Lebenswandel - Paula Abenau - E-Book

Lebenswandel E-Book

Paula Abenau

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Beschreibung

Nach dem ersten Teil "Kieler Geheimnisse" setzen sich nun mit dem zweiten Teil "Lebenswandel" die Geschehnisse in der Kieler Familie Mertens fort. Auswanderungspläne einiger Familienmitglieder stehen im Raum. Das Deutsche Kaiserreich geht unter. Erster Weltkrieg, rasende Inflation und Hungersnot begleiten auch die Kieler Bürgerinnen und Bürger. Die unpolitische Familie Mertens sieht jedoch optimistisch in die Zukunft.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2022

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   Paula Abenau

Lebenswandel

     Familien am Neubeginn

IMPRESSUM

Texte: Copyright by Paula Abenau

Umschlaggestaltung:  Copyright by

Paula Abenau unter Verwendung von

px pixabay.com

Verlag:

Paula Abenau

c/o autorenglück.de

Franz-Mehring-Str. 15

01237 Dresden

Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Mehr als die Vergangenheit                            interessiert mich die Zukunft,

denn in ihr gedenke ich zu

leben.

                         Albert Einstein

Die Familie

Johann-Gottfried Mertens

Schneidermeister

Maßschneiderei Mertens & Goldsteiner

Rebekka Mertens geb. Goldsteiner

Ehefrau

Künstlerin

Wilhelm Rabenhorst

Schneidermeister

Maßschneiderei Mertens & Goldsteiner

Karoline Rabenhorst geb. Mertens

Ehefrau von Wilhelm

Mutter von Ludwig (Luddi)

Künstlerin

Ludwig Johann Gottfried Rabenhorst (Luddi) (früher Mertens)

Bertha-Luise Rabenhorst

Tochter von Karoline und Wilhelm

Max Goldsteiner

Schneidermeister

Sohn von Rebekka Mertens

Maßschneiderei Mertens & Goldsteiner

Menswear & Silk

Golden Silk Collection

Friedrich Stubenrauch

Schneidermeister

Maßschneiderei Mertens & Goldsteiner

Menswear & Silk

Selma Stubenrauch gesch. Rathmann geb. Mertens

Ehefrau von Friedrich Stubenrauch

Schwester von Johann Mertens

Das Hauspersonal

Ernestine (Ernie) Stubenrauch

Witwe, Haushälterin

Mutter von Friedrich Stubenrauch

Marie Konradi

Hausmädchen

Mutter von Frieda

Frieda (Friedchen) Konradi

Hausmädchen

Tochter von Marie

Auguste Brockstedt

Köchin, Kaltmamsell

Hildegard Möller

Kinderfrau von Luddi und Bertha-Luise

Die Weiteren

Layton Widestone

alias Ludwig Breitenstein

geb. Ludwig Graf von Breitenstein zu Hohenfels

Schauspieler

Vater von Ludwig Rabenhorst

Vater von Louis Simmons

Mary Simmons

Balletttänzerin

Geliebte von Layton Widestone

Mutter von Louis Simmons

Helen Winter

Bürokraft

Gute Freundin von Layton

       1908 - 1914

Prolog

New York 1908

Ludwig Breitenstein ließ die Momente des Einlaufens in den New Yorker Hafen lange auf sich wirken. Das Passagierschiff  ‚Prinz Friedrich Wilhelm‘, ein Ozeandampfer des Norddeutschen Lloyds, hatte in Bremerhaven abgelegt und mit zwei Zwischenstopps in Southampton und Cherbourg nach neun Tagen sein Ziel im Morgengrauen erreicht.

Er schloss die Augen, atmete mehrmals die frische Seeluft ein und aus, nahm den Klang der Glocken wahr, die an die vielen Bojen klapperten. Er hörte unterschiedliche Signale kleinerer Boote und Fähren, die sich bereits auf dem Hudson River tummelten. Motorengeräusche, Typhone, Nebelhörner und das Hämmern auf Stahl vermischten sich zu einer harmonischen Melodie.

Ludwig stand nicht allein an der Reeling auf dem für die erste Klasse ausgewiesenen Oberdeck. Mit ihm hatten sich mehrere Gruppen, Paare mit und ohne Kinder sowie Alleinreisende in den frühen Morgenstunden aus ihren Kabinen getraut. Niemand wollte die Einfahrt in die Neue Welt versäumen.

