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Sie weigern sich, im Keller Schutz zu suchen, und harren in der dunklen, zugigen Gemäldegalerie aus, Kälte und Hunger trotzend. Mojsej, 25, und Antonina, 37, sind Mitarbeiter der Leningrader Eremitage, einem der schönsten Kunstmuseen der Welt. Im Winter 1941/42 wird es zu ihrem letzten Zufluchtsort. Anfangs rezitieren sie Gedichte, erzählen sich das Märchen von der Schneekönigin, stellen zwei Rembrandt-Gemälde nach, die aus dem Museum evakuiert werden sollen. Als sie versuchen, sich an ein Lied zu erinnern, versagen ihre Stimmen. Das Lauschen in die Stille hinein, das wiederholte Rufen, Sichvergewissern, ob der andere noch da ist, das auf elementare Bruchstücke reduzierte Gespräch zweier Liebender, erweist sich am Ende als eine »Dokumentation aus Stimmen« authentischer Figuren, die in der Leningrader Blockade umgekommen sind.
Lebende Bilder heißt dieser zentrale Text des Bandes, dem zehn längere und kürzere Prosastücke vorangestellt sind. Alle kreisen sie um Sankt Petersburg als imaginären Ort, auch wenn sie in Lowell/Massachusetts, in San Francisco oder an einem Strom in Sibirien spielen und von Kindheit, erster Liebe und schmerzlichen Verlusten handeln.
Polina Barskovas lyrische Sprache ruft uns, gleichsam durch Raum und Zeit hindurch, als Zeugen mit an die Schauplätze und rückt jedes Erleben in die größere Geschichte ein. In dem Versuch, private Erinnerung und kulturelles Gedächtnis ineinander zu verweben, verweigert sie sich traditionellen Erzählformen – nicht programmatisch, sondern aus einer existenziellen Erfahrung heraus.
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Seitenzahl: 186
Veröffentlichungsjahr: 2020
Polina Barskova
Lebende Bilder
Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja
Suhrkamp Verlag
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
Der Vergeber
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
Galerie
Pablitos Morgenstunde
Von denen, die Schiffe mit falschen Leuchtfeuern anlocken und versenken
Gorky in Lowell
Modern Talking
Eine Uljanowa im August
Großmutters Welt – Kropotkinstraße
Der Knopf
Brüder und Die Brüder Druskin Geschichte einer Irritation
Unvereinbare Temperamente
Längelang
(
in diesen Momenten verließ ich das Haus
)
Persephones Hain
Haarnadeln
Sestrorezk, Komarowo
1985
1991. (Ein Jahr vor seinem Tod)
Auflösung
Dona Flor und ihre Großmutter
Laubriss
Wo nisten die Stare, für die kein Starenkasten mehr frei war?
Duell der Geschichtenerzähler
Übersetztes Weiß
Kein Warmblüter
Ein Schlupfloch und
JEMAND
»Windstoß«
Aufzeichnungen eines Ornithologen
Zilpzalp. Kleines Vogel-Abrakadabra
Glückliches Ende
Lebende Bilder
Ein dokumentarisches Märchen
Postscriptum
Olga Radetzkaja
:
»Ich wollte alle sein«
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Die Schneeflocken wuchsen und wuchsen, zuletzt sahen sie aus wie große weiße Hühner. Eines der Hühner schüttelte sich, und plötzlich war es ein kleiner Säufer mit Plastiktüte in der Hand. Aus der Tüte ragte eine Geranie.
Im Näherkommen sah der Mann dem Mädchen ins Gesicht. Ein völlig durchweichtes Gesicht, und bemalt wie für kurzsichtige Blicke aus dem Opern-Olymp: riesige Augenbrauen, riesiger Mund, schwere, mit fettem schwarzem Lidschatten vergrößerte Hundeaugen. »Ist dir auch warm genug, liebes Kind? Und suchst du vielleicht einen Bräutigam?« – »Ich bräuchte mal Feuer.« – »Und mich hat die Frau aus dem Haus gejagt. Hör zu, was ich dir sage.« Er rülpste und begann in monotonem, schaurigem Flüsterton, ohne sie anzuschauen: »Sieh hin …
Sieh hin: so sammelt der Räuber die Kraft,
Gleich stürzt er mit schwachem Flügelschlag
Geräuschlos auf die Wiese hinab
Und trinkt das frische, lebendige Blut …«
Sie, wenig verwundert, lachte: »Oho! Der reinste Tragödienchor. Ich bräuchte mal ein Streichholz? Wären Sie so liebenswürdig? Hätten Sie vielleicht zufällig?«
Es war klar, dass man Väterchen Frost nur mit exzessiver Höflichkeit beikam.
