Legends of Mictlan 2. Broken by Death - Rebecca Humpert - E-Book

Legends of Mictlan 2. Broken by Death E-Book

Rebecca Humpert

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Beschreibung

Vor zwei Jahren hat Elena ihr Dorf vor den Seelen der Toten gerettet und ist Nan, dem einstigen Totengott, verfallen. Als Oberhaupt ihres Dorfes versucht sie alles, um das Andenken an die Verstorbenen zu ehren. Doch als die Wesen der aztekischen Mythologie auf einmal überall in der Welt der Lebenden auftauchen und für Chaos sorgen, erfährt Elena, dass das Totenreich Mictlan auseinanderbricht. Im Zuge dessen finden sich Elena und Nan auf verfeindeten Seiten eines Krieges zwischen Lebenden und Toten wieder. Die Totengräberin und der einstige Totengott müssen schon bald am eigenen Leib erfahren, wie schmal der Grat zwischen Liebe und Hass tatsächlich ist, während die Welt um sie herum in Flammen aufzugehen droht.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch

Vor zwei Jahren hat Elena ihr Dorf vor den Seelen der Toten gerettet und ist Nan, dem einstigen Totengott, verfallen. Als Oberhaupt ihres Dorfes versucht sie alles, um das Andenken an die Verstorbenen zu ehren. Doch als die Wesen der aztekischen Mythologie auf einmal überall in der Welt der Lebenden auftauchen und für Chaos sorgen, erfährt Elena, dass das Totenreich Mictlan auseinanderbricht. Im Zuge dessen finden sich Elena und Nan auf verfeindeten Seiten eines Krieges zwischen Lebenden und Toten wieder. Die Totengräberin und der einstige Totengott müssen schon bald am eigenen Leib erfahren, wie schmal der Grat zwischen Liebe und Hass tatsächlich ist, während die Welt um sie herum in Flammen aufzugehen droht.

Rebecca Humpert

Broken by Death

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn du traumatisierende Erfahrungen gemacht hast, können einige Passagen in diesem Buch triggernd wirken. Sollte es dir damit nicht gut gehen, sprich mit einer Person deines Vertrauens. Auch hier kannst du Hilfe finden: www.nummergegenkummer.de.

Schau gern hinten nach, dort findest du eine Auflistung der potenziell triggernden Themen in diesem Buch. Um Spoiler zu vermeiden, steht der Hinweis ganz hinten.

 

 

 

Für meine Lektorin Jasmin,

weil diese Reise ohne sie niemals begonnen hätte.

Und für meine Lektorin Cara,

weil ich diese Reise ohne sie nicht hätte beenden können.

Was in Band 1 geschah

Die 24-jährige Totengräberin Elena de Jesús lebt in einem kleinen Dorf auf der mexikanischen Insel Isla Mujeres. Als sogenannte Admiradora besitzt sie die Gabe, die Seelen Verstorbener am Día de los Muertos zu sehen. Doch plötzlich tauchen rachsüchtige Tote in ihrem Dorf auf, die die Dorfbewohner umbringen. Als der aztekische Sonnengott Nan Elena erscheint, schließt sie widerwillig einen Pakt mit ihm, um ihr Dorf zu retten. Gemeinsam mit ihrer Dorfältesten und Ziehmutter Marisol sowie dem Mondgott Li reist Elena in die aztekische Unterwelt Mictlan, in der sie die neun Ebenen der Unterwelt durchqueren muss, um das Portal Mictlans zu schließen, durch das die rachsüchtigen Seelen Verstorbener in das Reich der Lebenden gelangen. Auf dieser Reise kommen sich Elena und Nan immer näher, bis Elena nach Marisols Tod erkennen muss, dass Nan in Wahrheit der Totengott und Herrscher über Mictlan ist. Er benötigt Elenas Seele, um Mictlan zu retten, doch weil er sich in sie verliebt hat, weigert er sich, ihr ihre Seele – und damit ihr Leben – zu nehmen. Elena opfert sich daraufhin selbst, um ihr Dorf zu retten, und wird von Li, der seine Göttlichkeit für sie aufgibt, wieder zum Leben erweckt. Am Ende nimmt Elena Marisols Platz als Dorfoberhaupt ein, und Nan übergibt seine Göttlichkeit an Marisol, die nun die neue Totengöttin Mictlans ist.

Teil 1

La muerte es segura …

Der Tod ist gewiss …

 

 

1. Kapitel

Nan

»Es war einmal ein Totengott, der den Tod fürchtete.«

Mit einem Mal verstummte das Gemurmel der Kinder, das bis eben die Stille der anbrechenden Nacht um uns herum erfüllt hatte. Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln auf meine Lippen. Ich musste nicht sehen können, um zu wissen, dass nun alle Blicke auf dem Marktplatz auf mich gerichtet waren. Dieser Moment, wenn ich eine neue Geschichte zu erzählen begann, war jedes Mal etwas Besonderes. Ich konnte die Neugier der Kinder förmlich spüren, konnte hören, wie manche von ihnen den Atem anhielten, weil sie bereit waren, sich in eine andere Welt entführen zu lassen.

In eine Welt jenseits des friedlichen Inseldorfes, in dem wir lebten.

»Der Totengott hat Angst vor dem Tod?«, fragte Juan schließlich. Der Achtjährige saß direkt neben mir und stupste mich immer wieder mit seinem gehäkelten Stoffvogel am Knie an, während er ab und an Vogellaute imitierte. »Das verstehe ich nicht.«

»Ich auch nicht«, meldete sich Gina zu Wort. Schon bald war die kühle, nach süßem Atole duftende Abendluft von Kinderstimmen erfüllt, die alle durcheinanderredeten und mir erklärten, dass ein Totengott doch keine Angst vor dem Tod haben könne.

»Wenn ihr mich die Geschichte zu Ende erzählen lasst, versteht ihr vielleicht, warum er Angst hatte«, schlug ich schließlich vor. Es dauerte ein paar Augenblicke, dann kehrte wieder Ruhe ein.

»Also, der Totengott war dafür verantwortlich, sicherzugehen, dass jeder Mensch nach dem Tod seinen ewigen Frieden findet. Aber dafür musste der Gott auch immer dabei sein, wenn jemand starb. Er musste ihre letzten Atemzüge miterleben.«

Mit meinen Fingern glitt ich über die Skulptur einer gefiederten Schlange, die ich gerade aus hellem Pappelholz schnitzte. Ich fuhr jede Erhebung nach, während ich mich mit dem Rücken an den steinernen Brunnen lehnte, der die Mitte des Marktplatzes markierte.

»Wann immer eine Person zum letzten Mal Luft holte, war der Totengott an ihrer Seite. In den Augen der Sterbenden sah er erloschene Träume, gebrochene Herzen, Wünsche, die sich zu ihren Lebzeiten nie erfüllt hatten. Irgendwann wurde der Gott es leid, so viel Schmerz sehen zu müssen. Und so begann er, Angst vor dem Tod zu haben – vor dem Tod der Menschen, die er hinüber in die Unterwelt begleitete, und vor seinem eigenen Tod.«

»Aber Götter können doch gar nicht sterben«, widersprach Juan lautstark, während er mich wieder mit seinem Stoffvogel anstupste. »Die sind unsterblich. Das ist doch das Coolste am Gottsein.«

Ich schüttelte den Kopf. »Der Totengott war immer nur so stark wie die Unterwelt Mictlan. Starb sie, starb auch er. Und die Unterwelt lag eines Tages tatsächlich im Sterben, weil die Menschen aufgehört hatten, ihrer Toten zu gedenken. Aber eine mutige Frau rettete Mictlan, und der Gott blieb unsterblich.«

Allein bei der Erinnerung an Elenas leblosen Körper zog sich meine Brust schmerzhaft zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde verlor ich den Faden, zu intensiv waren die Bilder, denen ich viel zu häufig in meinen tiefsten Albträumen begegnete.

»Doch weil er sich in die menschliche Frau verliebt hatte, gab der Gott schließlich seine Göttlichkeit auf, um mit ihr unter den Menschen zu leben. Dank ihr hatte er seine Angst vor dem Tod verloren.« Meine Stimme brach kaum merklich. »Dank ihr wollte er leben.«

Einen Moment lang herrschte eine ohrenbetäubende Stille. Dann war es wieder Juan, der das Wort ergriff. »Warum sollte er seine Göttlichkeit weggeben?«, fragte er. Juan war Lis bester Schüler und für seinen unstillbaren Wissensdurst bekannt. »Ich meine, ist der Gott doof? Wenn ich so gut wie unsterblich wäre, würde ich das nie hergeben. Das ist doch das Abgefahrenste überhaupt!«

»Wenn ich ein Gott wäre, könnte ich die ganze Zeit spielen. Und dann müsste ich keine Angst haben, dass ich mittendrin sterbe, bevor ich gewonnen habe«, schwärmte ein anderer Junge.

»Unsterblichkeit kann auch eine Bürde sein«, erwiderte ich.

»Bürde?« Juan klang verwirrt. »Was ist das?«

Manchmal vergaß ich, dass ich mit Kindern sprach, vermutlich, weil sie bessere Zuhörer waren als die meisten Erwachsenen.

»Das heißt, dass Unsterblichkeit auch wehtun kann. Sie ist nicht nur etwas Schönes, sondern hat ebenso hässliche Seiten.« Für einen kurzen Moment legte ich meine Skulptur in den Schoß. »Stellt euch vor, ihr würdet ewig leben, aber eure Familien und Freunde nicht. Und ihr müsstet immer mitansehen, wie sie altern, vor euren Augen sterben und ihre Stimmen langsam verstummen, während ihr für immer jung bleibt. Würdet ihr daran nicht auch irgendwann zerbrechen?«

Schweigen antwortete mir, gemischt mit der kühlen Abendluft, die mir eine dunkle Strähne in die Stirn blies.

