Lea weiß es besser! - Viola Maybach - E-Book

Lea weiß es besser! E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Aber …«, begann Simon Daume, doch Leon Laurin ließ ihn nicht ausreden. Er hatte einen Nachtdienst hinter sich, weshalb er bis in den späten Vormittag geschlafen hatte, was bedeutete, dass er wieder einmal in den Genuss eines von Simon zubereiteten Frühstücks kam. Normalerweise sahen sie sich nämlich nicht, der junge ›Haushaltsmanager‹ von Familie Laurin und der Chef der Kayser-Klinik, aber beide freuten sich, wenn es wieder einmal soweit war, denn sie unterhielten sich sehr gern miteinander. Simon war zweiundzwanzig Jahre alt und führte Leon, seiner Frau Antonia und ihren vier Kindern den Haushalt, Kochen inbegriffen, seit Antonia wieder als Kinderärztin arbeitete. Er war aus dem Alltag der Familie nicht mehr wegzudenken. Zugleich war die Anstellung für ihn und seine beiden jüngeren Schwestern ein Segen, denn Simon war für sie verantwortlich, seit beide Eltern vor drei Jahren im Abstand weniger Monate verstorben waren. Er hatte harte Jahre hinter sich, in denen er darum hatte kämpfen müssen, nicht von seinen Schwestern getrennt zu werden, da die zuständigen Behörden daran gezweifelt hatten, dass ein Neunzehnjähriger bereits die Verantwortung für zwei minderjährige Mädchen übernehmen konnte. Simon hatte sie jedoch überzeugen können, und jetzt hatte er außerdem ein festes Einkommen in einem Job, der ihm Spaß machte. Seine Karriere als Koch – er wollte auf jeden Fall eines Tages sein eigenes Restaurant führen – musste noch ein bisschen warten, aber das machte ihm nichts aus. In der Küche von Familie Laurin durfte er alles ausprobieren, was immer er wollte: Jedes Mitglied der Familie war längst glühender Fan seiner Kochkunst geworden. »Nichts ›aber‹!«, sagte Leon energisch. »Sie nehmen gefälligst Urlaub und fliegen in die USA zu Lisa, um sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen. Das ist auf die Entfernung unmöglich, Sie müssen dort sein, Simon, nur so können Sie feststellen, was Sache ist.« Lisa war Simons jüngste Schwester, zwölf Jahre war sie jetzt alt, beim Tod ihrer Eltern war sie neun gewesen. Lisa war ein stilles Kind mit Schwierigkeiten in der Schule gewesen, traumatisiert vom Tod der Eltern, voller Angst, ihr könnten auch noch die Geschwister genommen werden, ihr großer Bruder Simon und ihre große Schwester Lili, die vier Jahre älter war als sie. Dann jedoch hatte sich überraschend herausgestellt, dass die drei Geschwister Verwandte in den USA hatten, in San Francisco: Dort lebte eine Cousine ihrer Mutter, Elisabeth Becker, mit ihrem Mann Fred und ihrem Sohn Oscar. Warum der Kontakt zu ihnen in der Vergangenheit völlig abgebrochen war, war eine lange, schwierige Geschichte, die sie erst später in allen Einzelheiten erfahren hatten. Oscar jedenfalls war eines Tages in München aufgetaucht und hatte nach Simon, Lili und Lisa gesucht und sie schließlich auch gefunden.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der neue Dr. Laurin – 92 –Lea weiß es besser!

Unveröffentlichter Roman

Viola Maybach

»Aber …«, begann Simon Daume, doch Leon Laurin ließ ihn nicht ausreden.

Er hatte einen Nachtdienst hinter sich, weshalb er bis in den späten Vormittag geschlafen hatte, was bedeutete, dass er wieder einmal in den Genuss eines von Simon zubereiteten Frühstücks kam. Normalerweise sahen sie sich nämlich nicht, der junge ›Haushaltsmanager‹ von Familie Laurin und der Chef der Kayser-Klinik, aber beide freuten sich, wenn es wieder einmal soweit war, denn sie unterhielten sich sehr gern miteinander.