Er genoss staunend den Anblick der mächtigen Freiheitsstatue, die mit ihrer Fackel am hochgestreckten rechten Arm jeden der Neuankömmlinge einzeln zu begrüßen schien. Langsam lichtete sich der Morgennebel und gab den imposanten Blick auf die Skyline von Manhattan frei.

Ludwig hatte sich für diesen besonderen Anlass entsprechend gekleidet. Seine hochgewachsene, sportlich schlanke Figur betonte er mit einem hellgrauen Anzug aus feinstem englischen Tuch und sein blaues Hemd zierte eine gestreifte Krawatte in blau-weiß-roten Farben. Unter den schmalen Hosenaufschlägen blitzten blank geputzte handgefertigte schwarze Lederschuhe heraus. Sein cremefarbener Strohhut strahlte von Weitem. Unter ihm schauten halblange brünett gewellte Haare hervor und ließen seine kantigen Gesichtszüge weich und anmutig erscheinen. Azurblaue Augen, die gerade schmale Nase und der präzise rasierte Schnauz- und Kinnbart rundeten sein elegantes Erscheinungsbild ab.

Mit einer Hand stützte er sich auf seinem Spazierstock ab, das rechte Bein lässig über das linke gekreuzt. Die andere Hand drückte er auf den leichten Hut, um zu verhindern, dass dieser ihm vom Kopf wehte, sollte eine starke Brise drohen. 

Um ihn herum erhob sich Stimmengewirr und Möwengeschrei, und dennoch glaubte er sich allein auf dem Oberdeck. Er spürte eine innere Zufriedenheit, die ihn seine Umgebung für einige Momente vergessen ließ. Er schloss erneut die Augen und ließ seine Atemzüge ruhig fließen.

Er hatte es geschafft. Er hatte es endlich geschafft. Das Ziel seiner Träume war erreicht. Seine Vergangenheit rückte in diesem denkwürdigen Augenblick vollkommen in den Hintergrund.

  * 1. Kapitel *

Kiel 1910

Johann-Gottfried Mertens und Rebekka Goldsteiner reisten nach der Geburt von Enkel Ludwig in die Schweiz, um Tochter Karoline nach fünfmonatiger Abwesenheit wieder in die Arme zu schließen. Sie hatte fernab vom Kieler Klatsch und Tratsch achtzehnjährig ihren Sohn Ludwig Johann Gottfried gesund geboren. Am 20. Februar 1909 erblickte er im Erholungsheim „Haus Morgenröte“ des Schweizer Mediziners Dr. Reto Stockinger nahe Zürich das Licht der Welt.

In Kiel verflüchtigten sich schon bald nach Karolines Abreise Ende August 1908 die Gerüchte wegen ihres Fortgangs. Man mutmaßte zwar eine Schwangerschaft, aber da weder von der Familie noch durch nahestehende Freunde und Bekannte irgendeine Andeutung darüber an die Öffentlichkeit drang, war das Interesse daran nach wenigen Wochen verschwunden.

Als Karolines Sohn dann eines Tages mit „Ah“, „Oh“ und „wie niedlich, der Kleine“ freudig wahrgenommen wurde, stellte man kurz fest, dass Karoline zwar keinen Ehemann und Vater für ihr Kind vorweisen konnte, aber auch dieser Umstand geriet bald zur Nebensache. Ihr erstklassiger Stand in einem gutbürgerlichen, angesehenen Haushalt und Geschäftsbetrieb schien der konservativen Kieler Gesellschaft zu genügen.

Nach Rückkehr aus der Schweiz wurde sowohl die Taufe des kleinen Ludwig gefeiert als auch Johanns Verlobung mit Rebekka. Die Hochzeit der beiden erfolgte nur wenige Monate später im engsten Familienkreis.

Die vielen Ereignisse gingen an Johann und Rebekka, nicht ohne Spuren zu hinterlassen, vorüber. Die Aufregungen um die unerwartete Schwangerschaft seiner damals erst siebzehnjährigen Tochter, die jahrelangen Heimlichtuereien wegen seiner Liebschaft zu Rebekka und der Tod von Simon Goldsteiner, ließen Johann oftmals keine Ruhe finden.

