Latent Wild - Kirk Spader - E-Book

Latent Wild E-Book

Kirk Spader

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Beschreibung

Temporeich, schräg und wahnsinnig lustig: Tom Baum hat Probleme. Als ihn ein Pfeilgiftfrosch im Zoo berührt, bekommt er "animalische" Schübe, von denen er später nichts mehr weiß. Keine guten Voraussetzungen, wenn man gerade eine Bank mit Schieflage geerbt hat. Zu allem Überfluss verliebt sich Tom kurz vor seiner geplanten Hochzeit unsterblich in eine Andere. Tom muss alles geben, um die Bank zu retten, die Annäherungsversuche der dominanten Psychologin Frau Dr. Mildred Mehltau-Brechler abzuwehren und ein echter Businessman zu werden, damit er die Bank an japanische Investoren verkaufen kann, bevor alles den Bach runtergeht. Erschwerend kommt hinzu, dass er bald eine Leiche am Hals hat, die sich einfach nicht beseitigen lässt. Zusammen mit Helfried, dem genial- verrückten Ingenieur; Toms indischem Freund Lama und natürlich mit Unterstützung seines mysteriösen Mieters Goswin, kämpft er sich durch eine wilde Zeit. »Latent Wild« ist der zweite Teil nach »Latent Doof« von Kirk Spader.

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Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Kirk Spader

Latent Wild

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Temporeich, schräg und wahnsinnig lustig: Tom Baum hat Probleme. Als ihn ein Pfeilgiftfrosch im Zoo berührt, bekommt er »animalische« Schübe, von denen er später nichts mehr weiß. Keine guten Voraussetzungen, wenn man gerade eine Bank mit Schieflage geerbt hat. Zu allem Überfluss verliebt sich Tom kurz vor seiner geplanten Hochzeit unsterblich in eine andere.

Tom muss alles geben, um die Bank zu retten, die Annäherungsversuche der dominanten Psychologin Frau Dr. Mildred Mehltau-Brechler abzuwehren und ein echter Businessmann zu werden, damit er die Bank an japanische Investoren verkaufen kann, bevor alles den Bach runtergeht.

Erschwerend kommt hinzu, dass er bald eine Leiche am Hals hat, die sich einfach nicht beseitigen lässt.

Zusammen mit Helfried, dem genial-verrückten Ingenieur; Toms indischem Freund Lama und natürlich mit Unterstützung seines mysteriösen Mieters Goswin kämpft er sich durch eine wilde Zeit.

 

»Latent Wild« ist der zweite Teil nach »Latent Doof« von Kirk Spader.

Inhaltsübersicht

Widmung

Jedes Buch mit einem [...]

1   Bambini

2   Ein Motor, zum Heulen schön

3   Heiratsantrag, Ergebnis unerwartet

4   Killer, der Mutanten-Lori

5   Nicht korrekt gedacht

6   Der Okopipi-Zwischenfall

7   Dr. Wahnsinn

8   Über Gott sprechen wir noch – später

9   Ein frisch erlegter Notar

10   Neureich. Bankdirektor. Gefährlich.

11   Big Business

12   Planungen sind auch nur Optimismus

13   Verhängnisvolle Kollision

14   Das Anti-Angst-Institut

15   Dr. Mildred Mehltau-Brechler und ein Geist

16   Mai-Mai

17   Shopping in feindlicher Umgebung

18   Lamapatamajama Rutonoparamaraj

19   Siri hoch zwei

20   Lebensende mit drei Buchstaben

21   Wenn Mobiltelefone zu sehr lieben

22   Eine Walnuss und ein Todesfall

23   Eine Pizza mit »Alles«

24   Mission Friedhof

25   Wer ist Milou?

26   Klassenunterschiede

27   Keine Leiche im Keller – aber im Kofferraum

28   Der Businesskurs

29   Nachts im Zoo

30   Businesskurs, Tag 2

31   Spreewaldgurke

32   Junggesellenabschied

33   Hangover mit Elvis

34   Der befahrbare Kleiderschrank

35   Die Japaner

36   Betonschuh-Polka

37   Wilde Gedanken

38   Hochzeitstag

39   Auf der Jagd

40   Epilog

Danksagung

Noch ein weiterer brüllend komischer Roman von Kirk Spader: »Latent doof«

 

 

 

Für dich.

 

 

 

Jedes Buch mit einem literarischen Mindestanspruch beginnt an dieser Stelle mit einem hochgeistigen Zitat.

 

Also bringen wir das hinter uns:

 

 

Wasser ist nass

(Alte Weisheit)

1   Bambini

Heute war ein guter Tag. Noch vor einem Jahr um diese Zeit hatte ich deprimiert auf der Terrasse meines Hauses im Gallwitzweg gesessen und geglaubt, ich litte an einer unheilbaren Krankheit.

Seitdem war eine Menge passiert: Mein Haus war bei einem Raketenstart explodiert, dafür hatte ich eine Villa am Aasee von meinem Onkel Eberhard Lavendel geerbt. Meine Nachbarin Sirena, in die ich mich unsterblich verliebt hatte, war nicht mehr meine Nachbarin, sondern die Frau, der ich heute Nacht einen Heiratsantrag machen wollte.

Dann war da noch meine mörderische Stiefschwester, Milou, die war aber in Australien verschollen und stellte keine Gefahr mehr dar.

Mein früherer Mieter Goswin van Endt war immer noch mein Mieter, jetzt in der Villa. Als er damals am Gallwitzweg einzog, hatte er darauf bestanden, dass wir uns nicht persönlich kennenlernten und jeglicher Kontakt nur per SMS stattfinden solle. Ich hatte darauf spekuliert, ihn bei seinem Umzug in die Villa endlich mal leibhaftig zu sehen, doch an dem Wochenende, als er hier einzog, war ich mit Sirena auf Kurzurlaub in Lugano. Ich wusste also immer noch nicht, wie er aussah. Aber das störte mich nicht wirklich. Er war Programmierer für Handy-Apps und wir hatten zusammen einen Onlineshop für Designer-T-Shirts, die wir unter dem Label »StyleFire« verkauften. Mittlerweile hatten wir noch andere Produkte entworfen, und das Geschäft brummte.

»Priwjet, Direktor, wolltest du nicht heute dein neues Auto abholen?« Die Stimme war rau und klang nach einem Braunbären im Stimmbruch. Ihr Besitzer sah auch aus wie ein Bär.

Sie gehörte meinem Exnachbarn Helfried Barnum, der jetzt in unserem Gartenhaus wohnte. Er trug bei jeder Temperatur Armeehose, schwere Stiefel und eine Fellweste. Sein Kopf sah aus wie ein Fußball, den man komplett mit Haaren beklebt hatte. Deswegen nannte ich ihn insgeheim »Wookie«, wie Chewbacca aus »Krieg der Sterne«. Ich hatte noch nie jemanden getroffen, der so leidenschaftlich heimwerkte. Sein Projekt, eine Arche zu bauen, hatte er Gott sei Dank verworfen. Er arbeitete jetzt in seiner Hütte an einer Apparatur, deren Zweck mir nicht in den Kopf wollte. Ich hatte ihn gefragt, was er da mache, aber keine Antwort bekommen. Auf die Frage, ob das Ding Schaden anrichten könne, hatte er den Kopf geschüttelt. Trotzdem war ich misstrauisch. Helfried war ein ehemaliger russischer Raketenkonstrukteur, und sein letztes Projekt hatte den größten Teil des Gallwitzweges in einen Krater verwandelt.

»Karacho. Glaub mir, ich habe das nicht vergessen. Das Autohaus ruft mich an, wenn er abholbereit ist.«

Helfried grunzte »Es heißt Karascho, du Kapitalist«, und verschwand wieder in seiner Werkstatt.

Mein neues Auto. Heute war der große Tag. Mein altes Gefährt, ein Opel Admiral in Mattschwarz, Breitreifen, rassig wie eine Vollblutstute, hatte sein Leben in einer Schrottpresse ausgehaucht. Nicht, weil der Wagen Schrott gewesen war, sondern weil ein ungeduldiger Geldeintreiber und sein Helfer uns in dem Auto in der Presse entsorgen wollten. Der Würfel aus Metall, den ich, als er noch mein Auto war, einst zärtlich »Lara« getauft hatte, stand jetzt in unserem Wohnzimmer. Ich hatte den Verlust erst vor zwei Monaten verwunden und beschlossen, dass die Zeit für einen neuen fahrbaren Untersatz gekommen war. Münster war zwar die Stadt der Radfahrer, aber ein Mann brauchte ein Auto. Und zwar ein richtiges.

»WAS FÜR EIN WAGEN WIRD ES DENN JETZT«, simste Goswin. Er nervte mich seit zwei Wochen mit seiner Neugier. Seine SMS zeichneten sich immer durch das völlige Fehlen von Satzzeichen aus.

»Ein Leichenwagen mit Kippvorrichtung«, schrieb ich zurück. Ich genoss es, meinen neugierigen Mieter auf die Folter zu spannen.