Simon war zweiundzwanzig Jahre alt und führte Leon, seiner Frau Antonia und ihren vier Kindern den Haushalt, Kochen inbegriffen, seit Antonia wieder als Kinderärztin arbeitete. Er war aus dem Alltag der Familie nicht mehr wegzudenken. Zugleich war die Anstellung für ihn und seine beiden jüngeren Schwestern ein Segen, denn Simon war für sie verantwortlich, seit beide Eltern vor drei Jahren im Abstand weniger Monate verstorben waren.

Er hatte harte Jahre hinter sich, in denen er darum hatte kämpfen müssen, nicht von seinen Schwestern getrennt zu werden, da die zuständigen Behörden daran gezweifelt hatten, dass ein Neunzehnjähriger bereits die Verantwortung für zwei minderjährige Mädchen übernehmen konnte. Simon hatte sie jedoch überzeugen können, und jetzt hatte er außerdem ein festes Einkommen in einem Job, der ihm Spaß machte. Seine Karriere als Koch – er wollte auf jeden Fall eines Tages sein eigenes Restaurant führen – musste noch ein bisschen warten, aber das machte ihm nichts aus. In der Küche von Familie Laurin durfte er alles ausprobieren, was immer er wollte: Jedes Mitglied der Familie war längst glühender Fan seiner Kochkunst geworden.

»Nichts ›aber‹!«, sagte Leon energisch. »Sie nehmen gefälligst Urlaub und fliegen in die USA zu Lisa, um sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen. Das ist auf die Entfernung unmöglich, Sie müssen dort sein, Simon, nur so können Sie feststellen, was Sache ist.«

Lisa war Simons jüngste Schwester, zwölf Jahre war sie jetzt alt, beim Tod ihrer Eltern war sie neun gewesen. Lisa war ein stilles Kind mit Schwierigkeiten in der Schule gewesen, traumatisiert vom Tod der Eltern, voller Angst, ihr könnten auch noch die Geschwister genommen werden, ihr großer Bruder Simon und ihre große Schwester Lili, die vier Jahre älter war als sie. Dann jedoch hatte sich überraschend herausgestellt, dass die drei Geschwister Verwandte in den USA hatten, in San Francisco: Dort lebte eine Cousine ihrer Mutter, Elisabeth Becker, mit ihrem Mann Fred und ihrem Sohn Oscar. Warum der Kontakt zu ihnen in der Vergangenheit völlig abgebrochen war, war eine lange, schwierige Geschichte, die sie erst später in allen Einzelheiten erfahren hatten.

Oscar jedenfalls war eines Tages in München aufgetaucht und hatte nach Simon, Lili und Lisa gesucht und sie schließlich auch gefunden. Bei einem später folgenden Aufenthalt der beiden Mädchen in San Francisco hatte sich vor allem Lisa sehr eng an Elisabeth Becker angeschlossen, die ihr viel von früher hatte erzählen können, vor allem natürlich von ihrer, Lisas Mutter, mit der Elisabeth in Jugendjahren eng verbunden gewesen war. Und so hatten die Beckers Simon einige Zeit später vorgeschlagen, dass Lisa für ein Jahr zu ihnen nach San Francisco kommen und dort auch zur Schule gehen sollte. Das Verrückte war nämlich: Lisa, die Schüchterne mit den schulischen Schwierigkeiten, hatte sich im amerikanischen Alltag und in der Sprache schneller zurechtgefunden als ihre ältere Schwester – und ihre starke Verbundenheit mit Elisabeth Becker, die so viel aus der Vergangenheit erzählen konnte, was Lisa nicht wusste, hatte ebenfalls dazu geführt, dass sie in kürzester Zeit viel selbstbewusster geworden war. Außerdem hatte sie sich geborgen und sicher gefühlt.

