Lehrbuch Gerontologie -  - E-Book

Lehrbuch Gerontologie E-Book

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Beschreibung

Für eine professionelle Pflege und Betreuung alter Menschen sind gründliche Kenntnisse der Gerontologie unerlässlich. Das Lehrbuch der Gerontologie vermittelt diese Grundlagen, schlägt Brücken zwischen den Disziplinen und leistet Verständigungsarbeit zwischen Pflege und sozialer Arbeit. Das erfahrene Herausgeberteam: · führt in die theoretischen Grundlagen von Pflege, Sozialer Arbeit und Altern ein · skizziert Lebenslagen der Sozialpolitik, sozialen Sicherung und sozialen Ungleichheit · stellt Lebenslagen bzgl. demographischer Trends und ihren Auswirkungen auf Soziale Arbeit und Pflege dar und beschreibt Lebenslagen pflegerischer Versorgung · beschreibt Grundzüge der Ethik für Pflege und Soziale Arbeit · analysiert Konzepte von Autonomie, Normalität und Empowerment · stellt Aufgaben- und Einsatzfelder sowie Interventionen, Ansätze und Methoden vor · zeigt Möglichkeiten und Grenzen der Professionalisierung · fördert und vermittelt mit seinem Text die beiderseitige Kenntnis, den Dialog und die Zusammenarbeit der Disziplinen. · erarbeitet ein eigenständiges Profil der gerontologischen Grundlagen in den Disziplinen Pflege und Sozialarbeit · didaktisiert und strukturiert den Text mit Einführungen, Lernzielen, Fallbeispielen, Aufgaben, Kontroversen, Schlussfolgerungen und weiterführenden Literaturhinweisen.

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Seitenzahl: 667

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Stefanie BeckerHermann Brandenburg(Herausgeber)

Lehrbuch Gerontologie

Verlag Hans Huber

Programmbereich Gerontologie

Stefanie Becker, Hermann Brandenburg

(Herausgeber)

Lehrbuch Gerontologie

Gerontologisches Fachwissen für Pflege- und SozialberufeEine interdisziplinäre Aufgabe

Unter Mitarbeit von Sabine Bartholomeyczik Eva Birkenstock Matthias Brünett Theresa Fibich Helen Güther Sabine Hahn François Höpflinger Manfred Hülsken-Giesler Franz Kolland Stefanie Klott Ursula Köstler Cornelia Kricheldorff Remi Maier-Rigaud Kristina Mann Heike Marks Ruth Remmel-Fassbender Michael Sauer Daniel Tucman Frank Schulz-Nieswandt Renate StemmerMit einem Geleitwort von Prof. Dr. Mike Martin

Verlag Hans Huber

Stefanie Becker (Hrsg.). Prof. Dr. phil., Dipl.-Psych., Dipl.-Geront.

E-Mail: [email protected] (Korrespondenzanschrift).

Hermann Brandenburg (Hrsg.). Univ.-Prof., Dr. phil., Dipl. Soz.-Wiss., Dipl.-Geront.

E-Mail: [email protected].

Lektorat: Jürgen Georg, Michael Herrmann, Andrea Weberschinke

Herstellung: Jörg Kleine Büning

Umschlagillustration: Vera Kuttelvaserova – fotolia.com

Umschlaggestaltung: Jörg Kleine Büning

Druckvorstufe: Claudia Wild, Konstanz

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co., Göttingen

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Verfasser haben größte Mühe darauf verwandt, dass die therapeutischen Angaben insbesondere von Medikamenten, ihre Dosierungen und Applikationen dem jeweiligen Wissensstand bei der Fertigstellung des Werkes entsprechen. Da jedoch die Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss ist und menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, übernimmt der Verlag für derartige Angaben keine Gewähr. Jeder Anwender ist daher dringend aufgefordert, alle Angaben in eigener Verantwortung auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen oder Warenbezeichnungen in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen-Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden hier und in den einzelnen Beiträgen nicht durchgehend weibliche und männliche Formen parallel, sondern oftmals neutrale Formen oder – den Regeln der deutschen Sprache folgend – das generische Maskulinum verwendet. Dennoch schließen alle enthaltenen Personenbezeichnungen das jeweils andere Geschlecht mit ein.

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Verlag Hans Huber

Lektorat Pflege

Länggass-Strasse 76

CH-3000 Bern 9

Tel: 0041 (0)31 300 4500

[email protected]

www.verlag-hanshuber.com

1. Auflage 2014

© 2014 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-456-95343-4)

(E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-456-75343-0)

ISBN 978-3-456-85343-7

Nutzungsbedingungen

Der Erwerber erhält ein einfaches und nicht übertragbares Nutzungsrecht, das ihn zum privaten Gebrauch des E-Books und all der dazugehörigen Dateien berechtigt.

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Anmerkung

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhaltsverzeichnis
Cover
Schmutztitel
Titel
Impressum
Nutzungsbedingungen
Danksagung
Geleitwort
1 Gerontologisches Fachwissen und Interdisziplinarität: Warum?
1.1 Welche Zielgruppen sind angesprochen?
1.2 Worum geht es in diesem Buch?
2 Gerontologie – eine interdisziplinäre Wissenschaft
2.1 Einführung
2.2 Gerontologie – ein Definitionsversuch
2.3 Interdisziplinarität der Gerontologie
2.3.1 Bezugsdisziplinen der Gerontologie
2.3.2 Interdisziplinäre Tätigkeitsfelder der Gerontologie
2.3.3 Interdisziplinäre Herangehensweise
2.3.4 Herausforderungen interdisziplinärer Kooperation
2.4 Schlussfolgerung
2.5 Literatur
Teil 1: Theoretische Grundlagen
3 Theorien des Alters und des Alterns
3.1 Einführung
3.2 Theorien – eine erste Annäherung
3.2.1 Über Sinn und Nutzen von Theorien
3.2.2 Der Status quo
3.3 Theorien in der Gerontologie – die Klassiker
3.3.1 Vom Defizitmodell zur Theorie des erfolgreichen Alterns
3.3.2 Disengagement-Theorie
3.3.3 Aktivitätstheorie
3.3.4 Kontinuitätstheorie
3.3.5 Selektive Optimierung durch Kompensation (SOK)
3.3.6 Kompetenztheorie
3.4 Multidisziplinäre Perspektiven des Alter(n)s
3.4.1 Psychologische Alter(n)stheorien
3.4.1.1 Theorien der Entwicklungsaufgaben
3.4.1.2 Theorien der Intelligenzentwicklung
3.4.2 Soziologische Alter(n)stheorien
3.4.3 Ökogerontologische Ansätze
3.4.4 Pflegewissenschaftliche Ansätze in der Gerontologie
3.4.5 Soziale Arbeit und Gerontologie
3.5 Abseits vom Mainstream: Vern Bengtson
3.5.1 Sozialkonstruktivismus
3.5.2 Kritische Gerontologie
3.6 Schlussfolgerungen
3.7 Literatur
4 Altern und Pflege
4.1 Einführung
4.2 Entwicklungen und Perspektiven
4.3 Zentrale Aufgaben der Pflege
4.3.1 Allgemeine Aufgaben bei der Pflege alter Menschen
4.3.2 Menschen mit Demenz als besondere Herausforderung für die Pflege
4.4 Settings
4.4.1 Altenheime und Langzeitversorgung
4.4.2 Ambulante Pflege
4.4.3 Krankenhäuser und Akutversorgung
4.5 Bildungsfragen
4.6 Verbände und Politik
4.7 Schlussfolgerungen
4.8 Literatur
5 Altern und Soziale Arbeit
5.1 Soziale Arbeit und Altern – Entwicklungslinien
5.2 Soziale Arbeit und Soziale Gerontologie – Positionen und Tendenzen in Theorie und Praxis
5.3 Theorie- und Identitätsbildung in der Sozialen Arbeit und Sozialen Gerontologie
5.3.1 Empowerment
5.3.2 Lebensweltorientierung
5.4 Zusammenfassung und Ausblick
5.5 Literatur
Teil 2: Lebenslagen im Alter
6 Alterssozialpolitik, soziale Sicherung und soziale Ungleichheit (D, CH, A)
6.1 Einführung
6.2 Theorierahmen
6.3 Wohlfahrtsstaatstypologischer Vergleich
6.4 Alterssicherung
6.5 Krankenversicherung und Gesundheitswesen
6.6 Langzeitpflege
6.7 Migration und Alter
6.8 Bürgersolidarität: Freiwilliges Engagement und Sozialkapital
6.9 Die Relevanz für die Soziale Arbeit und die Alterspflege
6.10 Schlussfolgerungen
6.11 Debatten und Kontroversen
6.12 Literatur
7 Demografisch-gesellschaftliche Wandlungen und soziale Folgen
7.1 Einführung
7.2 Lebensphasen in einer dynamischen Gesellschaft mit hoher Lebenserwartung
7.3 Phasen des Alters – vom Seniorenalter zur Hochaltrigkeit
7.4 Lebenslagen im dritten Lebensalter – ausgewählte Feststellungen
7.5 Lebenslagen im vierten Lebensalter – Lebenssituationen Hochaltriger
7.6 Schlussfolgerungen
7.7 Debatten und Kontroversen
7.8 Literatur
8 Anforderungen an eine professionelle Pflege in einer alternden Gesellschaft
8.1 Einführung
8.2 Gelebte Erfahrung von Gesundheit und Krankheit
8.3 Imageprobleme und Attraktivität
8.4 Qualität und Zufriedenheit
8.5 Integration und Koordination
8.6 Anforderungen und Kompetenzen
8.7 Debatten und Kontroversen
8.7.1 Generalistische versus spezifische Kompetenzen
8.7.2 Attraktivität Langzeitpflegebereich versus Akutversorgung
8.7.3 Intraprofessionell berufsorientiert versus interprofessionell bereichsorientiert
8.7.4 Fragestellungen für die interdisziplinäre Zusammenarbeit
8.8 Literatur
Quellen im Internet
Teil 3: Ethische Grundlagen und Leitbilder guter Altersarbeit
9 Mut zur gut begründeten Entscheidung
9.1 Einführung
9.2 Universale moralische Prinzipien und Stationen ihrer historischen Entwicklung
9.3 Ethik und menschliches Handeln
9.4 Weitere Ansätze zur Theorie ethischen Handelns
9.4.1 Moralische Prinzipien – universal und interkulturell gültig
9.4.2 Kommunikative Ethik ist reziprok
9.5 Ethische Konflikte im Spannungsfeld zwischen idealer Lösung und pragmatischem Kompromiss
9.5.1 Autonomie und Freiheit kollidieren mit Fürsorge
9.5.2 Wahrheit kollidiert mit Fürsorge
9.5.3 Subjektives Wohlbefinden kollidiert mit Fürsorge
9.5.4 Wahrheit und Treue kollidieren mit Psychohygiene
9.5.5 Die Einhaltung eines Versprechens kollidiert mit dem Gewissen
9.6 Debatten und Kontroversen
9.7 Schlussfolgerung
9.8 Literatur
10 Autonomie
10.1 Einführung
10.2 Begriffsbestimmung und Tradition des heutigen Autonomieverständnisses
10.3 Autonomie im Kontext von Krankheit, Behinderung und Alter
10.3.1 Medizin
10.3.2 Heilpädagogik
10.3.3 Gerontologie
10.3.4 Gerontologische Pflege
10.4 Autonomie als Polaritäten
10.4.1 Autonomie als Alltagskompetenz
10.4.2 Autonomie als graduelle Selbstbestimmung
10.5 Würdigung und kritische Einschätzung der Autonomiedebatte und -konzepte
10.6 Autonomiekonzept als Verhältniskonzept
10.7 Autonomie und verantwortungsvolle Handlungspraxis
10.8 Schlussfolgerung und Ausblick
10.9 Literatur
11 Empowerment
11.1 Einführung
11.2 Etymologische Bedeutung des Begriffs «Empowerment»
11.3 Historische Betrachtung des Empowerment-Konzepts
11.4 Das Konstrukt Empowerment
Empowerment verstehen
11.5 Experten und Lebenswelt: ein Paradoxon
11.6 Ressourcenorientierung: Versuch der Operationalisierung einer Haltung
11.7 Schlussfolgerungen
11.8 Debatten und Kontroversen
11.8.1 Schlagwort Empowerment?
11.8.2 Empowerment und Macht
11.9 Literatur
Teil 4: Gerontologie in Pflege und Sozialer Arbeit – eine interdisziplinäre Aufgabe
12 Auf dem Weg zur Gerontologischen Pflege
12.1 Zur Geschichte der Gerontologischen Pflege
12.2 Ambivalenzen in der Professionalisierung des Felds
12.3 Gegenstand, Zielsetzung, Notwendigkeit und Themenfelder der Gerontologischen Pflege
12.4 Fazit
12.5 Literatur
13 Interventionen und Methoden aus der Sicht der Pflege und Sozialen Arbeit
13.1 Einführung
13.2 Soziale Altersarbeit – Versuch einer Standortbestimmung
13.3 Handlungskonzepte und Methoden
13.4 Direkte interventionsbezogene Konzepte auf der Mikroebene
13.4.1 Einzelfallbezogene Methoden
13.4.2 Beratung als Kernkompetenz in der Altenarbeit
13.5 Gruppen und sozialraumbezogene Methoden
13.5.1 Gruppenarbeit
13.5.2 Gemeinwesenarbeit
13.5.3 Netzwerkarbeit
13.6 Case Management als Verbindung von Mikro-, Meso- und Makroebene
13.6.1 Voraussetzungen für Case Management auf der Organisationsebene
13.6.2 Assessment und Hilfeplanung im Case Management
13.6.3 Linking
13.6.4 Monitoring und Re-Assessment
13.6.5 Fallabschluss und Evaluation
13.7 Interventionen und Methoden der Pflege
13.7.1 Pflegetheoretische Grundlagen
13.7.2 Der Pflegeprozess als Rahmenmethode auf der Mikroebene
13.7.2.1 Erster Schritt: Informationssammlung
13.7.2.2 Zweiter Schritt: Diagnosestellung
13.7.2.3 Dritter Schritt: Planung der angestrebten Ergebnisse
13.7.2.4 Vierter Schritt: Planung der Intervention
13.7.2.5 Fünfter Schritt: Durchführung/Implementierung des Pflegeplans
13.7.2.6 Sechster Schritt: Evaluation
13.7.3 Der organisationale Fokus – die Mesoebene
13.7.4 Flächendeckende Versorgung, politische Strukturen – die Makroebene
13.8 Diskussion und Fazit
13.9 Literatur
Quellen im Internet
14 Professionelle Soziale Arbeit und Pflege zwischen Theorie und Praxis
14.1 Einführung
14.2 Beruf und Profession
Berufsgesetzliche Regelungen der Sozialen Arbeit in Österreich, Deutschland und der Schweiz
14.3 Theoretische Positionen in der Professionsforschung
14.3.1 Strukturfunktionalismus – Profession als institutionalisierter Altruismus
14.3.2 Strukturtheorie – Problemlösung und Autonomiestärkung
14.3.3 Systemtheorie – Wirksamkeitskalkulation von Handlung/Nicht-Handlung
14.3.4 Interaktionstheorie – die adäquate Reaktion auf das Unbekannte
14.3.5 Machttheoretische Ansätze – Exklusive Expertise
14.4 Soziale Arbeit als pragmatische eigenreferenzielle Profession
14.5 Pflege zwischen Eminenz und Evidenz
14.6 Multiparadigmatismus am Beispiel der Geriatrischen Pflege und Sozialen Altenarbeit
14.7 Schlussfolgerungen
14.8 Debatten und Kontroversen
14.9 Literatur
Quellen im Internet
15 Professionalisierung der Pflege: Möglichkeiten und Grenzen
15.1 Einführung
15.2 Zur Ausgangslage im deutschsprachigen Raum
15.3 Pflege als Arbeit
15.4 Pflege als Beruf
15.5 Pflege als Profession
15.5.1 Berufliche Pflege im Lichte der klassischen Professionskriterien
Strukturen der Verwissenschaftlichung der Pflege im deutschsprachigen Raum
15.5.2 Selbstorganisation und berufliche Autonomie
15.5.3 Zur Integration der beruflichen Pflege in das Gesundheitssystem
15.5.4 Berufliche Pflege zwischen Ohnmacht und Machterwerb
15.6 Zur Professionalität der Pflege
Doppelte Handlungslogik als Kern des beruflichen Pflegehandelns
15.7 Zusammenfassung und Ausblick
15.8 Literatur
Quellen im Internet
16 Herausforderungen in der Zusammenarbeit zwischen Pflege- und Sozialberufen
16.1 Zum Schwerpunkt des Buches
16.2 Berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit für mehr Lebensqualität
16.3 Weitergehende Bedeutung dieses Studienbuchs
16.4 Literatur
Glossar
Verzeichnis der HerausgeberInnen und AutorInnen
HerausgeberInnen
AutorInnen
Sachwortverzeichnis