»Tom, möchtest du auch ein San Pellegrino?« Sirena war hinter mir aufgetaucht, und prompt kollidierten auf dem Rundweg um den Aasee zwei männliche Jogger, die zu uns rübergestarrt hatten. Es wurde wirklich Zeit, einen Sichtschutz zu dem vielbevölkerten Naherholungsteich aufzubauen, aber ich wollte mir die Aussicht auf den künstlichen See nicht nehmen.

Sirena schenkte uns das italienische Blubberwasser ein und reichte mir ein Glas. »Oder lieber einen Wein für dich?«

Sirena machte gerade wieder eine ihrer Modeldiäten. Kein Alkohol und täglich nur eine Handvoll getrockneter exotischer Früchte, deren Namen ich nicht aussprechen konnte, vertrieben jede Fettzelle aus ihrem wundervoll geformten Körper. Ich sah auf meinen Bauchansatz, den man nicht mal mehr im Ansatz »Ansatz« nennen konnte. Eher Miniplauze. Vielleicht sollte ich auch meine Ernährung überdenken. Aber Sirena schien es nicht zu stören, dass ich etwas »griffiger« geworden war in den letzten Monaten.

»Danke, mio cuore, aber ich muss noch fahren, ich warte nur auf den entscheidenden Anruf von Klonk.«

»Ah, si, dann kannst du endlich wieder ruhig schlafen. Du hast ja jedes YouTube-Video von dem Auto gesehen jetzt. Hoffentlich gefällt der Wagen dir. Weißt du, ich bin ein bisschen eifersüchtig auf dieses Ding …«

Sie setzte sich auf meinen Schoß und prostete den Joggern zu, die sich die verbeulten Köpfe rieben. Sirena auf dem Schoß zu haben war ungefähr so, als wenn man eine komplette Schachtel Viagra in Energydrink aufgelöst getrunken hätte. Sie trug nur einen gelben Bikini, der ihre Bräune und die langen, zurzeit mahagonifarbenen Haare betonte. Sie hätte aber auch in einem Godzillakostüm noch verboten erotisch ausgesehen. Es war einfach die Art, wie sie sich bewegte, wie sie sprach, ihre Lippen, alles an ihr war verboten schön. Sie war gebürtige Italienerin und hatte eine Menge Temperament. Allerdings entwickelte sie in letzter Zeit einige Allüren. Wir küssten uns, und ich wollte sie gerade in eines der sechs Schlafzimmer entführen, als mein Handy klingelte.

Ich schielte auf das Display, auf dem ich »Klonk« las. Das Autohaus. Jetzt galt es, Prioritäten zu setzen.

Wenn ich Sirena heute einen Heiratsantrag machen wollte, konnte ich jetzt nicht aufspringen und gehen. Und das wollte ich auch gar nicht. Eigentlich. Das Auto konnte warten. Es war nur ein Auto. Ein Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu kommen. Einkäufe zu transportieren. Nur ein Auto.

»Reiß dich zusammen, Tom«, sagte eine innere Stimme, und ich konzentrierte mich aufs Küssen.

»Die verkaufen die Karre an jemand anderen, wenn du nicht zurückrufst«, flüsterte eine gemeine zweite Stimme in meinem Kopf.

Ich trug Sirena ins Haus, wobei ich es schaffte, mir das Handy in die Hosentasche zu schieben. Es vibrierte, doch ich ignorierte es. Zweiundsiebzig Treppenstufen höher steuerte ich das erste Schlafzimmer im Nordflügel an, das Sirena und ich Mario/Angelina-Zimmer getauft hatten. Eigentlich waren Kinder in meinem Lebensplan nicht vorgesehen gewesen, aber Sirena hatte den Plan umgeworfen. Ich war überrascht gewesen, dass sie als Model über Kinder nachdachte, aber sie haute mir das Heidi-Klum-Beispiel um die Ohren. Und jetzt waren eine Menge Bambini vorgesehen. Damit wir bei der Namensfindung keine Probleme haben würden, hatten wir alle sechs Schlafzimmer mit einem weiblichen und einem männlichen Namen ausgestattet. Das kam daher, dass wir uns absolut nicht auf einen Namen für das erste Kind einigen konnten. Daher überließen wir das Ganze dem Zufall. Das erste Bambino würde nach dem Zimmer heißen, in dem es gezeugt werden würde. Klar, man könnte jetzt einwerfen, was wäre denn, wenn es außerhalb der Villa gezeugt würde, also im Pool oder auf dem Boot? Auch dafür gab es Namensvorschläge beiderlei Geschlechts. Eigentlich hatten wir für jeden Ort auf diesem Planeten geeignete Vorschläge gefunden.

Das Handy brummte energischer, und ich legte Sirena sanft wie ein Fass Nitroglycerin auf dem Bett ab. Das mit dem Fass Nitroglycerin klingt vielleicht etwas unromantisch, aber Sirenas Temperament war diesem Vergleich angemessen. Sie mochte es nicht, die zweite Geige zu spielen. Aber im Moment war sie die Stradivari, und mein Bogen war …DURCH DAS VERDAMMTE HANDY ABGELENKT.

Während ich ihren Bikini mit einer Hand aufhakte, was technisch völlig aussichtslos war, drückte ich mit der anderen Hand auf »Anruf abweisen«. Dachte ich. War aber das Symbol für »Freisprechen«.

»KLONK! Bist du das, Tom? Dein Auto steht hier und wartet darauf, dass du mit ihm ausreitest. Ist eine echte Schönheit! Hatte eben schon zwei Hipster hier, die sich für die Kiste interessieren. Ich hab DIR das Teil zwar gebaut, aber wenn du es doch nicht haben willst …« Verdammt.

»TOM! Du bist so …unromantisch! Fahr hin und hol dein neues Spielzeug! Ich habe keine Lust mehr auf dich heute! Stronzo!« Weg war sie. Sie hatte ja recht. Ich war besessen von dem Wagen. Trotzdem gingen mir ihre Temperamentsausbrüche in letzter Zeit zunehmend auf den Keks. Wo war die Frau, die ich noch vor einem Jahr als warmherzige und begehrenswerte Nachbarin hatte? Wann hatte sie sich in die Diva verwandelt, die mir jeden Tag zur Hölle machte? Ich meine, viele Paare stritten miteinander, um danach »Versöhnungssex« zu haben. Aber unsere Streitereien endeten immer öfter nicht in Zärtlichkeiten, sondern seitens Sirena im Werfen von zerbrechlichen (meist teuren) Gegenständen und meinerseits im Ausweichen vor Geschirr oder chinesischen Vasen.

Den Heiratsantrag würde ich ein paar Tage verschieben, und »Mario« oder »Angelina« würden auch noch etwas warten müssen.

2   Ein Motor, zum Heulen schön

Zwanzig Minuten später hatte mich ein Taxi bei Klonk abgesetzt. Ich gab dem Fahrer kein Trinkgeld, weil er roch wie ein Aal und der Begriff Freundlichkeit für ihn offensichtlich etwas Exotisches war. Außerdem fuhr er so langsam, dass ich während der Fahrt an dem Taxi einen Reifen hätte wechseln können.

Mein Herz klopfte, als ich das Büro betrat. Wobei, »Büro« war maßlos übertrieben. Klonks Classic Monsters war kein Autohaus, sondern der Firmenname eines wahren Künstlers. Er kaufte vor Ort in den USA alte Classic-Cars und verschiffte sie nach Münster. Hier machte er aus den Wracks mit viel Liebe zum Detail echte Kunstwerke. Vom ursprünglichen Auto blieben nur Karosserie, Fahrgestell und Armaturen. Alles andere war Hightech. Die Motoren baute ein Kumpel von Klonk komplett selbst. V8-Motoren, die so schön waren, dass man beim Öffnen der Motorhaube heulen musste.

Klar war auch, dass Klonk Autos mit weniger als fünfhundert PS als »Shoppingschaukeln« bezeichnete und jedes seiner Fahrzeuge ein Unikat war.

»He, Admiral! Bist ja doch noch gekommen. Ich hoffe, ich hab nicht bei was Wichtigem gestört …« Er nannte mich immer Admiral, seitdem er eine SMS von Goswin mitgelesen hatte, in der mein indiskreter Mieter mein geliebtes Vorfahrzeug erwähnt hatte.

Klonk war einen Hauch übergewichtig, sah aus wie der alternde Chef einer Biker-Gang und hatte an allen sichtbaren Stellen seines Körpers Tattoos. Und was für welche. Es waren die Logos aller wirklich coolen Automarken. Auf seinem dicken Bierbauch stand »Sixpack« in altdeutschen Buchstaben. Das wusste ich, weil er unter seiner speckigen Lederweste nie Kleidung trug.

»Was kann wichtiger sein als ein Muscle-Car?«, seufzte ich und hatte damit genau das gesagt, was Klonk hören wollte. Wohl war mir nicht bei dem Gedanken an meine Verlobte in spe, die mich ab jetzt mit fünfhundert Pferden teilen musste.