Sie hatten sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Lili und Simon waren natürlich voller Sorge um Lisa gewesen, hatten sich auch ein Leben ohne die kleine Schwester zunächst nur schwer vorstellen können. Lisa selbst hatte sich ausbedungen, dass sie jederzeit nach München zurückkehren konnte, wenn die Sehnsucht übermächtig wurde, bevor sie sich dann entschied, sie wolle es versuchen. Der Anfang war durchaus schwierig gewesen, aber das war längst vergessen. Natürlich vermisste Lisa so manches in München, aber alles in allem fühlte sie sich wohl in San Francisco – und vor Kurzem hatte sie zum ersten Mal angedeutet, sie könne sich vorstellen, in den USA zu bleiben, bei Tante Elisabeth und ihrer Familie.

»Sie müssen mit Lisa reden, aber auch mit Ihren Verwandten – und Sie müssen alle Antennen ausfahren, Simon, um festzustellen, ob es Lisas Wunsch ist, in den USA zu bleiben oder ob sie sich nur irgendwie verpflichtet oder gedrängt fühlt. Ich unterstelle Ihren Verwandten nichts Böses, aber mir scheint, dass sie Lisa gern bei sich behalten würden, was angesichts der Vorfälle in der Vergangenheit kein Wunder ist: Frau Becker und Ihre Mutter sind wie Schwestern aufgewachsen, und dann haben sie sich voneinander entfernt, nicht nur räumlich. Vielleicht spielt auch der Wunsch mit, für immer Verlorenes irgendwie nachzuholen, und Lisa sieht ja Ihrer Mutter, wie Sie sagen, sehr ähnlich. Das alles kann eine Rolle spielen, aber es geht hier um Lisa und ihr Wohlergehen, nicht darum, irgendwelche möglichen Fehler der Vergangenheit wieder gutzumachen. Mit dieser Vergangenheit hat Lisa nichts zu tun.«

»Wie soll ich denn herausfinden, was sie wirklich will, Herr Laurin?«, fragte Simon. »Sie ist zwölf. Wenn sie mir sagt, sie will dortbleiben, wer bin ich, ihr zu sagen, dass ich nicht sicher bin, ob sie das wirklich will? Und wie soll ich mit Tante Elisabeth, Onkel Fred und Oscar reden und ihnen von meinen Befürchtungen erzählen, ohne sie zu beleidigen? Sie sind gut zu Lisa, sie fördern sie, wo es nur geht. Sie haben Lisa gern, das weiß ich. Und natürlich weiß Lisa, dass sie sie gern dauerhaft bei sich hätten. Und da sie einfühlsam ist, würde sie ihnen diesen Wunsch vielleicht gern erfüllen. Aber ich weiß auch, dass Tante Elisabeth wichtig ist für sie. Sie ist mit unserer Mutter aufgewachsen, sie kann ganz viele Geschichten über sie erzählen – Geschichten, die Lili und ich auch nicht kennen. Lisa war neun, als unsere Eltern gestorben sind, sie hat Angst, sie zu vergessen. Diese Angst nimmt Tante Elisabeth ihr, weil sie zumindest über unsere Mutter so viel erzählen kann. Lili und ich haben das auch immer getan, aber wir hatten eben viel weniger Zeit mit ihr zusammen und haben daher auch weniger Erinnerungen, und wir haben sie natürlich noch nicht gekannt, als sie noch ein Kind oder eine Jugendliche war …« Simon brach ab. Er hatte atemlos gesprochen, mit wachsender Verzweiflung in der Stimme.

»Sie haben Recht mit allem, was Sie sagen. Es wird nicht einfach für Sie sein, da bin ich sicher. Aber Sie müssen nach San Francisco fliegen und sich auch genug Zeit nehmen, um zu einer Einschätzung der Situation zu gelangen. Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl. Und machen Sie Lisa vor allem klar, dass sie nach wie vor jederzeit zurückkommen kann, wenn sie das möchte. Nehmen Sie ihr die Schuldgefühle, die sie mit Sicherheit hat, weil jede ihrer Entscheidungen Menschen verletzen wird. Das ist eine schreckliche Situation für eine Zwölfjährige. Sie muss ja das Gefühl haben, dass sie es gar nicht richtig machen kann: Ein Teil ihrer Familie wird sich in jedem Fall von ihr zurückgestoßen fühlen, was sie auch entscheidet.«

