Lebe lieber übersinnlich (Band 2) - Dreams 'n' Whispers - Kiersten White - E-Book
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Lebe lieber übersinnlich (Band 2) - Dreams 'n' Whispers E-Book

Kiersten White

4,4

Beschreibung

Sportstunden, Zickenkrieg auf der Mädchentoilette und ein eigener Spind! Evie ist glücklich, endlich das Leben eines gewöhnlichen Teenagers zu führen. Doch Normalsein kann auf die Dauer auch ziemlich … langweilig sein.Als die Internationale Behörde zur Kontrolle Paranormaler Evies Hilfe braucht, zögert sie nicht lange - und schon überschlagen sich die Ereignisse: Ihr Exfreund Reth konfrontiert sie mit niederschmetternden Enthüllungen über ihre Vergangenheit und im Feenreich bahnt sich ein Kampf an, bei dem es um niemand anders geht als - Evie selbst. "Dreams 'n' Whispers" ist der zweite Band einer Trilogie. Der Titel des ersten Bandes lautet "Flames 'n' Roses".

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Für Natalie und Steph, die mir bei der Entstehung der Geschichten helfen, und für Michelle und Erica,

Oh piep, ich würde sterben.

Ich würde einen schrecklichen, grausamen, schmerzhaften Tod sterben.

Meine Hand zuckte an meine Seite, griff nach dem rosa Taser, von dem ich genau wusste, dass er nicht da war. Wieso hatte ich das hier noch mal gewollt? Was hatte ich mir dabei gedacht? In der Internationalen Behörde zur Kontrolle Paranormaler zu arbeiten war zwar kaum mehr als Sklaverei und klar, ein paar unangenehme Begegnungen mit Vampiren, Moorhexen und obergruseligen Feen hatten auch dazugehört, aber das war gar nichts, verglichen mit der Gefahr, der ich jetzt ins Auge sehen musste.

Sportstunde.

Wir spielten Fußball. Ohne Schienbeinschoner. Das Mädchen, das ich decken sollte (eine so riesige Kreatur, dass ich hätte schwören können, sie wäre ein Troll), donnerte auf mich zu, während ihr regelrecht Dampf aus den Nüstern quoll. Ich wappnete mich für den Aufprall.

Und dann blickte ich staunend in den strahlend blauen Herbsthimmel. Kein Wölkchen weit und breit. Aber warum sah ich mir eigentlich den Himmel an? Hatte das vielleicht etwas mit meiner plötzlichen Unfähigkeit zu atmen zu tun? Komm schon, Lunge. Na los. Irgendwann würde die doch wohl wieder anfangen zu funktionieren, oder? Vor meinen Augen tanzten helle Flecken und ich sah schon die Schlagzeile vor mir: Der Tod kam beim Fußballspielen. Wie erbärmlich war das denn bitte?

Doch schließlich drang wieder ein wohltuender Luftstrom in meinen Brustkorb. Ein vertrautes Gesicht, eingerahmt von langem, dunklem Haar, kam über mir zum Vorschein. Meine einzige normale Freundin, Carlee. »Alles okay?«, fragte sie.

»Green!«, blaffte ein dunkler Bariton. Ich war mir ziemlich sicher, dass Miss Lynn eine tiefere Stimme hatte als mein Freund. »Hoch mit dem Hintern und weiterspielen!«

Ah, Green. Der Nachname hatte so nett geklungen, als Lend ihn sich für meine gefälschten Papiere ausgedacht hatte (er war zwar nicht so toll wie seiner – Pirello –, aber immerhin). Doch je öfter Miss Lynn ihn brüllte, desto weniger konnte ich ihn leiden. »GREEN!« Carlee streckte die Hand aus und half mir hoch.

»Keine Sorge. Ich bin auch total mies im Fußball.« Sie lächelte und rannte dann wieder los. Natürlich war sie kein bisschen mies im Fußball.

