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Beschreibung

Max Beckmann gilt als einer der besterforschten Künstler der Klassischen Moderne. Seit seinem Tod im Jahr 1950 sind mehr als 4500 Publikationen erschienen. Die Zeit des Nationalsozialismus, in der er als »entarteter Künstler« diffamiert wurde, und seine Emigration bilden Zäsuren in seiner Biografie. Überraschenderweise wurde Beckmanns Leben und Werk der Jahre 1933–1945 bislang aber kaum Systematisch auf quellenkritischer Grundlage untersucht. Dieser Forschungslücke widmete sich das Symposium, das von der Kaldewei Kulturstiftung und dem Max Beckmann Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen im Mai 2024 in München veranstaltet wurde. Der Band versammelt die vielschichtigen Beiträge der Tagung und eröffnet neue Perspektiven auf das Schaffen des Künstlers.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Legende und Realität

Legende und Realität

Max Beckmann in der Zeit des Nationalsozialismus

Herausgegeben von

Oliver Kase

für das Max Beckmann Archiv der

Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München

Cathrin Klingsöhr-Leroy

für die Franz Dieter und Michaela

Kaldewei Kulturstiftung, Ahlen

Inhalt

Vorwort

Von Frankfurt nach Berlin

Iris Schmeisser

„So schöne Zeiten und ein so bitteres Ende“. Die letzten Jahre in Frankfurt

Christiane Zeiller

Die Beckmanns in Berlin, 1933 bis 1937. Quellen aus dem Max Beckmann Archiv

Marianne von Manstein

Lilly von Schnitzler – Sammlerin und Unterstützerin Max Beckmanns vor und nach 1933

Spuren des Nationalsozialismus im Werk Max Beckmanns

Alexander Klar

Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen. Max Beckmanns Ochsenstall als Memento

Siegfried Gohr

Max Beckmann blickt in die Hölle der Vögel

Uwe M. Schneede

Max Beckmann: Signale und Zeichen

Olaf Peters

Max Beckmann: Selbstäußerungen, Selbstbehauptungen, Selbstdarstellungen angesichts des Nationalsozialismus

Emigration, Exil, Verfemung

Gesa Jeuthe Vietzen

Verfemte Kunst versus verfolgte Künstler und Künstlerinnen. Eine Differenzierung der ns-Kunstpolitik

Benjamin Lahusen

Der Weg ins Exil. Eine Überprüfung der juristischen Fakten

Florian Keisinger

Verbotene Schriftsteller und „entartete“ Künstler. Anregungen für eine differenziertere Betrachtung der Exiljahre Max Beckmanns

„Entartete Kunst“ und die Folgen

Christoph Zuschlag

„Kulturbolschewismus“. Max Beckmann in ns-Femeausstellungen und der zeitgenössischen Presse 1933–1937

Jana Diermann

Verbleib unbekannt – Max Beckmanns Gemälde Der Strand von 1927

Lucy Wasensteiner

Profil, Profit und Politik. Max Beckmann und die Ausstellung Twentieth Century German Art, London 1938

Emigration und Neuorientierung

Andrea C. Hansert

„Im vierten jahre des zweiten weltkrieges“. Max Beckmann illustriert die biblische Apokalypse

Nina Peter

Max Beckmann als Zeitzeuge. Beobachtungen zur ns-Zeit aus den Tagebüchern des Künstlers

Cathrin Klingsöhr-Leroy

Max Beckmann und Paul Klee im Nationalsozialismus

Lynette Roth

Freiheitsstatue wider Willen. Max Beckmann in den usa

Ausstellungen und Kunstkritik (1930–1960)

Barbara Copeland Buenger

Gesellschaft Paris und Pariser Geschäfte 1931–1939

Nina Simone Schepkowski

Max Beckmann und die Schweiz: die Ausstellung von 1938

Dorothea Schöne

„Wird Beckmann morgen als Amerikaner gelten?“ Versuche (west)deutscher Kunstkritik zur nationalen Einschreibung Max Beckmanns nach 1945

Kunsthandel (1933–1950)

Felix Billeter

Günther Franke und Max Beckmann 1933–1945

Christina Feilchenfeldt

„Nur Ritter L. war wie immer plein d’enthusiasme“. Max Beckmann, Helmuth Lütjens und der Kunstsalon Paul Cassirer

Anabelle Kienle Poňka

Ambitionen, Allianzen, Resonanz. Max Beckmann und der nordamerikanische Kunstmarkt

Abstracts in englischer Sprache

Iris SchmeisserChristiane ZeillerMarianne von MansteinAlexander KlarSiegfried GohrUwe M. SchneedeOlaf PetersGesa Jeuthe VietzenBenjamin LahusenFlorian KeisingerChristoph ZuschlagJana DiermannLucy WasensteinerAndrea C. HansertNina PeterCathrin Klingsöhr-LeroyLynette RothBarbara Copeland BuengerNina Simone SchepkowskiDorothea SchöneFelix BilleterChristina FeilchenfeldtAnabelle Kienle Poňka

Kurzbiografien

Werkverzeichnisse

Bildnachweis

Vorwort

Im Mai 2024 veranstaltete das Max Beckmann Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in Kooperation mit der Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung ein dreitägiges Symposium unter dem Titel Legende und Realität. Max Beckmann in der Zeit des Nationalsozialismus. Die verdienstvolle Idee und das erste Konzept zu diesem Projekt stammten von Anja Tiedemann, die im Auftrag der Kaldewei Kulturstiftung das Projekt zur Erstellung eines digitalen Werkverzeichnisses der Gemälde und Arbeiten auf Papier verantwortet hat, das seit 2024 öffentlich zugänglich ist.

Das Symposium und die Publikation widmen sich einer bemerkenswerten Forschungslücke: Zwar gilt Max Beckmann als einer der besterforschten Künstler der klassischen Moderne. Überraschenderweise wurde die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 in Beckmanns Leben und Werk aber – über einzelne Fallstudien hinaus – nicht systematisch auf quellenkritischer Grundlage untersucht. Diese problematische Epoche seines Lebens und die Diffamierung Beckmanns als „entarteter Künstler“ sowie sein Verlassen Deutschlands sind jedoch entscheidende Zäsuren in seiner Biografie. Neben dem Ersten Weltkrieg hat kein zeitgeschichtliches Ereignis den Werdegang und die Rezeption des Künstlers so nachhaltig geprägt wie der Nationalsozialismus.

Die Beschreibung der negativen und existenziellen Folgen dieser Ausgrenzung und der Emigration Beckmanns nach Amsterdam sind bereits häufig Gegenstand in der Beckmann-Kunstgeschichtsschreibung der Nachkriegszeit gewesen. Der Haupttitel des Symposiums Legende und Realität markiert eine mögliche Diskrepanz zwischen den Heldennarrativen des diffamierten Künstlers und den zugrundeliegenden Quellen. Darin liegt das Ziel von Symposium und Tagungsband: systematischer und umfangreicher als bislang geschehen durch Quellenforschung und Quellenkritik das Leben und Schaffen des Künstlers in der Zeit des Nationalsozialismus zu beleuchten und zu nuancieren. In den letzten zehn Jahren haben Projekte und Symposien zu Emil Nolde und den „Brücke“-Künstlern in der Zeit des Nationalsozialismus gezeigt, wie notwendig die Differenzierung der Nachkriegsüberlieferung ist. Im Gegensatz zur besser erforschten Verfolgung jüdischer Kunstschaffender im Nationalsozialismus steht hier im Mittelpunkt, die Arbeits- und Marktbedingungen nichtjüdischer „entarteter“ Kunstschaffender in den Blick zu nehmen.

Die Gliederung des Tagungsbandes orientiert sich chronologisch an den Orten von Beckmanns Wirken während des Nationalsozialismus und folgt dem Künstler von Frankfurt am Main über Berlin nach Amsterdam und in die usa. Im Mittelpunkt stehen Auswirkungen der nationalsozialistischen Kulturpolitik auf Beckmanns Ortswechsel, sein künstlerisches Schaffen und seine Produktions- und Marktbedingungen sowie die Aufrechterhaltung oder Entwicklung seines persönlichen Netzwerks und damit verknüpft seiner Handlungsoptionen, Einschränkungen oder Privilegien vor dem Hintergrund neuer begriffs- und rechtsgeschichtlicher Ausführungen zu Exil, Emigration und Verfemung. Diese Perspektiven werden im Tagungsband ergänzt um konkrete werkanalytisch-ikonografische Erörterungen von einzelnen Gemälden oder Grafiken des Künstlers. Großes Augenmerk galt zudem den Ausstellungen und der Kunstkritik während und unmittelbar nach der Zeit des Nationalsozialismus, wobei nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich und die Schweiz untersucht werden. Im Bereich des Kunsthandels und der Provenienzforschung muss hier auch auf umfangreiche an anderer Stelle publizierte Beiträge und Fallstudien zu Alfred Flechtheim, J. B. Neumann, Günther Franke und Erhard Göpel verwiesen werden, die in diesem Tagungsband keine Berücksichtigung finden konnten. Am Ende des Bandes öffnet sich der Blick in Richtung der usa und der dortigen Rezeption Beckmanns.

Dennoch bleibt auch dieser umfangreiche Band lückenhaft. Es ist zu wünschen, dass zukünftig weitere Quellen und Forschungen ein präziseres Bild Beckmanns und seiner Unterstützerinnen und Unterstützer, Sammlerinnen und Sammler, Händler und Netzwerke in der Zeit des Nationalsozialismus ermöglichen. Die digitale Gesamtedition der Tagebücher Beckmanns, die dank der Enkelin des Künstlers, Mayen Beckmann, auch auf weitere Materialien wie die Tagebücher Mathilde Q. Beckmanns und ihrer Schwester Hedda Schoonderbeek zurückgreifen kann, ist dafür ein weiterer wichtiger Schritt.

Der Kaldewei Kulturstiftung ist für die äußerst großzügige vollständige Finanzierung des Symposiums und der Publikation sehr herzlich zu danken. Allen Expertinnen und Experten gilt für Ihre Vorträge und Texte unser größter Dank, daneben allen am Zustandekommen und der Durchführung des Symposiums Beteiligten. Marianne von Manstein übernahm schließlich zusammen mit Catharina Kauffmann die umfangreiche und aufwendige Redaktion des Tagungsbandes mit größter Sorgfalt. Dank steter Finanzierung der Freunde des Max Beckmann Archivs konnten deren Mitarbeiterinnen Symposium und Publikation bei allen Anliegen unterstützen. Dem Hatje Cantz Verlag danken wir für die Aufnahme der Publikation in die Reihe Hatje Cantz Text. Lutz Stirl sei für das sorgfältige Lektorat und Neil Holt sowie dem Team von Calibar Services für die ansprechende Gestaltung des Bandes gedankt.

