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Die dunkelsten Jahre der Geschichte sind vorüber, der 2. Weltkrieg vorbei. Nachkriegsjahre. Die allgemeine Lebensmittelversorgung ist schlecht. Schwarzmarktgeschäfte sind an der Tagesordnung. Unter dubiosen Umständen lernt Marthe Kelling auf einem solchen Schwarzmarkt Hugo Saarland kennen. Bespitzelungen und Erpressungen gehen damit einher. Dennoch eröffnen sie 1951 in der Kleinstadt Kolberg ihr Modehaus. Man konzentriert sich auf den Wiederaufbau. Konsum, Freizeit und Kultur formieren sich neu. Mit der Währungsreform kommt die stabile Deutsche Mark und trägt maßgeblich zum Wirtschaftswunder bei. Dann geschieht ein Mord in der beschaulichen Kleinstadt. Langwierige Ermittlungen machen den Kommissaren vom LKA Hannover zu schaffen.
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Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Paula Abenau
Modehaus Saarland
Ein etwas anderer Kriminalroman
IMPRESSUM
Texte: Copyright by Paula Abenau
Umschlaggestaltung: Copyright by
Paula Abenau unter Verwendung von
px pixabay.com
Verlag:
Paula Abenau
c/o autorenglück.de
Franz-Mehring-Str. 15
01237 Dresden
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Prolog
Die Buchstaben über der Eingangstür leuchteten in einem grellen Gelbton, eine Glühbirne im großen S flackerte. Das durfte nicht wahr sein! Eine Stunde vor Eröffnung jetzt diese Panne! Gerade eben noch hatte der Elektriker sämtliche Lampen überprüft. Alles schien perfekt.
„Herr Neumann, sie müssen noch einmal auf die Leiter steigen. Schauen sie, das S, so geht es nicht, tun sie doch etwas!“, schrie Hugo Saarland cholerisch dem Handwerker zu, der sich gerade anschickte, seine Werkzeugtasche in den Kombi zu verladen und die hohe Trittleiter auf das Autodach zu balancieren.
„So kann ich meine Kunden nicht empfangen“, zeterte Saarland und stellte sich in die Mitte des Bürgersteigs, um sein Geschäft zu begutachten. Er nahm sich vor, dem Mitarbeiter der Elektrofirma kein Trinkgeld zukommen zu lassen.
Neumann hob die Leiter vom Autodach wieder herunter und entschuldigte sich mit hochrotem Kopf: „Verstehe ich nicht, eben funktionierte doch alles“.
„Jetzt machen sie hin, Mann!“, schnaufte der Geschäftsinhaber und tupfte sich nervös den Schweiß von der Stirn.
„Schon erledigt, Herr Saarland“, rief Neumann ihm einige Minuten später von der letzten Stufe seiner Leiter aus luftiger Höhe zu. Er konnte bereits den Wackelkontakt beheben und damit den aufgeregten Ladeninhaber beruhigen.
„Gott sei Dank! Hier, mein Lieber“, lachte Saarland unecht und steckte dem jungen Neumann jetzt doch einen Geldschein zu. „Eine solche Neueröffnung macht man nicht alle Tage, nicht wahr? Da darf man schon mal die Nerven verlieren, oder?“, forderte er, um Verständnis bittend für seine Unbeherrschtheit.
Zufrieden rückte er den Aufsteller vor dem Eingang zurecht, der auf die Neueröffnung seines Modehauses hinwies und verschwand hinter der Tür.
Hugo Saarland, ein kleiner, untersetzter Fünfzigjähriger mit Halbglatze und stark ausgeprägtem Selbstbewusstsein, lief aufgeregt in seinem Modegeschäft hin und her. Kontrollierte die Schaufensterdekorationen von innen, verschob Kleiderständer und wischte mit dem Handrücken imaginären Staub vom Tresen. Er schaute in einen Standspiegel, zog mit einem Kamm seine schütteren Haarsträhnen hinter die Ohren und zupfte das Einstecktuch in seinem Sakko auf die richtige Höhe. Dann leckte er seinen Zeigefinger nass und strich seine Augenbrauen damit glatt. Zufrieden betrachtete er sein Spiegelbild, grinste unnatürlich und erschrak.
Im Spiegel erkannte er rückwärtig seine Frau, die mit seinem Neffen Jochen an der Wendeltreppe stand, die zu den Kellerräumen führte.
