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Dieses Buch enthält die schriftlichen Beiträge des Eröffnungsvortrages und der Workshops der 16. Fachtagung der Gesellschft für Biodynamische Psychologie/Körperpsychotherapie e.V. (GBP e.V.) in Gunzenhausen 2013. Beiträge von: Thomas Haudel: Zum Verhältnis von Körper- und Beziehungsarbeit in der Biodynamik Jürgen Metter: Gewaltfreie Kommunikation Renate Abel: Geburtsarbeit – Dein Weg ins Leben Barbara Wanderer: Das Selbst als Grundlage für Beziehung Jaya Herbst: Opfergefühle und Machtkämpfe in der Paarbeziehung Eva Neuner: Was ist eine authentische Beziehung? Eva Neuner: Authentische Beziehung in der Therapie
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort
Thomas Haudel:
Zum Verhältnis von Körper- und Beziehungsarbeit in der Biodynamik
Jürgen Metter:
Gewaltfreie Kommunikation
Renate Abel:
Geburtsarbeit – Dein Weg ins Leben
Barbara Wanderer:
Das Selbst als Grundlage für Beziehung
Jaya Herbst:
Opfergefühle und Machtkämpfe in der Paarbeziehung
Eva Neuner:
Was ist eine authentische Beziehung?
Eva Neuner:
Authentische Beziehung in der Therapie
Die AutorInnen
Liebe Leserinnen und Leser,
dieses Journal der GBP-Fachtagung 2013 bietet einen wunderbaren Rückblick über die unterschiedlichen Vorstellungen und Herangehensweisen zum Tagungsthema „Lebendige Beziehungen“, da die Vorstellung einer „lebendigen Beziehung“ sicher bei vielen Menschen angenehme Assoziationen weckt. Um eine Beziehung positiv und lebendig zu gestalten, bedarf es vor allem einer guten Kommunikation.
Eine Einführung in die vier Schritte der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg gab uns Jürgen Metter. Er regte zur Eigenreflexion und gemeinsamen Übungen an.
Eine ganz andere Art von lebendiger Beziehung konnten die TeilnehmerInnen beim Workshop: „Geburtsarbeit - Dein Weg ins Leben“ mit Renate Abel am eigenen Körper erleben. In ihrem Beitrag sind auch Bilder des Workshops von der Tagung zu sehen.
Auf das Verhältnis von Körper- und Beziehungsarbeit ging Thomas Haudel in seinem Eröffnungsvortrag ein. Er spannte einen großen Bogen von den Beziehungsebenen in der Psychotherapie, verschiedenen Formen von Beziehungen über die Begründung der Sinnhaftigkeit von Berührung durch Analytiker wie Ferenci und Winnicott bis hin zu neuen Begrifflichkeiten für die Gestaltung der therapeutischen Beziehung in der Biodynamischen Psychotherapie.
Barbara Wanderer zeigte, wie der Weg zum Kern der Persönlichkeit und damit zu einer lebendigen Beziehung zum Selbst führen kann.
Die Auflösung von Opfergefühlen und Machtkämpfen in Paarbeziehungen war der Inhalt des Workshops von Jaya Herbst, den sie mit Humor gestaltete.
Eva Neuner befasste sich mit den Themen: „Was ist eine authentische Beziehung“ und „Die authentische Beziehung in der Therapie“. Sehr authentisch stellte sie „Beziehungsgebote“ als Grundlage echter Begegnungen vor. Im Text über ihren zweiten Workshop beschreibt sie die geheimnisvolle Wirkweise der authentischen Haltung in der Therapie.
Ich bedanke mich bei den Referentinnen und Referenten für ihre Beiträge zu diesem Journal und wünsche den Leserinnen und Lesern viele Inspirationen beim Lesen dieser Texte.