Oliver KaseCathrin Klingsöhr-Leroy

Von Frankfurt nach Berlin

Iris Schmeisser„So schöne Zeiten und ein so bitteres Ende“Die letzten Jahre in Frankfurt

Beckmann verbrachte die längste Zeit seines Schaffens – mehr als siebzehn Jahre – in Frankfurt am Main, wo er von Oktober 1915 bis Ende Mai 1933 lebte.1 Nach der traumatischen Erfahrung als freiwilliger Sanitätssoldat im Ersten Weltkrieg fand er dort zu einem neuen Stil, konnte bald auf ein Netzwerk an privaten Förderern bauen und profitierte insbesondere in den Jahren der Weimarer Republik von der progressiven Kunst- und Kulturpolitik der Stadt. Beckmanns Werke wurden damals in achtzehn Gruppen- und Einzelausstellungen präsentiert und die Frankfurter Zeitung trug dank zahlreicher Beiträge zu seiner hohen öffentlichen Wahrnehmung bei. Unter dem seit Herbst 1924 amtierenden linksliberalen Oberbürgermeister Ludwig Landmann kam es zu einer umfangreichen Modernisierung der städtischen Kulturlandschaft und Kunstförderung, die Frankfurt für Beckmann attraktiv machte. In der Stadtverordnetenversammlung waren die Sozialdemokraten tonangebend. Im Magistrat standen Landmann visionäre Persönlichkeiten wie der von ihm neue berufene Leiter des Städtebaudezernats Ernst May, der reformorientierte Finanzdezernent und spd-Mann Bruno Asch und der Sozialpolitiker und (seit 1927) Kulturdezernent Max Michel zur Seite. Zudem hatten der von Landmann bestellte Direktor der kommunalen Kunstgewerbeschule Fritz Wichert (seit 1928 „Stadtkunstwart“2) und der Leiter der dem Städelschen Kunstinstitut angegliederten Städtische Galerie Georg Swarzenski (seit 1928 Generaldirektor der städtischen Museen) in Gremien entscheidenden Einfluss auf die Kulturpolitik. Für die Akteure des Wohnungs- und Städtebauprogramms „Neues Frankfurt“ und ihr umfassendes kulturelles Modernisierungsprojekt war es identitätsstiftend, einen so bedeutenden Künstler wie Beckmann an die Stadt zu binden. Diese geradezu programmatische Rolle machte Beckmann jedoch auch angreifbar. Die substanzielle Anzahl an Ankäufen seiner Werke für die moderne städtische Sammlung, die der mit ihm befreundete Swarzenski verantwortete, setzten ihn zudem öffentlicher Kritik aus. Spätestens seit der Wirtschaftskrise und mit Zunahme der politischen Instabilität gewannen antimoderne und rechtsextreme Kräfte an Boden. So waren Beckmanns letzte Jahre in Frankfurt geprägt von der Spannung zwischen der fortschrittlich gesinnten Kommunalverwaltung Landmanns, die ihn weiterhin mit Auftragswerken und Erwerbungen förderte, und den erstarkenden antidemokratischen und antisemitischen Kulturnationalisten, die seine Werke diskreditierten. Der Künstler wurde zunehmend zum Politikum.

„Zeitwende Kunstwende“:3 Beckmann und die kommunale Kulturpolitik

Im Juni 1925 berichtete Beckmann in einem Brief an seine zukünftige Frau Mathilde von Kaulbach, genannt „Quappi“, von einem Telefonat mit dem Direktor der Frankfurter Kunstgewerbeschule: „Heute habe ich mit Wichert telefoniert“,4 schrieb er und fuhr fort: „Er war sehr nett und erzählte, wie er für mich gekämpft hatte, damit ich eine absolute Sonderstellung bekäme […].“5 Bald darauf unterzeichnete Beckmann am 1. Oktober 1925 dank Wicherts Engagement einen Vertrag mit der Stadt, der ihm die Leitung einer Meisterklasse für Malerei an der Frankfurter Kunstgewerbeschule übertrug. Die neue städtische Lehranstalt war im Jahr 1922 aus der Zusammenlegung der kurz zuvor kommunalisierten Kunstgewerbeschule, deren Träger bis 1921 die Polytechnische Gesellschaft war, und der freien Kunstschule des Städelschen Kunstinstituts hervorgegangen, die bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert bestand (Abb. 1).6 Die Leitung des neu zu gestaltenden Instituts hatte der zu diesem Zweck berufene Wichert inne, der dieses Amt im April 1923 antrat. Für die neue Frankfurter Kunstgewerbeschule hatte er einen innovativen Reorganisationsplan entworfen, der sich an den Ideen der Bauhauslehre orientierte. Der Lehrplan der städtischen Kunstgewerbeschule sollte durch die Einbeziehung der freien Künste und um die, durch kommunale Mittel finanzierte, Einrichtung von sogenannten „Meisterateliers“ erweitert werden. Beckmann, der 1924 augenzwinkernd über sich selbst geschrieben hatte, er sei „Berliner“ und „leb[e] in Frankfurt a. M.“,7 ermöglichte die neue Stelle ohne feste Lehrverpflichtung außergewöhnliche Freiheiten in der Lehre und Flexibilität zu reisen. Seine Lehrtätigkeit beschränkte sich auf wöchentliche Korrekturen. Der Vertrag garantierte Beckmann ein festes jährliches Einkommen in Höhe von 10 000 rm.8 Sein Gehalt wurde zudem mit 2000 rm durch die private Spende eines „Frankfurter Kunstfreunde[s]“9 finanziert. So brachte er es zuzüglich der Einnahmen aus Bilderverkäufen dank seines Vertrages mit J. B. Neumann auf ein „Ministereinkommen“10 – wie er an Quappi schrieb. Die neue städtische Unterstützung ermöglichte ihm zugleich Schutz und Förderung seiner künstlerischen Freiheit.

Abb. 1: Ateliergebäude der ehemaligen Kunstschule des Städelschen Kunstinstituts, 1920er Jahre, Städel-Archiv, Frankfurt am Main

Neben Wichert und dem einflussreichen Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Zeitung Heinrich Simon, war der mit beiden eng vertraute Swarzenski einer der wichtigsten Fürsprecher Beckmanns. Bis 1931 trug Swarzenski die damals größte öffentliche Sammlung an Werken Beckmanns zusammen: insgesamt 13 Gemälde und über 100 Arbeiten auf Papier. In der Kunst Beckmanns sah er, wie er 1927 in der Zeitschrift Das Neue Frankfurt schrieb, „die Äußerung einer der wesentlichsten geistigen Kräfte unserer Zeit“.11 Sogar ein eigener „Beckmann-Raum“ habe sich im Städel befunden, wie sich die Kunsthistorikerin Doris Schmidt erinnert.12 Ein weiteres Instrument der fortschrittlichen Kunst- und Sozialpolitik der Ära Landmann war die „Frankfurter Künstlerhilfe“. Ursprünglich während der Inflation als private Initiative für bedürftige Kunstschaffende ins Leben gerufen, wurde diese ab 1924 durch städtische Mittel in Höhe von 100 000 rm aufgestockt und ging ab 1928 gänzlich in kommunale Trägerschaft über.13 Bereits ab 1925 war der Anwendungsbereich der Förderung ausgedehnt worden, um zeitgenössische Kunst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, indem man Auftragswerke für kommunale Bildungseinrichtungen vergab und besonders qualitätvolle Arbeiten hiesiger Künstler für die städtischen Sammlungen erwarb.14 Insgesamt sieben Gemälde Beckmanns15 fanden auf diesem Weg zwischen 1925 und 1930 Eingang in den Bestand der Städtischen Galerie, darunter das ursprünglich für das Volksbildungsheim vorgesehene Bild Der Strand. Darüber hinaus wurde 1927/28 Grafik von Beckmann in Höhe von 10 000 rm überwiesen.16

Bereits das erste Gemälde von Beckmann, Kreuzabnahme (1917, mb-G 192), das Swarzenski für die Galerie vorschlug – er hatte das Werk noch in der Endphase des Ersten Weltkriegs bei seinem Besuch im Atelier des Künstlers ausgewählt17 –, wurde damals nicht von allen Mitgliedern des städtischen Ankaufsgremiums (unter Landmanns Vorgänger Georg Voigt) befürwortet. Insbesondere der fast achtzigjährige Leo Gans hatte sich vehement dagegen ausgesprochen und trat danach aus der sogenannten „Galeriedeputation“ aus.18 Der Konflikt zwischen deren alteingesessenen Mitgliedern und Swarzenski deutete bereits an, dass über Beckmanns Kunst kulturpolitische Kontroversen verhandelt wurden, die sich bis zum Ende der Weimarer Republik verschärften und von zunehmend radikalen antimodernen und antidemokratischen Positionen in Anspruch genommen wurden.

