Leben auf den zweiten Blick - Anton Winkler - E-Book

Leben auf den zweiten Blick E-Book

Anton Winkler

0,0

Beschreibung

Auf den ersten Blick scheint Markus es gar nicht so schlecht getroffen zu haben: Er ist Anfang 30, gesund und hat eine attraktive, erfolgreiche Freundin. Dem angehenden Lehrer steht bei seinen Planungen für eine wohlige Zukunft als Oberhaupt einer Vorzeige-Familie eigentlich nichts im Wege. Doch hinter dieser Fassade lauern Probleme, die seinen Alltag gehörig aus dem Ruder laufen lassen. Und just als er beschließt, endlich reinen Tisch zu machen und der Wahrheit ins Auge zu sehen, stolpert er von einer Katastrophe in die nächste. Währenddessen macht der Staatsanwalt Nikos Abiturplänen einen Strich durch die Rechnung, und am Ende ist nichts mehr, wie es war – bis auf die Hoffnung, dass alles besser wird...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Anton Winkler

Leben auf den zweiten Blick

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

Impressum neobooks

1.

Der Tag fing nicht gut an, ganz und gar nicht. Zwar konnte er kaum behaupten, dass in letzter Zeit überhaupt ein Tag gut angefangen hätte, geschweige denn erfreulich verlaufen wäre oder einen angenehmen Ausklang gefunden hätte: Markus hatte zunehmend das Gefühl, dass sein ganzes Leben nur noch aus einer einzigen Ansammlung missratener Tage bestand.

Aber heute ging es ganz besonders unangenehm los, so viel stand fest. Dass die folgenden Ereignisse ihn zu der Entscheidung führen sollten, seinem Leben in dieser Form ein Ende zu bereiten, konnte er freilich noch nicht ahnen.

Allerdings fühlte er sich wie ein alter Mann, wie ein gebrechlicher Greis, der stumpf und unter Schmerzen dem Ende seines Daseins entgegen vegetiert, als er sich verschwitzt aus seiner Bettdecke schälte. Und er roch auch so, wie er zu seinem Missfallen feststellen musste, als er routinemäßig sein T-Shirt einer Geruchsprobe unterzog. Wie ein alter Opa aus dem Seniorenheim. Widerlich.

Angeekelt und von dem dringenden Wunsch nach einer Dusche erfüllt, öffnete er das Fenster und konnte sich bei dieser Gelegenheit davon überzeugen, dass er nicht nur nach Schweiß müffelte, sondern sich offenbar im Schlaf den Hals verrenkt hatte. Na fabelhaft, dachte Markus mit einer deutlichen Spur von Sarkasmus, das ist ja wie in einem schlechten Film, als er in Richtung Badezimmer wankte. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand eine Schneeschaufel zwischen die Schulterblätter gerammt und würde bei jeder Bewegung, die er machte, noch einmal nachstoßen.

Ein dröhnendes Pochen in seinen Schläfen erinnerte ihn an seinen Vorsatz, weniger Rotwein zu trinken, den er aber – so viel Ehrlichkeit sich selbst gegenüber musste schon sein – am Vorabend eigentlich nur deshalb gefasst hatte, weil der Bestand in seinem Weinregal sich aktuell auf eine Flasche 2004er Lambrusco „Edition Zack-Umzüge“ beschränkte, ein billiges Werbegeschenk, das er selbst im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung nicht anzurühren wagte.

Ein Glück, dass Anne schon in die Schule gefahren ist und mich jetzt nicht sehen kann, dachte er, als er sich vor dem Spiegel ein Bild seiner desolaten physischen Gesamtverfassung machte. Obwohl – sie musste ja wohl wahrgenommen haben, wie er schwitzend und miefend, wahrscheinlich auch noch schnarchend, neben ihr im Bett gelegen hatte.

