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Das zentrale Thema dieses Bandes des Enzyklopädischen Handbuchs der Behindertenpädagogik sind Fragen der Lebensführung und Lebensbewältigung angesichts von Beeinträchtigung, Benachteiligung und Behinderung. Eingebettet in den sozial- und humanwissenschaftlichen Forschungsstand zu Lebenswelt und Lebenslage, zu Sozialisation, Biographie und Lebenslauf liegt diesem Band eine lebenslagen- und lebensbereichsübergreifende Sichtweise zugrunde. Der umfassende Überblick über alle Lebensphasen und -bereiche, von der Kindheit bis zum Alter, von der Freizeit über das Wohnen bis zur Erwerbstätigkeit ist verschränkt mit der Thematisierung der politischen und sozialen Determinanten der Lebensführung im Spannungsfeld von ''System und Lebenswelt'' sowie mit der Auseinandersetzung über Bewältigungsmöglichkeiten und Zielperspektiven für die Lebensführung. Die Erörterung einer Vielzahl von Einzelfragen orientiert sich an der Betrachtung der Gestaltung und Bewältigung von zentralen Lebensthemen und an der Entfaltung und Vertretung von Interessen als Voraussetzung und Mittel der Partizipation in den unterschiedlichen Lebensphasen.
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Seitenzahl: 795
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Das zentrale Thema dieses Bandes des Enzyklopädischen Handbuchs der Behindertenpädagogik sind Fragen der Lebensführung und Lebensbewältigung angesichts von Beeinträchtigung, Benachteiligung und Behinderung. Eingebettet in den sozial- und humanwissenschaftlichen Forschungsstand zu Lebenswelt und Lebenslage, zu Sozialisation, Biographie und Lebenslauf liegt diesem Band eine lebenslagen- und lebensbereichsübergreifende Sichtweise zugrunde. Der umfassende Überblick über alle Lebensphasen und -bereiche, von der Kindheit bis zum Alter, von der Freizeit über das Wohnen bis zur Erwerbstätigkeit ist verschränkt mit der Thematisierung der politischen und sozialen Determinanten der Lebensführung im Spannungsfeld von ''System und Lebenswelt'' sowie mit der Auseinandersetzung über Bewältigungsmöglichkeiten und Zielperspektiven für die Lebensführung. Die Erörterung einer Vielzahl von Einzelfragen orientiert sich an der Betrachtung der Gestaltung und Bewältigung von zentralen Lebensthemen und an der Entfaltung und Vertretung von Interessen als Voraussetzung und Mittel der Partizipation in den unterschiedlichen Lebensphasen.
Prof. Dr. Iris Beck ist Professorin für Bildung und Partizipation bei Behinderung und Benachteiligung im Arbeitsbereich Allgemeine Behindertenpädagogik an der Universität Hamburg. Prof. Dr. Heinrich Greving lehrt Allgemeine und Spezielle Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Münster.
Behinderung, Bildung, Partizipation Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik
Herausgegeben von Iris Beck, Georg Feuser, Wolfgang Jantzen, Peter Wachtel
Gesamtherausgeber:
Iris Beck/Heinrich Greving (Hrsg.)
Lebenslage und Lebensbewältigung
Verlag W. Kohlhammer
Wichtiger Hinweis
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
1. Auflage 2012 Alle Rechte vorbehalten © 2012 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart Printed in Germany
ISBN: 978-3-17-019634-6
E-Book-Formate
pdf:
978-3-17-023529-8
epub:
978-3-17-027722-9
Vorwort der Gesamtherausgeber
Vorwort
Teil I Grundlegung
Lebenswelt, Lebenslage(Iris Beck & Heinrich Greving)
Sozialisation, Biographie und Lebenslauf(Walter R. Heinz)
Teil II Zentrale Fragestellungen
Kindheit und Jugend(Richard Münchmeier).