Die Jahre 1929–1932: turbulente Zeiten

1929 erhielt die spd bei den Stadtverordnetenwahlen im November zwar nach wie vor die Mehrheit der Mandate, aber die nsdap erhielt erstmals 10 Prozent (neun Mandate) der abgegebenen Stimmen. Die Frankfurter Jahre von 1929 bis 1932 waren für Beckmann geprägt von einem Wechsel zwischen Höhen und Tiefen. Die Weltwirtschaftskrise beschleunigte die angespannte politische Situation, da die kommunalen Finanzen zunehmend unter Druck gerieten. Im Herbst 1929 verlieh ihm die Stadt auf der Jubiläumsausstellung des Kunstvereins den Großen Ehrenpreis. Es folgte – ebenfalls im Kunstverein und mit einer Eröffnungsrede von Heinrich Simon – eine große Einzelausstellung seiner neueren Werke und zeitgleich eine Schau seiner Grafik im Kunstsalon Schames. Bereits 1928 hatte er einen mit 8000 rm dotierten Auftrag19 für ein öffentliches Kunstprojekt von der Frankfurter Künstlerhilfe erhalten, die sich mittlerweile aber aufgrund der „ausserordentlichen Anforderungen, die in dieser Notzeit an sie gestellt“,20 in einer „sehr schwierigen finanziellen Lage“21 befand. Vereinbart war, dass Beckmann die Aula der Friedrich-Ebert-Reformschule mit Wandmalereien ausgestalten sollte. Er lieferte jedoch lediglich als Supraporte ein Stillleben mit Musikinstrumenten (mb-G 338) für den Eingang des Saals (Abb. 2), sodass nachverhandelt werden musste, dass er der Stadt zusätzlich drei kleinformatige Gemälde überlassen sollte, die an die Galerie gingen.22

Abb. 2: Stillleben mit Musikinstrumenten, 1930, Verbleib unbekannt, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, München

Seit 1929 verbrachte Beckmann die Monate September bis Mai in Paris und reiste nur für jeweils eine Woche im Monat nach Frankfurt zur Korrektur der Arbeiten seiner Meisterschülerinnen und -schüler.23 Internationale Erfolge verzeichnete er damals unter anderem in Einzelausstellungen 1930 in Basel und Zürich und 1931 in Brüssel, New York und Paris.24

Am 23. Januar 1929 beantragte der Magistrat schließlich für Beckmann die Verleihung des Professorentitels, ein weiterer Höhepunkt. Das Vorhaben scheiterte jedoch, da die Ernennung von einem festen Lehrdeputat abhing.25 Als Beckmanns Vertrag im Oktober 1930 um weitere fünf Jahre verlängert wurde, hieß es noch, dass die dafür notwendigen Mittel im Haushaltsplan zur Verfügung stünden.26 Etwa ein Jahr später kam es allerdings auf dem Zenit der Wirtschaftskrise aufgrund der drohenden Kürzung seines Gehalts und Wicherts Vorwurf der mangelnden Präsenz Beckmanns zu Verwerfungen – und Beckmann kündigte verärgert am 26. Oktober 1931 und erwog einen Umzug nach München.27 Nachdem Landmann, Swarzenski und Michel auf Wichert einwirkten und sein gekürzter Verdienst wieder erhöht worden war, nahm er die Kündigung jedoch zurück.28

Doch schon 1932 musste Beckmann aus finanziellen Gründen sein Atelier in Paris aufgeben und mietete bereits zum Jahresende eine Wohnung in Berlin.29 Seinen Frankfurter Wohnsitz behielt er zunächst noch bei. In diesem Jahr kam es zu zahlreichen nationalsozialistischen Übergriffen in der Stadt, auch auf die Universität. In der Festhalle fanden mehrere ns-Kundgebungen statt. Seit 1932 sei Beckmann in Frankfurt den zunehmenden Angriffen der Nationalsozialisten ausgesetzt gewesen.30 Die „Welt“31 habe für ihn „im Spätherbst 1932 in Frankfurt a/M“32 – wie er später rückblickend in seinem Notizbuch erinnerte – aufgehört (Abb. 3).

Abb. 3: Selbstbildnis im Hotel, 1932, Albertina, Wien, Dauerleihgabe Thomas Kirch Stiftung SbR, München

Entlassung der „Kunstbolschewisten“: die Machtübernahme und die Folgen

Am 4. April 1933 schrieb der Beckmann-Schüler Heinrich Steiauf an den seit dem 28. März 1933 „beurlaubten“ Direktor der Kunstgewerbeschule Fritz Wichert: „Als [ich] an jenem Donnerstag, an dem ich zu Ihnen kommen sollte, die Schule betrat, wurde mir gesagt, daß Sie beurlaubt seien, u. wir, die Beckmannschüler, unsere Entlassung beantragen sollten, da die Meisterklasse mit dem selben Tag aufgelöst sei. Wir sollten unsere Sachen abholen, u. in den nächsten 12 Stunden die Klasse räumen. […] Und das traurigste ist, die meisten Bekannten leugnen uns jetzt jede Künstlerschaft, als habe das alles, was wir Schaffen, Schaffen mussten aus innerem Drange, nicht weil es jemand verlangte, [nicht] mit Kunst, mit Malerei etwas zu tun.“33

Nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 war der nsdap auch in Frankfurt der Boden bereitet. Zum 12. März 1933, dem Tag der letzten Kommunalwahlen, bei der die nsdap die absolute Mehrheit nur knapp verfehlte, trat Landmann nach fast zehnjähriger Amtszeit angesichts drohender Repressalien zurück. Am Tag darauf hisste die sa auf dem Rathaus die Hakenkreuzfahne. Bereits am 1. März 1933 hatte die ideologische „Säuberung“ der Kunstgewerbeschule ihren Auftakt genommen, als Wichert auf Druck des „Kampfbundes für Deutsche Kultur“ eine Führung durch die Schule geben musste. Die Delegation mutmaßte dabei, man habe die Werke der Beckmann-Klasse zuvor aussortiert.34 Die lokale Künstlervereinigung „Frankfurter Künstlergesellschaft“ wandte sich am 15. März 1933 in einem Brief an den Preußischen Kultusminister gegen die „zersetzenden Kunstbolschewisten“35 der Institution. Swarzenski und Wichert wurden bereits am 28. März 1933 – also noch vor Inkrafttreten des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ – durch Anordnung des neuen Oberbürgermeisters Friedrich Krebs, Ortsgruppenleiter des „Kampfbunds für Deutsche Kultur“ „mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres beurlaubt“.36 Die Leitung hatte kommissarisch Karl Berthold, ein Goldschmied, der schon in den 1920er Jahren nsdap-Mitglied und ebenfalls im Kampfbund aktiv war, übernommen, um die Kunstschule „nach dem Grundsatz einer deutschen, in dem Handwerk wurzelnden Kunst umzubauen“.37 Beckmanns Vertrag wurde daher vorzeitig am 31. März zum 15. April 1933 – und zwar auf Grundlage der Preußischen Sparverordnung, das heißt unter dem Vorwand der „unumgänglichen Ersparnis an Personalausgaben“38 – gekündigt. Seine Meisterklasse wurde aufgelöst. Doch nicht nur der einst gefeierte Künstler des Neuen Frankfurt, der am 28. Mai 1933 endgültig nach Berlin übergesiedelt war, kam an den Pranger. Auch seine wichtigsten lokalen Förderer Swarzenski und Wichert wurden wegen ihres Einsatzes für Beckmann – dies war zentraler Anklagepunkt – auf brutale Weise im Zuge eines städtischen Untersuchungsausschusses attackiert.39 Dass zwei seiner Gemälde, Kreuzabnahme (1917, mb-G 192) und Großes Stillleben mit Musikinstrumenten (1926, mb-G 257) vom 5. November 1936 bis zum 31. Januar 1937 im Bibliotheksbau des Deutschen Museums als Leihgaben der Städtischen Galerie in der Ausstellung Der Bolschewismus – Große antibolschewistische Schau präsentiert wurden, zeigt, wie eng seine in Frankfurt entstandenen Arbeiten mit der progressiven Kulturpolitik der Weimarer Republik assoziiert waren. Schließlich zerschlug die Aktion „Entartete Kunst“ im Sommer 1937 die damals größte öffentliche Beckmann-Sammlung in einem deutschen Museum und der Künstler flüchtete nach Amsterdam ohne je wieder nach Frankfurt zurückzukehren.

Nach 1945: Rekonstruktion der „verlorenen Beckmann-Sammlung“40

Nach 1945 bemühten sich die Stadt Frankfurt, das Städel Museum und die Kunstschule, die durch den Nationalsozialismus gebrochene Beziehung zu Beckmann zu rekonstruieren. Die verlorene Sammlung seiner Werke im Städel Museum sollte wiederaufgebaut werden.41 Noch während der amerikanischen Besatzungszeit organisierte Swarzenskis Nachfolger Ernst Holzinger gemeinsam mit Günther Franke vom 29. Juni 1947 bis 27. Juli 1947 eine erste Einzelausstellung, auf der überwiegend Werke aus Privatbesitz präsentiert wurden. Der neue Oberbürgermeister Walter Kolb hatte Beckmann auf Anregung Holzingers zur Eröffnung eingeladen, doch Beckmann sagte ab mit der Begründung, er warte noch auf seine Ausreisepapiere für Amerika. Am 19. Juni 1947 bedankte sich Beckmann bei Kolb für die Einladung zur Ausstellung als „Gast der Stadt Frankfurt“ und schrieb ihm: „Es war mir eine Freude gerade von dort einen Freundschaftsbeweis zu bekommen, wo ich so schöne Zeiten und ein so bitteres Ende erlebt habe“.42 Holzinger engagierte sich zudem in der Nachkriegszeit dafür, Beckmann an die Kunstschule zurückzuholen.43 Er hatte den Künstler während eines Forschungsaufenthalts in den usa besucht. Noch im Dezember 1950 hatte der Beirat der Städelschule zugestimmt, ein entsprechendes Angebot an Beckmann zu richten.44

Nach dessen überraschenden Tod begann das Städel Museum in Kooperation mit der Stadt Frankfurt eine weitere Beckmann-Ausstellung zu organisieren, die mit einer Gedächtnisfeier eröffnet wurde (Abb. 4). Kurz nach der Ausstellung erwarb die Stadt von Günther Franke das 1940 im Amsterdamer Exil entstandene Gemälde Im Artistenwagen (auch: Zirkuswagen, 1940, mb-G 552) zum Preis von 16 000 dm.45 Der folgende Ausschnitt aus Kolbs Eröffnungsrede zeigt, wie sehr man von dem Wunsch nach einer identitätsstiftenden Erinnerung in Abgrenzung zum Nationalsozialismus geleitet war, für die man Beckmann und seine Kunst im Sinne einer symbolischen Wiedergutmachung in Anspruch nahm: „Wir erhofften uns von der Rückkehr Max Beckmanns nicht nur eine machtvolle Anregung für das künstlerische Leben unserer Stadt“, so Kolb, „sondern wir nahmen diese Rückkehr auch als Zeichen dafür, dass die Verbundenheit des Künstlers mit Frankfurt über die Jahre der Verfolgung des Exils hinaus lebendig geblieben war.“46

Abb. 4: Eröffnung der Gedächtnisausstellung Max Beckmann, Städel Museum, Frankfurt am Main, 21.1.1951, Städel-Archiv, Frankfurt am Main

Weitaus weniger entgegenkommend gaben sich Stadt und Städelschule jedoch, als es um die Kompensationsforderungen seiner Witwe Quappi für den materiellen Verlust ging, den Beckmann durch die Kündigung seines Vertrags erlitten hatte.47

1

Vgl. Barbara Copeland Buenger,

Novecento Berlin 1933: Mann im Dunkel

, in: Max Beckmann. Departure, München, Pinakothek der Moderne, hrsg. von Oliver Kase/Sarah Louisa Henn/Christiane Zeiller, Berlin 2022, S. 261.