»Ich glaube schon«, flüsterte Juan nach einer Weile. »Das würde keinen Spaß machen.«

Meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Der Kleine hatte den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen. Mit meinen Fingern glitt ich weiter über die schlangenförmige Skulptur, an der ich schon seit Monaten arbeitete. Es fehlten nur noch die letzten Feinheiten, dann würde das Federkleid perfekt sein. Und ich würde sie der Frau schenken, für die sie bestimmt war. Jener Frau, die der Grund war, warum diese Kinder heute Nacht neben mir saßen und mich an ihren Festlichkeiten zum Día de los Muertos teilhaben ließen.

»Heute Nacht feiern wir alle, die nicht länger unter uns sind. Weil ihre Seelen heute zurückkehren, um sich an ihre Leben zu erinnern«, erklärte ich den Kindern. »Deshalb bauen wir Opferaltäre für sie auf und stellen ihnen alles hin, was sie einst geliebt haben.«

»Aber die Altäre stehen hier doch das ganze Jahr herum«, rief ein Mädchen. Ihr Name war Luisa, wenn ich die kräftige Stimme richtig zuordnete.

»Da hast du recht.« Ich streichelte Juans Stoffvogel, den er mir mittlerweile in den Schoß gelegt hatte. »Das ist das Besondere an unserem Dorf. Hier bleiben die Ofrendas das ganze Jahr über stehen, weil die Toten jeden Tag und jede Nacht geehrt werden sollten, nicht nur heute.«

Eine Weile herrschte ehrfürchtige Stille. Ich liebte es, das Staunen der Kinder in ihrem Schweigen zu hören, es in der Art, wie sie dichter um mich zusammenrückten, zu spüren.

»Glaubst du, gerade sind Tote da und beobachten uns?«, fragte Maya leise. Aufregung und Neugier lagen in ihrer klaren Stimme.

Ich konnte den Kindern nicht verraten, dass ich die Toten früher tatsächlich gesehen hatte. Dass ich ihre Anwesenheit auch heute noch wahrnahm. Und dass ich spürte, dass sich gerade eine Handvoll Seelen um uns herum befand und meinen Geschichten lauschte.

»Ich glaube schon.«

»Auch mein Abuelo?«, flüsterte Gina. »Er ist letzte Woche gestorben.«

Auf einmal lag etwas Gebrochenes in ihrer zaghaften Stimme. Etwas, das mir einen Stich in die Brust versetzte. In Momenten wie diesen war ich insgeheim froh, nicht mehr sehen zu können, weil mir die Scherben in ihren Augen jetzt vermutlich das Herz brechen würden.

»Die Seelen der Verstorbenen müssen in Mictlan neun Ebenen überqueren«, erwiderte ich mit einem wehmütigen Lächeln. »Das dauert meistens Jahre. Davor können ihre Seelen die Welt der Lebenden nicht besuchen. Dein Großvater wird gerade vermutlich die erste Ebene überqueren, Gina.«

»Was für Ebenen? Wir wollen Details«, forderte Juan, während er seinen Stoffvogel wieder an sich nahm. Wenn mich nicht alles täuschte, zitterte der Junge vor Aufregung. »Details!«

»Hat Juan schon wieder was von deinem Kaffee getrunken?«, flüsterte ich dorthin, wo ich Li vermutete. Ich wusste nicht, ob es mit meinem einstigen Leben als Gott zu tun hatte, aber in gewisser Weise spürte ich die Anwesenheit von Menschen genauso wie die der Toten, erkannte sie an der Art, wie sie Atem holten, wie sie gingen, wie sie zuhörten. Und Lis Seele würde ich immer und überall erkennen.

»Ich habe ihn eigentlich vor dem Jungen versteckt. Keine Ahnung, wie er den schon wieder gefunden hat«, gab mein Bruder zurück. »Hey, Juan, wie viel Kaffee hattest du heute schon?«

Juan kicherte, verweigerte jedoch jede Aussage.

»Dachte ich es mir doch«, brummte Li. »Kaffeeverbot für dich, junger Mann. Deine Hände zittern schon vom Koffeinüberschuss, und deine Pupillen sind so groß wie zwei Avocados. Glaub nicht, ich hätte das nicht bemerkt.«

Ich stieß ein Lachen aus, während ich weiter an meiner Skulptur arbeitete. »Dank euch verliere ich ständig den Faden. Also, wo waren wir?«

»Bei den Ebenen«, quietschte Juan. »Glaubst du, die Toten trinken auch Kaffee?«

Li stöhnte genervt auf. »Nein, trinken sie nicht. Auf den Ebenen der Unterwelt gibt es keinen Kaffee, Mijo. Enttäuschend, ich weiß.«

»Was gibt es da dann?«

Li antwortete nicht. Stattdessen spürte ich, dass er mich ansah, dass er mir diese Antwort überlassen wollte.

»Es gibt dort Prüfungen, die die Seelen Verstorbener bestehen müssen, um die Ebenen überqueren zu dürfen«, fuhr ich nach einer kurzen Pause fort. »Sie dienen dazu, alles Menschliche hinter sich zu lassen, um sich auf den Tod vorzubereiten und auf das, was danach beginnt.«

»Aber der Tod ist doch das Ende«, widersprach Gina. »Meine Mama sagt immer, dass es nach dem Tod vorbei ist. Dass dann nichts mehr kommt.« Sie hielt inne, als würde sie sich nicht trauen, weiterzusprechen. »Und das … das macht mir Angst.«

Die Furcht in ihrer sanften Stimme tat weh. Ich wollte den Kindern mit meinen Geschichten die Angst vor dem Tod nehmen, doch bisher schien mir das nicht allzu gut zu gelingen.

»Jeder darf glauben, was er möchte«, erwiderte ich. »Ob meine Geschichten wahr sind oder nicht, das entscheidet allein ihr. Aber soll ich euch etwas verraten?« Meine Stimme wurde leise, verschwörerisch. »Ich glaube sie. Jedes einzelne Wort.«

»Es sind ja auch deine Geschichten. Natürlich glaubst du sie, Nan«, entgegnete Luisa lachend.

Ich war gerade dabei, eine weitere Feder zu schnitzen, hielt nun jedoch inne. Obwohl ich jetzt schon Hunderte von Geschichten erzählt und unzählige Abende mit den Kindern auf dem Marktplatz verbracht hatte, war es immer noch ungewohnt für mich, sie meinen Namen sagen zu hören. Den Namen, den ich mir selbst gegeben hatte, und nicht jenen, den alle hassten.

Gleichzeitig konnte ich den Funken Angst in meinem Inneren nicht ersticken. Wenn die Kinder jemals herausfinden sollten, wer ich einmal gewesen war, würden sie mir nicht mehr zuhören. Allein der Gedanke daran zerriss etwas in mir. Etwas, das vor Hunderten von Jahren schon einmal zerrissen und das von diesem Dorf geheilt worden war.

Wenn sie meinen wahren Namen erfahren würden … nein, das würden sie nicht. Natürlich nicht. Außer mir kannten nur zwei andere Menschen auf dieser Insel die Wahrheit über meine Identität und beiden würde ich mein Leben anvertrauen.

»Wollt ihr wissen, was ich noch glaube?« Ich machte eine bedeutungsvolle Pause. »Ich glaube, dass am Ende dieser Ebenen ewiger Frieden auf die Toten wartet. Und deshalb muss niemand Angst vor seinem letzten Atemzug haben, auch nicht ihr.«

Juan stupste mich wieder mit seinem Stoffvogel an. »Ich habe keine Angst vor dem Tod«, erklärte er mir mit dem Ernst eines viel zu klugen Jungen. »Aber ich will trotzdem noch nicht sterben.«

Unwillkürlich musste ich lachen. »Das wirst du auch nicht.« Ich fasste neben mich und wuschelte Juan durch sein kurzes, lockiges Haar, was ihm ebenfalls ein Kichern entlockte. »Aber Finger weg von Lis Kaffee, einverstanden?«

Anstatt mir zu antworten, sprang Juan unvermittelt auf und rannte davon. Er hatte angeblich keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Verlust seines Kaffees wohl schon.

Ich würde aus diesem Jungen vermutlich nie schlau werden.

»Sie lieben dich«, sagte Li und drückte mir einen Becher mit heißem Atole in die Hand, als die Kinder fort waren. Sie würden die Festlichkeiten zum Día de los Muertos nun bei ihren Familien fortsetzen. »Du wärst ein guter Vater, Nan.«

Ich verschluckte mich an meinem Maisgetränk. Li klopfte mir bereitwillig auf den Rücken, während ich mir die Lunge aus dem Leib hustete.

»Sorry. Wollte dich nicht erschrecken, Bruder.«

Vater … Irgendwie gefiel mir dieses Wort. Dabei wusste ich nicht, ob ich ein guter Vater wäre, wusste nicht, ob ich dieser Herausforderung gewachsen wäre. Trotzdem haftete eine leise Sehnsucht an dieser Vorstellung, eine Sehnsucht, die mir selbst neu war. Die erst aufgeflammt war, seitdem ich den Kindern Geschichten erzählte. Aber ehrlich gesagt hatte ich darüber noch nie mit Elena gesprochen und würde es auch nicht tun, solange sie das Thema nicht von sich aus ansprach.