Simon nickte unglücklich. »Aber wenn ich fliege, sind Sie allein, Lili ist allein …«

»Lili kann in der Zeit zu uns kommen, wenn sie das will. Aber wie ich sie einschätze, käme sie auch so zurecht. Lili ist für ihre sechzehn Jahre ein sehr vernünftiges Mädchen. Ich schlage vor, dass Sie an einem der nächsten Abende mit ihr bei uns essen und wir die Angelegenheit noch einmal in großer Runde besprechen.«

»Ich kann das nicht annehmen, Herr Laurin. Sie tun sowieso schon so viel für …«

»Nein!«, sagte Leon. »Sie sind es, der uns das Leben erleichtert. Wir haben Ihnen mehr zu verdanken als Sie uns, glauben Sie mir. Und wir werden schon eine Weile ohne Sie zurechtkommen. Es ist wichtig, die Sache mit Lisa zu klären, und zwar jetzt. Sie sind für sie verantwortlich! Sie kann das nicht ohne Sie entscheiden, und sie muss wissen, dass sie Ihre volle Rückendeckung hat, gleichgültig, wie ihre Entscheidung ausfällt.«

»Hat sie die denn?«, fragte Simon unsicher. »Das ist es ja gerade, was ich nicht weiß. Ich wünsche mir, dass sie zurückkommt, Lili wünscht sich das auch. Wir vermissen sie, sie gehört zu uns. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass wir sehen, wie gut es ihr in den USA geht, wie selbstsicher sie geworden ist, wie sehr es ihr hilft, dass sie mit Elisabeth so viel über unsere Mutter reden kann. Ich sage mir immer, dass das wichtiger ist als meine oder Lilis Wünsche – aber vielleicht stimmt das nicht? Tante Elisabeth war schwer krank, sie ist, auch dank Lisa, glaube ich, wieder auf die Beine gekommen. Aber was ist, wenn sie in relativ jungen Jahren sterben sollte? Lisa verträgt sich gut mit Oscar und seinem Vater, aber sie stehen ihr längst nicht so nahe wie Elisabeth. Was wird dann sein?«

Leon schwieg eine Weile. »Wir können nicht in die Zukunft sehen«, sagte er schließlich, »und also auch nur begrenzt dafür planen. Ja, die Cousine Ihrer Mutter kann früh sterben. Dann wäre die Situation eine andere als jetzt, aber das müsste man sehen, wenn es so weit ist. Die Entscheidung, die ansteht, umfasst doch nicht das ganze Leben, sondern nur die nächsten Jahre. Und es geht jetzt ausschließlich darum, ob es für Lisa besser ist, in den USA zu bleiben oder nach München zurückzukehren. Und es geht darum, ihr alle Möglichkeiten, ihre Meinung zu ändern, offenzuhalten. Also, fliegen Sie, finden Sie heraus, was für Ihre kleine Schwester das Beste ist und kommen Sie erst wieder zurück, wenn Sie es wissen. Ich versichere Ihnen: Wir schaffen das hier.«

Simon dachte über die Worte länger nach. »Gut«, sagte er schließlich, »das werde ich machen. Sie haben völlig recht: Ich muss mit Lisa reden, so lange, bis ich sicher bin, dass ich weiß, was für sie das Beste ist.«

»Fliegen Sie so bald wie möglich«, sagte Leon und setzte dann hinzu: »Könnte ich noch etwas von dem Kräuterrührei haben? Sie wissen ja: Ich bin verrückt danach.«

Simon sah ihn im ersten Moment verdutzt an, dann lächelte er, zum ersten Mal an diesem Morgen. »Kommt sofort«, sagte er. »Danke, Herr Laurin.«

»Ich habe zu danken. Jedenfalls, wenn ich mein Rührei bald bekomme.«

»Müssen Sie bald weg?«, fragte Simon.