Familie(Angelika Engelbert)
Erwachsensein und Alter(Heinz Wieland)
Alltags- und Belastungsbewältigung und soziale Netzwerke(Christoph Heckmann)
Soziale Exklusions- und Desintegrationsrisiken: Soziale Ungleichheit, soziale Abhängigkeit(Stefan Hradil)
Sozialepidemiologie: Soziale Faktoren von Gesundheit, Krankheit und Behinderung(Thomas Schott & Benjamin Kuntz)
Macht, Gewalt, Herrschaft(Wolfgang Jantzen)
Gesellschaftspolitik(Christian von Ferber)
Politische und soziale Partizipation(Jan Weisser)
Normalisierung, Integration, Lebensqualität(Iris Beck & Heinrich Greving)
Teil III Einzelprobleme
Lebenssinn(Dieter Gröschke)
Normen und Werte(Detlef Horster)
Selbstverantwortung, Solidarität und Subsidiarität(Christian von Ferber)
Demographie und demographischer Wandel(Christiane Rohleder)
Freundschaft, Partnerschaft(Martin Herz)
Elternschaft(Ursula Pixa-Kettner)
Wohnen(Friedrich Dieckmann)
Erwerbstätigkeit, Leben ohne Arbeit und berufliche Bildung(Klaus Struve)
Spiel(Ulrich Heimlich)
Freizeit(Reinhard Markowetz)
Kunst und Kultur(Christian Mürner)
Mobilität(Jan Weisser)
Gesundheit und Krankheit(Ulrike Greb)
Leben im Heim(Eckhard Rohrmann)
Pflege, Pflegebedürftigkeit(Christel Bienstein)
Not, Notlage(Emil Erich Kobi)
Übergänge und Krisen(Willi Düe)
Hilfe, Helfen, Selbsthilfe(Georg Antor)
Vereine/Verbände(Helmut Richter)
Politische Beteiligungsverfahren und kommunale Interessenvertretung(Karin Evers-Meyer)
Interessenvertretung in Kindheit und Jugend(Ingrid Burdewick)
Interessenvertretung am Arbeitsplatz(Ulrich Scheibner)
Interessenvertretung in Institutionen(Bettina Schneider)
Technologien(Emil Erich Kobi)
Barrieren(Helmut Heck)
Europäische Behindertenpolitik(Alois Bürli)
Internationale Behindertenpolitik(Friedrich Albrecht)
Stichwortregister
Die Autoren
Das Enzyklopädische Handbuch der Behindertenpädagogik „Behinderung, Bildung, Partizipation“ ist ein Lexikon in Stichwörtern, die jedoch nicht alphabetisch, sondern thematisch in 10 Bänden strukturiert wurden. Insgesamt wurden ca. 20 Haupt-, 100 mittlere und 300 kleine Stichwörter erarbeitet. Sie suchen zum einen in ihrer Gesamtheit einen Zusammenhang des Fachwissens herzustellen, in dem jedes Stichwort und zugleich jeder Band verortet ist. Zum anderen aber bilden die Einzelbände aufeinander bezogene thematische Einheiten. Somit ist das Gesamtwerk in zwei Richtungen lesbar und muss zugleich auch so gelesen werden: als Bestand aufeinander verweisender zentraler Begriffe des Fachs zum einen und als thematischer Zusammenhang in den Einzelbänden zum anderen, der aber jeweils auf die weiteren Bände verweist und mit ihnen in engstem Zusammenhang steht. Dementsprechend wurden Verweise sowohl innerhalb der Einzelbände als auch zwischen den Bänden vorgenommen, wobei einzelne Überschneidungen unvermeidbar waren.