Nach drei Stunden im Schnee war die Schachtel in ihrer Jackentasche ganz welk.
»Hab ich nicht, nur eine Blume, da.«
Zerstreut und gehorsam griff sie nach dem Beutel voll Schnee und ging weiter.
Von rechts brach aus dem hellgraubraunen Himmel über ihr ein Clodt'sches Ross hervor, hoch aufgebäumt, aber schon bereit, sich zu beugen, wütend.
Während seine neueste Flimmerflamme, leicht verschwitzt, verschnaufte, lehnte der Professor das Gesicht ans Fenster und besann sich, entsann sich Wort für Wort (ein phänomenales Gedächtnis!):
»Nahe der Bühne stand im Durchgang ein Mann.
Kräftig gebaut, ziemlich groß, die Arme vor der Brust verschränkt.
Er war seltsam gekleidet, für die damalige Zeit – es war noch vor dem Krieg, 1913 – beinahe anstößig: Er trug einen weißen, makellos sauberen Wollpullover – ein Skifahrer, der direkt aus dem Schnee kam, und das wettergebräunte Gesicht, das leicht gelockte, mattrötliche Haar verstärkten diesen Eindruck noch; seine Augen waren hell, fast glasig, wie die eines Vogels.
Alle drängten sich an ihm vorbei, streiften ihn sogar in der Enge, und niemand ahnte, dass es Blok persönlich war, an dem er da vorbeiging.
Wie der Dichter aussah, wusste ganz Russland dank einer Fotografie, die aber nachbelichtet war: schwarze Locken, sinnlicher Mund, halbgeschlossene, schmale schwarze Augen, das Bild eines Dämons im Samtjackett mit Schillerkragen – eines Dämons zumal, der auch noch an altbekannte Opernfiguren erinnerte!«
Der Professor stellte ihn sich gern so vor, als helläugigen, wettergegerbten, unerkannten Unsichtbaren, der anders war als alle Welt erwartete.
Er fühlte sich auch selbst wie ein solcher Unsichtbarer, niemand kannte ihn und seine echte Stimme, und diese Unerkanntheit war sein Sinn und sein Trost.
Das Elend – die Sehnsucht – der Reiz des Archivs: das Gefühl einer Denksportaufgabe, eines Mosaiks: Als könnten sich all diese Stimmen zu einer einzigen zusammenfügen, und dann würde sich ein einheitlicher Sinn ergeben und man könnte auftauchen aus dem Nebel, in dem es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt, nur Scham und Trübsal, Schamsal – niemand ist vergessen nichts ist vergessen – keinem ist zu helfen, und vergessen sind sie alle.
Wer bin ich denn, Charon vielleicht?
Das nächtliche Petersburg, ein Boot, ein Schwarm quirliger Ausländerinnen: »Fahren Sie uns eine Runde?« – »Eine Runde?« – »Oder sind Sie zu betrunken?« – »Hau bloß ab!« – freundlich-erstauntes Gekreisch. Als wir an Bord gehen, sehe ich neben dem Steuerrad eine riesige Flasche, fast schon Kanne. Nüchtern hat Charon Mühe: die Seelen murren.
Der Archivar setzt die Seelen von einer Akte in die nächste über, von einer, aus der sie nie jemand hören wird, in eine andere, aus der vielleicht doch irgendwer – wenigstens ganz kurz …
Der Leser wird zum Archiv, und als solches bringt er neue Leser hervor, das ist einfach Biologie, das Lesen kann niemals aufhören.
Manchmal schien es, als wäre die einzige Methode, all das wieder lesbar zu machen, es abzuschreiben wie ein Akakij Akakijewitsch, Buchstabe für Buchstabe, die Zunge eifrig gespitzt: ein Kätzchen, Lätzchen, Stiefelchen. Die verblassten Krakel nachziehen und erneuern, und dadurch den Akt des Ein- und Überschreibens selbst in die Gegenwart einschleusen.
