Lebenslinien nachgezeichnet ... bis Langenhorn -  - E-Book

Lebenslinien nachgezeichnet ... bis Langenhorn E-Book

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Beschreibung

Wer wissen will, wer er ist, muss wissen, woher er kommt, um zu sehen, wohin er will! (Jean Paul, 1763-1825) Ein Jahr lang hat die Biografiegruppe Interviews mit Männern und Frauen aus der St. Jürgen-Zachäus Gemeinde in Hamburg-Langenhorn oder Menschen aus dem Bekanntenkreis geführt. Neben Alltagsszenen wie Schulweg, Spiele, Essen oder Sprüche der Eltern wurden die großen Erlebnisse wie Krieg, Verlust der Heimat oder Überleben nach der „Stunde Null“ nachgezeichnet, oft zum ersten Mal. Zeitzeugen und Biografen spürten: Die Arbeit an der Lebensgeschichte bedeutet Begegnung mit sich selbst und mit anderen, mit Vergangenem und Gegenwärtigem. Für die vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre, für Ernstes und Fröhliches, Zeitloses und Persönliches dankt die Biografiegruppe den Zeitzeugen mit diesem Buch herzlich.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2015

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von der Biografiewerkstatt

der Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Jürgen-Zachäus in Hamburg-Langenhorn

Autoren:

Renate Blobel

Karin Hiller

Wolfgang Peper

Susanne Rohde

Wolfgang Trautmann

K. Maria Trüggelmann

Ursula Weise

Birgit Wiedenmann-Naujoks

Liebe Leserin, lieber Leser,

Lebenslinien sind unverwechselbare Spuren in unseren Händen. Sie erinnern an die Einzigartigkeit jedes Menschen.

Als wir uns im Dezember 2013 zu einer Biografiegruppe in unserer Kirchengemeinde St. Jürgen-Zachäus versammelten, hätten wir nicht geglaubt, jetzt ein Buch unserer Arbeit vorstellen zu können: „Lebenslinien nachgezeichnet… bis Langenhorn“. Neben einigen autobiografischen Texten enthält es überwiegend Interviews von Menschen aus unserer Langenhorner Nachbarschaft. Wir, 11 Frauen und Männer im Alter zwischen 50 und 87 Jahren, trafen auf große Offenheit für unsere Interview-Anfragen. Oft war es das erste Mal, dass jemand seine Lebensgeschichte einem zunächst fremden Menschen anvertraute, auch Schmerzhaftes oder Unbewältigtes. Krieg, Gefangenschaft, Hunger, Flucht und Vertreibung prägen das Leben vieler Menschen immer noch, bis hin zur Generation der Kriegsenkel.

Biografie-Arbeit, das lernten wir, bedeutet Begegnung mit sich selbst und mit anderen. Wer seine Lebensgeschichte erzählen will, braucht ein Gegenüber, das einfühlsam zuhört, ohne zu bewerten. Und wer sein Ohr leiht (und seinen Schreibstift), entdeckt einen Schatz, der ihm nicht gehört, der aber das Staunen und manchmal Demut lehrt. Die „Welt von gestern“ mit ihren so ganz anderen politischen Rahmenbedingungen, Verkehrswegen, Essensritualen, Liedern, Kleidungsstücken, Arbeitsplätzen, Glaubenswegen und Träumen berührt immer wieder unsere Gegenwart.

Es gab Gänsehaut-Momente und Tränen, aber auch viel zu lachen und Mut zur Zuversicht. Selten reichte ein Interview aus. Manche Freundschaft ist aus den Treffen mit den Interviewpartnern und in unserer Gruppe entstanden. Einige suchten sogar gemeinsam die Kindheitsspuren ihrer Heimat auf.

Ein großes Dankeschön gilt allen, die zur Herstellung dieses Buches recherchiert, korrekturgelesen und Gestaltungsvorschläge entworfen haben. Befragte, Erzählende und das Autorenteam wünschen Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Freude beim Lesen und Staunen.

Der Prophet Jesaja schreibt:

„Gott spricht: Ich will deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet“.