Das Letzte, was ich wollte, war, dass sie sich unter Druck gesetzt fühlte oder glaubte, etwas gegen ihren Willen tun zu müssen.

Allein der Gedanke an Elena ließ mein Herz schneller schlagen.

Oft spürte ich ihre Anwesenheit, während sie meinen Geschichten lauschte, aber heute Abend war sie nicht da gewesen. Wahrscheinlich saß sie immer noch an ihrem Schreibtisch und überarbeitete sich, wie sie es in letzter Zeit oft tat. Ich würde mein Bestes versuchen, um sie wenigstens heute abzulenken. Aber eigentlich wollte ich das jede Nacht. Wollte, dass sie sich jede Nacht wie eine Göttin fühlte.

Meine Göttin.

Schließlich ließ auch Li mich allein, um seinen Kaffeevorrat zu überprüfen, während ich weiter an dem Brunnen lehnte und an meiner Skulptur arbeitete. Unterdessen spürte ich die Anwesenheit der verstorbenen Seelen, spürte, dass sie mich beobachteten. Und auf einmal war er wieder da: der Splitter Schuld, der sich seit einem Jahr in mein Herz bohrte.

Heute Nacht reichte er tiefer denn je.

Ich versuchte, die Anwesenheit der Toten zu ignorieren, aber mit jeder Sekunde, die verstrich, wurde mein Atem hektischer und die Präsenz der Verstorbenen erdrückender. Es fühlte sich an, als stünde ich in einer unsichtbaren Menschenmenge, die mich unangenehm einengte. So hatte sich ihre Anwesenheit früher nie angefühlt. Früher war sie stets friedlich gewesen, aber heute –

»Warum hast du uns im Stich gelassen, Totengott? Warum hast du uns verraten?«

Ich erstarrte, meine verschwitzten Hände um die Skulptur gelegt. Ich spürte keinen Menschen in meiner Nähe. Wer hatte das also gerade gesagt? Angespannt lauschte ich in die Stille, doch ich hörte nichts mehr. Diese männliche, flüsternde Stimme musste ich mir eingebildet haben. Natürlich.

Ich hob eine Hand und massierte meine Schläfe. Die Toten sprachen nicht mehr zu mir. Sie hatten keinen Grund dazu.

Und ich hatte sie nicht verraten. Hatte sie nicht im Stich gelassen.

»Nan!«

Lis Schrei riss mich aus meinen erdrückenden Gedanken. Hastige Schritte näherten sich mir, dann kam Li direkt vor mir zum Stehen. Ein metallener Geruch haftete an ihm, und es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, wonach er roch.

Blut.

Sofort stahl sich ein ungutes Gefühl in meine Magengegend, und mein Griff um die Skulptur verstärkte sich. Ein stechender Schmerz in meiner Handfläche verriet, dass ich mich an einem Horn der gefiederten Schlange geschnitten hatte. »Was ist los?«

»Elena ist verschwunden.« Li atmete schwer. »Und in ihrer Hütte ist eine frische Blutlache auf dem Boden.«

Nachtwesen

Mictlantecuhtli behauptete also, keine Angst vor dem Tod zu haben.

Wäre ich gnädig, würde ich ihm für diese Lüge einen schnellen, schmerzlosen Tod schenken.

Aber Gnade war etwas, das mich der einstige Totengott nie gelehrt hatte.

Deshalb harrte ich weiter in der Dunkelheit aus, mein Herz hungrig nach Rache.

Und wartete.

2. Kapitel

Elena

Einst konnte ich die Toten sehen, konnte ihre Stimmen hören, die mich in der Dämmerung zu sich riefen, die mir von ihren Leben erzählten, von unerfüllten Wünschen, vergessenen Träumen. Von dem Frieden, den sie im Tod gefunden hatten.

Doch heute?

Heute waren ihre Stimmen verschwunden, waren verstummt.

Und das schon seit zwei Jahren.

Trotzdem ertappte ich mich dabei, wie ich in die fahle Dunkelheit der anbrechenden Nacht starrte, auf der Suche nach den Seelen der Verstorbenen, die heute aus Mictlan ins Reich der Lebenden reisen durften. Aber ich sah nur die ersten Sterne und einen blassen Vollmond, dessen Spiegelbild sich im klaren Meerwasser verlor.

Behutsam kraulte ich meinen Mondhasen hinter den schneeweißen Ohren, während ich angestrengt in die Stille lauschte. Luna und ich saßen neben der Ruine des kleinen Maya-Tempels, der einst als Zugang nach Mictlan gedient hatte. Durch diese Ruine hatte ich die Unterwelt vor über zwei Jahren selbst betreten. Einerseits kam mir das wie gestern vor, andererseits wie aus einem anderen Leben.

Wann immer ich mich in den weichen, kühlen Sand neben dem Tempel setzte, stahlen sich Erinnerungen an die erdrückende Dunkelheit Mictlans in meine Gedanken. Und mit diesen Erinnerungen kehrten auch die Schmerzen zurück, die ich in der Unterwelt erfahren hatte, so wie das unangenehme Pulsieren in meinen Fingern, die gerade ein Stück Zeichenkohle hielten: ein Relikt einer Pfeilwunde aus Mictlan. Oder das dumpfe Pochen in meinen vernarbten Fußsohlen, die einst vom Obsidian der Unterwelt völlig verbrannt worden waren.

Trotzdem kehrte ich immer wieder an diesen Ort zurück.

Weil ich in Mictlan nicht nur Schmerz gefunden hatte, sondern auch Momente des Friedens.

Momente, die mein Herz entflammt hatten – auf die bestmögliche, erfüllendste Art und Weise. Ich mochte in Mictlan dem Tod begegnet sein, aber ich hatte dort unten auch meinen Willen zu leben wiedergefunden.

»Spürst du sie, Luna?«, flüsterte ich. »Spürst du die Toten?«

Als Antwort knabberte Luna an meinem Ohr herum, während sie auf meiner Schulter thronte. Ich stieß ein leises Lachen aus. »Ich werte das mal als ein Vielleicht.«

Kurz horchte ich noch einmal in die Stille, dann widmete ich mich wieder meiner Zeichnung, die ich vor wenigen Stunden begonnen hatte. Dank Lunas leuchtendem, schneeweißem Fell erkannte ich auch in der fahlen Dunkelheit jeden Kohlestrich.

Es hatte eine Weile gedauert, aber allmählich formte sich das Gesicht einer alten Frau auf dem feinkörnigen Papier meines Skizzenblocks, einer Frau, die mich verschmitzt anlächelte, ein sarkastisches Funkeln in den dunklen Augen, das nur ihr zu eigen gewesen war. Einer Frau, die ich so sehr vermisste, dass es mir auch jetzt noch einen Stich mitten ins Herz versetzte, wann immer ich auch nur an Marisols Namen dachte.

Ich hob den Blick und spähte hinauf zum Vollmond. »Hola,Abuela.«

Sie mochte nicht hier sein, aber das war mir egal. Denn heute Nacht fühlte ich mich ihr näher als sonst. Und obwohl Nan mir damals gesagt hatte, dass Marisol sich als Totengöttin nicht mehr an mich erinnerte und nicht in die Menschenwelt kommen würde, gab ich die Hoffnung nicht auf, ihr noch einmal zu begegnen.

Denn Hoffnung war ein hartnäckiges Ding, ein Flüstern, das nie ganz verstummte.

Um Marisol noch einmal wiederzusehen, würde ich selbst die brennenden Obsidianpfade Mictlans ein weiteres Mal entlanggehen, wenn ich könnte.

Und wie die meisten Herzenswünsche war auch dieser hier naiv, aber gleichzeitig wohnte ihm eine ganz eigene Magie inne.

»Dem Dorf geht es gut«, sagte ich in die Stille und tat so, als würde Abuela neben mir sitzen und mir zuhören. »Wir kommen über die Runden, auch wenn es manchmal schwer ist. Li ist mittlerweile der Lieblingslehrer unserer Schule. Du wärst bestimmt stolz darauf, dass die Kinder dank ihm mit deinen liebsten Horrorfilmen vertraut sind.«

Ich verschwieg ihr all die finanziellen Probleme, die wir hatten.

Erzählte ihr nicht von den ausbleibenden Touristen oder davon, dass sich immer mehr Dorfbewohner dazu entschieden, aufs Festland zu ziehen. Auch nicht von der Tatsache, dass unser Dorf mittlerweile dabei war, langsam zu verschwinden, so, wie es unsere Nachbardörfer vor wenigen Jahren getan hatten.

Ich hob eine Hand und vergrub meine Finger in Lunas weichem Fell, während ich für einen kurzen Moment die Augen schloss. Irgendwie würde ich diese Probleme lösen, das tat ich immer.

»Wahrscheinlich ist es seltsam, aber mittlerweile habe ich keine Angst mehr vor Mictlan. Keine Angst mehr, diese Reise noch einmal auf mich zu nehmen. Weil ich dich dann wiedersehen werde, auch wenn du wahrscheinlich keine Ahnung haben wirst, wer ich bin.«

Früher war das anders gewesen. Früher hatten mich unentwegt Albträume an diese Zeit gequält. Aber jetzt hatte ich Frieden damit geschlossen, dass ich dem Tod zwar damals entkommen war, ihm aber unweigerlich eines Tages erneut begegnen würde.

Meine Finger krampften sich so fest um das Kohlestück, dass ich es beinahe zerbrach.

Und diesmal würde es mein letzter Tod sein.