Angelika Galli
1. Vorsitzende der GBP e.V.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Damen und Herren,
als ich mich dafür entschied, für diese Tagung den Eröffnungsvortrag zu halten, war mir nicht klar, dass trotz des positiv klingenden Themas ein gewisser Druck für mich damit verbunden sein würde, darüber zu schreiben und zu sprechen. Das liegt wohl daran, dass wir Körpertherapeuten und insbesondere wir BiodynamikerInnen die Lebendigkeit zu unserem Markenzeichen gemacht haben. Wir haben den Anspruch, in unseren Therapien Lebendigkeit zu fördern, gestaute Lebensenergie wieder zum Fließen zu bringen und die Lebensfreude zu reaktivieren.
Auf unseren Tagungen geht es ebenfalls sehr lebendig zu. Es wird viel getanzt, gelacht, viel über sich selbst gesprochen und weniger theoretisiert als auf anderen Fortbildungen. Dieser Lebendigkeitsanspruch an uns selbst trägt aber im Keim ein neues Über-Ich in sich, was dann wiederum Lebendigkeit und Authentizität verhindert. Diesem Über-Ich bin ich in meiner Vorbereitung dieses Vortrages mehrfach begegnet. Es war nicht leicht, es wieder loszuwerden und die Spontanität beim Schreiben wiederzufinden.
Das nächste Problem, das mir bei der Erarbeitung dieses Vortrages begegnet ist, war die Fülle an Literatur, die es bereits zu diesem Thema gibt und die sich mir erst nach und nach in ihrer ganzen Bandbreite erschlossen hat. Da ich aber nicht vorhatte, über das Thema eine Doktorarbeit zu schreiben, verzeihe man mir, wenn ich das eine oder andere Buch darüber nicht erwähnt habe.
Einen Widerspruch sah ich darin, über „Lebendige Beziehungen“ allein am Schreibtisch zu schreiben, wo es doch um ein Thema geht, was mit Beziehung zu tun hat. Ich hoffe nun, dass durch das gesprochene Wort etwas Leben in meinen Text kommt und ich damit bei Euch etwas zum Schwingen bringe, was den Namen Lebendigkeit verdient.
Ich möchte mit einer kleinen Sprachanalyse beginnen. Das Adjektiv „lebendig“ ist ja vielfältig verwendbar. Es wird meist bei Kreaturen benutzt, denen die Lebendigkeit immanent ist wie z.B. ein „lebendiges Tier“ oder ein „lebendiges Kind“. Es bedeutet nicht nur das Gegenteil von tot, sondern ist auch eine Steigerungsform von „lebend“. Synonyme wären z.B. agil, vital oder temperamentvoll. Lebendigkeit ist geschlechtsneutral und auch kein ausschließlich menschliches Phänomen. Angefangen von der Pflanze, über Fische bis hin zum Säugetier, alles lebt und trägt Merkmale des Lebens in sich.
Im Biologieunterricht haben wir mal die Merkmale des Lebens kennen gelernt, die da sind: Stoffwechsel, Fortpflanzung, Wachstum, usw.. Dennoch verwenden wir das Wort hauptsächlich für Tiere und Menschen. Bei Tieren wird damit meist eine hohe Beweglichkeit assoziiert. Eine ähnliche Bedeutung hat dieses Attribut auch, wenn es zur Beschreibung von Kindern verwendet wird. Bei Erwachsenen meinen wir mit Lebendigkeit eher die Gesamtausstrahlung eines Menschen, die sehr stark von körperlichen Faktoren abhängt, wie z.B. Haltung, Gestik, Mimik, Blickkontakt und die Stimme.
Das Wort Beziehung ist weiblich und ebenfalls nicht nur auf menschliche Verhältnisse anwendbar. Es gibt Beziehungen zwischen Zahlen, Elementen, Staaten, usw.. Noch häufiger wird Beziehung jedoch zur Beschreibung zwischenmenschlicher Kontakte verwendet und hat dort einen hohen Stellenwert. Das wird unter anderem daran ersichtlich, dass es oft schon ausreicht, um die reifste Form menschlicher Beziehungen zu beschreiben: die Paarbeziehung. Wenn man sagt, sie und er haben eine Beziehung miteinander, dann wissen alle Bescheid, ohne dass die Vorsilbe „Paar-“ überhaupt ausgesprochen wird.
