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Das Bienensterben ist eines der ungelösten Umweltprobleme unserer Zeit. Vollends rätselhaft aber wird es, wenn außer den nützlichen Fluginsekten auch noch etliche Lebenwesen der Spezies Homo sapiens rätselhafterweise ihren (Honig)löffel abgeben müssen und dabei teilweise selber zu Mördern werden. Einen Imker erwischt es ebenso wie eine Studienrätin und einen abgehalfterten Schlagersänger. Und zum bösen Schluss wechselt auch noch ein leibhaftiger Polizeikommissar mehr oder minder unfreiwillig die Fronten im Kampf gegen das Verbrechen. Ein Forscher versucht das Ärgste zu verhindern, indem er mannhaft beschließt, ein Edward Snowden der Pharma-Branche zu werden – doch da ist es schon zu spät.... Ein rasanter, höchst unterhaltsam erzählter Öko-Thriller in Episoden
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Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Anton Winkler
Summ summ summ Bienchen bringt dich um
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Hobby-Imker Helmut Simon macht (k)eine Entdeckung
Frau Lobmann dreht durch
Das Karriereende des Schlagersängers Benny di Blue
Der Journalist Marcel Malthus kommt zu einer (letzten) verblüffenden Erkenntnis
Kommissar Graurock hadert mit seinem Beruf
Epilog (oder genauer: Prolog)
Impressum neobooks
Die Sonne stand schon etwas tiefer und schickte sich an, hinter den beiden Lärchen am Ende des Gartens zu verschwinden, sodass der größte Teil des Grundstücks bereits im Schatten lag, als Helmut Simon auf die Terrasse trat.
Eine spätsommerliche Hitzewelle hatte die Stadt erfasst, und auch der Abend dieses letzten Sonntags im August schien kaum Abkühlung zu bringen. Das Thermometer unter dem Vordach der Terrassentür zeigte immer noch 28 Grad.
Erste Schweißperlen traten unter dem Imkerhut hervor, den Simon aufgesetzt hatte, um wenigstens Hals und Gesicht zu schützen. Auf den Rest seiner Kluft hatte er bei der Witterung verzichtet. Das Risiko einiger Pikser an seinen Armen nahm er gern in Kauf.
Gelegentlich setzte er sogar gezielt Bienen auf seine von einer leichten Arthritis geplagten Gelenke. Ihr Gift hatte eine lindernde Wirkung.
Das war schon lange wissenschaftlich belegt, obwohl es dieses Nachweises für Simon angesichts der guten Erfahrungen mit seiner Selbsttherapie nach Großmutter-Art nicht bedurft hätte.
Sein graues Polohemd – keine grellen Farben, um die Tiere nicht zu reizen – klebte an seinem Körper. Auf Brust und Rücken hatten sich V-förmige, großflächige Schweißflecken gebildet, wie man sie häufig bei den Helden in Actionfilmen sah. Simon bezweifelte jedoch, dass der Anblick, den er in diesem Moment bot, seiner Frau Helga Anlass zu Begeisterungsstürmen oder gar erotischen Phantasien gab. Dazu war das V auf seiner Vorderseite viel zu konvex gewölbt. In jüngeren Jahren war er recht sportlich gewesen, hatte es als Handballer – Spezialität: Heber von rechts außen – sogar zu einigen Einsätzen in der zweiten Liga gebracht. Irgendwann hatten seine Gelenke aber nicht mehr mitgemacht. Inzwischen hatte er sich eine regelrechte Plauze zugelegt, wie er den kugelförmigen Körperteil unterhalb des Brustbeins in seiner Berliner Mundart selbst bezeichnete. Mit 66 Jahren musste man auch wirklich nicht mehr aussehen wie Sean Connery, da stimmte ihm sogar Helga zu.
Simon überlegte, ob James Bond es wohl für nötig halten würde, bei der Kontrolle von Bienenstöcken Schutzkleidung zu tragen. Vermutlich nicht. Allerdings handelte es sich bei den kessen Bienen, mit denen Bond sich normalerweise in seinen Filmen beschäftigte, auch eher nicht um Fluginsekten.
