Leben im Wienerwald -  - E-Book

Leben im Wienerwald E-Book

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Beschreibung

Der Wienerwald ist Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen. An manchen Stellen gut erschlossenes Erholungsgebiet, ist er in anderen Bereichen regelrecht Urwald geblieben.Unweit der Großstadt Wien wähnt man sich in einer anderen Welt. Die damit verbundenen Emotionen und Eindrücke werden von den Autorinnen und Autoren in dieser Anthologie ebenso liebevoll erzählt wie manch kuriose Episoden. Ihre unterschiedlichen sprachlichen Stile in Lyrik und Prosa, machen dieses Buch zu einem besonderen Lesevergnügen.

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Immer waren mir das Feld und der Wald und der Fels und die Gärten nur ein Raum. Erst du, Geliebte, machst sie zum Ort.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Nummer Eins

Leben im Wienerwald

Ein Sommertag zu Hause

Frühlingstag

Am Waldbach

Frühling im Wienerwald

Sommerbeginn

Gedanken im Frühling 2011

Sommerwind

Der Dom

Sommersonnenwende

Beim Himbeerpflücken

Abendrot im Wald

Gartenfrühling

Bruder Baum

Mein Wienerwald

Bäume wie Soldaten

Bio-Sphären-Park Wienerwald

Stimmen im Blumenbeet

Die Rast

Entwurzelt

Mut

Rot

Mein Garten ist eine Botschaft

Mein Traumschiff

Gestern und Heute

Licht

Mein Fenster

Fundstücke

Wienerwaldweg

Samstags im Garten

Mein Garten im Sommer

Die Bank am See

Steinhart

Der Müllmann

Ernte

Der Rummi

Eine Liebe im Wienerwald

Autorinnen und Autoren

Vorwort

Der Literaturstammtisch Wienerwald ist das zwanglose Zusammenkommen von Autorinnen und Autoren zum gegenseitigen Zuhören und Anregen. In freundschaftlicher Runde werden Texte analysiert und Aufgaben gestellt. So wollen die Mitglieder miteinander wachsen. Gelegentlich kommt es auch zu Lese-Auftritten, die sehr gute Resonanz erfahren, sind doch die Stile breit gefächert und damit die Vorträge bunt. Das vorliegende Buch ist der erste Versuch, der interessierten Öffentlichkeit einen gedruckten Überblick zu geben. Erzählungen und Lyrik, garniert mit ein paar Gemälden aus eigenem Schaffen, sollen Stunden der Freude spenden und Lust machen auf mehr.

Der Literaturstammtisch Wienerwald 2019

Manfred Kowatschek

Nummer Eins

Unter Menschen fühle ich mich häufig unwohl. Am liebsten bleibe ich in meiner Wohnung. Dort lebe ich seit dreißig Jahren und weiß, wo was steht oder liegt und wie sich die Dinge zueinander verhalten. Manchmal ist Eva bei mir, dann geht es mir auch noch gut, aber mehr Menschen vertrage ich selten. Ich bin kein Eigenbrötler oder sonst wie verkorkst, sondern Schriftsteller, und gehe damit einer Tätigkeit nach, die Alleinsein erfordert.

Dem gegenüber steht mein Bedürfnis, Gaststätten und Kaffeehäuser zu besuchen. Um zu essen oder um einen Kaffee oder ein Getränk zu trinken. Trotz gelegentlich herrschenden Trubels komme ich dort zur Ruhe. Beim Zeitung lesen, Ideen spinnen oder Beobachten. Manchmal komme ich mit anderen Gästen ins Reden und finde im Gespräch Inspiration. Mit dem Servicepersonal spreche ich immer. Das hat zumeist rein pragmatische Gründe.

Heute saß ich im Klostergasthof Heiligenkreuz an einem Tisch, an dem gut und gerne acht Menschen bequem ein Festmahl einnehmen hätten können ohne mit den Ellbogen zusammenzustoßen. Sonst war nichts frei gewesen. Sich zu jemandem zu setzen hätte Konversation bedeutet, das wollte ich nicht. Mit mir am Tisch die üblichen Utensilien für taube Gästezungen: Salz, Pfeffer und die flüssige Suppenwürze.