Als ich mich schließlich mit Luna auf der Schulter auf den Rückweg machte, genoss ich die kühle, abendliche Brise und hoffte, dass die Toten ihre Opferaltäre gesehen hatten und daran erinnert worden waren, dass wir sie nicht vergessen hatten. Keinen Einzigen von ihnen.

Weil ich vorhin am Strand gestürzt war, humpelte ich leicht. Doch mit jedem Schritt, den ich die steinerne Treppe vom Strand hinaufstieg, wuchs eine sanfte Wärme in meiner Brust, die mich den Schmerz in meinem Knie vergessen ließ. Wie das letzte Flackern einer Kerze, das den Raum noch einmal in goldenes Licht taucht, bevor es erlischt.

Schon von Weitem sah ich die bunten Papiergirlanden, mit denen wir den Marktplatz und die Häuser, die sich kreisförmig um ihn schmiegten, geschmückt hatten. Eine sanfte Bö ließ die Girlanden rascheln, ließ sie das Flüstern der Toten zu den Lebenden tragen.

Vor ein paar Stunden hatte auch ich an den Festlichkeiten zum Tag der Toten teilgenommen, hatte Pan dulce mit unserem Dorfältesten Francesco und Li gebacken, dessen süßlicher Duft noch immer in der Luft lag. Hatte Francescos Gitarrenspiel gelauscht, das wehmütige und freudige Töne zu ganz besonderen Melodien verwoben hatte. Danach hatte ich mich zum Tempel zurückgezogen, trug jedoch nach wie vor das farbenprächtige, schulterfreie, luftig geschnittene Kleid, das mir bis zu den Knöcheln reichte.

Als ich am rege besuchten, mit einer mannhohen Mauer umschlossenen Friedhof angelangt war, hielt ich inne. Früher war dieser Ort mein Zuhause gewesen, meine Zuflucht. Damals, als ich nur eine Totengräberin gewesen war, die ihre Narben vor ihrem Dorf verborgen hielt. Eine Außenseiterin, die sich für das schämte, was sie war, und für das, was sie sah.

Heute schämte ich mich nicht mehr. Im Gegenteil, ich hatte gelernt, stolz zu sein.

Ich verbrachte noch immer viel Zeit auf dem Friedhof, kümmerte mich um die Toten, aber ich versteckte mich nicht länger. Und im Gegensatz zu früher war ich nicht mehr die Einzige, die diesen Ort besuchte. Nun hatte ich hier fast täglich Gesellschaft von Dorfbewohnern, die der Toten gedachten, die Hoffnung im Tod fanden anstatt Verzweiflung. Die mir lächelnd von ihren verstorbenen Liebsten erzählten, sie durch ihre Worte unsterblich machten, während meine kohleverschmierten Finger dasselbe taten.

Luna knabberte an meiner weißen Strähne herum, als ich zwischen den farbenfrohen Grabsteinen hindurchschritt und hier und da etwas an den Ofrendas richtete.

Luisa, Gina, Ernesto und ihre Familien knieten vor den Gräbern, vor den Opferaltären. Sie alle sahen auf und schenkten mir ein Lächeln, als sie mich entdeckten. Und ich? Ich konnte selbst nicht aufhören zu lächeln.

Auch dann nicht, als ich mich vor eine Ofrenda kniete, deren Anblick mir einen Stich mitten ins Herz versetzte. Ich schlug mein Skizzenbuch auf, zog meine vorletzte Zeichnung heraus und stellte sie auf den Altar. Die Kohlezeichnung zeigte ein junges Mädchen, das vor zwei Jahren gestorben war.

»Hola, Isabel.«

Meine Hände zitterten leicht, als ich die orangefarbenen Ringelblumen richtete, die ich auf ihrem Altar verteilt hatte, und anschließend Isas Namen in Zeichensprache wiederholte. Dann grub ich meine Finger haltsuchend in den dünnen Stoff meines Kleides, schloss die Augen und verlor mich in Erinnerungen an das Mädchen, das seine Reise nach Mictlan viel zu früh angetreten war.

Damals hatte es wehgetan, mich an Isa zu erinnern. Heute tat es das noch immer, würde vermutlich niemals aufhören. Aber ich hatte gelernt, mit dem Schmerz zu leben. Hatte gelernt, zu schwimmen, anstatt in ihm zu ertrinken.

»Ich vermisse sie«, flüsterte jemand hinter mir.

Als ich die Augen öffnete und einen Blick über die Schulter warf, entdeckte ich Juan, der seinen gehäkelten Vogel im Arm hielt. Etwas Sehnsüchtiges lauerte in seinen braunen Augen, während er Isabels Altar musterte.

»Ich vermisse sie auch«, gestand ich leise, ein wehmütiges Lächeln auf den Lippen. Ehe ich noch etwas sagen konnte, trat Francesco neben Juan. Die Augen des Dorfältesten glänzten verräterisch, und er schniefte hinter vorgehaltener Hand.

»Nicht doch, Abuelo.« Hastig erhob ich mich, nahm Francescos Gesicht in beide Hände und wischte mit meinen Daumen seine Tränen fort. »Heute Nacht feiern wir die Toten. Wir weinen nicht um sie.«

»Ich hasse diesen Feiertag«, murmelte Francesco, dann legte er eine Hand auf Juans Schulter und drückte sie leicht, während der Junge Isabels Ofrenda noch immer anstarrte. Seit dem frühen Tod seiner Eltern lebte er bei Francesco, der ihn wie seinen eigenen Sohn großzog.

»Glaubst du, Isa hat es wehgetan, zu sterben?«, fragte Juan leise.

Erinnerungen drängten nach oben: Isabels lebloser Körper in meinen Armen, ihre glasigen Augen. Der brennende Schmerz in meiner Brust, als mir bewusst geworden war, dass sie nicht mehr atmete.

Ein Kind sollte sich niemals die Frage stellen müssen, ob der Tod wehtat.

Weil ein Kind niemals sterben sollte.

»Ab nach Hause«, sagte Francesco und fuhr Juan ungewohnt liebevoll durch seine Locken, ehe ich antworten konnte. »Du hast für heute schon genug deprimierende Fragen gestellt. Außerdem wollte Ernesto noch bei uns vorbeischauen.«

Doch Juan machte keinerlei Anstalten, Francescos Worten Folge zu leisten. »Ich muss Tía Elena noch etwas anderes fragen. Es ist sehr wichtig.«

Ich streichelte seinen Stoffvogel, während Francesco sichtlich entnervt die Augen verdrehte. Insgeheim betete ich, dass es eine einfachere Frage sein würde als die vorherige, eine weniger schmerzhafte.

»Und das wäre?«

Juan sah mich ernst an. »Li hat behauptet, dass die Toten keinen Kaffee trinken.« Seine Augen weiteten sich, als wäre das die unmöglichste Behauptung, die er je gehört hatte. »Stimmt das?«

Nur mit Mühe konnte ich mir ein Lachen verkneifen. Verdammt, dieser Junge war einmalig.

»Li hat keine Ahnung«, raunte ich ihm zu und zwinkerte verschwörerisch. »Ich habe gehört, dass es dort unten den allerbesten Kaffee geben soll.«

Ein aufgeregtes Funkeln stahl sich in Juans Augen, dann umarmte er mich kurz, aber fest, drehte sich um und marschierte strahlend davon, den Stoffvogel an seine Brust gepresst.

»Sag deinem Geschichtenerzähler, er soll den Kindern mal von etwas anderem erzählen«, brummte Francesco. »Steuerhinterziehung, Sektengründungen, irgendwas. Hauptsache, er hört mit diesem Todesthema auf. Juan redet von nichts anderem mehr.«

Er stieß einen seltsamen Laut aus, halb Lachen, halb Seufzen. »Ich muss damit rechnen, dass mich der Tod jeden Moment holt, aber doch nicht der Junge.«

Deinem Geschichtenerzähler.

Hitze stieg mir in die Wangen, dann räusperte ich mich. »Ich werde es ihm ausrichten.« Ich nahm eine Ringelblüte von der Ofrenda und steckte sie in Francescos Bart. »Auch wenn ich glaube, dass er ihnen so die Angst davor nimmt.«

Francesco musterte die Blüte, als müsste er überlegen, ob er mich dafür hassen sollte oder nicht. »Wenn du meinst.« Dann folgte er Juan zwischen den Grabsteinen und Ofrendas hindurch zum Ausgang des Friedhofs.

»Aber trotzdem gibt es erst wieder Todesgeschichten für ihn, wenn Juan in meinem Alter ist«, rief er über die Schulter.

Ich winkte den beiden zu, bis sie in der Dunkelheit verschwunden waren.

Eine Weile verharrte ich noch vor Isabels Altar, dann erhob ich mich wieder. Mittlerweile war ich allein auf dem Friedhof. Ich streifte an den Gräbern vorbei und überprüfte, ob alles in Ordnung war.

Vor Marisols Ofrenda blieb ich ebenfalls stehen, kramte meine neue Zeichnung hervor und stellte sie dort zwischen die Ringelblumenblüten. Wann immer ich vor diesem Altar stand, kämpften die widersprüchlichsten Gefühle in mir. Mit Isabels und Mateos Toden hatte ich irgendwie abgeschlossen, aber mit Marisols noch nicht.

Ich wusste nicht, ob ich das jemals könnte.

Weil Marisol schon ein Stück meines Herzens gestohlen hatte, als ich noch ein Kind gewesen war.

Und dort ein Loch hinterlassen hatte, das außer ihr niemand jemals würde füllen können.