Er war blass und fahl im Gesicht, was durch eine rotweinbedingte leicht bläuliche Färbung seiner Lippen besonders zur Geltung gebracht wurde. Immerhin korrespondierte die Farbgebung hier trefflich mit den Ringen unter seinen Augen, die von einer Vielzahl kleiner Fältchen – Krähenfüße, so nannte man die wohl – eingerahmt wurde. Fortgeschrittene Geheimratsecken ließen ihn etwas älter wirken als seine 32 Jahre, die aber sowieso nicht seinem gefühlten Alter entsprachen, schon gar nicht an diesem Morgen.

Im Grunde hätte er dies gern in Kauf genommen, wenn die Geheimratsecken nur im Einklang mit einer entsprechenden beruflichen Stellung gestanden hätten. Davon war er allerdings weit entfernt, eine ernüchternde Erkenntnis, die zwar nicht neu war, in diesem Moment aber sprichwörtliche Wirkung zeigte.

Er musste etwas an seinem Leben ändern, diese Einsicht erfüllte schlagartig seinen spärlich behaarten Schädel, als hätte jemand eine Glühbirne angeknipst. Die Nebelglocke aus Restalkohol, die sein Gehirn eben noch verdunkelt hatte, wich ganz unvermittelt einem befreienden Gefühl von Klarheit.

Das Dumme war, dass er bloß noch nicht genau wusste, wie diese Änderung aussehen sollte.

Daher beschloss er, Schritt für Schritt vorzugehen und mit dem Naheliegenden zu beginnen, indem er sich rasierte und den unteren Teil seines Kopfes von überflüssigen Haaren befreite, die doch an anderer Stelle so unvergleichlich viel besser aufgehoben gewesen wären. Wie seltsam widersinnig die Welt manchmal ist, dachte Markus.

Nachdem er seinen Körper mithilfe allerlei kosmetischer Maßnahmen notdürftig in einen Zustand versetzt hatte, der ihm zumindest ansatzweise geeignet erschien, den vor ihm liegenden Tag einigermaßen würdevoll in Angriff zu nehmen, begab er sich in die Küche, um sein übliches Frühstück zu sich zu nehmen, bestehend aus Toast mit Marmelade und Kaffee. Letzteres gestaltete sich jedoch problematisch, da er offenbar vergessen hatte, neue Kapseln für die vollautomatische Maschine zu kaufen, die Anne ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, die er aber eigentlich gar nicht mochte, da er die Mode albern fand, nur noch Espresso, Latte macchiato und Crema zu trinken. Er wäre auch mit stinknormalem Filterkaffee zufrieden gewesen, sofern er nur Kaffeefilter im Haus gehabt hätte. Leider fand er aber trotz genervter Suche in diversen Schränken und Schubladen keinen Hinweis darauf, dass dies der Fall sein könnte, sodass er sich schließlich mit der türkischen Variante behalf und ein wenig Kaffeepulver, das bereits vor drei Jahren abgelaufen war, mit heißem Wasser aufgoss und sich prompt mit dem ersten Schluck die Zunge verbrannte.

In dem Bewusstsein – oder eher: der Hoffnung, dass es nach diesem holprigen Start eigentlich nur noch besser werden konnte, ließ er sich an dem kleinen Bistrotisch in der Küche nieder und klappte sein Notebook auf, während er aß.

Er klickte zunächst einige Meldungen auf dem Nachrichtenportal an, das er als Startseite eingerichtet hatte, wodurch er sich gleich ein bisschen besser fühlte.

Immerhin hatte heute bislang weder ein islamistischer Attentäter versucht, ihn mit einer Nagelbombe in Luft zu sprengen, noch war – soweit ein flüchtiger Blick aus dem Fenster erkennen ließ – in seiner Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft unter dem Gejohle eines pöbelnden, wütenden Mobs in Flammen aufgegangen. Offensichtlich gab es Leute, die wesentlich übler dran waren als er selbst. Wie tröstlich.