»Eben. Bist du bereit, dir den Traum in Pink anzusehen?« Pink? Mir wurde heiß.

»Hast du Pink gesagt?«

Klonk lachte, was so klang, als ob man eine Motorsäge an einen Stahlträger hält.

»War nur ’n Witz, Kumpel.« Er öffnete die Tür zu seiner Werkstatt. Man konnte Klonk alles nachsagen, nur nicht einen Hang zu Ordnung oder Sauberkeit. Die Werkstatt sah aus, als wenn man in einer TÜV-Prüfstelle ein Fass Öl gesprengt hätte.

Das traf aber nicht auf das Fahrzeug zu, das in der Mitte stand. Ein 1963er Buick Riviera »Silver Arrow« I. Als ich den Wagen bei Klonk zum ersten Mal gesehen hatte, bekam ich fast einen Herzstillstand. Er sah aus, wie man sich ein komplettes Wrack halt so vorstellt: Ein Haufen Rost, zusammengehalten durch Farbe. Doch dieses Auto wurde nicht durch Farbe zusammengehalten, das spürte ich sofort. Nein, es war, als ob der Wagen wartete. Stolz und elegant im Herzen, bis er jemanden fand, der ihn verdient hatte. Also mich.

Das war jetzt zwei Monate her. Der Motor war im Eimer, der Boden durch, Fahrgestell verzogen und so weiter, hatte Klonk geunkt. Klang teuer. Aber es war jeden einzelnen Cent wert gewesen. Ich ging auf die Schönheit zu. Ein Traum aus schwarzem, mattem Lack, Felgen aus einem Guss, dezent abgetönte Scheiben.

Klonk sagte: »Atme mal wieder, Junge«, womit sich mein Schwindelgefühl erklärte.

Hätte Sirena gesehen, wie ich den Wagen zum ersten Mal berührte, sie hätte mich sofort verlassen.

»Junge, da hast du dir ein wirklich schönes Auto ausgesucht. Mitchell war ein verdammtes Genie.« Das war er. Bill Mitchell hatte die schönsten Autos seiner Zeit designt.

Klonk warf mir den Zündschlüssel zu. »Setz dich rein und starte, hoffe, der Motor funktioniert.«

Ich sah ihn entsetzt an, bis ich verstand, dass er wieder einen Scherz gemacht hatte. Das Innere des Autos war eine gelungene Mischung aus Originalteilen und dezent verstecktem Hightech.

Das Geräusch, mit dem mich mein neues Auto begrüßte, als ich den Zündschlüssel drehte, werde ich nie wieder vergessen. So musste es klingen, wenn man sein Neugeborenes zum ersten Mal hörte.

Nachdem ich Klonk bezahlt hatte, der mir streng nach dem Motto »Nur Bares ist Wahres« einen Betrag, der für ein Einfamilienhaus in Seppenrade gereicht hätte, aus der Tasche geleiert hatte, öffnete sich das Hallentor.

Mann und Maschine verschmolzen zu einer Einheit. Die Hälfte der Hinterreifen blieb als Gummiabdruck auf Klonks Werkstattboden zurück, und ich brannte darauf, mein neues Gefährt an seine Grenzen zu bringen. Im Armaturenbrett wartete ein altmodisches Radio mit Kassettenrekorder auf Befüllung, und ich hatte extra für diesen Tag eine Kassette mit Metal vorbereitet. Unter der Säule im Armaturenbrett verbarg sich noch eine moderne Hi-Fi-Anlage mit CD und ein Navi, aber das konnte warten. Die erste Fahrt sollte hart und ursprünglich sein. So zog ich unter den Klängen von Guns N’ Roses’ »Paradise City« auf der linken Spur der A1 an Lkws und holländischen Wohnwagengespannen vorbei. Der Wagen war bei zweihundertvierzig Sachen abgeregelt, ein störendes Detail, das der Automechaniker meines Vertrauens demnächst noch korrigieren sollte. Warum sollte man einem Hengst, der dreihundert Stundenkilometer schaffte, einen Knoten in den …na ja, elektronisch abgeregelte Autos sind was für Memmen.

Das war nicht Fahren, das war eine Zeitreise zurück in die glorreiche Zeit echter Autos, echter Musik und echter Lebensfreude. Und echter Sirenen. Hinter mir tauchte ein Polizeiwagen auf, und ich wunderte mich, wie die Herren in Grün bei diesem Tempo mithalten konnten. Bis mir klar wurde, dass mich ein Porsche verfolgte. Ich fuhr auf den nächsten Rastplatz und die beiden Kollegen, die sich aus dem Sportwagen falteten, kamen mir unangenehm bekannt vor.

»Ach, der Herr Baum. Schmottek, wir kennen Herrn Baum doch noch, nicht wahr?« Der fülligere der beiden Gesetzeshüter rückte seine Mütze gerade und musterte mich.

»Ja, das letzte Mal hat er im Edeka randaliert und eine der Verkäuferinnen im Wald in seinem Auto verführt.« Das war zwar fast richtig, aber ich war wütend.

»Genau, und die Herren haben davon auch ein paar schöne Farbfotos gemacht, nicht wahr? Als Beweis, oder?«

»Schmottek, weißt du etwas von Fotos?«

»Nein. Das wäre ja auch illegal. Neues Auto, Herr Baum? Schickes Gerät. Wenn Sie uns dann mal die Papiere zeigen, inklusive TÜV-Abnahme und Importbescheinigung?«

Verdammt, die Importbescheinigung hatte Klonk mir nicht gegeben, und die Sonderabnahme beim TÜV stand nächste Woche noch an.

»Äh, was fahren Sie denn da, meine Herren?« Ablenken war jetzt das Beste. Ich ging zu dem Porsche.

»Einen Panamera? Ich dachte, nur die Polizei in Dubai hat solche Dienstwagen. Geht es der Stadt Münster so gut?«

»Importbescheinigung und Abnahmebescheinigung bitte, Herr Baum!«

Mein Handy summte, und ich sah auf das Display:

»ICH MACH DAS SCHON« Goswin.

Das Funkgerät im Porsche knackte, und eine Stimme sagte: »Martin 11, wir haben einen 1016 auf der Hammer Straße stadtauswärts. Abfangen und festnehmen. Täter bewaffnet.«

Die Polizisten sahen mich sauer an. »Wir sprechen uns noch.« Dann klappten sie sich wieder in den Porsche und machten sich an die Verfolgung des 1016.

»Was ist ein 1016?«, fragte ich.

»FLUECHTIGER BEWAFFNETER AUFGEBROCHENER ZIGARETTENAUTOMAT DIE JUNGS HABEN DIE POLIZEICODES NICHT DRAUF SCHAETZE ICH«

»Goswin, du Genie! Wie soll ich das wiedergutmachen?« Er hatte mir schon so oft mit seinen speziellen Talenten aus der Patsche geholfen, dass es mir fast peinlich war. Unheimlich war das, wie er jedes elektronische System dazu bringen konnte, das zu tun, was er wollte. Den Polizeifunk zu manipulieren war noch eine seiner einfachsten Übungen.

»HOER AUF SINGLE MALT WHISKY MIT CHERRYCOLA ZU MISCHEN«, simste er als Antwort.

Ich lachte und machte mich auf den Heimweg, wobei ich mich penibel an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt. Ich hatte aus dem letzten Jahr noch vierhundert Sozialstunden abzubüßen und wollte mein Glück nicht überstrapazieren. Siedend heiß fiel mir ein, dass ich morgen die ersten Stunden abarbeiten musste. Großartig. Bei über dreißig Grad im Allwetterzoo Münster Elefantenmist zu schippen war nicht gerade meine Vorstellung von Sommer. Aber ich hatte es mir selbst eingebrockt und konnte froh sein, dass ich nicht ins Gefängnis gewandert war nach der verrückten Geschichte vor einem Jahr.

3   Heiratsantrag, Ergebnis unerwartet

Und? Was sagst du?«

Sirena runzelte die Stirn, was bei ihr keinerlei Faltenwurf verursachte. Sie ging um den Wagen herum, und ihr Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

»Wie soll ich die Bambini da reinbekommen?«

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Das schönste Auto der Welt. Mein Schaaaaatz. Und sie wollte wissen, wie sie Kinder da reinkriegt, die noch nicht mal gemacht waren?

»He, du hast doch einen eigenen Wagen, den Bentley, da passt eine ganze Schulklasse rein. Das hier ist mein Auto.« Ich streichelte über die Motorhaube. Vielleicht etwas zu gefühlvoll.

»Ah! Das ist DEIN Auto. Und ich kann in diesem alten …Leichenwagen zum Einkaufen fahren!«

Das war übel übertrieben. Der »alte Leichenwagen« war ein vier Jahre alter Bentley Mulsanne, den der Chauffeur meines Onkels früher gesteuert hatte. Nur, dass wir jetzt keinen Chauffeur oder Gärtner oder sonstiges Personal mehr hatten.

Trotzdem, in den Bentley konnte man einen Schulbus quer reinstellen, also bitte.