Mit einem Mal brannten Tränen in meinen Augenwinkeln. Ein raues Lachen verließ meine Lippen, als ich mir mit meinem vernarbten Handrücken über die Augen wischte. Wenn Marisol jetzt hier wäre, würde sie mir wahrscheinlich sagen, dass ich aufhören sollte, zu heulen, und mich dann in eine ungestüme, fast schmerzhaft feste Umarmung ziehen.

Verdammt, ich vermisste sie so sehr.

Gerade, als ich mich einer weiteren Ofrenda zuwenden wollte, spürte ich auf einmal, dass ich nicht mehr allein war. Ein wohliger Schauer jagte meinen Rücken hinauf, und mein Atem stockte, als ich eine Präsenz hinter mir wahrnahm.

Im nächsten Augenblick ertönte eine Stimme, die mein Herz in Brand setzte.

»Abend, Admiradora.«

Als ich einen Blick über die Schulter warf, entdeckte ich Nan. Er lehnte am Friedhofstor, die Arme vor der Brust verschränkt und ein Lächeln auf den Lippen, das meinen Puls in die Höhe schnellen ließ.

Ich wartete noch immer auf den Tag, an dem sein bloßer Anblick aufhören würde, mein Herz schneller schlagen zu lassen. Vermutlich würde dieser Tag niemals eintreffen.

»Abend, Gott.« Langsam ging ich auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen. Luna war unterdessen von meiner Schulter gesprungen und hoppelte zwischen den Grabsteinen umher.

Eigentlich hatte ich noch ein paar Ofrendas überprüfen wollen, aber das war nun vergessen. Meine ganze Aufmerksamkeit galt Nan.

»Hast du dich auf dem Weg nach Hause verirrt?«, fragte ich.

Er beugte sich zu mir herunter, bis ich seinen warmen Atem auf meinen Lippen spürte.

»Vielleicht wollte ich den Toten gute Nacht sagen.«

»Dann sag ihnen gute Nacht«, hauchte ich.

Nan stieß ein leises Lachen aus, das mir unter die Haut kroch, meine Nerven vibrieren ließ. Ich kannte dieses Lachen zur Genüge, und doch traf es mich jedes Mal wie ein Blitz.

»Würde ich, aber leider lenkt mich gerade eine wunderschöne Totengräberin ab.«

Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Ich hob eine Hand und legte sie auf Nans Brust, über die sich ein einfaches, dunkles Leinenhemd spannte. Mit einem Finger fuhr ich seine harten Muskeln nach, die sich deutlich durch den Stoff abzeichneten, dann ertastete ich seinen ungewohnt hektischen Herzschlag.

»Mache ich dich nervös, Totengott?«, flüsterte ich.

Nan griff nach meinem Kinn und hob es leicht an, bis kaum noch ein Atemzug unsere Lippen voneinander trennte.

»Du machst alles mit mir, Elena.« Dann fanden seine Lippen die meinen und raubten mir jeden klaren Gedanken.

Ich ließ mein Skizzenbuch fallen, schlang meine Arme um seinen Nacken und erwiderte seinen Kuss mit derselben Hingabe, derselben Leidenschaft.

Entfernt nahm ich wahr, wie Nan uns umdrehte und mich mit dem Rücken voran gegen das Friedhofstor presste, seine Lippen hungriger als die Flammen Mictlans. Allein seine bloße Berührung sandte pures, ungezähmtes Feuer durch meine Adern.

Und als seine Zunge dann noch Einlass verlangte, war es komplett um mich geschehen. Ich stöhnte in seinen Mund, während seine Hände quälend langsam meinen Körper erkundeten.

Ich konnte nicht sagen, wie lang wir so dastanden, eine Minute, eine Stunde. Mir war jegliches Zeitgefühl abhandengekommen, während ich in Nans zügellosen Küssen versank.

Wenn Heimat einen Geschmack hätte, dann wäre es der des einstigen Totengottes – dunkel, warm, gefährlich vertraut.

Schließlich war Nan derjenige, der sich von mir löste, wenn auch sichtlich widerwillig.

Schwer atmend lehnte er seine Stirn an meine.

»Ich unterbreche das hier nur ungern, aber Li meinte, dass er eine Blutlache in deiner Hütte gefunden hat. Und du warst nicht da.«

Auf einmal klang er ungewohnt angespannt.

Ich grub meine Finger in den Stoff seines Hemdes, während ich mich daran erinnern musste, wie atmen funktionierte.

»Hattest du etwa Angst um mich, Totengott?«

»Natürlich«, murmelte er und legte eine Hand an meine Wange.

Automatisch lehnte ich mich in seine Berührung. Ich liebte das Gefühl seiner rauen Finger auf meiner Haut, und zu wissen, dass er sich Sorgen um mich gemacht hatte, ließ mich unwillkürlich lächeln.

»Bist du verletzt, Elena?«

Meine Finger spielten mit den Knöpfen seines Hemdes herum, während sich mein hektischer Herzschlag nur allmählich beruhigte.

»Ich bin vorhin am Strand gestürzt. Es ist nur ein Kratzer am Bein, nicht der Rede wert.«

Nan hob skeptisch eine Augenbraue.

»Nicht der Rede wert? Du humpelst.«

Perplex starrte ich ihn an. Manchmal vergaß ich, wie gut sein Hörvermögen war. »Tue ich nicht.«

Um ihm zu demonstrieren, dass es mir gut ging, löste ich mich von ihm, schob mich an ihm vorbei und ging ein paar Schritte.

»Hörst du? Ganz normale Schri– ah.«

Ein stechender Schmerz schoss durch mein rechtes Knie und brachte mich zum Stolpern. Doch ehe ich zu Boden gehen konnte, war Nan da und fing mich auf.

»Sehr überzeugend«, raunte er. Dann hob er mich mühelos hoch und presste mich an seine Brust, eine Hand an meinem Rücken, die andere unter meinen Knien.

Ich klammerte mich an seinem Nacken fest, während er mit einem Fuß das Friedhofstor aufstieß und mich hindurchtrug.

»Wo bringst du mich hin?«

»Nach Hause. Ich bin mir nämlich sicher, dass da gerade jemand untertreibt, was eine gewisse Verletzung angeht.«

Mit diesen Worten schlug er den Weg zu meiner Hütte ein.

Nein, zu unserer Hütte.

Lächelnd schmiegte ich meine Wange an seine Brust und lauschte seinem stetigen Herzschlag. Noch immer hatte ich mich nicht daran gewöhnt, dass Nan nun schon ein ganzes Jahr hier bei uns lebte. Dass er geblieben war, obwohl er keinen Grund dazu gehabt hatte. Dass er mich liebte, obwohl er jede haben könnte.

Dass er mir gehörte.

Ich warf einen letzten Blick über seine Schulter, um sicherzugehen, dass Luna uns folgte.

Und vermutlich bildete ich mir das nur ein, aber ich glaubte, vom Friedhof her das befreite, aufgeregte Lachen eines Mädchens zu hören.

Eines Mädchens, das vor zwei Jahren in meinen Armen gestorben war.

3. Kapitel

Elena

In unserer Hütte angekommen, setzte Nan mich behutsam auf meinem Schreibtisch ab, der unweit der Eingangstür an der hölzernen Wand stand und über dem ich eine Handvoll meiner Kohleskizzen aufgehängt hatte.

Anstatt den Lichtschalter zu betätigen, entzündete er meine Lieblingslaterne, die neben dem kleinen, quadratischen Fenster hing. Dann ging er vor mir auf die Knie und griff nach dem Saum meines langen, bunten Kleides.

»Darf ich?«

Ich wusste, dass er nur meine Wunde untersuchen wollte, aber trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass der Anblick von Nan auf seinen Knien Verlangen durch meine Adern pulsieren ließ.

»Ja.«

Ich schloss die Augen, als seine warmen Hände mein Kleid hochrafften und über meine nackten Unterschenkel glitten. Verdammt, ich liebte es, wenn er mich berührte. Er könnte es viel öfter tun, am besten jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde.

»Da – autsch.«

Ich zuckte zusammen, als seine Finger den provisorischen Verband unterhalb meines rechten Knies streiften, den ich vorhin in Eile angelegt hatte. Die Binde war viel zu dünn gewesen, aber ich hatte nichts Besseres auf die Schnelle zur Hand gehabt.

Und ich hatte unbedingt rausgewollt, in der wilden Hoffnung, dass ich vielleicht Marisols Anwesenheit beim Tempel wahrnehmen würde, weil dort damals unsere gemeinsame Reise nach Mictlan ihren Anfang genommen hatte. Oder überhaupt irgendjemanden spüren würde.

Denn wenn ich ehrlich war, vermisste ich es, die Toten zu sehen.

Damals war es eine Bürde gewesen, heute war es mein größter Verlust.

Ich würde sogar einen weiteren Finger dafür hergeben, um noch einmal eine Nacht zu erleben, in der ich die Toten sehen durfte.

Nans Brauen zogen sich zusammen, während er vorsichtig den Verband abtastete. Das flackernde Licht der Laterne zeichnete Schatten auf sein markantes Gesicht.

»Das Ding ist blutgetränkt, Elena.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, entfernte er den Verband, so behutsam und zärtlich, dass ich für einen kurzen Moment den Atem anhielt. Seine hauchzarten Berührungen vertrieben auf einmal jeden Gedanken an die Toten.

Ich biss mir auf die Unterlippe und beobachtete Nan dabei, wie er Wasser, Desinfektionszeug und frische Binden zusammensuchte. Als er erneut vor mir auf die Knie ging und den Saum meines Kleides hochraffte, wanderten meine Gedanken an die denkbar unanständigsten Orte.

