Lehrbuch Osteopathie -  - E-Book

Lehrbuch Osteopathie E-Book

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Beschreibung

Das Lehrbuch bietet den Überblick über die allgemeinen Untersuchungs- und Behandlungsprinzipien der Osteopathie. Es vermittelt die medizinischen Grundlagen und die osteopathische Sichtweise zu parietaler, viszeraler und kraniosakraler Osteopathie. Das ist gerade für Einsteiger wesentlich. Die Komplexität der Osteopathie wird didaktisch übersichtlich aufbereitet. Lernende finden eine die Ausbildungsinhalte abdeckende und pragmatische Einführung in die Osteopathie. Ein Extrakapitel zu Faszien befasst sich mit den bindegewebigen Strukturen, die in der Osteopathie von großer Bedeutung sind. Das Lehrbuch liefert diagnostisches und therapeutisches Wissen, und osteopathische Zusammenhänge werden klar. Besonders ausgeprägt ist die Praxisrelevanz! Gut illustrierte Anleitungen beschreiben Tests und Techniken. Differenzialdiagnostische Überlegungen und viele anschauliche Fallbeispiele führen Sie an die osteopathische Arbeitsweise heran. Fragen zur Selbstüberprüfung stärken den Lernerfolg, und die Inhalte sind abgestimmt auf die Ausbildungsinhalte. Die Autoren kommen von verschiedenen Osteopathie-Instituten.

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EPUB

Seitenzahl: 1428

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Lehrbuch Osteopathie

Werner Langer, Eric Hebgen

René Assink, Wim Hermanns, Simone Huss, Raimond Igel, Albrecht K. Kaiser, Thomas Kuschel, Christian Lademann, Werner Langer, Andreas Maassen, Renate Mahler, Dorothea Metcalfe-Wiegand, Michael Bonacker, Ernst Meyer, Philippe Misslin, Kristin Peters, Gabi Prediger, Philipp Richter, Michaela Rütz, Roger Seider (✝), Johanna Slipek-Ragnitz, Angelika Strunk, Peter Verhaert, Arndt Bültmann, Dieter Burkhardt-Elbing, Uwe Conrad, Gert Groot Landeweer, Jürgen Gröbmüller, Jürgen Güttler, Eric Hebgen

2., überarbeitete und erweiterte Auflage

513 Abbildungen

Vorwort zur 2. Auflage

A. T. Still der Urvater der Osteopathie bezweckte mit seiner osteopathischen Denkweise eine ganzheitlichere Betrachtung des Patienten und eine andere therapeutische Vorgehensweise als die Medizin seiner Zeit. Die holistische Sichtweise und die vorrangig manuelle Herangehensweise sind auch heute noch die besonderen Merkmale der Osteopathie. Das Lehrbuch Osteopathie versucht, diese besonderen Merkmale widerzuspiegeln, indem es Grundlagen, Denkweise, Untersuchungs- und Behandlungstechniken sowie alltägliche Praxis in einem Werk vereint. Die 2. Auflage wurde noch einmal um ein besonderes Kapitel erweitert: die Beschreibung des „vegetativen Systems“. Vor allem das Verständnis und die evolutionäre Entwicklungsgeschichte, die Steuerung und Regulierung der vegetativen Vorgänge sollen dem Leser ganzheitliche Betrachtungsweisen erleichtern. Auch die „systemische“ Sicht der modernen Psychologie wird dadurch tangiert. Der 3. Teil des Buches, die „Angewandte Osteopathie“, wurde durch neue Fallbeispiele von zusätzlichen Autoren weiter aufgewertet und unterstreicht die Individualität und die Vielfalt der Osteopathiepraxis. Der osteopathische Beruf verlangt ein gewisses Maß an Grundkenntnissen, um ihn gewissenhaft und gut auszuüben. Dies gilt in besonderem Maße, da die Verantwortung in einem medizinischen Beruf (Heilkunde) sehr groß ist und Folgen eines „Kunstfehlers“ die Lebensqualität und sogar das Leben des Patienten betreffen können. Im Sinne von A. T. Still sind für den Osteopathen intensive Kenntnisse der Naturwissenschaften elementar. Er selbst verlangte, die Prozesse der Natur, des Lebens und der Evolution zu kennen und zu verstehen. Daher sind ein gründliches Studium des menschlichen Körpers in seiner Struktur und Funktion (Anatomie, Biomechanik und Physiologie) sowie der medizinischen Fächer Pathophysiologie und Pathologie unerlässlich für einen Osteopathen. Immer wichtiger für moderne Therapeuten wird zudem das Wissen über die Psychologie. Für den Osteopathen als ganzheitlichen Therapeuten ist es entscheidend, dass er den Einfluss der stetig steigenden Reize aus der Umwelt auf unsere Gesundheit erkennt, versteht und in seinen Untersuchungen und Behandlungen berücksichtigt. Ungenügende Ausbildung führt schnell zu Fehleinschätzungen, falschen Schlussfolgerungen und gefährlichen Therapien. Deshalb soll dieses Lehrbuch als Rahmen für die osteopathische Ausbildung dienen, es kann aber kein intensives Studium der Grundlagen der Physik, Chemie, Biologie sowie der medizinischen Fächer Anatomie, Physiologie und Pathologie und der Psychologie ersetzen. Auch gehört zur Osteopathie das jahrelange Training der Hände als wichtiges Instrument für die Untersuchung und Behandlung. Erst eine fundierte Osteopathieausbildung kann dies garantieren. Dann gewährt dieser tolle Beruf „Osteopath“ Patientensicherheit und Therapieerfolge.

