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Westdeutsche Provinz in den neunziger Jahren: Fertighäuser auf der einen, traditionelle Höfe auf der anderen Seite des Dorfes. Ein Sportplatz, eine Gastwirtschaft, ein Bäcker, eine Buswendeschleife. Und: ein Versicherungsbüro. Die Ich-Erzählerin in Kathrin Bachs Prosadebüt wird in eine Kaufmannsfamilie hineingeboren. Ihre Eltern führen fort, was die Großväter nach dem Krieg in die aufstrebenden Dörfer brachten: den Verkauf von Versicherungen. Mit dem Geschäft zieht bescheidener Wohlstand ein – aber auch eine über allem schwebende Angst. Denn die nächste Katastrophe ist immer nur einen Anruf entfernt. In Kathrin Bachs "Lebensversicherung" fügen sich Erinnerungen, Bilder und Listen zu einer tragikomischen Familiengeschichte zusammen. Sie erzählt von der so deutschen Sehnsucht nach Sicherheit – und der Erfahrung, dass man sich von Risiken und Gefahren nicht freikaufen kann. Von einem Milieu, in dem Zeit Geld ist und Freiheit sich auf zwei Wochen Urlaub im Jahr beschränkt. Und von einer Protagonistin, die sich ihren Ängsten stellt, um sich schreibend ihrer Lebendigkeit zu versichern.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Autorin dankt dem Berliner Senat für dasRecherchestipendium und dem Künstlerhaus Lauenburgfür das Aufenthaltsstipendium.
KATHRIN BACH
ROMAN
To the skyTo the mountainTo the riverTo the valleyTo my hometownTo my countryTo the place where I was born
To my motherTo my fatherTo my sisters and my brothersTo my friends and myselfAnd to those I love so well
The Kelly Family
Dank
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Über den Autor
Seinen Versicherungsbedarf kann nur erkennen,wer weiß, welche Versicherungen es gibt.
Hans Dieter Meyer, Ratgeber Versicherung
Ach, was könnte nicht alles geschehn.
Franz Kafka, Der Bau
Es müsste eine Versicherung geben,die nicht von dieser Welt ist.
Ingeborg Bachmann, Malina
Ich bin vierunddreißig Jahre alt und habe Angst.
Ich habe Angst vor jedem der leuchtenden Fenster des Urbankrankenhauses auf der anderen Seite des Kanals und vor dem Blaulicht, das jetzt in die Tram hineinflackert.
Ich habe Angst vor Wartezimmern. Ich habe Angst vor vier johannisbeerroten Röhrchen in einer Nierenschale, vor Nierenschalen und Infusionsständern. Ich habe Angst vor den eiligen Schritten von Sanitätern, ihren festen Schuhen. Ich habe Angst vor dem weißen Licht hinter den Scheiben des Rettungswagens, den zackigen Bewegungen dahinter, vor den ratternden Rollen der Trage und der Stille nach dem Zuschlagen der großen Türen. Ich habe Angst vor Krankenhausparkplätzen und vor Krankenhausparkhäusern, vor Krankenhaustreppenhäusern und Liegend-Anfahrten. Ich habe Angst vor sich automatisch öffnenden Türen und dem Wort NOTAUFNAHME. Ich habe Angst vor langen, grell ausgeleuchteten Gängen und vor Aufzügen, in die sich ein Bett hineinschieben lässt. Ich habe Angst vor Krankenbetten mit Plastiküberzug und vor den Körpern unter der kamillenteegelben Bettwäsche, vor Schläuchen und Beuteln und Pflastern, vor Binden und Gips und Mull.
Ich habe Angst, seitdem ich drei bin. Ich habe meine Angst und die Angst meiner Mutter. Ich habe die Angst meines Vaters. Die Angst von Oma F und Opa F. Die Angst von Oma G und Opa O. Ich habe die Angst unseres Dorfes und die Angst des Neubaugebiets. Ich habe Angst, weil immer was passieren kann.