Das war so unfair. Da stand ich auf diesem matschigen Sportplatz, während Lend weit weg auf dem College war. Was für eine Zeitverschwendung. Und wer wusste schon, wie lange mir noch blieb? Was, wenn ich nun die kostbaren Überreste meiner Seele beim Fußball auf den Kopf haute?

Vielleicht konnte ich ja ein Attest vom Arzt kriegen? Ich konnte es schon regelrecht vor mir sehen: »Sehr geehrte Miss Lynn, Evie leidet unter einer überaus seltenen Krankheit: Unglücklicherweise ist ihre eigene Seele zu schwach ausgeprägt, als dass sie ein normales Leben führen könnte. Darum rate ich dringend, Evie unverzüglich und für alle Zeit von jeglicher körperlicher Anstrengung zu befreien, die Schwitzen und In-den-Matsch-geschubst-Werden mit einschließt.«

Lächerlich. Aber vielleicht war es ja einen Versuch wert. Immerhin hatte Lends Dad ein paar Kontakte im Krankenhaus …

Ich duckte mich, als der Ball an meinem Kopf vorbeisauste. Eine meiner Mannschaftskolleginnen, eine rabiate Rothaarige, brüllte im Vorbeirennen: »Kopfball, Green! Kopfball!«

Carlee blieb wieder bei mir stehen. »Tu doch einfach so, als hättest du Krämpfe.« Sie zwinkerte mir mit einem mascaraschweren Augenlid zu.

Ich drückte die Hände flach auf meine untere Bauchgegend und schlurfte rüber zu Miss Lynn, die hinter der weißen Linie im knochentrockenen Gras stand und das Spiel überwachte wie ein Feldwebel die Schlacht.

Sie verdrehte die Augen. »Was ist denn jetzt wieder?«

In der Hoffnung, dass meine Blässe mir wenigstens dieses eine Mal etwas nützen würde, wimmerte ich: »Krämpfe. Ganz schlimm.«

Sie glaubte mir kein Wort, das war uns beiden klar, aber anstatt meine Lüge zu entlarven, verdrehte sie bloß ein weiteres Mal die Augen und deutete mit einer ruckartigen Daumenbewegung zum Spielfeldrand. »Aber nächstes Mal stehst du im Tor.«

Na herzlichen Dank auch, Carlee. Super Idee. In sicherem Abstand zur Seitenlinie ließ ich mich zu Boden sinken und zupfte am spärlichen braunen Gras.

So hatte ich mir die Highschool nicht vorgestellt.

Versteht mich nicht falsch, ich bin total dankbar, dass ich hier sein darf. Schließlich wollte ich immer normal sein, auf eine normale Schule gehen, normale Sachen machen. Aber es ist einfach alles so, so …

Normal.

Seit vor einem Monat die Schule angefangen hat, habe ich nicht einen einzigen Zickenkrieg miterlebt. Auch keine wilden Partys, bei denen irgendwann die Polizei auftaucht. Und was Maskenbälle und Rendezvous im Mondschein und leidenschaftliche Küsse im Flur angeht – tja, da kann ich nur sagen, Easton Heights, meine frühere Lieblingsfernsehserie, ist in meiner Achtung ziemlich gesunken.

Aber Spinde finde ich immer noch toll.

Um den Schein zu wahren, ließ ich eine Hand auf meinem Bauch liegen. Auf dem Boden zu liegen war wesentlich angenehmer, wenn man es aus freien Stücken tat. Ich sah einer winzigen Wolke nach, die über den Himmel zog.

Dann runzelte ich die Stirn. Das war aber eine ziemlich seltsame Wolke. Mutterseelenallein am ansonsten blauen Himmel, aber da war noch etwas … irgendwas war anders. War das da etwa gerade ein Blitz gewesen?

»Ich habe gefragt, ob es dir gut genug geht, um an deiner nächsten Unterrichtsstunde teilzunehmen.«

Erschrocken fuhr ich hoch und machte eine wehleidige Grimasse in Richtung Miss Lynn. »Ja, ja, natürlich, danke.« Dann huschte ich ins Gebäude. Mann, meine Langeweile musste echt schlimm sein, wenn ich schon in den Wolken nach was Aufregendem suchte.