»Was hast du gegen den Bentley?«

»Hast du mal versucht, mit diesem fahrenden Einfamilienhaus irgendwo zu parken, Tom?«

»Was schlägst du vor?«

»Ich will Bronk zurück.«

Daher wehte der Wind. Sirena hatte es immer ungerecht gefunden, dass ich den Chauffeur meines Onkels nicht weiterbeschäftigt hatte. Wenn das alles war …

»Ich rufe Bronk morgen an und sage ihm, dass er wieder für uns fahren kann, wenn er will.«

»Oh, er wird wollen, er liebt dieses Auto und dieses Haus. Und du hast ein schönes Auto gekauft.«

Sie küsste mich. Versöhnung war toll. Am gleichen Abend liebten wir uns auf dem Rücksitz meines neuen Autos. Eigentlich gab es keinen Rücksitz, nur einen engen Spalt hinter den Vordersitzen. Während wir uns küssten und uns aus den Klamotten schälten, machte ich mir Sorgen um das Leder und beschäftigte mich mit der Frage, wie das Bambino heißen sollte, falls wir heute eines machen würden. Für diesen Platz gab es noch keinen Namen. Riviera vielleicht. Eine Minute später war mir alles egal.

Als wir in dieser Nacht draußen saßen und bei Wasser und Wein auf den sternenklaren Himmel blickten, wusste ich, was ich zu tun hatte.

Verstohlen nestelte ich mein Handy aus der Tasche, wählte eine von Goswin entwickelte App aus und tippte auf ein Symbol.

Das riesige Bürogebäude auf der anderen Seeseite, das irgendwie jedes Jahr größer wurde, erwachte zum Leben, und beleuchtete Fenster formten zwei ineinander verschlungene Herzen. Sirena war begeistert.

»Tom, das ist so kitschig. Aber ich mag es. Ti amo.«

Ich rutschte auf die Knie und nahm ihre Hand. Über mir raschelte es in der riesigen Kiefer, und etwas landete auf meinem Kopf.

»Terror! Das ist mieses Timing!«, schimpfte ich. Terror war ein zahmes Eichhörnchen, praktisch unser Haustier. Er war pfiffig, und Sirena liebte ihn. Ich auch. Aber nicht jetzt.

»Willst du meine Frau werden?«, fragte ich heiser.

Sirena sah mich an. »Das geht nicht, Tom.«

Damit hatte ich nicht gerechnet. Hatte ich was falsch gemacht?

»Hab ich was falsch gemacht?«, fragte ich laut.

Sirena lächelte mild. »Nein, aber du musst erst meinen Vater fragen. Verstehst du, du musst bei ihm um meine Hand anhalten.«

Das hatte ich völlig verdrängt. In Italien war man da recht traditionell. Aber Sirenas Vater war ein netter Kerl, zumindest hatte Sirena das gesagt. Also sollte das kein Problem sein.

»Dann fahren wir morgen nach Italien«, beschloss ich.

»MORGEN MUSST DU IN DEN ZOO«, informierte mich Goswin per SMS.

»Verdammt, stimmt. Aber am Wochenende. Was sagst du, mein Herz?«

Sirena sah mich glücklich an. »Si!«

4   Killer, der Mutanten-Lori

Tom, du musst aufstehen! Du musst arbeiten!«, flüsterte Sirena in mein Ohr.

Arbeiten?

Langsam fuhr mein Betriebssystem hoch, und ich sah müde auf die Uhr: 08:05 Uhr.

»Großartig. Ich komme zu spät!« Eigentlich hätte ich schon vor fünf Minuten einen Besen in der Hand haben müssen.

In Lichtgeschwindigkeit duschte ich und schlüpfte in meine ältesten Klamotten. Dann sprühte ich mir aus Versehen nach dem Rasieren einen Stoß Calvin Klein ins Auge und stieß eine der verbliebenen chinesischen Vasen im Wohnzimmer vom Sockel. Der Tag fing gut an.

Ich musste mich zusammenreißen, nicht schneller als fünfzig zu fahren. Der Allwetterzoo war nur drei Kilometer entfernt, aber zu Fuß oder mit dem Fahrrad wäre ich noch später dort gewesen. Ich verschwendete zehn Minuten damit, einen geeigneten Platz auf dem riesigen Areal des Zooparkplatzes zu finden. Ich wollte nicht, dass der Wagen unter einer Kiefer stand (wegen der Zapfen), oder unter einer Birke (die Äste brechen bei Sturm leicht ab) oder unter einer Eiche (wegen der Tauben und der Blitze). Mitten in der Sonne sollte er auch nicht stehen, sonst könnte das Leder ausbleichen. Und nicht zu nah bei anderen Fahrzeugen, sonst hätte ich vielleicht eine Beule kassiert. Ich parkte ganz am Ende des Parkplatzes im Schatten einer Buche außerhalb der überhängenden Äste und nahm mir vor, den Wagen zwischendurch umzusetzen, wenn der Schatten wanderte.

»Ihre Eintrittskarte bitte.« Der ältere Herr mit der grünen Allwetterzoo-Münster-Weste sah mich freundlich an.

»Ich soll hier arbeiten. Bin etwas spät dran. Wo finde ich Herrn Fenwick?« Der Name stand auf dem Schreiben, das mir vom Amtsgericht zugestellt worden war. Der Mann deutete auf ein Gehege. »Dr. Fenwick. Sie gehen bei den Nasenbären vorbei, dann rechts bei den Impalas den kleinen Weg bis zur Verwaltung. Viel Spaß.«

Spaß. Na ja. Und was zum Teufel war ein Impala? Den kannte ich nur als Auto von Chevrolet. Gut, dass alle Gehege mit Hinweisschildern versehen waren. So erfuhr ich, dass ein Impala eine Schwarzfersenantilope war. Die Viecher sahen aus wie Bambi mit angeklebten Teufelshörnern.

Im Verwaltungsgebäude empfing mich ein vollbärtiger Endfünfziger wie einen verlorenen Sohn.

»Herr Baum! Bisschen spät dran, nicht wahr? Aber ich will mal nicht so sein. Sie müssen noch etwas Papierkrieg erledigen, dann bringe ich Sie zu Susanne, die zeigt Ihnen, was Sie machen sollen. Vierhundert Sozialstunden. Junge, da müssen Sie aber mächtig Mist gebaut haben. Das ist Rekord hier, nicht wahr?«

Nach dem Ausfüllen von gut zehn Formularen führte mich Dr. Fenwick zum Elefantengehege. Er war der leitende Zootierarzt, hatte er mir erzählt. Ich seufzte. Das Elefantenhaus war gerade neu gebaut worden, und man sah den Dickhäutern an, dass sie ihren neuen Lebensraum genossen. Bildete ich mir zumindest ein. Elefanten haben nun mal eine eingeschränkte Mimik.

Ich liebte den Zoo in Münster, an den ich einige unauslöschliche Kindheitserinnerungen hatte. Wie meine Halbschwester Milou mich damals in das Nashorngehege geschubst hatte, zum Beispiel. Es ist nicht lustig, wenn man mit verstauchtem Knöchel bewegungsunfähig zusehen muss, wie fünfhundert Kilo wütendes Tier mit spitzem Horn auf einen zurasen.

Auch nicht, wenn man sich einredete, dass das ein Einhorn war. Ein Pfleger hatte mich gerade noch retten können. Dafür war ich am nächsten Tag auf der Titelseite der größten Münsteraner Zeitung erschienen und hatte in der Schule damit angegeben, wie ich das Nashorn gepackt und auf den Rücken gelegt hatte. Das war einen Hauch übertrieben, aber ich hatte noch am gleichen Tag siebzehn Zettel in der Tasche von Mädchen, die mit mir gehen wollten.

»Susanne? Das hier ist Herr Baum, nicht wahr? Herr Baum, Susanne Ginster, Ihre Chefin für die vierhundert Stunden. Ich geh dann mal nach den Flamingos sehen, nicht wahr?«

Susanne Ginster sah nicht so aus, wie ich mir eine Tierpflegerin vorgestellt hatte (also wie eine russische Kugelstoßerin), sondern mehr wie Claudia Schiffer in Latzhose.

»Sie sind also unsere neue Berühmtheit. Ich bin Susanne.«

»Ja, das sind Sie, nicht wahr?«, sagte ich und starrte sie an. Sie hatte die hellsten grauen Augen, die ich je gesehen hatte. Wie der Himmel nach einem warmen Frühlingsregen oder eine Meerjungfrau, die …

»Herr Baum? Ihnen ist klar, dass das hier kein Urlaub wird, oder? Sie müssen pünktlich sein, zumindest ab morgen. Sie arbeiten vier Stunden pro Tag, außer am Wochenende. Wir fangen erst mal klein an. Das heißt, Sie sind mit Jessie zusammen heute für die Aufsicht im Lori-Gehege zuständig. Sie wissen doch, was ein Lori ist?«

Ich nickte. »Eine Echsenart.«

Susanne lachte. Es klang wie ein Glockenspiel. Herrlich.