Der Anspruch, das Gesamtgebiet der Behindertenpädagogik darzustellen, kann angesichts der Differenzierung und Spezialisierung der Einzelgebiete und ihrer schon je komplexen Wissensbestände nicht ohne Einschränkung vorgenommen werden. So ging es uns nicht darum, diese Komplexität aller Theorien, Methoden, Handlungsansätze und Einzelprobleme in Theorie und Praxis einzufangen, sondern den Wirklichkeits- als Gegenstandsbereich der wissenschaftlichen Behindertenpädagogik hinsichtlich seiner konstitutiven Begriffe, Aufgaben und Problemstellungen zu erfassen. Dabei sollte der grundlegende, auf aktuellen Wissensbeständen beruhende und der zugleich erwartbar zukunftsträchtige nationale und internationale Forschungs- und Entwicklungstand im Sinne einer synthetischen Human- und Sozialwissenschaft berücksichtigt werden. Reflexives Wissen bereit zu stellen ist also die wesentliche Intention. Dies gelingt nur, wenn aus anderen Wissenschaften resultierende Forschungsstände und Erkenntnisse möglichst breit und grundlegend verfügbar gemacht werden. Aufgrund der komplexen biopsychosozialen Zusammenhänge sowohl von Behinderung als auch von Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation müssen das gesamte humanwissenschaftliche Spektrum Berücksichtigung finden und insbesondere Philosophie, Psychologie und Soziologie, aber auch Medizin und Neurowissenschaften einbezogen werden. Gerade der neurowissenschaftliche Bezug, der selbstverständlich äußerst kritisch betrachtet wird, ist notwendig, um gegen neue Formen der Biologisierung die entsprechenden Argumente für Vielfalt und Differenz auf jeder Wissenschaftsebene, also auch auf der neurowissenschaftlichen, in die Debatte führen zu können. Vorrangig mit Blick auf die disziplinäre Verortung ist jedoch die Erziehungswissenschaft, Behindertenpädagogik ist eines ihrer Teilgebiete.
Für die Konzeption ist ein Bildungsverständnis tragend, das Bildung als Möglichkeit zur selbst bestimmten Lebensführung, zur umfassenden Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlichen Teilhabe betrachtet; mit Wolfgang Klafki: Entwicklung der Fähigkeiten zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität, entwicklungspsychologisch mit Wolfgang Stegemann als Entwicklung auf höheres und auf höherem Niveau. Die erziehungswissenschaftliche Begründung von Bildungs- und Erziehungszielen muss über gesellschaftliche Erwartungen, wie sie sich in Forderungen nach einem Wissenskanon als Zurüstung auf die berufliche Eingliederung niederschlagen können, notwendigerweise hinausreichen und die Lebensbewältigung insgesamt umfassen. Bildung und Erziehung eröffnen Optionen für die Lebensgestaltung, und das bedeutet, die eigene Identität nicht nur schicksalhaft oder einzig von außen determiniert zu erleben, sondern auch über Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und der Auswahl von Handlungsmöglichkeiten zu verfügen, Zwänge und Grenzen ebenso wie Handlungs- und Veränderungsmöglichkeiten erkennen und nutzen zu können. Nicht in jedem Fall, in dem diese Möglichkeiten nicht per se aufscheinen, ist diese Problematik begrifflich quasi automatisch mit Behinderung zu fassen. Umgekehrt heißt Bildung aber auch, solche Strukturen und Prozesse zu gestalten, die „Bildung für alle, im Medium des Allgemeinen“, unabhängig von Kriterien, ermöglichen. Behinderungen im pädagogischen Sinn liegen dort vor, wo die Teilhabe an Bildung und Erziehung gefährdet oder erschwert ist oder wo Ausgrenzungsprozesse drohen oder erfolgt sind, und zwar aufgrund eines Wechselspiels individueller, sozialer und ökonomischer Bedingungen. Hier tritt die Frage der Ermöglichung von Partizipation in den Vordergrund. „Wo Menschen aus ihren Lebenszusammenhängen herausgestoßen werden, da wird lernender und wissender Umgang mit bedrohter und gebrochener Identität zur Lebensfrage“ (Oskar Negt) und ebenso die Ermöglichung von Lebenschancen. Damit werden zugleich eine Abgrenzung zu sozial- oder bildungsrechtlichen Definitionen und eine weite Begriffsbestimmung von Behinderung vorgenommen, im Bewusstsein der Problematik, die