Die Wortverbindung „lebendige Beziehung“ beinhaltet einen sehr großen Bedeutungshorizont und formuliert zugleich eine Qualität. Eine „lebendige Beziehung“ klingt wie eine gute und intensive Beziehung, eine, die wir alle haben wollen, ohne sie ganz genau beschreiben zu können. Wir haben aber alle schon mehr oder weniger intensive Beziehungserfahrungen gehabt und können mindestens für bestimmte Phasen in unserem Leben sagen, eine „lebendige Beziehung“ erfahren zu haben.
Diese Erfahrungen sind der Maßstab für alle weiteren Beziehungen, die wir dann immer wieder unbewusst mit diesen Höhepunkten vergleichen. So kommen wir am ehesten durch Vergleiche dahin, „lebendige“ von „weniger lebendigen“ Beziehungen zu unterscheiden.
Das Tagungsthema lässt zunächst mal offen, was für Beziehungen wir damit meinen. Geht es um Paarbeziehungen, freundschaftliche, kollegiale oder Mutter-Kind-Beziehungen? Unsere Einladung bringt diese Vielfalt auf der Titelseite sehr anschaulich zum Ausdruck. Das ist Ihnen sicher schon aufgefallen. Wer die Tagungsbroschüre aufmerksam gelesen hat, wird aber bereits wissen, dass ich mich in meinem Vortrag auf nur eine Beziehungsform beschränken will, nämlich auf die therapeutische Beziehung.
Wir Psychotherapeuten gelten ja als Experten für Beziehungen und werden von unseren Klienten in dieser Rolle auch herausgefordert. Unsere Klienten erwarten von uns eine Orientierung, wie sie ihre aktuell wichtigsten Beziehungen einschließlich der damit verbundenen Konflikte gestalten können. Wir sind aber auch, und das wiegt noch viel schwerer, Vorbild in der Art, wie wir die Beziehung zu den Klienten gestalten. Das fängt mit dem Erstgespräch an und setzt sich fort mit jeder weiteren Stunde. Allein durch die Kontinuität und zeitliche Begrenztheit der Begegnungen entsteht eine Beziehung, die kaum mit anderen Beziehungen vergleichbar ist.
Eine weitere Besonderheit ist die Asymetrie dieser Beziehung, da ja ein Hilfesuchender auf jemanden trifft, der Hilfe anbietet, für die er oder sie eine besondere Kompetenz erworben hat. Es ist also zumindest am Beginn der Therapie keine Beziehung auf Augenhöhe. Phasenweise rekonstruiert sich in dieser Beziehung auch das Verhältnis zu den Eltern, was auf Grund von Reifungsdefiziten der meisten Patienten beinahe regelmäßig stattfindet. Da wir in der Einzeltherapie aber nur zu zweit und nicht zu dritt sind, sind wir sozusagen in der Rolle alleinerziehender Eltern und sollten darauf achten, beide elterlichen Aspekte repräsentieren zu können. Diese Besonderheiten gilt es zu bedenken, wenn wir über die Wahrnehmung und Gestaltung dieser Beziehung sprechen wollen.
Über die Beziehung zwischen Klient und Therapeut sind schon dutzende Bücher geschrieben worden. Die Psychoanalyse ist von allen psychotherapeutischen Verfahren dasjenige, was sich am intensivsten und genauesten mit der therapeutischen Beziehung befasst hat. Dass in diese Beziehung viele Vorerfahrungen einfließen, die nicht direkt mit der Person des Therapeuten zu tun haben, hat Sigmund Freud als erster Psychotherapeut erkannt und dafür 1895 in den „Studien zur Hysterie den Begriff Übertragung1 eingeführt, der bis heute einer der zentralen Begriffe in der Psychoanalyse ist. Seine und die Erkenntnisse anderer Analytiker darüber sind von allgemeiner Gültigkeit, denn das, was die PsychoanalytikerInnen da in ihrer über hundertjährigen Geschichte herausgefunden haben, findet in jedem therapeutischen Prozess statt mit dem Unterschied, dass die Therapeuten anderer Verfahren diesen Phänomenen oft nicht die nötige Aufmerksamkeit widmen und sie vielfach auch nicht bewusst für therapeutische Interventionen nutzen.