St. Vith und Königswinter, im August 2017

Werner Langer

Eric Hebgen

Vorwort zur 1. Auflage

Wenn über wichtige Dinge diskutiert wird, die das Leben betreffen, werden handfeste Argumente gesucht. Spricht man über Umwelt und Klima, über Kernkraft oder auch Medizin, dann zieht man die Wissenschaft und Forschung heran, um den Argumenten Gewicht zu verleihen oder den Gegner mundtot zu machen.

In unserer medialisierten Welt wird das Qualitätsmerkmal „Wissenschaftlichkeit“ immer häufiger für Werbezwecke genutzt. Dabei werden Logik und Statistiken auch gelegentlich so „gebogen“, dass sie ein günstiges Bild abgeben.

Andrew Taylor Still, der als Begründer der Osteopathie bezeichnet wird, wollte die „Wahrheit“ finden. Er liebte die Weisheit, er erforschte das Leben, er war per definitionem ein Philosoph (Philosophie bedeutet: „Liebling der Weisheit“). Er wurde bis zu seinem Lebensende nicht müde aufzufordern, zu beweisen, was man sagt und tut – er war Forscher, Erfinder und Wissenschaftler. Eines seiner viel zitierten Prinzipien heißt Bewegung. Bewegung ist der deutlichste Ausdruck von Leben. Die Begriffe Leben und Bewegung versinnbildlichen ständige Veränderung. Diese ständige Veränderung ist die Anpassung des Lebens an die Umwelt und wird Evolution genannt.

Der Evolutionssprung zum Menschen erlaubt es diesem, seine Umwelt wahrzunehmen, sie zu analysieren und vielleicht sogar zu verstehen. Deshalb kann er sich Vergangenes und Zukünftiges vorstellen und Prognosen für die weitere Entwicklung andenken. Dies ist das Terrain der Forschung und der Wissenschaft. Das Ziel ist, zu erkennen, zu erklären und zu verstehen.

Seit jeher ist es das Bestreben der „Heilkunst“, der Medizin, das Leben zu erkennen, zu erklären und zu verstehen, um Gefahren vorzubeugen oder zu beseitigen, damit das Leben erhalten bleibt – das nennen wir Gesundheit. Die moderne Medizin hat hohe wissenschaftliche Standards entwickelt, um diagnostische und therapeutische Maßnahmen zu sichern und zu kontrollieren. Dies führt unbestritten zur hohen Qualität medizinischer Techniken.

Der Mensch lässt sich jedoch im Labor nicht zerlegen wie ein Roboter. Psyche, Emotionen und das, was die Philosophen seit Menschengedenken als die „Seele“ bezeichnen, können wir auch mit den höchst entwickelten wissenschaftlichen Geräten und Methoden nicht eindeutig erkennen, erklären und verstehen (beweisen). Das ist der Bereich, in dem wir nicht wissen – hier fangen wir an zu glauben. Entweder wir glauben an die Seele des Menschen, oder daran, dass es sie nicht gibt.