diese mit sich bringt. Doch fasst auch der schulrechtliche Begriff des sonderpädagogischen Förderbedarfs, der wiederum nur partiell deckungsgleich mit dem sozialrechtlichen Behinderungsbegriff ist, äußerst heterogene, darunter auch rein sozial bedingte Benachteiligungsprozesse zusammen. Pädagogik heißt für uns somit auch nicht einseitige und ständige Förderung. Emil E. Kobi hat dies in der Gegenüberstellung einer ‚Pädagogik des Bewerkstelligens‘, der es immer um den Fortschritt geht, die sich nur auf den Defekt richtet und das So-Sein nicht anzuerkennen in der Lage ist, und einer ‚Pädagogik der Daseinsgestaltung‘ beschrieben, die anerkannte Lebensbedingungen zwischen gleichberechtigten und als gleichwertig anerkannten Subjekten und eine befriedigende Lebensführung auch bei fortbestehenden Beeinträchtigungen zu schaffen vermag. In diesem pädagogischen Verständnis von Behinderung liegt eine Begründung für die Beibehaltung des Begriffes der Behindertenpädagogik. Wir respektieren Benennungen wie Förder-, Rehabilitations-, Sonder-, Heil-, Integrations- und Inklusionspädagogik; der Begriff der Behinderung hebt jedoch wie kein anderer nicht nur die intransitive Sicht des behindert Seins, sondern auch die transitive Sicht des behindert Werdens hervor und lässt sich pädagogisch sinnvoll begründen. Ebenso entgeht er Verengungen mit Blick auf den Gegenstandsbereich; behindertenpädagogisches Handeln greift weit über den Bereich der institutionalisierten Erziehung und Bildung hinaus und findet lebensphasen- und lebensbereichsübergreifend statt; auch innerhalb des schulischen Bereiches ist das Handeln weitaus vielfältiger als allein unterrichtsbezogene Tätigkeiten; gleichwohl bleiben diese prominente Aufgaben. Behindertenpädagogik, in diesem weiten Sinne intransitiv verstanden, ist zwar einerseits Teilgebiet der Erziehungswissenschaft, andererseits trägt sie in transitiver Hinsicht zu deren Grundlagen bei. Denn behindert werden und eingeschränkt zu sein sind alltäglich und schlagen sich keineswegs nur in der sozialen Zuschreibung von Behinderung nieder. Entgegen der noch vorfindbaren Gliederung nach Arten von Beeinträchtigungen bzw. schulischen Förderschwerpunkten und einer institutionellen Orientierung ist für uns ein an den Lebenslagen und an der Lebenswirklichkeit der Adressaten von Bildungs- und Erziehungsangeboten orientiertes Verständnis pädagogischen Handelns leitend. Diese Perspektive auf den individuellen Bedarf an Unterstützung für eine möglichst selbst bestimmte Lebensführung ist der Bezugspunkt der personalen Orientierung, aber dieser Bedarf impliziert immer auch den Bedarf an Überwindung der sozialen Folgen, also der behindernden Bedingungen des Umfeldes. Traditionell wird der Lebenslauf- und Lebenslagenbezug der Pädagogik durch die Gegenstandsbezeichnungen der einzelnen Teildisziplinen angezeigt (Pädagogik, Andragogik, Geragogik einerseits; Sozial-, Berufs-, Freizeitpädagogik usw. andererseits). Hiermit können aber auch Abgrenzungen und Abschottungen einhergehen, so dass der Bezug zur Lebenslage als Ganzer und zum Lebenslauf in seiner biographischen Gewordenheit verloren geht. Lebenslagen- und Lebenslauforientierung stellen demgegenüber die notwendige Gesamtsicht her, die allerdings in ihrer Bezugnahme auf die Chancen und Grenzen selbstbestimmter Lebensführung einer Pädagogisierung im Sinne der andauernden intentionalen Erziehung entgehen muss. Sie hebt die spezifischen Gegenstandsbestimmungen und Handlungskonzepte der erziehungswissenschaftlichen Teildisziplinen nicht auf, sondern wird als konzeptionelle und methodische Leitperspektive tragend. Ebenso hat jedes Verständnis von individueller Teilhabe- und Bildungsplanung die Deutungshoheit der auf Unterstützung und pädagogisches Handeln angewiesenen Menschen zu respektieren und zentral von politischer Mitwirkung und der Gewährleistung der Menschen- und Bürgerrechte auszugehen. Dies verlangt die Demokratisierung und Humanisierung der Handlungsprozesse und Strukturen in Theorie und Praxis sowie die Auseinandersetzung mit Ethik, Moral und Professionalität.