Nun aber rückten diese Vorkommnisse sämtlich in den Hintergrund. Dennoch war es kein Wunder, dass sich mittlerweile vereinzelnd graue Strähnen auf Johanns Haupthaar und an den Schläfen sehen ließen. Einige Fältchen um Augen und Nase nahm er auch wahr, erschienen ihm aber nebensächlich. Sein Spiegelbild gefiel ihm. Die Fünfzig hatte er überschritten. Seine jungenhafte Ausstrahlung, die ihm noch vor einigen Jahren nachgesagt wurde und ihn äußerlich scheinbar nicht altern ließ, tauschte er mittlerweile mit einer gewissen Seriosität, die er durch konservativere Kleidung zum Ausdruck brachte.

Rebekka klopfte ihm anerkennend auf seinen kleinen Bauchansatz und lachte: „Du siehst immer noch aus wie ein junger Mann.“ Dabei schmiegte sie sich zärtlich an ihn. Er legte einen Arm um ihre Schultern und scherzte: „ Komm’, Omili, wir gehen unseren Enkel begrüßen.“

Rebekka, acht Jahre jünger als er, hatte sich seit ihrem Kennenlernen vor zehn Jahren kaum verändert. Noch immer geriet sie in Konflikt mit ihren langen schwarzen Haaren, die sie kaum bändigen konnte und dafür stets die Hilfe ihres Hausmädchens in Anspruch nehmen musste. Ihre dunklen, fast schwarzen Augen beobachteten nach wie vor aufmerksam und interessiert die Menschen in ihrer Umgebung. Eng geschnürt und stets nach der neuesten Mode gekleidet, bewegte sie sich weltgewandt und wurde von Freunden und Bekannten dafür bewundert.

Sobald sie jedoch die Tür ihres Ateliers hinter sich schloss, löste sie ihre Haare, legte Kleid und Korsett ab und schlüpfte in einen seidenen Morgenmantel. Tief durchatmend, setzte sie sich vor ihre Leinwand und versank in eine andere Welt.

Wie im Haushalt der Mertens seit Jahrzehnten üblich halfen sämtliche Dienstmädchen neben ihren Haushaltsaufgaben nun auch bei der Pflege und Erziehung des Neugeborenen.

Friedchen, Marie Konradis Tochter und Karolines gleichaltrige Freundin, übernahm mehrmals täglich den Wickeldienst, nachdem Karoline ihren kleinen Ludwig gestillt hatte. Ernie sang den kleinen Jungen mit voller Hingabe in den Schlaf oder trug ihn wiegender Weise in ihren Armen durch die Wohnung. „Habe ich denn gar nichts mehr zu sagen? Ich bin schließlich Ludwigs Mutter!“ lachte Karoline oft über deren übertriebene Hilfsbereitschaft.

Johann nahm jetzt täglich nach seiner letzten Runde durch das Atelier und die Werkstatt stets zwei Stufen auf einmal, um in die erste Etage seines Hauses zu gelangen. Er freute sich unbändig auf die letzte halbe Stunde mit seinem Enkel, bevor der zur Ruhe gebettet wurde.

Dieses tägliche Ritual erinnerte ihn an die frühen Jahre mit Tochter Karoline, die er nach dem Tod seiner ersten Frau mit Hilfe seiner rührigen Hausangestellten allein aufgezogen hatte. 

Mit Ludwig auf dem Arm schritt er summend durch die große Wohnung. Zeigte ihm mal sein Herrenzimmer, mal den Salon. Der Kleine liebte es, dort in den Vitrinen die weißen und bunten Meißener Porzellanfiguren zu betrachten. Sein Großvater erzählte ihm dazu ausgedachte Geschichten, wohl wissend, dass sein Enkel den Inhalt nicht verstand. Es brachte ihm großen Spaß, mit dem kleinen Jungen auf dem Arm dessen neue Welt zu erkunden.

Im Wohnzimmer schob Johann die Vorhänge am Erkerfenster zur Seite. Er liebte diesen Blick auf den Blücherplatz. Schien der Mond hell und prachtvoll, deutete er auf ihn und schwelgte: „Sieh mal, Ludwig, wie wundervoll der Mond heute leuchtet. Schau’, da winkt dir jemand zu!“

Wenn Ludwig dann mit den Armen kreiste und lustig vor sich hin brabbelte, ging Großvater Johann das Herz auf. Er drückte seinen Enkel noch fester an sich.

  * 2. Kapitel *

„Ernie, Ludwig läuft allein!“ Stolz winkte Karoline der Haushälterin Ernestine Stubenrauch zu, die am anderen Ende des langen Flurs stand und vorsorglich ihre Arme ausbreitete, um den kleinen Ludwig aufzufangen. Den hatten seine Kräfte kurz vorher verlassen, und er stolperte bereits laut glucksend auf Ernie zu.