Auch die Heilkunst stößt immer wieder in diese Region vor. Die Beschäftigung mit Menschen, die um ihr Leben kämpfen, der Umgang mit Leben und Tod, führt den Therapeuten oft an die Grenze zwischen Wissen und Glauben. Deshalb wird die Heilkunst nie nur eine reine Wissenschaft sein können. Wenn wir das Leben, und besonders den Menschen, ganzheitlich betrachten wollen, müssen wir über die wissenschaftlichen Grenzen des Körperlichen hinausblicken und befinden uns im Bereich des Glaubens. Dies löst besondere Emotionen aus. Wenn der Glaube nämlich in Dogmen gepresst wird, befinden wir uns im Gebiet der Religionen.

Nun mögen die „Hardliner“ der Wissenschaft darauf verweisen, dass heute die Psychologie große Fortschritte in der Wissenschaftlichkeit macht, und dass wir durch technische Errungenschaften in der Lage sind, das Gehirn des Menschen immer besser zu verstehen. Es bedarf jedoch der Beantwortung viel weiter reichender Fragen nach dem Woher und Wohin und nach dem Sinn des Lebens, die uns noch lange glauben lassen werden.

Patienten sind Menschen, deren Leben gestört ist, sei es durch körperliche oder seelische Traumen verursacht. Beides kann den harmonischen Ablauf der physiologischen Prozesse im menschlichen Körper beeinflussen und beeinträchtigen. Die Symbiose im Menschen und zwischen Mensch und Umwelt kann gestört werden. Wir sprechen dann von Krankheit. Es gilt, Störungen zu beheben, um Harmonie und Gleichgewicht wiederherzustellen. Manchmal wird dabei Hilfe benötigt und diese Hilfe kann an vielen Hebeln ansetzen. Durch die Verbesserung der körpereigenen Strategien, durch Mobilitätssteigerung, Zur-Verfügung-Stellung neuer Ressourcen und durch Stimulationen und Konditionierung kann ein Therapeut diesen Prozess der Gesundung unterstützen.

Die Medizin ist seit jeher zwischen Kult und Kenntnis angesiedelt. Über die Wertmenge dieser beiden Faktoren in der heutigen Medizin lässt sich streiten. Dass aber beides seine Bedeutung für den Patienten hat, sollte jedem Mediziner und Therapeuten bewusst sein.

Die osteopathische Medizin will gerade diese ganzheitliche Sicht lehren. Sie basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Schulmedizin, und diese sind Grundlage für das Verständnis und die Behandlung des Patienten. Um aber den Patienten in seiner Ganzheitlichkeit zu erreichen, spielt die Kommunikation, sei sie verbal oder emotional oder über alle Sinne, eine besondere Rolle.

In diesem Buch haben wir versucht, die osteopathische Denkweise zu verdeutlichen, wie sie aus der Geschichte heraus zu erklären ist, und welche Bedürfnisse sie veranlasst haben. Auch kann der Leser sich mit den handfesten praktischen Techniken der Osteopathie vertraut machen. Diese sind aber nur Werkzeug für den Osteopathen und oft auch beliebig ersetzbar durch andere Werkzeuge, um den gesuchten Erfolg zu erreichen. Im letzten Teil des Buches findet sich ein ganz besonders interessantes Kapitel, das den osteopathischen Alltag zeigen soll. Anhand von Patientenbeispielen soll der Leser osteopathisches Denken nachempfinden können.

Bevor wir Ihnen nun viel Spaß beim Studium der Osteopathie wünschen, ist es uns ein großes Anliegen, allen zu danken, die an diesem Buch mitgearbeitet haben. Zuerst gilt es, denen zu danken, die nicht erwähnt werden, die Partnerinnen und Partner, die Familienangehörigen der Autoren, die uns viele Stunden entbehren mussten und viel Freizeit geopfert haben, damit dieses Werk entstehen konnte. Dann gilt der Dank den Autoren der verschiedenen Kapitel. Einige von ihnen haben die schwierige Aufgabe in Angriff genommen, die vielen Techniken der Untersuchung und Behandlung in dieses Buch zu integrieren. Andere haben einen unschätzbaren Beitrag geleistet, indem sie uns teilhaben lassen an ihrer osteopathischen Praxisarbeit.