Wolfgang Peper

Inhalt

Und trotzdem ein erfülltes Leben

Zufälle – die Dinge, die Gott uns zufallen lässt

Gefangen – Gelitten – Glück gehabt: Ein Nachkriegsschicksal in Ostdeutschland

Kolumbien und Porzellan

Lasst Euch nicht zum Hass verleiten!

Dortmund – Berlin – Frankfurt/Oder – Graz – Flensburg – Hittfeld – Hamburg Stationen in Glück und Leid

Das Fotoalbum eines Kriegskindes

Es begann in der Elchniederung Hirsebrei und Kälberzähne

„Es war ein Land“… Eine Art Epilog

Kinderland? Verschickt!

Lebendfalle

Vorfreude aufs Fest

Vor Weihnachten

Und trotzdem ein erfülltes Leben

Aufgezeichnet 2014 von Ursula Weise

Leni hatte eine glückliche Kindheit - mit einigen Einschränkungen. Geboren ist sie 1924 in einem kleinen Dorf am Niederrhein mit einer riesengroßen katholischen Kirche. Als evangelisches Kind gehörte man damals nicht so richtig dazu. Zu gerne wäre sie bei den vielen Prozessionen im Dorf auch als weiß gekleidetes „Engelchen“ mitgelaufen, aber das ging ja nicht.

Wenn sie und ihre ältere Schwester mit der Tante im Dorf spazieren gingen, hörte sie oftmals die Leute sagen: „Was haben sie nur für eine hübsche Nichte, Fräulein R.“ Da war aber nicht sie gemeint, sondern ihre hübsche Schwester. Das tat schon etwas weh.

Dafür hatte sie aber ein ganz besonders vertrautes Verhältnis zu ihrem Vater. Der war Studienrat in der nächstgelegenen Stadt und betrieb als Hobby zu Hause eine Obstplantage. Leni half ihm besonders gerne und eifrig und erntete viel Lob vom Vater. Sie war lebhaft, neugierig und immer in Bewegung - der Schorf an den Knien heilte nie richtig ab. Als die große Schwester schon zu der Fraktion der Frauen im Haus zählte, fühlte sie sich immer als die kleine Unwissende. Irgendwann wurde sie dann vom Vater aufgeklärt. Ja - sie war ein richtiges Papa-Kind. Besonders ist ihr die Enttäuschung in Erinnerung, als der Vater sie einmal ungerecht behandelt hatte. Der Vater entschuldigte sich bei ihr und schenkte ihr ein schönes Bilderbuch und ein Gedicht. Leni war aber noch weiter bockig und hat sich dann sehr geschämt, als der Vater ihr eindringlich klarmachte, dass man Entschuldigungen auch annehmen muss.

Als die ersten Auswirkungen der ungeliebten nationalsozialistischen Regierung zu spüren waren, wurde in der Familie die Parole ausgegeben: „Was am Tisch zu Hause geredet wird, dringt nicht nach außen.“ Die beiden Mädchen durften nicht in den BDM eintreten und sollten sagen, wenn sie von Lehrern bearbeitet werden sollten, warum nicht: „Da müssen sie unseren Vater fragen.“ Weitere Begründungen gab es nicht. Der Vater selbst war nicht in der Partei und auch nicht dem nationalsozialistischen Lehrerbund beigetreten.

Leni1927

Bei einem Spaziergang mit dem Vater fiel Leni auf, dass ein dem Vater bekannter jüdischer Kollege aus dem jüdischen Waisenhaus die Straßenseite wechselte, als er den Vater von weitem erkannte. Später wurde ihr klar, dass der jüdische Kollege verhindern wollte, dass der Vater Schwierigkeiten bekäme, da es verboten war, Juden zu grüßen. Der Vater war politisch ein mutiger Mann, hat aber wohl keine größeren Probleme bekommen.

Für die Kinder war es wieder eine Ausgrenzung, nicht die BDM-Veranstaltungen mitmachen zu dürfen, nicht diese interessanten Schuhe mit Nägeln auf den Sohlen tragen zu dürfen, die bei den Aufmärschen so schön klackerten. Stattdessen musste eine Lehrerin die Kinder unterrichten, die davon nicht gerade begeistert war.