2

Carina Danzer,

Das Neue Frankfurt (mit)gestalten Der Kunstschuldirektor und Kulturpolitiker Fritz Wichert (1878–1951),

Frankfurt am Main 2018.

3

Fritz Wichert,

Zeitwende Kunstwende

, in: Das Neue Frankfurt, 1. Jg., Nr. 1, 1926/27, S. 15–24.

4

Brief von Max Beckmann an Mathilde von Kaulbach, 14. oder 15.06.1925. Zit. nach:

Max Beckmann. Briefe

, hrsg. von Klaus Gallwitz/Uwe M. Schneede/Stephan von Wiese, unter Mitarbeit von Barbara Golz, Bd. I: 1899–1925, bearb. von Uwe M. Schneede, München/Zürich 1993, S. 304, Nr. 298. Vgl. Danzer 2018 (wie Anm. 2), S. 123–125.

5

Ebd.

6

Vgl. Städel-Archiv (St.A.), Ffm, Sig. 362, Bericht über die Verwaltungsjahre 1922 und 1923.

7

Max Beckmann,

Autobiographie

, Festgabe zum zwanzigjährigen Bestehen des Verlages R. Piper u. Co am 19.05.1924. Zit. nach:

Max Beckmann. Frankfurt 1915–1933

, hrsg. von Klaus Gallwitz, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1983, S. 17.

8

Vgl. St.A., Ffm, Sig. 1961, Einladung zur Sitzung der Deputation für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung auf Freitag, den 3ten Juli 1925.

9

Ebd.

10

Brief von Max Beckmann an Mathilde von Kaulbach, 14.06.1925. Zit. nach: Briefe Bd. I, S. 302, Brief 297. Vgl. auch Dieter Rebentisch,

Max Beckmann und Frankfurt am Main

, in: Dieter Rebentisch und Evelyn Hils-Brockhoff (Hrsg.), Kunst und Künstler in Frankfurt am Main im 19. und 20. Jahrhundert, Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, Dieter Rebentisch und Evelyn Hils-Brockhoff, Frankfurt am Main 2003, S. 144.

11

Georg Swarzenski,

Um Max Beckmann

, in: Das Neue Frankfurt, 1. Jg., Nr. 4, 1926/27, S. 78 f.

12

Vgl. St.A., Ffm, Sig. 632, Doris Schmidt,

Rückblicke

[Bei der Eröffnung der Ausstellung

„Entartete Kunst“

der Staatsgalerie moderner Kunst in München], 25.11.1987, maschinengeschriebenes Manuskript der Autorin.

13

Vgl. Institut für Stadtgeschichte (im Folgenden

isg

), Ffm, Magistratsakten S 1802, Bd. 1, Protokoll-Auszug der Stadtverordneten-Versammlung der Stadt Frankfurt am Main, 26.08.1924. Seit November 1927 war der Kulturdezernent Max Michel Vertreter des Magistrats in der Frankfurter Künstlerhilfe (vgl.

isg

, Ffm, Magistratsakten S 1802, Bd. 2, Verfügung Ludwig Landmann vom 21.11.1927), auch Wichert war als Vertreter der Stadt in der Kommission vertreten. Die Geschäftsführung lag bei dem Amtsgerichtsrat Ernst Levi.

14

Vgl.

isg

Ffm, A.01.01, 1629 [Frankfurter Künstlerhilfe, 1924–1933]; Magistratsakten S 1802, Bd. 1 und Bd. 2; S2 468 [Nachlass Alfred Wolters], 30.

15

Es handelte sich um die folgenden Gemälde:

Doppelbildnis Karneval, Max Beckmann und Quappi

, 1925 (

mb

-G 240), erworben 1925;

Großes Stilleben mit Musikinstrumenten,

1926 (

mb

-G 257) und

Der Strand

, 1927 (

mb

-G 267), erworben 1927;

Zwei Damen am Fenster

, 1928 (

mb

-G 281),

Sunflower

, 1930 (

mb

-G 324),

Zichorien-Stillleben

, 1930 (

mb

-G 323) und

Lautenspielerin

, 1930 (

mb

-G 327), erworben 1930.

16

isg

, Ffm,

isg

, Magistratsakten S 1802, Bd. 1.

17

Vgl. St.A., Ffm, Sig. 1892, Brief von Max Beckmann an Georg Swarzenski, 11.10.1918. Das Gemälde lag der Deputation am 24.12.1918 zur Ansicht vor und am 30.12.1918 wurde der Ankauf gegen die Stimmen des Stadtverordneten Robert Flauaus und Eduard Josef Muellers beschlossen – sowie das Ausscheiden des Mitglieds Leo Gans bekanntgegeben (St.A., Ffm, Sig. 1918).

18

Vgl. St.A., Ffm, Sig. 1964, Brief von Georg Swarzenski an Leo Gans, 25.11.1918.

19

Laut Göpel soll Beckmann für das Wandgemälde 10 000

rm

von der Stadt erhalten haben. Nach Gallwitz habe sich das vereinbarte Honorar jedoch auf 8000

rm

belaufen (vgl. Frankfurt am Main 1983 [wie Anm. 7], S. 162). Eine Liste der Ausgaben der Künstlerhilfe für „1929/1930“ gibt für Beckmann „Ausmalung der Reformschule am Bornheimer Hang“ einen gezahlten Betrag in Höhe von 5000

rm

an (

isg

, Ffm, Magistratsakten S 1802, Bd. 2).

20

St.A., Ffm, Sig. 2063, Kulturdezernent Max Michel an das Amt für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, 08.11.1930.

21

Ebd.

22

Frankfurt am Main 1983 (wie Anm. 7), S. 162. Es handelte sich um die folgenden Gemälde:

Sunflower

, 1930 (

mb

-G 324),

Zichorien-Stillleben

, 1930 (

mb

-G 323) und

Lautenspielerin

, 1930 (

mb

-G 327).

23

Vgl. Frankfurt am Main 1983 (wie Anm. 7), S. 277.

24

Max Beckmann. Katalog der Gemälde

, bearb. von Erhard und Barbara Göpel, hrsg. von Hans Martin von Erffa im Auftrag der Max Beckmann Gesellschaft, 2 Bde., Bern 1976, Bd. 1, Nr. 1551, 1552, 1582, 1591 u. 1595.

25

Vgl.

isg

, Ffm, Magistratsakten S 1753, Bd. 1; Wolfgang Klötzer,

Frankfurt am Main 1915–1933

, in: Frankfurt am Main 1983 (wie Anm. 7), S. 307.

26

Vgl.

isg

, Ffm, Magistratsakten S 1753, Bd. 3, Vortrag des Magistrats an die Stadtverordneten-Versammlung, Verlängerung des Dienstvertrages mit einem Maler betr., 10.09.1930, vgl. Frankfurt am Main 1983 (wie Anm. 7), S. 333.

27

Vgl. Danzer 2018 (wie Anm. 2), S. 132 f.; Rebentisch 2003 (wie Anm. 10), S. 149; Vgl.

Max Beckmann. Briefe

, hrsg. von Klaus Gallwitz/Uwe M. Schneede/Stephan von Wiese, unter Mitarbeit von Barbara Golz, Bd. II: 1925–1937, bearb. von Uwe M. Schneede, München/Zürich 1994, S. 413 f.; Buenger 2022 (wie Anm. 1), S. 261.

28

Vgl. Danzer 2018 (wie Anm. 2), S. 132 f.; Frankfurt am Main 1983 (wie Anm. 7), S. 347, Buenger 2022 (wie Anm. 1), S. 261.

29

Vgl. Frankfurt am Main 1983 (wie Anm. 7), S. 348; Göpel/Göpel 1976, Bd. 1, S. 22.

30

Laut einer Mitteilung Quappis an Erhard Göpel. Vgl. Göpel/Göpel 1976, Bd. 1, S. 22, Frankfurt am Main 1983 (wie Anm. 7), S. 249.

31

Max Beckmann,

Eintrag „Novo Centissimo“

, 10.01.1946, Notizbücher, in: Mathilde Q. Beckmann, Mein Leben mit Max Beckmann. Zit. nach: Rebentisch 2003 (wie Anm. 10), S. 155.

32

Ebd.

33

Brief von Heinrich Friedrich Steiauf an Fritz Wichert, 04.04.1933, Marchivum Mannheim, Nachlass Wichert, Sig. 22 1980 Nr. 8409. Vgl. auch Marie-Christin Gebhardt,

Zur Ausstellung

, in: Beyond Beckmann: Von der Meisterklasse bis zur Sammlung Böhme, hrsg. von Heinz R. Böhme, Museum Kunst der verlorenen Generation, Salzburg, Weitra 2023, S. 12.

34

Vgl. Hans-Jürgen Fittkau,

Aus der Meisterklasse Max Beckmanns – der Frankfurter Maler Karl Tratt (1900–1937)

, Weimar 2011, S. 53;

isg

, Ffm,

ma

8.461, „Führung durch die Kunstgewerbeschule am 1. März durch Herrn Direktor Wichert“, Notiz vom 06.03.1933.

35

isg

, Ffm, S2 489 (Fritz Wichert), Der Vorstand der Frankfurter Künstlergesellschaft an den Preußischen Kultusminister [Bernhard Rust]. Zit. nach: Heike Drummer,

Reform und Destruktion – die Geschichte der Städelschule während der Weimarer Zeit und Nationalsozialismus

, in: Die Städelschule Frankfurt am Main von 1817 bis 1995, hrsg. von Hubert Salden, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am Main, Mainz 1995, S. 150.

36

Vgl. Fittkau 2011 (wie Anm. 34), S. 54.

37

isg

, Ffm, Magistratsakten 47/69, 8.391, Karl Berthold an den Magistratspersonaldezernenten, 29.03.1933.

38

Ebd., Der Magistratspersonaldezernent an Max Beckmann, 31.03.1933; vgl. Fittkau 2011 (wie Anm. 34), S. 46; Drummer 1995 (wie Anm. 35), S. 150.