Die verschwindenden Konjugationen-Deklinationen, Wort um Wort, wie Fett und Zucker im November. Kommas und Gedankenstriche werden blasser und straucheln, machen keinen Sinn mehr, hören auf zu atmen, zerfließen. Die Satzzeichen starben als Erste in den Blockadetagebüchern, überflüssige Zeichen wie überflüssige Menschen, ohne Bezugsschein, geflohen aus Luga und Gattschina.
Das Wichtigste ist, der Zeit standzuhalten: Die Zeit wird Druck auf dich ausüben.
Aber der Sinn der ganzen Sache ist, dass die fremde Zeit sich nicht mit der eigenen vermischt, die du zu und in dir selber trägst.
Noch eine Stimme wagt sich hervor, kommt an die Oberfläche, entfaltet sich, klingt.
Katja Lasarewa, die 1941 sechs Jahre alt wurde, grauäugig spröde spöttisch.
Katja und ihre Mutter spielten Bouts-rimés. Die Mutter fing an:
Ein Hungerleider geht überwintern,
Trägt statt Brot im Korb einen toten Hintern.
Katja machte weiter:
Kommt ein Hungerleider die Straße lang,
Hat die Beine voll Wasser, so schwer ist sein Gang.
Oder so:
Es wankt und schwankt der Hungerleider, hört ihr sein Gebrumm?
»Da vorne hört die Mauer auf, da vorne fall ich um.«
Abends führten sie Scharaden auf:
»Das Erste war ein Dichter mit schwarzen Locken, sinnlichem Mund, halbgeschlossenen, schmalen Augen, ein bildschöner Dämon im Samtjackett.
Das Zweite war Papa im langen Nachthemd: ein armer Sünder, der vom Teufel, also Mama, in der Pfanne gebraten wurde.«
Wie der Laut »a« gespielt wurde, hatte Katja Lasarewa vergessen, aber das Ganze war ein Schlitten mit einem Eimer Wasser und Marmeladengläsern für die Kascha aus der Kantine, gezogen von einem vor Hunger taumelnden Dystrophiker.
BLOK (der Dichter) – AD (die Hölle) – A. Blockade.
Und noch eine Stimme.
Sein Leben lang schrieb der italienische Jude Primo Levi mit der Beharrlichkeit eines taktlosen schädlichen insektoiden Irren über das Malheur, das ihm zugestoßen war.
Die peinlich berührte Weltöffentlichkeit verlieh ihm Preise und Auszeichnungen, neuerdings ging das ja leicht. Jedes Mal, wenn er einen Preis bekam, verdaute er ihn ein halbes Jahr lang, wie eine Riesenschlange, dann ließ er ein neues Buch entweichen.
Er schrieb und sprach von nichts anderem als nur davon; wenn er träumte, dann davon, wenn er in seine kränkliche blässliche Frau eindrang, dann davon, wenn er seiner langwierig sterbenden Mutter eine Szene machte, dann davon.
Sich von einem Text zum nächsten zu bewegen hieß in seinem Fall, ein Bild zu vergrößern, ein Detail zu präzisieren:
das Gefühl unter Folter ist weniger dies als vielmehr –
es stank jetzt nicht mehr wie zwei Wochen Durchfall, sondern vielmehr –
Wie alle, denen Natur und Geschichte ein so geartetes Timbre beschert haben, gelang es ihm nicht, sich an den raschen Strom der Zeit zu heften, sie stieß ihn ab und warf ihn hinaus – geradewegs in den Treppenschacht.
Die peinlich berührte Weltöffentlichkeit verfügte, das sei ein Unfall gewesen, und verlieh ihm einen weiteren Preis – für seinen eleganten und schnellen Flug, und dafür, dass er sie von seinen Erinnerungen befreit hatte.
Als das Lager befreit wurde, waren Bücher das Erste, worauf er sich stürzte, und so fielen ihm in die Hände: ein Lehrbuch der Gynäkologie, ein französisch-deutsches Wörterbuch, ein Band Tiermärchen.
Als er aber anfing, seine eigenen Bücher zu schreiben, warf ihm sein bester Freund, auch er ein Zurückgekehrter, ein Wort wie warme Spucke hin: du Vergeber!
Und wirklich, Primo wünschte den Protagonisten seiner Angstträume nicht mehr den Tod, er wollte keine Rache, wollte nicht, dass nun sie abgeführt und verschleppt würden.
Er war außerstande, nicht an sie zu denken, außerstande, nicht über sie zu schreiben, aber ihren schönen gerechten Tod herbeizusehnen hatte er nicht mehr die Kraft.