Ich habe alle Versicherungen. Ich habe eine Haftpflichtversicherung, eine Hausratversicherung, eine private Krankenzusatzversicherung mit Chefarztbehandlung und Zweibettzimmer im Krankenhaus, eine Berufsunfähigkeitsversicherung und eine Reisekrankenversicherung. Eine Unfallversicherung, eine Zahnzusatzversicherung, eine freiwillige Arbeitslosenversicherung und eine Lebensversicherung.
Meine Eltern verkaufen Versicherungen. Für alles, was passieren kann.
Ich schreibe. Über das, was passiert ist.
Eine Wohngebäudeversicherung sichert Häuser vor Schäden durch Feuer, Sturm oder Leitungswasser ab.
Die Gebäudeversicherung ist nicht verpflichtend, aber für Eigentümer einer Immobilie empfohlen. Denn sie schützt Sie vor dem finanziellen Ruin und erstattet Kosten für Reparaturarbeiten bis hin zum Wiederaufbau des Gebäudes.
Ich träume, dass ich mit meinen Eltern durch mein Dorf fahre, aber das Dorf nicht wiedererkenne. Ich träume, dass ich frage, ob das neu sei und das und sie sagen, nein. Ich träume, dass ich vor meinem Elternhaus aussteigen will, aber die Haltestelle nicht finden kann.
Unser Dorf beginnt mit einem gelben Ortsschild und endet mit einem gelben Ortsschild.
Durch das Dorf fließt ein schmaler Fluss, parallel dazu eine Hauptstraße, die sich als Bundesstraße von Dorf zu Dorf schlängelt und so die kleinen Städte der Gegend verbindet. Die Bundesstraße eine lange lockige Haarsträhne. Die Dörfer wie Knoten, die sich nicht aus ihr rauskämmen lassen.
Fluss und Hauptstraße trennen unser Dorf in zwei Teile. Auf der einen Seite wohnen die Eltern, auf die andere Seite ziehen ihre Kinder, um dann selbst Eltern zu werden. Aus Bauplätzen werden irgendwann Baustellen, aus Baustellen werden irgendwann Häuser.
Das Dorf liegt da, wie ich das Kartoffelpüree auf dem Teller anrichte, so, wie es mir meine Mutter vorgemacht hat: Eine große Kelle weiche Masse in die Mitte des Tellers klecksen und mit dem Löffel eine tiefe Kuhle in die Mitte drücken. Danach die braune Sauce hineinschütten und beobachten, wie sie zu einem kleinen See wird. Ein brauner sämiger See, die Ufer aus mürbem Püree. Beides verbindet sich, wenn ich mit dem Löffel hineinfahre und die frisch entstandene Landschaft wieder zerstöre. Ich führe sie in meinen Mund. Sie schmeckt so, wie es in der Küche riecht.
Das Dorf liegt wie die braune sämige Sauce in der Mitte, drumherum liegt eine Kette aus Hügeln. Der Hügel, auf dem der Friedhof liegt. Der Hügel, auf dem der Grillplatz liegt. Der Hügel mit den verpachteten Fischteichen. Der Hügel, auf dem wir mal versuchen, einen Drachen steigen zu lassen.
Bewaldete Hügel, die ich immer und überall sehe, wenn ich rausschaue. Als hüteten sie das Dorf.
Im Dorf gibt es eine Buswendeschleife, einen Sportplatz und ein Dorfgemeinschaftshaus mit Gastwirtschaft, das irgendwann abbrennt. Es gibt Vereine, die seit Jahrhunderten existieren, und Feste, die schon immer gefeiert werden. Es gibt Höfe und Ställe, die beim Vorbeigehen nach den Tieren riechen, die dort bis zum Schlachttag gehalten werden. Es gibt Wurstküchen und einen Bäcker. Es gibt Spitznamen, die alle kennen. Maggi. Stift. Boss. Es gibt das Neubaugebiet.
Sonst gibt es nichts.
man nickt
man streckt den rechten Zeigefinger in die Höhe,während man mit den restlichen Fingernweiterhin das Lenkrad umklammert
− Gude!
− Gude!