39

Vgl.

isg

, Ffm, V2, 19 (Zusammenarbeit mit dem Untersuchungsausschuß von Mißständen in der Stadtverwaltung im Verfahren gegen Prof. Dr. Georg Swarzenski [Generaldirektor der städt. Museen] und Prof. Dr. Fritz Wichert [Direktor der Kunstgewerbeschule]). Vgl. Drummer 1995 (wie Anm. 35), S. 150.

40

St.A., Ffm, Sig. 1623.

41

Vgl. Dorothea Schöne,

Revision, Restitution und Neubeginn

, in: Uwe Fleckner/Max Hollein (Hrsg.), Museum im Widerspruch. Das Städel und der Nationalsozialismus, Berlin 2011, S. 271–273.

42

Brief von Max Beckmann an Walter Kolb, 19.06.1947. Zit. nach:

Max Beckmann. Briefe

, hrsg. von Klaus Gallwitz/Uwe M. Schneede/Stephan von Wiese, unter Mitarbeit von Barbara Golz, Bd. III: 1937–1950, bearb. von Klaus Gallwitz, unter Mitarbeit von Ursula Harter, München/Zürich 1996, Brief 819, S. 170. Originalbrief: St.A., Sig. 1623; vgl. auch Schöne 2011 (wie Anm. 41), S. 272 f.; Rebentisch 2003 (wie Anm. 10), S. 155.

43

Vgl. auch Rebentisch 2003 (wie Anm. 10), S. 156.

44

Vgl.

isg

, Ffm, Magistratsakten, 47/69, 8.382.

45

Vgl. St.A., Ffm, Sig. 856.

46

St.A., Ffm, Sig. 1624, Walter Kolb, „Beckmann-Gedächtnisfeier im Städelschen Kunstinstitut am 21.1.51 / Entwurf“.

47

Vgl. München, Max Beckmann Archiv, Konvolut Theo Garve,

mba

IV 4,

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Friedrich Lehmann an Quappi Beckmann und Theo Garve, 22.04.1955.

Christiane ZeillerDie Beckmanns in Berlin, 1933 bis 1937Quellen aus dem Max Beckmann Archiv

„Liebe Hedda!

Fröhliche Ostern! Ob wohl bei Euch auch so schönes Wetter ist? Hier ist es richtig österlich, ich sitze vorm Haus in der Sonne u. brate, es riecht typisch nach Ohlstadt. Das nasse Gras glitzert u. dazwischen die vielen Gänseblumen und Schlüsselblumen und die Bäume haben Knospen u. die Büsche sind schon grün. […] Ich weiß nicht warum ich Dir das alles schreib […]. Man hat viel zu erzählen und redet von ganz anderen unwichtigen Dingen! Echt. Also wir sind heut genau 8 Tage hier, waren vorher 8 Tage in Berlin […]. War nett daß Du gleich auf meinen Alarmbrief geantwortet hast u. auch so lang. […] Max hatte in Berlin allerhand Besprechungen, es ist ja alles anders jetzt. Die Kunstschule in Frankfurt wurde auch aufgehoben so Max hat auch seine Entlassung bekommen. […] Du damit ich nicht vergesse, bitte keine politischen Äußerungen in Briefen!“1

Dieser in Auszügen zitierte Ostergruß entstammt dem Konvolut von insgesamt 90 Briefen, die Mathilde „Quappi“ Beckmann an ihre Schwester Hedda von Kaulbach, geschiedene Stadler und später verheiratete Schoonderbeek, in den Jahren 1926 bis 1935 geschrieben hat. Sie wurden dem Max Beckmann Archiv im Jahr 2021 durch Mayen Beckmann geschenkt. Die gesamte Briefsammlung – unterteilt in drei Konvolute2 – umfasst 1140 Briefe, die Mathilde Beckmann von 1926 bis 1980 schrieb, und zeigt damit, wie intensiv der Austausch der beiden Töchter des Malers Friedrich August von Kaulbach war.

Die Sorge, die in Mathilde Q. Beckmanns oben zitiertem Brief anklingt, spricht dafür, dass sie etliche Briefe ihrer Schwester vor ihrem Gang in das Amsterdamer Exil im Juli 1937 vernichtete. Die dort bereits seit Ende der 1920er Jahre lebende Hedda von Kaulbach war offenbar sorgloser in der Wahl ihrer Formulierungen in ihren Briefen. Zudem ist das Briefkonvolut der Jahre 1926 bis 1935 als Quelle umso wichtiger, als aus diesem Zeitraum nur verhältnismäßig wenige Briefe von Max Beckmann selbst erhalten sind.3 Dass die Beckmanns beide ihre Tagebücher aus den 1920er und 1930er Jahren vernichtet haben und die Einträge erst wieder 1940 in Amsterdam einsetzen, ist durch die Aussage von Mathilde Q. Beckmann überliefert.4 Das macht die Quellenlage der 1930er Jahre sehr lückenhaft.

Ein weiteres wichtiges Dokument im Max Beckmann Archiv hat daher ein besonderes Gewicht: Hedda von Kaulbachs Tagebücher der Jahre 1925 bis 1991. Wenngleich deren Einträge bisweilen nur aus kurzen Notizen auf deutsch und niederländisch bestehen und nicht die Ausführlichkeit der Tagebucheinträge der Beckmanns, geben sie wertvolle Hinweise. Hedda von Kaulbach hat die Beckmanns mehrfach in Berlin besucht und sie selbst einige Male bei sich in Amsterdam beherbergt, sie zeigte ihnen die Stadt, in der sie seit ihrer Scheidung von dem Bildhauer Toni Stadler lebte. Hedda von Kaulbach vermerkte in ihren Tagebüchern – im Gegensatz zu ihrer Schwester – durchaus auch politische Ereignisse, etwa Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 oder die Remilitarisierung des Rheinlandes am 7. März 1936.

Bei aller Knappheit bestätigen diese Notizen beispielsweise, was durch Herbert Fiedlers Erinnerungen5 an dessen Treffen mit Max Beckmann in Amsterdam überliefert ist: Max Beckmann wie auch seine Frau und seine Schwägerin bezeichneten Adolf Hitler in ihren schriftlichen Äußerungen häufig als „Tante Emma“, ein Codename, auf den man sich offenbar verständigt hatte. Hedda von Kaulbach verwendete ihn in ihrem Tagebuch, als eine Reise ihrer Schwester nach Amsterdam aufgrund der unsicheren politischen Lage verschoben und schließlich abgesagt wurde, sie kommentierte: „ons toch vanwegen ‚Tante Emma‘“ (also doch, wegen ‚Tante Emma‘).

In diesem Beitrag werden anhand der genannten Quellen die Lebensumstände der Beckmanns in der Zeit von dem Umzug nach Berlin (Abb. 1) bis zu ihrer Auswanderung in die Niederlande nachgezeichnet. Einige Erkenntnisse werden Mathilde „Quappi“ Beckmanns Erinnerungen Mein Leben mit Max Beckmann von 19836 gegenübergestellt, wobei deren Narrative hinterfragt, ergänzt oder korrigiert werden.

Abb. 1: Blick auf den Tiergarten mit weißen Kugeln, 1937, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, München

Der Übersiedelung des Ehepaars von Frankfurt am Main nach Berlin ging ein Umzug innerhalb Frankfurts voraus. In ihren Memoiren überspringt Mathilde Q. Beckmann dieses Kapitel, dort heißt es lediglich: „1933 wurde Max seines Amtes an der Frankfurter Kunstschule enthoben, obgleich sein Vertrag noch acht Jahre hätte laufen sollen. Wir zogen nach Berlin.“7 Ihrer Schwester gegenüber schilderte sie genauer, dass sie die Wohnung an der Steinhausenstraße aus Kostengründen aufgaben.8 Zum Jahreswechsel 1932/33 zog das Ehepaar in die von Max Beckmann bis dato als Atelier genutzte Wohnung an der Schweizer Straße. Wenige Wochen nach diesem Umzug in das eigens umgebaute Atelier erfolgte Beckmanns vorzeitige Entlassung aus der Städelschule.

Ein erneuter Umzug, nun nach Berlin, konkretisierte sich in der Folge und wird durch den Brief an Hedda vom 12. Mai 1933, kurz nach Max Beckmanns Entlassung, belegt: „[…] wir gehen nach Berlin! Vor hatten wir es schon seit 4 Wochen, haben immer hin u. her überlegt, und nun war Max wieder 8 Tage in Berlin wo er eine recht hübsche Wohnung am Tiergarten fand für 130 M; 5 Z […]. Erst wollten wir noch […] abwarten – aber es gibt nichts mehr zum abwarten u. Berlin ist der einzige Ort vorläufig der für uns möglich ist. Hier geht’s nicht mehr, die Schule ist aus u. auch sonst geht’s nicht mehr. In Berlin ist viel mehr Möglichkeit wenn auch da keine großen Chancen sind.“

Im Juni 1933 waren die Beckmanns in die 5-Zimmer-Wohnung am Tiergarten, Hohenzollernstr. 27, umgezogen. In ihrem Brief zeichnete Quappi Beckmann den Grundriss der Wohnung (Abb. 2). Die Straße wurde von den Nationalsozialisten noch im Dezember des Jahres in Graf-Spee-Straße umbenannt und die Häuser neu nummeriert.9 Da Lilly von Schnitzler mit ihrem Mann Georg in derselben Straße wohnte, liegt es nahe, dass sie den Beckmanns bei der Vermittlung der Wohnung behilflich war.