Kellner schreiben kaum noch, sie tippen in ein Gerät. Und das tat auch Josef. Ich kannte ihn, denn ich war nicht zum ersten Mal hier. Ich wusste von ihm, dass er vor einiger Zeit unweit von hier Kurgast gewesen und als Kellner geblieben war. Ein Steirer im Wienerwald. Wir plauderten kurz über Belangloses und Josef tippte. Kaffee. Groß und schwarz. Und eine Klostercremeschnitte. Ein sonderbarer Name für eine sündige Verführung, die sie im Grunde bei meiner Figur war. Jedenfalls würde ich dafür die ebenfalls am Tisch stehenden Zahnstocher nicht brauchen.

Hier in Heiligenkreuz hatten sich schon viele bedeutende Menschen getroffen. Papst Benedikt, zum Beispiel, 2007 mit Abt Henckel von Donnersmarck und mit tausenden anderen Menschen. Und jetzt eben ich, wieder einmal mit einer Klostercremeschnitte.

Kurz später kam, was an einem Tisch wie jenem, an dem ich saß, kommen musste. Ein Mann fragte, ob er sich zu mir setzen könne, und nahm Platz ohne meine Antwort abzuwarten. Ich versuchte, ihn möglichst unauffällig zu mustern. Augenscheinlich war er im besten Alter, also in meinem. Er war mittelgroß, hatte entschieden mehr Haare am Kopf als ich und ein sonnengebräuntes, sichtlich vom Leben gezeichnetes Gesicht. Ich dachte an Urlaub im Süden, an Sonnenbank, aber auch an Schifahren. Als Josef Kaffee und Cremeschnitte servierte, bestellte der Unbekannte ein Bier bei ihm. Mir stellte er sich danach als Wolfgang vor. Er sah mich an und erzählte, dass ihm sein Rücken weh tat und dass ihn ein Freund hier viel zu früh abgesetzt hatte. Seine Frau würde ihn später abholen, meinte er. Ich sprach kurz über mein Bedürfnis nach Ruhe, was ihn aber nicht sonderlich zu stören schien. Er redete weiter und bald war ich ungewollt mitten in einer Unterhaltung. Bei diesem kleinen Wortwechsel erfuhr ich, dass Wolfgang seine alte Heimat besucht hatte. Schließlich sei er hier aufgewachsen. In Wolfsgraben und Pressbaum, unter anderem.

Er sei seit drei Tagen in der näheren und weiteren Umgebung unterwegs und erwähnte, müde zu sein. Kurz sei er in Neulengbach bei einer Freundin gewesen. Aha, sagte ich. Nur platonisch, meinte er. Ich glaubte es. Ob ich das Bühnengasthaus Mayer in Rekawinkel kennen würde? Er hatte mein Interesse geweckt, denn natürlich kannte ich es. Ein wunderbarer Ort, sagte Wolfgang, und dass er bedauerte, schon lang nicht mehr hier in der Nähe zu leben. Als er vorgestern dort gewesen sei, hätten junge Jazzer für ein Konzert geprobt. Also richtig junge, meinte er. Keiner über sechzehn, außer ihr Musikschullehrer. Lauter Talente, meinte Wolfgang, der merklich in der Musik verhaftet war. Ich musste an meine Kinder denken und sagte, dass beide kein Instrument spielten. Vater war auch er und wir hatten beide viel Freude an unseren Nachkommen. Wir erzählten einander, was die Kinder erreicht hatten, und lachten über ihre früheren, kindlichen Schandtaten.

Wolfgang kam mir bekannt vor, ganz so als würde ich ihn schon ewig kennen. Unschlüssig, ob es sich dabei bloß um ein Gefühl handelte oder ob tatsächlich Vergessenes dahintersteckte, winkte ich Josef herbei. Ich hatte meine Klostercremeschnitte gegessen und den Kaffee getrunken. Nun bestellte ich mir ein Glas Grünen Veltliner. Wolfgang bestellte sich noch ein kleines Bier. Das letzte heute, wie er meinte. Was Josef mit einem unübersehbaren Grinsen und der Anmerkung quittierte, ob Wolfgang sich denn krank fühle. Wolfgang antwortete ebenso lapidar wie undurchschaubar, dass nicht täglich Feiertag sei. Ich fragte nicht weiter nach und wir setzten unsere Plauderei fort.