Danksagung

Unser ganz herzlicher Dank gilt an erster Stelle allen Autorinnen und Autoren, die mit ihrer ausgezeichneten Expertise und ihrem enormen Engagement zum Entstehen dieses Buches beitragen haben. Es ist nicht nur die Güte der einzelnen Beiträge, die dieses Buch in der vorliegenden Qualität haben entstehen lassen, sondern auch die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf dieses interdisziplinäre Experiment einzulassen. Insbesondere möchten wir auch Mike Martin für das Verfassen des Geleitwortes danken, das den Bedarf an gerontologischem Fachwissen und die Notwendigkeit der interdisziplinären Kooperation in Pflege und Sozialer Arbeit klar und mit Nachdruck deutlich macht und die Bedeutung einer integrativen Sicht auf das Individuum überzeugend darlegt.

Weiterhin gilt unser Dank auch dem Verlag Hans Huber und unserem Lektor Jürgen Georg in Bern, der uns bei diesem Buchprojekt unterstützt hat.

Und nicht vergessen möchten wir auch den besonderen Dank an unsere Lebenspartner Kurt Weber und Sabine Brandenburg, die uns motivierend unterstützt haben und bereit waren, doch einige Abende und Wochenenden auf unsere Gesellschaft zu verzichten.

Bern und Vallendar, im Frühjahr 2014

Prof. Dr. Stefanie BeckerProf. Dr. Hermann Brandenburg

Geleitwort

Mit dem vorliegenden Gerontologie-Lehrbuch Gerontologisches Fachwissen für Pflege- und Sozialberufe – Eine interdisziplinäre Aufgabeliegt eine dringend benötigte fachliche Grundlage für den kompetenten Umgang von Pflege- und Sozialberufen im Bereich der Gerontologie vor.

Die in der Altenhilfe hauptsächlich tätigen Disziplinen der Pflege und Sozialen Arbeit weisen in ihren Tätigkeitsfeldern mit älteren und hochaltrigen Menschen vielfältige Berührungspunkte und Schnittmengen auf. Dennoch treten Berufsangehörige beider Disziplinen meist unabhängig voneinander und nicht aufeinander bezogen auf, Interventionen erfolgen jeweils disziplinspezifisch und Synergien der Kooperation sind noch eher selten. So können wichtige Potenziale für den Erhalt und die Förderung der Lebensqualität älterer und hochaltriger Menschen nicht genutzt werden und eine Weiterentwicklung der Professionen entlang der gesellschaftlichen Bedürfnisse und Bedarfe unterbleibt.

Dankenswerterweise ist der Untertitel, Eine interdisziplinäre Aufgabe,hier ernst gemeint und wird im Band durchgehend umgesetzt. Für eine Gerontologie, die den einzelnen Menschen mit allen seinen Eigenschaften und Fähigkeiten, nicht nur mit einzelnen Symptomen oder Pflegebedürftigkeit, in den Mittelpunkt stellt, ist Interdisziplinarität grundlegend. Innerhalb von alternden Personen interagieren zur Erreichung größtmöglicher Lebensqualität Merkmale auf unterschiedlichen Analyse-Ebenen, von der Zelle und Organen, vom Verhalten und Erleben über individuelle Handlungsentscheidungen, Ziele und Bedürfnisse bis hin zu sozialen Beziehungen sowie gesellschaftlich-kulturellen und technischen Kontexten. Interdisziplinarität bedeutet aus theoretischer Sicht daher nicht nur die genaue Kenntnis und Addition dieser durch einzelne Fachdisziplinen separat betrachteten Analyse-Ebenen, sondern die Thematisierung des handelnden und entscheidenden Individuums, innerhalb dessen diese Analyse-Ebenen in Wechselwirkung treten. Aus methodischer Sicht erfordert eine interdisziplinäre Gerontologie die Berücksichtigung der individuell unterschiedlichen Entwicklungsverläufe dieser Wechselwirkungen, um eine evidenzbasierte und gleichzeitig individuell zugeschnittene, im Alltag der Person wirkende Intervention zu identifizieren.

Das Buch ist vorbildlich für die Weiterentwicklung einer interdisziplinären und praktisch wirksamen Gerontologie, die wichtige Grundlagen für eine verbesserte und zukünftig wichtiger werdende interdisziplinäre Verständigung und Zusammenarbeit in verschiedenen Berufsfeldern der Altenhilfe – auch über die Pflege und Soziale Arbeit hinaus – liefert. Die genaue Kenntnis von und Auseinandersetzung mit den hier zusammengetragenen gerontologischen Grundlagen können ein wichtiger Beitrag für ein erweitertes Berufsverständnis in der Altenhilfe sein und werden in den kommenden Jahren zentrale Beiträge zur Professionalisierung der Pflege und Sozialen Arbeit im gerontologischen Bereich leisten.

Univ.-Prof. Dr. Mike Martin,

Ordinarius für Gerontopsychologie an der Universität Zürich

1 Gerontologisches Fachwissen und Interdisziplinarität: Warum?

Stefanie Becker, Hermann Brandenburg

Im Zuge des demografischen Wandels verändern sich verschiedene Berufsbilder, darunter auch solche mit einer eher traditionellen Ausrichtung. Im Schnittbereich der Beratung, Begleitung, Betreuung und Pflege älterer Menschen treffen sie dann aufeinander. In diesem Zusammenhang ist es für eine erfolgreiche Wahrnehmung der Aufgaben in diesen Tätigkeitsfeldern entscheidend, dass Professionen und Disziplinen einerseits näher zusammenrücken, über den Tellerrand der eigenen Zuständigkeiten hinausschauen und ein erweitertes Verständnis auch anderer Disziplinen entwickeln. Andererseits müssen sie spezialisiertes Wissen und Fachkompetenzen ausbilden, sich besonders an den Schnittstellen der Versorgung besser profilieren und ihren Zuständigkeitsbereich abgrenzen. Die Gerontologie als interdisziplinäre Wissenschaft kann hierfür quasi als Vermittler bzw. Grundlage beider Disziplinen dienen. Gerontologie stellt spezifisches Wissen bereit, das in der Praxis verschiedener Disziplinen in der praktischen Altersarbeit von wachsender Relevanz ist. Ziel ist es letztlich, die Beratung, Unterstützung und Pflege alter und hochbetagter Menschen in einem multidisziplinären Handlungsfeld zu fördern.