Karoline stand nah an der Wohnungstür, als es hinter ihr klopfte. Sie öffnete und blickte in Wilhelms blaue Augen, die sie liebevoll ansahen. „Komm’ rein, Wilhelm, das musst du sehen! Mein kleiner Ludwig rennt mir weg, ehe ich mich versehe“, lachte Karoline.

Wilhelm, in der Hand eine blaue Mappe, lächelte und meinte: „Wie sein Vater.“ Karoline sah ihn erschrocken an, aber er lenkte sofort ein: „Oh entschuldige bitte, Karoline, das ist mir jetzt herausgerutscht. Kannst du mir verzeihen? Es war nicht böse gemeint.“

Um das leidvolle Thema nicht zu vertiefen, fragte Wilhelm: „Ich möchte zu deinem Vater, ist er im Haus? Ich will ihm meinen Meisterbrief zeigen.“ Karoline deutete auf die Tür des Herrenzimmers: „Er liest Zeitung, geh’ ruhig hinein.“ Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu: „Herzlichen Glückwunsch, Wilhelm. Es freut mich, dass du deinen Meister mit Auszeichnung bestanden hast.“

Dabei schaute sie nun auch ihn liebevoll an. „Du hast mich mit deiner Bemerkung nicht gekränkt. Der große Ludwig kommt nicht zurück, ich habe mich damit abgefunden. Ich bin euch allen sehr dankbar, dass ihr mich nach meiner Rückkehr aus der Schweiz so herzlich willkommen geheißen habt.“

Wilhelm Rabenhorst arbeitete seit einigen Jahren als Geselle bei Johann Mertens. Jetzt konnte er seinen Meisterbrief präsentieren.

Ernie hatte mittlerweile den kleinen Ludwig auf den Arm genommen und ließ von Weitem verlauten: „Ich bringe ihn in sein Zimmer und spiele mit ihm.“ Ludwig kreischte fröhlich und verabschiedete sich winkend von seiner Mutter, die ihm eine Kusshand zuwarf. Karoline sah seine blonden Locken herumwirbeln, und seine blauen Augen strahlten. ‚Er hat die gleichen Augen‘, dachte sie, und im selben Moment füllten sich ihre mit Tränen.

„Ich würde dich gern auf deinem Spaziergang mit Ludwig begleiten,“ bat Wilhelm und hatte schon den Türgriff zum Herrenzimmer in der Hand. „Ihr geht jeden Nachmittag in die Forstbaumschule, nicht wahr?“ Karoline drehte sich zu ihm: „Gern, hast du am Nachmittag freie Zeit?“ fragte sie. Wilhelm sah ihre feuchten Augen und sagte hastig: „Ich hole euch gegen sechzehn Uhr ab.“

Dann betrat er das elegante Herrenzimmer seines Dienstherrn Johann Mertens.

   * 3. Kapitel *

Die Maßschneiderei Mertens & Goldsteiner, spezialisiert auf Marineuniformen, hatte sich seit ihrer Gründung 1908 zu einem über die Grenzen der Fördestadt Kiel hinaus herausragenden Betrieb entwickelt und konnte mit hohen Wachstumszahlen überzeugen. „Qualität spricht sich herum“, lautete Johann Mertens Devise.

Max Goldsteiner, Johanns Kompagnon und Sohn seiner Frau Rebekka aus erster Ehe mit Simon Goldsteiner überzeugte die meisten seiner Offizierskunden der Kaiserlichen Marine mit seiner liebenswürdigen, unkonventionellen Art.

Eine längere Gewöhnungsphase hatte es zwar gebraucht, aber mittlerweile störten sich nur noch wenige der Kunden daran, wenn er parfümiert und mit bunten Seidentüchern am Hemdkragen um sie herumstolzierte. Einige junge Leutnants bevorzugten sogar seine Bedienung und ließen sich nur zu gern von ihm die Körpermaße abnehmen.

Die älteren Offiziere wurden in der Regel von Johann Mertens selbst oder seinem ersten Meister, Friedrich Stubenrauch, bedient.

Der oftmals kurzen, prägnanten Sprechweise und der zackigen Bewegungen vieler Offiziere setzte Max seine weiche künstlerische Ausdrucksweise entgegen. Er pries Stoffe und Zubehör an, als ob er diese in Theaterkostüme verwandeln wolle und nicht, um darin militärische Handlungen auf grauen Kasernenhöfen abzuhalten.