»Ja, genau. Kommen Sie mit, Sie Experte.« So früh am Morgen war im Zoo noch nichts los, und selbst die Tiere, die ich sah, sahen aus, als ob sie erst mal einen starken Kaffee brauchen könnten. Wir passierten gähnende Schwarzbären, gähnende Papageien und gähnende Geier, die in einer riesigen Voliere darauf warteten, dass zum Frühstück ein leichtsinniger Tourist seinen Arm durch die Gitterstäbe steckte.

Wir erreichten das Elefantenhaus, in dem es nach Ammoniak und Heu roch. Die Elefanten waren bei dem Wetter natürlich draußen, und ich beneidete sie dafür. Durch eine Schleuse aus zwei Gittertüren ging es in einen Raum mit künstlichen Felsen und echten Bäumen, auf denen kleine bunte Vögel hockten.

»So, da sind ihre Echsen. Jessie müsste gleich kommen. Die Besucher können sich diese Becher hier nehmen und die Vögel damit füttern. Sie müssen eigentlich nichts machen, nur die Becher auffüllen und darauf achten, dass keiner einen Vogel klaut.« Klang einfach.

»Ich lass Sie mal hier, dann können sich die Tiere an Sie gewöhnen. Wir sehen uns beim Mittagessen.«

»Ja, wir essen uns beim Mittagsehen«, wiederholte ich und winkte zum Abschied. Was war nur los mit mir? Ich verhielt mich wie ein kompletter Idiot.

Dann war ich allein mit geschätzt hundert bunten Federviechern, die mich irgendwie hinterhältig anstarrten. Zeit, klarzustellen, wer hier evolutionär weiter war.

»So, Vögel. Alle mal herhören. Ich bin jetzt euer Chef. Hier wird gemacht, was ich sage.« Die Vögel starrten intensiver, und ein komplett blauer Lori, vermutlich eine Mutation, die anderen waren nämlich in Grün gehalten, kreischte empört. Es klang, als wenn man mit Fingernägeln über eine Schiefertafel quietschte, und ich bekam eine Gänsehaut.

»He, Killer, mach keinen Stress«, wies ich den flatterhaften Federhooligan zurecht, der sich wohl hier als Anführer sah.

Ich ging zu den Bechern und roch an dem Inhalt. Nicht schlecht. Um mich zu akklimatisieren, leerte ich einen Becher. Schmeckte nach einer Mischung aus Honig und Früchten. Echt gut. Ich schnappte mir den nächsten. Um mich herum erhob sich ein Papageiengeschrei, dass es eine wahre Freude war.

»Na, was ist denn? Ich trink euch schon nicht alles weg.« Beim dritten Becher stürzten sich die futterneidischen Flattertiere auf mich, angeführt von Killer, dem blauen Mutanten-Lori. Ich kam mir vor wie Rod Taylor im Film »Die Vögel«. Die Viecher hatten echt spitze Schnäbel und schlechte Laune. Verzweifelt rettete ich mich in den Durchgang.

»Was ist denn hier los? Wer sind SIE?« Eine kleine Frau mit Rastalocken sah mich entsetzt an, als ich mir einen Lori aus der Frisur pulte und ihn ihr gab.

»Ich bin Tom Baum, der neue, äh, Helfer und so.«

»Ach, Sie sind dieser Chaot, der damals den halben Zoo verwüstet hat.« So konnte man es auch sehen.

Um neun Uhr kamen die ersten Besucher. Meistens Schulklassen. Um zehn Uhr hatte ich angefangen, Schulklassen zu hassen, ab elf Uhr verfluchte ich jeden Rentner mit Fotoapparat, und um zwölf bat ich darum, Elefantenmist schippen zu dürfen. Durfte ich aber nicht.

Jessie war Studentin, und Reden war nicht ihr Ding. Die Vögel machten bei jedem Besucher einen Lärm, dass ich einen Tinnitus befürchtete. Als Susanne Ginster kam, um mich zum Mittagessen abzuholen, hätte ich sie beinahe vor Freude umarmt.

»Na, wie war der erste halbe Tag, Herr Baum?«

»Nennen Sie mich doch Baum.«

»Wie bitte?«

»Ich meinte, nennen Sie mich doch TOM. Wir werden ja hoff… äh, länger zusammenarbeiten.«

»Flirten Sie mit mir?«

»ICH?«

»Ja, sonst ist hier keiner, oder?«

»Nun ja, also flirten, nur wenn Sie drauf bestehen.« Sie lachte wieder dieses klingelnde Lachen, bei dem ich eine Gänsehaut bekam.

Wir kamen im Zoorestaurant an und bedienten uns selbst. Ich entschied mich für Spaghetti Bolognese und musste an Sirena denken, die wahrscheinlich gerade auf der Terrasse lag und Jogger irritierte.

»Das ist unser aller Chef, Otto Vogel. Der Direktor.« Ich gab mir Mühe, nicht über den Namen zu lachen. Otto Vogel war dünn, hatte eine römische Hakennase und schielte etwas. Aber er war eine Frohnatur und unterhielt alle mit seinen Geschichten über Zoos in der ganzen Welt. Neben ihm stellte man mir Brigitte Nielsen vor, die mit der Brigitte Nielsen, die ich aus Film und Fernsehen kannte, nur den Namen gemeinsam hatte. Sie war die Chefin der Tierpfleger. Ansonsten sah sie aus wie eine russische Kugelstoßerin. Ihr Händedruck sortierte alle siebenundzwanzig Knochen in meiner Hand neu. Dann gab es noch Herrn Armbruster, der aussah wie eine hundert Jahre alte Schildkröte und laut Vogel für das Aquarium zuständig war, sowie Heinz Zweig, Herr über die Verwaltung des Zoos.

Die anderen Angestellten aßen in der Zookantine. Dort würde ich ab morgen auch essen, aber am ersten Tag wollte man es mir etwas »nett« machen, wie Herr Armbruster es nannte.

Nach dem Essen bekam ich eine Führung durch den Zoo, die Otto Vogel persönlich leitete. Mit dem einzigen Zweck, mich einem hochnotpeinlichen Verhör zu unterziehen. Er wollte alles wissen, über meinen Onkel und seine Bank, wie mein Onkel gestorben war, was jetzt aus der Bank würde, wo ich sie doch praktisch geerbt hatte. An dem Punkt stoppte ich seinen Redefluss.

»Wer sagt denn, dass ich die Bank geerbt hätte?«

»Och, Sie sind der einzige Verwandte gewesen, oder? Das Amtsgericht hat nachgeforscht, aber da sich sonst niemand gemeldet hat, dürfte Ihnen die Bank nach einem Jahr zufallen, sagt man.«

»Sagt wer?«

»Na ja, wenn man in Münster wohnt, hat man so seine Verbindungen.«

»Ah, die oberen Zehntausend.«

»Na ja, so viele sind es wohl nicht. Aber der Stadtrat, der Bürgermeister und diverse Honoratioren und Gönner der Stadt. Ihr Onkel war ja auch in dem Kreis.«

Ich als Erbe der Lavendel-Bank? Das war doch Unsinn. Ich hatte von Banken keine Ahnung.

»Hallo! Sind Sie der Direktor? Der Vogel?« Die Stimme schallte quer über den Teich, der Elefantengehege und Zoorestaurant trennte. Am anderen Ufer winkte ein Mann zu uns herüber. Vogel war irritiert.

»Und wer sind Sie?«, rief er zurück.

»Presse! Münsteraner Anzeiger! Mein Name ist Ridder. Warten Sie, ich bin gleich bei Ihnen.« Er sprintete los, stolperte über eine Stockente, die quakend protestierte, und tauchte völlig außer Atem bei uns auf.

»Tag, die Herren. Direktor Vogel, ich bin Detlef Ridder vom Münsteraner Anzeiger. Ich glaube, mein Chef, Herr List, hat mit Ihnen telefoniert wegen mir und diesem …Sie wissen schon, diesem Vollpfosten, Baum, der hier vierhundert Stunden Scheiße schippen muss. Sie hatten zugesagt, dass wir darüber berichten dürfen. Praktisch als Foto-Dokusoap, Sie wissen schon. Gute Presse ist ja immer wichtig.«

Ich war also ein scheißeschippender Vollpfosten. Gut zu wissen.

»Äh, hören Sie, Herr Ridder, vielleicht besprechen wir das alles nachher bei mir im Büro. Kommen Sie um fünfzehn Uhr vorbei.«

»Klar, kein Thema. Glauben Sie mir, ich würde auch lieber richtige Pressearbeit machen, statt so einen Honk bei seinen Strafarbeiten zu knipsen, aber mein Chef meinte, die Sache letztes Jahr hat so viel hergemacht, dass der Typ auf jeden Fall eine Story wert sei. Soll ja sogar eine Bank geerbt haben, der Knaller.«

Ich grinste. In Münster hatte es lange Zeit nur zwei große Tageszeitungen gegeben, mit dem Münsteraner Anzeiger war seit zwei Jahren ein neues Blättchen dazugekommen. Der Anzeiger verstand sich mehr als Prominenten- und Klatschblatt, das meiner Meinung nach noch weit unter Bildzeitungsniveau rangierte.