1990 kaufen meine Eltern ein Fertighaus, das innerhalb weniger Tage von einem Kran zusammengesteckt wird. Ich bin ein Jahr alt und bekomme ein eigenes Zimmer.
RÄUME IM UNTERSTEN GESCHOSS DES HAUSES
Versicherungsbüro (mit Kundentoilette)
Garage
Heizungsraum
Waschküche
RÄUME IN DER ERSTEN ETAGE
Wohnzimmer
Küche
Schlafzimmer
Kinderzimmer
drittes Zimmer
Badezimmer
Gästeklo
Im Dachgeschoss lagert alles, wofür es unten keinen Platz gibt. Hinter dem Haus eine Terrasse, eine Tischtennisplatte, ein Teich, ein Gartenhäuschen, ein Pavillon, ein Garten am Hang. Dann beginnt der Wald.
Den Teil des Dorfes, in den das Haus meiner Eltern gestellt wird, nennt man das Neubaugebiet. Es liegt auf der Seite der Kinder.
Die ersten Häuser des Neubaugebiets werden Mitte der achtziger Jahre gebaut.
Inzwischen gibt es im Neubaugebiet dreißig Häuser. Es gibt dreiundzwanzig Massivhäuser und sieben Fertighäuser. Neunundzwanzig Einfamilienhäuser und ein Mehrfamilienhaus. In fünf Häusern gibt es Einliegerwohnungen.
Zu jedem Haus gehört mindestens ein Auto. Sie parken in Carports, Garagen oder am Straßenrand.
In einer Ecke des Neubaugebiets gibt es einen Spielplatz, auf dem niemand spielt. Die Kinder des Neubaugebiets spielen in den Gärten, auf der Straße oder drinnen. In den Gärten stehen Spielgeräte unterschiedlicher Größe und Preisklasse.
Als es noch keinen Spielplatz gibt, liegt eine Fläche zwischen zwei neu gebauten Häusern brach, die der Gemeinde gehört. 1994 schwenkt ein Kran zwei graue Container auf die Wiese. Kurze Zeit später zieht eine bosnische Familie dort ein. Eine der Töchter wird für eine Zeit meine Babysitterin.
Alle im Neubaugebiet wissen, wer wohin in den Urlaub fährt oder fliegt. Die einen fliegen immer nach Mallorca, die anderen fahren in ihre Hütte in den Bergen. Wer im Neubaugebiet nicht arbeitet, hat Urlaub. Urlaub ist die beste Zeit im Jahr.
Hinter zweien der Häuser gibt es einen in die Erde eingelassenen Pool. In den Gärten der anderen Häuser stehen meist kleinere Schwimm- und Planschbecken aus dem Baumarkt.
Im größten Haus des Neubaugebiets wohnt der Ortsvorsteher.
− Un, wie is?
− Immer so weider.
− Un, wie is?
− Muss.
Vor einem der Häuser steigt 2016 ein fünfundvierzigjähriger Mann in sein Auto und stirbt an einem Herzinfarkt, wenige Meter von seiner Wohnung entfernt. Das Auto war bei uns versichert.
Als ich fünf Jahre alt bin, fahre ich mit meinem Kettcar gegen ein anderes Kettcar. Danach ist mein Schneidezahn für mehrere Jahre braun.
In einem der Häuser erleidet eine alleinlebende Frau im Alter von sechsundsechzig Jahren einen Schlaganfall. Sie wird von einem Nachbarn gefunden, verbringt mehrere Monate in einer Klinik und lässt sich frühzeitig entlassen. Sie gibt an, die Nachbarn könnten sie pflegen. In ihrem Haus leben sieben Katzen. Sie sind alle bei uns versichert.
Aus einem der Häuser wandert 1998 eine Freundin von mir mit ihren Brüdern, ihrer Schwester, ihren Eltern und zwanzig Wüstenrennmäusen nach Norwegen aus. In ihrem Haus war es verboten, Scheiße zu sagen. Das Haus war nicht bei uns versichert.
In einem der Häuser trennt sich ein Paar. Frau und Tochter ziehen in die Stadt, der Mann mietet zwei Häuser weiter eine Einliegerwohnung.