Das Lehrbuch Gerontologie,Gerontologisches Fachwissen für Pflege- und Sozialberufe – Eine interdisziplinäre Aufgabemöchte hierzu einen innovativen Beitrag leisten und soll den Dialog der genannten Disziplinen fördern. Dies ist nur durch die Kenntnis der Ansätze und Perspektiven der jeweils anderen Disziplin möglich. Diese Verständigung zu leisten und beispielhaft zu zeigen, wo dieser Brückenschlag sowohl im Sinne der professionellen Helfer als auch der älteren Menschen selbst sinnvoll und notwendig ist, ist ein wesentliches Anliegen dieses Buchs.

1.1 Welche Zielgruppen sind angesprochen?

Explizit soll dieses Buch Studierende der Studiengänge in Pflege und Sozialer Arbeit ansprechen, die in Grundlagen und Herausforderungen der Gerontologie eingeführt werden. Praktiker, die sich mehr für wissenschaftlich gestützte Reflexion als für «How-to-do»-Texte interessieren, sind sicherlich eine weitere Zielgruppe, und zwar auch deshalb, weil ein Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis am besten dann stattfindet, wenn die Wissenschaft die praktischen Herausforderungen aufnimmt, die Praxis aber auch die entsprechenden Diskussionen mitverfolgt – und sich zu Wort meldet.

In diesem Sinne geht es um einen kritischen Dialog, auch zwischen den Leserinnen und Lesern und uns als Herausgebern sowie den Autorinnen und Autoren dieses Buches. Es gehört zu den Absurditäten der modernen Wissenschaft, dass zwar viel publiziert, aber wenig ernsthaft und wertschätzend gestritten wird. Umgekehrt greift die Praxis noch viel zu wenig wissenschaftliche Befunde auf. Vielleicht ermuntert dieses Buch die/den eine/n oder andere/n der Leserinnen und Leser, uns zu schreiben? Bitte zögern Sie nicht und rechnen Sie damit, dass Ihre Anregungen auf fruchtbaren Boden fallen – und vielleicht in der nächsten Auflage umgesetzt werden.

1.2 Worum geht es in diesem Buch?

Es geht in diesem Buch primär um eine zusammenfassende Darstellung von Grundlagen und um die Anregung zur interdisziplinären Reflexion. Leitwissenschaft ist – wie erwähnt – die Gerontologie. Die Situation alter Menschen im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) steht dabei im Vordergrund. Wir haben uns darum bemüht, insbesondere durch die Auswahl der Autorinnen und Autoren, alle drei Länder «abzubilden». Die länderspezifischen Besonderheiten kommen dabei ebenso zum Ausdruck wie ihre gemeinsamen Herausforderungen. Dort, wo nicht alle drei Länderperspektiven parallel in einem Kapitel dargestellt sind, wird jeweils aus der Sicht der jeweiligen Autorin bzw. des Autors argumentiert und – sofern sinnvoll und möglich – an den entsprechenden Stellen durch Hinweise auf Besonderheiten in den anderen Ländern hingewiesen.

Aber auch das Folgende ist ein Ziel dieses Buches: Sowohl über Grenzen der Disziplinen, aber auch über Ländergrenzen hinweg zu einem besseren Verständnis der Lebenssituation älterer Menschen heute beizutragen. Und dies nicht (nur) vor dem Hintergrund des wachsenden Anteils der Fachpersonenströme in und aus den deutschsprachigen Ländern, sondern vor allem vor dem Hintergrund des gemeinsamen Anliegens aller in der Altenarbeit Tätigen: der effektiven und effizienten Förderung und Erhaltung der individuellen Lebensqualität der auf Hilfe, Unterstützung und/oder Pflege angewiesenen älterer Menschen.

Dabei steht nicht nur die Beschreibung der Ist-Situation im Vordergrund. Es soll auch ein kritischer Ansatz für die Praxis bereitgestellt werden, der auch die Professionen selbst von der Kritik nicht ausnimmt. Mehr noch – das Buch hat den Anspruch, einen Beitrag zum Theorie-Praxis-Transfer zu leisten. Dies wird an vielen Stellen deutlich werden, unter anderem bei den Fallbeispielen und Reflexionen. Wir haben auch versucht, die beiden Disziplinen Soziale Arbeit und Pflege direkt miteinander ins Gespräch zu bringen, und zwar im Hinblick auf ihre Aufgaben bzw. Einsatzfelder im Lebenskontext älterer Menschen einerseits und die Interventionen bzw. Methoden andererseits. Der Bezug zu gerontologischem Fachwissen wird in allen Kapiteln des Buches hergestellt. So finden sich manche Konzepte und Bezüge in mehreren Ausführungen wieder. Dies ist jedoch keine Redundanz, sondern vielmehr ein Zeichen ihrer breiten Anschlussfähigkeit. Da sie jedes Mal in einem anderen Kontext Erwähnung finden, wird auch je eine andere Facette, sei es aus pflegerischer oder sozialarbeiterischer Perspektive, deutlich.

Schlussendlich wünschen wir uns, dass unser Buch als Grundlagenwerk für die Ausbildung der Pflege- und Sozialberufe genutzt wird, wenn es um die Arbeit mit alten Menschen geht. Die Gerontologie dient dabei als «Klammer» und verbindendes (wissenschaftliches) Element, das als eine gemeinsame Basis zum Verständnis der Lebenssituationen alter und hochbetagter Menschen und damit als Verständigungsmedium zwischen den Disziplinen genutzt werden kann und Fachwissen bereitstellt, das für eine optimale Beratung, Betreuung und Pflege älterer und hochaltriger Menschen von zentraler Bedeutung ist.

Folgende Kerninhalte stehen im vorliegenden Buch im Fokus:

ein einführender Überblick zum Verständnis der Gerontologietheoretische Grundlagen («klassische» und neue Alternstheorien)Analyse der demografischen Situation und der Lebenslagen im Alter (Sozialpolitik und soziale Sicherung, Migration und Gesundheit, Versorgung)ethische Herausforderungen und Leitbilder einer guten Arbeit mit alten Menschen (Autonomie, Normalität, Empowerment)die «Schnittmenge» beider Berufsfelder aus der Expertensicht beider DisziplinenInterventionen und Methoden (Tools, Instrumente, Werkzeuge, die in der täglichen Praxis helfen können)Möglichkeiten und Grenzen der Professionalisierung (Förderung eines kritischen Selbstverständnisses der Disziplinen).

Wir wünschen den Studierenden der beiden Disziplinen, den Lehrerinnen und Lehrern in Aus-, Fort- und Weiterbildung (vor allem an den Hochschulen) sowie allen Interessierten, die das vorliegende Buch für ihre eigene professionelle Reflexion nutzen, eine anregende und interessante Lektüre.

2 Gerontologie – eine interdisziplinäre Wissenschaft

Stefanie Becker

Zusammenfassung

Die Auswirkungen des demografischen Wandels und einer Gesellschaft des langen Lebens sind in fast allen gesellschaftlichen Bereichen spürbar. Daher sind in vielen Arbeitsfeldern heute gerontologische Kenntnisse erforderlich, um mit dem Phänomen des Alters bzw. Alterns angemessen und produktiv umzugehen. Das gilt für den Bereich der Bildung ebenso wie für die Arbeitswelt, die Stadtentwicklung, die technologische Entwicklung und – insbesondere – für die Pflege und Soziale Arbeit. Grundkompetenzen der Gerontologie bzw. grundlegendes gerontologisches Fachwissen sind in verschiedenen Arbeitsbereichen und damit unterschiedlichen Disziplinen zunehmend gefragt.

Wie in der Einleitung dargelegt, verstehen wir die Gerontologie (Alters- bzw. Alternswissenschaft) und ihre Erkenntnisse als Grundlage für eine qualitativ hochstehende professionelle Tätigkeit im Altersbereich. In dieser Eigenschaft kann gerontologisches Fachwissen helfen, eine Brücke zwischen verschiedenen Disziplinen zu schlagen und als gemeinsame Kommunikations- und Verständnisgrundlage dienen. Dies vor allem, weil sich Gerontologie als interdisziplinäre Wissenschaft versteht. In diesem Kapitel sollen daher zunächst das Selbstverständnis der Gerontologie und ihre sich daraus ergebende mögliche Vermittlerrolle erläutert werden, da sie die Grundlage und Hintergrundfolie darstellt, vor der die weiteren Kapitel dieses Buches zu lesen sein werden.

Lernziele:

Gerontologie als interdisziplinäre Wissenschaft kennenlernen.Ein erstes Verständnis von Gerontologie und der Bedeutung gerontologischen Fachwissens in der Pflege und Betreuung älterer Menschen erhalten.Die Unterschiede zwischen Multi-, Inter- und Transdisziplinarität kennenlernen.Die Bedeutung gerontologischen Fachwissens für die eigene Berufstätigkeit in Pflege oder Sozialer Arbeit reflektieren.

2.1 Einführung

Die Gerontologie als wissenschaftliches Forschungsgebiet und praktische Tätigkeit verdankt ihre Entwicklung vor allem Strömungen im 20. Jahrhundert, die einerseits von wachsendem Bewusstsein über die älteren und wachsenden Bevölkerungsanteile und andererseits durch eine damit verbundene Defizitorientierung (s.a. Kap. 3) geprägt waren. Die Erhöhung der Lebenserwartung bei Frauen auf durchschnittlich 84,6 Jahre und bei Männern auf 80,2 Jahre bei der Geburt sowie die damit verbundene Chance der Langlebigkeit haben dazu geführt, dass die Lebensphase Alter einen wachsenden Anteil an der Gesamtlebenszeit ausmacht und sich durch hohe inter- und intraindividuelle Variabilität (Lehr, 2007) und Vielfalt auszeichnet. Zentrale Trends dieser demografischen Veränderungen, die auch die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit und der Pflege mit älteren Menschen zunehmend prägen, sind:

Individualisierung: Die Lebensverläufe und -lagen im Alter sind heute weitaus weniger normativ und standardisiert.Singularisierung: Die veränderten Familienstrukturen und die alt gewordene Kriegsgeneration führen zu einer hohen Anzahl alleinstehender alter Menschen in unserer Gesellschaft (vor allem Frauen).Multimorbidität: Mit steigendem Alter werden Mehrfacherkrankungen wahrscheinlicher und damit geeignete Versorgungs- und Unterstützungsangebote notwendig. Dazu zählen auch spezifische Bedarfslagen, wie z.B. chronische Erkrankungen oder Demenz.Migration: Die Anzahl älterer Menschen mit Migrationshintergrund steigt. Der Bedarf an spezifischen Angeboten, die kulturelle Eigenarten berücksichtigen, wird entsprechend zunehmen.