„Was will der hier?“, fragte Hugo erstaunt, als er die beiden miteinander lachen sah. „Guten Morgen, Onkel Hugo“, gab Jochen für seine Tante zur Antwort und schaute sie grinsend an. „Darf ich euch nicht zur Einweihung gratulieren?“
„Und was hast du in meinem Keller zu suchen?“, wollte Hugo von ihm wissen, denn er hatte ihn beobachtet, als er die letzten Stufen der Treppe hochgelaufen kam.
„Ich bat ihn, nach dem tropfenden Wasserhahn in der Waschküche zu sehen“, schaltete sich jetzt Marthe Saarland ein und schaute Jochen dabei freundlich an, der ihre Aussage kopfnickend bestätigte.
Marthe Saarland trug ein weißes Sommerkleid mit Spitzeneinsatz am Ausschnitt, einen breiten roten Ledergürtel, der den engen Rock betonte und rote Pumps. Ihre halblangen dunkelblonden Haare hatte sie gelockt frisiert und nur wenig Make-up aufgelegt. Sie wusste sich hübsch zu kleiden, denn sie repräsentierte damit den neuen Modesalon.
„Wieso? Die Handwerker haben doch alles überprüft“. Mit diesen Worten rauschte Hugo an seiner jungen Frau und seinem Neffen vorbei, um deren Aussagen zu kontrollieren.
Bereits vor der Tür, die zum Waschkeller führte, hatte sich eine große Wasserlache gebildet. Hugo Saarlands braune Wildlederschuhe, die er sich neben einem neuen Anzug zur Neueröffnung seines Modehauses gekauft hatte, wiesen sofort dunkle Ränder auf. Er bückte sich, krempelte seine Hosenbeine bis zu den Waden hoch und stürzte auf das bereits übergelaufene Waschbecken zu, um den Wasserhahn zu schließen. Der war jedoch fest zugedreht. Das Wasser bahnte sich seinen Weg dahinter aus der Wand heraus und zusätzlich durch ein Rohr, welches unter dem Becken aus der Wand ragte. Es schien sich aus dem Gegenstück gelöst zu haben.
„Marthe, ruf’ den Sanitärfritzen an, wir haben einen Rohrbruch“, schrie Hugo hinauf und drehte an dem Haupthahn herum, um den Wasserfluss zu unterbrechen. „Wieso geht das nicht?“, fluchte er, als diese Maßnahme ebenfalls vergebens war. Er stapfte durch die Wasserpfützen in den Nebenkeller. Dort waren diverse Ständer deponiert, auf denen unterschiedliche Kleidungsstücke der Saison hingen, die im Laden keinen Platz fanden. Stöhnend schob er die Ständer in die Ecken des Raumes.
„Jochen, was hast du nur angestellt? Komm’ runter und schau’ dir dieses Dilemma an!“, brüllte er verzweifelt. „Meine Eröffnung kann ich vergessen!“
Als Jochen seinen Onkel im Keller erreichte, packte er sofort mit an und wuchtete einige Schaufensterpuppen in einen anderen Lagerraum, verstaute Kartons dazu und versicherte: „Ich habe gar nichts getan, Onkel Hugo. Der Wasserhahn war leicht geöffnet, ich habe ihn geschlossen und bin dann wieder nach oben. Du musst mir glauben, ich…“.
„Was willst du überhaupt hier, wirst du nicht in eurem Hotel gebraucht? Da sind doch genug Baustellen, anstatt hier herumzufummeln“, machte sich Hugo Luft. Er sagte es nicht, aber er vermutete wieder einmal eine Intrige seines Bruders, mit dem er seit dem Tod der Eltern keine einvernehmliche Beziehung mehr pflegte.
Er merkte, dass er mit dem Jungen zu hart ins Gericht gegangen war und tätschelte ihm unbeholfen seine Wange. „Entschuldige, mein Junge, war nicht so gemeint, bist ein feiner Kerl“.
„Der Notdienst kommt“, hörte er seine Frau rufen, die nun ebenfalls auf dem Weg in den Keller war, um die Katastrophe aus der Nähe zu begutachten. „Was machen wir denn jetzt? Wir können doch unsere Kunden nicht wegschicken. Einige schauen schon neugierig durch die Fenster und bewundern unsere Auslagen und die Modelle auf den Puppen“, gab Marthe zu bedenken und war den Tränen nahe. Sollte diese Eröffnung heute nicht stattfinden können, würde Hugo seine Wut darüber an ihr auslassen.
„Wir eröffnen wie geplant“, bestimmte Hugo jedoch trotzig, sprang in die trockenen Stellen auf dem Fußboden und hüpfte ungelenk auf die unterste Stufe der Treppe.