Ob es stattdessen wohl auch Schutzkleidung gegen gefährliche Frauen gab? Simons schmunzelte bei dem Gedanken. Die beste Verteidigung wäre wahrscheinlich ein schweißtriefendes Polohemd auf einem kugelrunden Altherrenbauch.
Zum Glück zählte Helga nicht zur Spezies femme fatale. Trotzdem hatten sie einander in den nunmehr 38 Jahren ihrer Ehe stets attraktiv gefunden, und es hatte kaum Phasen längerer sexueller Abstinenz gegeben. Vier wohlgeratene Söhne und mittlerweile fünf Enkel zeugten von der gesunden Fruchtbarkeit der Simon'schen Linie. „Wenn ich schon nicht reich bin, vererbe ich euch wenigstens meine guten Gene“, pflegte Simon immer zu sagen.
Immerhin hatten sie es aber zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Er bezog nach über 40 Jahren beim Finanzamt eine ordentliche Pension, Helga hatte lange Jahre als Krankenschwester hinzuverdient. Das Häuschen im Achenseeweg, einer ruhigen, fast schon ländlichen Wohnstraße in einem der südwestlichen Zipfel Berlins, war längst abbezahlt. Durch die Nähe zum „Todesstreifen“, wie man die Zone der Stacheldrahtzäune an der Grenze zu Mauerzeiten genannt hatte, waren die Grundstücke damals relativ billig gewesen. Heutzutage galt dieser Teil von Lichterfelde-Süd als attraktive Wohnlage.
Simon und seine Frau genossen ihren Ruhestand und fühlten sich fit und aktiv. Kleinere Zipperlein – ein Ziepen im Gelenk hier und da, ein etwas zu niedriger Blutdruck, ein bisschen Übergewicht – taten da keinen Abbruch.
Irgendetwas kam Simon sonderbar vor, als er den ersten Kasten seines kleinen Bienenstocks öffnete, ohne dass er genau hätte sagen können, was es war.
Seine Bewegungen waren bedacht und langsam, und zwar in diesem Fall nicht nur aus der üblichen Rücksicht auf seine betriebsam umher schwirrenden bräunlich-gelben Insekten, sondern auch deshalb, weil er zu mehr Dynamik bei diesen Temperaturen schlicht nicht in der Lage gewesen wäre. Vorsichtig nahm er einen der Rahmen heraus. Er war bereits fast zur Hälfte mit Wachs verschlossen.
Seinen Bienen schien die Hitze nicht das Geringste auszumachen.
Sie waren offenkundig fleißig gewesen: Es sah so aus, als könnte er zum Ende der Saison in zwei, drei Wochen noch einmal eine schöne Portion Honig ernten. Mit den wenigen Völkern, die Simon besaß, hatte sein Hobby freilich keinen reellen ökonomischen Nutzen – ganz im Gegenteil, allein die Schleuder hatte ein Vermögen gekostet, und er zweifelte, ob sie sich jemals amortisieren würde. Es stand für ihn aber außer Frage, dass der Honig aus eigener Produktion um Längen besser schmeckte als die Industrieware, die man in den Supermärkten bekam, Bio hin oder her.
Was sie nicht selber aßen, verschenkten sie – der Rest, der dann noch übrig blieb, ging an eine Genossenschaft von Berliner Freizeitimkern, die ihren „Hauptstadt-Honig“ an ausgewählte Fachhändler vertrieb. Seine Kosten konnte Simon damit nicht ansatzweise decken, aber das war ihm sein Steckenpferd wert.
Simons Freude über das gute Ergebnis wurde überlagert von dem Gefühl, dass seine Bienen heute anders waren als sonst, ungewöhnlich lebhaft.
Oder hatte sich etwa die Anzahl der Tiere vergrößert?