Er sah auf die Uhr – viertel vor zehn, also hätte er noch ein bisschen Zeit, um an seiner Masterarbeit weiterzuschreiben, bevor er zur Arbeit musste. „Textsortenspezifische Merkmale nominaler Satzstrukturen im Kommunikationsbereich Börse“ lautete das Thema, und die Arbeit an dem diesem linguistischen Traktat, mit dem er nach 18 Semestern endlich einen Schlussstrich unter sein Lehramtsstudium zu ziehen und seinem Ziel, Deutschlehrer zu werden, ein Stück näher zu kommen hoffte, gestaltete sich mindestens so sperrig und zäh, wie der Titel vermuten ließ. Das trockene, dröge, sogenannte wissenschaftliche Arbeiten behagte ihm überhaupt nicht. Dabei lag ihm eigentlich das Schreiben, der Umgang mit Sprache. Vor Jahren hatte er sogar einen Roman angefangen, „Der Sinn des Lebens“, der aber nie über den Status eines losen Fragments hinausgekommen war. Ihm fehlte eindeutig die Disziplin.

Markus war ein Meister der Prokrastination, so nannte man das krankhafte Vermeiden und Verschieben unangenehmer Aufgaben. Und auch jetzt ertappte er sich mal wieder dabei, wie er – fast schon automatisch und ohne bewusste Entscheidung – plötzlich in die Website „Aktienmeister.de“ vertieft war, ein Forum für Hobby-Trader und Glücksritter, die versuchten, mit Aktien obskurer und dubioser Firmen, die häufig nur aus Briefkästen in der Karibik bestanden, den finanziellen Durchbruch zu schaffen. Fast so, wie andere Leute Lotto spielten.

Nur dass man beim Lotto nicht so viel Geld verlieren konnte.

„Finanzieller Zusammenbruch“ traf im Falle von Markus allerdings eher zu. Oder einfach nur Zusammenbruch. Wäre er nicht ohnehin schon blass gewesen, hätte er seinen Tag nicht sowieso mit Kopf-, Nacken- und Bauchschmerzen begonnen: Jetzt hätte er einen Anlass für das Auftreten all dieser Symptome gehabt. Die gerade verspeiste Toastscheibe konnte er nur mühsam am Einschlagen einer 180-Grad-Richtungsänderung hindern. Trotzdem fühle sich sein Hals an, als stecke dort ein gewaltiger Kloß fest, als er die Zahlen sah.

Rot. Tiefrot.

Ein Blutbad.

Warum nur konnte er es nicht lassen, sein Geld in irgendwelche Pennystock-Raketen zu stecken, die sich regelmäßig pulverisierten wie die „Challenger“ 1986? Hektisch drückte er immer wieder die F5-Taste, in der Hoffnung, es könnte sich vielleicht um einen Fehler beim Seitenaufbau handeln, der sich durch erneutes Laden beheben ließe, und überschlug gleichzeitig seine finanzielle Situation. Eigentlich gab es aber nicht viel zu überschlagen.

Er war pleite. Futsch die letzten 3000 Euro Erspartes. Obwohl – wie lautete eine Börsenweisheit: Das Geld ist nicht weg, es gehört nur einem Anderen.

Faktisch war es für Markus aber eben doch weg.

Er wusste gar nicht mehr genau, wie hoch die Summe war, die er im Laufe der letzten Jahre versenkt hatte, aber er nahm an, dass es wohl für einen schönen Mittelklassewagen gereicht hätte.

Bis jetzt war es ihm leidlich gelungen, seine Aktivitäten vor Anne zu verbergen, sie hatten kein gemeinsames Konto. Wie aber sollte er ihr bloß erklären, dass er seine Lebensversicherung aufgelöst hatte und das Geld, das er eigentlich für später hatte sparen wollen, wenn sie ein Haus bauten und Kinder bekamen, nun einem Anderen gehörte?