Nach der Schulzeit musste Leni zum Arbeitsdienst nach Steinkirchen im Alten Land. Danach wurde sie zum Kriegshilfsdienst in eine Munitionsfabrik in Munsterlager geschickt. Nach kurzer Zeit fühlte sie sich krank, schwach und elend. Der Arzt guckte ihr in den Hals und befahl: „Weiterarbeiten“. Man dachte wohl, sie wäre eine Simulantin. Kurz darauf fand eine Lungen-Reihenuntersuchung statt und dabei wurde bei Leni eine Tuberkulose festgestellt. Die Entfernung aus der Fabrik erfolgte sofort. Nach einer Kur im Schwarzwald wurde sie als geheilt entlassen und konnte ihre Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin in Gelsenkirchen im Ruhrgebiet beginnen.

Zur ersten Prüfung als medizinische Gehilfin „durfte“ sie mit dem Fahrrad vom Niederrhein ins Ruhrgebiet fahren. Sie hatte von den Amerikanern, die gerade vorher auf der Höhe des Dorfes den Rhein per Pontonbrücke überquert hatten, einen Passierschein für die andere Besatzungszone bekommen.

Zur Zeit der zweiten Prüfung zur MTA hatte Leni einen Rückfall; die TB war zurück und sie konnte nicht an der Abschlussprüfung teilnehmen. Durch eine kurzfristige Aufforderung einige Wochen später konnte sie krank, fiebrig und unvorbereitet doch noch ihre Prüfung nachholen. Sie kann sich an keine Details dieser Prüfung erinnern und meint heute, sie hätte die Note 1 wahrscheinlich aus lauter Mitleid der Ausbilder bekommen.

Inzwischen war die schwer geschädigte Lunge so angegriffen, dass sie wieder ins Krankenhaus und zur Kur musste, diesmal nach Warstein im Sauerland. In dieser Heilstätte wurde sie auch in ihrem Beruf MTA im Labor angestellt und war gleichzeitig gesundheitlich unter Kontrolle.

Leni meint, dass sie mehr als zwei Jahre ihres Lebens wegen ihrer Krankheit im Bett liegen musste. Aber, so bitter die Zeit der akuten Krankheit auch war - es gab noch keine wirklich wirksamen Medikamente gegen TB - so wertvoll war die Zeit in der Heilstätte. Sie hat viel Mitmenschlichkeit erfahren, viel Zugehörigkeit und viele gute Freundschaften und Beziehungen aufbauen können. Ihre Begabung zum Trösten und Einfühlen zeigte sich zum Beispiel, als eine Mitpatientin sagte: „Wenn ich sterbe, musst du aber da sein.“

Dazu kamen auch die wöchentlichen Briefe vom Vater, der ihr immer den Rücken gestärkt hat und mit seiner Liebe wie ein Schutzengel seine Hand über sie gehalten hat.

Leni hat ihre Freundschaften und Beziehungen auch nach ihrer Zeit in der Heilstätte stets weiter gepflegt.

Sie hat später geheiratet und ist inzwischen verwitwet. In ihrer humorvollen und lebensbejahenden Art hat sie auch heute noch einen größeren - wenn auch leider immer kleiner werdenden - Kreis von Bekannten und Verwandten von jung bis alt um sich versammelt. Sie ist ihnen Vertraute, Freundin und Beraterin.

Mit den Folge- und Spätschäden ihrer Krankheit musste sie immer wieder schwere Krisen durchstehen und sich durchkämpfen. Aber sie sagt heute: „Ich bin dankbar für ein sehr interessantes, erfülltes und zufriedenes Leben - und hätte nie gedacht, dass ich einmal so alt werden würde.“

Zufälle – die Dinge, die Gott uns zufallen lässt

Aufgezeichnet im Frühjahr 2014 von Birgit Wiedenmann-Naujoks

Im Frühsommer des Jahres 1928 erblickt Wilhelm in Swinemünde, der Stadt, die am Schnittpunkt der Inseln Usedom und Wollin liegt, das Licht der Welt. Vier Jahre später bekommt Wilhelm einen kleinen Bruder und nach weiteren vier Jahren eine kleine Schwester. 1928 beginnt die Weltwirtschaftskrise, die nachfolgend auch in Deutschland hohe Arbeitslosigkeit und großes soziales Elend bewirkt. Wilhelm bemerkt als Kind davon nichts, er hat eine wohlbehütete und glückliche Kindheit, die Familie muss keine Not leiden.