Reiß dich gefälligst zusammen, Elena.

Zischend holte ich Luft, als Nan die blutige Wunde an meinem Bein säuberte. Jede seiner zaghaften Berührungen ließ mich spüren, dass er Angst hatte, mir wehzutun. Und es dauerte nicht lange, bis das schmerzhafte Pochen in meinem Knie etwas anderem wich, einer Hitze in meinem Innern, die nur er hervorlocken konnte.

Gieriges Verlangen mischte sich in den Schmerz, erstickte ihn, während ich Mühe hatte, meinen Blick auch nur für eine Sekunde von Nan zu lösen. Dabei wollte ich jetzt eigentlich noch arbeiten. Dieser Mann war eine viel zu große Ablenkung.

»Danke«, flüsterte ich, als Nan die Wunde gesäubert und von Neuem verbunden hatte.

»Nicht dafür.« Im nächsten Moment waren seine Lippen an meiner nackten Haut.

»Tut das weh?«, murmelte er, bevor er einen hauchzarten Kuss unterhalb des Verbandes auf mein Bein presste.

Meine Lider flatterten, und ein leises Seufzen drang aus meiner Kehle.

Verdammt, das fühlte sich so gut an.

»Nein.«

Noch ein Kuss am Rande des Verbandes.

»Und das?«

Ich legte den Kopf in den Nacken, während ich meine Finger in seinem dunklen, weichen Haar vergrub.

»Du stellst zu viele Fragen, Gott.«

Kurz verharrten Nans Lippen an meiner Haut, und ich konnte hören, wie sein Atem schwerer wurde. Sein nächster Kuss war langsamer, leidenschaftlicher. Trotzdem entging mir nicht, dass er sich noch immer zurückhielt. Ich wusste besser als jede andere, wie viel Feuer seinen Küssen normalerweise innewohnte.

»Ich will dir nicht wehtun, Elena«, wisperte Nan an meiner Haut, dann lehnte er seine Stirn an mein Bein und holte tief Luft.

Unwillkürlich musste ich erneut lächeln. Das war eine Seite, die er mir viel zu selten zeigte, eine Seite, die leise war, sanft und so vorsichtig, als wäre ich das Kostbarste, was diese Welt für ihn bereithielt.

»Du tust mir nicht weh«, antwortete ich flüsternd. Das tat er nie.

Nan verharrte noch einen Atemzug lang in dieser Position, bevor ich seine Lippen erneut an meiner nackten Haut spürte. Mein Herz klopfte fordernd gegen meine Brust, als er erst mein linkes Bein küsste, dann mein rechtes.

Die Tatsache, dass jederzeit jemand durch die unabgeschlossene Tür hereinkommen könnte, hinderte Nan nicht daran, meine Schenkel weiter mit unsagbar langsamen und zärtlichen Küssen zu verwöhnen.

Es dauerte nicht lange, bis sich Hitze in meinem Unterleib sammelte und ich seine Lippen auf jedem Zentimeter meines Körpers spüren wollte.

Das war etwas, was ich nie empfunden hatte, bevor ich Nan kennengelernt hatte, etwas, was nur er in mir entfachen konnte.

»Nan.« Meine Stimme war atemlos, durchflochten von einer Sehnsucht, die mir manchmal Angst einjagte.

»Wenn du so weitermachst, werde ich dich darum bitten müssen, mir das Kleid vom Körper zu reißen. Und das gehört sich nicht für ein Dorfoberhaupt.«

Nan stieß ein leises Lachen an meiner Haut aus. »Eine verlockende Vorstellung.«

Er schob mein Kleid weiter hinauf, dann glitten seine Lippen über die Innenseite meiner Oberschenkel.

Ich biss mir auf die Unterlippe, als sein warmer Atem meinen Slip streifte, doch zu meinem Leidwesen machte er keinerlei Anstalten, mich diesem zu entledigen. Stattdessen widmete er sich wieder meinen Oberschenkeln, ohne mich dort zu berühren, wo ich ihn wollte, wo ich ihn brauchte.

Dieser Mann war heute Nacht zu Spielen aufgelegt. Aber dieses Spiel konnten auch zwei spielen.

Ich legte meine Beine über seine Schultern, zog ihn so näher zu mir, bis ich die Hitze seines Atems auf meiner Mitte spürte.

Nan stieß ein Knurren aus, das pures Feuer durch meine Adern schickte. »Bei den Göttern, Elena.« Seine Lippen streiften meinen Slip und ließen mich leise aufkeuchen. »Du spielst nicht fair.«

»Du auch nicht.«

Ich konnte ihm sein Verlangen ansehen, aber anstatt meine Einladung anzunehmen, glitt er mit seinen Händen beruhigend über meine Oberschenkel. Sorge schnitt in seine ernsten Züge und mischte sich mit dem Feuer, das noch immer dort loderte.

»Warum warst du heute schon wieder so lange am Schreibtisch?«, murmelte er an meiner nackten Haut, bevor er meine Oberschenkel erneut küsste.

Verdammt, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen, wenn er mich so berührte.

»Du lenkst ab, Gott.«

Nan küsste meine Beine weiter, ließ meinen Atem schwerer werden. »Beantworte meine Frage, Admiradora.«

Ich blinzelte. Frage? Welche Frage? Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich mich an sie erinnerte.

»Ich muss noch ein paar Formulare für die Schule fertig machen. Es ist nicht mehr viel.«

Nans Lippen hielten inne, dann schob er meine Beine von seinen Schultern, erhob sich und beugte sich zu mir herunter.

»Du überarbeitest dich, Elena.«

In letzter Zeit passierte es nicht selten, dass ich im Rathaus einschlief und Nan mich durch das halbe Dorf in mein Bett trug, so vorsichtig, dass ich nicht aufwachte. Trotzdem beschwerte er sich nie, fragte nach nichts. Stattdessen war er immer da, wenn ich jemanden zum Reden brauchte. Wenn ich sein Lachen hören wollte. Wenn mich Albträume quälten.

Ich verliebte mich jeden Tag ein Stückchen mehr in diesen Mann.

Als ich nichts erwiderte, lehnte Nan seine Stirn an meine.

»Ich vermisse dich«, flüsterte er.

Ich glitt mit meinen Händen seine harte Brust hinauf, dann verschränkte ich sie hinter seinem Nacken.

»Ich bin doch jeden Tag hier.«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich vermisse es, Zeit mit dir zu verbringen.«

Unglaublich sanft tanzten seine Fingerspitzen über meine Oberschenkel und ließen mich erschaudern.

»Dich lachen zu hören.«

Ich streckte mich und presste meine Lippen auf seinen Hals, was ihm ein leises Knurren entlockte.

»Was vermisst du noch, Gott?«, murmelte ich an seiner warmen Haut.

Nans Hände verirrten sich an meine Taille, zogen mich dichter an sich.

»Mit dir unter den Sternen zu tanzen.«

Zärtlich biss ich in seine Haut, was ihn seinen Griff um mich verstärken ließ. »Was noch? Ich bin neugierig.«

Ich verlor mich in diesem Moment, der nur uns gehörte. Küsste seinen Hals, leckte über seine Haut.

War so gefangen in dem Verlangen, das er in mir aufwallen ließ, dass ich seine nächsten geflüsterten Worte kaum hörte. Aber ich verstand sie trotzdem. Und wünschte, ich hätte es nicht getan.

»Ich vermisse es, zu sehen.«

Ich erstarrte, meine Lippen an seiner Halsbeuge. Nan schien erst verzögert zu merken, was er da gesagt hatte. Ich spürte es in der Art, wie sich seine Muskeln auf einmal anspannten, wie er den Atem anhielt.

Ohne dass er es aussprach, wusste ich, dass diese Worte nicht für mich bestimmt gewesen waren, dass sie ihm aus Versehen herausgerutscht waren.

Es war das erste Mal seit seiner Rückkehr aus Mictlan, dass er es zugegeben hatte. Aber eigentlich hatte ich auch davor schon gewusst, dass es immer öfter Momente gab, in denen er sich wünschte, wieder sehen zu können.

Ich bemerkte es, wenn ich aufwachte und er neben mir im Schlaf vor sich hin murmelte, von Dingen erzählte, die er sehen wollte, aber noch nie gesehen hatte, nicht wissend, dass ich jedes Wort hören konnte.

Nichtsahnend, dass mir jedes Wort einen Stich mitten ins Herz versetzte.

Wenn es eine Möglichkeit gäbe, ihm mein Augenlicht zu schenken, würde ich es, ohne zu zögern, tun.

Aber das konnte ich nicht.

Mit einem Mal waren die Schuldgefühle wieder da, gruben ihre Klauen erbarmungslos in meine Brust.

Meinetwegen.

Er konnte nur meinetwegen nicht mehr sehen.

Hastig löste ich meine Lippen von seinem Hals, dann wollte ich vom Tisch herunterrutschen, doch Nan ließ mich nicht gehen.

Er griff nach meinem Kinn und hob es an.

»Elena.« Seine Stimme war auf einmal so sanft, dass ich ihn kaum verstand. »Erinnerst du dich noch daran, was ich dir vor einem Jahr gesagt habe?«

Ich schluckte schwer.

»Als du zurückgekommen bist?«

Nan nickte.

»Ich habe dich gefragt, was dein Name bedeutet.«

Allein der Gedanke an diese Erinnerung ließ Tränen in meinen Augen brennen. Nan war damals bereits ein Jahr fort gewesen, und ich hatte geglaubt, dass er nicht zurückkehren würde.