Allein diese Vielfalt der relevanten «Altersthemen» macht deutlich, dass Gerontologie bzw. die wissenschaftliche und praktische Beschäftigung mit Alter(n)sfragen nicht nur aus der Perspektive einer einzelnen Disziplin erfolgen kann. Gerontologie bezieht die verschiedenen «Lebenswissenschaften» auf das höhere und hohe Alter, versucht dabei die altersspezifischen Besonderheiten zu identifizieren, diese – wie für eine Wissenschaft angemessen – in Form von Erklärungen, Modellen, Theorien und Vorhersagen aufeinander zu beziehen und zu integrieren. Daraus entsteht jedoch nicht eine additive Formation disziplinspezifischer Ansätze, sondern im Bezug aufeinander sind eigene gerontologische Theorien und Modelle entstanden, die für die diversen Lebenssituationen älterer und hochaltriger Menschen angemessen sind und somit einen spezifischen Gültigkeitsbereich haben (s. Kap. 3). Gerontologie kann somit nur im Bezug zu anderen Disziplinen verstanden werden und ist damit per se interdisziplinär.

2.2 Gerontologie – ein Definitionsversuch

Der Begriff Gerontologie leitet sich etymologisch vom griechischen «géron» für Greis und «lógos» für Lehre bzw. Wissenschaft ab. Nach Wahl und Heyl (2004) wurde der Begriff Gerontologie erstmals vom russisch-französischen Gelehrten Elie Metchnikoff 1903 in der Wissenschaftsgemeinde benutzt und hat seither eine Reihe zeitgeschichtlicher Veränderungs- und Anpassungsprozesse durchlaufen, die zur Entwicklung unterschiedlicher theoretischer Ansätze geführt haben. Dabei betont die Gerontologie stets, dass es das Alter nicht gibt, sondern dass es immer dynamisch und als Prozess der Veränderung und Entwicklung verstanden werden muss. Entsprechend wird man meist in gerontologischen Fachtexten vom Altern lesen können – eine ausführliche Darstellung verschiedener Definitionen von «Alter» findet sich bei Wahl und Heyl (2004). Jedoch ist es bis heute nicht einfach, eine allgemein akzeptierte Definition von Gerontologie zu formulieren (vgl. Wahl/Heyl, 2004; Martin/Kliegel, 2010). Eine der nach wie vor am häufigsten zitierten Definitionen ist die von Baltes und Baltes:

Gerontologie beschäftigt sich mit der Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und Alters, einschließlich der Analyse von alternsrelevanten und alternskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen. (Baltes/Baltes, 1992: 8)

Allein die Vielfalt der Adjektive, die zur Beschreibung des Alters bzw. Alterns (als Prozess) genutzt werden, kann als Hinweis auf die Vielfalt der Bezugswissenschaften der Gerontologie gewertet werden. Wahl und Heyl (2004) machen dies noch deutlicher, indem sie so genannte «Essentials» (ebd.: 2004: 40ff.) nennen, denen zufolge Altern einen Prozess darstellt, der …

… dynamisch ist und sowohl Verluste wie auch Gewinne umfasst.… medizinisch und biologisch mitbestimmt ist.… lebenslang dauert und damit biographisch verankert ist.… sozial und sozio-kulturell bestimmt ist.… das Produkt von Person und räumlicher Umwelt darstellt.… auch ökonomisch geprägt ist.… geschlechtsspezifisch ist.… sich durch hohe Individualität auszeichnet und damit differenziell ist.… bezüglich aller Dimensionen des Alterns multidimensional ist.… in verschiedenen Dimensionen (z.B. Körper, Geist) unterschiedliche Verläufe zeigt und somit auch multidirektional ist.… sich zwischen Objektivität und Subjektivität bewegt.… innerhalb gewisser Grenzen gestaltbar und damit plastisch ist.

Exkurs

Für die natürliche maximal mögliche Altersgrenze, die meist mit etwa 120–130 Jahren angegeben wird, gibt es nicht erst heute durch biotechnologische Möglichkeiten Visionen ihrer Veränderbarkeit. Bereits im Mittelalter war der Glaube an Jungbrunnen und andere Möglichkeiten des ewigen Lebens verbreitet. Science-Fiction-Autoren beschreiben uns, wie man durch Einfrieren des Körpers Jahrhunderte überleben und dann zu einem vorherbestimmten Zeitpunkt wieder aufgetaut werden und «normal» weiterleben kann. In unserer modernen Industriegesellschaft haben aktuell «Anti-Ageing»-Produkte eine enorme Marktpräsenz und die erst kürzlich gegründete «California Life Company (CALICO)» von Google (www.edition.cnn.com/2013/10/03/tech/innovation/google-calico-aging-death/, [03.01.2014]) ist davon überzeugt, dass der natürliche Alternsprozess aufgehalten bzw. mindestens (sehr weit) hinausgezögert werden kann. Eine Lebenserwartung von mindestens 170 Jahren erscheint den Gründungsmitgliedern ein durchaus erreichbares Ziel. Auch Wissenschaftler wie Aubrey de Grey (www.en.wikipedia.org/wiki/Aubrey_de_Grey, [03.01.2014]) verfolgen schon seit Jahren die These der Möglichkeit der Unsterblichkeit oder des ewigen Lebens. Unabhängig davon, ob dies wünschenswert erscheint oder nicht, sicherlich wird die Entwicklung der durchschnittlichen Lebenserwartung – bedingt durch den weiteren biotechnologischen und medizinischen Fortschritt (u.a. in der Stammzellentherapie) – ihren Trend auch in den kommenden Jahrzehnten fortsetzen.

Schaut man sich die verschiedenen «essenziellen» Facetten des Alternsprozesses an, mit denen sich die Gerontologie beschäftigt, so ließe sich Gerontologie auch als Sammelbegriff für unterschiedliche Forschungs- und Tätigkeitsfelder verstehen, die jeweils in unterschiedlichen Bezugsdisziplinen begründet sind. Dieses Verständnis greift jedoch zu kurz, denn – wie bereits oben erwähnt und in Kapitel 3 ausführlich dargelegt – ist die Gerontologie keine additive Zusammenstellung von Erkenntnissen anderer Disziplinen für das höhere Lebensalter, sondern die wissenschaftlich begründete, synergetisch entwickelte und eigenständig weiterentwickelte Beschreibung und Erklärung von Alternsprozessen. Vor dem Hintergrund eines solchen Verständnisses erscheint es fast zwangsläufig, dass die Gerontologie sich selbst als interdisziplinäre Wissenschaft versteht. Interdisziplinarität hat in diesem Sinne jedoch zwei komplementäre Bedeutungen:

Interdisziplinarität im Hinblick auf die verschiedenen disziplinären Wurzeln der Gerontologie, ihre BezugsdisziplinenInterdisziplinarität auch in Bezug auf die Tätigkeitsbereiche und Arbeitsformen von Gerontologinnen und Gerontologen.

2.3 Interdisziplinarität der Gerontologie

Von Interdisziplinarität spricht man, wenn Ansätze, Methoden oder Theorien verschiedener Fachrichtungen bzw. Disziplinen in das jeweilige Arbeiten (z.B. Forschung oder praktische Tätigkeit) einfließen bzw. genutzt werden. Dabei steht meist eine Fragestellung oder ein Themenbereich im Mittelpunkt, der durch mehrere, voneinander unabhängige Einzelwissenschaften untersucht wird. Interdisziplinarität ist dabei vor allem von «Multidisziplinarität» abzugrenzen, nach der die verschiedenen Ansätze der Disziplinen lediglich parallel zueinander genutzt werden. Beispielsweise kann die Frage der angemessenen Wohnform im Alter sowohl aus dem Blick der Medizin (Ist die Person körperlich noch in der Lage, selbstständig zu wohnen?), der Architektur (Wie muss der Wohnraum gestaltet sein, um z.B. möglichst lange in der eigenen Wohnung bleiben zu können?) und der Psychologie (Welchen Einfluss haben unterschiedliche Wohnformen auf das psychische Wohlbefinden?) betrachtet und in einem gemeinsamen multidisziplinären Forschungsbericht zusammengetragen werden. Wird aber die gleiche Forschungsfrage vor einem gemeinsamen Hintergrund, einem gemeinsamen Verständnis bearbeitet, werden Methoden der verschiedenen Disziplinen zu einer neuen Lösungsstrategie zusammengeführt und somit eine Erkenntnis erzielt, die über die der Einzeldisziplinen hinausgeht (z.B. die Passung von physischen und psychischen Personen- und räumlichen Umweltmerkmalen bestimmt die jeweils individuell angemessene Wohnform – siehe auch Essential 5), so kann von interdisziplinärer Forschung gesprochen werden. Grundlage interdisziplinären Arbeitens ist jedoch eine Offenheit für und eine gewisse Kenntnis über die jeweils andere Disziplin, um deren Erkenntnisse auch zur Förderung der eigenen Arbeit nutzen zu können. Ein Team, das aus Fachexpertinnen und -experten zusammengesetzt ist, arbeitet daher noch nicht per se interdisziplinär. Erst durch den gegenseitigen Bezug und das gemeinsame Weiterentwickeln der Ansätze und Methoden entsteht ein «Mehr» an Erkenntnis, das jedoch ohne die Grundlagen der Einzeldisziplinen nicht entstehen kann. Dieses Verständnis von Interdisziplinarität steht auch hinter der Motivation für dieses Buch.

Reflexion

Welche Bedeutung hat die Unterscheidung zwischen Alter und Altern für Sie persönlich? Welche kann sie für den pflegerischen oder sozialarbeiterischen Umgang mit älteren oder hochaltrigen Menschen haben? Wie könnten Sie sich dieses Verständnis in Ihrer eigenen Tätigkeit zunutze machen?Sowohl Pflege als auch Soziale Arbeit verstehen sich als eigenständige Disziplinen. Dennoch nehmen sie Bezug auf verschiedene andere Wissenschaftsbereiche. Welche sind Ihnen in Ihrem Studium oder Ihrer Tätigkeit bisher begegnet? Welche erachten Sie als besonders bedeutsam für Ihre eigene Disziplin?Gibt es noch weitere Bezugsdisziplinen, die für die Gerontologie Bedeutung haben könnten?

2.3.1 Bezugsdisziplinen der Gerontologie

Eine umfassende und erschöpfende Aufzählung aller relevanten Bezugsdisziplinen der Gerontologie scheint fast unmöglich. Dieser Abschnitt soll jedoch ein erstes Verständnis des Verhältnisses der Gerontologie zu anderen Disziplinen ermöglichen. Dabei kann nur bis zu einem gewissen Grad eine «exakte» Aussage gemacht werden, da abhängig von der eigenen Disziplin und der damit verbundenen Perspektive sehr unterschiedliche Vorstellungen, Überzeugungen und Herangehensweisen vorherrschen. Dies muss aber nicht zwingend ein Nachteil sein, vielmehr kann aus den dadurch angeregten Diskussionen sowohl bei den etablierten Expertinnen und Experten, aber auch bei «Neulingen» der Gerontologie eine Weiterentwicklung der Disziplin gefördert werden, die der Komplexität und dem Facettenreichtum der Alternsprozesse zukünftig möglicherweise noch besser gerecht werden kann.