Innenansicht des väterlichen Geschäfts, 1947 von Wilhelm aus der Erinnerung gezeichnet

Der Vater hat in guter Lage mitten in der Stadt ein Geschäft für Spielwaren, Schreibwaren, Kunstgewerbe und Sportbedarf. Das Geschäft gehört in Kindertagen mit zum „Reich“ von Wilhelm. Peitschenkreisel und Brummkreisel sind zum Spielen vorhanden, mit dem Roller kann man die lange Geschäftsfront auf- und abfahren, es sind stolze 70 Meter. Es werden aber nicht alle Kinderträume wahr. Die wunderschönen, maßstabsgetreuen Schiffsmodelle aus Blei von Viking haben es Wilhelm schon früh angetan, zu gerne hätte er eines, nicht zum Spielen, denn dafür sind die Modelle nicht geeignet, aber zum Haben, zum Träumen. Wilhelm hat die Idee, sich zu Weihnachten und dem Geburtstag zusammen nichts außer einem solchen Modell zu wünschen, aber der Wunsch wird nicht erfüllt. Fünf Mark soll ein solches Viking-Modell kosten, das ist einfach zu teuer.

Über dem Geschäft hat der Großvater väterlicherseits die Waschküche gebaut, er ist Tischlermeister. In der Waschküche steht u.a. der große Waschkessel auf dem Feuer. Das Waschen aller Wäsche geschieht natürlich von Hand, die Wäsche wird mit Wäscheblau zum Strahlen gebracht.

In Swinemünde werden auf einer Werft alte Schiffe abgewrackt, viele Materialien werden aber woanders weiterverarbeitet. So erwirbt der Großvater die Decksplanken, die aus Teakholz sind, um aus ihnen Möbel und Gebrauchsgegenstände herzustellen. Oft sieht Wilhelm die Werke, die der Großvater aus Teak gearbeitet hat, und bis auf den heutigen Tag ist Teak Wilhelms Lieblingsholz. In späteren Jahren wird er sich alle Möbel und Einrichtungsgegenstände aus diesem Holz kaufen, weil er es so gerne mag.

In der Vorweihnachtszeit bekommen die Kinder „wichtige“ Aufgaben im Geschäft. Sie dürfen die Waren, die die Kunden sich ausgesucht haben, zum Packtisch tragen. Sie erfüllen diese Aufgabe mit sehr großem Stolz und Eifer.

In den Sommerferien verbringen die Kinder herrliche Zeiten bei den Großeltern mütterlicherseits in Wollin. Der Großvater besitzt eine Werft, dort können die Kinder wunderbar spielen. Auch wird oft das Ruderboot benutzt, um auf dem Dievenow-Strom zu rudern. Aber die Kinder lernen auch segeln. Zu Segelbooten umgebaute Ruderboote oder auch kleine Segelboote beherrschen die Kinder bald perfekt. Besonders stolz sind sie, als sie dem Großvater verkünden, dass sie nun auch das Wriggen beherrschen.

Panorama von Wollin, 1947 gezeichnet von Wilhelm

Der Vater hatte nach dem ersten Weltkrieg den Wunsch, Förster zu werden. Daraus wurde zwar nichts, aber ein guter Freund des Vaters ist Förster, und so verbringt die Familie auch viel Zeit dort. Dem jungen Wilhelm wird die Natur gezeigt, er lernt z.B. Flugbilder von Habicht und Mäusebussard unterscheiden und stromert oft lange in den herrlichen Kiefernwäldern Usedoms herum, um Wild und Natur zu beobachten. Ich meine förmlich, den harzigen Duft der Kiefern an einem Sommertag zu riechen, als mein Gesprächspartner erzählt. Ausgerüstet mit einem Fernglas und daheim mit dem „Neudammer Förster-Lehrbuch“ für angehende Förster hat er bald ein ansehnliches Fachwissen. So kann er beispielsweise die lateinischen Namen einiger Tiere und Pflanzen auswendig.