Die Märchen handelten von zauberkräftigen Tieren – Füchsen, Geiern, Schakalen und Wölfen.
Die weichen alten Hände stemmten sich wütend in die Aufzugtüren. Der Vater ließ sie nicht zugehen, als wäre der Aufzug eine riesige Muschel oder ein Seeungeheuer, das es auf die saftige, zartknorpelige Andromeda abgesehen hatte, sie hinab hinab auf den Grund ziehen wollte.
Gleich würde der Vater, der sich der eigenen Launen seit jeher weder zu erwehren noch zu erinnern vermochte, sein absurdes Urteil in diese Muschelschale hineinbrüllen, und das hieß, sie würde hören, würde anhören müssen, was besser nicht in Worte gefasst worden wäre.
Jetzt wird er es sagen, und ihr Leben wird verbrennen und verfaulen und hohl werden.
Und dieser faulige herrenlose Hohlraum wird sich mit Elend füllen.
Als er seinen Rollentext endlich ausgeatmet hatte, wurde sie ganz Auge, sie sah ihm ins Gesicht, das sie kannte wie ihr eigenes, denn es war ja auch ihr eigenes Gesicht: riesige Augenbrauen, riesiger Mund, Hundeaugen, vollendete Asymmetrie – ein nachbelichtetes Foto.
Er war ihr Geheimnis, das jeder kannte, das keinen außer ihr interessierte, das als Scham in sie ausstrahlte.
Ein Geheimnis ist etwas, das man in sich trägt.
So gesehen war sie jetzt das Geheimnis des Aufzugs im Hotel Oktjabrskaja, und der brüllende Alte versuchte, sie aus dieser Verborgenheit herauszuzerren. Ein Geheimnis ist etwas, das man unsichtbar in sich trägt, und gleichzeitig bringt es einen hervor und macht einen zum Monster. Das Geheimnis ist radioaktiv.
Nie vergaß der Professor diese Verse:
Er züchtet kleine Spinnen
Die hängen überm Kopf
Die Köpfchen baumeln in der Luft
Und seltsam glänzt die blaue Spur
Im Netz des Spinnenkopfs
Er liebte seine Wiegenlieder so sehr, in der schwarzen Zeit des Todes hatten sie ihn eingesponnen (wie die Sperrballon-Spinnen über der Stadt), eingewickelt wie einen Säugling, damit er nicht das Händchen an sich legte (was wissen Sie über die Selbstmordrate während der Blockade? Tausende und Abertausende).
Sie lebten immer in ihm, diese Liedchen, wie ein Krebsgeschwür, wie eine Leibesfrucht, wie ein Kern.
Sie drängten, sie bearbeiteten ihn, wenn er sich rasierte, wenn er seine Frau belog belog, wenn er einer neuen, eifrigen kleinen Studentin erlaubte, ihn zu berühren, so dass ihr trockener rosiger Scheitel da unten vor und zurück schwang wie ein Büschel Seegras.
Und je mehr seine Liedchen ihn ausfüllten und verzehrten, desto sicherer wusste er, dass er sie niemals entweichen lassen würde.
Die Vorstellung schien ihm lächerlich und abstoßend: dass seine Verse aus ihm hervorkriechen und irgendwem zu Gesicht kommen könnten.
Dass irgendwer auf den Gedanken verfiele, sie seien zu verstehen oder nicht zu verstehen.
Dass irgendwer nicht die garstige Musik in ihnen sähe, die in keiner Weise klassifizierbaren, höchst eigentümlichen Formen und Versteinerungen, Kanten und Kluften, sondern nur das simple, gestohlene Zubehör der Zeit, die sie durchlebt hatten, die in ihnen festgefroren war.
Und dann wäre alles Sichtbare ein Druckfehler, ein Irrtum, peinlich und falsch.
»… Gedichte habe ich mein Leben lang geschrieben. Eine Sammlung mit dem Titel Gedichte erschien in der Schweiz unter dem Pseudonym Ignatij Karamow. Diese von mir nicht durchgesehene Ausgabe wimmelt jedoch von Fehlern und groben Entstellungen. Ich weise hier nur darauf hin, dass auf S. 23 zwei Strophen des Gedichts ›Die Kränkung‹ vertauscht sind.«
Die Strophen sind vertauscht, die Kränkung trübt den Blick, zwischen November und Dezember leckt sie mit langer spitzer Reptilienzunge die zarten Kommas, die vergeblichen Ausrufezeichen weg, schon im Januar ist alles leer, makellos weiß.