Er stürmte in die Wohnung hinauf, die sich über dem Laden befand, erfrischte sich notdürftig und wechselte Anzug und Schuhe. Dann schritt er langsam, tief Luft holend, die Stufen in sein Geschäft hinunter und schloss mit verkrampftem Lächeln und hochrotem Kopf die Eingangstür auf.
„Herein, verehrte Damen und Herren, liebe Gäste. Schön, dass sie gekommen sind. Leider kann die Eröffnung nicht so feierlich stattfinden, wie wir sie uns vorgestellt haben. Wir müssen einen Wasserrohrbruch beklagen, der uns vor einer halben Stunde heimgesucht hat, aber Rettung ist auf dem Weg. Bitte, schauen sie sich um, stöbern sie auf den Kleiderständern, die Ware ist nach Größen sortiert. Meine Frau wird ihnen gleich zur Seite stehen und ihnen behilflich sein“.
Einige Damen und ein einzelner Herr betraten als Erste neugierig staunend den frisch renovierten Verkaufsraum, der sich elegant präsentierte. An der Decke reihten sich drei große Kronleuchter aneinander, die die Vitrinen mit Accessoires wie Handtaschen, farblich passenden Pumps und Handschuhen glanzvoll ausleuchteten. Zwischen edlen silberfarbenen Ständern, auf denen Kleider, Röcke und Blusen hingen, standen gertenschlanke Puppen in Lebensgröße, mit Abendroben bekleidet. Sie erinnerten an bekannte deutsche Filmstars. „Ist das nicht die Sonja Ziemann?“, staunte eine rundliche ältere Dame.
Farbige Perserteppiche, Imitationen, die Hugo Saarland bei einem Bekannten aus Nachkriegszeiten erstanden hatte, bedeckten über- und nebeneinander den Boden, auf denen die Kundinnen in federnden Schritten weich und bequem wandeln konnten. Zwei Sitzecken mit bunten Cocktailsesseln und dazu passenden kleinen Nierentischchen mit geometrischen Mustern auf den Resopaloberflächen luden zum Verweilen und Plaudern ein.
Zwischendrin zierten Pflanzsäulen in verschiedenen Höhen den Raum, auf denen Blumengebinde die Atmosphäre auflockerten. Einige trafen bereits am Vormittag von Geschäftsinhabern aus der Umgebung zur Eröffnung ein. Ein riesiger Präsentkorb stand auf der Ecke des Tresens und verdeckte die antike Registrierkasse, die schon Hugo Saarlands Großvater bedient hatte.
Auf einem separaten Tisch hatte Metzger Hoffmann sein Kaltes Büfett drapiert, das voreilig bereits von einigen Damen frequentiert wurde, obwohl Hugo Saarland bisher nicht dazu gekommen war, weder seine einstudierte Begrüßungsrede zu halten, noch das Büfett zu eröffnen.
Hugo tupfte sich erneut die Stirn trocken und stöhnte erleichtert auf, als sich zwei Mechaniker mit Werkzeugkoffern und einer Pumpe den Weg durch die Gästeschar bahnten, um über die Wendeltreppe in den Keller zu gelangen.
„Halt, halt, vorsichtig, meine Herren, sie reißen ja den Kleiderständer um, hätten sie nicht durch die Haustür in den Keller gehen können? Müssen sie meine Eröffnung stören?“, schimpfte Hugo Saarland.
„Seien sie froh, dass wir überhaupt so schnell hier sind, uns fehlt es an Personal. Sie sind nicht die einzige Baustelle!“, konterte einer der beiden Monteure ebenso unfreundlich und folgte seinem Kollegen in den Keller.
Mittlerweile fanden sich weitere Interessenten ein. Die Inserate, die Hugo Saarland im Kolberger Kurier geschaltet hatte, zeigten ihre Wirkung. Die Werbekampagne, in der er die Neueröffnung des Modehauses Saarland über fünf Tage propagierte, belastete zwar sein Konto massiv, aber die Investition schien sich zu lohnen.
Gattinnen von gut betuchten Kolbergern waren ebenso vertreten wie auch neugierige Kolberger Frauen, die sich die Mode von Saarland nicht leisten konnten. Sie drückten sich die Nasen von außen am Schaufenster platt, während die Damen aus der Kolberger Oberschicht in eleganten Kostümen selbstbewusst und zielgerade den Laden betraten.