In der Volksschule ist ein guter Sportsfreund des Vaters der Klassenlehrer. Wilhelm gehört zu den fünf leistungsstärksten Schülern, welchen eine besondere Aufgabe zufällt. Sie korrigieren die Hausaufgaben der Mitschüler.

1938 wechselt Wilhelm von der Volksschule auf die städtische Oberschule für Jungen, die Tirpitz-Schule, und er kommt, wie alle anderen seines Jahrgangs, zum Deutschen Jungvolk, später natürlich auch zur Hitlerjugend. Die Uniform trägt er mit einem gewissen Stolz.

Am Gymnasium wird Wilhelms Klasse in Kunst von einem Kunstmaler unterrichtet. Wilhelm hat zum Malen und Zeichnen Talent, und so kann er alle Kniffe und Tricks in Bezug auf Perspektive, räumliche Darstellung usw., die der Kunstlehrer den Schülern zeigt, sehr gut umsetzen.

Der Schreibtisch von Wilhelm ist immer aufgeräumt, jedes Ding hat seinen festen Platz. Auch im zwischenmenschlichen Bereich spielen Regeln eine sehr große Rolle. Als der Vater eine Regel bricht, wird er vom Sohn über eine lange Zeit als Strafe für den Regelbruch gesiezt.

Als nach der Geburt der Schwester eine Tante verkündet :„Wilhelm, Deine Mutter hat heute früh ein Schwesterchen erwartet“, da korrigiert der Achtjährige sie ohne zu zögern: „Tante, die Mutter hat das Schwesterchen heute früh nicht „erwartet“, sondern „bekommen“, so muss das heißen.“ Von der Tante wird er daraufhin als „Klugscheißer“ bezeichnet.

Diese Ordnungsliebe behält Wilhelm sein ganzes Leben bei, Regeln und Ordnung werden immer eine wichtige Rolle spielen. Wilhelm sagt, er sei schon als „Pedant“ geboren worden.

Dennoch verfällt Wilhelm irgendwann in der Oberschule ein wenig der Faulheit, seine Noten werden schlechter, er bekommt „Nachhilfe“. Diese besteht allerdings nur darin, dass der ein paar Jahre ältere Schulkamerad Horst aufpasst, dass Wilhelm seine Hausaufgaben auch tatsächlich macht. Der gewünschte Erfolg stellt sich schnell ein.

Der Vater von Horst ist der Hausarzt der Familie, Horst selber wird später ein berühmter Arzt und Diabetologe werden. Der Hausarzt, Jude, ist aber zugleich auch ein Freund. Und so ist die Familie sehr verwundert, dass der Freund eines Tages von heute auf morgen verschwunden ist. Die nichtjüdische Ehefrau und die Kinder sind nicht verschwunden. Nach drei Wochen taucht der Freund plötzlich wieder auf und wird natürlich bekniet zu berichten, wo er war und was ihm in der Zwischenzeit widerfahren ist.

Aber der Freund schweigt. Über die Erfahrungen dieser drei Wochen wird er nie sprechen, er sagt lediglich, er sei im KZ gewesen und habe unter Androhung des Todes versprechen müssen, nie ein Sterbenswörtchen verlauten zu lassen.

Wilhelms Familie stellt nach dem Krieg Recherchen an, weil die Sache so merkwürdig ist. 1918 war Hitler in Pasewalk im Lazarett, um sich von seinen Verletzungen, die er bei einem Senfgasangriff erlitten hatte, kurieren zu lassen. Einer der behandelnden Ärzte war wohl eben dieser Freund. Und Hitler hat die Hilfe, die er von ihm erfahren hat, wohl nie vergessen, und so hat entweder Hitler selber oder Goebbels im Auftrag Hitlers die Freilassung von Horsts Vater angeordnet. Bis zum Kriegsende kann der Arzt daraufhin unbehelligt weiter in Swinemünde leben.

