Le und die Knotenmänner - Herdis Møllehave - E-Book

Le und die Knotenmänner E-Book

Herdis Møllehave

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Beschreibung

Le Holm: dreißig Jahre, von Beruf Gymnasiallehrerin, geschieden, eine sechsjährige Tochter, allein lebend in Kopenhagen. Le Holm: klug, gebildet, selbstsicher, frei; eine Frau, die sich beneidenswert findet. Und sich eines Tages das Leben nimmt. Es muß noch eine andere Le gegeben haben, und ihr spürt Herdis Møllehave in diesem Roman nach. Eine abhängige Le, die an den «Knotenmännern» gescheitert ist, den Männern mit den versiegelten Seelen und versteinerten Gefühlen. Den «Knotenmännern» ist dieses Buch gewidmet.

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Seitenzahl: 350

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Herdis Møllehave

Le und die Knotenmänner

Aus dem Dänischen von Heiner Gimmler

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Le Holm: dreißig Jahre, von Beruf Gymnasiallehrerin, geschieden, eine sechsjährige Tochter, allein lebend in Kopenhagen. Le Holm: klug, gebildet, selbstsicher, frei; eine Frau, die sich beneidenswert findet. Und sich eines Tages das Leben nimmt.

Es muß noch eine andere Le gegeben haben, und ihr spürt Herdis Møllehave in diesem Roman nach. Eine abhängige Le, die an den «Knotenmännern» gescheitert ist, den Männern mit den versiegelten Seelen und versteinerten Gefühlen.

Den «Knotenmännern» ist dieses Buch gewidmet.

Über Herdis Møllehave

Herdis Møllehave (1936–2001) war eine dänische Sozialarbeiterin und Autorin.

Inhaltsübersicht

«Gewarnt ist gewappnet, ...VorwortSelbstmordLeFreunde – FrauenSten RungeMarianneDie EheDienstageDer Schatten«Unser Abschiedsabend»Männer – LiebhaberKnotenmännerWochenendeJacobWeiberknotenBesuch bei StenIdentitätskrise«Du hast genug erlebt»Aus Les TagebuchAuf LangelandSechs WochenBeim PsychiaterDie Beerdigung – ein Dialog

«Gewarnt ist gewappnet, heißt es.

Doch wer achtet schon darauf?

Alles, was ich hörte, war das dumpfe

Hämmern meines Herzens.»

 

Erica Jong: Angst vorm Fliegen

Vorwort

Die Wirklichkeit scheint oft weniger glaubhaft als die Phantasie. Soll die Wirklichkeit glaubhaft erscheinen, muß man sie aufs neue entstehen lassen.

Die Personen dieses Buches, Männer und Frauen, sind daher alle erfunden.

Sollte sich jemand in ihnen wiedererkennen oder meinen, jemand anderen in ihnen erkennen zu können, so deshalb, weil meine Geschichte etwas Allgemeingültiges widerspiegelt.

Und der Inhalt?

Männer, Gefühle, Frau-Mann-Problematik, Angst, Depression, Probleme, seinen persönlichen Standpunkt im Leben zu finden, was aufs engste mit der Suche nach der eigenen Identität zusammenhängt. Erziehung der Kinder. Erziehung zu was?

 

Das Buch handelt von einer alleinstehenden, dreißigjährigen Frau.

Ich glaube aber, daß das meiste auf viele Frauen zutreffen wird, alleinstehende und verheiratete.

Mit Ausnahme der Art, wie die Hauptfigur stirbt.

Es gibt viele Arten zu sterben. Die meisten Leute sterben nach und nach.

Viele geben auf. Einige wenige, vielleicht aber mehr und mehr, nehmen einen Kampf auf, von dem sie wissen, daß sie seinen glücklichen Ausgang selbst nie erleben werden.

Sie tun es für ihre Kinder.

Sie tun es für die Zukunft.

Sie tun es für die Männer.

Einige glauben sogar an einen Sieg – und nicht mit den Männern als Verlierern.

Die meisten leben einfach weiter, unter mehr oder minder günstigen oder ungünstigen Bedingungen.

Mehr und mehr resigniert oder ergeben:

So ist das Leben.

Oder?

Dieses Buch versteht sich nicht als Roman der Frauenbewegung. Wollte man ihm einen Platz zuweisen, so wäre mein Wunsch und meine Hoffnung, daß es als eine Stellungnahme zur Männerdebatte aufgefaßt wird, die jetzt langsam im Entstehen ist.

Es sei daher den KNOTENMÄNNERN gewidmet und allen anderen ängstlichen Männern und Frauen.

Selbstmord

Das Leben zählt nicht,

nur die Vernichtung.

Sie stand aus dem Bett auf, zog ihre normalen Sachen an, Jeans und schwarze Baumwollbluse. Sie sah sich seit sechs Wochen zum erstenmal im Spiegel.

War etwas schockiert. Hatte es schon an den Hosen gemerkt, aber trotzdem. Dachte, indem sie ihrem Spiegelbild ironisch zuzulächeln versuchte, an die Bibelstelle, die sie bei ihrer Schulabschlußrede zitiert hatte: «Wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden …»

Sah eine Sekunde lang den Psychiater vor sich. Maskulin, unstete Augen und sich seiner Wirkung auf die Patienten wohlbewußt.

– Patienten welcher Art, dachte sie.

Hatte einen schlechten Geschmack im Mund und putzte sich die Zähne. Dachte ironisch: es kommt noch so weit, daß ich Make-up auflege. Kämmte das Haar und schlich sich hinaus in die Küche, wo sie ganz hinten im Kühlschrank einen Rest Schnaps fand, den sie aus der Flasche trank.

Ging wieder ins Schlafzimmer, nahm ein Blatt Papier und schrieb ruhig in ihrer großen, runden Schrift:

Mein letzter Wille ist, daß meine Tochter Marianne bei meiner Schwester Annike Knudsen bleibt und, wenn möglich, von ihr adoptiert wird. Danke für eure Hilfe. Verzeih mir, Mutter, ich kann nicht mehr. Le.

Sah die auf dem Tisch neben dem Bett aufgereihten Tablettenfläschchen und dachte an das Gedicht von Charlotte Strandgård über Frauen und Tabletten.

Literarisch bis zur letzten Minute, murmelte sie vor sich hin.

Legte ihren Lieblingsschmuck, die Kette mit dem Frauenzeichen aus Zinn und den Ring, ein Geschenk von Jacob, neben den Abschiedsbrief.

Es war ein seltsamer Ring. Jacob hatte ihn mit einer ans Unheimliche grenzenden Treffsicherheit ausgewählt. Eigentlich das einzig Originelle, was sie von ihm erlebt hatte.

Der Ring war groß und derb. Bestand fast nur aus Kanten, dreiund vierkantigen Seitenflächen, schräge, glatte, rohe und gehämmerte.