Dort erwartete sie jetzt die junge Ehefrau des Inhabers und bot jedem Gast am Eingang ein Glas Sekt an. „Wir freuen uns über ihr Kommen, schauen sie sich um, viel Vergnügen“, empfing sie jede neue Kundin und setzte ihr schönstes Lächeln auf.
Verführerisch lächeln konnte Marthe Saarland bereits, als sie noch Marthe Kelling hieß und vor dem Zweiten Weltkrieg und in den ersten beiden Kriegsjahren als Fotomodell für Zeitschriften arbeitete und in Berliner Modesalons die neusten Kreationen vorführte.
Damit war es vorbei, als die ersten schweren Luftangriffe auf die Stadt begannen. Sie verließ Berlin und flüchtete zur Schwester ihrer verstorbenen Mutter nach Kolberg, einer beschaulichen Kleinstadt in Niedersachsen.
Kapitel 1
Die mittelalterliche Kleinstadt im Zentrum von Niedersachsen war von den verheerenden Bomben des Krieges verschont geblieben. Idyllische Fachwerkhäuser säumten den Marktplatz wie vor vielen hundert Jahren und gaukelten Ruhe und Gemütlichkeit vor. Aber hinter den Fassaden hatten während und nach Beendigung des Krieges auch die Bürger Kolbergs schlimme Hungerjahre durchleben müssen. Einige Mutige wagten sich auf Schwarzmärkte ins nahegelegene Hannover und versuchten, auf illegale Weise an Lebensmittel zu gelangen.
Auf einer solchen abenteuerlichen Unternehmung begegneten sich Hugo Saarland und Marthe Kelling zum ersten Mal.
In der Abenddämmerung, die meisten von ihnen mit dunkler Kleidung getarnt, warteten außer Marthe weitere zwanzig bis dreißig Frauen und Männer auf einen vorbeifahrenden Güterzug, der täglich an einer bestimmten Stelle zu immer gleicher Uhrzeit in Kolberg stoppte.
Da die Waggons geschlossen waren, konnten sie lediglich zwei Stufen besteigen und mussten sich krampfhaft an den Geländern festklammern. An diesen Wagen hängend, erreichten sie nach etwa fünf Kilometern den ersten Halt in Hannover. Dort sprangen sie, noch bevor der Zug endgültig zum Stehen kam, während der verlangsamten Fahrt ab und liefen die ersten Meter in gebückter Haltung in Richtung der Innenstadt.
Im Futter ihres Trenchcoats eingenäht versteckte Marthe einen Diamantring, der als Erbstück in der Familie ihrer Mutter, seitdem sie denken konnte, weitergegeben wurde und sich nach deren Tod in ihrem Besitz befand. Für Brot, Speck und Zucker wollte sie ihn schweren Herzens tauschen, verschleudern gegen Lebensmittel.
Sie stapfte in den viel zu großen Arbeitsstiefeln ihrer Tante, denen sie mit dicken Stricksocken versuchte, besseren Halt zu geben, durch unbefestigte Sandwege. Ihre dunkelblonden Locken hatte sie unter einer altmodischen Wollmütze versteckt. Ohne zu wissen, wo sie landen würde, folgte sie beherzt den Menschen, die vor ihr herliefen.
„Können sie nicht schneller gehen? Wir wollen heute noch ans Ziel kommen!“, meckerte eine Männerstimme hinter ihr. Als Marthe nicht reagierte, drängelte sich der Unfreundliche an ihr vorbei, trat in eine Pfütze und spritze mit dem schmutzigen Wasser ihre Beine und den Mantel nass.
„Das haben sie doch mit Absicht gemacht!“, behauptete Marthe und drehte sich zur Seite, um sich den unverschämten Kerl genauer anzusehen. Allerdings war dieses Vorhaben in der Dunkelheit, die mittlerweile eingetreten war, nur schwer in die Tat umzusetzen. Sie erkannte lediglich einen kleinen, fast glatzköpfigen Mann, den sie im Alter auf Mitte vierzig schätzte. Er trug eine Aktentasche bei sich und stürmte jetzt, ohne ein weiteres Wort zu sagen, an ihr vorbei auf eine Art Marktplatz zu.