Die aus diesem Verständnis von Bildung, Behinderung und Partizipation resultierenden Fragen lassen sich zusammenfassen in die nach dem Verhältnis von Ausschluss und Anerkennung, Vielfalt und Differenz, Individuum und Gesellschaft, Entwicklung und Sozialisation, System und Lebenswelt, Institution und Organisation, über die Lebensspanne hinweg und immer bezogen auf die Grundfrage nach Bildung und Partizipation angesichts behindernder Bedingungen.
Von diesen Grundgedanken ausgehend wurde die Konzeption und Anlage der Stichwörter von Iris Beck und Wolfgang Jantzen erarbeitet und dann durch das Team der Bandherausgeber kritisch überprüft und ergänzt. Es ergibt sich folgende Gesamtanlage: die Bände 1 und 2 dienen der wissenschaftlichen Konstitutionsproblematik mit Blick auf die wissenschaftstheoretische Begründung des Fachs einschließlich der erziehungswissenschaftlichen Verortung und dem Verhältnis von Behinderung und Anerkennung. Die Bände 3 bis 6 repräsentieren Aufgaben und Probleme der Bildung und Erziehung im Lebenslauf mit den Kernfragen nach Bildung, Erziehung, Didaktik und Unterricht zum einen, Lebensbewältigung und gleichberechtigter Teilhabe am Leben in der Gemeinde zum anderen. Die Bände 7 bis 10 behandeln Entwicklung und Lernen, Sprache und Kommunikation, Sinne, Körper und Bewegung sowie Emotion und Persönlichkeit. Sie stellen grundlegende pädagogische Auseinandersetzungen über Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation angesichts behindernder und benachteiligender Bedingungen dar, und zwar in übergreifender Sicht, die zugleich die notwendigen speziellen und spezifischen Aspekte zur Geltung bringt. Allgemeines und Besonderes sind insgesamt, über alle Bände hinweg, vielfach aufeinander bezogen und haben gleichsam ihre Bewegung aneinander. Dort, wo sich gemeinsame Probleme quer zu speziellen Gebieten stellen, sind diese auch allgemein und mit der Absicht der Grundlegung behandelt, auch um Redundanzen zu vermeiden. Dort, wo ohne Spezifizierung zu grobe Verallgemeinerungen und damit unzulässige Reduktionen erfolgt wären, sind die Besonderheiten aufgenommen. Angesichts der zahlreichen Publikationen, die spezielle und spezifische Fragen en detail und mit Blick auf Einzelprobleme behandeln, ist diese Entscheidung auch vor dem Hintergrund einer ansonsten nicht zu gewährleistenden Systematik getroffen worden.
Wir sind uns bewusst, dass dieser Versuch der Systematik nicht ohne Lücken, Widersprüche und Redundanzen auskommt. Die allfällige Kritik hieran verstehen wir im Sinne des „Runden Tisches“, als den wir die Zusammenarbeit unter den Herausgebern und Autoren verstehen, als Motivation zu neuen Fragen und neuer Forschung.