So haben Martin und Kliegel (2010) in ihrem sehr zu empfehlenden Standardwerk zur Psychologischen Gerontologie neben Medizin, Biologie, Soziologie, Psychologie und Demografie noch die Ernährungs- und Bewegungswissenschaften aufgezählt (ebd., 2005: 11). In diesem Sinne – und darin herrscht unter den Gerontologinnen und Gerontologen Einigkeit – versteht sich die Gerontologie selbst als interdisziplinäre Wissenschaft. Aber selbstverständlich können auch die Theologie, Philosophie und Ethik, Politologie, Ökonomie, Geschichts- und Kulturwissenschaften oder auch die Architektur und die Technologie zu den (neueren) Bezugsdisziplinen der Gerontologie gezählt werden. Dies ist jedoch nicht als abschließende Aufzählung zu verstehen, daher seien alle, die sich hier nicht explizit wiederfinden, sich aber dennoch angesprochen fühlen, gebeten, dies zu verzeihen. Eine noch ausführlichere Aufzählung von 20 Disziplinen findet sich bei Karl und Zank (2002) mit dem Fokus auf Sozialer Gerontologie.

Das Ergebnis des Bezugs auf verschiedene «Primärdisziplinen» ist eine Differenzierung innerhalb der Gerontologie. Beispielsweise beschäftigt sich die Soziale Gerontologie vornehmlich mit sozialen Altersfragestellungen (z.B.: Über welche sozialen Beziehungsnetze verfügen ältere Menschen? Wie gelingt soziale Partizipation trotz körperlicher und kognitiver Einschränkungen? Welche Auswirkungen haben sozialpolitische Entscheidungen auf die Lebenslagen älterer Menschen?). Die Gerontotechnologie hingegen beschäftigt sich mit technikgestützten Hilfsmitteln (z.B.: Wie muss seniorengerechte Haushaltstechnik gestaltet sein, damit sie zu größtmöglicher Selbstständigkeit der Lebensführung beiträgt? Welchen Beitrag kann die Beteiligung Älterer in Social Media zur ihrem Wohlbefinden und ihrer Partizipation leisten? Wie und unter welchen Bedingungen beeinflussen technische Hilfsmittel in der Pflege die Lebensqualität der Pflegebedürftigen positiv?). Und die Psychologische Gerontologie oder Gerontopsychologie (auch in der Anwendung der Begrifflichkeiten herrscht keine Einheitlichkeit!) legt ihren Schwerpunkt auf die Anteile des Erlebens und Verhaltens älterer Menschen, die mit dem Alterungsprozess in Beziehung stehen und fragt nach deren Beeinflussbarkeit (z.B.: Wie lassen sich Unterschiede im subjektiven Wohlbefinden trotz objektiv gegebener Einschränkungen erklären? Welche innerpsychischen Prozesse sind für ein gelingendes Altern von Bedeutung? Wie verändert sich die kognitive Leistungsfähigkeit im Lauf des Lebens und welches sind ihre Einflussfaktoren?).

Etwas spezieller verhält es sich mit den medizinischen Disziplinen der Geriatrie (Altersmedizin, -heilkunde) und Gerontopsychiatrie (Alterspsychiatrie). Eine Taxonomie, die das Verhältnis von Geriatrie, Gerontopsychiatrie und Gerontologie in allgemein anerkannter Weise klärt, gibt es bis heute noch nicht. Je nach Quelle zeigt sich die Gerontologie einmal als «Dach», unter dem die beiden anderen als Spezialgebiete rangieren (vgl. Höpflinger, 2012) oder als drei unabhängige Disziplinen. Alle drei Fachgebiete haben eine eigene Fachgesellschaft, die unabhängig, aber kooperativ zusammenarbeiten und sich meist als «Schwestergesellschaften» verstehen. Im deutschsprachigen Raum sind dies:

Schweiz: Schweizerische Gesellschaft für Gerontologie (SGG SSG), www.sgg-ssg.ch; Schweizerische Fachgesellschaft für Geriatrie, www.sfgp.ch (SFGP SPSG); Schweizerische Gesellschaft für Alterspsychiatrie (SGAP SPPA), www.sgap-sppa.chDeutschland: Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG), www.dggg.de; Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG), www.dgggeriatrie.de; Deutsche Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie (DGGPP), www.dggpp.deÖsterreich: Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGGG), www.geriatrie-online.at; Österreichische Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie, www.alterspsychiatrie.atInternational: International Association of Gerontology and Geriatrics (IAGG), www.iagg.org; Gerontological Society of America (GSA), www.gsa.org.

2.3.2 Interdisziplinäre Tätigkeitsfelder der Gerontologie

So vielfältig wie ihre Bezugsdisziplinen, so komplex wie die Lebenslagen im Alter, so facettenreich sind die Tätigkeitsfelder in der Altersarbeit. Viele – um nicht zu sagen fast alle – Themen und Fragestellungen befinden sich in Berührungsbereichen oder haben mehr oder weniger große Schnittmengen mit verschiedenen Disziplinen bzw. befinden sich an disziplinären Grenzen. Gerontologinnen und Gerontologen beschäftigen sich nicht nur mit der Lebensphase des Alters, sondern insbesondere auch mit den Voraussetzungen für eine optimale lebenslange Entwicklung sowie den zentralen Bedingungen für ein zufriedenes, gesundes und gutes Altern (z.B. Leben mit Demenz, Nutzung der Potenziale älterer Arbeitnehmender, Integration älterer Migrantinnen und Migranten, Wohnsituationen älterer behinderter Menschen). Ziel ist es, Grundlagen zur Optimierung sowohl kommunaler als auch nationaler Altenarbeit (z.B. Altersbeauftragte in Gemeinden, Mitarbeit bei nationalen Strategien wie zu Palliative Care oder Demenz in der Schweiz, dem Altersbericht der Bundesregierung in Deutschland, dem Bundesplan für Seniorinnen und Senioren in Österreich) zu schaffen. Zusätzlich sind sie engagiert in der Konzeption, Planung und Gestaltung bestmöglicher Rahmenbedingungen für Altersarbeit sowie der Entwicklung und Verbesserung rechtlicher, finanzieller und organisatorischer Aufgaben in diesem Zusammenhang. Sie sind grundsätzlich eigenverantwortlich tätig, arbeiten jedoch meist in einem interdisziplinären Team oder mit Vertretern unterschiedlicher Disziplinen bzw. mit Multiplikatoren, was neben ihrem gerontologischen Fachwissen auch soziale und kommunikative Kernkompetenzen erfordert.

Gesellschaftliche Herausforderungen wie die stetig ansteigende Lebenserwartung zu bewältigen und der Komplexität des Gegenstandsbereichs Alter und Altern gerecht zu werden, ist und wird auch zukünftig ohne eine solche interdisziplinäre oder gar transdisziplinäre Kooperation nicht sinnvoll möglich sein.

Definition – Transdisziplinarität

Unter Transdisziplinarität versteht man das Überschreiten vorgegebener fachlicher oder institutioneller Grenzziehungen sowie das Bestreben, verschiedene disziplinäre Denkmuster weitergehend zu integrieren. Ziel ist, der Komplexität der Lebenswelt angemessener begegnen zu können als mit ausschließlich disziplinären Ansätzen. Es werden Frage- oder Problemstellungen thematisiert, die nicht von disziplinärer Ordnung und Spezialisierung geleitet sind. Transdisziplinarität ist weniger als Theorie oder Methode zu verstehen, sondern eher als ein Arbeits- und Organisations- bzw. Forschungsprinzip. Dabei geht transdisziplinäres Arbeiten noch einen Schritt zur Integration der Disziplinen weiter als Interdisziplinarität und versucht sich auch in der Theoriebildung. Damit ließe sich argumentieren, dass Gerontologie wohl eher eine trans- als interdisziplinäre Ausrichtung habe. Doch obwohl der Begriff jüngst an Popularität gewonnen hat, wird er nicht allgemeinverbindlich genutzt, so dass sich bis heute noch keine einheitliche Definition von Transdisziplinarität durchgesetzt hat (vgl. Bogner et al., 2010; Brenauer et al., 2010). Daher wird hier im Sinne einer verbindlichen und disziplinübergreifenden und auf Integration von Theorien und Methoden abzielenden Kooperation in Praxis und Forschung weiterhin von Interdisziplinarität gesprochen.

Aus gerontologischer Perspektive ist somit jeglicher Arbeitsbereich von Gerontologinnen und Gerontologen interdisziplinär zu verstehen. Zu den wichtigsten gerontologischen Tätigkeits- und Aufgabenfeldern können gezählt werden:

Leitungsfunktionen in verschiedenen Bereichen der Altenhilfe (z.B. Abteilungs-, Bereichs- oder Einrichtungsleitung)Forschung an Universitäten, Hochschulen oder privaten Einrichtungenplanende, beratende, organisierende und verwaltende Aufgaben in der ambulanten und stationären Altenhilfe und LangzeitpflegeBildungsarbeit im Bereich der Senioren- und ErwachsenenbildungEntwicklung von Marketing- und Werbestrategien für die Zielgruppe der Senioren in entsprechenden Unternehmen(unterstützende) Planungen im Bereich der Architektur (z.B. bei Wohnungsanpassungen oder dem Bau von Langzeitpflegeeinrichtungen)Diagnostik und rehabilitative Mitarbeit im Bereich der Pflege und BetreuungAufgaben in der öffentlichen Planung von Altenhilfe, Sozialplanung und -verwaltungin der Personalarbeit in Unternehmen zu Fragen der altersgemischten Teams, dynamischen Laufbahnplanung oder Pensionierungsvorbereitungin den Medien als Redakteurin/Redakteur für Alters- bzw. Seniorenthemen.

Diese Aufzählung zeigt zumindest einen Großteil möglicher Arbeitsbereiche, in denen jedoch gerontologisches Fachwissen allein noch nicht ausreicht, sondern immer auch Kooperation mit und damit Fachwissen aus anderen Disziplinen benötigt wird. Vor allem im Schnittbereich der beiden Disziplinen Soziale Arbeit und Pflege finden sich interdisziplinäre Fragestellungen, bei denen gerontologisches Fachwissen bedeutend ist. Dies ist vor allem bei Tätigkeiten in Institutionen des Gesundheitswesens (z.B. Krankenhaus oder Langzeitpflegeeinrichtungen) von Bedeutung, aber immer wichtiger werden auch Aufgaben in der Betreuung älterer Menschen in ihrem Zuhause oder im Bereich der öffentlichen Verwaltung (z.B. Altersbeauftrage in Gemeinden). Bereits heute lebt ein Großteil der älteren Menschen bis ins hohe Alter im häuslichen Umfeld. Da zukünftig das Primat der ambulanten/häuslichen Versorgung älterer Menschen noch stärker betont werden wird und gleichzeitig Langzeitinstitutionen sowie Institutionen der Akutversorgung immer mehr hochaltrige Klientel versorgen werden, wird sich der Bedarf an interdisziplinärer Zusammenarbeit von Sozialer Arbeit und Pflege mit und für ältere Menschen zukünftig noch verstärken. Dies gilt vor allem auch für Unterstützungsangebote in prekären Lebenslagen im Alter in (z.B. Armut, Behinderung, Inhaftierung, psychische Erkrankung). Insbesondere die Zunahme der Zahl demenziell erkrankter Menschen in der Akut- und Langzeitpflege kann aktuell als bedeutsamstes Merkmal der sich verändernden An- und Herausforderungen in der Betreuung älterer und hochaltriger Menschen sowie der Veränderung ihrer Merkmale gewertet werden. Dies bleibt nicht ohne Konsequenz für das Aufgabenprofil der Sozial- und Pflegeberufe. Auch das Feld der zivilgesellschaftlichen Engagements und der Arbeit mit Angehörigen wird – nicht zuletzt aufgrund des wachsenden Finanzdrucks – immer bedeutsamer. Hier sind neue, innovative Konzepte gefragt, die nur durch einen Blick über die eigenen disziplinären Grenzen und die wachsende integrative Kooperation aller Beteiligten entwickelt werden können. Die Arbeitsbereiche, in denen gerontologisches Fachwissen einen wichtigen Beitrag zu einer qualitätvollen Aufgabenausführung leisten kann, sind in stetem Wandel bzw. einer Erweiterung und Diversifizierung begriffen. Gerontologisches Fachwissen ist schon heute bei der Bewältigung vieler gesellschaftlicher Herausforderungen nicht mehr wegzudenken. Je mehr sich die Vielfalt der individuellen Bedürfnisse und Lebenslagen älterer Menschen aber wandelt, desto breiter und vielfältiger wird der Bedarf an gerontologischem Fachwissen werden.