Marthe blieb stehen und staunte über die vielen Menschen, die dicht gedrängt beieinander standen oder in einer Art Spaziergang den Platz umkreisten. Es war ihr erster Besuch auf einem verbotenen schwarzen Markt. Sie hatte lediglich von Geschäften, die auf diesen Märkten getätigt wurden, gehört und wollte nun selbst ihr Glück versuchen. Einige Leute murmelten vor sich hin und priesen ihre Waren an, die sie tauschen wollten. Sie beobachtete dieses Treiben eine Weile und versuchte, einige Tauschgespräche zu belauschen. Furchtlos ging sie auf einen jungen Mann zu, von dem sie wegen seines eleganten Erscheinungsbildes glaubte, dass er der richtige Käufer für ihren Ring sein könne. Sie schlich einige Male um ihn herum und flüsterte danach: „Interessieren sie sich für einen Diamantring?“
„Mädchen, den musste mir erst zeigen, vorher läuft nischt“, antwortete er schnodderig.
‚Mädchen?‘, dachte Marthe, und warum duzte er sie? Sie wirkte jünger, das wusste sie. Und in dieser Aufmachung sah man ihr eventuell die siebenundzwanzig Jahre, die hinter ihr lagen, nicht an. Sie versuchte es trotzdem: „Ich brauche Brot, Zucker, Speck“, raunte sie ihm zu. Als er sie packte und am Arm in eine nahe gelegene Toreinfahrt zog, bekam sie Angst und versuchte, sich loszureißen.
Plötzlich laute Schreie. Leute liefen hin und her und durcheinander. Ein Jeep mit britischen Soldaten fuhr durch die Menschenmenge. Sie sprangen aus dem Wagen und verfolgten meist ältere Frauen, die ihnen kaum entkommen konnten. Einige wurden von den Soldaten abgeführt.
Marthe wandte sich unter den Armen des jungen Mannes heraus, der sein Vorhaben abrupt abbrach und im nächsten Moment aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Sie versteckte sich noch einige Minuten in der Einfahrt und schaute anschließend um die Hausmauer herum, nachdem die Stimmen leiser wurden und der Platz beinahe menschenleer vor ihr lag. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand.
„Pst“, zischte eine Stimme neben ihr. „Kommen sie, sie müssen hier weg!“. Marthe erkannte den Unfreundlichen, der sie abgedrängt hatte. Noch ehe sie etwas sagen konnte, schob er sie durch das Tor in eine Gasse, auf deren glattem Kopfsteinpflaster sie beinahe ausgerutscht wäre, hätte er sie nicht aufgefangen. Sie war ihm zwar dankbar für seine Hilfe, wollte aber ihre Abneigung, die sie ihm gegenüber empfand, nicht zeigen. Seine kurzen dicken Finger, die sich immer noch an ihrem Trenchcoat festkrallten, stießen sie ebenso ab, wie sein verschwitztes rotes Gesicht und seine kleinen blauen Augen, die sie an ein Ferkel erinnerten.
„Haben sie vielen Dank, sie können mich loslassen, es geht schon“, bedankte sie sich höflich und trat einige Schritte von ihm zurück, als sie eine breitere Straße erreichten.
„Ist das ihr erster Ausflug auf einen Schwarzmarkt?“, fragte der Unbekannte ironisch. Ohne ihre Antwort abzuwarten, stellte er sich vor: „Mein Name ist Hugo Saarland aus Kolberg. Wohnen sie auch dort?“ fragte er neugierig, obwohl er sie längst kannte und ihr stets bewundernd nachschaute, wenn sie über den Kolberger Marktplatz ging. Er meinte sogar, ihr Gesicht vor dem Krieg in Zeitschriften gesehen zu haben.
Marthe zögerte. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Sie wollte mit diesem Mann nichts zu tun haben und ihm schon gar nicht ihren Namen nennen.
„Darf ich auch ihren Namen erfahren, gnädiges Fräulein?“, fragte Saarland jetzt schleimig und musterte sie. „Entschuldigen sie mich bitte“, gab sie stattdessen zur Antwort, wandte sich von ihm ab und lief die Straße hinunter so schnell sie konnte.
„So warten sie doch, wohin wollen sie denn?“, rief er ihr nach. Marthe reagierte nicht, sie wollte nur weg von ihm. Er rief erneut hinter ihr her. Als seine Stimme leiser wurde und sie vermutete, dass er ihr nicht gefolgt war, versteckte sie sich in einem Hauseingang und wartete.
Im nächsten Moment öffnete sich hinter ihr die Haustür. Sie erstarrte. Vor ihr stand der junge Schwarzmarkthändler.
