmuckstück ...
Da schnellte Lassiters Arm vor, und seine Faust schloss sich um das Handgelenk des Langfingers.
»Stopp«, warnte er. »Wenn Sie mit all Ihren Fingern in Hobson ankommen wollen und diese auch noch heil sein sollen, Sir, würde ich vorschlagen, Sie behalten sie für den Rest der Reise bei sich.«
Der Graubart stieß ein Wimmern aus und wand sich in seinem Griff.
»Sie tun mir weh!«
»Haben Sie verstanden, was ich Ihnen gesagt habe?«
»Sie elender ...« Der Graubart verwünschte ihn und seine weiblichen Vorfahren.
Lassiter blieb ungerührt. »Haben Sie das verstanden?«
»Ja ... ja«, keuchte er. »Hab verstanden.«
»Gut.« Lassiter gab sein Gegenüber frei.
Der Graubart rieb sich das Handgelenk und starrte ihn finster an. Draußen jagte nun ein Blitz den anderen, und so war deutlich die Furche zwischen den grauen Augenbrauen des anderen Mannes zu erkennen.
Lassiter hielt seinem Blick stand, bis der Graubart mit einem weiteren gemurmelten Fluch den Kopf gegen die Polster lehnte und seinen Hut über das Gesicht stülpte.
»Wer schläft, sündigt nicht, was?« Ein Lächeln schwang in der hellen Stimme mit. Die schwarzhaarige Frau hatte inzwischen die Augen geöffnet und sah zu Lassiter auf. »Haben Sie vielen Dank, dass Sie die Kette meiner Schwester gerettet haben. Briana hat sie von unserer Mutter bekommen. Sie wäre todunglücklich gewesen, wenn sie gestohlen worden wäre.«
»Auf Reisen sollte sie ihren Schmuck besser unter ihrem Kleid tragen.«
»Das ist wahr. Ich werde es ihr sagen, sobald sie aufwacht.« Sie lehnte sich vor und schenkte Lassiter ein dankbares Lächeln. »Wir sind beide das Reisen nicht gewöhnt und haben keine Erfahrungen darin. Das ist das erste Mal, dass wir unsere Heimatstadt verlassen.«
»Wollen Sie Verwandte besuchen?«
»Nein, das nicht, aber wir haben Aussicht auf gute Anstellungen als Gouvernante.«
»Sie wollen Kinder hüten?«
»Und unterrichten.« Sie nickte lebhaft. »In der Zeitung war eine Annonce. Briana hat sie entdeckt. Im Westen werden Gouvernanten für die Kinderbetreuung gesucht. Wir haben an die angegebene Adresse geschrieben und bekamen postwendend Antwort. Man hat uns die Fahrt bezahlt und jeder von uns eine Stellung in Aussicht gestellt. Die Bezahlung ist mehr als anständig. Wir werden sogar etwas sparen können, um uns irgendwann ein Haus zu kaufen und einen eigenen Laden zu eröffnen. Eine Schneiderei. Davon träumen wir schon lange.«
»Dann ist das hier also ein Schritt in ein neues Leben?«
»So könnte man es nennen. Daheim waren wir sieben Geschwister. Der Hunger war ein häufiger Gast bei uns. Ich habe eine Weile bei einem Arzt als Helferin gearbeitet, und Briana war Zimmermädchen, aber die Gäste in dem Hotel waren oft ... unfreundlich.« Ihre Wangen röteten sich. »Wir wollten das beide nicht mehr. Also reisen wir in den Westen und fangen neu an.«
»Dann wünsche ich Ihnen, dass sich Ihre Träume erfüllen.«
»Danke ...« Sie stockte und neigte fragend den Kopf. »Ich weiß gar nicht, wie Sie heißen.«
»Lassiter«, erwiderte er und deutete eine Verbeugung an. »Ist Hobson Ihr Ziel?«
»Nein. Wir werden an der Kutschenstation abgeholt und müssen noch ein Stück weiter reisen. Unser neuer Arbeitgeber schickt jemanden, um uns abzuholen.«
»Würden Sie mir erlauben, bis Hobson auf Ihre Schwester und Sie aufzupassen?« Lassiter warf ihrem nunmehr scheinbar wiederum schlafenden Mitreisenden einen langen Blick zu. »Ich würde ihm ungern doch noch ein paar Finger brechen müssen.«
»Das wäre ihm sicherlich auch lieber.« Sie nickte bedächtig. »Und ich wäre Ihnen von Herzen dankbar, wenn Sie für den Rest der Fahrt ein Auge auf uns haben könnten.«
»Es wird mir eine Freude sein«, erwiderte er.
Wie hätte es bei zwei so reizenden Ladys auch anders sein können?
Lassiter beschloss, wachzubleiben und dafür zu sorgen, dass weder der Graubart noch irgendjemand anderes den beiden Ladys ein Leid zufügte. Bis Hobson würde er auf sie aufpassen und sie dann in die Obhut ihres neuen Arbeitgebers geben. Sie würden wohlbehalten an ihrem Ziel ankommen.
Trotz des Vorsatzes hatte er ein mulmiges Gefühl im Magen. Als wäre der Plan der beiden Schwestern zu gut, um wirklich echt zu sein.
Was störte ihn nur dermaßen daran?
✰
»Hooobson! Wir erreichen Hoobson!«