2.3.3 Interdisziplinäre Herangehensweise

Wie nun die einzelnen wissenschaftlich oder praktisch Tätigen in der Gerontologie oder ihren Bezugswissenschaften ihre Perspektive der eigenen Disziplin und das gerontologische Fachwissen entwickeln und entsprechend argumentieren, ist sehr unterschiedlich. Karl und Zank (2002) beschreiben folgende Haltungen, die zwar beispielhaft für die Soziale Gerontologie formuliert sind, aber grundsätzlich auch allgemeiner gelten können:

Einige konzentrieren sich auf die Frage nach dem Blick der eigenen Disziplin auf das Alter(n) und dem Beitrag für eine Soziale Gerontologie.Weitere fragen überhaupt zunächst, was den Disziplincharakter des eigenen Wissenschaftsfeldes (das sich dabei selbst schon als multidisziplinär herausstellt) ausmacht, um erst danach einen disziplinär multidimensionalen Blick auf Altern und Alter zu richten.Andere stellen sich grundsätzlichen Fragen eher weniger; sie argumentieren mit einem problem- und praxisbezogenen «Versorgungsbedarf», der sich nun auch im Bereich des Alters zeige.Ähnlich ein weiterer Zugang, der pragmatisch von der zur Verfügung stehenden «Datenbasis» her den Beitrag für eine multi- und interdisziplinäre Gerontologie begründet.Andere diskutieren wieder disziplinär, sie nehmen die Gerontologie als eine eigenständige Nachbardisziplin wahr und fragen umgekehrt, warum das eigene Gegenstandsgebiet von «der» Gerontologie erst so spät entdeckt wird. (Ebd.: 11/12) [Hervorhebungen im Original]

Die Unterschiedlichkeit der Herangehensweisen, die meist nur implizit im täglichen Handeln erkennbar ist, macht deutlich, dass interdisziplinäres Arbeiten nicht ohne Herausforderungen ist.

Reflexion

Zu welchen Fragestellungen oder in welchen konkreten Situationen ist für Ihre Arbeit der Austausch oder die Kooperation mit Expertinnen und Experten anderer Disziplinen notwendig?Entspricht Ihre Arbeitsweise oder die in Ihrem Arbeitsumfeld eher der Multi-, der Inter- oder der Transdisziplinarität? Welche Kriterien können Ihnen bei dieser Bestimmung helfen?Welche Hürden oder Hindernisse für interdisziplinäre Kooperation sind denkbar? Welche Möglichkeiten des Umgangs mit diesen sehen Sie?

Interdisziplinarität kann aber nur dann entstehen, wenn alle Beteiligten offen und transparent im Dialog miteinander stehen, konstruktiv interagieren und dabei die unterschiedlichen Perspektiven ernst genommen und immer wieder im Bezug zur eigenen reflektiert werden. Interdisziplinäre Arbeitssituationen sind unter anderem auf Grund der Informationsfülle im Alltagsgeschäft sowie der sich oft gravierend unterscheidenden fachspezifischen Sprache, Begriffe und Definitionen nur schwer zu erreichen. In der Arbeit mit älteren und hochaltrigen Menschen sind sie jedoch (eigentlich) zentraler Bestandteil. Um das Aufeinandertreffen von Pflege und Sozialer Arbeit bei gemeinsamen Aufgaben nicht nur als seriell disziplinäre oder multidisziplinäre Aufgabe zu betrachten, sondern eine «echte» interdisziplinäre Zusammenarbeit entstehen zu lassen, kann gerontologisches Fachwissen eine gemeinsame (Sprach-)Grundlage darstellen. Es bedarf darüber hinaus aber auch der Fähigkeit aller Beteiligten, zu moderieren und in Assoziation und Vermittlung einen kritischen Dialog initiieren und fördern zu können. Damit wird deutlich, dass Interdisziplinarität immer auch eine kommunikative Kompetenz darstellt, die – will sie erfolgreich in der Praxis gelebt werden – Personen mit vertieften Kenntnissen und Handlungskompetenzen der beteiligten Disziplinen benötigt.

2.3.4 Herausforderungen interdisziplinärer Kooperation

Für interdisziplinäre Zusammenarbeit sind verschiedene Fähigkeiten und Kompetenzen zentrale Voraussetzung, um die disziplinären Grenzen tatsächlich überschreiten zu können. So hat zunächst jede Disziplin ihre eigenen und spezifischen Zugänge, Denkschulen, Theorien und Methoden, die auch im Verständnis bestimmter Begrifflichkeiten und in deren Verwendung zum Ausdruck kommt. Ein gemeinsames Verständnis kann jedoch nicht von heute auf morgen erreicht werden, sondern erfordert ein Stück gemeinsamen Weges (vgl. Perrig-Chiello/Arber, 2001). Dazu ist es notwendig, die oft bestehenden gegenseitigen Vorurteile der jeweils anderen Disziplin über Bord zu werfen und sich im Sinne der Sache (d.h. der Forschungsfrage, der individuellen Betreuungssituation, der Anliegen und Bedürfnisse der Angehörigen oder des älteren Menschen selbst) für die Kolleginnen und Kollegen und ihre Disziplin zu interessieren und sich auf einen Dialog einzulassen. Dies bezieht auch Aspekte der in den Pflege- und Sozialberufen unterschiedlichen Gewohnheiten und Formen im Umgang mit und in der Anerkennung von Hierarchien ein.

Gerontologie stellt spezifisches Wissen bereit, das in der Praxis verschiedener Disziplinen in der Altersarbeit von wachsender Relevanz ist und kann im Sinne einer «neutralen» Disziplin eine Vermittlerrolle einnehmen und eine gemeinsame (Verständnis-)Basis für das Entstehen wirklich interdisziplinärer Zusammenarbeit von Sozialer Arbeit und Pflege bieten. So kann eine Optimierung der Beratung, Betreuung und Pflege älterer und hochaltriger Menschen entstehen, die der nach wie vor wachsenden Komplexität der Aufgabengebiete und damit den älteren und hochaltrigen Menschen und ihren Bedürfnissen besser gerecht werden kann.

2.4 Schlussfolgerung

Gerontologisches Fachwissen muss als unentbehrlich für ein ganzheitliches Verständnis der Alternsprozesse verstanden werden. Es kann als Voraussetzung für qualitativ gute Pflege und Soziale Arbeit gelten, ohne die eine konstruktive und klientenorientierte Altersarbeit im interdisziplinären Team nicht möglich ist. Der hohen Diversität und Komplexität von individuellen Lebenslagen im Alter steht bisher noch keine entsprechende Palette von Unterstützungs-, Beratungs- oder Begleitungsangeboten gegenüber. Hier sind Pflege und Soziale Arbeit zukünftig im Bereich der Schnittstellen sowie im Kanon der beteiligten Disziplinen der Versorgungskette für ältere Menschen in besonderer Weise gefordert. Gerontologisches Fachwissen bietet hier eine wichtige «disziplinneutrale» Grundlage zur Erweiterung des eigenen disziplinspezifischen Horizonts und zur disziplinübergreifenden Kommunikation. Die in diesem Kapitel sehr kurz und im Überblick skizzierten Merkmale der Gerontologie sowie der Argumentation bezüglich der Notwendigkeit interdisziplinärer wissenschaftlicher wie praktischer Tätigkeit sollen ein erstes Verständnis für gerontologische Fragestellungen schaffen und bereiten damit den Boden für die kommenden, inhaltlich auf die Pflege und Soziale Arbeit fokussierenden Teile des vorliegenden Buches.

2.5 Literatur

Baltes P.B., Baltes M. (1992). Gerontologie: Begriff, Herausforderung und Brennpunkte. In: Baltes P.B., Mittelstrass J. (Hrsg.). Zukunft des Alterns und gesellschaftliche Entwicklung. Berlin: Walter de Gruyter, 1–34.

Bogner A., Kastenhofer K., Torgersen H. (2010). Inter- und Transdisziplinarität im Wandel? Neue Perspektiven auf problemorientierte Forschung und Politikberatung. Baden-Baden: Nomos.

Breinhauer I.M. et al. (2010). Transdisziplinäre Alter(n)sstudien. Gegenstände und Methoden. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Höpflinger F. (2012). Gerontologie – Definition und Entwicklung im Blick auf den gesellschaftlichen Fortschritt. www.hoepflinger.com/fhtop/fhalter1O.html, [18.12.2013].

Jansen B., Karl F., Radebold H., Schmitz-Scherzer R. (1999). Soziale Gerontologie. Ein Handbuch für Lehre und Praxis. Weinheim: Beltz.

Karl F., Zank S. (2002). Zum Profil der Gerontologie. Beiträge aus den Tagungen der Gesellschaft für sozial- und verhaltenswissenschaftliche Gerontologie in der DGGG 2000–2002.

Kassler Gerontologische Schriften, Band 30. Kassel: Universität. www.soziale-gerontologie.de/publikationen/kasselergschriften/Bd%2030%202%20Aufl%20GESAMTER%20InnenTEXT.pdf, [05.12.2013].

Lehr U. (2007). Psychologie des Alterns. 11., neu bearb. Auflage. Wiebelsheim: Quelle und Meyer.

Martin M., Kliegel M. (2010). Psychologische Grundlagen der Gerontologie, 3. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer.

Perrig-Chiello P., Arber W. (2001). Interdisziplinäres Lehren und Lernen – zwischen akademischem Anspruch und gesellschaftlichem Bedürfnis. Sion: IUKB.

Wahl H.-W., Heyl V. (2004). Gerontologie – Einführung und Geschichte. Stuttgart: Kohlhammer.

Teil 1Theoretische Grundlagen

Im ersten Teil des Buches wird ausgehend von gerontologischen Theorien des Alters und des Alterns (Kap. 3) die theoretische Verortung der beiden Disziplinen Pflege (Kap. 4) und Soziale Arbeit (Kap. 5) vorgenommen. Dies jeweils auf der Grundlage und im Verständnis der Gerontologie als interdisziplinäre Wissenschaft, die als Hintergrundfolie dient und in den beiden zentralen Tätigkeitsfeldern der Altersarbeit zunehmend an Bedeutung gewinnt.

