Lebendige Seelsorge 6/2024 -  - E-Book

Lebendige Seelsorge 6/2024 E-Book

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Beschreibung

Die aktuelle Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt, dass sich immer mehr Menschen von einem traditionellen Gottesbild distanzieren oder damit nichts (mehr) anfangen können. Zugleich werden die 'klassischen Codes' in Liturgie und Glaubenskommunikation genutzt. Wie also von Gott reden? Wie Erfahrungen als Erfahrungen mit Gott deuten? Explizit, um profiliert und erkennbar zu sein? Fluide, poetisch, weil es Gott und den Menschen eher entspricht? Oder besser von Gott schweigen? Darum geht es im neuen Heft der Lebendigen Seelsorge

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Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

THEMA

Sprachgewand

Plädoyer für eine poetische Gottesrede

Von Hans-Joachim Höhn

Die großen Wörter verflüssigen – oder: Von Gott reden in religiös indifferenten Zeiten

Von Joachim Negel

Vor der Liquidation? – oder: Wenn einem ‚Gottesunternehmen‘ die Insolvenz droht

Die Replik von Hans-Joachim Höhn auf Joachim Negel

Hat unser Sprechen Inhalt?

Die Replik von Joachim Negel auf Hans-Joachim Höhn

Was tun, wenn Gott egal ist?

Pastorale Konsequenzen aus den Ergebnissen der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung

Von Claudia Pfrang

PROJEKT

„Am allerliebsten mag ich, mit den Menschen so richtig reinzudiven und mit ihnen gemeinsam ein Ritual zu entwickeln.“

Ein Gespräch mit Meike Barnahl

Hat die Rede von Gott noch Zukunft? 1 Frage – 111 Antworten

Einblicke in ein sehr persönliches Buch

INTERVIEW

„Ich stehe morgens nicht auf, um die Kirche zu retten. Ich stehe auf, weil Gott mich ruft.“

Ein Gespräch mit Jan Loffeld und Gudrun Steiß, xavière

PRAXIS

Dit mit dem lieben Jott is’ ja son Ding, wa?

Was Kurt Krömer und die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung mit Glaubenskommunikation zu tun haben

Von Bernadette Wahl

Alles – bloß nicht (ver-)schweigen!

Gott in der Schule zur Sprache bringen

Von Martina Reiner

Trauer tragen und sprechen lassen

Von Bernd Mönkebüscher

Von Gott reden auf Instagram

Dynamiken religiöser Kommunikation in algorithmischen Strukturen

Von Viera Pirker

Raus aus der Enge

Religiöse Sprache sollte mehr sein als eine Warmhalteplatte des Patriarchats

Von Annette Jantzen

FORUM

Die notae ecclesiae als Gabe und Aufgabe einer Kirche im Werden

Von Florian Kunz

IN SERIE

Begleitung durch die Hölle

Warum es sich lohnt, Hellblade – Senua’s Sacrifice zu spielen

Von Ansgar Wiedenhaus SJ

NACHLESE

Buchbesprechungen

Impressum

POPKULTURBEUTEL

Prompt

Von Bernhard Spielberg

EDITORIAL

Ute Leimgruber Herausgeberin

Bernhad Spielberg Herausgeber

Zum Schluss

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie halten nicht irgendeine Ausgabe der Lebendigen Seelsorge in den Händen. Es ist das vorletzte Heft dieser Zeitschrift. Ihre Geschichte wird im kommenden Jahr nach 75 Jahrgängen enden.

Wir hätten selbst nicht gedacht, dass die Zeitschrift so schnell an ihre Grenzen kommen würde. Es sind einerseits die deutlich verschärften ökonomischen Bedingungen und andererseits das veränderte Verhalten der Leserinnen und Leser, die es nicht mehr zulassen, so weiterzumachen wie bisher. Gemeinsam mit dem Echter Verlag haben wir als Schriftleitung deshalb entschieden, die Zeitschrift einzustellen. Es war eine schwere Entscheidung.

Der Zauber, der dem Anfang innewohnt, fehlt oft dem Ende. Schon in den vergangenen Jahren war zu beobachten, dass es auf dem Markt für theologische Printmedien schwieriger wird: Produktionskosten stiegen, die Zahl der Abonnentinnen und Abonnenten sank. Gleichzeitig haben wir im Team der Herausgeberinnen und Herausgeber zusammen mit unserem Redakteur mit Elan an sechs hochwertigen Heften im Jahr gearbeitet. Und wir bekamen immer wieder mit, dass sie an vielen Orten gelesen wurden, in Universitätsbibliotheken wie in Generalvikariaten.