Und ist nicht auch all dieser Kram eine Kränkung ein Fehler, das ganze Inventar jenes Winters, den man doch endlich einmal begraben müsste: wie lustig damals im Februar die Lastwagen durch die Straßen sausten und die Wickelpuppen vom Januar einsammelten.
»Blumenpflücker« nannte man sie (zum Einwickeln benutzte man leuchtend bunte Decken, die im Schnee gut zu sehen waren).
»Schneeglöckchen« sammelten sie (warum, ist klar – es war ein Vorgeschmack auf die Wunder, die der April bereithielt).
Ein für drei Tage in die Stadt gekommener Kriegsberichterstatter, der sich für seine schöpferische und teils auch ethnographische Arbeit mit amerikanischem Dosenfleisch stärkte, legte in seinem Notizblock eine eigene Rubrik für derlei Dinge an: DER BLOCKADEWITZ.
Und tatsächlich – im Winter schienen sie alle zu lachen; das blutige Skorbutzahnfleisch lag bloß; lächelnd, mit dunklen Affengesichtern, bewegten die Dystrophiker sich durch die Stadt.
Wenn diejenigen, die überlebt hatten, die allzu schnell wieder rund und schwammig und besinnlich geworden waren, sich später trafen, schwiegen sie verschwörerisch.
Vom Winter durfte man weder sprechen noch an ihn denken.
Der Winter war ihr gemeinsames Geheimnis, wie eine perverse Tat.
»Ignatij Karamow« – was könnte süßer sein, als sich selbst neu zu erfinden, so von Grund auf?
Sich mit neuen Händen, Ohren, Pupillen auszustatten.
Zum Beispiel: mit weichen weißen heißen femininen starken trockenen Händen, mit großen feuchten Augen.
Aber vor allem mit einer ganz neuen Seele, makellos, ohne Karies – unberührter bläulicher Zahnschmelz.
Ignatij Karamow weiß nichts von dem niederdrückenden niemals niemals nachlassenden Elend eines zum Weiterleben verdammten Iwan Iljitsch, uh-uuuh
Drinnen die unentwegt juckende muckende Erinnerung an sich selbst dort geht es um Scham dort leckst du den Teller ab weinst siehst dich verstohlen um heulst leckst weiter
Wie alle, die etwas von Lust verstehen, war der Professor empfindlich und ein wenig feige. Die Lust war immer voll kleiner Geräusche, sie hatte ihre eigene kleine Musik. Seufzer, Stöhnen, Flüstern, gespielte Bitten und Vorwürfe, unmögliche Kosenamen, Zuckungen, bestürzte Entdeckungen – lauter Luftblasen an der Oberfläche der eigentlichen, schrecklichen, so leicht zu verschreckenden Bewegung.
Er hatte einen Eidechsenhals und sehr zärtliche, sehr dunkle Augen, die im Moment des Höhepunkts und des Endes, wenn er die jetzige gegen die nächste, genauso blässliche und zartlippige Kandidatin tauschte, vollkommen leblos wurden.
Sogar seine Pupillen verdrehten sich.
Den armen anämischen Zarentöchtern und Flatterfliegen, die ihn umschwärmten, kam er anfangs wie ein freundlicher kleiner alter Herr vor, aber wenn sie erst kleben blieben, gefangen von seinem klebrigen eisigen Charme, zappelten und strampelten sie und gaben ihm ihre lebendige Wärme.
Während er sie verschlang, flüsterte er den verschlungenen Verschlingerinnen zu: »Sieh hin: so sammelt der Räuber die Kraft, Gleich stürzt er mit schwachem Flügelschlag Geräuschlos auf die Wiese hinab Und trinkt das frische, lebendige Blut Der irren, angstvoll bebenden Beute …«
Und sie bewegten sich auf ihm wie Seesterne Seenelken wie zartes Seegras in steigender Flut, hin her hin her
Dann fror er in seiner Arthritis fest, und die Bewegung der Seesterne und Wasserpflanzen wurde schwierig.
Die ins Geheimnis nicht eingeweiht waren, wunderten sich, wie begehrt er bei den jungen Mädchen war.
Schließlich lief er wie der Blechmann am Anfang der Geschichte, und seine Hände glichen inzwischen den Klauen eines Falken.