Abb. 2: Grundriss der Wohnung an der Graf-Spee-Str. 3, Brief von Mathilde Q. Beckmann an ihre Schwester Hedda von Kaulbach vom 12. Mai 1933, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, München

Die günstigeren „Möglichkeiten“, die die Beckmanns in Berlin vermuteten, hingen sicher auch mit Ludwig Justi, damals noch Direktor der Nationalgalerie, zusammen, der sich intensiv für Beckmanns Kunst einsetzte und eingesetzt hatte.10 Auch die Eröffnung des seit Monaten eingerichteten und konzipierten Beckmann-Saals im Kronprinzenpalais Mitte Februar, zwei Wochen nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, war ein – trügerisch – positives Signal. Spätestens im Juli 1933, nach Absetzung von Ludwig Justi und der Schließung des Beckmann-Saales, zeichnete sich ab, dass sich das politische Blatt im Land unwiederbringlich gewendet hatte, und Mathilde stellte in ihrem Brief an Hedda vom 15. Juli fest: „Hier ist der Geheimrat Justi abgesetzt worden von der Nationalgalerie und ein neuer Direktor. Die Beckmannbilder sind abgehängt!! […] Na, bin neugierig was das ergeben wird, denn das ist noch nicht das Ende.“

Ebenso ernüchtert kommentierte Mathilde Beckmann die Berliner Jahre des Ehepaares in ihren Erinnerungen: „Während der viereinhalb Jahre in Berlin hatten wir kaum gesellschaftlichen Umgang […].“11 Die Briefe an die Schwester sprechen hingegen eine andere Sprache. Am 29. Januar 1934 erzählt Mathilde Q. Beckmann von den gesellschaftlichen Zusammenkünften der vorangegangenen Wochen: „Letzte Woche war Erna [Hanfstaengl] hier, wir haben sie öfter gesehen, waren einen Abend bei wo viele Menschen waren, etliche Verwandte von Tante Bertha Emma,12 ganz interessante Menschen wie die Dichterin Ina Seidl,13 dann war Backhaus14 da […] Puzzi [Hanfstaengl] erschien auch aber nur ganz kurz; dafür sah ich ihn gestern bei der Lilly Sch[nitzler]. länger [,] er kommt wahrscheinlich, wenn er nicht grad verreisen muss am Samstag zu uns zum Tee. Erna war bei uns zum Essen und nahm 2 Bilder mit! Sie will sie in München zeigen. […] am Dienstag bei Schrenks15 abends […] war ganz nett, sie haben ein sehr hübsches Haus […].“

Mit der Dichterin Ina Seidel, Erna und ihrem Bruder Ernst („Putzi“) Hanfstaengl sowie dem Pianisten Wilhelm Backhaus sind gleich vier treue Unterstützer/innen des ns-Regimes genannt, die zum Teil persönlich mit Hitler bekannt waren. Die Verbindung der Familie Hanfstaengl zu den von Kaulbachs bestand schon vor Mathildes Geburt.

Anfang März 1934 folgten in einem Brief an Hedda weitere ausführliche Schilderungen der Partys und Begegnungen mit unterschiedlichen, überwiegend ‚linientreuen‘ Personen, die alle namentlich genannt werden und sich größtenteils identifizieren lassen. Die meisten dieser Zusammenkünfte fanden bei Lilly und Georg von Schnitzler statt: „[…] wir haben viele Menschen diese Woche gesehen waren 3 mal bei der Lily Schnitzler. Am Montag Abend […], dann am Mittwoch nachmittag zur Coctail-Partie, da waren die Ceruttis’s16 die Frau vom franzosischen Bothschafter [sic!] Poncet,17 […] Kühlmann18. […] Am Donnerstag war ein Herren Abend lauter Nazi Literrataten [sic!], 2 Redakteure von einer Zeitung, […] der Herr Zikkler19 […] und ein Herr Erich Albert Günther20 […] Dann war noch ein Herr Gauger21 da […]. Später kam noch der Dr. Scholz (der übrigens nicht der Adjutant von Hitler sondern von Röhm ist, aber auch dauernd mit Hitler zusammen.)22 […].“23

Die Briefe, auch Lilly von Schnitzlers Gästebücher,24 lesen sich streckenweise wie ein Who’s who des politischen und kulturellen Berlins. Lilly von Schnitzler, die Grande Dame vormals der Frankfurter, jetzt auch der Berliner Society, wollte auf ihren Gesellschaften Menschen zusammenbringen, die aus ihrer Sicht interessant waren und voneinander profitieren könnten, auch wenn diese mitunter konträre politische oder ideologische Ansichten vertraten. Anhand der Quellen lassen sich noch folgende Begegnungen des Ehepaars Beckmann ermitteln: Häufiger traf man Baron Rudolf von Simolin, der unter anderem eine Wohnung in Berlin hatte und ein entfernter Cousin von Mathilde Q. Beckmann war, wie diese überhaupt eine wichtige Rolle für Beckmanns Netzwerke spielte, waren doch die Hanfstaengls, Ferdinand Sauerbruch, Richard von Kühlmann und andere schon Bekannte ihrer Eltern gewesen. Beckmann traf außerdem unter anderen noch Heinrich Simon, Ernst Levi, Friedrich Gubler und die durch die Ehe der Kinder mit diesem verbundenen Swarzenskis. Hedda von Kaulbach, die die Beckmanns im Dezember 1934 in Berlin besuchte, erwähnte in ihrem Tagebuch, dass der Schauspieler Heinrich George bei dem Maler und seiner Frau zum Mittagessen eingeladen war.25 Im Frühjahr 1936, als sich Max Beckmann in Baden-Baden zur Kur aufhielt, wurde er wiederholt zu Ausflügen mit dem Generaldirektor der Ufa, Ludwig Klitzsch, eingeladen, lehnte aber offenbar ab.26 Beckmann stellte fest: „Man ist von allen Seiten sehr liebenswürdig zu mir und es stellt sich immer wieder heraus, daß ich viel berühmter bin, als wir beide es selbst merken, wenn wir in der Graf Speestr. sitzen.“27 (Abb. 3) Aus dieser Bemerkung spricht auch die Hoffnung, dass die neuen Machtverhältnisse sich nicht unmittelbar auf das Leben des Malers auswirken würden.

Abb. 3: Max Beckmann und Mathilde Q. Beckmann auf dem Balkon der Wohnung an der Graf-Spee-Str. 3, 1935, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, München

Während der vier Jahre in Berlin pflegten die Beckmanns also durchaus gesellschaftlichen Umgang. Unter den Personen, denen sie begegneten, waren Parteimitglieder und Sympathisanten des Regimes, aber auch Menschen, die aufgrund ihrer kritischen Haltung gegenüber dem Regime oder aber jüdischer Wurzeln selbst stark gefährdet waren.

Auch für den Themenbereich Provenienz, Sammler/innen und Käufer/innen enthalten die Quellen wertvolle Informationen. Einige Briefe von Quappi an ihre Schwester belegen die Versuche, im Ausland, hier den Niederlanden, neue Käufer zu gewinnen. Hedda hatte sich bereits Ende 1933 an den niederländischen Kunsthändler Jacques Goudstikker gewendet, um in dessen Amsterdamer Galerie eine Ausstellung von Gemälden Beckmanns anzuregen: „Eigentlich wollte ich Dir gestern schon danken […] daß Du u. Mimi [Kijzer] wirklich hingegangen seid zum Goudstikker! Max fand es auch so nett von Mimi und läßt vielmals danken. Ich habe mich auch sehr gefreut über das über[r]aschende Resultat, hätte es gar nicht gedacht, daß er [Goudstikker] so viel Interesse hat! Wär fein wenn was draus würde! Wir haben gestern gleich geschrieben an ihn, und ihm Vorschläge gemacht, Max hat sehr nett geschrieben […].“28 Goudstikker meldete sich lange Zeit nicht und sagte schließlich Ende Januar 1934 doch ganz ab.

Um die Kosten für den Transport von Gemälden nach Amsterdam zu reduzieren, hatten die Beckmanns zunächst noch einen Alternativplan. Sie wollten jene Aquarelle, die in der Zeit um den Jahreswechsel 1933/34 fest für eine Ausstellung in der Pariser Galerie Paul Guillaume eingeplant waren, nach deren Abbau als einfaches Postpaket in Goudstikkers Galerie schicken, um den finanziellen Aufwand des Transports so gering wie möglich zu halten. Außerdem, so Mathilde Q. Beckmanns Einschätzung, seien Beckmanns Aquarelle leichter für das Publikum zugänglich als seine Gemälde, wie sie im Dezember 1933 in einem Brief an Hedda von Kaulbach formulierte. Diese Quelle belegt, dass in der Pariser Galerie Paul Guillaume, in den 1920er Jahren die bekannteste Galerie für zeitgenössische Kunst in Paris, eine Ausstellung von Beckmanns Aquarellen fest verabredet war, jedoch nicht mehr zustande kam. Zum anderen zeigt der Brief und die Kontaktaufnahme mit Jacques Goudstikker eine gezielte Planung, um neue Käuferkreise in den Niederlanden zu erschließen. Beide Umstände waren bislang nicht bekannt.

Die Quellen enthalten auch Hinweise auf Werke, die sich nicht mehr identifizieren lassen, so etwa im Brief vom 13. November 1933: „Schrieb ich Dir daß Erna [Hanfstaengl] neulich da war, sie hat auch die Bilder gesehn und sie gefielen ihr, das kleine ‚Tempel Bild‘ hat sie leihweise mitbekommen […].“29 Bei dem kleinen „Tempel-Bild“ handelt es sich um keines der Gemälde, die sich nachweislich im Besitz von Erna Hanfstaengl befanden – schließlich war es ihr auch nur „leihweise“ mitgegeben worden. Es ließ sich bislang nicht ermitteln.

In zwei Briefen von Januar und April 1934 beschrieb Mathilde Beckmann detailreich ein Selbstporträt Max Beckmanns, das offenbar in Hedda von Kaulbachs Besitz übergegangen war und ebenfalls bislang nicht identifiziert ist: „Das Bild von Max ist bezaubernd. Er sieht gar nicht ‚bös‘ drauf aus, es ist im Ausdruck irgendwie sehr über alle Dinge stehend aber nicht hochmütig, ernst aber zugleich liebevoll. Er hat ein rosa Hemd und drüber einen braunen Janker an, der Hintergrund ist auf einer Seite braun und dann grün, so ein smaragdgrün. Er hat eine Zigarre im Mund was gemütlich aussieht, das Ganze ist lebensgroß das Format ungefär 80–1 m. Es würde Dir bestimmt gefallen!“30 Zwei Monate später scheint das zuvor beschriebene Werk in Hedda von Kaulbachs Besitz übergegangen zu sein: „Es freut den Max […] daß Du so viel Freude hast an Deinem Bild.“31 Die Schilderung, insbesondere des Ausdrucks und der Farbe, erinnert an Max Beckmanns Selbstbildnis auf Grün mit grünem Hemd (mb-G 509), das allerdings erst 1938 in Amsterdam entstanden ist und nie in Hedda von Kaulbachs Besitz war, außerdem weicht das Format deutlich ab. Auch hier gilt es weiter über Technik und Verbleib des Werkes zu forschen.