Einem Ende kann ein Anfang innewohnen. Wir möchten dem Elan, den wir für zeitgenössische Seelsorge und praktische Theologie haben, künftig in einer anderen Form Ausdruck verleihen. Dazu bitten wir Sie um Ihre Mitwirkung.

Wir glauben,

dass es nach wie vor Seelsorgerinnen und Seelsorger gibt, die zwischendurch Lust auf gedankliche Leckerbissen haben,

dass es Leute gibt, die über den Tellerrand hinausschauen wollen, um zu sehen, wer sonst noch gute Ideen hat und

dass es in der Theologie, den Sozial- und Humanwissenschaften Erkenntnisse gibt, die viel zu schade für die Schublade sind.

Glauben Sie das auch? Wir freuen uns, wenn Sie zum Abschied Ihren Rück- und Ausblick mit uns teilen:

Was wird Ihnen fehlen, wenn es die LS nicht mehr gibt?

Wofür haben Sie die LS geschätzt? Was haben Sie gerne gelesen?

Was für eine Form von praktisch-theologischer Inspiration könnten Sie gut gebrauchen?

Schreiben Sie uns an: [email protected]

Ihre Ideen möchten wir im März 2025 im Rahmen eines Workshops aufgreifen, bei dem wir miteinander schauen, was hinter dem Horizont liegt. In einem letzten Heft, das im kommenden Jahr erscheinen wird, werden wir erzählen, was wir gefunden haben.

An dieser Stelle sagen wir Ihnen ein herzliches Dankeschön fürs Lesen – und wünschen alles Gute für das, was Sie bewegen.

Ihre

Prof.in Dr.in Ute Leimgruber

Prof. Dr. Bernhard Spielberg

EDITORIAL

Andrea Qualbrink Herausgeberin

Foto: Simon Wiggen/Bistum Essen

Liebe Leser:innen,

„Gott wird Mensch.“ – Dieser Satz, der in den kommenden Wochen so oder ähnlich immer wieder zu hören sein wird, ist für immer weniger Menschen verständlich und relevant. Die aktuelle Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat gezeigt, dass ein personales Gottesbild und die Rede von Gott in Sprache und Bildern zunehmend fremd und uninteressant geworden ist. Wie ist nach diesem Befund von Gott zu reden – bei Beerdigungen, Taufen, im Gottesdienst, in der Schule und im Internet? Wie viel Dogmatik, Narration, Zeugnis und Poesie braucht Glaubenskommunikation, wenn sie Gott und den Menschen entsprechen soll? Wie ist mit traditionellen Gottesbildern und Formulierungen, die jahrhundertelang das religiöse und kirchliche Leben prägten, umzugehen? Und wie lassen sich heute Erfahrungen als Erfahrungen mit Gott deuten?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Ausgabe der Lebendigen Seelsorge. Nicht zufällig führen sie gleich zu Beginn in der Kontroverse von Hans-Joachim Höhn und Joachim Negel zur Frage nach dem Menschen und zur Frage nach der Kirche – zwischen Bedeutsamkeit, Krise und möglicher Zukunft. Claudia Pfrang stellt die entscheidenden Befunde der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hinsichtlich der Rede von Gott dar und legt Spuren, wie mit den Herausforderungen in der Praxis umgegangen werden kann. Meike Barnahl von der Ritualagentur st.moment teilt inspirierende Erfahrungen aus ihrer Arbeit. Anschließend werden Einblicke aus einem neuen Buch von Michael Jochim, Dieter Rehmann, Matthias Sellmann und Martin Steffen vorgestellt, in dem verschiedenste Menschen nach der Zukunft der Rede von Gott befragt wurden. Jan Loffeld und Gudrun Steiß reflektieren religiöse Erfahrungen von Menschen aus Frankreich und den Niederlanden und zeigen, dass vor allem berührende Erlebnisse und das persönliche Erzählen für ein relevantes Sprechen von Gott bedeutsam sind. Wie in konkreten Kontexten von Gott die Rede sein kann, beschreibt Bernadette Wahl zur Glaubenskommunikation, Martina Reiner im Kontext Schule und Bernd Mönkebüscher angesichts von Trauer und Tod. Viera Pirker gibt einen Einblick in die Rede von Gott auf Instagram und Annette Jantzen plädiert für eine religiöse Sprache, die mehr ist als die Warmhalteplatte des Patriarchats.