Anne hatte ziemlich genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft und würde sicherlich wenig Verständnis für ihn aufbringen. Es war ja ohnehin schon kaum zu ertragen, wie sie ihn mit seiner Abschlussarbeit unter Druck setzte, sodass er sich manchmal fragte, warum sie überhaupt noch mit ihm zusammen war, die erfolgreiche Junglehrerin, die es nach zwei Jahren Schuldienst bereits zur kommissarischen Mittelstufenkoordinatorin an ihrem Gymnasium gebracht hatte.

Markus fürchtete, dass die Nachricht vom finanziellen Kollaps möglicherweise das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Im Bett ging schon seit Monaten nichts mehr. Er begründete seine eigene sexuelle Unlust mit dem Stress, der ihm seine Abschlussarbeit bereitete, und auch bei Anne drehte sich das ganze Leben um die Arbeit, sodass regelmäßig einer von beiden abends auf dem Sofa einschlief, bevor es zum Vollzug gewisser ehelicher – oder, genauer: lebenspartnerschaftlicher – Pflichten kommen konnte. Markus fragte sich, wie lange das wohl noch gut gehen würde. Schließlich war Anne eine attraktive, erfolgreiche junge Frau, die auf Dauer ihre Ansprüche wohl kaum auf einem derartigen Null-Niveau belassen würde.

Was hatte er denn schon zu bieten als abgebrochener Schriftsteller und Problemstudent, wenn er im wahrsten Wortsinne noch nicht einmal etwas zustande brachte, das eigentlich keinerlei besonderer Fähigkeiten bedurfte, abgesehen von einem dem Menschen ureigenen, instinktiven Trieb?

2.

Zwei Stunden und einige halbherzig ausgeführte Versuche einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit nominaler Syntax später war Markus auf dem Weg zu seiner Arbeitsstelle. Zu seiner vorübergehenden Arbeitsstelle, wie er stets betonte. Dieser Job war nur eine Übergangslösung, bis er mit dem Studium fertig war.

Ein provisorischer Zustand, der seit nunmehr fünf Jahren anhielt.

Allerdings war der erfolgreiche Abschluss des Studiums auch heute kein Stück näher gerückt. Es war zwecklos. Er konnte sich nicht konzentrieren und verspürte vor allem keine akute Lust, sich mit dem „Kommunikationsbereich Börse“ weiter zu beschäftigen.

Bevor er das Gebäude betrat, das wirklich keinerlei Ähnlichkeit mit einem Schulgebäude hatte, steckte er sich vor dem Lieferanteneingang noch eine schnelle Dienstantrittszigarette an und dachte darüber nach, wie er sich wohl fühlen würde, wenn er den folgenden Nachmittag mit Aufsatzkorrekturen oder in irgendwelchen Fachkonferenzen verbringen würde, anstatt Fernseher an eine bildungsferne Kundschaft zu verkaufen.

„Ey Digga, gib ma ne Kippe“, holte ihn eine Stimme in die weniger karriereträchtige Realität zurück.

Die Stimme gehörte einem jungen Mann in einem schäbigen Kapuzenpulli, Typ halbstarker Rowdy, der sich breitbeinig vor ihm aufgebaut hatte ihn fordernd ansah. Dieser Mensch wirkte noch derangierter als er selbst. Verwirrt starrte Markus ihn an, irritiert durch das unverschämte Gebaren dieses Kerls, der ihn einfach duzte und noch nicht einmal in der Lage war, sein Anliegen mithilfe des Wörtchens „bitte“ ansatzweise akzeptabel vorzutragen.