Sie sah auf ihre Uhr, hatte sich informiert, wann der erste Frühzug kam.

Ging hinaus und zog ihre Jacke an.

Bevor sie leise das Haus verließ, nahm sie einen großen Briefumschlag mit einem Buch, das sie seit langem Sten Runge hatte geben wollen, sich aber nicht getraut hatte. Eske Holm: Die maskuline Mystik.

Sie legte keine Karte bei, es war unwichtig, von wem er das Buch bekam. Man konnte nur hoffen, daß er es lesen würde.

Sie schrieb keinen Absender darauf, denn bis er das Buch hätte, würde es keinen Absender mehr geben.

Sie steckte den Umschlag mit dem Buch in einen Briefkasten. Ging mit ruhigen Schritten hinunter zum Bahnhof und ging ruhig auf dem Gleiskörper zwischen den Schienen geradeaus.

Ging ruhig hinein in den heranbrausenden Zug.

 

Le, du weißt nicht, daß der Zugführer in die Psychiatrie eingeliefert werden mußte. Statistisch gesehen gab es also nur eine Verschiebung von der Frauen- auf die Männerseite.

Psychiatrisch gesehen wurde es kein Patient weniger.

Aber du erscheinst jetzt in der Selbstmordstatistik.

Le

Das Unfertige ist gleichzeitig das Freie

Le war ein Mensch, der andere Menschen sehr ernst nahm. Ihre Ansichten. Was sie sagten. Ihre Standpunkte.

Sie dachte viel über alles nach, was man ihr sagte.

Natürlich bezog sich das Ernstnehmen in erster Linie auf Menschen, die sie gern hatte. Menschen, für die sie sich engagierte oder mit denen sie durch ihren Beruf in engerem Kontakt stand.

Besonders ernst nahm sie die Männer, zu denen sie sich hingezogen fühlte. Und ihr Engagement für diese Männer war häufig eine starke Belastung für sie.

Sie meinte selbst, daß sie viel zuviel Zeit darauf verwendete, darüber nachzudenken, was sie gesagt hatten. Warum sie so handelten, wie sie handelten. Sie brauchte auch sehr viel Zeit, um zu überlegen, was sie sagen und tun könnten und wie sie in dem Fall antworten, handeln oder sich verhalten würde.

Situationen, die vielleicht nie eintreten würden, hatte sie auf diese Weise schon häufig im voraus durchdacht.

Oft traten aber gerade diese Situationen ein. Das lag weniger an einer besonders intuitiven Begabung; und für die sogenannte «weibliche Intuition» hatte sie auch nur ein Achselzucken übrig. Hielt sie für eine lächerliche Behauptung.

Daß solche Situationen tatsächlich oft eintraten, lag eher daran, daß es in ihrer Phantasie so viele verschiedenen Varianten desselben Ereignisses gab, so daß es fast zu einer Frage der statistischen Wahrscheinlichkeit wurde, ob dieser Fall eintreten würde oder nicht.

Zum Beispiel in einer Liebesbeziehung oder bei einer Begegnung oder einem Gespräch.

Das Eintreten einer solchen Situation empfand sie selten als Hilfe oder Erleichterung, obwohl sie auf diese Weise wußte, wie sie handeln oder antworten würde, bzw. mußte.

Eigentlich wäre sie in ihren Reaktionen lieber viel spontaner gewesen und nicht so reflektiert.

Sie hatte auch Angst, dauernd wie jemand zu wirken, der allzu sicher war, der immer eine Antwort parat, der immer die Situation unter Kontrolle hatte. Sie wußte, daß die meisten Leute – jedenfalls fast alle Männer –, mit denen sie in Berührung kam, sie so sahen. Und daß sie durch ihre scheinbare Sicherheit oft etwas abschreckend wirkte.

Es war ihr aber eigentlich egal, ob man sie so einschätzte.

Denn sie hatte die Erfahrung gemacht, daß man sie durchschaute, wenn sie sich anders gab, als sie war. Oder schlimmer: daß sie zu irgendeinem Zeitpunkt aus der Rolle fiel.

Ihr wirkliches Problem bestand darin, daß auch die Sicherheit, mit der sie auftrat und nach der man sie beurteilte, daß auch die nur eine Rolle war. Le war – das wußte sie selbst –, was ihre Sicherheit bzw. Unsicherheit betraf, äußerst ambivalent. Sie fühlte sich oft gleichzeitig wehrlos und ängstlich und andererseits selbstbewußt und von der Richtigkeit ihrer Ansichten überzeugt.

Sie versuchte auch so gut wie möglich zu verheimlichen, daß sie, sobald sie zu irgend etwas Stellung genommen oder eine Entscheidung getroffen hatte, hinterher immer in Zweifel geriet.

Sie deckte diese Zweifel selten auf, benötigte aber sehr viel psychische Energie und Zeit, um solch eine Situation oder Entscheidung erneut zu durchdenken, um festzustellen, ob sie richtig gehandelt hatte.

Um festzustellen, ob sie anders besser gehandelt hätte.

 

Le wurde dreißig. Bis vor zwei oder drei Jahren hatte sie ihr Leben relativ unkompliziert gefunden.

Die Depressionen und Anfälle von Angst, die sie während der letzten Jahre ab und zu erlebt hatte, waren aber so ungeheuer plötzlich aufgetreten, daß Le schon allein aus diesem Grund erschrocken war. Wenn sie zurückdachte, gab es eigentlich nur eine Tatsache, die ihr als Vorahnung, als Warnung hätte dienen können.

Mit vierundzwanzig hatte sie eine Tochter bekommen. Schwangerschaft und Geburt waren völlig unkompliziert verlaufen, sie hatte während der ganzen Zeit keinerlei Beschwerden, nicht einmal die allergewöhnlichsten.

Aber jedesmal, wenn sie ihr Kind stillte, hatte sie ein sonderbares Erlebnis.

In dem Augenblick, wo sie das Kind an die Brust legte, hatte sie ein Gefühl, eine Wahrnehmung, die sich nicht mit Worten beschreiben ließ. Sie fühlte nur buchstäblich und in übertragenem Sinn die Richtigkeit des Satzes: «Ihre Welt brach zusammen.»

Das Ganze dauerte immer nur wenige Sekunden, höchstens eine Minute, aber das Gefühl war jedes Mal grauenvoll.

Dann war es weg, und sie genoß es, das Kind zu stillen, tat es verhältnismäßig lange, hatte, nachdem sie ihr Studium wieder aufnahm, noch relativ lange Milch und richtete sich in ihrem Zeitplan hauptsächlich nach dem Kind, damit es seine Milch von ihr bekam, nachts bei ihr sein konnte und so lange wie möglich gestillt wurde.