Damit komme ich gleich zu einer zentralen These meines Vortrages: In jeder Psychotherapie sollte die Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn ausreichend reflektiert und bewusst damit umgegangen werden. Das gilt demnach auch für die Biodynamische Psychotherapie.
Über dieses Verhältnis überhaupt nachdenken zu müssen, ist schon eine Besonderheit der Körperpsychotherapie, denn die Vertreter einer rein verbal praktizierten Psychotherapie müssen sich darüber keine Gedanken machen, da es bei ihnen gar keine Körperarbeit gibt. Das ist nach meinem Kenntnisstand immer noch die Mehrheit der PsychotherapeutInnen. Die Erweiterung des Interventionsspektrums erfordert also auch eine ausreichende theoretische Beschäftigung damit. Das ist vor allem auch deswegen notwendig, weil die Skepsis der Verbaltherapeuten und der Krankenkassen gegenüber den körperpsychotherapeutischen Methoden immer noch sehr groß ist und hier weiterhin ein großer Nachholbedarf an Aufklärung besteht.
Bei den mittlerweile sehr zahlreichen körperpsychotherapeutischen Schulen gibt es beträchtliche Unterschiede, was das Ausmaß der körperlichen Interventionen durch den Therapeuten betrifft. Das Spektrum geht von gar keiner Berührung durch den Therapeuten, wie bei der Pesso-Methode, bis hin zu kraftvollen Massagen, wie beim Deep Draining in der Biodynamik. Es gibt also Methoden, die den Körper durch verbale Anleitung in Aktion bringen und solche, in denen eine direkte Berührung stattfindet. Auch unter den biodynamischen Therapeuten und Therapeutinnen gibt es eine große Varianz, was den Einsatz von körperlicher Berührung in der Therapie betrifft.
Auf ihrem Vortrag 2001 bei der 6. GBP-Fachtagung in Stellshagen sagte beispielsweise Angelika Korp: „Im Laufe meiner Arbeit haben sich eine Menge Fragen angehäuft zum Thema Berührung. Die Selbstverständlichkeit, die mir zu Beginn meines Therapeutendaseins zur Verfügung stand, ist längst einer großen Zurückhaltung gewichen. Heute interessiert mich der Raum zwischen Patient und Therapeut am meisten. Der Beziehungsaspekt ist mittlerweile ins Zentrum meiner Arbeit gerückt. Und ich habe festgestellt, dass es in diesem Rahmen viele Möglichkeiten der Berührung gibt, ohne den Patienten tatsächlich anfassen zu müssen.“2
Ich stimme diesem letzten Satz grundsätzlich zu und schätze Angelika Korp als eine sehr erfahrene und reflektierte Therapeutin. Nur frage ich mich, was an solcher Art Therapie noch typisch biodynamisch ist und ob wir das dann auch noch als Körperpsychotherapie bezeichnen können. Denn dieser Satz beinhaltet ja das Hauptargument aller Verbaltherapien, warum in der Psychotherapie Berührung überhaupt nicht notwendig sei.
Wir müssen uns also fragen: Wieviel Körperarbeit muss unbedingt sein, damit die Therapie noch als biodynamisch bezeichnet werden kann? Diese Frage mussten wir uns auch im Hinblick auf unsere derzeit laufende wissenschaftliche Studie stellen und haben sie klar beantwortet. Es müssen mindestens in der Hälfte der Stunde körperbezogene biodynamische Interventionen stattfinden. Wir sollten daher weiterhin davon ausgehen, dass die klassische Biodynamik eine der körperpsychotherapeutischen Methoden ist, in der die Berührung einen hohen Stellenwert hat und in der die Massage eine wesentliche Interventionstechnik ist. Deswegen müssen wir uns besonders gründlich mit den Beziehungsaspekten dieser konkreten Berührungen befassen.