Die Rede von Gott steht zur Debatte. Reden Sie mit!

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre!

Ihre

Dr.in Andrea Qualbrink

THEMA

Sprachgewand

Plädoyer für eine poetische Gottesrede

Das Reden über, von und zu Gott braucht ein passendes Outfit. Je nach Anliegen und Anlass ist dabei ein besonderer Dresscode zu beachten. Ein feierliches Hochamt verlangt einen passenden liturgischen Überwurf, für den Religionsunterricht wird man eher nach einem pädagogisch tragbaren ‚Casual Look‘ suchen. Aber die Gottesrede lässt sich auch in eine poetische Form bringen. Gegenüber einer dogmatischen Sprachform sorgt sie für eine kreative Wortgewandtheit. Hans-Joachim Höhn

Aus dogmatischer Sicht besteht für die Gottesrede keine sprachliche Mangellage und keine Notwendigkeit eines Stilwechsels. Wer eine verlässliche und verbindliche Auskunft darüber sucht, was im Christentum von und über Gott zu sagen ist, wird in der Dogmatik fündig. Ihr Wortschatz ist reich bestückt und im Weltkatechismus leicht zugänglich. Konzils- und Synodentexte gelten als Lieferanten von zitierfähigen Aussagen. Wer von ihnen Gebrauch macht, ist lehramtlich abgesichert. Aber diese Sicherheit ist trügerisch. Sie kann nicht verhindern, dass man in einem säkularen Umfeld auf Unverständnis stößt. Wer dogmatisches Vokabular benutzt, riskiert den Vorwurf, sich einer toten Sprache zu bedienen. Inzwischen kommen selbst dem kirchlichen Lehramt Bedenken im Blick auf lehramtlich unbedenkliche Sprechweisen: „Manchmal ist das, was die Gläubigen beim Hören einer vollkommen musterhaften Sprache empfangen, aufgrund ihres eigenen Sprachgebrauchs und -verständnisses etwas, was nicht dem wahren Evangelium Jesu Christi entspricht. […] Auf diese Weise sind wir einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Risiko“ (Evangelii gaudium 41).

THEOPOETISCHER SPURWECHSEL

Wo nicht länger zwar traditionstreu, aber miss- und unverständlich das Wort ‚Gott‘ in Umlauf gebracht werden soll, sind Interpreten dieses Wortes nötig, denen existenzielle Relevanz wichtiger ist als das lehramtliche Attest der Rechtgläubigkeit. Hierzu braucht es Wortspieler und Sprachkünstlerinnen, welche die überkommenen Glaubensworte so lange drehen und wenden, bis sie wieder ihren religiösen Eigensinn preisgeben und ihren existenziellen Hintersinn wiedergeben. Um diesen Doppelsinn zu vernehmen, muss religiöser Sprachmief und Gedankenmuff vertrieben werden. Am besten erzeugt man dazu in den religiösen Andachtsräumen einen heftigen Durchzug. Erst nach dieser Durchlüftung sollten sie wieder betreten werden. Zum Glück findet jede Generation immer wieder Autorinnen und Autoren (wie Huub Osterhuis, Dorothee Sölle, Kurt Marti, Christian Lehnert, Andreas Knapp, Stephan Wahl), die Zugluft nicht scheuen, aber auch den Aufwind neuer Worte nutzen und keine Höhenangst kennen.

Hans-Joachim Höhn

Dr. theol. habil., Prof. em. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität zu Köln.

„Wörter / meine Fallschirme / mit euch / springe / ich / ab // Ich fürchte nicht die Tiefe / wer euch richtig / öffnet // schwebt (Bienek 1974). So könnte man eine Gottesrede wagen, für die sich die Bezeichnungen ‚Theopoesie‘ und ‚Theopoetik‘ anbieten (vgl. Höhn 2022): Springen, aber nicht stürzen. Schweben, aber nicht taumeln. In die Tiefe gehen, aber nicht versinken. Allerdings ist fraglich, mit welchen Wörtern man diese Unbeschwertheit gewinnt. Wo gibt es eine Leichtigkeit, die sich vor Leichtsinn hütet? Welche Worte kann man noch unbefangen gebrauchen, weil sie noch nicht missbraucht wurden?