3 Theorien des Alters und des Alterns

Stefanie Klott

Zusammenfassung

In diesem Kapitel werden zentrale gerontologische Theorien und ihre Bedeutung für das Verständnis der diversen Lebenssituationen im Alter vorgestellt. Sie werden in einem ersten Schritt sehen, wie es um den Status Quo der Theorien in der Gerontologie bestellt ist (eher schlecht) und einige Alter(n)stheorien ausführlicher kennenlernen. In chronologischer Weise lernen Sie in einem zweiten Schritt zunächst die prägenden «Klassiker» der Gerontologie, deren Kernaussagen und Hintergründe kennen, so dass Sie in der Lage sind, deren Relevanz und Schwachpunkte kritisch zu reflektieren. Anhand konkreter Fallbeispiele üben Sie, Theorien als «Brillen» oder «Scheinwerfer» zu begreifen, die Ihnen dabei helfen, (Alter[n]s-)Phänomene wahrzunehmen, zu erklären, vorherzusagen und – tatsächlich ganz praktisch – Ihre professionellen Handlungen und Interventionen auf deren Basis zu begründen.

Nach den «Klassikern» wenden wir uns dem Beitrag unterschiedlicher Disziplinen zur gerontologischen Theorieentwicklung zu (konkret: Psychologie, Soziologie, Pflegewissenschaft, Soziale Arbeit) und werfen dabei auch einen Blick auf Theorien «abseits des Mainstreams». Dabei entwickeln Sie vor allem eine eigene Positionierung hinsichtlich des «Nutzens» von Theorien und sind in der Lage, aktuelle Diskussionen, Forschungsergebnisse und Ansätze mit gerontologischem Hintergrund auch theoretisch einzuordnen.

Lernziele:

Die wesentlichen gerontologischen Theorien kennen und kritisch diskutieren können.Das eigene professionelle Handeln auf gerontologischer Basis reflektieren können.Die eigene Positionierung darstellen und aktuelle Diskurse theoretisch verorten können.

3.1 Einführung

«Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie.» (Kurt Lewin)

Theorie: Kaum einem Begriff gelingt es in Seminaren, Vorlesungen, in Fort- und Weiterbildungsangeboten unter Studierenden und «Praktikern» so schnell, ein müdes Gähnen und den Wunsch nach «mehr Praxis!», «mehr «Handlungsorientierung!» hervorzurufen. Für viele, das stellen auch Rauschenbach und Züchner (2005: 139) fest, ist der Begriff Theorie «der Inbegriff lebensferner Wissenschaft», «begriffliche Abstraktion in einer formalisierten, fremden Sprache», «eine Art Geheimcode» unter Wissenschaftlern oder gar ein «Machtmittel von ProfessorInnen». Vern Bengtson, bedeutender zeitgenössischer Gerontologe und begeisterter Theoretiker, findet bei seinen Studierenden die Einstellung vor, Theorien seien respekteinflößende Sammlungen abstrakter Ideen, zu denen nur schwer Zugang zu finden sei: Dies bedürfe der «monk-like contemplation of ancient texts» (Bengtson, 2006: 5). Andere Studierende zeigen sich überzeugt, Theorien seien «obskure Argumentationslinien – erdacht von längst verstorbenen Personen, deren Namen es sich einzuprägen gilt, um möglichst belesen zu wirken» (Bengtson et al., 2009: 5).

Reflexion

Welche Einstellungen gegenüber Theorien sind Ihnen auf Ihrem bisherigen beruflichen und studentischen Lebensweg begegnet? Wie würden Sie Ihre eigene Haltung beschreiben? Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen theoriegeleitetem Handeln und Ihrer eigenen disziplinären Professionalität?

Was genau kann überhaupt unter einer wissenschaftlichen «Theorie» verstanden werden? Welche zentralen Aussagen werden in den so genannten «Alternstheorien» getroffen? Welche Bedeutung haben diese Theorien für die Praxis? Diese und weitere Fragen werden im Folgenden thematisiert und geklärt.

3.2 Theorien – eine erste Annäherung

3.2.1 Über Sinn und Nutzen von Theorien

Martin und Kliegel (2010) begreifen Theorie in ihrer zu empfehlenden Einführung in Psychologische Grundlagen der Gerontologie im gerontologischen Sinne als «ein geordnetes Aussagesystem, das der Erklärung von Beziehungen zwischen aufgezeigten und/oder angenommenen Regelhaftigkeiten innerhalb eines bestimmten umschriebenen Bereichs der Realität, d.h. hier der Phänomene des Alters und Alterns dient» (ebd.: 39).

Eine Theorie ermöglicht es somit, Ereignisse innerhalb eines bestimmten Wirklichkeitsbereichs zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren. Sir Karl Popper (2005), Philosoph und Wissenschaftstheoretiker, vergleicht diesen Vorgang mit dem Auswerfen eines Netzes:

«Eine Theorie ist das Netz, das wir auswerfen, um die Welt einzufangen – sie zu rationalisieren, zu erklären und zu beherrschen. Wir arbeiten daran, die Maschen des Netzes immer enger zu machen.» (Ebd.: 3)

Wie wir bereits gesehen haben, sieht sich Bengtson (2006) mit eindeutigen Vorurteilen seiner Studierenden gegenüber Theorien konfrontiert. Infolgedessen bemüht er sich, den Begriff Theorie zu «entmystifizieren» und definiert ihn recht einfach als den «Versuch zu erklären» («attempt to explain»; ebd.: 5). Fragen, die sich die Gerontologie stellt, sind beispielsweise: Warum altert der Mensch so, wie er altert? Welche Gesetzmäßigkeiten lassen sich feststellen (vgl. Lehr, 2006: 19)? Wie kann es sein, dass manche Menschen mit 90 aktiv und vital sind, während andere bereits mit 60 Jahren gebrechlich werden? Wie ist diese Unterschiedlichkeit im Altern zu erklären? Weshalb gelingt es manchen älteren Menschen, kognitive Aufgaben genauso gut oder gar besser als jüngere zu erfüllen, während andere von signifikanten kognitiven Defiziten gekennzeichnet sind? Gibt es ein Geheimnis, das den Verlust des Gedächtnisses verhindern kann? Wie hilfreich ist es, aktiv zu bleiben? Einige ältere Menschen erscheinen emotional sehr zufrieden mit ihrem Leben, obwohl sie signifikante Verluste erlebt haben – wie gelingt ihnen das (vgl. Bengtson et al., 2009: 3)?

Allen gemeinsam ist die Tatsache, dass die Antworten auf Fragen nach dem «Warum» und «Wieso» Erklärungen benötigen, «attempts to explain», folglich: Theorien. Diese …

«[…] helfen in systematischer und kumulierender Weise, Wissen und Verstehen aufzubauen, damit empirische Anstrengungen zu einer Integration mit dem führen, was man bereits weiß, sowie mit dem, was noch gelernt werden muss». (Bengtson et al., 1996: 5)

Gute Theorien leisten für die genannten Autoren Folgendes [übersetzt durch die Autorin]:

Die Integration und Erweiterung von Wissen: Verknüpfung von empirischen Einzelbefunden zu Aussagen, die Verbindungen zwischen unabhängig von einander gemachten Beobachtungen, verschiedenen Variablen und unterschiedlichen theoretischen Konstrukten beschreiben.Die Erklärung des Wissens: Das «wie» und «warum» von Phänomenen wird dargestellt – nicht nur deren Beschreibung, sondern auch Vorgeschichte und Konsequenzen.Prognosen über bisher Unbekanntes und Unbeobachtetes.Interventionen zur Verbesserung menschlicher Bedingungen: Theorie zeigt ihre Nützlichkeit, wenn wir versuchen, bestehendes Wissen anzuwenden und weiterzuentwickeln, um Probleme zu lösen oder unerwünschte Bedingungen zu mildern. Der Wert von Interventionen ist auch abhängig von ihrer Theoriegeleitetheit: «Wie will man ein Problem lösen, das man nicht versteht?» – «If you don’t understand the problem, how can you fix it?» (Bengtson et al., 1999: 7).

Es zeigt sich, dass tatsächlich nichts so praktisch ist wie eine gute Theorie. Stimmen die Erklärungsmodelle nicht, so sind Forschungen, Interventionen oder politische Maßnahmen zum Scheitern verurteilt, ihre Ziele werden nicht erreicht. Handlungen könnten ohne Theorien nicht bewertet werden, die Zusammenhänge von einzelnen Aspekten sind nicht nachvollziehbar.

3.2.2 Der Status quo

Angesichts dieser vorangestellten Überlegungen zur Relevanz von (gerontologischen) Theorien kann es durchaus erschreckend sein, die wissenschaftliche Realität und gerontologische Forschung einmal genauer zu betrachten. Sie wird von James Birren, einem der weltweit anerkanntesten Gerontologen (vgl. z.B. 1999) als «data-rich and theory-poor» bzw. «data-rich and explanation-poor» beschrieben.

Die Forscher seien, so Bengtson (1997: 72) lange Zeit schnell darin gewesen, Fakten und Daten zu erheben, jedoch eher langsam bezüglich deren Integration in einen größeren, theoretischen Erklärungszusammenhang. Das Ergebnis sind «Datenfriedhöfe» (Wahl/Heyl, 2004: 126).

Belegt werden können diese Aussagen durch eine von Bengtson selbst durchgeführte Untersuchung, und zwar einen Review von Artikeln, die zwischen 1990 und 1994 in acht großen gerontologischen amerikanischen Zeitschriften erschienen sind. Er stellte fest, dass nur 27% der 645 veröffentlichten Zeitschriftenartikel eine Theorie erwähnten oder sich auf eine Theorie bezogen, um ihre empirischen Ergebnisse zu interpretieren oder zu erklären (Bengtson, 1997: 73).

Boßle untersuchte 2008 die deutschsprachige Entwicklung dahingehend, welche thematischen und theoretischen Schwerpunktsetzungen in den sozialwissenschaftlichen Beiträgen der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie in den Jahren 1994 bis 2007 vorgenommen wurden. Von den analysierten sozialwissenschaftlichen Artikeln zeigten sich nur 29% theorie-explizierend, was dem Ergebnis Bengtsons beinahe identisch entspricht.

Alley et al. (2010) aktualisierten Bengtsons Untersuchung. In derselben Form des systematischen Reviews der acht großen Zeitschriften analysierten die Forscher nun, welche Theorien und Modelle zwischen 2000 und 2004 in einschlägigen Artikeln hinzugezogen wurden. Diesen Zeitraum konnten sie dann mit den bereits erhobenen Jahrgängen 1990 bis 1994 vergleichen. Wieder fragten sie danach, wie oft eine theoretische Fundierung zu finden sei – und welche Theorien dabei am häufigsten sind.

Im aktuellen Zeitraum konnten die Forscher in 39% der veröffentlichten Artikel Hinweise auf Theorien finden, was einer Zunahme um 12% entspricht. Am häufigsten wurden dabei erwähnt:

«life-course perspective» (Lebenslaufperspektive)«live-span developmental theories» (Entwicklungstheorien der Lebensspanne)«role theories» (Theorien über die verschiedenen Rollen, die eine Person innehaben kann, z.B. Kollegin, Großvater, Ehepartner)«exchange theories» (Theorien über den Austausch, z.B. von Hilfe und emotionaler Unterstützung zwischen Personen)«person-environment theory» (Theorie über die Beziehung von Person und ihrer Umwelt).