Dass es am Ende so viele osteopathische Kolleginnen und Kollegen wurden, die zur Realisierung dieses Buches beigetragen haben, erfüllt uns mit Stolz. Auch besonders deswegen, weil dies über die osteopathischen „Parteigrenzen“ hinaus möglich war.

Die Entwicklung der Osteopathie ist noch nicht abgeschlossen, es gibt auch in Zukunft immer wieder neue Fälle zu beschreiben und neue Entwicklungen in ein Lehrbuch zu integrieren. Denn schließlich gilt auch hier der osteopathische Grundsatz: Leben ist Bewegung.

St. Vith und Königswinter, im August 2012

Werner Langer

Eric Hebgen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zur 2. Auflage

Vorwort zur 1. Auflage

Teil I Entstehung und Bedeutung der Osteopathie

1 Geschichte der Osteopathie

1.1 Die Begründer der Osteopathie

1.1.1 Andrew Taylor Still

1.1.2 John Martin Littlejohn

1.1.3 William Garner Sutherland

1.2 Chiropraktik versus Osteopathie – ein auf der Historie basierter Vergleich

1.2.1 Daniel David Palmer

1.2.2 Die manuelle Therapie in Europa

1.3 Die Osteopathie in Europa

1.3.1 The British School of Osteopathy

1.3.2 John Wernham

1.3.3 Frankreich

1.3.4 Kraniale Osteopathie

1.4 Literatur

2 Was ist Osteopathie?

2.1 Osteopathie ist Medizin

2.1.1 Was sagt Still?

2.1.2 Osteopathie heute

2.1.3 Erneuerungsbewegungen in der damaligen Medizinepoche

2.1.4 Erkenntnisse aus der Beobachtung der Natur

2.2 Osteopathie ist eine Philosophie

2.2.1 Die Prinzipien der Osteopathie

2.3 Osteopathie ist Wissenschaft

2.4 Osteopathie ist Therapie

2.5 Die Grenzen und Gefahren

2.6 Osteopathie: Ein Weg des Bewusstseins

2.7 Literatur

Teil II Grundwissen und Grundlagen der Osteopathie

3 Einleitung

4 Behandlungsprinzipien

4.1 Parietaler Bereich

4.1.1 Impulstechniken

4.1.2 Muskeltechniken

4.2 Faszien

4.2.1 Warum behandeln wir Faszien?

4.2.2 Behandlungsprinzipien in der faszialen Osteopathie

4.2.3 Drei Grundprinzipien für die Behandlung

4.2.4 Literatur

4.3 Viszeraler Bereich

4.3.1 Behandlungskonzepte in der Viszeralosteopathie

4.3.2 Behandlungsprinzipien

4.4 Kraniosakraler Bereich

4.4.1 Prinzipien der Therapie: Kompression/Dekompression, Fluid Drive, Cant Hook, Spread/Lift, Molding

4.4.2 Literatur

5 Parietale Osteopathie – Osteopathie des Bewegungsapparates

5.1 Wirbelsäule und Rumpfwand

5.1.1 Phylogenese und Embryologie

5.1.2 Anatomische Grundlagen

5.1.3 Osteopathische Techniken

5.2 Thorax/Rippen

5.2.1 Phylogenese und Embryologie

5.2.2 Anatomische Grundlagen

5.2.3 Osteopathische Techniken

5.3 Becken

5.3.1 Phylogenese und Embryologie

5.3.2 Anatomische Grundlagen

5.3.3 Osteopathische Techniken

5.4 Extremitäten – Obere Extremität

5.4.1 Allgemeine Einführung

5.4.2 Phylogenese und Embryologie

5.4.3 Schnelltest obere Extremität

5.4.4 Schultergürtel

5.4.5 Ellenbogen

5.4.6 Unterarm/Hand

5.5 Extremitäten – Untere Extremität

5.5.1 Allgemeine Einführung

5.5.2 Phylogenese und Embryologie

5.5.3 Hüftgelenk

5.5.4 Kniegelenk

5.5.5 Fibula

5.5.6 Fuß

5.6 Literatur