Die nächste Stunde verbrachte ich damit, die genaue Anzahl von Minuten zu berechnen, die mich noch vom Wochenende trennten, an dem ich endlich Lend wiedersehen würde. Die Antwort lautete: zu viele. Aber mich damit zu beschäftigen war immer noch tausendmal interessanter, als, hmm, zum Beispiel meinem Englischlehrer bei seinem Vortrag über Geschlechterrollen in Dracula zuzuhören – ach, und fangt mir bitte gar nicht erst von diesem Buch an. Gründliche Recherche scheint auf jeden Fall nicht zu Bram Stokers Stärken gehört zu haben.

Mein Kopf war bereits auf unvermeidlichem Kollisionskurs mit der Tischplatte, als die Tür mit einem Knall aufsprang und eine Sekretariatsmitarbeiterin mit einem Zettel in der Hand hereinmarschierte. »Evelyn Green?« Ich hob die Hand und sie nickte. »Du wirst abgeholt.«

Schlagartig wurde ich munter. Ich war noch nie mitten im Unterricht aus der Schule geholt worden. Vielleicht wollte Arianna ja mit mir rumhängen. Die war abgedreht und launisch genug, um so eine Aktion zu bringen.

Na ja, aber so abgedreht wahrscheinlich auch nicht. An einem derart sonnigen Tag würde sie sich kaum nach draußen wagen, als Vampir und so. Mein Magen sank mir bis in die Kniekehlen. Was, wenn irgendwas passiert war? Was, wenn Lend an der Uni einen Unfall gehabt hatte, wenn er sich den Kopf gestoßen hatte, erst bewusstlos und dann unsichtbar geworden war? Was, wenn die Regierung ihn geschnappt hatte und er jetzt in irgendeiner Zelle der IBKP hockte?

Bemüht, nicht gleich loszurennen, folgte ich der Sekretärin, einer klein gewachsenen Frau mit schockierend unnatürlich blondem Haar. »Wer holt mich denn ab?«

»Ich glaube, deine Tante.«

Na, dann war ja alles klar. Oder zumindest wäre es das, wenn ich denn eine Tante hätte. Im Kopf ging ich die Liste der Frauen – alles Paranormale – durch, die als meine Verwandten durchgehen könnten. Die Liste war nicht sonderlich lang und außerdem fiel mir kein Grund ein, warum auch nur eine einzige von ihnen hergekommen sein sollte. Ich stürmte ins Sekretariat. Dort stand, mit dem Rücken zu mir, eine Frau in bequemen (sprich: hässlichen) Schuhen und mit schwarzem, zu einem strengen Knoten gebundenem Haar. Das konnte nicht sein.

Raquel drehte sich um und lächelte mich an.

Mein Herz hüpfte mir bis in die Kehle hinauf. Einerseits war das da Raquel und wenn ich je so was wie eine Mutter gehabt hatte, dann war sie es. Andererseits war das da Raquel, die einer der führenden Köpfe der IBKP war, der Organisation, die mich für tot hielt. Der Organisation, von der ich wirklich, wirklich, wirklich nicht gefunden werden wollte. Der Organisation, von der ich eigentlich gedacht hatte, dass Raquel mich vor ihr beschützte.

»Da bist du ja.« Sie schlang sich ihre Handtasche über die Schulter und deutete auf die Doppeltür, die nach draußen führte. »Gehen wir.«

Vollkommen verwirrt folgte ich ihr. Es kam mir absolut falsch vor, am helllichten Tag ausgerechnet mit der Frau vor meiner stinknormalen Highschool zu stehen, die für alles stand, was ich zurückgelassen hatte. Und trotzdem hätte ich mich ihr am liebsten in die Arme geworfen – was genauso seltsam war, denn schließlich hatten wir beide es nie so mit Umarmungen gehabt. Abgesehen davon hätte ich mindestens genauso gern die Beine in die Hand genommen und die Biege gemacht. Sie gehörte zur IBKP, verpiept noch mal.