Der rasende Reporter verschwand im Zoorestaurant, und Vogel brachte mich zurück zu Jessie und den wahnsinnigen Vögeln. Weil ich zu spät gekommen war, hatte man mir gleich für den ersten Tag Nachsitzen verpasst.

5   Nicht korrekt gedacht

Um dreizehn Uhr durfte ich endlich nach Hause. Die Loris hatten sich einen Spaß daraus gemacht, mich von oben bis unten mit ihren Hinterlassenschaften zu dekorieren, und ich war froh, dass ich eine Decke im Kofferraum hatte, die ich über den Fahrersitz legen konnte. Den Wagen hatte ich natürlich nicht umgesetzt, und so stieg ich stöhnend in den sechzig Grad heißen Innenraum. Ich wollte nur noch duschen und beim Amtsgericht anrufen, ob man die Sozialstunden nicht doch in eine Haftstrafe umwandeln konnte. Im Zoo würde ich es keinen weiteren Tag aushalten.

Nachdem ich ausgiebig geduscht hatte, beschloss ich, auf der Terrasse zu entspannen. Sirena hatte einen Zettel hinterlassen, auf dem stand, sie sei zur Kosmetik. Ich wusste nicht, was man dreimal in der Woche bei der Kosmetikerin wollte, aber wenigstens hatte ich sturmfrei.

»He, Mammutbaum, hast du Zeit für ein Bier?«, tönte es von rechts. Ich stöhnte. Hier hatte man nie seine Ruhe. Und meine Nachbarn waren der Fluch, den ich für die geerbte Luxusimmobilie ertragen musste. Der linke wie der rechte. Steve war der rechte und noch der Erträglichere. Wir hatten uns kennengelernt, als Sirena und ich in die Villa Lavendel eingezogen waren. Steve hatte angeboten zu helfen, und Sirena fand ihn sofort sympathisch. Er hatte aber den ganzen Tag nur qualifiziert im Weg gestanden und uns mit seinen subjektiv amüsanten Anekdoten über seine längst vergangene Musikerkarriere und die Promis von Münster wie ein Radio beschallt, während er eine Flasche Bier nach der anderen vernichtete. Eine Umzugskiste hatte er nicht angefasst. Wegen seines Rückens. »Ich bin mehr der Stratege für die Einrichtungsplanung«, hatte er gesagt. Hätten wir uns nach ihm gerichtet, hätten wir jetzt einen Pool mit Einbauküche gehabt.

»Klar, Sandkastenrocker. Hast du was zu trinken da?«

Steve war, wie sagt man, eine schillernde Gestalt. Er war Besitzer einer Diskothek, Event-Manager und ehemaliges Bandmitglied der unfassbar unbekannten Combo The Great Unknown. Der Name war Programm, nur Steve verglich die Band immer mit den Stones oder U2.

Er trug eine abgewetzte Lederjacke mit diversen Aufnähern, darunter nur eine schwarze Badehose. Niemand hatte ihn jemals ohne diese Jacke gesehen. Helfried hatte behauptet, Steve sei mit der Jacke auf die Welt gekommen.

»Ist der Papst katholisch?«, kam es zurück, und ich hörte das Klimpern frischer Bierflaschen. Also zwängte ich mich durch die hässliche Eibenhecke, die unsere Grundstücke trennte, und blieb verblüfft stehen. Im Garten stand ein riesiges Trampolin, auf dem drei Frauen hüpften. Auch am Pool lagen zwei Schönheiten.

Sah ein bisschen aus wie der Garten von Hugh Hefner. Oder ein FKK-Strand, denn die Damen hatten nichts an. Wie hypnotisiert starrte ich in Richtung der sechs Doppel-D-Brüste, die auf dem Trampolin an ihren Besitzerinnen wippten. Hoffentlich war das Silikon da drin gut abgedichtet. Warum tat man da eigentlich nicht stark kohlensäurehaltiges Mineralwasser rein? Einmal kurz geschüttelt, eine Körbchengröße mehr. Aber dann hätte man vermutlich auch Druckventile …

»Hier, Prost!« Steve unterbrach meine genialen Überlegungen und drückte mir eine Flasche in die Hand.

Leider verschlossen. Das war so ein Spleen von ihm. Männer mussten Bierflaschen selbst aufkriegen. Er machte das mit seinem Ehering. Ich hatte es beim letzten Mal mit den Zähnen versucht, um ihm zu imponieren, und mir einen Eckzahn abgebrochen.

»Brauchst du einen Flaschenöffner?«, fragte er scheinheilig. Dieser verdammte Macho.

»Nein. Wieso?«, sagte ich und öffnete die Flasche krachend an der Kante des sauteuren Edelholz-Terrassentisches, was eine zweieuromünzengroße Macke hinterließ. Dann genoss ich nicht nur das kalte Bier, sondern auch den entsetzten Blick des Altrockers.

Ich ließ den Blick durch Steves Garten schweifen. Was mir immer wieder auffiel, war, dass es hier keine einzige Blume gab. In den Beeten standen Kakteen und Koniferen, bewacht von neonfarbenen Gartenzwergen, die so kitschig waren, dass man seinen Blick nicht davon abwenden konnte. Wie bei einem schweren Unfall auf der Autobahn.

»Wieso gibt’s hier eigentlich keine Blumen, Nachbar? Bist du allergisch?«

Steve schüttelte den Kopf. »Nee, ich hab Angst vor Blumen. Anthophobie.«

Ich grinste. »Hast du Angst, dass die dich fressen?«

»He, das ist nicht witzig. Ich bin sogar in Behandlung deswegen.« Der Mann hatte Probleme.

»Sag mal, was machen die ganzen Schönheiten hier? Ist deine Frau verreist?«

»Hä? Quatsch, die ist weg. Wir machen hier ein Fotoshooting. Junge, liest du keine Zeitung? Wir haben meine Disse renoviert und machen jetzt wieder auf. Die Mädels sind für die Eröffnungsanzeige. Der Fotograf müsste gleich kommen.«

»Was heißt, deine Frau ist weg? Auf Dauer oder wie?«

»Frag nicht. Die ist vor einer Woche mit Benny durchgebrannt, einem Barkeeper von mir. Wenn ich das Schwein erwische, reiß ich ihm die Eier ab, glaub mir.«

»Finster, Mann. Meinst du nicht, dass sie zurückkommt?«

»Nee. Benny ist Bodybuilder und hat ein Mördergerät. Kiki steht auf so was.«

Ich sparte mir die Nachfrage, was er mit »Mördergerät« meinte, und nickte verstehend.

»War eine tolle Frau, die Kiki«, sagte ich und leerte die Flasche.

»Hör auf mit der. Die letzten zwei Jahre waren ätzend. Ständig musste ich mir anhören: ›Benny, du bist zu fett, mach mal Sport, sauf nicht so viel und lass die Finger vom Koks, sonst wechsle ich das Revier.‹ Klang wie meine Mutter. Gut, dass die weg ist.«

Sein Gesicht sagte das Gegenteil aus, aber ich hielt die Klappe.

»Das Schlimmste war, dass sie mich nicht männlich genug fand, kannst du dir das vorstellen?«

Ich sah auf Steves schwabbeligen, teigigen Körper, die fettigen grauen Haare und die mopsmäßigen Tränensäcke unter seinen blutunterlaufenen Augen und schüttelte den Kopf. »Nö.«

»Solche Sorgen hast du ja nicht, Mammutbaum. Deine Sirena ist nicht nur hübsch, sondern auch kurzsichtig, hat sie immer gesagt.«

Jetzt wurde ich hellhörig. »Hat wer gesagt?«

»Na, Kiki. Die beiden haben sich gut verstanden. Und diese Sache mit dem ›Unmännlich‹, na ja, deine Perle hat da ja auch so ihre Ansprüche.«

Jetzt wurde es komisch. »Willst du damit sagen, deine Frau und meine Verlobte haben über mich gesprochen?«

Steve nickte und winkte zu den drei Hupfdohlen rüber. »Jo.«

»Und was?«

»Ähm, kann ich dir nicht sagen, sonst flippst du aus. Was dir mal ganz guttäte, by the way. Bist viel zu schüchtern, alter Knabe.«

»Steve, rück raus mit der Sprache. Sonst gehe ich.«

»Erst mal trinken wir noch einen. Warte, ich mach deine Flasche auf.« Er schaffte es natürlich mit den Zähnen, wahrscheinlich hatte er einen seiner Goldzähne benutzt. Ich dachte kurz darüber nach, ein Glas zu verlangen, bevor ich mich mit Lippenherpes infizierte, ließ es dann aber.

Wir stießen an, und die drei durchgeschwitzten Grazien sprangen vom Trampolin aus direkt in den Pool.