 „Das alles hier ähnelt doch sehr einem Theaterstück, nicht wahr, Herr Kapitän?“ hatte Max bei einer Anprobe einmal grinsend vorlaut angeregt, als Kapitän zur See, Robert von Kummrow, zum ersten Mal seine Galauniform anpasste. Worauf der hochrangige Offizier Meister Max zunächst strafend ansah und dann nachdenklich und irritiert an den dünnen Fransen der Epauletten herumzupfte. Anschließend zwirbelte er nervös die Enden seines Schnauzbartes empor. Er wusste nicht, wie er mit dieser ironischen Bemerkung umgehen sollte.

„Herr Goldsteiner, ich muss doch sehr bitten, das meinen sie wohl nicht im Ernst?“ Dabei schlug er Max jovial auf die Schulter, während der vor ihm kniend die Hosenbeine absteckte.

Kapitän von Kummrow schaute auf Max hinunter, der einen dunkelgrünen Anzug mit auffälligen schwarzen Revers am Jackett trug und konterte: „Und sie wollen heute wohl noch auf die Jagd gehen, was?“

Viel zu laut über seinen eigenen Witz und die Situation lachend, brüllte Kapitän von Kummrow: „Stillgestanden!“, worauf Max zusammenzuckte und meinte: „War doch nur ein Scherz, Herr Kapitän.“ „Weiß ich, weiß ich, lieber Freund. Haben sie eigentlich gedient?“ fragte Kummrow neugierig, um das Thema zu wechseln.

Max erhob sich und stand stramm vor dem Kapitän, wie er es in seinem zweijährigen Militärdienst gelernt hatte. „ Jawoll, Herr Kapitän. Ich habe meine Wehrpflicht von 1904 bis 1906 ordnungsgemäß abgeschlossen“, gab er zur Antwort und wechselte seinerseits erneut das Thema. „Die Hosenbeine werde ich noch einmal kürzen, dann dürften sie zufrieden sein?“

Dabei dachte er schmerzlich daran, wie er damals das Strammstehen hasste. Dieser unbedingte Gehorsam, die ständige Unterordnung und so manche Schikane seiner dominanten Vorgesetzten widerstrebten ihm bis heute.

Ihm, dem kunstinteressierten freiheitsliebenden jungen Mann waren andere Werte wichtiger. Er hielt seine Militärzeit nur durch, weil er wusste, dass er nach den absolvierten zwei Jahren wieder bei seinem Vater in der Schneiderei seiner Kreativität  Ausdruck verleihen durfte.

Friedrich Stubenrauch, der durch einen schweren dunkelroten Samtvorhang getrennt vom Atelier in einem Nebenraum tätig war, hatte das Gespräch zwischen Max und Kapitän von Kummrow grinsend verfolgt. Er dachte nun ebenfalls an seinen Wehrdienst zurück, den er bei der Kaiserlichen Marine in Kiel abgeschlossen hatte. Eine Laufbahn als Marinesoldat zog er nie in Betracht. Er genoss es vielmehr, seinem Talent beim Schneidern von Uniformen und Herrenanzügen nachzukommen und seine Kunden jeden Dienstgrades zufriedenzustellen.

Nicht umsonst bestand er seine Meisterprüfung mit Auszeichnung. Er war ein langjähriger treuer Mitarbeiter, und Johann Mertens schätzte seine Arbeit über alle Maßen. Er hatte ihn noch vor zwei Jahren als seinen Nachfolger für die ehemalige Maßschneiderei Mertens vorgesehen. Aber nach der Fusion mit Goldsteiner wurden diese Pläne wieder verworfen, worüber Friedrich gar nicht unglücklich war. Die alleinige Verantwortung für den Betrieb hätte ihn zum damaligen Zeitpunkt überfordert.

Mittlerweile brachte es auch Wilhelm Rabenhorst zum Meister. Er war nach der Neugründung von Mertens & Goldsteiner zusammen mit Johann, Max und Friedrich mit in die Geschäftsleitung eingestiegen. Das Haus am Blücherplatz erfuhr in den vergangenen Jahren diverse bauliche Veränderungen. Das über dem Hof befindliche Hinterhaus erhielt zwei Anbauten, in denen Werkstätten und Lagerräume untergebracht wurden.