„Alter, gib ma jetzt bitte ne Kippe. Was'n los mit dir, ich hab ganz freundlich gefragt und du ziehst jetzt hier so ne Fresse oder was?“

Obwohl ihm das Auftreten seines Gegenübers ganz entschieden missfiel, fingerte Markus eine Zigarette aus seiner Schachtel und hielt sie dem Halbstarken schweigend hin. Immerhin hatte der Typ bei der Wiederholung seiner Forderung doch irgendwo ein Bitte untergebracht. Markus hatte zudem kein Interesse daran, die Situation eskalieren zu lassen, und eine Grundsatzdiskussion über angemessene Umgangsformen schien ihm hier ziemlich zwecklos. Stattdessen schnipste er seine eigene Zigarette fort, obwohl sie bestimmt noch für drei, vier Züge gut gewesen wäre, und setzte sich in Bewegung, um die ganze Situation einfach aufzulösen, wurde aber durch den Kapuzenmann aufgehalten, der plötzlich wieder vor ihm stand:

„Ey, gib ma wenigstens noch Feuer!“

„Wenigstens?“ erwiderte Markus.

„Was heißt denn hier wenigstens? Ich habe dir gerade eine Zigarette gegeben, das muss reichen.“

Nun schien die Situation irgendwie aus dem Ruder zu laufen.

„Ey, machst du mich an oder was? Willst du ich jetzt schlagen? Wer bist du denn überhaupt, du Spast? Was ist denn das für ein Scheiß-Schild an deinem Hemd? Jupiter Elektronik! So ein Scheißladen. Du Wichser!“

Wortlos beschleunigte Markus seine Schritte Richtung Eingang und zückte bereits seinen Schlüssel, um möglichst schnell in den Elektro-Markt zu gelangen. Zum Glück verfolgte ihn der Typ nicht ernsthaft, schickte aber noch einige wüste Beschimpfungen und Drohungen hinterher.

„Wenn du die Polizei rufst, schlage ich dich tot. Ich schwöre!“

Endlich war er im Treppenhaus und schlug die Tür hinter sich zu. Zwar konnte er nicht behaupten, heute eine besonders ausgeprägte Lebenslust zu verspüren, ganz im Gegenteil, aber das Ableben durch die Hand eines kleinkriminellen Kiffers war trotzdem eindeutig keine Option.

Während er die Treppe ins zweite Obergeschoss zu seiner Abteilung (TV/Multimedia) hinaufstieg, immer noch leicht gekrümmt gehend trotz der zwei Ibu 600, die er eingeworfen hatte, fragte er sich, warum um alles in der Welt er eigentlich immer alles einfach so hinnahm, statt einem Zeitgenossen wie diesem missratenen, unverschämten Möchtegern-Gangster mal so richtig die Leviten zu lesen. Zwar glaubte er nicht, dass eine körperliche Auseinandersetzung viel Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, dazu hatte er weder das Talent noch die Eier, aber er hätte ihm wenigstens mal ordentlich die Meinung geigen können: dass es eine Unverschämtheit sei, andere um Zigaretten anzuschnorren und sich dermaßen undankbar zu zeigen, dass es unmöglich sei, ohne erkennbaren Grund seine Mitmenschen zu bedrohen und auf übelste zu beleidigen, dass ER wenigstens für sein Geld arbeitete, wenn auch zugegebenermaßen in einem Scheißladen, während andere auf der Straße herumlungerten und Passanten belästigten, dass er vor allem keine Angst vor einem dahergelaufenen Flegel habe (obwohl er in Wahrheit tatsächlich ein bisschen Angst gehabt hatte) und so weiter und so fort.

Auch kam er zu dem Schluss, dass es sehr wohl angemessen gewesen wäre, die Polizei zu rufen, genau genommen wäre das in dieser Situation sogar das einzig Vernünftige gewesen. Wahrscheinlich wäre er dann aber zu spät zur Arbeit gekommen und hätte sich vor Tietze, dem Abteilungsleiter, rechtfertigen müssen, und für eine derartige Auseinandersetzung hatte er wiederum auch keinen Bedarf.

Was für ein beschissener Tag.

Er würde in Zukunft einfach mehr reden müssen.