Als die Milch aufhörte und das Kind nicht länger an ihrer Brust saugte, gerieten diese Erlebnisse, die sie auf eine Drüsendisfunktion oder hormonale Störungen zurückführte, in Vergessenheit.

Sie hatte versucht, mit ihrem Mann, Jacob, darüber zu sprechen, aber gerade weil es sich nicht mit Worten erklären ließ und weil der Vorfall als solcher immer nur sehr kurz war, nahmen beide die Sache nicht weiter ernst.

Ein Jahr später wurden Jacob und sie aus ganz anderen Gründen geschieden. Sie sahen sich regelmäßig, denn Jacob hielt die Beziehung zu ihrem gemeinsamen Kind, ihrer Tochter Marianne, aufrecht. Sie war jetzt sechs Jahre alt und besuchte den Kindergarten.

 

Le war eigentlich ein beneidenswerter Mensch.

Das meinte sie selbst zumindest. Sie fühlte sich vom Schicksal ziemlich privilegiert und schämte sich deshalb oft, daß gerade sie, verglichen mit anderen Leuten und deren Problemen, psychisch so hypersensibel reagierte.

Deshalb verheimlichte sie auch ihre Depressionen und Angstanfälle vor allen außer denen, die ihr wirklich nahestanden.

Sie verheimlichte sie insbesondere vor Männern, in die sie sich verliebte, weil sie die Erfahrung gemacht hatte, daß das etwas war, dem Männer entweder vollkommen verständnislos gegenüberstanden oder vor dem sie sich zurückzogen, aus Angst, in ihre Problematik involviert zu werden.

 

Le hatte mit neunzehn Jahren angefangen zu studieren. Da sie immer an Literatur interessiert gewesen war, gab es für sie bei der Wahl ihres Studiums keinen Zweifel. Sie machte das Magisterexamen in Dänisch und war mit fünfundzwanzig Jahren fertig.

Als Nebenfach hatte sie Theologie.

Die Wahl lag nahe, denn sie interessierte sich für theologische Fragestellungen. Das kam vor allem deswegen, weil ihr inzwischen verstorbener Vater Pfarrer gewesen und zu Hause während ihrer ganzen Jugend viel über Theologie diskutiert worden war.

Wenn man sie fragte, ob sie an Gott glaube, antwortete sie ja. Das stimmte zwar, war aber wesentlich komplizierter, als sie es formulierte.

Kompliziert aus vielerlei Gründen, besonders aber, weil sie aus Erfahrung wußte, daß der Glaube vor allem eine Frage der Sozialisation war. Wäre sie in einer Familie mit völlig anderen Ansichten aufgewachsen, hätte sie unter Umständen etwas anderes vertreten als das, was man eine christliche Lebensanschauung nennt.

Mit dreiundzwanzig verliebte sich Le in einen etwas älteren Studenten, Jacob, und da sie bald danach schwanger wurde, heirateten sie.

Sowohl ihre als auch seine Eltern akzeptierten Schwangerschaft und Ehe und liehen ihnen Geld zur Abzahlung eines Hauses, in dem sie zusammen mit ihrer Tochter Marianne lebten.

Das Haus lag in einer der Nachbargemeinden von Kopenhagen. Als sie das Staatsexamen gemacht hatte, bekam sie ohne Schwierigkeiten eine Anstellung an einem in der Nähe gelegenen Lehrerausbildungsseminar. Die Arbeit gefiel ihr, und sie war dort inzwischen seit fünf Jahren tätig, überwiegend beliebt bei Studierenden und Kollegen und in gutem Einvernehmen mit dem Rektor.

Sie unterrichtete nur Dänisch, der Unterricht machte ihr großen Spaß, und sie mochte das Gefühl von Verantwortung, immer auf dem neuesten Stand ihres Fachgebietes sein zu müssen und die neuesten Publikationen gelesen zu haben. Auch auf den persönlichen Kontakt, den sie mit den Studierenden während der Studienberatungsstunden hatte, legte sie großen Wert.

Das merkwürdige an Les Depressionen und Angstanfällen war, daß sie niemals im Seminar auftraten oder sie bis dahin verfolgten. Selbst in Zeiten, wo sie ständig deprimiert war, hielt sie ihre Unterrichtsstunden ab, ohne daß ihr irgend jemand etwas hätte anmerken können. Sie konnte sogar witzig und ausgelassen sein, um dann, wenn sie nach Hause kam, nur noch den Wunsch zu haben, sich entweder im Bett zu verkriechen oder sich mit Tabletten oder Alkohol zu betäuben. Sie trank hauptsächlich Wein. Wenn sie fand, daß es zuviel wurde, nahm sie Antabus-Tabletten, ein Präparat gegen Alkoholmißbrauch, und hatte die etwas unrealistische Vorstellung, ihren Alkoholverbrauch damit selbst zu kontrollieren.

Andererseits wollte sie nicht fortwährend Antabus nehmen, denn sie spürte natürlich, daß die ständige Anwendung des Präparates zu einer Degradierung jener Willensstärke führte, in deren Besitz sie sich glaubte und mit der sie meinte das Trinken noch steuern zu können.

Sie war auch gezwungen, zwischen Wein und Tabletten abzuwechseln, da es immer wieder Schwierigkeiten bereitete, ohne Rezept an die Tabletten heranzukommen. Denn sie scheute sich, ihrem Arzt zu erklären, wie ernst ihre psychischen Beschwerden zeitweilig waren. Und auch, weil sie selbst sie nicht ernst nehmen wollte.

Im Zusammenhang mit einem Selbstmordversuch war sie bei einem Psychiater gewesen, der sie mit einer medikamentösen Langzeittherapie behandelt hatte, die eine positive Wirkung zeigte. Aber diese Art von Behandlung wollte sie nicht noch einmal.

So krank fühlte sie sich nicht.

So krank war sie nicht.

Periodenweise schaffte sie es auch sehr gut ohne Alkohol, Valium und Antabus.

Sie war eine Melancholikerin – und wußte genau das glänzend zu verheimlichen.

Im Seminar trank sie nie. Empfand diesen Ort als ein sicheres Nest. Hatte während der Depressionsphasen, wenn sie morgens dorthin fuhr, ein merkwürdiges Gefühl: «Jetzt kann sie/es mich nicht erreichen!» Wußte nicht, was sie/es war.

Eigentlich war sie sehr zufrieden, allein mit Marianne in ihrem Haus zu leben.

Aber ohne Männer ging es auch nicht.

Und wenn eine Beziehung zu Ende war, litt sie jedesmal unter Depressionen, mehr oder minder stark, je nach Intensität und Art der Beziehung.

Wenn sie jemand fragte, warum ihre Ehe nur so kurz gewesen sei oder warum sie sich hatte scheiden lassen, antwortete sie meist mit einem Achselzucken, daß sie wohl noch zu jung gewesen seien, daß sie es mit dem Kind nicht geschafft hätten, daß sie ganz einfach nicht miteinander gekonnt hätten.