Bei meinen Recherchen für diesen Vortrag sind für mich einige Texte besonders wichtig geworden, auf die ich im Laufe des Vortrages noch eingehen werde. Da ist zunächst der Vortrag von Dr. Manfred Thielen unter dem Titel „Körperpsychotherapie -Dialektik zwischen Körper- und Beziehungsarbeit“, den er im Mai 2007 in Leipzig auf dem Kongress „Körper-Potenziale in der Psychotherapie“ gehalten hat.
Er schreibt darin: „Betrachten wir nun Psyche und Körper als dialektische Polaritäten, dann folgt daraus zum einen, dass sie sich wechselseitig bedingen und zum anderen jeweils eigenständige Qualitäten darstellen.“ Und weiter: „Es gibt keine Psyche ohne Körper und es gibt keinen menschlichen Körper ohne Psyche.“3 Daraus leitet Thielen die Schlussfolgerung ab: „Die Dialektik von Psyche und Körper eröffnet die Möglichkeit, die Psyche auch über den Körper, über körperliche Interventionen zu erreichen, vor allem dann, wenn sprachliche Interventionen nicht greifen, weil die Patientin noch keinen oder noch wenig Zugang zu ihren Emotionen hat.“4
Das ist den meisten Zuhörern hier sicher nichts Neues, kann aber gut als Argumentation für die Notwendigkeit von Körperarbeit in der Psychotherapie verwendet werden. Nach einem historischen Exkurs über die Bedeutung des Prä- und Nonverbalen sowie einem Beitrag zur Säuglingsforschung beschreibt Thielen dann drei Ebenen der therapeutischen Beziehung. Diese sind (siehe Grafik 1, S. →):
a) „die Ebene der somatischen und vegetativen Resonanz
b) die Ebene der Ich-Du-Beziehung, des authentischen Kontaktes
c) die Ebene der Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene.“
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Alle drei Ebenen sind für unsere Arbeit von großer Bedeutung und sollen daher hier noch einmal kurz beschrieben werden. Die somatische und vegetative Resonanz betrifft unsere körperlichen Reaktionen auf den Zustand des Patienten und welche körperliche Antwort wir darauf finden. So kann z.B. eine hypotonisch-apathische Körperhaltung des Patienten bei uns einen ähnlichen Zustand auslösen. Wir haben dann die Wahl, ob wir das zulassen, um uns besser in den Patienten einzufühlen und es ihm zu spiegeln, oder bewusst dagegen steuern, um in unserem eigenen Tonus zu bleiben und dem Patienten ein Modell für eine aufrechte Körperhaltung zu sein. Besonders wichtig ist diese Resonanz auch bei der Massage, wo wir bei genauer Beobachtung der Atmung und anderer körperlicher Reaktionen des Patienten die Intensität der Berührung regulieren.
Des Weiteren sind auch unsere Mimik und Gestik ein wichtiges Instrument der Beziehungsgestaltung. Thielen schreibt dazu: „Körpersprache, Mimik oder Körperhaltung spielen in der therapeutischen Interaktion eine große Rolle. Der Therapeut sollte auch körpersprachlich die emphatische und selektive Feinabstimmung (Affect-Attunement) mit der Patientin gestalten.
Diese Feinabstimmung könnte sich auch in entsprechenden Bewegungsmustern bzw. einem Bewegungsdialog zwischen Therapeut und Patient ausdrücken. Dabei kann es um basale Bedürfnisse gehen wie Halt geben, Containment, durch Stimulation Impulse freisetzen, zu starke Impulse begrenzen e.t.c..“6
Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass auf der nonverbalen Ebene sehr viel Interaktion passiert und diese Ebene unbewusst auch viel Einfluss hat auf die Beziehung zwischen Klient und Therapeut. Ich konnte selbst noch hautnah erleben, welch große Aufmerksamkeit Gerda Boyesen der somatischvegetativen Resonanz gewidmet hat, und weiß, dass dies sowohl Ebba und Mona-Lisa Boyesen als auch andere biodynamische Ausbilder und Ausbilderinnen heutzutage ebenfalls tun.