Er war gleichermaßen anziehend und lächerlich: Sowohl wenn er die Umgebung an seinem frisch erworbenen Englisch teilhaben ließ als auch wenn er wie Trümpfe eines unsauber gezinkten Kartenspiels die Namen erloschener Berühmtheiten aus dem Ärmel zog, denen er einst begegnet war und die längst von diversen Abgründen verschlungen waren.
Von außen von draußen war die Anziehungskraft dessen, was er in sich versteckt hatte, nicht zu spüren: In ihm war Leere, eine Leere voll Zeit, ein Container.
Entweichen lassen (ein Gedicht) hieß vergeben.
Vergeben und ziehen lassen, entlassen – wie aus Gefangenschaft.
Aber wem vergeben? Der eisigen Stadt? Dem eisigen Jahrhundert? Dem eisigen Sich-Selbst in diesem Jahrhundert?
Das Vergeben nahm ein ganzes Leben in Anspruch.
Das Leben wurde ein hastig verhexter Zauberkoffer: Außer der Arbeit des Vergebens passte nichts mehr hinein. Das Vergeben, ungeschickt gefaltet und geknickt, wurde fast eine Art Sehnsucht nach der Vergangenheit.
Ich versuchte immer wieder, dahinterzukommen – ein Professor mit knittrigem Haarkranz um den kahlen Scheitel, ein affektierter, feiger Mann, über den alle lachten, und sogar seine Dummchen lächelten, wenn er …
Aber in ihm lebte etwas so Eisiges:
Er hat unsere Kascha gefressen,
Alles andere ist vergessen,
Unsre Omas und Töchter schrumpfen
Zu kleinen weißen Klumpen.
Vergebung ist immer Vergebung, egal welche Geschichte du nicht vergeben kannst, eine langweilige, private, farblose, oder eine vom Kaliber eines Schwarzen Zwergs.
Der Mechanismus ist derselbe, und er funktioniert nicht mehr.
Den graubraunen weißen Abend vor zwanzig Jahren entweichen lassen, an dem du endgültig erfahren hast, dass der, aus dessen Kopf du geschlüpft bist, nass und erbärmlich, kein Interesse an dir hat?
Dass deine Vergangenheit, und damit auch deine Zukunft, dich ausgespien hat aus ihrem Munde.
Dass er, nachdem er den Operntext IL PADRE TUO einmal in den Lift gebrüllt, ihn wie ausgekotzt hatte, davon befreit war, frei von dem Namen PADRE PADRE.
Er dachte an eine Freiheit, von der man Lieder singt.
Bei dem Treffen, zu dem er die eigene frisch verwaiste Tochter bestellt hat, erscheint er nicht.
Aber als Trostpreis haben die Mächte des Schicksals dir ein geranientragendes Engel-Stuntdouble geschickt – damit du keine Dummheiten machst.
Die Wasser der winterlichen Fontanka sind ein erfreulicher Anblick.
Die Arbeit des Vergebens verdrängte Liebe Lust Verständnis Krankheit sie verdrängte die Sprache genauer sie bestand in der fortwährenden Produktion ihrer eigenen Sprache nur dieser
Wer der Vergebensarbeit nachgeht, ist monoglott.
»Von der Erinnerung an das Leben im belagerten Leningrad geht paradoxerweise etwas Betörendes aus«, schreibt in seinem Tagebuch ein Optikingenieur, ein strenger, genauer Beobachter, der gewiss nicht zu wahnhafter Selbsttäuschung neigt.
Weiter unten auf derselben Seite des Tagebuchs ist in reserviertem Ton von einem jungen Mädchen die Rede, einer Nachbarin, die im Herbst 1941 ihre Arbeit verlor (die Stadt sparte an Lebensmittelkarten) und bis zum Schluss um Essen bettelte, allein vergebens.
Was ist nun dieses Betörende, dieser Reiz? Eine Art Wahnsinn?