In einem der Häuser erleidet der Stiefvater einer Freundin einen Herzinfarkt und stirbt im Schlafzimmer, in den Armen der Mutter meiner Freundin. Das Haus war ein von ihm selbst gebautes Massivhaus, eine jahrelange Baustelle. Es war bei uns versichert.
Wenn ein Krankenwagen durch das Dorf fährt, tatütata tatütata, wird gehorcht, wo er stehen bleibt. Pssst, horschemal. Wenn ein Krankenwagen vor einem der Häuser steht, rufen sich die Nachbarn an, sobald er weggefahren ist. Wer an der Hauptstraße wohnt, muss niemanden anrufen. Die einen strecken ihre Köpfe aus den Wohnzimmerfenstern, die anderen bleiben vor ihnen stehen und schauen hinauf.
Wenn jemand in unserem Dorf stirbt, läutet die Totenglocke. Sie ist leiser als die Glocken, die zur halben oder vollen Stunde läuten. Immer, wenn etwas Schlimmes passiert, wird meine Mutter von der Nachbarin angerufen. Zusammen kennen meine Mutter und die Nachbarin die Todesursache von schätzungsweise neunzig Prozent der Menschen aus dem Dorf.
Der Bestatter wohnt im Nachbardorf. Er kommt meistens mit dem großen Leichenwagen, manchmal aber auch mit einem kleinen privaten PKW. Alle erkennen den kleinen dunklen Peugeot des Bestatters aus dem Nachbardorf. Er ist bei uns versichert.
1. Doktor S oder einen Krankenwagen
2. die Polizei
3. meine Eltern
− Soar mol, is alles in Ordnung bei euch?
− Warum?
− Ei, euer Grab sieht jo schlimm aus, maanste nitt?
Der Löwenzahn blühd jo schon! Und die
Stiefmüdderscher gugge in die falsche Richtung!
Warum kümmert sich denn kaaner?
Mein Vater streckt mir seine rechte Faust entgegen.
− Nach was riecht die?
− Krankenhaus.
Mein Vater nickt. Mein Vater streckt mir seine linke Faust entgegen.
− Nach was riecht die?
− Friedhof.
Mein Vater nickt und grinst.
− Gut, Jupp.
Mein Vater nennt mich Jupp.
Ich bin sechs Jahre alt und weiß nicht warum.
Meine Mutter stammt aus unserem Dorf. Mein Vater stammt aus dem Nachbardorf. Zwischen den beiden Dörfern liegen acht Kilometer, viele Wiesen, viele Kurven, viel Wald und noch mehr Hügel. Die Dialekte der beiden Dörfer ähneln sich, unterscheiden sich aber bei einigen Wörtern sehr stark. Mein Vater hat eine große Schwester. Meine Mutter einen großen Bruder und eine kleine Schwester. Ich habe keine Geschwister.
Sowohl der Vater meiner Mutter (Opa F) als auch der Vater meines Vaters (Opa O) haben ebenfalls Versicherungen verkauft.
Meine Mutter ist die einzige Mutter im Neubaugebiet, die arbeiten geht.
Als ich im Kindergarten und der Grundschule bin, fährt sie dreimal die Woche, noch bevor ich wach werde, in die große Stadt und reguliert im Innendienst eines Versicherungsunternehmens Unfallschäden.
Als ich größer werde, erzählt sie mir von den spannendsten Unfällen, den Obduktionsberichten und den Äpfeln, die sie beim Lesen isst.
Immer, wenn ich Rolltreppe fahre, denke ich zum Beispiel an die Frau mit den langen offenen Haaren, die sich bücken wollte, um etwas aufzuheben, und dabei skalpiert wurde.