1936, also lange bevor der Krieg beginnt, werden die Geschäftsleute praktisch gezwungen, der NSDAP beizutreten. Der Vater umgeht diesen Zwang, indem er sich freiwillig zum Militärdienst meldet. Er hat so auch die freie Wahl, wo er eingesetzt werden möchte. Und als der Krieg beginnt, muss er nicht am Russlandfeldzug teilnehmen, sondern bleibt in Swinemünde auf der Festung Engelsburg stationiert.

Als das Memelland 1939 wieder mit dem Deutschen Reich vereint wird, reist Hitler auch durch Swinemünde. Die „Rückholung“ des Memellandes stößt in der Bevölkerung auf breite Zustimmung, und so wird Hitler an allen Stationen seiner Reise planmäßig bejubelt. In Swinemünde wird auch das Jungvolk zum Jubeln und „Heil“-Rufen abkommandiert. Wilhelm ist noch recht klein. Er wird von einem großen, fast schon erwachsenen Jugendlichen auf die Schultern genommen. So ist er beinahe auf Augenhöhe, als der Zug mit dem grüßenden Hitler langsam vorbeirollt. Wilhelm ist stolz, so einen guten Aussichtsplatz gehabt zu haben, aber er ist nicht begeistert, nicht emotional berührt, wie wohl viele andere.

Auch Wilhelms Mutter, überzeugt, dass Hitler ein „Mistkerl“ ist, will sich diesen Mann einmal aus der Nähe besehen und nutzt die Gelegenheit, als dieser durch Swinemünde reist. Hinterher sitzt sie tränenüberströmt zu Hause. Wilhelm kann sich nicht erklären, warum die Mutter denn so weint, und so fragt er nach. Ja, sagt daraufhin die Mutter, sie sei doch absolut gegen Hitler eingestellt, sie fände den Mann furchtbar, und dennoch habe sie beim Vorbeifahren Hitlers wie von Sinnen aus Leibeskräften „Heil“ gebrüllt, ganz gegen ihre innere Überzeugung. Dass das gemeinsame Jubeln so sehr mitreißend wirkt, findet sie sehr erschreckend. Die Massensuggestion wirkt also.

Wilhelm erhält Klavierunterricht, der ihm aber nicht sonderlich gut gefällt. Clementi empfindet er als Geklimper und nicht als erstrebenswert zu spielende Musik. So übt Wilhelm auch mehr halbherzig als intensiv. Ein Schulkamerad in späteren Jahren kann sehr gut Klavier spielen und ist wohl auch sehr talentiert. Er spielt eines Tages die Invention Nr. 8 in F-Dur von Johann Sebastian Bach, und als Wilhelm das hört, ist es für ihn wie eine Offenbarung, so klar, so wunderschön, so erhaben empfindet er diese Harmonien! Die tiefe Begeisterung für Bachs Musik soll das ganze Leben lang erhalten bleiben.

Am 21. März 1943 wird Wilhelm in der Christuskirche von Pastor Graeber konfirmiert.

Wilhelm wird 1943, wie so viele andere, sogenannter „Kriegsfreiwilliger“. Die angebliche Freiwilligkeit wird durch massiven psychologischen Druck erreicht. Pro forma werden die Anwesenden gefragt, wer sich nicht melden wolle. Die wenigen, die tatsächlich vortreten, werden dann vor versammelter Mannschaft nach allen Regeln der Kunst schikaniert und niedergemacht. Als Wilhelm das mitbekommt, erkennt er, wie aussichtslos es ist, sich aufzulehnen, und macht stillschweigend mit.

Die „Freiwilligen“ werden aber nicht einfach so zu Kriegsdiensten eingesetzt, sie werden dem ganz normalen Prozedere des Militärs unterzogen. Das heißt, sie alle müssen sich mustern lassen. Tatsächlich werden einige der Jugendlichen nicht als k.v., also „kriegsverwendungsfähig“, eingestuft. Die k.v. – Gemusterten empfinden trotz ihrer „unfreiwilligen Freiwilligkeit“ einen gewissen Stolz, ihrem Vaterland dienen zu können, die als nicht kriegsverwendungsfähig Eingestuften empfinden das als Makel.