»Jetzt rede.«

»Na ja, Sirena findet dich …also …«

»Steve! Rede, oder ich bringe dich zum Reden!«

Er sah mich ernst an. »Also gut. Sie findet dich nicht männlich, sondern putzig. Hat sie Kiki nach zwei Pullen Rotwein gesagt. Sollte ich nicht weitersagen.«

»Und warum tust du es dann?«, fragte ich sauer. Das war ja wohl die Höhe! Wieso musste ich um zwei Ecken erfahren, dass meine Verlobte mich nicht männlich fand? Konnte sie mir das nicht ins Gesicht sagen? Ich trank meine Flasche auf ex. Klar konnte sie nicht.

»Steve, bist du sicher, dass Sirena ›putzig‹ gesagt haben soll?«

»Klar, Mann. Und sie hat ja auch recht.«

Ich konnte nicht glauben, was ich da hören musste. »Sie hat recht? Geht’s noch?« Ich sprang auf.

»He, du hast ’ne Wampe, kaum Muskeln und gibst ihr immer recht. Du bist zu weich, Gummibaum.«

»Nenn mich nicht so, du …Volksmusiker!«

Jetzt sprang Steve auf. Seine Musikerkarriere, so lange sie auch her war, war ihm heilig.

»Willst du Ärger, Nachbar?«, fragte er und pikste seinen Wurstfinger in meine Rippen. Ich war sauer. Nein, ich war mehr als sauer. Ich war wütend. Steve war zwar nur der Bote der Nachricht, dass mich meine zukünftige Frau putzig fand, aber früher hatte man die Überbringer schlechter Nachrichten ja sogar enthauptet. So weit ging ich nicht, dafür schubste ich ihn in den Pool, wo er die drei Doppel-D-Meerjungfauen versenkte.

Gut, das war etwas unbeherrscht gewesen, gestand ich mir ein, als ich wieder auf meinem Grundstück auf einer Liege lag und Cherry-Coke-Whisky trank. Steve hatte mich rausgeschmissen, und ich hatte eine Menge zum Nachdenken.

War ich putzig? Was sollte das überhaupt heißen? Außerdem gab ich Sirena keineswegs jedes Mal recht.

»Tom, kannst du bitte gleich mal reinkommen und mir sagen, welchen Nagellack ich zur Hochzeit tragen soll?«, hörte ich meine Verlobte, die offensichtlich gerade wieder eingetroffen war.

Und ich hörte mich, wie ich sagte: »Natürlich, ich komme, mein Herz«. Das hatte ich unbewusst geantwortet und ärgerte mich über mich selbst.

Gummibaum.

Wir planten den Rest des Abends die Hochzeit vor. Es sollte zwar festlich werden, aber im Rahmen bleiben. Das fand ich gut. Ich lehnte ihren Vorschlag ab, Anthurien als Deko für die Kirche zu nehmen, und fühlte mich wieder etwas mehr wie Mammutbaum.

In der Nacht träumte ich von zwei riesigen Papageien, die aussahen wie Otto Vogel und Detlef Ridder und mir die Augen aushackten. Ich wachte schreiend auf.

»ALLES OK TOM«, fragte Goswin per SMS. Ich hatte mich daran gewöhnt, dass er irgendwie immer da war und wusste, was ich tat, auch wenn das am Anfang unheimlich gewesen war.

»Ja, alles klar, hatte nur einen Albtraum von riesigen Vögeln.«

»DER ZOO IST KEIN PONYHOF WAS«

»Das kannst du laut sagen.«

Sirena schlief wie ein Stein, eine Eigenschaft, um die ich sie beneidete. Ich schlich runter in die Küche und nahm mir ein Glas Milch mit auf die Terrasse. Ich ertappte mich dabei, darüber nachzudenken, ob Milchtrinken putzig war. Aber um diese Zeit war das egal. Laut Display an der Mikrowelle war es 03:42 Uhr.

Aus Helfrieds Gartenhäuschen hörte ich das Zischen eines Schneidbrenners. Helfried schien nie zu schlafen und hämmerte und schraubte gefühlte vierundzwanzig Stunden am Tag an seinen Projekten.

Ich setzte mich auf einen Gartenstuhl und wollte gerade einen Schluck Milch trinken, als es hinter mir ratterte.

»Eindringling. Stehen Sie langsam auf und lassen Sie die Waffe fallen.« Ich sah mich um und grinste. Hinter mir stand eine Maschine auf Raupenrädern, die aussah wie der Roboter Nummer 5 aus dem Film »Nummer 5 lebt!«.

»Klaus, ich bin’s nur, der Hausherr.« Klaus war einer von zwei Wachrobotern, die mein Onkel angeschafft hatte, um das Grundstück zu bewachen. Helfried musste ihn repariert haben, denn das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte, war er nur noch ein Haufen Schrott.

»Entschuldigung. Schönen Abend noch«, sagte er und setzte seinen Routinewachdienst fort. Ich war froh, dass er wieder im Dienst war, denn hier an der Himmelreichallee hatte es in den letzten beiden Monaten eine regelrechte Einbruchserie gegeben.

Ich dachte an die Hochzeit. Sirena hatte jetzt alles bis ins kleinste Detail geplant. Wir würden am Wochenende nach Mailand fahren, wo ich ganz altmodisch bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten würde.

Die Hochzeit sollte zwei Wochen später in der Clemenskirche in der Innenstadt sein, danach gäbe es ein feudales Essen im Schlossgarten und eine Party hier zu Hause. Auch die Gästeliste stand schon, aber ich hatte noch einige Namen ergänzt. Etwas hopste auf mich zu, und ich konnte das Glas mit der Milch im letzten Augenblick festhalten.

»Terror, altes Eichhorn, ist es nicht etwas spät für dich? Komm gefälligst aus meiner Milch raus!« Der plüschige Geselle keckerte ausgelassen, dann verschwand er in der Dunkelheit. Kurz glaubte ich, noch ein zweites Eichhörnchen gesehen zu haben. Vielleicht hatte er eine Freundin gefunden.

Ich lehnte mich zurück und beobachtete eine Sternschnuppe. Was sollte ich mir wünschen? Alles war gut. Ich war reich, ich würde bald heiraten und ich hatte ein neues Auto. Nur warum hatte ich dann bei der Sternschnuppe an Susanne Ginster gedacht? Wie war die in meinen Kopf gekommen? Ich hatte sie schließlich heute zum ersten Mal gesehen. Trotzdem ging mir ihr glockenhelles Lachen nicht aus dem Kopf.

Tom, das ist falsch. Denk bitte korrekt, schalt ich mich selbst und zwang mich, an Sirena zu denken. Aber auch im Bett schlich sich Susanne immer wieder in meinen Kopf, bevor ich einschlief. Wie ein Computervirus, das eine Firewall überwand. Das musste aufhören.

6   Der Okopipi-Zwischenfall

Als ich aufwachte, war die Sonne aufgegangen, und ich hatte die böse Befürchtung, wieder verschlafen zu haben. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich richtiglag. Es war zwanzig nach acht. Das würde Ärger geben. Andererseits wäre der Arbeitstag kürzer, redete ich mir ein. Um Viertel vor neun sprintete ich zu meinem Wagen in der Garage und stieß dort mit jemandem zusammen, den ich nicht erwartet hatte.

»Bronk?« Was machte der alte Chauffeur hier? Ich hatte gestern völlig vergessen, ihn anzurufen.

»Ah, Herr Baum. Ihr Mieter hat mich informiert, dass Sie jemanden benötigen, der das gute Stück für Sie bewegt.« Dabei deutete er auf den Bentley, der neben meinem Buick stand.

»Das ist richtig. Sie sind wieder eingestellt. Wenn Sie wollen.«

Bronks linker Mundwinkel hob sich um einen Millimeter, was bei ihm das Äquivalent grenzenloser Freude darstellte, wie ich von früher wusste.

»Ich habe leider keine Zeit, sprechen Sie doch bitte mit meiner Freundin – ich meine Verlobten über die Sache. Wir sehen uns heute Abend.« Sprach’s und schlüpfte an ihm vorbei zu meinem Wagen.

Eine Viertelstunde später musste ich mir im Zoo von Dr. Fenwick eine Gardinenpredigt über deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß und Gesetzestreue anhören. Das Gleiche danach in etwas modernerer Fassung von Susanne. Sie war auf hundertachtzig.

»Himmel noch mal, Herr Baum, so läuft das nicht! Wir haben alle unsere festen Anfangszeiten, und gerade in Ihrer Position sollte Ihnen klar sein, dass das in Ihrem Arbeitsbericht keinen guten Eindruck macht! Was denken Sie sich eigentlich! Das ist doch wohl …wer zum Teufel sind Sie?« Das galt Detlef Ridder, der die Szene gerade auf die Speicherkarte seiner Digitalkamera bannte und dabei richtig glücklich aussah.