Er sprach davon, dass er vorhatte, irgendwann für einige Zeit hier im Kloster zu bleiben. Er wolle abschalten und hier, integriert in den klösterlichen Rhythmus, mit den Mönchen leben. Was ich ihm nicht abnahm, da ich ihn als wesentlich extrovertierter und unangepasster einschätzte als mich selbst, und das Klosterleben würde schon ich nicht durchhalten. Trotz meines gesteigerten Bedürfnisses nach Alleinsein. In mir stiegen unangenehme Gefühle auf, wenn ich nur an das Aufstehen in aller Früh dachte. Oder an das Leben mit vorgegebenen festen Regeln, die sich über den Tag ziehen würden wie ein Strudelteig über den Küchentisch meiner Oma. Dieses Abschweifen half mir, denn plötzlich hatte ich einen Namen zu Gesicht und Biografie, oder besser Geografie. Ich war mir unsicher, fragte aber dennoch, ob er Wolfgang Ambros sei.

Er lachte laut auf, verneinte und fragte mich, wie ich denn darauf käme. Ich rechtfertigte meine Frage damit, dass ich aus unserem Gespräch sein Interesse an Musik herausgehört hatte und er ja tatsächlich Wolfgang Ambros ähnelte. Außerdem hätte ich diesen seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen und eine gewisse Ähnlichkeit wäre ja nicht zu leugnen. Wolfgang meinte, dass ich mich nicht rechtfertigen müsse, es hätten ihn schon einige Menschen verwechselt. Letztlich gäbe es ja viele Männer um die 60, auch solche, die im Wienerwald Kindheit und Jugend verbracht hatten und vom Leben gezeichnet seien. In seiner Jugend hätten ihm Musik und Texte des Wolfgang Ambros gut gefallen, ja, er wäre sogar so etwas wie ein Fan gewesen. Damit hatten wir etwas gefunden, das wir teilten.

Nach diesem kleinen Fauxpas meinerseits blieben wir uns nichts Gewöhnliches mehr schuldig. Alltäglichkeiten, wenn auch noch so belanglos, wurden erzählt und geduldig und wohlwollend aufgenommen. Er erzählte unter anderem vom Gitarre spielen, das er Kindern gerne unentgeltlich beibrachte. Aber auch von Seminaren, in denen er den Teilnehmern für viel Geld half, ihr Spiel mit der Gitarre weiter zu entwickeln. Dem konnte ich wenig entgegenhalten. Ich erwähnte meine Schreibseminare, die ich für einen eher geringen Beitrag mit mäßigem Erfolg organisiere und durchführe. Ich erzählte von Baden, wo ich wohne, und er von einer kleinen Ortschaft im Nirgendwo, wo er lebte. Ich, der Schriftsteller. Er, der Musiker. Ich, meine Bücher. Er, seine Kompositionen. Wir blieben stets an der Oberfläche, in die Tiefe gingen wir nicht. Längst hatte ich ein zweites Glas Wein getrunken und angesichts meiner bevorstehenden Autofahrt einen weiteren Kaffee bestellt, und vor Wolfgang stand sein viertes Bier. Wir plauderten über die bedrohte Natur im Wienerwald und über die Vorzüge, hier zu wohnen. So kamen wir thematisch an Gasthäusern und Buschenschanken nicht vorbei, an klingenden Namen wie etwa „Dreimäderlhaus“ und „Zur schönen Aussicht“. Das eine ein Singspiel von Heinrich Berté über den genialen Franz Schubert, das andere eines der ersten Theaterstücke von Ödön von Horváth. Beide aber auch gastliche Häuser mit guter Küche.

Dann fragte er, ob ich Michael Köhlmeier wäre. Nein, leider nicht, sagte ich und wunderte mich, wie er auf diese Absurdität gekommen war. Zugeben muss ich, dass ich mich anfangs schon geschmeichelt fühlte. Dann lachte ich ob dieser Idee. Er lachte mit, was mir zeigte, dass seine Frage nicht ernst gemeint war. Er sagte, dass ihm eben kein anderer Autor mit Vornamen Michael eingefallen wäre.