Ich bin der Überzeugung, dass dieser Beziehungsaspekt eine der Stärken der Biodynamik ist und TherapeutInnen anderer Schulen hier sehr viel von uns lernen können. Um nicht Eulen nach Athen zu tragen, möchte ich mich daher mit der somatischvegetativen Resonanz in meinem Vortrag nicht näher befassen.
Die Ebene der Ich-Du-Beziehung ist ein Leitbild der Humanistischen Psychologie. Manfred Thielen bemerkte dazu in seinem Vortrag: „Während die Psychoanalyse die gesamte therapeutische Beziehung in Kategorien von Übertragung und Gegenübertragung fasste, setzte die Humanistische Psychotherapie den echten menschlichen Kontakt dagegen. Auch die therapeutische Beziehung ist in erster Linie eine Ich-Du-Beziehung, d.h. es treffen sich zwei Menschen, die im geschützten therapeutischen Raum miteinander in Kontakt treten, die sich gegenseitig emotional berühren lassen und echte Gefühle interaktiv kommunizieren.“7
Es war der amerikanische Psychotherapeut Carl Rogers, der 1951 in seinem Buch „Client-centered Therapie“ diese neuen Maßstäbe für die therapeutische Beziehung setzte und drei Grundhaltungen dem Klienten gegenüber vorschlug, die bis heute weitgehend anerkannt sind. Die therapeutische Beziehung sollte seiner Ansicht nach geprägt sein von:
- positiver Wertschätzung und emotionaler Wärme
- Echtheit des Therapeuten (Selbstkongruenz, Authentizität)
- Einfühlendes Verstehen ohne Bewertung (Empathie)
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Ähnlich hat auch Gerda Boyesen die therapeutische Grundhaltung in der Biodynamischen Psychotherapie beschrieben, so dass sie damit in der Tradition der Humanistischen Psychotherapie steht, in welcher der authentische Kontakt zum Patienten eine große Bedeutung hat.
Wir wissen ja alle, wie schwer es manchmal sein kann, sich nicht hinter einer professionellen Fassade zu verstecken. Ich will hier in Kürze nur ein paar Phänomene benennen, die dem authentischen Kontakt zum Patienten im Wege stehen können: zu viele Fachbegriffe, zu viel Informationen und Deutungen auf rationaler Ebene ohne emotionalen Tiefgang, eigene Erschöpfung oder Müdigkeit, die wir dem Patienten nicht zeigen wollen, unsere gelegentliche Ratlosigkeit beim Verstehen der Probleme des Patienten und negative Gefühle wie Ärger dem Patienten gegenüber. Morgen und am Sonntagvormittag wird sich Eva Neuner in zwei Workshops diesem Beziehungsaspekt widmen und ich bin froh, dass das Thema Authentizität damit einen seiner Bedeutung angemessenen Platz auf dieser Tagung hat.
Die Ebene der Ich-Du-Beziehung beinhaltet jedoch kein therapeutisches Instrumentarium, sondern ist eher eine ethische Grundhaltung und ein anzustrebender Idealzustand. Da wir aber mit emotional gestörten Menschen zu tun haben, müssen wir davon ausgehen, dass die meisten Patienten am Anfang der Therapie gar nicht in der Lage sind, sich vollständig auf diese Beziehungsebene einzulassen. Wir haben es stattdessen häufig mit verschiedenen Abwehrmechanismen zu tun, die das wahre Selbst verschleiern, und mit Fragmentierungen, die zur Folge haben, dass wir anfangs nur einen Teil der Gesamtpersönlichkeit zu sehen bekommen. Aus diesem Grunde halte ich es für unverzichtbar, dass auch wir Körpertherapeuten uns mit dem Konzept der Übertragung und Gegenübertragung gründlich befassen und es in unsere Arbeit integrieren.
Seit Freud ist dieses Konzept ein Grundpfeiler der Psychoanalyse und Generationen von Psychotherapeuten werden in der Handhabung dieser Technik bis heute ausgebildet. Thielen weist darauf hin, dass dieses Konzept seit Wilhelm Reich zum festen Repertoire der tiefenpsychologisch-fundierten Körperpsychotherapeuten gehört und Peter Freudl