Es nützte nichts, Probleme totzuschweigen und alles in sich hineinzufressen, was einen am Leben störte. Einfach mal rauslassen, was einem stinkt.

„Ah, Engler, da sind Sie ja. Wie sehen Sie denn aus? Wollen Sie mir meine Kunden verschrecken? Sie wissen doch, always keep smiling!“, wurde Markus' Gedankengang schlagartig unterbrochen.

„Äh...was? Guten Tag, Herr Tietze. Entschuldigung, ich war gerade etwas in Gedanken.“, stammelte Markus.

„Nein, nein, Engler, was fange ich mit Ihnen bloß an? Passen Sie auf, Folgendes: Wir haben heute einen Sangsong 52 Zoll für 399 in der Werbung. Die Sache ist die, dass wir den eigentlich gar nicht auf Lager haben, Sie wissen schon, brauche ich Ihnen doch nicht zu erklären. Anyway – keep smiling, verkaufen Sie den Leuten irgendwas anderes, am besten die CXT-301er von Rotpunkt, die müssen raus. Am Ende des Tages geht es um Umsatz, und wir müssen alle sehen, wo wir bleiben. Noch Fragen?“

Nein, Markus hatte keine weiteren Fragen und nuschelte lediglich ein „Geht schon klar“, was ihm eine weitere Aufforderung seines Vorgesetzten einbrachte, stets zu lächeln sowie einige Hinweise zu den Stichworten „Corporate Identity“ und „Compliance“, die er aber gar nicht mehr vollständig wahrnahm.

Er hatte es satt, sich von dieser Knalltüte bevormunden zu lassen. Was war das für eine Welt, in der arglose Kunden mit fiktiven Angeboten in Elektronikmärkte gelockt wurden, damit man ihnen dort minderwertige Produkte zu überhöhten Preisen andrehte? War das nicht am Ende des Tages nichts weiter als eine Form von Betrug? Und überhaupt, was verzapfte dieser Tietze eigentlich permanent für einen Schwachsinn, garniert mit sinnentleerten Anglizismen? Warum trug dieser Mann Micky-Maus-Krawatten und schwarze Lederslipper mit Bommeln?

Und – warum sagte er, Markus, ihm dies alles nicht einfach mal ins Gesicht, statt sich im Nachhinein die schönsten und schlagfertigsten Erwiderungen auszumalen, die dann doch niemals jemand zu hören bekam?

Markus hatte eine Entscheidung getroffen, und er war fest entschlossen, sie diesmal konsequent umzusetzen.

Hätte er geahnt, dass es sich nur um die erste von mehreren folgenschweren Entscheidungen an diesem Tag handeln sollte, hätte er zu diesem Zeitpunkt Kenntnis von ihren Konsequenzen gehabt – möglicherweise wäre er mit einer gänzlich anderen Haltung in das erste Verkaufsgespräch dieser Schicht gegangen, das sich anbahnte, als ein kleiner dicker Junge ihm mit dümmlich-aggressivem, kariösem Grinsen eine bunt blinkende Plastik-Laserkanone in die Lenden drückte.

„Brrrrrrrrrr....Tatatatata.....schschschschschsch.....baaaammmm! Du bist tot!“

„Herzlich willkommen bei Jupiter“, wandte sich Markus mit aller Professionalität, die er aufzubringen vermochte, an die beiden Gestalten, die das Kind umrahmten und bei denen es sich offensichtlich um die Eltern handelte. Sie sahen aus, als wären sie just einer dieser einschlägigen Reality-Dokus eines zweitklassigen Privatsenders entstiegen, Unterschichtenfernsehen live sozusagen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Boooaaammm! Du bist TOT!“, wiederholte der Junge, der vielleicht fünf Jahre alt sein mochte.