»Was machst du denn hier?«, fragte ich.

»Deiner Überraschung nach zu urteilen, kann ich wohl davon ausgehen, dass David meine Nachrichten nicht weitergeleitet hat.«

»Lends Dad? Was für Nachrichten?«

Sie seufzte. Meine Übersetzungskünste waren ein bisschen eingerostet, aber es klang wie ein »Ich bin müde und außerdem würde es zu lange dauern, das alles zu erklären«-Seufzer.

Ein Schatten legte sich über die Sonne und ich blickte nach oben, wo ich meine kleine Wolke von vorhin wiederentdeckte. Es verbarg sich definitiv etwas dahinter, aber ein Blitz war es nicht. Es war etwas Schimmerndes. Etwas Paranormales. Etwas mit einem Cover, das nur ich durchschauen konnte.

»Was ist denn –« Mein eigener Schrei schnitt mir das Wort ab, als die Wolke aus dem Himmel auf mich herabstieß, sich blitzschnell um mich wickelte und mich mit sich hinauf ins Blaue riss.

Ich schrie und schrie, bis mir die Luft ausging. Nach Atem ringend, sah ich hinunter zur Erde. Die Wolkenschwaden, die mich umhüllten, verbargen nicht annähernd die Tatsache, dass die Waldlandschaft sich viel zu tief unter uns befand.

Ich unterdrückte einen erneuten Schrei und starrte auf meine Taille, um die sich zwei Arme schlangen, die sich leider genauso furchtbar substanzlos anfühlten, wie sie aussahen. Ich hatte keine Ahnung, wie etwas, das so leicht wirkte wie Luft, mich hier oben halten sollte, aber darüber konnte ich jetzt nicht nachdenken. Ich hatte wichtigere Probleme. Zum Beispiel, wohin die Wolke mich brachte, und vor allem, warum? Noch schlimmer war, dass uns die ganze Zeit winzige Fünkchen umtanzten, was mich an meinen Chancen zweifeln ließ, nicht an einem Stromschlag zu sterben. Die Härchen an meinem Arm zeigten kerzengerade nach oben und kribbelten von all der Energie, die um mich herum knisterte.

So weit, so schlecht.

Ich wollte gerade »Leb wohl, du schöne Welt« sagen, als ich unter uns die Kleinstadt erblickte, in der ich wohnte, und daraufhin irgendwas in mir klick machte. Das war meine Stadt. Ich hatte genug davon, von Paranormalen manipuliert zu werden. Wenn dieses Ding mich anfassen konnte, dann konnte ich es garantiert auch anfassen. Und wenn ich es anfassen konnte …

Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Es musste sein. Hier ging es nicht ums Wollen – hier ging es um Leben und Tod. Wahrscheinlich würde es sowieso nicht funktionieren. Ich war zwar ein Leeres Wesen und konnte Paranormalen die Seele aussaugen, aber das hatte ich ja erst ein einziges Mal gemacht. Und damals hatten die Dinge ganz anders gelegen, die Seelen waren nämlich gefangen gewesen und wollten zu mir kommen. Dieses Ding hingegen hatte vermutlich wenig Lust, mir seine Lebensenergie zu überlassen.

Trotzdem, einen Versuch war es wert. Mit einem Ruck drehte ich die Schulter nach hinten und drückte die Hand auf die erste feste Oberfläche, die ich fühlen konnte, und betete dabei inständig, dass dieses Wolkenwesen, was auch immer es sein mochte, so etwas wie eine Brust hatte.

Ich gab mich ganz dem Augenblick hin und konzentrierte mich darauf, einen Kanal zwischen meiner Hand und Wolken-Freaks Seele zu öffnen. Ich will es, dachte ich, schrie ich innerlich voller Verzweiflung. Ich brauche es.

Schockiert riss ich die Augen auf, als die Seele, vor trockener, elektrisch aufgeladener Wärme knisternd, meinen Arm hinauf und in mein tiefstes Inneres strömte, sich in mir ausbreitete, bis jeder Teil meines Körpers prickelte.