Wir danken allen Bandherausgebern und Autoren für ihre konstruktive Arbeit, die in Zeiten der Arbeitsverdichtung und Effizienzsteigerung nicht mehr selbstverständlich erwartet werden kann.
Iris Beck
Georg Feuser
Wolfgang Jantzen
Peter Wachtel
Alle Bände der Reihe „Behinderung, Bildung, Partizipation: Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik“ verweisen thematisch aufeinander; doch für den vorliegenden Band 5 und den Band 6 „Gemeindeorientierte pädagogische Dienstleistungen“ gilt dies in besonderer Weise: Beide Bände sind von vornherein als Spiegelungen der inhaltlichen Strukturierung und zugleich als eine Doppelung der Perspektive auf die Lebensführung angelegt worden. Für den einzelnen Menschen bedeutet sie sein „ganzes Leben“, seine Lebensweise ist eine individuelle; und doch vollzieht sie sich im Spannungsfeld von „System und Lebenswelt“, die individuelle Lebenssituation wird von gesellschaftlichen Bedingungen, von Organisationen und Institutionen, geprägt und beeinflusst. Dieses Spannungsfeld durchzieht beide Bände, doch mit unterschiedlicher Gewichtung: Während der Band 6 stärker die Organisation und Erbringung professioneller pädagogischer und sozialer Dienstleistungen für eine gemeinde-integrierte Lebensführung behandelt, liegt der Schwerpunkt des Bandes 5 auf der Auseinandersetzung mit zentralen Fragen der Lebensführung und Lebensbewältigung angesichts von Beeinträchtigung, Benachteiligung und Behinderung, und zwar nicht losgelöst von der professionellen Sichtweise auf erschwerte Bildungs- und Partizipationsprozesse, aber doch ohne sie von vornherein aus organisations- und institutionsbezogener Sicht oder dadurch vermittelt zu thematisieren und zu beschreiben. Band 5 zentriert in den Begründungen und Differenzierungen auf Menschen als soziale und politische Wesen in der Gesellschaft und als davon ebenso beeinflusst wie aktiv sich auseinandersetzend. Lebensführung und Lebensbewältigung sind umweltabhängige und multifaktoriell beeinflusste Prozesse, Bildungs- als Lebenschancen von und mit der Gesellschaftspolitik verknüpft. Die konzeptionelle Verbindung der beiden Bände wird geleistet durch einen offenen und lebensphasenübergreifenden Begriff von Bildung und Erziehung als Förderung von Identität, Partizipation und Lebensbewältigung; durch ein Verständnis pädagogischer Professionalität, in dem die Orientierung an lebensweltlichen Bedingungen und an kooperativen Beziehungen einen wichtigen Teil der fachlichen Qualifikationen bildet; und durch die Thematisierung von Grundproblemen der Organisation pädagogischer Dienstleistungen im Spannungsfeld von „System“ und „Lebenswelt“, von gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen Bedingungen auf der einen Seite und den Ansprüchen und Hoffnungen der Adressaten auf einen gelingenden Alltag in ihrer je gegebenen, mehr oder weniger Optionen und Ressourcen beinhaltenden, makro- und mesostrukturell vorgebahnten Lebenslage auf der anderen Seite.