„Wir wollen so einen“, sagte der Mann, dessen Sprössling fortgesetzt mit seiner Kanone auf Markus zielte, und wedelte mit dem aktuellen Werbeprospekt. „Den Sangsong für 399“, präzisierte er und deutete mit nikotingelbem Zeigefinger auf die entsprechende Abbildung.

„Tot! Tot! Tot!“

„Ey Justin, halt ma die Schnauze jetz, sonst gibs kein' neuen Fernseher!“, schaltete sich die Mutter ein.

„Haben Sie vielleicht schon mal über einen aus der CXT-301er Reihe nachgedacht?“, versuchte Markus, das Gespräch in etwas günstige Bahnen zu lenken. Er spürte, dass er es hier mit einem etwas härteren Fall zu tun haben könnte.

„Von Rotpunkt?“

„Hä? Nee, ich mein den hier. Mit den 52er Bildschirm. Bei so'n kleinen Fernseher kriegt unser Justin noch schlechte Augen, und wir sind doch keine schlechten Eltern, dass das ma klar ist!

Ne, Justin?“

„Ich will ein Eis!“, vermeldete dieser.

„Es gibt jetz kein Eis“, intervenierte die Mutter, „ess ma erst ma deine Chips noch auf!“

Das konnte ja heiter werden, dachte Markus.

Obwohl – bot sich hier nicht eine willkommene Chance, einmal Klartext zu reden? Diesen Leuten mal klipp und klar zu sagen, was er von ihren Erziehungsmethoden hielt? Wozu brauchte denn dieser adipöse Bengel in dem Alter einen eigenen Fernseher? Hatte er nicht eben erst eine Entscheidung getroffen?

Nur wenig später hatte auch Herr Tietze eine Entscheidung getroffen, und Markus bekam die Gelegenheit, frei von der Leber weg zu sagen, was ihm alles nicht passte an seinem Job, seiner Kundschaft und überhaupt seinem ganzen Leben, wenn sich auch dadurch deutlich ungünstige Folgen abzuzeichnen schienen.

„Es ist ja nun nicht das erste Mal, dass sich Kunden über Sie beschwert haben“, begann Tietze, der die Ellenbogen auf seinem Schreibtisch aufgestützt hatte, einen „Jupiter“-Kugelschreiber von einer Hand in die andere gleiten ließ und Markus durch seine randlose Brille mit goldenen Bügeln bedeutungsschwer ansah. „Aber dieses Mal haben Sie es wirklich übertrieben. Lückenhafte Fachkenntnis ist ja das eine. Ihre Träumerei und der mangelnde Punch, der fehlende Wille zum Abschluss vielleicht auch. Aber was haben Sie ich dabei gedacht, unseren Kunden zu sagen, Sie sollten nach Hause gehen und ein Buch lesen, von wegen sie könnten hier keinen Fernseher kaufen? Meine Güte, Engler. Was steht denn auf dem Schild an Ihrem Hemd? Steht da etwa Oberlehrer Markus, Privatuniversität Engler? Oder steht da Jupiter Elektronik? Sagen Sie es mir!“

Markus kannte die Antwort, aber die Frage war seiner Ansicht nach falsch gestellt.

„Was heißt denn hier beschwert?

Er merkte, wie ihm der Schweiß aus allen Poren trat, obwohl Tietze in seinem Büro einen dieser neuartigen Tower-Ventilatoren aufgebaut hatte, die sich zu dieser Jahreszeit verkauften wie geschnitten Brot. Seine Stimme klang dabei irgendwie fremd, metallisch, als hätte er einen Blecheimer über den Kopf gestülpt.

„Eine Szene gemacht haben die, den ganzen Laden zusammengebrüllt und mich derbe beleidigt.“

„Ja und warum? Weil Sie,“ – Tietze zeigte jetzt mit dem Kugelschreiber auf Markus – „weil Sie Ihren verdammten Job nicht vernünftig gemacht haben. Wir sind doch hier nicht bei der Heilsarmee!“