Bei aller Euphorie über diesen Zuwachs – mehr als die Hälfte der relevanten Artikel zeigte weiterhin keinerlei Theoriebezug:

«Theory use in social gerontology increased between 1990 and 2004, with a shift toward theories that cross disciplines. However, the majority of research in social gerontology continues to be atheoretical.» (Alley et al., 2010)

Dabei stellt sich die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die Realität theoriefrei zu betrachten: Liegt nicht jeder Intervention, jeder Forschungsarbeit unvermeidbar eine «implizite theoretische Richtschnur» zugrunde (vgl. Wahl/Heyl, 2004: 126)? Ob wir uns dessen jedes Mal bewusst sind, wenn wir nach Erklärungen für unsere Erfahrungen und Beobachtungen suchen oder auch nicht, entwickeln wir selbst unsere eigenen subjektiven Theorien. Sich diese Vorannahmen bewusst zu machen, ist eine wichtige Grundlage professioneller Arbeit, sowohl im praktischen als auch im forschenden Bereich, sowohl in der Gerontologie selbst als auch in der Sozialen Arbeit und in der Pflege.

Zur Veranschaulichung beschreibt Bengtson (2009: 5) seinen Studierenden Theorien als «Linsen», die es erlauben, die Welt schärfer zu sehen. Durch die Wahl unterschiedlicher Linsen können jeweils andere Objekte in den Blick genommen werden bzw. das gleiche Objekt erscheint aus dem Blick verschiedener Theorien jeweils anders. Gerade für die Betrachtung der komplexen Aspekte von Alter und Altern sind Linsen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen notwendig, um zu einem möglichst umfänglichen Verständnis der Lebenssituation älterer Menschen zu gelangen. Im Weiteren ist es aber auch entscheidend, dass in der Kooperation zwischen den verschiedenen beteiligten Disziplinen gegenseitiges Verständnis für die jeweilige disziplinspezifische Perspektive herrscht. Nur so können Professionelle zum Wohle der älteren Menschen zusammenarbeiten.

Eine sehr schöne Metapher hierfür wählen Martin und Kliegel (2010). Sie sehen Theorie als …

«[…] Scheinwerfer, der mehr oder weniger breite Wirklichkeitsbereiche ausleuchten hilft und dort zu einer genauen Beobachtung, Beschreibung, Erklärung oder Vorhersage von Aspekten des Interessensgebiets […] führt» (Ebd.: 40).

Diese Definition soll die Grundlage für die folgende Betrachtung möglicher «Linsen» bzw. «Scheinwerfer» sein, von denen zunächst die «Klassiker» dargestellt werden.

3.3 Theorien in der Gerontologie – die Klassiker

Die «Klassiker» der Gerontologie prägen seit vielen Jahren und bis heute (!) das Denken und Handeln in Theorie und Praxis, sie finden sich in den einschlägigen Fachbüchern und gelten als gerontologisches Grundlagenwissen.

3.3.1 Vom Defizitmodell zur Theorie des erfolgreichen Alterns

Bis vor wenigen Jahrzehnten beherrschte eine Vorstellung der kognitiven Entwicklung die gerontologische Diskussion, die heute als Stereotyp des Defizitmodells (auch: Maturitäts-Degenerations-Hypothese) bezeichnet wird. Dieses ging davon aus, dass verschiedene Fähigkeiten und Fertigkeiten (z.B. Gedächtnisleistungen, Urteilsfähigkeit, Intelligenz) ihren Höhepunkt im frühen Erwachsenenalter (25.–30. Lebensjahr) erreichen, um dann, biologisch vorherbestimmt, einem kontinuierlichem Leistungsabfall zu unterliegen. Dieses Bild des Alters und Alterns war geprägt von der Einstellung, dass zeitabhängige, irreversible und vorhersehbare Veränderungen im Organismus stattfinden, die in einem fortschreitenden Funktionsverlust bestehen und letztendlich zum Tode führen (vgl. Lehr, 2007: 47 oder Oswald, 2000: 110). Altwerden und Altsein galten als eine Art defizitärer Sonderstatus, ähnlich einer Krankheit. Das vom Defizitmodell propagierte «Schreckensbild des Alterns» erwies sich als «eine der hartnäckigsten und verbreitetsten gerontologischen Mythen» (Schäuble, 1995: 44) und prägte als implizite oder explizite Grundannahme zahlreiche der ersten Altersstudien. Dabei betrifft der angenommene Abbau nicht nur kognitive Funktionen, sondern auch Körperkraft, Rollenverluste, Aktivität, Ich-Stärke etc.

Als Defektmodell geht es mechanisch davon aus, dass der Mensch im Laufe des Alterns immer mehr Defekte aufweist, die bestenfalls «repariert» werden können (vgl. Olbrich, 1987: 319).

Etwas breiter gedacht zeigte sich das Disuse-Modell. Es nimmt an, dass durch Training und Übung Funktionen erhalten werden können und der drohende Abbau verzögert werden kann. Je geringer der Gebrauch von Funktionen, desto höher der Leistungsabfall im Alter. Beide Modelle sind orientiert an den Verhaltensnormen und Leistungen des mittleren Erwachsenenalters und bilden noch heute die Grundlage für Trainingsansätze im Alter.

Fallbeispiel zur Reflektion

Frau Rosenbaum (82 Jahre) besucht ihren Hausarzt. Seit einigen Jahren nehmen ihre Beschwerden zu: Die Sehkraft lässt nach, die Arthrose erschwert das Treppensteigen, nun wurde auch noch Diabetes diagnostiziert und ihr Kurzzeitgedächtnis lässt sie immer öfter im Stich. «Es geht bergab», seufzt sie. Wie kann sich ihr Arzt die vorliegenden Symptome erklären? Nach dem Defizitmodell …? Dem Defektmodell …? Dem Disuse-Modell …? Und welche Auswirkungen hat dies wohl auf die von ihm gewählte Therapie?

Ansätze, die überwiegend Defizite betonten, blieben meist auf einer rein deskriptiven Ebene. Als eine Art «Gegenkonzeption» zu ihnen können die folgenden Theorien zum erfolgreichen Altern gesehen werden. Das «Committee of Human Development» der Universität von Chicago, ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Psychologen, Pädagogen und Soziologen, sah das normativ-programmatische Ziel gerontologischer Forschung darin, den Menschen im Alter ein besseres, nicht defizitäres, sondern erfolgreiches Leben zu ermöglichen (vgl. Martin/Kliegel, 2005: 57).

Die Leitbegriffe befinden sich hier im Wandel – analog zu vorherrschenden gesellschaftlichen Altersbildern und Deutungsmustern. Lange Zeit wurde das Ziel des erfolgreichen Alterns benannt – inklusive der impliziten Normierung. Doch es stellen sich Fragen: Wer altert «un-erfolgreich»? Was heißt «scheitern» in diesem Kontext? Gebräuchlich war im Folgenden auch die Benennung als «konstruktives Altern», während heute eher die Sichtweise des «gelingenden» oder des «guten Alters» dominiert. Welche Assoziationen verbinden Sie mit den jeweiligen Begriffen?

Folgende Theorien wenden alle den Blick auf die Voraussetzungen dieses «successful aging», das heißt, sie suchen nach der bestmöglichen Art und Weise, auf alterstypische und -spezifische Herausforderungen zu reagieren, nach den bestmöglichen Prozessen, um die Ziele «Lebenszufriedenheit» und «Wohlbefinden» zu erreichen. Weiterhin haben sie die Annahme gemein, dass der Übergang ins hohe Alter eine Instabilisierung der inneren und äußeren Situation auslöst und dass ein «innerer Zustand der Zufriedenheit und des Glücks» (zit. n. Lehr, 2007: 56) der Indikator für eine gelungene Anpassung an den Alternsprozess ist. Trotz dieser Gemeinsamkeiten könnten die Antworten, die die Theorien zur Verfügung stellen, gegensätzlicher nicht sein.

3.3.2 Disengagement-Theorie

Die Kernaussage der Rückzugstheorie besagt, dass sowohl die älteren Menschen selbst als auch die Gesellschaft eine Ausgliederung der Älteren aus dem aktiven gesellschaftlichen Leben (Erwerbsarbeit, Politik, Öffentlichkeit) anstreben. So können die Pensionäre sich ins Privatleben zurückziehen und den Ruhestand genießen, zur Ruhe kommen, sich besinnen und sich langsam aus dem Leben verabschieden, während die Jüngeren die Leitung der Gesellschaft übernehmen. Ihren Ursprung hat die Disengagement-Theorie in einer Vorauswertung der Kansas-City-Studie, die 1955 begonnen wurde und zu «nicht ganz nachzuvollziehenden Postulaten» führte (Lehr, 2007: 59). Cumming und Henry (1961) bezweifeln, dass es zur Zufriedenheit des älteren Menschen beitrage, gebraucht zu werden – «successful aging» korreliert ihrer Meinung nach mit Rückzug und dem Finden eines neuen Gleichgewichts bzw. Ruhezustands («equilibrium»):

«In our theory, aging is an inevitable mutual withdrawal or disengagement, resulting in decreased interaction between the aging person and others in the social systems he belongs to. […] When the aging process is complete, the equilibrium which existed in middle life between the individual and his society has given way to a new equilibrium characterized by a greater distance and an altered type of relationship.» (Cumming/Henry, 1961: 14)

Disengagement sei also ein unvermeidlicher und universeller Prozess, in dem viele Beziehungen zwischen Personen und Mitgliedern gelöst werden und die verbleibenden Beziehungen qualitative Veränderungen (z.B. Distanz) erfahren. Dieser Rückzug müsse nicht in allen sozialen Umwelten eines Individuums gleich stark ausfallen (vgl. auch Martin/Kliegel, 2005: 58).

Die Disengagement-Theorie wurde heftig kritisiert und empirisch auch bald wiederlegt. Sie stellt für Lehr (2007: 59) alle Ansätze praktischer Altenarbeit in Frage, schließlich behaupte sie, ältere Menschen seien gerade isoliert und zurückgezogen glücklich und zufrieden. Sylvia Kade warnt davor, dass eine Orientierung am Disengagement-Modell (in Verbindung mit der erläuterten Defizitperspektive) zu Abhängigkeit und Hilfebedürftigkeit der älteren Menschen beiträgt:

«Gemäß den Vorannahmen des Defizit- und Disengagement-Modells wird in Bildungs- wie Sozialmaßnahmen Betreuung angeboten und über den Kopf der Älteren hinweg entschieden, was für diese nützlich und dienlich ist. Dadurch verlieren Ältere auch noch die verfügbaren Restkräfte und -kompetenzen, nachdem ihnen die Verantwortung für die Lebensbewältigung abgenommen wird. Das Schwinden von Kräften im Alter ist nicht selten Folge der betreuenden Entmündigung und fürsorglichen Abschottung von den Lebenszwängen Jüngerer, nachdem sie in gesonderte Altenbereiche abgeschoben werden. Sie werden schließlich zu «abhängigen Alten», die ohne fremde Hilfe nicht auskommen können.» (Kade, 1994: 39)