Das stimmte zwar irgendwie, die Hauptgründe jedoch, über die sie und Jacob niemals gesprochen hatten, waren andere, nämlich daß sie begabter war, bessere Prüfungen machte und wesentlich früher fertig wurde als er, obwohl sie während der ganzen Zeit die alleinige Verantwortung für das Kind gehabt hatte.

Jacob war damals viel zu unreif, als daß er etwas anderes als Zuschauer hätte sein können. Nach der Scheidung hatte er ziemlich rasch wieder geheiratet, Kirsten, eine Frau, die einige Jahre jünger war als er. Auf Jacobs Wunsch und auch, weil es sie langweilte, hatte sie ihre Stelle im Büro aufgegeben. Sie hatten zwei Kinder.

Les Verhältnis zu Kirsten war neutral. Sie hatten sich nichts zu sagen, gingen aber freundlich miteinander um.

Les Aussehen zu beschreiben war nicht ganz einfach, weil es ungewöhnlich stark von ihrer inneren Verfassung abhing und mit ihr variierte.

Sie war nicht besonders groß, blondes, langes Haar, hatte immer Angst, zu dick zu werden, und probierte daher eine Schlankheitskur nach der anderen. Sie hatte regelmäßige Zähne, die allerdings vom Nikotin verfärbt waren. Sie hatte große blaue Augen.

Es gab Phasen, in denen sie eitel war, und wenn sie verliebt war, tat sie sehr viel für ihr Äußeres. In diesen Situationen hatte sie es am wenigsten nötig.

Wenn sie glücklich war, ging eine starke Ausstrahlung von ihr aus. Sie leuchtete, ihre Augen dominierten mit einem eigentümlichen Glanz. Ihr Gang wurde leicht. Sie war schön und anziehend. Sie konnte sehr erotisch wirken, weniger körperlich als durch ihr Gesicht, ihr Lächeln, ihre Stimme, ihr Lachen. Am stärksten wirkten jedoch ihre strahlenden Augen.

Sie erschrak manchmal selbst vor ihren eigenen Augen, weil sie so intensiv waren.

Sie wußte, daß die Art, wie sie jemand ansah, viele Leute irritierte, weil es so konzentriert und direkt wirkte.

Es gab andere Phasen in ihrem Leben, wo man sie fast übersehen hätte.

 

Obwohl sie es nicht zeigte, war sie ziemlich ehrgeizig. Besonders in ihrer täglichen Arbeit, wo sie sich schon durch die allergeringste Kritik sehr verletzt fühlen konnte. Auch unberechtigte Kritik verletzte sie, obwohl sie es nicht zeigte.

Sie hatte literarische und berufliche Ambitionen. Aber sie zweifelte an ihren literarischen Fähigkeiten und hatte Angst davor, sie auszuprobieren.

Bisher hatte sie einige Zeitungsartikel veröffentlicht und Vorträge gehalten. Über berufsbezogene Themen und über die Frauenbewegung.

Letztere interessierte sie am meisten; teils, weil sie sich über ihre Position in bezug auf die bestehenden Frauengruppen und deren Richtungen nicht im klaren war; teils, weil sie immer deutlicher spürte, daß eine Beschäftigung mit der Problematik der Männer – jedenfalls für Frauen ihrer Einstellung, ihrer Ausbildung und ihres intellektuellen Niveaus – mit der Zeit immer vorrangiger wurde.

Sie hatte sich nie einer Basisgruppe oder anderen Frauengruppen anschließen wollen, hatte immer abgelehnt, wenn sie dazu aufgefordert worden war.

Aus Angst vor ihrer eigenen Dominanz und aus Angst, nicht wirklich «linientreu», nicht «gläubig» genug zu sein; ihre größte Angst war jedoch, auf eine bestimmte Rolle festgelegt zu werden.

Parolen wie «Frauenkampf ist Klassenkampf» machten sie mißtrauisch. Wozu wollten die Sozialisten sie benutzen? Sie hatte bei ihnen des öfteren dieselbe Geschlechtsdiskriminierung beobachtet wie anderswo auch.

Aber auch hier war ihre Haltung letztlich ambivalent. Vielleicht deshalb, weil sie immer wieder erlebte, daß das, was sie in bezug auf den Mann wollte, was sie sich von ihm wünschte, daß sie das allein nicht schaffte. Aber sie war überzeugt, daß eine «Gruppe» es noch viel weniger schaffen würde.

Was half es ihr, wenn eine Frauengruppe feststellte, die Männer seien zynisch, kalt, ohne Zärtlichkeit und überhaupt emotional blockiert, wenn es um den Mann ging, in den sie gerade verliebt war? Sie konnte nur hoffen, seine Verschlossenheit mit ihrer eigenen Wärme, mit ihren eigenen Gefühlen, mit ihrer eigenen Zärtlichkeit etwas zu öffnen. Obwohl ihr der Verstand oft genug sagte, daß sie sich mal wieder in eine in dieser Hinsicht hoffnungslose Beziehung eingelassen hatte.

Wieder und wieder erlebte sie in ihren Männerbeziehungen, daß sie sich auslieferte, während er auf seinem Beobachtungsposten blieb.

Sie wußte, daß ihre Haltung Männern gegenüber von einer fast «schizophrenen» Gespaltenheit war – schwankend zwischen einem äußerst intellektuellen Realitätssinn und einem gefühlsmäßigen, fast naiv-hoffnungsvollen Glauben an etwas, was kaum zu realisieren war.

Sie litt unter ihrer übersteigerten Sensibilität und versuchte sie zu verheimlichen und sich zu beherrschen.

Oft genug hatte sie sich in verschiedenen Beziehungen bemüht, das zu tun, von dem sie wußte, daß es unmöglich war: den Mann dahin zu bringen, Zärtlichkeit, Gefühle und Offenheit zu zeigen.

Wenn sie in einer Beziehung einsehen mußte, daß sie «verloren» hatte – das spielte sich meist so ab, daß er die Beziehung abbrach, wohl weil er instinktiv gemerkt hatte, daß sie mehr wollte als nur ein relativ oberflächliches Verhältnis –, dann fühlte sie sich unglücklich.

Und vom Schicksal betrogen.

Vielleicht mit Recht.

Sie hatte an sich selbst die Beobachtung gemacht, daß sie, ungeachtet ihres intellektuellen Engagements für die Frauenbewegung, dennoch nach den Bedingungen der Männer lebte, in die sie sich verliebte. Stellte sie ihre eigenen Forderungen auf, ging die Sache schief: Es geschah entweder nichts oder etwas, was sie nicht wollte.