Das Wesen stieß vor Überraschung und Schmerz einen schrillen Schrei aus. Es zuckte zurück und unterbrach die Verbindung zwischen uns. Mir drehte sich der Kopf; ich war ganz berauscht von irgendeiner neuen, fremden Energie.

Dann fielen wir.

Geniale Idee, Evie, na los, saug dem Wesen, das dich Hunderte Meter über dem Boden in der Luft hält, die Energie aus. Aber irgendwie behielt es trotzdem noch mehr oder weniger die Kontrolle. Wir trudelten zwar abwärts, aber nicht so schnell wie erwartet. Wenn wir es so bis zum Boden schafften, könnten wir vielleicht überleben.

Da ließ es mich fallen. Ich schrie und grapschte panisch nach seinem Fuß. Es kreischte wütend auf und trat nach mir, aber ich hatte nicht vor loszulassen. Entweder wir gingen zusammen drauf oder gar nicht. Die Erde sauste von unten auf uns zu, ein grün-orangefarbener Teppich aus Bäumen.

Bevor ich mich dafür wappnen konnte, donnerte ich durch die Kronen, Blätter flatterten rund um mich, als ich von einem Ast abprallte, und ich ließ den Fuß meiner Wolke los. Ein weiterer Ast peitschte gegen meine Hüfte und verlangsamte meinen Sturz so weit, dass ich bei meiner Begegnung mit dem Boden lediglich das Gefühl hatte, von einem Lastwagen gerammt zu werden.

Jeder Knochen in meinem Körper musste gebrochen sein. So schreckliche Schmerzen konnte man unmöglich haben, solange noch irgendein Glied heil war. Ich würde den Rest meines Lebens in einem Ganzkörpergips verbringen. Kuscheln mit Lend würde dadurch natürlich ein bisschen komplizierter. Na ja, wenigstens müsste ich eine Weile nicht in die Schule. Und was die Sportstunden anging, war ich wohl auch fürs Erste aus dem Schneider.

Eine Art elektrisches Kribbeln durchströmte mich von oben bis unten und die Schmerzen wichen einem schwebenden Gefühl, so als wären meine Gliedmaßen flauschig weich und nicht mehr mit meinem Körper verbunden.

Ach du piep, war ich jetzt etwa gelähmt?

Voller Panik sprang ich auf und tastete mit den Händen entsetzt meinen gesamten Körper ab. Äh, okay. Wohl doch nicht gelähmt. Aber warum fühlte ich mich dann so komisch? Und wo war der Wolken-Freak hin?

»Böses Ding!«, zischte eine Stimme wie Wind, der durch tote Bäume strich. »Was hat es mit mir gemacht?«

Noch immer von Wolkenschwaden umhüllt, krabbelte das kleine Wesen durch den Matsch auf mich zu. Es hatte die Gestalt eines Menschen, aber es wirkte unglaublich zart – fast wie ein Kind. Seine Augen waren strahlend weiß wie zuckende Blitze, der Rest seiner Züge aber blieb verschwommen und undeutlich; selbst farblich glich es einer bleichen Wolke. Für jeden anderen hätte es ausgesehen wie eine dicke, zum Leben erwachte Nebelbank, aber meinem Undercoverblick blieb nichts verborgen.

Ich trat einen Schritt zurück, vorsichtig, um nicht über das Wurzelgewirr des riesigen Baums zu stolpern, der so nett gewesen war, meinen Fall abzubremsen. »Hey, ich hab dich ja wohl kaum drum gebeten, mich einfach so zu schnappen und mit mir auf und davon zu fliegen!«

»Es hat mich genommen – einen Teil von mir weggenommen. Gib ihn zurück!«

Ich wich bis an den Baumstamm zurück. Das Wesen hob vom Boden ab, richtete sich auf und schwebte vor mir. Winzige Blitze umgaben es wie ein Netz. Seine Arme und Beine verschwammen immer wieder mit der Wolke – manchmal waren sie da, manchmal nicht –, aber die Kraft und Energie, die es ausstrahlte, war unbestreitbar.