Jetzt, im Licht der Hauslaterne, konnte sie sein Gesicht deutlich erkennen. Der stechende Blick aus seinen hellblauen Augen begutachtete sie durchdringend und verursachte ihr eine Gänsehaut. Voller Unbehagen musterte Marthe ihn genauer. Er sah gut aus. Sein Gesicht wirkte eher kindlich und passte nicht zu seiner Stimme, die er bei ihrer ersten Begegnung scheinbar verstellt hatte. Er war groß und sehr schlank, fast mager. Der elegante Anzug passte ihm nicht und schlotterte um seine Figur herum. Sein Alter schätzte sie auf höchstens fünfundzwanzig.
Nur ein Griff. Er packte sie und drängte sie an die Wand. Sie konnte sich weder bewegen noch schreien, denn mit einer Hand hielt er ihren Mund zu und stemmte sich mit seinem mageren Körper gegen sie. Ein Entkommen war unmöglich. Trotz seines jugendlichen Körperbaus entwickelte er enorme Kräfte.
„Gnädigste, haben sie sich verirrt oder sind sie mir nachgelaufen?“, säuselte er. Auch dieser Tonfall war nicht echt, sie merkte es sofort. Sein Mund kam ihrem immer näher. Sie spürte seinen heißen Atem. Er roch nach Alkohol und Tabak. Ekel überkam sie.
„Her mit dem Ring!“, forderte er. „Und kein Mucks, sonst …“. Sein Körper verdeckte ihren jetzt vollständig. Marthe nickte und im selben Moment griff er mit seiner Hand in die linke Tasche ihres Trenchcoats. Nichts. Er versuchte es in der rechten. „Wo ist der?“, raunte er ihr wütend zu, als er dort auch nicht fündig wurde. Er wich mit seinem Körper etwas zurück. „Los, her damit! Und wage es nicht, auch nur eine falsche Bewegung zu machen“, zischte er.
Marthe holte Luft und atmete einige Male, um wieder zu Kräften zu kommen. Ihre Angst verstärkte sich, als er mit einer Hand in seiner Hosentasche andeutete, dass er eine Waffe bei sich führte. Ohne nachzudenken, hob Marthe ihr Knie und rammte es ihrem Widersacher zwischen seine Beine. Der schrie auf, während sie versuchte, sich aus seinen Fängen zu befreien. Umständlich verlor er das Gleichgewicht, ruderte mit seinen Armen, taumelte und stürzte rückwärts auf die unterste Stufe des Treppenaufgangs. Er rührte sich nicht mehr.
Sie schaute sich nach allen Seiten um. Die Straße war jetzt vollkommen dunkel, denn die Stromsperre hatte eingesetzt. Nur die Laterne über der Haustür gab noch ein schwaches Licht ab. Sie bückte sich über den jungen Mann und schüttelte ihn. Er bewegte sich nicht. Unter seinem Kopf bildete sich eine kleine Blutlache.
Erneut blickte sie sich um. Kein Mensch war zu sehen, obwohl sie einige Geräusche vernahm, die sie jedoch nicht deuten konnte. Völlig durcheinander strich sie ihre Kleidung glatt. Was sollte sie nur tun? Um Hilfe rufen? Die Polizei verständigen? Nein, dann würde sie gefragt werden, was sie hier tue. Man würde ihr womöglich eine Absicht unterstellen.
Verängstigt schaute sie wieder auf den am Boden liegenden jungen Mann, der leblos da lag und keinen Laut von sich gab. Jetzt, da ihm sein Hut vom Kopf gerutscht war, erkannte sie entsetzt, dass er nicht älter als achtzehn, eventuell zwanzig
Jahre alt sein konnte. Er war tot. Marthe überfiel eine Übelkeit, sie erbrach sich.
Sie musste weg, sofort verschwinden. Verwirrt rannte sie bis zur nächsten Straßenecke und schaute sich immer wieder um, weil sie meinte, einen Schatten gesehen zu haben. Ihr Verstand arbeitete nicht mehr. Sie lief und lief und wusste nicht wohin.
„Madame, warum so eilig, haben sie etwas zu verbergen?“, fragte plötzlich eine hohe Männerstimme. Marthe sah zur Seite und erkannte Hugo Saarland, der sich ihr, außer Atem, aus einer Nebenstraße kommend, in den Weg stellte. Er musste sie verfolgt haben. Hatte er den Vorfall beobachtet, alles mitangesehen?
Kapitel 2
Marthe erinnerte sich nur undeutlich daran, wie sie nach Kolberg zurückgekommen war. Dunkel verschleiert sah sie vor ihren Augen einen Lieferwagen, der neben ihr anhielt. Der Fahrer stieg aus und erkundigte sich höflich nach ihrem Befinden. „Kann ich ihnen helfen, wurden sie belästigt?“, fragte er vorsichtig. „Hallo sie, hat der Mann ihnen etwas getan?“.