− Als ich fertig war mit der Realschule, mittlere Reife, hat der Papa gesagt: Ach, du bist doch so gut in Mathe und das wär doch gut, wenn du was Kaufmännisches lernst. Bewerb dich doch mal bei der Versicherung und bei der Bank. Und die Versicherung hat zuerst geschrieben, dass ich kommen sollte zum Gespräch. Und dann war ich dort und hab die Prüfung gleich bestanden und sie haben dann gesagt: Sie können sofort kommen. Und dann hab ich den Papa gefragt, was er meint. Na, dann machs doch! Und dann hab ich zugesagt. Und so kam ich zur Versicherung. Eigentlich wollte ich gerne Innenarchitekt werden. Aber dafür hätte ich ein Studium gebraucht oder vorher eine Lehre als Schreiner. Und da hat mein Vater gesagt, das wär doch nichts für ein Mädchen, für mich.
− Ich war mir unschlüssig. Erst hab ich Bundeswehr gemacht, da wollt ich eigentlich Offizier werden. Da hab ichs abgebrochen, dann hab ich studiert: Volkswirtschaft, Soziologie, Politik und Publizistik. Dann hab ich nebenher Geld verdient und dann hab ich gesagt: Komm, hörste auf mit dem Studium, lernst nen Beruf, nen kaufmännischen Beruf, Reiseverkehrskaufmann. Hat sich ergeben, hat mir auch gefallen. Weil ich immer gern Erdkunde hatt und so weider und so fott.
Mein Vater ist vierundzwanzig und Reiseverkehrskaufmann, als er bei dem großen Versicherungsunternehmen anfängt, bei dem auch sein Vater (Opa O) angestellt ist.
Aus dem Reiseverkehrskaufmann wird jetzt ein Versicherungskaufmann. Aus dem Versicherungskaufmann dann ein Bezirksleiter in der großen Stadt. Aus dem Bezirksleiter in der großen Stadt dann ein Generalvertreterinspektor im Dorf seines Schwiegervaters (Opa F). Aus dem angestellten Generalvertreterinspektor im Büro von Opa F wird ein selbstständiger Hauptvertreter im Neubaugebiet. Und aus dem Hauptvertreter im Neubaugebiet wird schließlich ein Generalvertreter im Neubaugebiet.
Als meine Mutter von zu Hause ausziehen will, ist sie fünfundzwanzig und hat ein gutes eigenes Einkommen. Sie wohnt mit ihren Eltern und ihrer Schwester in dem Haus, das ihr Vater und ihr Bruder erst vor einiger Zeit haben bauen lassen. Im oberen Geschoss liegen die Wohnräume, im Erdgeschoss sind die Versicherungsagentur von Opa F und das Steuerbüro meines Onkels untergebracht. Unten wird gearbeitet, oben führt Oma F den Haushalt für alle.
Meine Mutter fährt von Montag bis Freitag in das große Versicherungsunternehmen in der Stadt und am Wochenende in eine der Diskotheken, die es damals noch in der Nähe des Dorfes gibt. Sie bestellt sich Bitter Lemon und weiß genau, wie die Songs heißen, die gespielt werden. Ihr Haar ist ganz dunkel und ganz lang, ihre Schlaghosen auch.
Als sie einmal zur Diskothek aufbrechen will, ist Oma F gerade am Bügeln. Komm mal her, sagt Oma F. Ihre Hose sei ja ganz knitterig. So könne sie nicht aus dem Haus gehen. Sie hält das Bügeleisen auf den Oberschenkel meiner Mutter. Meine Mutter schreit kurz auf. Dann rennt sie das Treppenhaus hinunter und setzt sich in ihren weißen Opel Kadett. Die Hose sei beim Tanzen immer enger geworden. Am engsten sei sie gewesen, als sie nachts versucht hätte, sie auszuziehen. Der nackte Oberschenkel so rot und heiß wie ein Stück Kasseler.
Mit fünfundzwanzig findet meine Mutter eine Einliegerwohnung im Nachbardorf. Zwei Zimmer, Küche, Bad, die Vermieter wohnen im selben Haus und sind sehr nett. Ihr Vater ist dagegen. Warum sie ausziehen wolle, sie habe doch alles. Ausziehen könne sie immer noch, wenn sie einen Mann gefunden habe, einen zum Heiraten, einen für ein gemeinsames Haus im Neubaugebiet.