Le war begabt und reflektiert – großzügig und vorurteilslos. Ein Mensch mit einer gewissen Souveränität, der tat, was er für gut und richtig hielt. Ein Mensch, der den Mut hatte, gegen Normen und Traditionen zu handeln. Und der sich in vielen Situationen authentisch verhielt.

Das alles aber war wie weggeblasen, wenn sie sich verliebte.

Aus zwei Gründen: Weil sie erstens die Erfahrung gemacht hatte, daß das die Männer abschreckte, und dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Und weil sie sich zweitens fast immer in Männer verliebte, von denen sie glaubte, sie seien klüger als sie. Das verunsicherte sie natürlich in ihren eigenen Ansichten und Entscheidungen.

Hinzu kam der Umstand, daß sie sich gerade von selbstsicheren, überlegenen und arroganten Männer angezogen fühlte. Männern mit festen Überzeugungen, von denen sie sich meist nicht abbringen ließen, auch wenn alle Argumente gegen sie sprachen.

Häufig waren es Männer, die kalt wirkten. Die vielleicht in ihren Augen eine Herausforderung darstellten, gerade so jemanden dazu zu bringen, seine Gefühle zu zeigen.

Aber die wesentlichste Voraussetzung von ihrer Seite war – Lene und sie hatten oft über dieses Phänomen gesprochen, denn Lene ging es genauso –, daß der Mann klüger sein mußte.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen machte Le selten einen Unterschied zwischen psychischem und physischem Kontakt. Sie meinte auch, man solle das nicht trennen. Sie schlief mit den Männern, die sie gern hatte, zu denen sie sich hingezogen fühlte.

Le hatte eine ganze Reihe von Beziehungen gehabt.

Halb weinend, halb lachend hatte sie Lene einmal gefragt, ob sie glaube, daß sie nymphoman oder promiskuitiv sei oder beides.

Aber Lene hatte ruhig geantwortet, daß sie ein lebendiger Mensch sei: Nicht sich zu verlieben, nicht zu lieben, nicht sich zu engagieren, nicht sich hinzugeben, das sei der Tod.

Le war sehr selbstkritisch, sah deutlich ihre «Schwächen». Und ihr ewiges Bedürfnis nach Bestätigung.

Sie legte großes Gewicht auf äußere Dinge: Kleider, Aussehen, Kosmetik. Auch in diesem Punkt unterschied sie sich von gewissen Frauengruppen in Maolook oder Kampfanzügen.

Entschuldigend meinte sie, es sei ein Mißverständnis, keinen Wert auf sein Äußeres zu legen, wenn es einem Spaß mache. Jeder solle anziehen, wozu er Lust habe: «Manchmal habe ich Lust auf Jeanssachen und manchmal auf High-Society-Aufmachung.»

Sie wußte aber auch, daß das in bezug auf sie selbst nur die eine Hälfte der Wahrheit war: Sie zog sich elegant an und benutzte Make-up, um ihre innere Unsicherheit, die ihr genug Schwierigkeiten bereitete, zu verschleiern; ihre äußere Erscheinung durfte da nicht auch noch zum Problem werden.

Le zu beschreiben war nicht einfach, denn sie steckte voller Gegensätze.

Sie hatte viele Fähigkeiten, blockierte sie aber häufig durch mangelndes Selbstvertrauen.

Sie war ein sehr eigenartiger Mensch, und manches sprach dafür, daß diese etwas starre Eigenartigkeit sie daran hinderte, sich auch auf anderen Gebieten zu entfalten.

Le fehlte die Leichtigkeit, sie war alles andere als oberflächlich, hatte ein etwas schroffes und heftiges Temperament, das sie zu beherrschen versuchte.

Sie konnte außerordentlich produktiv sein, aber es fehlte ihr an Ausdauer.

Sie war offen und lieferte sich aus – und hatte gleichzeitig Angst, ausgenützt und mißverstanden zu werden.

Sie wollte ihre emotionalen Spannungen, deren sie sich fast schmerzhaft bewußt war, möglichst verstecken. Aber das war schwer.

Sie hatte nicht die Fähigkeit, sich wirklich von außen zu sehen.

Das und ihr Name waren ihr Schicksal – hätte man sagen können, denn «Le» hieß in der Sprache ihres Landes «Lache» – und auch «Sense».

Sie empfand es selbst als die Ironie ihres Lebens, daß ausgerechnet sie mit einem so optimistischen Befehl versehen worden war, dessen Ausführung häufig so große Schwierigkeiten bereitete. «Jetzt habe ich mein Leben lang scherzhafte Bemerkungen über meinen Namen gehört», hatte sie einmal gesagt. «Es wird schließlich damit enden, daß der Pfarrer bei meiner Beerdigung im Vollgefühl seiner Originalität von der Le des Todes sprechen wird.»

Freunde – Frauen

Aber seltener und seltener die Freunde werden,

deren Hände zu fassen uns sehnlichst verlangt.

Sophus Claussen

«Dichten heißt Gerichtstag halten über sich selbst», zitierte Morten seinen geliebten Ibsen in donnerndem Norwegisch, als sie den Korridor hinuntergingen.

«Findest du das denn falsch?» fragte Le und mußte gleichzeitig lachen, weil das Zitat aus seinem Mund so pompös und komisch geklungen hatte. Morten hatte eine phantastische Begabung, das, was er das «Erhabene» nannte, auf seine Weise in Frage zu stellen.

«Geh nach Haus und probier’s aus, du unverbesserliche Idealistin, aber mach es nicht zu gründlich», sagte er, «du weißt, ich persönlich halte mehr von einer kritischen Analyse der Gesellschaft.»

Das stimmte zwar, hatte aber aus seinem Munde ebenfalls etwas Komisches.

 

Was sie an Morten so schätzte, war seine erklärte Unsicherheit in Sachen Theorie und seine Fähigkeit, manchen ihrer Widersprüche auf die Spur zu kommen.

Sie mochte auch die Unsicherheit und Offenheit, mit der er sich und seine Ansichten zur Diskussion stellte. Und schließlich mochte sie die Art und Weise, wie er fragte und analysierte und sich nicht mit irgendwelchen Behauptungen zufriedengab, sondern sie meist etwas ins Lächerliche zog.

Er hatte einen ausgeprägten Sinn für das Humoristische einer Situation und konnte sie oft zum Lachen bringen, selbst wenn es sich um etwas Persönliches handelte und Le eigentlich verärgert war. Meist half es ihr auch, wenn sie zu ihm ging und ihm ihr Leid klagte.

Morten war ein Kollege, und er und Lene waren die beiden einzigen Menschen, denen sie sich wirklich eng verbunden fühlte.

Er war verheiratet und hatte ein Kind. Le war froh, daß seine Frau trotz der Vertrautheit zwischen ihnen niemals eifersüchtig wurde. Es bestand auch kein Grund, denn Le war nie in ihn verliebt gewesen, dazu waren sie sich zu ähnlich, und außerdem hätte es Morten sich nie erlaubt, in jemand anderen verliebt zu sein als in seine Frau.