Sie schaute sich zaghaft um. Saarland war verschwunden, aber der Mann im Auto schien ihn gesehen zu haben, sonst würde er nicht vermuten, dass sie eventuell Hilfe benötigte. „Nein, vielen Dank, es ist alles in Ordnung. Fahren sie zufällig nach Kolberg?“, erkundigte sich Marthe leise. „Würden sie mich mitnehmen?“, bat sie und schaute ihn flehend an.
„Steigen sie ein, sie haben Glück, ich fahre tatsächlich nach Kolberg“, antwortete er freundlich und stellte zunächst keine weiteren Fragen. Er hielt ihr die Wagentür auf und wunderte sich über ihre Arbeitsstiefel, sagte aber nichts. Hübsche Frauen in abgetragener Kleidung waren in den verrückten Nachkriegszeiten nichts Ungewöhnliches. Aber diese Frau hatte Anmut. Selbst in den schweren Stiefeln, dem alten Mantel und der Strickmütze besaß sie eine gewisse Grazie und sah reizend aus.
„Mein Name ist Thomas Berger“, sagte er, während er sich hinter sein Lenkrad klemmte und den Motor startete. Marthe nickte nur und schaute wie gebannt auf die Straße. ‚Nur weg von hier‘, dachte sie. Sie schwiegen, bis nach einigen Kilometern das Ortsschild von Kolberg im Lichtkegel des Scheinwerfers auftauchte. „Wo darf ich sie absetzen?“, fragte Berger und fuhr in langsamem Tempo auf den Marktplatz zu. Marthe starrte immer noch auf die Straße. „Hallo? Sagen sie mir doch bitte, wo sie aussteigen möchten, ich fahre sie auch direkt vor ihre Haustür“, schlug er vor und lachte. Dann hielt an und schaltete den Motor aus.
„Mit ihnen stimmt doch etwas nicht, was ist passiert? Sie können sich mir anvertrauen“, versuchte er sie zu ermuntern und schüttelte sacht ihren Arm. Erst jetzt schaute Marthe ihn an und lächelte verkrampft. „Sie haben mir sehr geholfen, Herr Berger. Vielen Dank, dass sie mich mitgenommen haben. Einen schönen Abend noch“. Mit diesen sinnlosen Worten verließ sie seinen Wagen und verschwand im Kirchenweg, einer Nebenstraße, die zum Haus ihrer Tante führte, wo sie seit ihrem Weggang aus Berlin lebte.
Thomas Berger schaute ihr kopfschüttelnd nach, hielt sie jedoch nicht zurück. Diese Frau hatte etwas Schlimmes erlebt. Er war sich sicher. Den Grund dafür vermutete er in dem Mann, mit dem sie in Hannover offensichtlich in einen Streit geraten war. So deutete er die Situation, die sich ihm dort geboten hatte.
Er parkte seinen Wagen am Markt, strebte auf ein Fachwerkhaus zu, das im Erdgeschoss einen Friseursalon beherbergte und schloss die Haustür auf.
Dass Thomas Berger diese geheimnisvolle, schöne Frau wiedersehen würde, wusste er. Er wohnte erst seit einigen Tagen in Kolberg. Auch das Geschäft hatte er erst kürzlich gepachtet. Bisher kannte er lediglich seinen Vermieter und einige unmittelbare Nachbarn. Die Unbekannte schien auch hier beheimatet zu sein.
Kapitel 3
„Marthe, wo bleibst du denn nur? Ich sterbe tausend Tode und mache mir die größten Sorgen. Es ist fast Mitternacht“, stöhnte Hedwig Kelling, als sie das Türschloss hörte und ihre Nichte sofort ins Wohnzimmer zitierte.
„Auf dem Schwarzmarkt gab es eine Razzia, wir mussten uns verstecken. Ich kenne mich dort nicht aus, bin umhergeirrt und es dauerte lange, bis ich jemanden fand, der mich in seinem Auto mitnahm. Jetzt bin ich ja hier, mache dir keine Sorgen“, beruhigte Marthe ihre Tante.
„Und den Ring hast du gar nicht tauschen können?“, fragte diese enttäuscht. Marthe schüttelte den Kopf. „Ich bin völlig fertig, ich gehe ins Bett. Ich versuche morgen, etwas Essbares aufzutreiben. Gute Nacht“.