Anhand von Hedda von Kaulbachs Tagebüchern lässt sich der Zeitpunkt der Abreise des Ehepaars Beckmann von Berlin ins Amsterdamer Exil exakt auf den 19. Juli 1937 datieren. Beckmanns finaler Entschluss, nach Amsterdam zu gehen, stand, wie zu sehen sein wird, allerdings nicht wie bisher angenommen in einem direkten kausalen Kontext mit Hitlers Eröffnungsrede für das „Haus der Deutschen Kunst“. Die endgültige Entscheidung, Deutschland zu verlassen, fiel schon davor und nahm natürlich einige Zeit in Anspruch.32

Am 14. Juli 1937 findet sich in Hedda von Kaulbachs Tagebuch ein Eintrag, der die unmittelbare Dringlichkeit der Ausreise ihrer Schwester und des Schwagers erahnen lässt, ohne dass konkrete Gründe genannt wurden: „Brief von Hilde, kommen n. Holland. Abends Telefon von Hilde, ob ich über Berlin kommen kann, wollen mit mir reden und zwar bald. Na“.33 Mathilde Q. Beckmann erwähnte in ihren Erinnerungen jenen „drängenden und verzweifelten Anruf“34 bei der Schwester in Ohlstadt. Am folgenden Tag, dem 15. Juli, tauschte diese nach einem weiteren Telefonat mit Mathilde ihren Fahrschein, der für die Direktverbindung nach Amsterdam ausgestellt war, um in eine Fahrt über Berlin.35 Am Tag ihrer Abreise, dem 18. Juli, also wiederum drei Tage später, hörte Hedda von Kaulbach in Ohlstadt Hitlers programmatische wie vernichtende Rede im Radio. Dass sie also noch am selben Tag nach Berlin abgereist ist, war Zufall, das Zugticket bereits seit drei Tagen auf diesen Sonntag ausgestellt. Vermutlich hat die mehr als bedrohliche Rede die Beckmanns in ihrem Entschluss, Deutschland zu verlassen, noch einmal bestätigt, und man trat am Folgetag gemeinsam mit Hedda die als Urlaubsfahrt getarnte Ausreise in die Niederlande an. Mathilde Q. Beckmann straffte in ihren Memoiren diese scheinbare Nebensächlichkeit und setzte den Gang ins Exil in einen kausalen Zusammenhang mit Hitlers Rede über ns-Kunst und -Kunstpolitik: „Am 18. Juli 1937 erklärte Hitler die moderne Kunst zur ‚entarteten Kunst‘ und hinderte von da an viele Künstler, weiter zu arbeiten. Wer sich widersetzte, den bedrohte er mit Verhaftung, Konzentrationslager oder Schlimmerem. Für uns blieb nur eines: Deutschland sofort zu verlassen.“36

Die jüngst an das Max Beckmann Archiv gelangten Quellen ergänzen und korrigieren die Überlieferung für einen Zeitraum, der aufgrund der Vernichtung der Tagebücher durch das Ehepaar Beckmann bisher in manchen Details stark geprägt war von den Narrativen aus Mathilde Q. Beckmanns Erinnerungen Mein Leben mit Max Beckmann. Es steht noch aus, diese Quellen gezielt nach Entstehung und Verbleib etlicher Werke Beckmanns sowie Personen aus seinem Umkreis gründlich auszuwerten.

1

Brief von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach, 16.04.1933. Dieser wie alle anderen in diesem Beitrag zitierten Briefe von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach befinden sich im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe.

2

Das erste an das Max Beckmann Archiv gelangte Konvolut enthält 870 Briefe aus den Jahren 1938 bis 1980, das zweite Konvolut enthält 181 Briefe aus den Jahren 1948 bis 1954, das dritte Konvolut enthält 90 Briefe aus den Jahren 1926 bis 1935 (Chronologie gemäß Archivzugang). Es bestehen zwischen den Konvoluten also zeitliche Überschneidungen. Ferner gibt es eine kleine zeitliche Lücke aus den Jahren 1936 und 1937, in der bislang keine Briefe von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach bekannt sind, wobei ab Juli 1937 beide Schwestern in Amsterdam lebten und daher nicht mehr per Brief miteinander korrespondiert haben.

3

Von Max Beckmann haben sich z. B. 11 Briefe von 1933, 5 von 1934, wiederum jeweils 11 aus den Jahren 1935 und 1936 erhalten. Zum Vergleich: Aus dem Jahr 1928 haben sich 41 Briefe erhalten, 27 von 1929 und 40 aus dem Jahr 1930.

4

„Als die deutsche Invasion über Holland hereinbrach, verbrannte Max Beckmann sämtliche früheren Tagebücher, außer den zwei Seiten […], welche ich kurz vor dem Verbrennen aus einem Heft riß und heimlich bewahrte.“ Zit. nach: Max Beckmann,

Tagebücher 1940–1950

, bearb. von Mathilde Q. Beckmann, hrsg. von Erhard Göpel, München 1955, Vorwort (o. S.).

5

Eine Kopie der handschriftlichen Erinnerungen Herbert Fiedlers an Max Beckmann befindet sich im Max Beckmann Archiv, o. S. Dort notierte er: „Von Hitler spricht er als von ‚Tante Emma‘.“

6

Mathilde Q. Beckmann,

Mein Leben mit Max Beckmann

, München 1983.

7

Ebd., S. 18.

8

Brief von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach, 11.10.1932, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe.

9

Das Wohnhaus, in dem die Beckmanns lebten, bekam die Hausnummer 3. Das Gebäude wurde kurz nach der Übersiedelung der Beckmanns nach Amsterdam mit anderen abgerissen, um Platz für die neu entstehenden Botschaftsgebäude zu machen. Die Straße heißt heute Hiroshimastraße.

10

Max Beckmann in einem Brief an Minna Beckmann-Tube, 09.10.1932: „Der einzige Lichtblik [sic!] ist die Nationalgalerie zur Zeit.“ Zit. nach:

Max Beckmann. Briefe

, hrsg. von Klaus Gallwitz/Uwe M. Schneede/Stephan von Wiese, unter Mitarbeit von Barbara Golz, Bd. II: 1925–1937, bearb. von Uwe M. Schneede, München/Zürich 1994, Nr. 604.

11

Beckmann 1983 (wie Anm. 6), S. 19.

12

Die Person ist bislang nicht ermittelt, in der Regel bezeichnete Beckmann Hitler mit „Tante Emma“, wie bereits gezeigt wurde.

13

Ina Seidel identifizierte sich früh mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Im Oktober 1933 gehörte sie mit acht weiteren Frauen zu den 88 Schriftsteller/innen, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ für Adolf Hitler unterschrieben. Vgl. auch

https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/seidel-ina-771?sword=ina%20seidel&cHash=449e5c33403abedf54c791ae235d6a87

[09.05.2024].

14

Wilhelm Backhaus war seit 1934 im Präsidialbeirat der Kameradschaft der Deutschen Künstler. Schon im Vorjahr wurde er vom preußischen Kulturminister gemeinsam mit Wilhelm Furtwängler, Max von Schillings und Georg Kulenkampff in eine Kommission zur Prüfung sämtlicher Konzertprogramme berufen. Vgl. auch

https://histomania.com/Wilhelm_Backhaus_W60256

[09.05.2024].

15

Georg Freiherr Schrenck von Notzing und seine Frau Marta Sofie, geb. Wedekind, vgl.

http://www.deutsche-biographie.de/pnd1014172063.html

[09.05.2024].

16

Elisabetta und Vittorio Cerruti. Letzterer war von 1932 bis 1935 Botschafter Italiens in Berlin.

17

Jacqueline François-Poncet war die Ehefrau des französischen Botschafters André François-Poncet, Botschafter Frankreichs von 1931 bis 1938.

18

Richard von Kühlmann (1873–1948) war ein Bekannter der Familie von Kaulbach, vgl.

www.deutsche-biographie.de/sfz46613.html

[09.05.2024].

19

Artur Zickler (1897–1987), früher Redakteur bei der

spd

-Zeitung

Vorwärts

und kurzzeitig Mitarbeiter der ‚Gauzeitung‘ der Berliner

nsdap

,

Der Angriff

, war am 01.05.1933 in die

nsdap

eingetreten.

20

Der Publizist Albrecht Erich Günther (1893–1942) war Herausgeber der Schrift

Was wir vom Nationalsozialismus erwarten. 20 Antworten

(Heilbronn 1932).

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Der Arzt und Psychotherapeut Kurt Gauger (1899–1959). Seine Einstellung gegenüber geistig und körperlich behinderten Menschen entsprach weitgehend jener der Nationalsozialisten und er befürwortete deren Sterilisationsgesetze.

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Alfred Scholz wurde nach dem sogenannten ‚Röhm-Putsch‘ im Juli 1934 zum

ss

-Obersturmbannführer befördert.

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Brief von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach, 05.03.1934, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe.

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Die Gästebücher von Lilly von Schnitzler befinden sich in Privatbesitz.

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Hedda von Kaulbach, Tagebucheintrag, 07.12.1934, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe.

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Briefe Bd. II, Nr. 645.

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Briefe Bd. II, Nr. 643.

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Brief von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach, 13.11.1933. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe. Der letzte Satz belegt, dass es einen oder mehrere Briefe Beckmanns an Goudstikker gegeben haben muss, die bisher nicht ermittelt wurden.

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Ebd.

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Brief von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach, 03.01.1934, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe.

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Brief von Mathilde Q. Beckmann an Hedda von Kaulbach, 19.04.1934, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe.

32

Vgl. bspw. Max Beckmanns Brief aus London vom April 1936 an seine Frau, in dem er sie bittet, die Möglichkeiten der Übersiedelung in die Niederlande auszuloten. In: Briefe Bd. II, Nr. 646.

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Hedda von Kaulbach, Tagebucheintrag, 14.07.1937, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Max Beckmann Archiv, Max Beckmann Nachlässe.

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Beckmann 1983 (wie Anm. 6), S. 20.

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Hedda von Kaulbach, Tagebucheintrag, 15.07.1937: „Früh Hilde angerufen. Dann n. Garmisch Billet umgewechselt.“

36

Beckmann 1983 (wie Anm. 6), S. 20.

Marianne von MansteinLilly von Schnitzler – Sammlerin und Unterstützerin Max Beckmanns vor und nach 1933

Lilly von Schnitzler (1889–1981)1 war eine der wichtigsten Sammlerinnen von Max Beckmann. Sie nutzte zudem ihre gesellschaftliche Stellung, um den Künstler zu fördern.2 Von Interesse war dies für das Symposium insbesondere deshalb, weil Lilly von Schnitzlers gesellschaftliche Position über das Jahr 1933 hinaus ungebrochen fortbestand und zugleich auch durch Annäherung an den Nationalsozialismus geprägt war.