Es mag sein, dass sie sich in der Lyrik finden. Aber es genügt nicht, moderne Gedichte auf säkulare Resonanzen religiöser Themen abzuhorchen. Vielmehr muss es darum gehen, der Theologie und ihrer Gottesrede selbst ein poetisches Sprachgewand zu geben, damit sie wieder Sang und Klang erhält. Auf eine Alternative zur sang- und klanglosen Sprache der Glaubenswächter und Religionsverwalter kommt es an. Diese Alternative lässt sich mit wenigen Kernthesen umreißen:

Theopoetische Texte übersetzen das Evangelium in eine Sprache, in der die Übersetzung wie ein Original erscheint.

Theopoetische Texte gehen experimentell mit der Sprache um. Theopoesie entwirft Wortspiele, „die überraschen, sich querstellen, verblüffen, manchmal auch ratlos machen. Gerade dadurch kann sie den größeren Gott aufscheinen lassen, der in kein Raster passt“ (Knapp 2022, 20).

Theopoetische Texte wollen den Glauben und das Leben auslegen und benötigen dafür keine externen Auslegungshilfen. Sie brauchen keine Experten, die erklären, was ihr Autor eigentlich sagen wollte. Ihnen gelingt es, religiöse und existenzielle Themen anzusprechen, ohne dabei religiöses Vokabular verwenden zu müssen.

Theopoetische Texte bewegen sich fern-ab vom Gestus einer frömmelnd-trotzigen Bezeugung religiöser Gewissheiten. Sie wählen den Modus des Herantastens, der diskreten Annäherung an die existenziellen Fragen des Menschen. Sie lassen aufhorchen mit provokativen Verfremdungen und skeptischen Zuspielungen überkommener Antworten.

Theopoetische Texte konfrontieren die Leserinnen und Leser bei ihrer Lektüre nicht mit einer religiösen Lehre, sondern sind das Echolot dieser Doktrin. Sie machen deren Resonanzen und Dissonanzen hörbar.

Wo nicht länger zwar traditionstreu, aber miss- und unverständlich das Wort ‚Gott‘ in Umlauf gebracht werden soll, sind Interpreten dieses Wortes nötig, denen existenzielle Relevanz wichtiger ist als das lehramtliche Attest der Rechtgläubigkeit.

THEOLOGISCH-POETISCHE ZUGEWINNGEMEINSCHAFT

Wer sich mit Theopoetik und Theologie beschäftigt, kann eine doppelte Kunstfertigkeit erwerben. Die Theologie steht der ‚Denkkunst‘ am nächsten. Sie lebt von der Lust am Denken und am Streiten um das bessere Argument für die Begründung, Kritik oder Widerlegung einer religiösen Überzeugung. Sie will möglichst genau rekonstruieren, was Menschen meinen, wenn sie das Wort ‚Gott‘ gebrauchen. Sie erörtert die Bedingungen, von deren Erfüllung es abhängt, ob ein Reden von und zu Gott oder im Namen Gottes sinnvoll, belangvoll und vertretbar ist. Sie strebt nach logischer Stringenz eines Gedankengangs und will, dass davon abgeleitete Folgerungen als allgemein zustimmungsfähig erachtet werden. Die Theopoetik ist hingegen der ‚Dichtkunst‘ zuzuordnen. Ihr Tonfall ist nicht geprägt vom Wettstreit der Alles- und Besserwisser. Sie erzeugt Stirnrunzeln beim Auftritt der Bescheidgeber. Sie lebt vom Vermögen des Menschen, im Medium der Sprache etwas hervorzubringen, das man sich zu Herzen nehmen und zugleich durch den Kopf gehen lassen kann. Sie lotet den Deutungsreichtum religiöser Überlieferungen aus, der jedem Leser und jeder Leserin etwas individuell Bedeutsames erschließt. Aus der Verbindung von Poesie und Theologie kann eine dauerhafte Zugewinngemeinschaft entstehen. Dieser Zugewinn kommt beiden Seiten zugute, wenn dabei ein altes Format religiöser Sprache erneuert und dem poetischen Schreiben neue Inhalte zugespielt werden. Als ein instruktives Beispiel erscheint mir das ‚Beinahegebet‘ von Reiner Kunze: „Fast ein Gebet // Wir haben ein Dach / und Brot im Fach / und Wasser im Haus, / da hält man’s aus. // Und wir haben es warm / und haben ein Bett. / O Gott, daß doch jeder das alles hätt!“ (Kunze 1991, 27) Hinsichtlich Metrik, Rhythmus und Endreim klingt der Text wie ein Tischgebet, das im Familienkreis gesprochen wird. Allerdings meidet es das übliche Vokabular und den gewohnten Sound. Das Wort ‚Gott‘ steht hier nicht am Anfang, sondern am Ende und eröffnet einen Wunsch, der eher wie ein Seufzer klingt und eine ‚Fürbitte‘ im Konjunktiv formuliert. Seufzer und Wunsch verbleiben in der Sphäre des Mitmenschlichen. Man könnte dem Text den Einschub „O Gott“ daher als inkonsequent vorwerfen. Allerdings würde er ohne den ‚Gottesseufzer‘ und ohne den Konjunktiv keineswegs an Aussagekraft gewinnen, sondern lediglich eine Binsenweisheit transportieren: Wenn jeder alles hat, werden auch alle satt! Zudem würde damit auch ein Rabatt eingeräumt: Wenn jeder alles hat, muss nichts mit anderen geteilt werden! Der Schritt von der Binsenweisheit zur Plattitüde ist dann nicht mehr weit. In Kindertagesstätten wird diese Grenze gelegentlich beim gemeinsamen Mittagessen überschritten: „Piep, piep, piep. Wir haben uns alle lieb. Guten Appetit!“