6 Viszerale Osteopathie – Osteopathie der Inneren Organe

6.1 Viszeralosteopathische Diagnostik der Organe

6.1.1 Viszeraler Dichtetest

6.1.2 Allgemeine Behandlungsprinzipien

6.2 Duodenum

6.2.1 Phylogenese und Embryologie

6.2.2 Postnatale Entwicklung

6.2.3 Anatomische Grundlagen

6.2.4 Physiologie

6.2.5 Osteopathische Techniken

6.3 Eileiter

6.3.1 Phylogenese und Embryologie

6.3.2 Anatomische Grundlagen

6.3.3 Physiologie

6.3.4 Osteopathische Techniken

6.4 Gallenblase

6.4.1 Phylogenese und Embryologie

6.4.2 Postnatale Entwicklung

6.4.3 Anatomische Grundlagen

6.4.4 Physiologie

6.4.5 Osteopathische Techniken

6.5 Harnblase

6.5.1 Phylogenese und Embryologie

6.5.2 Postnatale Entwicklung

6.5.3 Anatomische Grundlagen

6.5.4 Physiologie

6.5.5 Osteopathische Techniken

6.6 Herz

6.6.1 Phylogenese und Embryologie

6.6.2 Postnatale Entwicklung

6.6.3 Anatomische Grundlagen

6.6.4 Physiologie

6.6.5 Osteopathische Techniken

6.7 Jejunum und Ileum

6.7.1 Phylogenese und Embryologie

6.7.2 Postnatale Entwicklung

6.7.3 Anatomische Grundlagen

6.7.4 Physiologie

6.7.5 Osteopathische Techniken

6.8 Kolon

6.8.1 Phylogenese und Embryologie

6.8.2 Anatomische Grundlagen

6.8.3 Physiologie

6.8.4 Osteopathische Techniken

6.9 Leber

6.9.1 Phylogenese und Embryologie

6.9.2 Postnatale Entwicklung

6.9.3 Anatomische Grundlagen

6.9.4 Physiologie

6.9.5 Osteopathische Techniken

6.10 Lunge

6.10.1 Phylogenese und Embryologie

6.10.2 Postnatale Entwicklung

6.10.3 Anatomische Grundlagen

6.10.4 Physiologie

6.10.5 Osteopathische Techniken

6.11 Magen

6.11.1 Phylogenese und Embryologie

6.11.2 Postnatale Entwicklung

6.11.3 Anatomische Grundlagen

6.11.4 Physiologie

6.11.5 Osteopathische Techniken

6.12 Milz

6.12.1 Phylogenese und Embryologie

6.12.2 Postnatale Entwicklung des Immunsystems

6.12.3 Anatomische Grundlagen

6.12.4 Physiologie

6.12.5 Osteopathische Techniken

6.13 Nieren

6.13.1 Phylogenese und Embryologie

6.13.2 Postnatale Entwicklung

6.13.3 Anatomische Grundlagen

6.13.4 Physiologie

6.13.5 Osteopathische Techniken

6.14 Ösophagus

6.14.1 Phylogenese und Embryologie

6.14.2 Anatomische Grundlagen

6.14.3 Physiologie

6.14.4 Osteopathische Techniken

6.15 Ovar

6.15.1 Phylogenese und Embryologie

6.15.2 Postnatale Entwicklung des Genitalsystem

6.15.3 Anatomische Grundlagen

6.15.4 Physiologie

6.15.5 Osteopathische Techniken

6.16 Pankreas

6.16.1 Phylogenese und Embryologie

6.16.2 Postnatale Entwicklung

6.16.3 Anatomische Grundlagen

6.16.4 Physiologie

6.16.5 Osteopathische Techniken

6.17 Peritoneum

6.17.1 Phylogenese und Embryologie

6.17.2 Anatomische Grundlagen

6.17.3 Physiologie

6.17.4 Osteopathische Techniken

6.18 Prostata

6.18.1 Phylogenese und Embryologie

6.18.2 Postnatale Entwicklung

6.18.3 Anatomische Grundlagen

6.18.4 Physiologie

6.18.5 Osteopathische Techniken

6.19 Ureter

6.19.1 Phylogenese und Embryologie

6.19.2 Postnatale Entwicklung

6.19.3 Anatomische Grundlagen

6.19.4 Physiologie

6.19.5 Osteopathische Techniken

6.20 Uterus