Die Verbesserung von Lebenschancen nimmt „lebensweltlich“ basiert die individuelle Alltagsbewältigung und den Lebenslauf, die Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen räumlich-zeitlicher Bedingungen und sozialer Beziehungen in den Blick; der Lebenslage-Begriff thematisiert dagegen stärker die strukturellen, äußeren bis hin zu gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, aber, und das ist ganz wesentlich: in ihrem Einfluss auf und ihrem Wechselspiel mit den individuellen Handlungsmöglichkeiten. Lebenswelt und Lebenslage stehen somit – in unterschiedlicher Gewichtung – für das Spannungsfeld, in dem sich die je individuelle Lebensführung realisiert. Partizipation und Inklusion sind die Bedingungen der Lebenslage, denn um Interessen zu entfalten und zu befriedigen, bedarf es des Zugangs zu Handlungsfeldern und Ressourcen, die für die Lebensführung bedeutsam sind. Auf der Basis einer grundlegenden Darstellung der Begriffe der Lebenswelt und der Lebenslage sowie einer ausführlichen Erörterung der Lebenslaufperspektive entfalten sich in diesem Band die unterschiedlichen, chronologisch verorteten Dimensionen der Lebenslage (Arbeit, Wohnen, Freizeit, Kunst, Kultur und Spiel, Gesundheit, öffentliches Leben, soziale Beziehungen …) und die Lebensphasen (von der Kindheit und Jugend über die Familie bis in die Zeit des Erwachsenseins und des Alters). Soziale Exklusions- und Desintegrationsrisiken, Macht und Abhängigkeit nehmen zentralen Einfluss darauf, ob und wie Beeinträchtigungen in Behinderung und damit soziale Ungleichheit umschlagen. Die Realisation und Konkretisierung der sozialen Netzwerke und von sozialer Unterstützung berührt in vielfachem Sinn die Bewältigungsstrategien der Menschen. In der Zusammenschau dieser Themenfelder gelingt somit eine ausführliche Darlegung aktueller Lebenslagen und -bewältigungsansätze im Rahmen der Bildungs- und Partizipationsnotwendigkeiten und -möglichkeiten. Diese zentralen Fragestellungen bilden in diesem fünften Band die Grundlegung für die differenzierten Erörterungen der Einzelprobleme und -themen: Diese können somit als Querschnittsthemen der umgreifenden Ansätze und Annahmen zu Lebenswelt und Lebenslage, zu Biographie, Sozialisation und Lebenslauf verstanden werden. In der professionellen Wahrnehmung dieser Fragen und Themen gelingt eine methodologisch begründete Auseinandersetzung, Analyse und handlungsrelevante Orientierung auf den Feldern der Bildung und der Partizipation bei Beeinträchtigung und Behinderung.
Integration, Inklusion und Partizipation sind wichtige Ziele, die einer Fundierung bedürfen, damit sie handlungsleitend wirksam werden können. Sie sind jedoch kein Zweck an sich, sondern, wie dies Walter Thimm in seiner Begründung eines „Lebens so normal wie möglich“ verdeutlicht hat, müssen letztlich immer als Mittel verstanden werden für die Verbesserung der Lebensführung. Dafür braucht man ein Verständnis dessen, was in einer je gegebenen gesellschaftlichen und individuellen Situation eine anerkannte und den Einzelnen befriedigende, ihm notwendige und wichtige Handlungsspielräume eröffnende Lebensführung bedeutet. Einer solchen sozialwissenschaftlichen Analyse der Lebensführung, die sich ebenso auf einen gesellschaftlichen Hintergrund wie auf eine individuelle Situation in ihrer Verwobenheit mit den jeweiligen sozialen Bedingungen bezieht und ihre Komplexität ebenso wie ihre Kontingenz zu verstehen sucht, entspricht im Grundverständnis eine Pädagogik der Daseinsgestaltung, wie sie Kobi begründet hat. Emil E. Kobi, der 2011 starb und mit zwei Beiträgen in diesem Buch vertreten ist, und Walter Thimm, der 2006 starb, möchten wir diesen Band widmen.