Er war es gewohnt, dass seine Bienenvölker im Laufe der Zeit eher schrumpften. Das große Bienensterben, über das man in letzter Zeit so viel lesen konnte, ging auch am Hobby-Imker Helmut Simon nicht spurlos vorüber. Den Befall mit der berüchtigten Varroa-Milbe vorletztes Jahr hatte er dank „Varro-Ex“ gut unter Kontrolle bringen können. Nach einiger Zeit hatte er aber wieder einen gewissen Bienenschwund verzeichnen müssen, obwohl seine Völker milbenfrei waren. Er hatte den Verdacht, dass das Mittel selbst der Gesundheit der Bienen eher abträglich war – ohne handfesten Beweis, versteht sich. Der Hersteller beteuerte sowieso, alles sei völlig unbedenklich.
Simon hatte das Mittel abgesetzt. Wer mochte schon Chemie, und sollte sie noch so unbedenklich sein, in seinem selbst geschleuderten Honig aus dem Garten?
Und offenbar hatte er ja recht mit seiner Entscheidung, denn so lebhaft und zahlreich wie heute hatte er seine Bienen noch nie erlebt.
Er konnte sie schlecht zählen, aber wurde das Gefühl nicht los, dass es mehr Tiere waren als noch letzte Woche.
Simon versuchte, ein einzelnes Tier in dem Gewimmel mit den Augen zu fixieren – ein nahezu aussichtsloses Unterfangen.
Kam es ihm nur so vor, oder wirkten seine arbeitsamen Immen auch größer als sonst?
Unfug, sagte er zu sich selbst.
Wie könnte das sein? Erwachsene Arbeiterinnen behielten ihre Körpermaße nach allem, was ihm bekannt war, bis zu ihrem Ableben. Vielleicht würde er nächstes Mal ein Lineal mitnehmen und nachmessen, aber sicher nicht mehr heute.
Simon trat einen Schritt zurück. Ihm schwirrte der Kopf. Die Hitze unter seinem Hut war wirklich lästig. War das der Grund dafür, dass er das Summen der Insekten heute als besonders intensiv und laut wahrzunehmen glaubte? Oder...
Das Midodrin.
Na klar, schoss es ihm durch den Kopf, daran lag es. Seit ein paar Wochen nahm er ein neues Mittel gegen seinen stets etwas zu niedrigen Blutdruck. Bis jetzt hatte er keinerlei Nebenwirkungen verspürt, aber was hatte der Arzt noch mal gesagt … nervöse Erregungszustände, dies und das und jenes. Simon hatte nicht genau zugehört – man machte sich nur verrückt, wenn man alle Beipackzettel dieser Welt bis zum Ende durchlas. Aber an dieses Detail konnte er sich noch erinnern.
Vermutlich lag es an der Hitze, dass die Tabletten heute eine leicht veränderte Wahrnehmung verursachten.
Gerade hatte er beschlossen, die Inspizierung der drei anderen Bienenkästen zu vertagen, als er seine Frau von der Terrasse rufen hörte: „Helle, Schatz, komm rein, deine Lieblingssendung fängt an!“
„Meine Lieblingssendung?“, entgegnete er mit gespielter Entrüstung – in Wahrheit liebten sie beide die „Lindenstraße“ gleichermaßen.
„Seit Jahren zwingst du mich jeden Sonntag, diesen Mist zu gucken, und dann behauptest du, das sei meine Lieblings –“
„Essen ist fertig!“, schnitt Helga ihm das Wort ab.
Simon zuckte die Schultern. „Das ist wiederum ein Argument.“
Bedächtig schlenderte er in Richtung Haus. Nein, es gab wirklich keinerlei Anzeichen, dass mit seinen Bienen irgendetwas nicht stimmte.
Es war Zeit, den Tag gemütlich vor dem Fernseher ausklingen zu lassen. Mit der kleinen Klimaanlage, die er neulich im Baumarkt erstanden hatte, wäre das vielleicht sogar angenehmer, als den Abend mit mit einem Buch auf der Terrasse zu verbringen.
„Wie siehst du denn aus?“, empfing ihn seine Frau an der Terrassentür. „Du bist ja völlig verschwitzt. Und willst du nicht vielleicht mal deinen Hut abnehmen?“
Sie hatte recht. Er wollte sich wohl kaum mit Imkerhut zum Essen an den Tisch setzen.