Die Sammlerin lernte den fünf Jahre älteren Max Beckmann in den frühen 1920er Jahren in Frankfurt am Main kennen.3 Der Kontakt entstand nicht etwa über die gemeinsamen Bekannten und Beckmann-Förderer Heinrich Simon und Georg Swarzenski, sondern über den Kunsthistoriker und Publizisten Wilhelm Hausenstein.4 Diesen kannte sie schon aus ihren Münchner Jahren, wo sie einen ersten Salon unterhielt, den sie nach ihrem Umzug in den 1920er Jahren in Frankfurt in größerem Stil fortsetzte. Durch ihren Mann Georg von Schnitzler (1884–1962), Vorstand der I. G. Farben, war Lilly in der Lage, ein offenes Haus zu führen.5 Er war seit 1924 Mitglied im Vorstand von Hoechst und seit 1926 der I. G. Farben. Zwischen dem damals größten Chemiekonzern der Welt und den Nationalsozialisten entstand in den folgenden Jahren eine verhängnisvolle Beziehung, die Joseph Borkin als „Vernunftehe zwischen Hitler und der I. G.“ charakterisiert: „Hitler verabscheute die I. G. wegen ihrer internationalen Verflechtungen und der ungewöhnlich hohen Zahl jüdischer Direktoren und Wissenschaftler. Carl Bosch, oberster Kopf der I. G. als Hitler an die Macht kam, war der entschiedenste Nazi-Gegner unter den deutschen Industriellen. […] Doch Hitler brauchte Wissen und Können der I. G. und die I. G. brauchte Hitlers Unterstützung.“6 Georg von Schnitzlers einflussreiche Position brachte ihn nach der Machtergreifung Hitlers schnell in Kontakt mit dem neuen politischen Regime. Nach Ausbruch des Krieges spielte er eine aktive Rolle bei der Aneignung polnischer und französischer chemischer Betriebe durch die I. G. Farben. Bei Kriegsende wurde von Schnitzler verhaftet und 1948 neben 24 Managern im I. G. Farben-Prozess in mehreren Punkten angeklagt und zu fünf Jahren Haft veruteilt.7

Lilly von Schnitzler sah sich selbst in der Rolle, „gradlinig“ die „großen Salons der Berliner Frauen um die Mitte des 19. Jahrhunderts“ fortzusetzen und ihre Aufgabe darin, „die Persönlichkeiten, die man im Salon zusammenführte, einander näherzubringen, eine Synthese der in einer Stadt wirkenden schöpferischen Kräfte zu versuchen, ihnen Gelegenheit zur Begegnung und Aussprache“ zu geben.8 Von Zeitgenossen als charmante Gastgeberin und interessierte sowie inspirierende Gesprächspartnerin charakterisiert, etablierte sie einen Salon, in dem sich Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur, Musik, Theater und unterschiedlichsten Wissenschaften trafen. Sicherlich machte für die Besucher die kultivierte Ausgestaltung des Hauses, die Großzügigkeit und Eleganz einen Teil der Anziehungskraft ihres Salons aus. Auch für Beckmann, der das Mondäne schätzte, mag dies nicht unbedeutend gewesen sein (Abb. 1).

Abb. 1: Max Beckmann, 1927, Fotostudio Nini und Carry Hess, Privatbesitz

Die Gästeschar hat ihren Niederschlag in den Gästebüchern von Lilly von Schnitzler gefunden. Diese sind nicht durchgehend erhalten, aber im ältesten noch vorhandenen Gästebuch, das aus dem Jahr 1927 stammt, ist das Ehepaar Beckmann gleich auf den ersten Seiten bei einer Einladung am 6. Dezember 1927 zu finden (Abb. 2). Hier wird sichtbar, dass sich der Kreis der Gäste stark mit dem sogenannten ‚Freitagstisch‘ von Heinrich Simon überschnitt, dem auch Beckmann angehörte. Neben dem Herausgeber der Frankfurt Zeitung finden sich im Gästebuch mehrere der regelmäßigen Feuilletonautoren, wie der Direktor des Städel Georg Swarzenski, der Direktor der Kunstgewerbeschule Fritz Wichert, mit seiner Frau Margareta sowie der Architekt Martin Elsaeßer mit seiner Frau Elisabeth, der gerade das Haus der Schnitzlers umgebaut hatte.9 In den folgenden Jahren waren Max und Mathilde „Quappi“ Beckmann häufiger unter den Gästen zu finden, wo sie neben alteingesessenen Frankfurter Kaufleuten und Bankiers auf unterschiedlichste Persönlichkeiten treffen konnten. So waren sie nachweislich gemeinsam eingeladen mit dem Dirigenten Bruno Walter, dem Sinologen Erwin Rousselle, dem Althistoriker Walter F. Otto, dem Soziologen und Nationalökonom Gottfried Salomon und dem Schriftsteller Rudolf G. Binding, dem Unternehmer Carl von Weinberg, dem Ehepaar Maximiliane und Walther vom Rath, den Eltern der Galeristin Hanna Bekker vom Rath, dem Begründer der „Schule der Weisheit“ Hermann Graf Keyserling, dem Diplomaten Richard von Kühlmann und mit dem französische Botschafterehepaar Jacqueline und André François-Poncet, um nur einige Namen zu nennen. Menschen, die zwar nicht gleichzeitig im Gästebuch auftauchen, die Beckmann darüber hinaus aber mit großer Wahrscheinlichkeit bei Lilly von Schnitzler kennengelernt haben wird, sind Annette Kolb, Heinrich George, Wolfgang Frommel, Nora und Werner von Schnitzler, Ewald von Schnitzler, Litschan Volhard und der Amsterdamer Kunsthändler Helmuth Lütjens.10 Sie alle haben auch Werke von Beckmann erworben oder sind von ihm porträtiert worden wie George, Binding, Frommel und Lütjens.

Abb. 2: Gästebuch Lilly von Schnitzlers aus der Westendstraße 41, Frankfurt am Main, Einträge am 6. Dezember 1927, Privatbesitz

Die Gäste im Schnitzler’schen Salon waren unterschiedlichster Gesinnung, zwar mehrheitlich konservativer Einstellung, aber auch avantgardistisch oder pazifistisch wie der Schriftsteller Fritz von Unruh und Annette Kolb oder Paul Tillich, der für eine sozialistische Theologie einstand. Einige ließen sich aber nicht nur auf die Ideen der Nationalsozialisten ein, sondern sie ließen sich von ihnen auch instrumentalisieren wie Heinrich George. Zu den engen Freunden zählte der Jurist und Staatsrechter Carl Schmitt, der 1933 in die nsdap eintrat, zunächst unter den Nationalsozialisten Karriere machte und mit seinem juristischen Prinzip der „Führer-Ordnung“ dem Nationalsozialismus Vorschub geleistet hat, dann aber 1936 selbst in Ungnade fiel. Für einige endete der weitere Gang der Ereignisse tragisch infolge des Verlustes ihrer beruflichen Positionen, Berufsverbot, innerer Emigration, Exil und im schlimmsten Fall Deportation und Ermordung. Letzteres vor allem für Freunde und Bekannte aus jüdischen Familien wie die oben erwähnten von Weinbergs und Mertons.

In den 1930 Jahren kamen zu den Gästen im Hause Schnitzler nsdap-Funktionäre wie der Intendant Hans Meissner und der Oberbürgermeister von Frankfurt Fritz Krebs hinzu. Über letzteren gelang Lilly von Schnitzler in Frankfurt ein gewisser Einfluss auf das Kulturleben der Stadt. Das bestärkte sie vielleicht in der blinden Hoffnung, dass man die Nationalsozialisten irgendwie einhegen könne. Zwar gelang es, einige der Frankfurter Institute etwas länger als andernorts vor der Gleichschaltung zu schützen, aber am Ende wurden doch die meisten Lehrbefugnisse entzogen und die Institutsleiter ihrer Ämter enthoben. Besonders hart traf es die Kunstgewerbeschule, wo auch Max Beckmann unmittelbar 1933 die fristlose Kündigung erhielt.11

Seit den 1930er Jahren unterhielt das Ehepaar zusätzlich zu dem Haus in Frankfurt noch eine Wohnung in Berlin in der Hohenzollernstraße 23, später umbenannt in Graf-Spee-Straße. Im Gästebuch der Berliner Jahre ab 1936 finden sich hohe Parteifunktionäre und Beamte. Auch Max Beckmann ist dort mit nationalsozialistischen Führungsfiguren zusammengekommen. Der Maler und seine Frau waren 1935 gemeinsam mit dem Ehepaar von Ribbentrop, Rudolf G. Binding und anderen bei Lilly von Schnitzler eingeladen.12

Der letzte Gästebucheintrag der Beckmanns stammt von einem Musikabend am 20. Februar 1937, allerdings von Quappi allein. Sie steht gleich oben unter dem Programm, sodass es denkbar wäre, dass sie als Musikerin aufgetreten ist. Außerdem anwesend waren der Ministerialdirektor im Reichswirtschaftsministerium Helmuth Wohlthat, der Psychotherapeut und Zen-Lehrer Karlfried Graf Dürckheim, der während des Nationalsozialismus als Diplomat ns-Propaganda in Japan verbreitet hat, der Opernsänger und Schauspieler Fritz Blankenhorn, der Psychotherapeut Kurt Gauger, Befürworter der nationalsozialistischen Sterilisationsgesetze und Leiter der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm, der Museumsreferent im Kulturministerium Hans-Werner von Oppen, die Dramaturgin und Auslandspressechefin im Reichsnährstand Edith von Coler, eine überzeugte Nationalsozialistin und Cousine von Himmlers Frau Margarete, ferner die Bildhauer Arno Breker und Richard Scheibe, die beide schon vor 1933 vielversprechende Karrieren begonnen hatten, sich unter den Nationalsozialisten mit dem Regime arrangierten und nach 1945 ihre Erfolge fortsetzen konnten, und der alte Freund der Schnitzlers, der Sinologe Erwin Rousselle, dem als Freimaurer und wegen nicht linientreuer Äußerungen 1939 seine Lehrbefugnis und 1940 die Leitung des China-Instituts entzogen wurde.