Iris Beck/Heinrich Greving
Iris Beck & Heinrich Greving
Der Lebensweltbegriff meint zum einen – gleichsam ahistorisch – ein anthropologisches Fundament der Bestimmung des Menschen zur Welt und zwar in dem Sinn, dass die Welt dem Menschen immer schon sprachlich und durch Handlungen anderer Menschen vorerfahren, also sozial und kulturell vermittelt entgegentritt, mit Bedeutung versehen ist und sich als subjektiv erlebte Welt von der natürlichen Welt unterscheidet. Demnach erfolgt also alles Erleben nie „rein“ und unmittelbar; daraus folgt, dass es auch keinen „reinen“, unmittelbaren Erkenntniszugang außerhalb der Lebenswelt (anti-metaphysischer Ansatz) geben kann. Alle Erkenntnis – auch die nach wissenschaftlichen Methoden gewonnene – wäre demnach lebensweltlich gebundene Erkenntnis. Auf der anderen Seite bedeutet Lebenswelt im Gegensatz zur „Natur“ das Reservoir an eingelebtem Wissen und Traditionen, das über Sozialisation und Erfahrung die Wahrnehmung des Individuums und dessen Handeln alltäglich prägt. Da sich die Lebensbedingungen historischkulturell und individuell entwickeln und sich zudem jeder Mensch subjektiv Bedeutungen erschließt, also das Erleben auf die Definition von Situationen Einfluss hat, ergibt sich die „Subjektivität der Lebenswelt […] also im doppelten Sinne: Einmal dadurch, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen unterscheiden. Zugleich aber auch dadurch, dass sich die Menschen selbst unterscheiden (in ihrer physischen und psychischen Ausstattung). Es unterscheidet sich also zum einen das, was wahrgenommen wird, zum andern aber auch, wie etwas wahrgenommen wird“ (Kraus 2006, 122). Dennoch wird bei der Wahrnehmung immer auf schon bestehende Bedeutungen und damit auf Strukturen zurückgegriffen (vgl. Kraus 2006, 120); dies ermöglicht und erzeugt Intersubjektivität (im Gegensatz zur Annahme einer objektiven, vom Bewusstsein unabhängigen Erkenntnis). Das subjektive Sinnempfinden des Einzelnen ist hochgradig mit dem sozialen Sinn verbunden. Man könnte also vereinfacht sagen, dass zwar ein Unterschied zwischen der objektiven Realität (Natur) und der menschlichen Wirklichkeit als Lebenswelt angenommen wird, aber objektive Strukturen und zwar eben nicht nur physisch-materielle, sondern auch soziale Strukturen durch gemeinsames Handeln hervorgebracht werden und dass sie unabhängig vom individuellen Bewusstsein existieren und dieses prägen [→ II Sinn/sinnhaftes Handeln und der Aufbau der sozialen Welt].
Damit entsteht ein Spannungsfeld der Begriffsbedeutung zwischen einer allgemeinen und grundsätzlichen Bestimmung des in der und Wesens des Menschen und einer Auffassung von Lebenswelt als der konkreten, sich historisch-kulturell wandelnden , einer allgemeinen phänomenologischen Wissenschaftstheorie [→ I Phänomenologie] und Ontologie (nach Husserl) auf der einen Seite und einer speziellen für die Entwicklung von Basisbegriffen der Soziologie begründeten Phänomenologie (nach Schütz), die den sinnhaften Aufbau der sozialen Welt handlungstheoretisch basiert beschreibt, auf der anderen Seite. Dieser phänomenologische Anspruch steht im Gegensatz zu solchen soziologischen Begründungszusammenhängen, die den sozialen Strukturen gleichsam eine vom individuellen Handeln unabhängige, eigenständige Wirkung als „soziale Tatbestände“ (Auguste Comte) zusprechen. Wissenschaftshistorisch grenzen sich beide Bestimmungen von der logisch-analytischen Wissenschaftstheorie des Wiener Kreises und vom sogenannten Positivismus [→ I Empirismus und Positivismus] ab, der gerade umgekehrt einen freien, unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit annimmt. Demnach wäre es doch möglich, empirisch-synthetische Sätze, also Aussagen über erfahrbare Phänomene der Wirklichkeit, zur Basis Erkenntnis zu machen, auf die (über Vorschriften der wissenschaftlichen Methode) auch alle logisch-analytischen Sätze theoretischen Sätze rückführbar sind [→ I Erklären und Verstehen; → I Kritischer Rationalismus].
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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