»Großartiges Material! Können Sie ihm noch eine Ohrfeige verpassen? Also, wenigstens so tun?«

Susanne sah erst mich, dann ihn entgeistert an. Ihre hellgrauen Augen schienen von innen zu leuchten. Sie erinnerte mich an den Todesstern aus »Star Wars«, kurz bevor er mit seinem Riesenlaser einen Planeten pulverisierte. Ridder schien für solche subtilen Signale unempfänglich zu sein, denn er knipste fröhlich weiter.

»Sie werden heute draußen arbeiten, Herr Baum«, teilte mir Susanne zwischen zusammengebissenen Zähnen mit, und ich musste mich zusammenreißen, um nicht laut zu jubeln.

Eine halbe Stunde später stand ich mit einer Schaufel und einer Schubkarre im Elefantengehege. Ridder dokumentierte jeden Haufen, den ich auf die Schubkarre wuchtete, und zwei Schulklassen feuerten mich an. Ich beschloss, nie wieder in meinem Leben den Münsteraner Anzeiger zu lesen, in den Zoo zu gehen oder nach draußen, ohne Sonnenschutzfaktor fünfzig aufgelegt zu haben. Gegen Mittag sah meine Haut aus wie die knusprige Pelle der halben Hähnchen, die man donnerstags vor dem Edeka kaufen konnte. Einer der Elefanten, ich wusste nicht, ob indisch oder afrikanisch, Männchen oder Weibchen, war offenbar davon überzeugt, dass ich Nüsse oder andere Leckereien in meiner Hose versteckt hatte, und ich hatte permanent einen Rüssel im Schritt. Dann entdeckte der Rüssel mein iPhone, und der Elefant hielt es sich vors Gesicht. Wollte er jetzt ein Selfie machen? Die Wahrheit war schlimmer. Er schwenkte den Rüssel zu seinem Maul. Ich stieg auf einen der Stoßzähne und versuchte, mein Handy zu retten, doch es war zu spät.

Mit einem lauten »Urks« schluckte der große graue Dickhäuter meine einzige Verbindung zur Außenwelt. Er hatte nicht mal gekaut. Ich tobte und beleidigte den Elefanten als »adipösen Dumboimitator«.

Er war nicht beeindruckt. Mein iPhone war Geschichte. Kurz machte ich mir Gedanken, ob Elefanten Mobiltelefone verdauen konnten. Vielleicht sollte ich das jemandem sagen, Susanne vielleicht. Oder ich sollte bei Apple anrufen, ob das iPhone eine Wanderung durch die Verdauungsorgane eines Elefanten aushalten konnte. Der war offensichtlich auf den Geschmack gekommen und begann, mich einer erneuten rüsselmäßigen Leibesvisitation zu unterziehen. Die Schulklassen fanden das witzig.

Als mich Susanne zum Essen abholte, beschloss ich, die Gelegenheit zu nutzen, um zu desertieren. Ich würde mir ein Seil aus meinen eigenen Haaren flechten, mich aus dem Fenster der Toilette im ersten Stock abseilen, das Solarboot, das einen Pendelverkehr über den Aasee zum Zoo als Wasserbus anbot, kapern und damit nach Hause schippern. Ich würde Ärger bekommen, aber das war mir egal. Jetzt musste ich erst mal diesen bescheuerten Reporter loswerden.

Ridder folgte mir, als ob ich magnetisch sei.

Ich riss ihm seine Kamera aus der Hand und warf sie über den Zaun in das Gepardengehege direkt neben dem Zoorestaurant. Dann sprintete ich los. Den Plan mit dem Toilettenfenster hatte ich verworfen, ich wollte nur noch hier weg.

»He, der haut ab!«, petzte Ridder, während er versuchte, über den Zaun ins Gepardengehege zu klettern. Die vier Geparden, die gerade noch in der Sonne gedöst hatten, waren aufgesprungen und witterten Beute.

Wegen des guten Wetters saß die gesamte Stammmannschaft des Zoos inklusive Zoodirektor Vogel auf Bänken vor dem Zoorestaurant. Alle waren eine Sekunde später auf den Beinen. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie zwei Tierpfleger den protestierenden Ridder vom Zaun pflückten.

Ich sprintete die Treppe an der Terrasse des Restaurants nach unten. Sie führte auf einen gepflasterten Platz, über dem das Denkmal des Zoogründers, Hermann Landois, mit in Bronze gegossener spöttischer Miene und Pfeife im Mund das ganze Theater verfolgte. Ich versteckte mich hinter der Statue, die der Mann in weiser Voraussicht noch zu Lebzeiten hatte anfertigen lassen, damit man nach seinem Tod nicht irgendein hässliches Denkmal von ihm irgendwo in die Landschaft tackerte. Warum fiel mir das in diesem Moment ein? Wahrscheinlich, weil mein Gehirn wahrnahm, dass mich das halbe Führungspersonal des Allwetterzoos umzingelt hatte. Ridder hatte seine Kamera wieder und knipste die Sensationsgeschichte für die morgige Ausgabe. Wo sollte ich jetzt hin? Von links kam die russische Kugelstoßerin, deren Namen ich wieder vergessen hatte, auf mich zu. Rechter Hand bildeten Dr. Fenwick und Armbruster einen Sturmtrupp, und hinter mir hörte ich, wie sich Zoodirektor Vogel und Susanne heranpirschten. Vogel versuchte, die Situation zu deeskalieren. »Herr Baum, seien Sie vernünftig, wir wollen Ihnen doch nichts Böses. Sie haben einen Sonnenstich, verstehen Sie?«

Ich einen Sonnenstich. Das würde ich doch wohl merken. Kopfschmerzen hatte ich und ich sah etwas verschwommen, zugegeben. Ich entdeckte einen Fluchtweg. Um den Platz herum verliefen mehrere Galerien mit Sitzbänken wie in einem Amphitheater. Eine dieser Galerien endete neben einer Treppe, die ins Aquarium führte. Wenn ich da reinkam, konnte ich die Tür blockieren und die Festung durch das Werfen von Rotfeuerfischen verteidigen. Ich rannte um mein Leben und stupste drei Kindern ihr Eis aus den Händen. Das war gemein, ich weiß, aber die aufgebrachten Mütter hielten meine Verfolger auf, bis ich hinter der Stahltür im ersten Stock des Aquariums verschwinden konnte.

Wegen des guten Wetters waren hier keine Besucher. Die erste Etage des Aquariums beherbergte eine Ansammlung von Terrarien, in denen Taranteln, giftige Frösche, Lurche und seit Neuestem in der Mitte ein Krake, der die Ergebnisse der letzten Fußballweltmeisterschaft richtig getippt hatte, schwammen, kreuchten und quakten.

Leider ging die verdammte Tür nach außen auf, sodass ich sie nicht mit einem Klappstuhl, der in der Ecke stand, blockieren konnte. Ich brauchte ein Seil! Mein Blick fiel auf das Krakenaquarium. Acht Arme, das war ja praktisch wie eine Gepäckspinne.

Ich angelte nach dem schleimigen Gesellen, der Karlchen hieß, wie ein Schild am Fuße des Aquariums verriet. Leider angelte Karlchen auch gern, und als ich den Arm aus dem Bottich zog, hatte ich einen neuen Freund gefunden, der sich unentfernbar an meinem Unterarm festgesaugt hatte.

»Herr Baum, kommen Sie raus!«, tönte Armbrusters Stimme aus Richtung der Tür. Mir fiel ein, dass er ja der zuständige Chef für das Aquarium war und sich hier garantiert besser auskannte als ich.

»Ich habe eine Geisel!«, rief ich. Das stimmte ja auch fast. Der Krake sah mich aus hellwachen Augen an. Musste der nicht Wasser haben, um zu atmen? Er würde bestimmt gleich wegen Atemnot abfallen.

Die Tür, durch die ich reingekommen war, quietschte. Ich hörte jemanden flüstern. »Sollen wir nicht besser die Polizei verständigen? Das Sondereinsatzkommando holt ihn da schon raus. Oder die machen direkt den finalen Rettungsschuss. DAS wäre ein Foto!« Die Stimme gehörte eindeutig zu Detlef Ridder, dem wahnsinnigen Reporter.

»Tom, Sie haben einen Sonnenstich, nicht wahr?«, meldete sich Dr. Fenwick von draußen.

»Ich habe keinen Scheiß-Sonnenstich!«, brüllte ich, und mein Kopf quittierte das mit einem stechenden Schmerz. Karlchen zuckte panisch, und ich bekam eine volle Ladung Tinte ins Gesicht. Orientierungslos wankte ich den Gang entlang, stieß gegen etwas und hörte das Klirren von Glas. Ich wischte mir mit dem Tintenfisch durchs Auge und fand mich in einem Haufen Glasscherben sitzend vor einem Tropenterrarium, das bis gerade noch laut Hinweisschild Pfeilgiftfrösche enthalten hatte. Jetzt war es leer. Pfeilgiftfrösche waren süß, tolle Farbe hatten die. Ich wusste das, weil Karlchen und ich gerade auf so einen putzigen Kameraden schielten, der auf meinem Unterarm saß. Dann umfing mich Schwärze.