6.20.1 Phylogenese und Embryologie

6.20.2 Postnatale Entwicklung

6.20.3 Anatomische Grundlagen

6.20.4 Physiologie

6.20.5 Osteopathische Techniken

6.21 Literatur

7 Kraniosakrale Osteopathie

7.1 Kranium

7.1.1 Phylogenese und Embryologie

7.1.2 Osteopathische Betrachtung

7.1.3 Anatomische Grundlagen

7.1.4 Prinzipien der Diagnostik

7.1.5 Prinzipien der Therapie

7.1.6 Osteopathische Techniken

7.2 Suturen des Kraniums

7.2.1 Phylogenese und Embryologie

7.2.2 Systematik der Suturen

7.2.3 Osteopathische Techniken

7.3 Sakrum

7.3.1 Phylogenese und Embryologie

7.3.2 Anatomische Grundlagen

7.3.3 Osteopathische Techniken

7.4 Diaphragmen

7.4.1 Phylogenese und Embryologie

7.4.2 Diaphragmen in der kraniosakralen Osteopathie

7.4.3 Anatomische Grundlagen

7.4.4 Osteopathische Techniken

7.5 Kraniales und spinales Membransystem

7.5.1 Phylogenese und Embryologie

7.5.2 Anatomische Grundlagen

7.5.3 Osteopathische Techniken

7.6 Venöse Blutleiter

7.6.1 Phylogenese und Embryologie

7.6.2 Anatomische Grundlagen

7.6.3 Osteopathische Techniken

7.7 Liquor cerebrospinalis

7.7.1 Phylogenese und Embryologie

7.7.2 Anatomische Grundlagen

7.7.3 Osteopathische Bedeutung des Liquor cerebrospinalis

7.7.4 Osteopathische Techniken

7.8 Symphysis sphenobasilaris

7.8.1 Phylogenese und Embryologie

7.8.2 Anatomische Grundlagen

7.8.3 Osteopathische Techniken

7.9 Os sphenoidale

7.9.1 Phylogenese und Embryologie

7.9.2 Osteopathische Betrachtung

7.9.3 Anatomische Grundlagen

7.9.4 Osteopathische Techniken

7.10 Os occipitale

7.10.1 Phylogenese und Embryologie

7.10.2 Osteopathische Betrachtung

7.10.3 Anatomische Grundlagen

7.10.4 Osteopathische Techniken

7.11 Os frontale

7.11.1 Phylogenese und Embryologie

7.11.2 Osteopathische Betrachtung

7.11.3 Anatomische Grundlagen

7.11.4 Osteopathische Techniken

7.12 Os parietale

7.12.1 Phylogenese und Embryologie

7.12.2 Osteopathische Betrachtung

7.12.3 Anatomische Grundlagen

7.12.4 Osteopathische Techniken

7.13 Os temporale

7.13.1 Phylogenese und Embryologie

7.13.2 Osteopathische Betrachtung

7.13.3 Anatomische Grundlagen

7.13.4 Osteopathische Techniken

7.14 Os ethmoidale

7.14.1 Phylogenese und Embryologie

7.14.2 Osteopathische Betrachtung

7.14.3 Anatomische Grundlagen

7.14.4 Osteopathische Techniken

7.15 Os vomer

7.15.1 Phylogenese und Embryologie

7.15.2 Osteopathische Betrachtung

7.15.3 Anatomische Grundlagen

7.15.4 Osteopathische Techniken

7.16 Os lacrimale

7.16.1 Phylogenese und Embryologie

7.16.2 Osteopathische Betrachtung

7.16.3 Anatomische Grundlagen

7.16.4 Osteopathische Techniken

7.17 Os nasale

7.17.1 Phylogenese und Embryologie

7.17.2 Osteopathische Betrachtung

7.17.3 Anatomische Grundlagen

7.17.4 Osteopathische Techniken

7.18 Os zygomaticum

7.18.1 Phylogenese und Embryologie

7.18.2 Osteopathische Betrachtung

7.18.3 Anatomische Grundlagen

7.18.4 Osteopathische Techniken

7.19 Os maxillare

7.19.1 Phylogenese und Embryologie

7.19.2 Osteopathische Betrachtung

7.19.3 Anatomische Grundlagen