Oh Mann, das war echt ’ne Nummer zu groß für mich. Ich hob die Hand und gab mir alle Mühe, tapferer auszusehen, als ich mich fühlte. »Lass mich in Ruhe, sonst nehme ich mir den Rest auch noch.« Meine Stimme zitterte, zum Teil vor Angst, aber auch vor Verlangen. Meine Finger kribbelten, mein Körper verzehrte sich. Die Kostprobe war nicht genug gewesen. Jetzt wollte ich den Rest.

Nein, wollte ich nicht. Durfte ich nicht. Wollte ich nicht. Dafür war ich nicht der Typ. Ich würde ja alles zurückgeben, wenn ich könnte, aber ich wusste nicht, wie.

Die großen, blitzenden Augen des Wolken-Freaks wurden schmal. Die Luft zwischen uns war trocken und heiß und knisterte vor elektrischer Spannung. Er würde mich töten. Ich atmete tief ein und fragte mich gerade, ob es wohl wehtun würde, als das Wesen plötzlich mit einem schrillen Zischen in den Himmel schoss. Ich sah ihm nach, als es immer höher stieg, dann und wann einen kleinen Schlenker zur Seite machte oder ein Stückchen nach unten sank, sich aber jedes Mal wieder fing und weitersauste. Schließlich war es verschwunden.

Ich stieß einen zittrigen, aber erleichterten Seufzer aus und lehnte mich mit dem Rücken an den Baum. Als ich mir gewünscht hatte, dass mein Leben ein kleines bisschen aufregender wäre, hatte ich ganz bestimmt nicht an so was gedacht. Anscheinend hatte ich vergessen, was es bedeutete, mit Paranormalen – echten, unkontrollierbaren Paranormalen – zu tun zu haben.

Angst.

Jede Menge Angst.

Und jetzt hatte ich noch nicht mal Tasey dabei, um mich ein bisschen sicherer zu fühlen. Entschlossen trat ich einen Schritt vor und machte erst mal eine Bestandsaufnahme. Ich hatte meine Tasche fallen lassen, als der Wolken-Freak mich geschnappt hatte, und das bedeutete: kein Handy. Und obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass wir kurz vor unserem Himmelssturz gar nicht so weit weg von zu Hause gewesen waren – wer wusste schon, wie weit wir bei dem Fall vom Kurs abgekommen waren? Andererseits, wie groß konnte ein Wald mitten in Virginia schon sein?

Tja, das würde ich wohl bald herausfinden.

Als ich eine Stunde später an eine Straße gelangte, war ich erschöpft, verschwitzt und vollkommen frustriert. Wie hoch war denn bitte die Wahrscheinlichkeit, dass mich zufällig im selben Moment, als Raquel auftauchte, ein Paranormaler zu entführen versuchte? Was sollte das alles? Erst tat sie so, als wollte sie mir die IBKP vom Leib halten, und dann kam sie plötzlich zurück, um mich zu holen? Ich weigerte mich zu glauben, dass sie mich nur aus der Schule gelockt hatte, damit der Wolken-Freak sich auf mich stürzen konnte, aber das schien nun mal die sinnvollste Erklärung zu sein. Der Gedanke, dass Raquel – meine Raquel – mir so was antun konnte, brach mir das Herz.

Na schön. Wenn die IBKP sich solcher Methoden bedienen musste, meinetwegen. Ich spreizte die Finger und lächelte, ein fieses, selbstzufriedenes Lächeln. Ich konnte jetzt auf mich selbst aufpassen.

Dann erschauderte ich und schüttelte die Hand, um endlich dieses Kribbeln loszuwerden. Nein. Das würde ich nicht noch mal machen. Nie mehr. Dafür war es einfach zu toll gewesen.