„Mein lieber Mann,“ tadelte sie ihn neckisch, „du wirst wohl langsam vergesslich. Deine Tabletten hast du heute auch noch ni –“
Sein Aufschrei unterbrach sie.
„Da war wohl irgendwo noch eine“, erklärte Simon. „Hier an der Hand hat sie mich erwischt. Autsch!“
„Das ist ja wohl kaum ein Grund, gleich loszuschreien wie ein kleines Mädchen. Zeig mal her, ich puste. Und jetzt los, zieh dich um, die Sendung fängt gleich an. So ein Bienenstich bringt doch keinen um.“
„Ja, Helga,“ murmelte er, als er durch das Wohnzimmer schlurfte.
„Du hast ja recht.“
Nichts deutete darauf hin, dass der erste Tag des neuen Schuljahres für die Oberstudienrätin Erika Lobmann auch gleichzeitig ihr letzter sein sollte.
Erste Sonnenstrahlen tauchten das Laub der Obstbäume hinter dem Haus in einen honigfarbenen Glanz und kündigten einen jener Spätsommertage an, die bereits eine latente Ahnung des Vergänglichen und einen leisen Herbsthauch in sich bargen.
Erika Lobmann liebte diese Tage, obschon sie in den letzten Jahren den Wandel der Jahreszeiten nicht mehr mit der gänzlich unbeschwerten Begeisterung über das auf faszinierende Weise unbegreifliche, in einem scheinbar ewigen Kreislauf wiederkehrende Schauspiel der Natur wahrnahm, die ihr in jungen Jahren als angehende Biologie- und Germanistikstudentin zu eigen gewesen war.
Wieder ein neues Schuljahr.
Anfang und Ende.
Abschluss und Neubeginn.
Willkommen und Abschied.
Sie spürte einen Kloß diffuser Erinnerungen aus mehr als 30 Jahren Tätigkeit als Pädagogin in ihrer Kehle heraufsteigen, Fragmente, Bilder, längst vergessen geglaubte Szenen. Unwillkürlich musste sie schlucken. Mit einem wehmütigen Stechen, das ihren Körper durchfuhr, löste sich der Anflug sentimentaler Anspannung.
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.
Treffender als Eichendorff hätte Erika Lobmann das Gefühl nicht beschreiben können, das soeben wie eine sanft rollende Woge im Ozean über sie gekommen war.
Sie schüttelte den Kopf. Die Einsamkeit tat ihr offenbar wirklich nicht gut.
Sie hatte sich die Sommerferien vertrieben, so gut es ging. Zunächst war sie für eine Woche in Salzburg gewesen, um ihre alte Studienfreundin Anne zu besuchen. Später hatte sie ein paar Tage in Bad Mergentheim verbracht, um ihrem mittlerweile 62-jährigen Körper verschiedene Anwendungen zur Regeneration und Entspannung angedeihen zu lassen. Sie hatte dort einige Bekannte getroffen – Ursula hatte wiederholt angeregt, noch ein wenig länger zu bleiben und sich nach einem Kurschatten umzusehen, um mal wieder auf andere Gedanken zu kommen. Erika hatte dankend abgelehnt. Sie fühlte sich nicht wohl bei der Vorstellung, nur zwei Jahre nach Werners unerwartetem Herztod eine neue Beziehung einzugehen, und sei es lediglich eine flüchtige Affäre.
Außerdem sorgte sie sich um Harry und Sally – die beiden Katzen waren ihre einzigen Mitbewohner, nachdem ihr Ehemann nicht mehr da war und ihre gemeinsame Tochter bereits vor Jahren zu Studienzwecken das Elternhaus verlassen hatte. Mittlerweile hatte Julia eine Postdoc-Stelle als Entomologin am MIT und stand vor einer verheißungsvollen akademischen Karriere. Leider bedeutete dies, dass sie einander nur selten zu Gesicht bekamen. Dieses Jahr hatte Julia nicht nach Deutschland kommen können, da sie auf einer Vortragsreise in den USA und Kanada unterwegs war. Immerhin skypten sie regelmäßig.