„Jetzt ist endlich alles geschafft“, verkündete Johann Mertens während der Einweihungsfeier zufrieden. Er hob sein Glas und prostete lachend seiner Belegschaft mit den Worten zu: „Herein, herein, wenn’s kein Schneider ist. Dreimal verflixt und zugenäht!“ Alle Anwesenden stimmten in lautes Gelächter ein.

      * 4. Kapitel *

Haushälterin Ernie Stubenrauch nahm ihren Sohn  zur Seite und drückte ihn herzlich. „Fritz, ich bin so stolz auf dich. Dass ich das noch erleben darf! Dein Aufstieg in der Firma, beinahe hättest du sogar den ganzen Betrieb geleitet“, lobte sie ihn weinerlich. „Ist ja gut, Mutter, ich freue mich doch auch, dass ich diese gute Stellung bei Mertens habe“, beruhigte er seine Mutter, zog ein weißes Taschentuch aus seiner Jacketttasche und tupfte Tränen von ihrer Wange.

Johanns Schwester Selma, die in dem Moment ihr Zimmer verließ und das Gespräch unfreiwillig mithörte, berührte diese Szene zwischen Mutter und Sohn. Dass der um zwölf Jahre jüngere Friedrich vor zwei Jahren für eine kurze Affäre ihr Geliebter war, spukte noch immer in ihrem

Kopf herum, und sie bedauerte es aufrichtig, ihn damals so abrupt verstoßen zu haben. Sie hatte einen schwerwiegenden Fehler begangen, und den musste sie sich schmerzlich eingestehen. Sie war ungerecht und egoistisch, dachte ängstlich an den Klatsch und Tratsch in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, wäre die Liebschaft mit einem wesentlich jüngeren Mann damals an die Öffentlichkeit gelangt.

Zwei Jahre lang gingen sich Friedrich und Selma aus dem Weg. Das gestaltete sich nicht immer einfach, da Friedrich nach seiner Beförderung mittlerweile eine kleine Wohnung im Vorderhaus bezogen hatte. Außerdem besuchte er hin und wieder seine Mutter, die bei Mertens seit Jahrzehnten den Haushalt führte, in dem er schon als Kind und Jugendlicher ein und ausging.  Auch lief er mehrmals täglich durch das Treppenhaus in die Ateliers. Beide huschten dann kaum aufblickend aneinander vorbei.

„Entschuldigt bitte, ich wollte nicht lauschen“, gab Selma Mutter und Sohn nun zu verstehen, die sich zu ihr umdrehten und sie begrüßten. „Das tust du nicht, Selma. Meine Mutter platzt gerade vor Stolz“,lachte Friedrich verlegen.

Er sagte das mit einer Fröhlichkeit, die Selma verdutzte, kannte sie ihn in der Vergangenheit doch eher verschlossen und in sich gekehrt.

„Hast du Lust, ein Gläschen mit mir zu trinken und auf unsere erfolgreiche Maßschneiderei anzustoßen?“, fragte Friedrich mutig. Er küsste seine Mutter auf die Wange, die vor Glück zurück in die Küche tänzelte.

„Das tue ich sehr gern, Friedrich“, stimmte Selma zu. Ihr war es egal, dass sie damit die Anprobe bei ihrer Schneiderin in der Yorckstraße versäumte. Die Gelegenheit, mit Friedrich wieder ins Gespräch zu kommen, wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Sie gingen in den Salon. „Ich freue mich, dass wir uns wieder einmal begegnen und nicht immer nur aneinander vorbeilaufen, liebe Selma“, wagte sich Friedrich vor und schaute ihr fest in die Augen. ‚Sie sieht heute wieder bezaubernd aus‘, dachte er und reichte ihr ein Glas Champagner. Selma legte stets nur wenig Puder auf, die Brauen wurden zart nachgezogen und ihre Lippen lediglich durch mehrmaliges kräftiges Zusammenkneifen zum Erröten gebracht.

Ihre Figur hatte sich in den letzten Jahren nicht verändert. Hochgewachsen, in fast gleicher Größe mit Friedrich, stand sie vor ihm. Ihre brünetten Locken waren zu einer Hochfrisur gesteckt. Am Hinterkopf prangte eine goldene Haarnadel, die mit winzigen Diamanten einige Strähnen zusammenhielt. Das dunkelrote enge Seidenkleid, hochgeschlossen, mit einem gerüschten Kragen, betonte mit einem Gürtel im gleichen Farbton ihren schlanken Körper.