Mein innerer Kompass war gar nicht solcher Schrott, wie ich immer gedacht hatte: Ich hatte tatsächlich die richtige Richtung auf der Straße eingeschlagen. Als ich die Biegung entdeckte, die zu Lends Zuhause führte, fing ich fast an zu heulen vor Erleichterung. Das war auch mein altes Zuhause, in dem ich gewohnt hatte, bis Lend dann schließlich ausgezogen war und ich mich kurz darauf bei Arianna einquartiert hatte. Denn mit dem Vater meines Freundes zusammenzuwohnen war ja wohl irgendwie keine Option. Ich rannte die lange, gewundene Auffahrt hoch und stürmte direkt ins Wohnzimmer.

Auf der Couch saß Raquel. Neben ihr stand meine Tasche. »Was zum Teufel –«, rief ich.

Sie sprang auf und packte mich, bevor ich auch nur daran denken konnte, mich zu wehren. Ich erstarrte. Dann wurde mir klar, dass sie mich umarmte.

»Da bekomme ich dich monatelang nicht zu Gesicht und das Erste, was dir einfällt, ist, dich kidnappen zu lassen! Ich dachte, du wolltest ein normales Leben!« Sie hielt mich ein Stück von sich weg und musterte mich mit Tränen in den Augen.

»Das heißt, du hast dieses Ding nicht geschickt?«

»Du meine Güte, nein!«

»Was war das überhaupt?«

David stolperte ins Zimmer, in der Hand das Telefon, und sein Gesicht wirkte erleichtert. »Es geht dir gut!«

»Klar, abgesehen davon, dass ich gerade von einer lebendigen Wolke entführt worden und Hunderte von Metern in die Tiefe geplumpst bin, geht’s mir spitzenmäßig!«

»Dann war es also wirklich ein Sylphe!« David hob den Zeigefinger und blickte Raquel triumphierend an. »Ich hab’s dir ja gesagt, es gibt sie wirklich!«

Raquel kniff die Lippen zusammen und bemühte sich sichtlich, einen Seufzer zu unterdrücken. »Ja, es hat in der Tat den Anschein, als wäre deine Vermutung korrekt.«

»Wow.« David fuhr sich mit den Händen durch sein dickes, dunkles Haar; seine Augen leuchteten vor Aufregung. »Wow. Ein Sylphe. Ich glaube, das ist der erste bestätigte Kontakt.«

Ich hob die Hand. »Äh, hallo? Das Mädchen, das von besagtem Sylphen gekidnappt wurde, hätte da mal ’ne Frage: Würde mir vielleicht irgendjemand erklären, was genau dieses Ding war und warum es dachte, ich müsste unsere wunderschöne Gegend unbedingt mal aus der Vogelperspektive besichtigen?«

»Sylphen sind Luftgeister«, antwortete Raquel nach einem gehetzten Blick auf David, als wollte sie beweisen, dass sie, selbst wenn sie nicht an Sylphen geglaubt hatte, immer noch mehr über sie wusste als er. »Wahrscheinlich entfernte Verwandte der Feen. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass sie entweder niemals existiert haben oder ausgestorben sind, aber das liegt wohl daran, dass ein Sylphe niemals freiwillig den Boden berühren würde und man darum nie einen gefunden hat. Jeder Versuch hat sich als eine enorme Zeitverschwendung herausgestellt.« Wieder so ein Blick zu David.

»Ach komm, nur weil meine Spezialität Elementargeister waren und du dich bloß mit gewöhnlichen Paranormalen wie Einhörnern und Kobolden befasst hast.« David zwinkerte mir zu, als hätte ich irgendeinen Schimmer, worum es bei diesem Witz ging. »Sie war schon immer neidisch, weil ich die wirklich Coolen kenne.«

Jetzt war es an mir, einen genervten Seufzer zu unterdrücken. »Luftgeist, kapiert. Ganz toll. Und weiß vielleicht auch irgendwer, warum? Du meintest, sie könnten mit den Feen verwandt sein?« All mein Frust ballte sich zu einer ängstlichen Kugel zusammen. Mit diesem Völkchen wollte ich absolut nichts mehr zu tun haben.