Aber das war er.

Und er war geblieben.

»Licht«, übersetzte ich meinen Namen. »Du hast gesagt, dass ich dein Licht bin.«

Meine Stimme brach.

»Mhm.« Ehrfürchtig zeichnete er mit seinem Daumen die Konturen meiner Lippen nach, während das Flackern der Laterne ihn in ein warmes Licht tauchte.

»Und daran hat sich bis heute nichts geändert.«

Er lehnte seine Stirn erneut an meine, bis sich unsere Atemzüge vermischten und eins wurden.

»Alles, was ich sehen will, sehe ich durch dich, Elena. Durch deine Worte. Dein Lachen. Deine Berührung. Mehr brauche ich nicht.«

Ich schloss die Augen, hielt mich an ihm fest.

Die Schuldgefühle waren noch da, wollten nicht gehen. Aber vielleicht könnte ich sie für einen kurzen Moment verstummen lassen.

Meine Finger spielten mit den Knöpfen seines Hemdes, bevor ich seinen Kragen packte und ihn zu mir herunterzog.

»Dann lass uns tanzen«, hauchte ich an seinen Lippen, während sein dunkler Bartansatz mich kitzelte.

»Unter den Sternen – du und ich. Was sagst du, Totengott?«

Nans Hände glitten quälend langsam über meine Hüfte und entlockten mir so ein Keuchen.

»Es wäre mir eine Ehre, mein Oberhaupt.«

Ich ließ seinen Kragen los und zerrte stattdessen an dem Band herum, mit dem er sein schulterlanges Haar zurückgebunden hatte. Als ich es zerrissen hatte, verhedderten sich meine Finger in seinem dichten, dunklen Haar, das immerzu nach Zedernholz duftete.

»Ich liebe es, wenn du mich so nennst«, murmelte ich.

Als er mich diesmal küsste, entflammte ein unbändiges Verlangen in mir. Verdammt, ich –

»Könnt ihr euch das für später aufheben?«, rief plötzlich eine vertraute Stimme.

Ich fluchte leise, riss mich von Nan los und warf einen Blick über die Schulter.

Li lehnte grinsend im Türrahmen, die grauen Augen belustigt auf uns gerichtet. Es war nicht das erste Mal, dass er Nan und mich in ungünstigen Momenten erwischte, aber trotzdem stieg mir Hitze in die Wangen.

»Du hast wie immer das beste Timing, Bruder«, brummte Nan und hielt mich weiter fest.

»Meinetwegen könnt ihr gern weitermachen, aber vorm Rathaus steht ein Herr, der Lena sprechen will.«

Verwirrt hob ich beide Brauen.

»Was für ein Herr?«

Wer sollte mich ausgerechnet am Tag der Toten sprechen wollen, zu dieser Uhrzeit?

Li zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung. Er hat mir seinen Namen nicht gesagt, aber er sieht aus wie jemand, der nicht gern wartet. Und er scheint nicht aus dem Dorf zu kommen, sondern vom Festland.«

Sichtlich widerwillig ließ Nan von mir ab, dann rutschte ich vom Tisch und glättete hastig mein Kleid.

Gemeinsam mit den beiden Brüdern verließ ich meine Hütte und eilte leicht humpelnd zum Rathaus, das sich auf der gegenüberliegenden Seite des runden Marktplatzes befand.

Dort wartete ein hagerer Mann mit kurz geschnittenem, grauem Haar. Sein schwarzer Anzug war schlicht, aber von unübersehbarer Eleganz und alles andere als festtagstauglich.

Der Herr schien auf jeden Fall kein Día de los Muertos-Fan zu sein, so viel stand fest.

Als wir uns ihm näherten, drehte er sich um, sodass ich sein Gesicht im Schein der nächtlichen Laternen sehen konnte. Ich hatte gehofft, dass ich ihn vielleicht doch kannte, dass er womöglich einmal im Dorf zu Besuch gewesen war, als Marisol noch die Rolle als Oberhaupt innegehabt hatte.

Aber jetzt war ich mir sicher, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte. An dieses verhärmte Gesicht würde ich mich sonst definitiv erinnern.

»Frohen Día de los Muertos«, begrüßte ich ihn und hielt ihm eine Hand hin. Li und Nan waren hinter mir stehen geblieben.

»Wie darf ich Ihnen zu dieser späten Stunde helfen?«

Der Fremde beäugte meine Hand skeptisch, bevor er sie ergriff. Seine Finger waren verdammt kalt, sein Händedruck unangenehm fest.

»Señorita de Jesús, wenn ich richtig informiert bin?«, fragte der Mann.

Ich nickte. Seine kratzige Stimme passte perfekt zu seinem hasserfüllten Blick.

Ich entzog ihm meine Hand und zwang mich zu einem Lächeln.

»Und Sie sind?«

»Diego Ramírez.«

Ich wartete darauf, dass er erklärte, was er von mir wollte, doch er sah mich nur von oben herab an, als würde er erwarten, dass ich seinen Namen kannte. Dass ich wusste, wer er war.

»Wie kann ich Ihnen helfen, Señor Ramírez?«, wiederholte ich meine Frage.

Ich hob mein Kinn, verschränkte die Arme vor der Brust und erwiderte seinen seltsam starren Blick genauso eindringlich.

Die Arroganz alter Männer war ihm auf jeden Fall zu eigen.

»Ich bin Anwalt in Cancún«, erklärte er schließlich. »Ich vertrete die reichsten Klienten der Stadt.«

Und eigentlich sollte mich jeder kennen, sagte sein beleidigter Blick.

Es passierte äußerst selten, dass mir jemand schon in den ersten Sekunden eines Treffens unsympathisch war, aber Ramírez hatte es geschafft.

Ich nickte zu dem festlich geschmückten Marktplatz, an den sich das Rathaus und eine Handvoll anderer Häuser schmiegte.

»Wenn Sie nach neuen Klienten suchen, sind Sie hier leider falsch, Señor Ramírez. Unser Dorf ist reich an vielem, aber nicht an Geld.«

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Li sich sichtlich angestrengt ein Lachen verkneifen musste, ein Umstand, der auch Ramírez nicht verborgen blieb.

Er rümpfte leicht angewidert die Nase.

»Ich habe nicht vor, mir Klienten in Ihrem … Dorf zu suchen, glauben Sie mir.«

»Was wollen Sie dann?«

Mittlerweile hatte ich Mühe, die Schärfe aus meiner Stimme zu verbannen.

»Und ist Ihr Anliegen wirklich so dringend? Es ist Feiertag.«

Und fast Nacht.

»Das ist mir durchaus bewusst, Señorita. Aber ich muss morgen Früh wieder nach Cancún aufbrechen.«

Ramírez machte eine Pause, in der er einen weiteren angewiderten Blick auf unsere geschmückte Plaza warf.

»Ich habe ein Anliegen, das nicht warten kann.«

Innerlich seufzte ich auf, während eine ungewohnte Nervosität von mir Besitz ergriff und sich meine Magengegend leicht verspannte.

Was war so dringend, dass es nicht bis zum Tagesanbruch warten konnte?

Aber auf diese Frage würde ich nur eine Antwort erhalten, wenn ich mich mit dem Mann unterhielt.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihn in mein kleines Rathaus zu bitten.

Li blieb draußen, doch Nan folgte uns.

Seine Anwesenheit beruhigte meine angespannten Nerven etwas.

Das Rathaus bestand aus einem einzigen großen Raum, an dessen Ende ein länglicher Holztisch mit mehreren Stühlen stand.

Eine Pinnwand an der rechten Wand informierte über geplante Feierlichkeiten in unserem Dorf, und eine kleine Sitzgruppe unter dem linken Fenster lud zum Entspannen ein.

Auch hier hatte ich alles zum Tag der Toten geschmückt, doch mein Gast hatte keinerlei Augen für die leuchtend orangefarbenen Ringelblumen, Papiergirlanden oder Totenköpfe.

»Und wer ist dieser Herr?«, fragte Ramírez mit Blick auf Nan.

Weil Nan keine Anstalten machte, zu antworten, räusperte ich mich.

»Er ist unser Geschichtenerzähler.«

»Geschichtenerzähler?«

Ein spöttisches Funkeln stahl sich in die Augen des Anwalts. Mit jeder Sekunde fiel es mir schwerer, sein arrogantes Grinsen zu ertragen.

»Was soll das denn für ein Beruf sein?«

»Ein sehr wichtiger«, antwortete ich kühl. »Am Ende werden wir schließlich alle zu Geschichten, oder nicht?«

Ramírez stieß ein Schnauben aus, dann wandte er sich an Nan.

»Würde es dem Geschichtenerzähler etwas ausmachen, Señorita de Jesús und mich für einen Moment allein zu lassen?«

Sein abfälliger Tonfall machte das Wort Geschichtenerzähler zu einer Beleidigung. Es kribbelte mir auf der Zunge, ihm eine passende Antwort zu geben, aber ich zwang mich zur Zurückhaltung, auch wenn es mir unfassbar schwerfiel.

»Nur, wenn Sie das Oberhaupt dieses Dorfes mit dem Respekt behandeln, den Elena verdient«, erwiderte Nan.

Seine Stimme war verdächtig ruhig.

Im Gegensatz zu mir verstand Nan es, seine Emotionen hinter einer stoischen Fassade zu verbergen. Und das schien eine Eigenschaft zu sein, die Ramírez zum Kochen brachte.

»Ich entscheide selbst, wer meinen Respekt verdient und wer nicht, Geschichtenerzähler«, zischte der Anwalt, seine kratzige Stimme pures Gift.