An Schlaf war nicht zu denken. Marthe wälzte sich umher, sah immer wieder den leblosen Jungen vor sich. ‚Ich bin schuld, ich habe ihn umgebracht. Morgen gehe ich zur Polizei‘.
Es dauerte Stunden, bis sie endlich in einen unruhigen Schlaf fiel. Als sie erwachte, war es trotz geschlossener Vorhänge bereits hell in ihrem Zimmer. Sie stand auf, zog die Gardine zur Seite und schaute auf die fast menschenleere Straße.
Sofort fielen ihr die Ereignisse des vergangenen Abends wieder ein. Es war kein Traum. Sie hatte einen Menschen getötet.
Marthe wollte sich den Fragen ihrer Tante nicht aussetzen und beschloss, unter einem Vorwand das Haus zu verlassen. Vielleicht ließen sich vor Ort einige Dinge tauschen. Die Marken ihrer Lebensmittelkarten wollte sie auch einlösen, um jedenfalls den Rest der Woche etwas Sättigendes auf den Tisch zu zaubern.
Sie reihte sich in eine lange Menschenschlange vor dem Kolonialwarengeschäft ein und wartete geduldig. Noch hatte sie keine Arbeit an ihrem neuen Wohnort gefunden. Manchmal half sie im Büro einer Kohlenhandlung aus und erhielt als Bezahlung Kohle und Holz, denn auch das war rationiert. War es warm in der Wohnung, spürten sie ihren Hunger weniger. In Gedanken immer wieder bei den schrecklichen Ereignissen in Hannover verpasste sie das Aufrücken in der Schlange.
„Hallo! Sie da, träumen sie nicht, wir stehen hier nicht zum Spaß“. Jemand hatte sie angestupst und unfreundlich seinen Unmut zum Ausdruck gebracht. Als Marthe endlich vor dem fast leeren Verkaufstresen stand, konnte sie lediglich einige Kartoffeln, einen Kohlrabi, ein halbes trockenes Graubrot und ein paar Gramm Margarine in ihrem Einkaufsnetz verstauen.
Beim Verlassen des Ladens schaute sie auf die gegenüberliegende Straßenseite und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Hugo Saarland stand breitbeinig, scheinbar auf sie wartend, auf dem Gehweg und grinste frech zu ihr hinüber. Ihr Herz klopfte, ihr wurde heiß und kalt. Sie versuchte, ihm zu entkommen, als sie bemerkte, dass er bereits einen Fuß auf die Fahrbahn setzte, um auf ihre Straßenseite zu wechseln.
„Entschuldigen sie, darf ich bitte vorbei?“, bat sie einige Frauen, die immer noch in der Schlange warteten, und drängelte sich an Kindern vorbei, die mit Milchkannen auf eine Speisung hofften. Es war zu spät. Saarland war schneller und hielt sie am Arm fest. Um kein Aufsehen zu erregen, folgte sie ihm zu einer kleinen Grünanlage, wo er an einer Parkbank stehenblieb und sie musterte. „Du entkommst mir nicht, ich weiß, wo du wohnst, das schon einmal vorab“, warnte er sie.
„Was wollen sie von mir und was fällt ihnen ein, mich zu duzen?“, fragte sie mit zitternder Stimme. Sie ahnte, was er ihr gleich vorhalten würde.
„Ich beobachte dich schon eine ganze Weile, du gefällst mir und ich würde mich sehr freuen, dich einmal auszuführen. Dieses Kaff bietet allerdings nicht die passende Lokalität. Ich kenne da eine Bar in der Altstadt. In Hannover“, schlug er frech vor und wusste genau, dass sie auf seinen Wunsch eingehen würde. Eingehen musste.
Marthe war außer sich. Was bildete dieser Wicht sich ein, kannte er wirklich ihr Geheimnis? Saarland schien ihre Gedanken zu lesen und fügte hinzu: „Ich werde niemandem verraten, was du mit dem Jungen gemacht hast. Ich schweige wie ein Grab. Aber das kostet dich einige Gefälligkeiten, wie du dir denken kannst“.
Nun hatte er das Ungeheuerliche ausgesprochen. Er musste ihre Auseinandersetzung mit dem jungen Schwarzhändler tatsächlich beobachtet haben.
„Was wollen sie von mir?“, fragte sie und versuchte, ihre Angst zu unterdrücken, indem sie aufrecht vor ihn hintrat und ihm starr in die Augen blickte. „Wenn es sie glücklich macht, werde ich ein Glas mit ihnen trinken, aber für weitere Treffen sehe ich keinen Anlass“, brachte sie mutig zum Ausdruck.