«Das würde ich nicht aushalten», hatte er einmal gesagt, als sie über Andreas’ und Lenes Beziehungen sprachen. Für Morten war auch Les Lebensweise ziemlich fremd. Aber er akzeptierte sie, weil er Le mochte und weil er seine eigene Kleinfamilie nur für sich selbst als richtig empfand, sie aber nicht für die Ideallösung hielt.

Les Situation war eben eine andere. Er hörte ihr zu und äußerte gelegentlich den einen oder anderen Ratschlag.

Obwohl Morten und sie in vielen Punkten übereinstimmten, besonders in beruflicher Hinsicht, waren sie auch wieder grundverschieden. Sie ergänzten sich gut und planten sogar, gemeinsam etwas Fachliches zu veröffentlichen.

Anders als Le hatte Morten zwar keine literarischen Ambitionen, dennoch bestärkte er sie immer wieder in ihren Absichten und machte ihr Mut, endlich damit anzufangen.

«Le, schreib diesen Roman über die alleinstehende Frau. «Schreib es, bring es hinter dich, sonst wirst du es nie los. Und hinterher machen wir dann etwas zusammen.»

 

Le hatte das Bedürfnis, ihre Gedanken und Gefühle aktiv umzusetzen. Am liebsten Schreiben oder einen Vortrag konzipieren, um die Stichhaltigkeit dessen, was sie sagen wollte, zu überprüfen.

Dabei hatte sie häufig die Befürchtung, daß das, was sie fühlte, dachte und erlebte, viel zu persönlich war und nur auf sie zutraf. Sie versuchte es deshalb manchmal zu formulieren, um dabei vielleicht auf etwas Grundsätzlicheres, Allgemeingültiges zu stoßen. So zuletzt mit ihrem Artikel über die Situation der alleinstehenden Frau mit Kind.

Zeitweise schrieb sie auch Tagebuch. Aber das war mühsam und geschah unregelmäßig. Häufig vergaß sie auch zu schreiben, zum Beispiel, wenn sie verliebt und glücklich war. Oder sie wagte nicht zu schreiben, wenn sie eine Niederlage oder eine Ablehnung erfahren hatte.

Aber am liebsten machte sie sich Notizen, hatte ganze Mappen voll davon und versuchte sie von Zeit zu Zeit zu ordnen. Was meist nicht besonders erfolgreich verlief, so daß sie, wenn sie das eine oder andere schreiben wollte, zum Beispiel einen Zeitungsartikel oder einen Vortrag, sehr viel Zeit brauchte, um sich in ihren Notizen zurechtzufinden und sie für ihre Zwecke zusammenzustellen.

Wenn das geschehen war, konnte sie ziemlich frei herunterschreiben, was ihr einfiel. Aber die Vorarbeit beanspruchte jedesmal so viel Zeit, daß sie eigentlich nicht daran glaubte, jemals etwas anderes zustande zu bringen als Artikel und ähnliche kleinere Arbeiten.

Irgendwie wußte sie, daß sie Talent zum Schreiben hatte, fürchtete aber, ihre literarische Phantasie reiche nicht dazu aus. Und nur ihre eigene Umgebung zu beschreiben konnte leicht zu einer Art Auslieferung führen, die an Verrat und Denunziation grenzte. Sie hatte auch die fixe Vorstellung, ein richtiger Autor würde sich einfach hinsetzen und losschreiben, wenn er Thema und Richtung einer neuen Arbeit erst mal hätte. Der säße sicher nicht so da wie sie: vor haufenweise mehr oder minder brauchbaren Notizzetteln.

Andererseits meinte sie aber auch, daß jede anspruchvollere Literatur erlebt, persönlich erfahren sein müsse. Und folgerte weiter, der Autor müsse also das Private verallgemeinern, durch die Darstellung von etwas offensichtlich sehr Besonderem das darin enthaltene Allgemeine sichtbar machen.

 

Ihre literarischen Skrupel führten dazu, daß sie erst gar nicht den Versuch machte, das Thema der alleinstehenden Frau mit Kind erzählerisch aufzugreifen, sondern sich entschloß, einen Zeitungsartikel darüber zu schreiben.

Zum Anlaß nahm sie das telefonische Angebot einer Bekannten, ihre Tochter für ein paar Tage zu sich zu nehmen – «denn kürzlich, als wir uns trafen, hast du so müde und erschöpft ausgesehen. Du hast auch wirklich zu viel um die Ohren, du brauchst sicher etwas Ruhe». Offensichtlich handelte es sich um ein rein freundschaftliches Angebot. Aber war es wirklich nur das?

Dieses «Bedauertwerden» war ein eigentümliches Frauenphänomen.

Und hatte verschiedene Aspekte.

Es stellte sich zum Beispiel die Frage, warum manche Frauen diese Mitleidshaltung überhaupt einnahmen, welches die eigentlichen Motive dafür waren.

Und besonders diese Haltung alleinstehenden Frauen, alleinstehenden Müttern gegenüber.

Das für Le Provozierende, was die ganze Sache so auffällig für sie machte – und dahinter ahnte sie etwas Grundsätzliches –, war die Tatsache, daß sie sich gerade an jenem Tag, den ihre Bekannte gemeint hatte, besonders entspannt und gut gefühlt hatte. Sie hatte auch etwas Elegantes angehabt, von dem sie wußte, daß es ihr stand. Sie wußte, gerade an jenem Tag hätte sie glücklich aussehen müssen.

Sie schrieb den Artikel. Konnte keine richtige Überschrift finden. Schickte ihn so ab.

Wenn sie ihn nehmen, dachte sie, wird dem Redakteur schon irgend etwas Originelles dazu einfallen.

Der Artikel wurde angenommen.

 

Ich bin kein sozialer Fall. Und ich bin auch nie ein Sozialfall gewesen.

Mein einziger Kontakt mit dem Sozialamt hat bisher darin bestanden, daß ich auf Treu und Glauben unterschreiben mußte, daß ich keinen Lebensgefährten habe. Ich habe (nur) – zeitweise – einen Liebhaber, und wenn diese Zeit einmal von längerer Dauer sein sollte, würde ich aus Angst vor einem Prozeß wegen betrügerischer Erschleichung von Staatsgeldern zum Sozialamt stürzen und melden, daß es jetzt bei mir eine zweite Zahnbürste gäbe, daß wir jetzt das Bett, wenn nicht gar die Bettdecke miteinander teilten, daß er jetzt einen Unkostenbeitrag leisten würde und ich daher auf das erhöhte Kindergeld verzichten müsse.

Bis dahin nehme ich in Anspruch, was mir nach dem Gesetz zusteht. Auch deshalb, weil ich von dem Vater meines Kindes keine Unterhaltszahlungen will.