Für den Bruchteil eines Moments entglitten Nan die Gesichtszüge.

Hastig trat ich zu ihm und legte beschwichtigend eine Hand an seine Brust.

Mit meinen Fingerspitzen glitt ich über seine harten Muskeln, bis sie über seinem Herzen innehielten.

»Du kannst gehen. Es ist okay. Mit ihm werde ich schon allein fertig«, flüsterte ich, damit dieses jämmerliche Exemplar eines Anwalts mich nicht hörte.

Nan war anzusehen, dass er mich nicht allein lassen wollte, doch schließlich nickte er, wenn auch sichtlich widerwillig.

»Wir machen später da weiter, wo wir aufgehört haben«, raunte er mir zu, den Anflug eines verheißungsvollen Lächelns auf den Lippen. Eines, das versprach, dass er nachher jede meiner Sorgen verstummen lassen würde.

Die Aussicht darauf ließ Hitze in meine Wangen steigen.

Ohne nachzudenken, erhob ich mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn, schnell und flüchtig.

Wohlwissend, dass Ramírez’ missbilligender Blick auf uns gerichtet war.

»Ich werde auf dich warten, Gott«, wisperte ich an seinen Lippen.

Doch ehe ich einen Schritt zurücktreten konnte, umfasste Nan mein Gesicht mit beiden Händen und küsste mich erneut, auf eine so feurige Art und Weise, dass ich kurz vergaß, dass wir nicht allein waren.

Erst ein genervtes Räuspern brachte uns dazu, uns voneinander zu lösen.

»Wolltest du ihm zeigen, dass ich dir gehöre?«, flüsterte ich atemlos.

»Nein.«

Nan nahm meine Hand von seiner Brust, hob sie an seine Lippen und presste einen hauchzarten Kuss auf meine Knöchel.

»Ich wollte ihm zeigen, dass ich dem Oberhaupt dieses Dorfes gehöre.«

Seine Worte verursachten ein warmes Kribbeln unter meiner Haut.

Verdammt, ich war diesem Mann wirklich verfallen.

Aber ehe wir beide noch einmal etwas tun konnten, das wir definitiv bereuen würden, verließ Nan das Rathaus.

Ich sah ihm noch einen Augenblick lang mit wild klopfendem Herzen und hungrigen Lippen hinterher, bevor ich mich Ramírez zuwandte.

Der Ekel in seinen fast schwarzen Augen war nicht zu übersehen.

Gut so.

Ich musste ein zufriedenes Grinsen unterdrücken, während ich ihm einen Stuhl anbot, in den er sich wortlos sinken ließ.

»Möchten Sie etwas trinken? Oder haben Sie Lust auf Gebäck?«

Wegen des Día de los Muertos hatte ich einiges auf Vorrat da.

»Vielleicht etwas Pan du –«

»Dafür bin ich nicht hier«, unterbrach er mich schroff.

Er hätte mich genauso gut eines Mordes bezichtigen können, so feindselig sah er mich gerade an.

Der fast giftige Zug um seine Lippen verriet, dass es ein zweckloses Unterfangen war, ihm Gebäck anzubieten oder überhaupt nett zu ihm zu sein.

Das ungute Gefühl, das seit seinem Auftauchen von mir Besitz ergriffen hatte, wurde mit jeder Sekunde intensiver.

»Wofür sind Sie dann hier?«, fragte ich ohne Umschweife und ließ mich gegenüber von ihm an meinem Tisch nieder.

Dafür, dass er gerade so gehetzt hatte, ließ er sich nun verdächtig viel Zeit.

Er nahm einen dekorativen Schädel, der auf dem Tisch stand, in die Hand und drehte ihn quälend langsam zwischen den Fingern.

Sein Blick war auf den Schädel gerichtet, nicht auf mich.

Auch dann nicht, als er endlich den Mund aufmachte.

»Ihr Dorf ist auf dem Festland bekannt, Señorita de Jesús. Besonders bei uns in Cancún. Die Geschichten, die sich die Leute über diese Siedlung erzählen, sind zahlreich und legendär.«

Er machte eine Pause, wartete anscheinend darauf, dass ich etwas entgegnete.

Doch ich zuckte nur mit den Schultern.

Dieselben Worte hatte ich schon oft gehört, von Touristen, von Fremden, die mit ihren Kameras durch unsere Gassen liefen und staunten.

Aber diesmal klangen diese Worte anders.

Kalkulierter.

Kälter.

Ramírez stellte den Schädel zurück auf den Tisch, während sein unangenehm durchdringender Blick nun auf mich gerichtet war.

»Es wird erzählt, dass dieses Dorf sonderbar ist. Deshalb war ich auf vieles vorbereitet. Aber ein blinder Geschichtenerzähler? Und ein Oberhaupt, das selbst noch fast ein Kind ist? Ich muss gestehen, ich bin überrascht.«

Im Gegensatz zu Nan war ich leider nicht mit der Fähigkeit gesegnet, meine aufbrodelnden Emotionen hinter einem gleichgültigen Gesichtsausdruck zu verbergen.

Obwohl ich mir Mühe gab, warf ich Ramírez nun einen Todesblick zu, der seinesgleichen suchte.

»Es freut mich, dass ich Sie überraschen konnte.«

Ramírez’ Mundwinkel hoben sich zu einem spöttischen Lächeln.

»Ich hoffe für Sie, dass das Können Ihres Geschichtenerzählers im Bett besser ist als –«

Ich war auf den Beinen, ehe Ramírez seinen Satz beendet hatte.

»Raus.«

Mit einer Hand stützte ich mich auf der Tischplatte ab, mit der anderen deutete ich zur Tür.

»Sofort.«

Mein Puls rauschte mir in den Ohren, und Wut pulsierte durch meine Adern, während ich auf Ramírez hinabsah, mit so viel Verachtung, wie ich sie bisher noch niemandem gegenüber empfunden hatte.

Was durchaus beachtlich war, da ich den alten Sack erst seit fünf Minuten kannte.

Ramírez’ schmale Lippen verzogen sich zu einem weiteren widerlichen Grinsen, das meinen Geduldsfaden auf eine Zerreißprobe stellte.

»Also wollen Sie gar nicht wissen, warum ich hier bin?«, fragte er mit hochgezogenen Brauen, während er den Schädel wieder zwischen den Fingern drehte.

Es war mir mittlerweile völlig egal, weswegen er hier war.

Das Einzige, was ich wollte, war, sein schmieriges Grinsen nie wieder zu Gesicht zu bekommen.

»Entweder Sie verschwinden freiwillig, oder ich werde Sie dazu zwingen müssen, Señor Ramírez.«

Meine Stimme hatte mittlerweile jegliche Freundlichkeit verloren.

Wer mich nicht mit Respekt behandelte, brauchte von mir ebenfalls keinen erwarten.

»Ich lasse weder mich noch irgendjemanden sonst in meinem Dorf beleidigen.«

Ramírez stieß ein heiseres Lachen aus, dann ließ er den Schädel auf den Tisch fallen.

»Sie können mich zu gar nichts zwingen, Señorita.«

Betont langsam holte er ein Blatt Papier aus der Tasche seines Anzugs hervor, entfaltete es und legte es auf den Tisch zwischen uns.

Ein dunkelblauer Stempel prangte in der unteren rechten Ecke des Dokuments, das nur wenige Zeilen Text enthielt.

»Und ich fürchte, das ist auch nicht mehr Ihr Dorf.«

Kurz zögerte ich, dann beugte ich mich nach vorn, las Buchstabe für Buchstabe und mit jedem weiteren Wort zerbrach etwas in mir.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass jemand hinter mir stand und einen unsichtbaren Arm um meine Kehle legte, mir die Luft abschnürte.

Übelkeit ergriff von mir Besitz, während meine Gedanken durcheinanderrasten.

Ich merkte erst, dass meine Hand zitterte, als ich sie nach dem Papier ausstreckte, es in die Hand nahm und noch einmal las.

Und noch einmal.

»Gekauft?«

Ich zwang mich, meine Stimme ruhig und sicher klingen zu lassen.

Versuchte, gleichmäßig zu atmen, die Übelkeit zu verdrängen, während sich meine schweißnassen Finger in das Papier krallten.

Ein Missverständnis.

Das alles war nur ein Missverständnis.

Es konnte nichts anderes sein.

»Diese Insel kann nicht gekauft werden.«

Ein weiteres ekelhaftes Grinsen stahl sich auf Ramírez’ Lippen.

»Doch, kann sie.«

Er nickte zu der beglaubigten Kaufurkunde, die ich noch immer in der Hand hielt.

»Ein reicher Klient von mir hat diese Insel rechtskräftig erworben.«

Verhört.

Ich hatte mich verhört.

Und diese Urkunde … Sie musste gefälscht sein. Natürlich.

Niemand konnte meine Insel kaufen.

Niemand konnte uns unser Zuhause wegnehmen.

»Außerdem hat mein Klient entschieden, Sie als Oberhaupt des Pueblo del Sol y la Luna abzusetzen.«

Ich nahm Ramírez’ kratzige Stimme nur noch wie durch Watte wahr, und die Bedeutung seiner Worte sickerte verzögert in mein Bewusstsein.

Als sie es schließlich tat, bohrte sie ihre spitzen Klauen in mein Herz.

Zerriss es.

Zerfetzte es.

»Sie verfügen ab sofort über keine Befugnis mehr, dieses Dorf zu leiten, Señorita de Jesús.«

4. Kapitel

Elena

Verwirrt starrte ich Ramírez an.