Sie begaben sich in den Salon und setzten sich in die schweren schwarzen Ledersessel im Erker. Selma nahm ihren Mut zusammen. ‚Jetzt oder nie‘, dachte sie und bemerkte: „Friedrich, ich hatte lange Zeit darüber nachzudenken, dass mein damaliger Entschluss, mich von dir zu trennen, falsch war. Ich bedauere zutiefst, dir damit viel Leid zugefügt zu haben.“

Friedrich stand auf und legte ihr sanft seine Hand auf ihre Schulter: „Nicht, Selma! Es ist so lange her, wir wollen nicht mehr darüber reden. Ich hätte mich auch nicht wie ein verzogener Junge benehmen sollen. Du hattest ja in vielem recht.“

Nun stand auch Selma nahe vor ihm. Die vergangenen zwei Jahre schienen ausgelöscht zu sein. Sie schauten sich an und im selben Moment fielen sie sich in die Arme. „Selma, es waren schreckliche zwei Jahre. Ich wollte dich vergessen, aber es ist mir nicht gelungen“, seufzte Friedrich und drückte Selma noch fester an sich.

„Mir ging es genauso, Friedrich. Meine Ablenkung bei meinen Theaterfreunden und in der Tennisgesellschaft konnten meine Gedanken an dich nicht verhindern. Du warst auf Schritt und Tritt bei mir, weißt du, was ich meine?“ Friedrich nickte zustimmend und küsste sie zärtlich.

  * 5. Kapitel *

Seit ihrer Heirat mit Johann Mertens durchlebte  Rebekka nicht nur eine neue künstlerische Phase. Die Zeit nach Simons Tod, die Fusion seiner Firma mit Mertens, ihr zunächst geheimes Verhältnis zu Johann, Karolines Schwangerschaft und auch die Neigungen ihres Sohnes Max  hatten ihr zu schaffen gemacht.

Äußerlich waren ihr die damit einhergehenden Probleme kaum anzusehen. Ihre seelische Verfassung verheimlichte sie vor Johann und der Familie. Ihr Atelier bot sich daher als idealer Rückzugsort an.

Sie wandte sich seit Monaten der Porträtmalerei zu. Bereits einige Wochen vor dem Tod ihres ersten Ehemannes, Simon Goldsteiner, hatte sie begonnen, Porträts zu skizzieren. Eine Kinderfotografie ihres Sohnes Max brachte sie auf den Gedanken, sich diesem neuen Genre zuzuwenden, nachdem sie sich mehrere Jahre ausschließlich der Landschaftsmalerei gewidmet hatte.

Mittlerweile nahm Rebekka Auftragsarbeiten entgegen. Das Gemälde, das ihren Sohn fünfjährig zeigte, begeisterte so manchen Kieler Kunstliebhaber, sodass sie daraufhin mit einigen Porträts von Kindern aus ihrem Freundeskreis große Begeisterung hervorrief. Immer öfter baten sie Bekannte darum, ihre Söhne und Töchter von ihr porträtieren zu lassen.

„Karoline, ich habe eine Idee!“, rief sie eines Morgens Johanns Tochter aufgeregt und mit den Händen wedelnd über den Frühstückstisch zu. Karoline, die ihr gegenüber gerade in ein Brötchen biss, verschluckte sich fast daran und blickte Rebekka erstaunt an. Auch Johann ließ

seine Zeitung sinken und fragte verwirrt: „Habe ich etwas verpasst, warum so aufgeregt, meine Liebe?“

„Was hältst du davon, wenn wir uns mein Atelier teilen? Die provisorische Ausrüstung in deinem  Zimmer solltest du ohnehin aufgeben. Bei mir ist Platz genug und du kannst endlich wieder anfangen, deiner Leidenschaft nachzugehen. Außerdem solltest du dein Kunststudium erneut aufnehmen. Professor Albrecht fragte mich kürzlich nach dir. Er bedauert aufrichtig, dass du nicht mehr in die Akademie kommst.“ Rebekka war nicht zu stoppen.

Karoline ließ ihr Brötchen auf den Teller fallen. „Wie soll ich denn das alles unter einen Hut bringen? Ludwig benötigt meine ganze Aufmerksamkeit.“ Und nach einer kurzen Pause: „Ja, ich vermisse das Malen sehr. Aber ich weiß nicht, ich …ich“, stotterte sie nun verlegen.