Keiner von ihnen antwortete. Nach einer Weile räusperte sich Raquel und sagte mit angespannter Stimme: »Wir könnten Cresseda fragen, ob sie etwas weiß.« Den Namen »Cresseda« – das war Lends Mom, der ortsansässige Wassergeist – sprach sie mit einer seltsamen Betonung aus.

»Tja, nein, können wir nicht.« David bohrte die Zehenspitzen in den Teppich. »Ich habe sie seit ein paar Monaten nicht mehr zum Auftauchen bewegen können. Nicht seit Lend ausgezogen ist.« Seine Stimme war sanft, aber der Schmerz, der darin lag, war nicht zu überhören. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen. Schlimm genug, dass er sich in eine unsterbliche Wassernymphe verliebt hatte, und noch übler, dass sie sich nur für ein Jahr in einen Menschen verwandelt hatte, um mit ihm zusammenzuleben. Aber dass sie ihn jetzt, wo Lend weg war, komplett verlassen hatte? Ich konnte mir noch nicht mal vorstellen, wie weh das tun musste.

Obwohl, eigentlich doch. Ich stellte es mir sogar ziemlich oft vor. An manchen Tagen musste ich mich sogar ganz schön zusammenreißen, um es mir hin und wieder auch mal nicht vorzustellen. Ich wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, der sterbliche Part in einer Sterblicher/Unsterblicher-Beziehung zu sein.

Ich hatte Lend immer noch nicht gesagt, dass er niemals sterben würde. Der Gedanke, dass er sein Leben – sein Leben hier, mit mir – aufgeben könnte, um herauszufinden, was die Unsterblichkeit ihm zu bieten hatte, machte mir einfach zu viel Angst. Aber ich würde es ihm sagen. Bald. Demnächst mal.

Irgendwann.

Raquel richtete sich auf und machte ein erfreutes Gesicht. »Tja, dann kann ich vielleicht helfen. Ich werde all meine Forschungsteams auf Luftgeister ansetzen. Seltsam, dass sie sich gerade jetzt zeigen, besonders, wenn man an die aktuellen Unruhen in den Völkern der Elementargeister denkt. Wir werden es schon herausfinden. Aber das ist nicht der Grund, warum ich hier bin.«

Ich runzelte die Stirn. »Aha, und warum bist du hier?«

»Die IBKP braucht deine Hilfe.«

»Raquel.« Davids Stimme war leise und wütend. »Du kannst Evie nicht wieder mit in die Angelegenheiten der IBKP hineinziehen. Welchen Sinn hatte es, ihnen zu sagen, sie wäre tot, wenn du sechs Monate später erneut hier auftauchst, um sie zurückzuholen?«

»Ich habe dir doch gesagt, die Lage hat sich geändert.«

Wieder hob ich die Hand. So langsam reichte es mir, dass sie ständig über meinen Kopf hinweg redeten. »Danke, aber ich kann auch selbst antworten. Raquel, klar vermisse ich dich, aber ich komme ganz bestimmt nicht zurück zur IBKP. Ihr sterilisiert Werwölfe!« Das war nur eins der vielen Verbrechen, von denen ich herausgefunden hatte, dass die Behörde sie im Namen einer vermeintlich sichereren Welt beging.

Die Haut um Raquels Augen spannte sich an. »Dieses Verfahren wird nicht mehr angewandt. Ich habe David bereits erklärt, dass es, während du weg warst, einige drastische Neuerungen gegeben hat. Unsere Politik für den Umgang mit nicht aggressiven Paranormalen hat eine massive Überarbeitung erfahren und umfasst nun auch die Stärkung der Werwolfrechte. Jegliche eugenischen Praktiken sind umgehend verboten worden. Es stimmt, bei der IBKP lag vieles im Argen – und das tut es immer noch–, aber wir wissen doch beide, dass sie auch viel Gutes tut. Und ich sitze mittlerweile im Vorstand, was bedeutet, dass ich in vielen Angelegenheiten das letzte Wort habe.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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