Das hat mehrere Gründe: Er verdient kaum mehr als ich, hat aber die alleinige finanzielle Verantwortung für seine Frau und zwei Kinder, und außerdem fühle ich mich freier, auch in Hinblick auf die Erziehung meines Kindes, wenn nur ich dafür aufkomme.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich gehöre zur Gruppe der privilegierten alleinstehenden Frauen. Ich habe eine gute Ausbildung, ein gutes Einkommen, eine gute Wohnung und so weiter. Mein Kind wird zuverlässig betreut, sowohl während als auch außerhalb meiner Arbeitszeit: in einem ausgezeichneten Tageskindergarten, bzw. von mir selbst oder von verantwortungsbewußten Verwandten oder Freunden, wenn ich verhindert bin.

Es stände somit alles zum Besten. Aber das tut es nicht. Denn da ich eine alleinstehende Frau mit Kind bin, gehöre ich einer bestimmten Kaste an. In der ich mich nicht besonders wohl fühle.

Ich bin einerseits bedauernswert. Aber andererseits bin ich auch gefährlich.

Ich glaube, es befinden sich eigentlich ziemlich viele von uns in derselben Situation und das ist der Grund, warum ich versuchen will, sie etwas genauer zu analysieren.

Wäre ich verheiratet, würde meine Situation in vielen Punkten dieselbe sein. Ich fühle mich nämlich nicht zu der Rolle gezwungen, die heißt: «Berufstätige Frau mit Kind im Kindergarten». Das wäre ich auch, wenn ich verheiratet wäre oder in einer vergleichbaren Beziehung ohne Trauschein lebte, dann aber gäbe es einen Mann im Haus. Und das ist offensichtlich der alles entscheidende Unterschied.

Vielleicht ist es wirklich nur eine Frage der individuellen Kraft und Energie. Aber sozial schlechter gestellte Frauen sind mindestens ebensosehr – vielleicht sogar noch mehr – einem Verhalten von seiten unserer sogenannten «Mitschwestern» ausgesetzt, das ich im Folgenden darstellen und dessen Ursachen ich analysieren möchte.

Die Probleme lassen sich in aller Kürze – ungeachtet späterer Differenzierungen – in zwei Sätzen zusammenfassen:

1. Habe Mitleid mit ihr, sie ist eine alleinstehende Frau mit Kind.

2. Paß auf, sie ist eine alleinstehende Frau (mit Kind).

Man wird von einer verheirateten Freundin, die viel Zeit hat, angerufen: «Komm doch zum Tee. Dann können wir uns mal richtig unterhalten.» Worüber? Über meine eventuellen Probleme, über alle meine Schwierigkeiten? Denn selbstverständlich muß ich als (arme) Alleinstehende in solchen Problemen fast ertrinken.

Was aber, wenn ich antworten würde: «Du, ich käme lieber zum Abendessen. Denn ich finde es (mindestens) so spannend, mich mit deinem Mann zu unterhalten.» Ja, eigentlich ist das eine einleuchtende Antwort, aber trotzdem eine Unverschämtheit. Und diese Freundschaft oder Bekanntschaft – oder was immer es sein mag – würde schnell zu Ende sein.

Und man geht zum Tee, hie und da, bis man eine Gerbsäurevergiftung hat und sagt, «ich habe keine Zeit» – weil man es leid geworden ist, immer wieder versichern zu müssen, daß man keine Probleme habe, denn selbstverständlich hat man welche, aber nicht für diese Problemschnüfflerinnen.

Oder es heißt: «Komm, und bleib ein paar Tage bei uns. Dann können wir uns mal richtig unterhalten. Und dich verwöhnen. Das kannst du sicher brauchen. Du siehst so erschöpft aus. Und deine Tochter kannst du auch gern mitbringen.» (Ja, sicher, was soll ich denn sonst mit ihr machen.)

Pure Freundlichkeit? Pure Anteilnahme? Woran?

Glücklicherweise kommt so etwas bei verheirateten Kolleginnen seltener vor. Das kann natürlich daran liegen, daß man ihnen diese Art von «Fürsorge» bereits abgewöhnt hat.

Sätze wie: «Mein Gott, siehst du aber traurig und grau aus! Es muß dir ja schrecklich gehen» oder «Wie siehst du denn aus! Du bist doch nicht etwa krank?» usw., usw., sind ebenfalls nicht unbekannt.

Am schlimmsten ist es in Gesellschaft. Die Gastgeberin bedauert einen quer über den gedeckten Tisch hinweg, entweder direkt oder indem sie den Kopf besorgt zur Seite neigt und laut flüstert: «Ach, meine Kleine.» – Und das Gespräch verstummt auf der Stelle, alle starren einen an, und obwohl man sich bis dahin blendend gefühlt hat, merkt man plötzlich, wie das eigene Lächeln gefriert.

Es gibt «rührende Frauen», die einem aus lauter «Mitgefühl» nicht einmal gestatten, daß man in einer ernsten Unterhaltung ein ernstes Gesicht macht. Ich muß so gesund aussehen, daß es zum Krankwerden ist. Und es gibt eine so aufdringliche Sorge, daß sie fast zur «Fürsorge» wird.

 

All das könnte einem als größte Mißachtung und Undankbarkeit gegenüber einer Gruppe von Frauen ausgelegt werden, die es gut meinen, die sich für ihre Mitmenschen engagieren, die anderen, denen es schlechter geht, gern helfen wollen.

Diese hilfsbereiten und engagierten Frauen gibt es glücklicherweise, verheiratete und unverheiratete. Und schnell lernt man den Unterschied.

Ich rede gern mit anderen Frauen. Über meine Probleme. Über ihre Probleme. Ich rede auch gern mit Männern über die gleichen Dinge. Ich möchte lediglich davon verschont bleiben, daß man mich bedauert, nur weil ich alleinstehend bin.

Denn das charakteristische an den oben angeführten Beispielen ist, daß ich mich in der Mehrzahl der Fälle absolut nicht in dem Zustand befinde, dessentwegen man mich bedauert: ich bin nicht müde, ich bin nicht traurig, ich bin nicht erschöpft, ich bin nicht krank und auch nicht überanstrengt.

Die betreffende «Mitfühlende» macht sich nicht einmal die Mühe, auch nur hinzusehen. Man ist es einfach – per definitionem.

Die wirklich besorgte Freundin hält einem nämlich gerade nicht das eigene Aussehen vor, wenn man vielleicht nicht ganz auf der Höhe ist. Sie hört zu, ermuntert und hilft, wenn sie kann. Sie erklärt einen auch nicht für krank, wenn man ausgerechnet an diesem Tag nicht unbedingt wie der wandelnde Optimismus daherkommt.