»Eine halbe Stunde habe ich noch, dann findet eine Besprechung statt, in der es um die Anschaffung von zwei superteuren neuen Geräten geht. Alle Ärztinnen und Ärzte sind dafür, unsere Buchhaltung bremst noch. Es dürfte also hoch hergehen.«

Simon servierte die zweite Portion Kräuterrührei. »Bitte sehr, guten Appetit.«

Leon machte sich mit Genuss darüber her.

»Ich verstehe immer noch nicht so ganz«, sagte Simon, »wie Sie das hinkriegen. Sie haben ja schon versucht, es mir zu erklären, aber es will nicht in meinen Kopf: Sie leiten nicht nur die Klinik, Sie arbeiten auch noch als Arzt in zwei Fachgebieten. Wird Ihnen das wirklich nie zu viel? Ich meine, wenn wir uns mal sehen, wirken Sie eigentlich ausgeglichen und so, als machte Ihnen Ihre Arbeit immer noch Spaß.«

»So ist es ja auch«, antwortete Leon nachdenklich. »Ich liebe die Medizin und die Vorstellung, dass wir Leben nicht nur retten, sondern durch unsere Arbeit oft genug auch besser machen können. Früher war ein Herzinfarkt zum Beispiel meistens ein Todesurteil, heute leben Patienten damit oft noch sehr lange. Viele Krankheiten lassen sich heute heilen, Organe können ersetzt werden, durch neue Verfahren können wir in vielen Fällen herausfinden, warum Menschen unter Schmerzen leiden – und ihnen diese Schmerzen nehmen. Das ist ein ständiger Ansporn für mich, wenn ich als Chirurg im OP stehe. Bei der Gynäkologie ist es anders. Sie ist deshalb ein wundervoller Zweig der Medizin, weil wir es da sehr häufig mit gesunden Patientinnen zu tun haben – und mit neuem Leben. Ich habe damals, als ich die Leitung der Klinik übernahm, sofort gesagt: Das mache ich nur, wenn ich weiter als Arzt arbeiten kann. Ich bin bereit, diese Tätigkeiten einzuschränken, aber ganz ohne sie will ich nicht auskommen. Na ja, und das klappt ganz gut, finde ich, weil ich viele Aufgaben an andere übertragen habe. Ich kann als Klinikchef nicht alles machen, aber das muss ich auch nicht. Zum Glück muss ich das nicht.«

»Eine Familie haben Sie auch noch«, stellte Simon fest. »Ich male mir manchmal aus, wie ich das später mal mache, wenn ich mein Restaurant habe. Ich schätze, so gut wie Sie kriege ich das nicht hin. In der Hinsicht sind Sie bestimmt eine Ausnahme.«

»Kann sein«, gab Leon zu. »Aber ich habe natürlich auch gute Voraussetzungen: Die Klinik lief schon vorher gut, ich musste nur ein bisschen umorganisieren, und ich kann viele der Leitungsaufgaben an andere übertragen. Und ich kann die Zahl meiner Patientinnen in der Gynäkologie begrenzen, ebenso wie die Zahl der Operationen. Diese Möglichkeiten haben Sie im Grunde auch: Sie müssen Gerichte erfinden, die den Leuten schmecken, aber Sie müssen sie nicht selbst kochen, wenn erst einmal klar ist, wie diese Gerichte entstehen. Sie brauchen erstklassige Leute, die Sie unterstützen und denen Sie vertrauen. Ich sehe das ja in unserer neuen Klinik-Küche. Die funktioniert hervorragend, und ich freue mich jeden einzelnen Tag, dass wir uns dafür entschieden haben. Es war eine kleine Revolution, aber die dankbaren Angestellten, sowie die Patientinnen und Patienten danken es uns jeden Tag. Gutes Essen fördert die schnellere Genesung, das kann man bei uns auch an den Zahlen ablesen.«

»Bei Herrn Burgmüller würde ich immer noch gern in die Lehre gehen«, sagte Simon. »So ein toller Koch! Und dass er Ihr Angebot angenommen hat, die Klinikküche zu führen, ist einfach sensationell. Deutschlands einziges Krankenhaus mit Sternekoch – das habe ich neulich irgendwo gelesen.«