Die geistliche Betörung (die mit Trug und Torheit zu tun hat) ist die höchste Form der schmeichelhaften Täuschung, d. h. des Betrugs am Betörten. Die Kirche versteht sie als »Verletzung der menschlichen Natur durch Lüge«. Im Zustand der geistlichen Betörung glaubt der Mensch, gewisse spirituelle Höhen erklommen zu haben, bis hin zur persönlichen Heiligkeit. Dies kann mit der Überzeugung einhergehen, er stehe in Kontakt mit Engeln oder Heiligen, habe Visionen oder könne sogar Wunder vollbringen. Einem Menschen, der in geistliche Betörung verfallen ist, können »Engel« oder »Heilige« erscheinen, die in Wirklichkeit Dämonen sind und sich nur dem Betörten gegenüber als Engel oder Heilige ausgeben. Er kann Visionen haben, die tatsächlich von Dämonen hervorgerufen wurden, oder auch gewöhnliche Halluzinationen. Im Zustand der Betörung geschieht es sehr leicht, dass der Mensch die Lüge, die aus der dämonischen Einflüsterung erwächst, für Wahrheit hält.
Für den Vergeber besteht die Betörung in der Macht, die der Abgrund, das Unheil, das Dunkel der Vergangenheit über ihn haben. Auf Russisch gibt es kein Wort für survivor – für den, der überlebt hat, zurückgekehrt ist.
Also versuche ich ein Wort zu erfinden, versuche das Wesen, vor allem aber den Vorgang und die Technik der Koexistenz mit der Erinnerung an das Erlebte zu formen, zu vermitteln.
Der Vergeber versucht Worte in sein Dunkel zu stopfen, wie Papierknäuel in einen nassen Schuh.
Je mehr Worte die Dunkelheit, die Nacht enthält, desto schwächer die Betörung, die von ihr ausgeht.
Doch diese Worte gehen nach innen, nicht nach außen, mit den Worten nährst du ein Ungeheuer.
Vergeber Vergröberer.
Aus etwas Kompliziertem Zartem Traumgleichem Erbärmlichem wird ein Pamphlet.
Woran erkennt man einen Vergeber?
Vergeber bleiben Vergeber bis ins Grab.
Aber die Sache mit dem Grab ist relativ – die einen haben gar keines abbekommen, die anderen verlangen auch im Grab noch, dass ihr geistiges Wachstum gefördert wird.
Der reinste P-P-Poe – Edgar Allan.
Maximow – Salzman – Gor – Woltman – Spasskaja – Tolstaja – Gneditsch …
Wie viele solche Mehr-oder-weniger-Überlebende, in deren Mitte ein solcher beschämender betörender schwarzer Batzen heimlicher Verse pulsierte, gab es noch?
Was für eine Kleinigkeit einerseits: Da hat einer ein ganzes Leben gelebt, ein ganzes Leben vor nach neben diesem schmalen Heftchen gehabt, ein ganzes Regal voller Veröffentlichungen vier Ehefrauen einen munteren Schwarm brillanter, treuloser Schüler (a school of fish) eine Datscha!
Doch es sei auch erwähnt, dass du dein Leben lang wusstest, und der Tod gab dir recht darin: Außer diesem schmalen Heftchen hat es nie etwas gegeben.
Es ist deine Essenz, das Einzige was von dir bleibt: deine Vergebung.
Ich werde nie in die Lage kommen, dir das ins Gesicht zu sagen, darum sage ich es hier.
Wie ich es am Telefon einmal jährlich am 4. Februar sagte, wenn die breite tiefe ungeduldig wache Stimme fragte, wie geht's P-P-Polja? (Eigentlich stottert er nicht, aber manchmal stotterte er.)
Was für ein Spitzname ist das überhaupt? Nie gehört.
Die Antwort interessierte ihn nicht, er fing sofort an, mir Gedichte vorzudröhnen – ich war nicht überrascht. Was gibt es nicht alles! Den Weihnachtsmann gibt es, Jurij Gagarin gibt es, BreshnewLenin (bis ich sechs war dachte ich das sei eins)
Und diese Stimme – wie in Cocteaus Feuerroter Blume.
Eine losgelöste Stimme. So sage ich dir also, Stimme, es tut mir leid, dass das wahr ist, es tut mir leid, dass du nicht genug Phantasie hattest, um mich zu sehen.
Aber das rohe lustige triefende zuckende Stück Fleisch, das deine Gleichgültigkeit (in) mir einmal war, wird langsam grau wie ein Petersburger Morgen verstummt verlischt
Bald werde ich dir vergeben
Dackel und Ente und Ziege blickten ihm gönnerhaft und fragend aus den dämmrigen kühlen Mulden des Zimmers entgegen.
Der blendend weiße Vorhang stieg und fiel im heißen weißen Wind, im Fallen verhüllte er den Rumpf des Dackels, der auf diese Weise einem warzigen Zwerg Nase im kostbaren Schlafrock glich.