Den anderen dagegen, die einen in diese unangenehmen Situationen hineinmanövrieren, so daß man sich schließlich gezwungen fühlt, seine «mir geht es blendend»-Rolle abzuziehen – denen ist man wahrlich geneigt irgendwelche boshaften Motive zu unterstellen: Neid und/oder Angst, bewußt oder unbewußt, Schadenfreude oder simple Boshaftigkeit.

Hieraus ergibt sich der Zusammenhang mit meinem zweiten Satz: Paß auf, sie ist eine alleinstehende Frau!

Wir sind durch die Frauenbewegung ein gutes Stück vorwärtsgekommen. Aber wir sind auch nicht annähernd so weit, wie manche vielleicht glauben. Und auch nicht annähernd so weit in der Praxis wie in der Theorie, wie mit Wörtern und wie mit dem, was wir uns gegenseitig schon alles erzählen können.

Die alten Normen und Einstellungen leben weiter und erfreuen sich bester Gesundheit.

Eine dieser bei vielen verheirateten Frauen weit verbreitete Einstellungen besagt, daß, wer unverheiratet ist, nur den einen Gedanken, nur den einen Wunsch haben kann: einen Mann zu kriegen und zu heiraten. Das nennt man witzigerweise auch: «sich einen Mann angeln».

Bei mir hat also noch keiner (wieder) angebissen. Ich kann den großen Unterschied nicht recht einsehen. Denn das Risiko, das eine verheiratete Frau geschieden wird, ist fast ebenso groß wie die Chance, daß ich wieder heirate. Jedenfalls in meiner Altersgruppe.

Eine andere Einstellung, die ich komisch finden würde, wenn sie nicht mich und meine Leidensgenossinnen beträfe, ist folgende: Gehe ich zeitweise mit einem bestimmten Mann aus oder vielleicht sogar mit verschiedenen Männern, dann bin ich garantiert«auf Männerjagd». Bin ich aber zu Hause, weil ich Lust habe oder das Bedürfnis danach oder vielleicht wirklich keinen Mann habe, mit dem ich ausgehen könnte, dann bin ich unter Garantie im Begriff, «mich einzumauern und als alte Jungfer zu enden».

Ja, es ist gar nicht so einfach, immer das Richtige zu tun.

In Gesellschaft muß ich höllisch aufpassen, daß ich kein allzu deutliches Interesse an verheirateten Männern zeige. Es spielt keine Rolle, ob er und ich es vielleicht schön finden, miteinander zu tanzen oder ein interessantes Gespräch zu führen. Ehe ich mich's versehe, steht seine Frau in Hut und Mantel hinter ihm und will nach Hause. Und das muß er natürlich auch wollen.

Es liegt ja durchaus im Bereich des Möglichen, daß ich einen Mann finde, mit dem ich Lust hätte zusammenzuleben und der seinerseits Lust hätte, mit mir zusammenzuleben.

Aber die verheirateten Frauen brauchen aus diesem Grunde doch keine Angst zu haben. Denn erstens gibt es eine ganze Anzahl unverheirateter oder geschiedener Männer, und zweitens glaube ich nicht, daß man jemand jemandem «wegnehmen» kann.

Ein Mann wird seine Frau bestimmt nicht meinetwegen verlassen. Wenn er sie verläßt, dann deswegen, weil er seine Frau oder seine Ehe satt hat.

Manchmal merke ich, wie man mich um meine Freiheit beneidet. Meistens genieße ich sie ja auch. Und trotzdem hätte ich auch gern einen Mann, um diese Freiheit mit ihm zu teilen, denn ich glaube, daß das möglich ist.

Ich bin gern allein, ich bin gern mit anderen Menschen zusammen, und ich entscheide gern selbst, wann ich das eine und wann ich das andere sein möchte.

Ich glaube, ich könnte diese Einstellung auch im Zusammenleben mit einem Mann realisieren, vorausgesetzt, er vertritt die gleiche Haltung wie ich.

Aber ich habe ihn noch nicht getroffen – noch nicht.

«An die Gewehre!» Gefährliche Dame unterwegs, versucht verheiratete Männer zu verführen. Denn selbstverständlich muß ich ewig ausgehungert und auf der Jagd nach einem Versorger sein.

Ich bin nicht auf der Jagd nach einem Versorger, denn ich kann mich selbst versorgen.

Ich habe soeben erwähnt, daß ich meine Ausbildung beruflich nutzen würde, auch wenn ich verheiratet wäre. Dann wäre allerdings die offizielle Einschätzung der Tatsache, daß ich arbeite, eine völlig andere. Dann würde ich meine Arbeit aus einem Engagement heraus verrichten, aus einem speziellen Interesse ihr nachgehen usw., usw. Jetzt dagegen, unverheiratet, erscheint meine Freude an meiner Arbeit, mein Engagement und mein Interesse immer wie eine schlechte Entschuldigung, wie etwas, was ich gezwungen bin zu sagen, weil die Arbeit gleichzeitig auch eine Notwendigkeit für mich ist. Ich verstehe nur nicht, warum bestimmte Frauen nicht einsehen können, daß diese beiden Tatsachen sich sehr gut miteinander vereinbaren lassen.

Ein anderer Aspekt: Wenn ich als alleinstehende Frau mein Kind im Kindergarten habe, dann natürlich nur deswegen, weil es die absolute Notwendigkeit ist, weil eine angemessene Betreuung anders nicht möglich wäre. Es zählt nicht, es darf nicht richtig sein, wenn ich behaupte, daß das auch aus pädagogischen Gründen geschieht, damit mein Kind etwas lernt – zum Beispiel soziale Anpassung an andere Kinder, an Gruppen – und damit es von anderen Personen neue Anregungen erfährt.

Das dürfte ich nur behaupten, wenn ich zu Hause wäre und mein Kind den Kindergarten nur halbtags besuchen würde. Aber unter den jetzigen Umständen? Jetzt mache ich aus der Not nur eine Tugend.

Ich habe oben erwähnt, daß ich diese «Mitleids-Situationen» oft als einen Ausdruck von Angst und Neid erlebe. Ich habe beobachtet – und das ist eine ziemlich traurige Feststellung –, daß es sich dabei häufig um Frauen handelt, die ihr Bedürfnis nach Anerkennung anders nicht befriedigen können. Manchmal kann es sogar – ganz unbewußt – eine Art Hilferuf sein.

Das kann für die, die es betrifft, ziemlich belastend sein. Aber am schlimmsten ist es zweifellos für die, von der dieser Hilferuf ausgeht. Denn ihr ist eigentlich nicht zu helfen.

Wie einer Frau Anerkennung verschaffen, die niemand hat, von dem sie anerkannt wird, die niemand so recht brauchen kann, weil sie es versäumt hat, sich ein Leben mit einem gewissen Eigenwert zu schaffen? Wie da helfen?