Die religiöse Sprache verarmt, wenn sie poetisch anspruchslos wird. Aber auch umgekehrt kann gelten: Poesie verflacht, wenn sie nur dem säkularen Sprachgestus zutraut, ins Wort zu bringen, was in der Zeit an der Zeit ist. Und die Theologie verkümmert, wenn sie ihr wichtigstes Werkzeug – die Sprache – nicht mit poetischer Sorgfalt behandelt.

WENN DOGMATIK AUF LYRIK TRIFFT

Die Beschäftigung mit theopoetischen Texten zielt auf die Erweiterung theologischer Denk-, Schreib-, Rede- und Hörkompetenz. Sie greift auf bereits vorhandene Kenntnisse theologischer Themen und Terminologie zurück und lädt zu einem ebenso kritischen wie kreativen Abgleich mit poetischen Schreibmustern ein. Für diesen Abgleich ist man nur dann entsprechend vorbereitet, wenn die unterschiedlichen Auslegungsregeln dogmatischer und poetischer Texte hinreichend bekannt sind.

Dogmatische Texte sprechen die Gemeinschaft der Glaubenden an und zielen auf die Feststellung einer Übereinstimmung im Glauben. Unter dieser Rücksicht kandidieren sie für den Status eines Konsenstextes. Sie stehen am Ende eines – vielfach konflikthaften – Prozesses der theologischen Urteilsbildung und geben an, in welchen Glaubensfragen unter den Glaubenden eine Übereinstimmung möglich ist, die über den Tag hinaus Bestand hat. Hingegen sind theopoetische Texte vielfach Dissenstexte. Sie sprechen ins Unreine. Sie artikulieren Verluste und Entbehrungen; sie äußern sich im Klagen, Flehen, Zweifeln, Hoffen. Sie halten fest, womit sich ein Mensch nicht abfinden kann. Sie stellen sich nicht einer Abstimmung, sondern wollen eine Stimme sein, die Unstimmiges benennt. Sie widersetzen sich einem vermeintlich letzten Wort in einer strittigen Sache. Sie opponieren gegen religiöse Macht- und Schlussworte.

Die religiöse Sprache verarmt, wenn sie poetisch anspruchslos wird. Aber auch umgekehrt kann gelten: Poesie verflacht, wenn sie nur dem säkularen Sprachgestus zutraut, ins Wort zu bringen, was in der Zeit an der Zeit ist.

Dogmatische Texte haben einen spezifischen Zeit- und Problemindex, der für ihre Sprachgestalt und für ihre Deutung ganz entscheidend ist. Daher gilt es zu rekonstruieren, (1) zu welcher Zeit zur Klärung welcher Problematik eine dogmatische Aussage ursprünglich formuliert wurde, (2) ob diese Problematik heute noch relevant ist und (3) inwieweit ihre Klärung heute plausibel erscheint.