Nun müsse er aber aufbrechen, sagte Wolfgang, und er habe sich gefreut, mich kennenzulernen. Er erhob sich, gab mir zum Abschied die Hand und ging in Richtung Ausgang, wo eine blonde Frau hereingekommen war und lächelnd auf ihn wartete. Er gab ihr einen Kuss auf den Mund, und beide verließen das Lokal. Die Liebe der beiden musste frisch sein, denn sein letztes Bier hatte er nicht ausgetrunken. Ich blieb am Tisch zurück, spürte blitzartig meine Einsamkeit und ärgerte mich, Wolfgang nicht nach seinem Nachnamen gefragt zu haben. Dann beschloss ich, ihn zu vergessen. Ich würde ihn ohnehin nie wiedersehen.

Ich trank den letzten Rest meines Kaffees aus. Er war kalt und schmeckte furchtbar bitter, dann bezahlte ich und ging ebenfalls. Am Parkplatz stieg ich in mein Auto und startete. Aus den Lautsprechern tönte Radio Wien: „Mia san de Nummer Ans vom Wienerwoid, de hasseste Partie von überhaupt. Waun wir wo spüh'n, daun bleibt die Kuchl koit. Soi söba kumma und si überzeig'n, wer's net glaubt, … wer's net glaubt.“

Die Begegnung mit Wolfgang würde ich nicht so schnell vergessen und ich war ziemlich unsicher, wen ich da eigentlich getroffen hatte.

Christa Bacovsky

Leben im Wienerwald

Über den Wienerwald weiß ich, dass er so heißt, weil er rund um Wien verläuft. Dieses Wissen teile ich mit Millionen anderer Menschen. Aber ich wohne in einer westlichen Wienerwald-Gemeinde und hätte die verdammte Pflicht mehr über diesen Wald zu wissen. Bevor ich hierher gezogen bin, hatte ich die feste Absicht mich ihm anzunähern. Ich würde seine zahlreichen Pfade erforschen, seine Geheimnisse, die jeder Wald hat, lüften, nach Höhlen suchen, seine Tier- und Pflanzenwelt studieren und so weiter und so fort.

Und jetzt? Jetzt wohne ich tatsächlich ganz nahe am Wald und stecke nicht einmal die große Zehe hinein. Gefesselt an die eigene Scholle, an der ständig etwas herumzuackern ist, und ein Haus, das geputzt werden will. Ganz zu schweigen von der existenzsichernden Tätigkeit, die ich bei meiner Übersiedlung leider nicht zurücklassen konnte.

Was unterscheidet nun das Wohnen am Wald von dem in der Stadt? Ganz einfach: Man hat hier keine Gelegenheit Stöckelschuhe zu tragen. Tritt man vor die Haustür, steckt man schon im Gemüse und es geht permanent bergauf und bergab. Anzuraten sind Jeans und festes Schuhwerk. Dieser Rat wird von nahezu allen Wienerwaldsiedlern angenommen, so dass man diese Art der Kleidung auf Grund ihres uniformellen Charakters durchaus als Wienerwalduniform bezeichnen kann.

Es gibt Ausnahmen, die noch einen Schritt weiter gehen: Die Blauzeug-Overall-Träger. Das sind jene, die ihr Haus zur Werkstatt machen und das zugehörige Grundstück zum Lagerplatz. Dort finden sich Bretter, Kabelrollen, rostige Scheibtruhen, kaputte Elektrogeräte und Autos ohne Nummerntafeln. Die Blauzeug-Overall-Träger halten eisern an einer Werbespot-Maxime fest: „Es gibt immer etwas zu tun!“ Und sie haben stets den Satz „Wer weiß wofür man es noch brauchen kann“ auf den Lippen. Man möchte sie als Nachbarn nicht haben, aber sie sind da.

Wer in städtisch eleganter Kleidung in der Wienerwald-Gemeinde auftritt, wird bestenfalls belächelt. Wobei nicht auszuschließen ist, dass sich in dieses Lächeln ein klein wenig Neid mischt. Neid auf eine Eleganz für die der Wienerwald-Bewohner längst jegliches Gefühl verloren hat. Und es mag dieser Verlust sein, der in seiner Seele ein Gefühl der Unzulänglichkeit bewirkt. Dem Unerreichbaren kommt man bekanntlich gern mit Geringschätzung entgegen. Nichts anderes tat der Fuchs als er vor den hoch oben wachsenden Trauben stand.

Des Weiteren ist über das Leben im Wienerwald zu sagen, dass es eine Kluft zwischen den Alteingesessenen und den „Zuagrasten“ gibt, die Letztere mit unbeugsamer Hartnäckigkeit zu überwinden suchen. „Zuagrast“ ist man