Ein Beispiel: Im Religionsunterricht einer gymnasialen Oberstufe wird eine Antwort auf die Frage gesucht, wodurch Jesus Christus die Gestalt der Selbstvergegenwärtigung Gottes in der Welt sein konnte. Eine dogmatisch korrekte Antwort wird zurückgreifen auf die christologischen Aussagen des Konzils von Nizäa (325), Jesus Christus sei der „Sohn Gottes, wahrer Gott vom wahren Gott, wesensgleich dem Vater, […]; der wegen uns Menschen und um unseres Heiles willen herabgekommen ist, Fleisch wurde und im Menschsein weilte“ (DH 150). Hier sieht man in der „Wesensgleichheit“ von Vater und Sohn die entscheidende Voraussetzung für die Einlösung des Anspruchs, man begegne in Jesus Christus nicht einem auf Gott verweisenden Geschöpf, sondern der Wirklichkeit Gottes selbst. Auf die Anschlussfrage, wie die Realpräsenz des Göttlichen im Menschlichen ohne Minderung des Menschseins Jesu gedacht werden könne, wird die wiederum dogmatisch korrekte Antwort das Konzil von Chalcedon (451) zitieren: „Unser Herr Jesus Christus ist als ein und derselbe Sohn zu bekennen, derselbe vollkommen in der Gottheit und derselbe vollkommen in der Menschheit, wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch, […] in zwei Naturen unvermischt, unveränderbar, ungeteilt, untrennbar zu erkennen, niemals wird der Unterschied der Naturen aufgehoben der Einigung wegen, vielmehr wird die Eigentümlichkeit jeder der beiden Naturen bewahrt, auch im Zusammenkommen zu einer Person und einer Hypostase, nicht geteilt oder getrennt in zwei Personen, sondern ein und derselbe einziggeborene Sohn, Gott, Logos, Herr, Jesus Christus“ (DH 301–302).

Um diesen Lehrformeln gerecht zu werden, muss sich die Interpretation gleichermaßen mit ihrer Historie und ihrer Gegenwartsrelevanz auseinandersetzen. Dogmatik und Dogmenhermeneutik können sich dabei die historisch-kritische Vorgehensweise der Exegese zum Vorbild nehmen. Dazu gehört die Erfassung der authentischen Textgestalt der konziliaren Lehrformeln, die Rekonstruktion ihrer Entstehung und die Rückfrage nach der redaktionellen Verarbeitung philosophischer und theologischer Bezugstexte. Ihr schließt sich die Analyse der Rezeption und Wirkungsgeschichte eines Dogmas an (vgl. Höhn 2020, 207–239).

Allerdings wird bei diesem Vorgehen rasch deutlich, dass nur sehr begrenzt plausible Antworten auf die Eingangsfrage zu gewinnen sind. Der Klärungsbedarf altkirchlicher Konzilstexte ist höher als ihr Erklärungspotenzial. Die hinter ihnen stehenden theologischen Kontroversen müssen nämlich mit erheblichem Aufwand heute erst wieder erzeugt werden, ehe die Konzilstexte als deren Lösung präsentiert werden können. Bei der Erläuterung der Problemlösung ist man vor allem mit dem Problem konfrontiert, dass semantische Barrieren die Akzeptanz der Lösung erschweren. Lehnbegriffe aus der neuplatonischen Philosophie wie ‚Hypostase‘ oder ‚Ousia‘, die ursprünglich als Verstehensschlüssel dienten, werden in der Moderne zu einer hermeneutischen Verschlusssache. Am deutlichsten wird dies angesichts der Begriffe ‚Natur‘ und ‚Wesen‘. Es fehlt hier „jeder Bezug zu neuzeitlicher Begrifflichkeit und zur Selbsterfahrung des Menschen, die sich in ihr reflektiert, um die Leit-Begriffe der altkirchlichen Christologie in gegenwärtiger menschlicher Selbstverständigung mit einer semantisch gehaltvollen Bedeutung verbinden zu können“ (Werbick 2016, 264).

Diese Schere geht umso weiter auseinander, je präziser Text und Kontext einer dogmatischen Glaubensaussage vor Augen gestellt werden. Jeder Versuch, sie heutigen Adressaten nahezubringen, macht erst recht deutlich, wie groß Distanz und Differenz zwischen ‚damals‘ und ‚heute‘ sind. Vielfach ist ein Dogma zum Selbstläufer geworden. Seine Aussage wird immer wieder zitiert, ohne das Problem zu benennen, zu dessen Lösung sie beitragen wollte. „Das Erstaunliche: Diese Sprache kann offensichtlich ganz für sich selbst existieren, in sich ihren Wahrheitsanspruch behalten – und gleichzeitig immer weniger Relevanz und Referenz ausstrahlen. […] Sie kann in ihrem Reden über Gott – provokativ und überspitzt formuliert – beides zugleich sein: theoretisch ganz notwendig und wahr; und praktisch weitgehend unerheblich“ (Langenhorst 2002, 10).