7.19.4 Osteopathische Techniken

7.20 Os palatinum

7.20.1 Phylogenese und Embryologie

7.20.2 Osteopathische Betrachtung

7.20.3 Anatomische Grundlagen

7.20.4 Osteopathische Techniken

7.21 Os mandibulare

7.21.1 Phylogenese und Embryologie

7.21.2 Osteopathische Betrachtung

7.21.3 Anatomische Grundlagen

7.21.4 Osteopathische Techniken

7.22 Os hyoideum

7.22.1 Phylogenese und Embryologie

7.22.2 Osteopathische Betrachtung

7.22.3 Anatomische Grundlagen

7.22.4 Osteopathische Techniken

7.23 Literatur

8 Vegetativum und vegetatives Nervensystem

8.1 Einleitung

8.2 Entwicklung des Nervensystems

8.3 Gliederung des Nervensystems

8.4 Topografie und Funktion des vegetativen Nervensystems

8.4.1 Allgemeiner Aufbau der Zentren des VNS

8.4.2 Zentren und Ganglien des Parasympathikus

8.4.3 Zentren und Ganglien des Sympathikus

8.4.4 Enterisches Nervensystem

8.5 Klinische Bedeutung des vegetativen Nervensystems

8.5.1 Zirkadiane Rhythmen

8.5.2 Burn-out

8.5.3 Einfluss der Emotionen auf das Vegetativum

8.6 Literatur

9 Bindegewebe und Faszien als Basis der osteopathischen Therapie

9.1 Definition Faszie

9.2 Funktionelle Bedeutung

9.2.1 Beschreibung der Faszien durch A.T. Still

9.2.2 Faszien als „Flussbett des Lebens“

9.2.3 Faszien sorgen für Unterteilung

9.2.4 Faszien sorgen für Stabilität und Form

9.2.5 Faszien sorgen für Beweglichkeit

9.2.6 Faszien verbinden

9.2.7 Faszien unterstützen die Posturologie

9.2.8 Faszien als psychoemotionaler Speicher

9.2.9 Darum werden Faszien behandelt

9.3 Embryologie

9.3.1 Paraxiales Mesoderm – Somiten

9.3.2 Intermediäres Mesoderm

9.3.3 Seitenplattenmesoderm

9.3.4 Das vermeintliche „Zellgedächtnis“

9.4 Histologie und Physiologie

9.4.1 Gewebearten

9.4.2 Bindegewebe

9.4.3 Aufteilung des Bindegewebes

9.4.4 Histologie des Bindegewebes, der Faszien

9.4.5 Funktion des Bindegewebes, der Faszien

9.5 Anatomie und Topografie

9.5.1 Schematische Einteilung der Faszien

9.5.2 Pars superficialis der Faszien

9.5.3 Zuordnung einzelner Faszien zur Pars superficialis der Faszien mit ihren drei Anteilen

9.5.4 Pars media der Faszien – die „Organtüte“

9.5.5 Pars profunda der Faszien – die „Neuro-WS-Tüte“

9.5.6 Spezielle Fasziennamen

9.6 Fasziale Diaphragmen – die Pufferzonen

9.7 The Bowstring und Le Tendon central

9.7.1 The Bowstring – Bogenstrang, Bogensehne

9.7.2 Le Tendon central – Zentralsehne

9.8 Fasziale Diagnostik

9.8.1 Einführung in die Diagnostik

9.8.2 Inspektion und oberflächige Palpation

9.8.3 Fasziale Tests

9.8.4 Globale Tests

9.8.5 Regionale Tests

9.8.6 Lokale spezifische Tests (für den Bewegungsapparat, die Viszera und das Kranium)

9.9 Behandlungsprinzipien in der faszialen Osteopathie

9.9.1 Drei Grundprinzipien zur Behandlung von Faszien

9.9.2 Behandlung der Bogensehne – Bowstring

9.9.3 Behandlung der Zentralsehne – Tendon central

9.10 Literatur

Teil III Angewandte Osteopathie

10 Patient-Therapeuten-Beziehung

10.1 Osteopathische Untersuchung

10.1.1 Vorbemerkungen

10.1.2 Anamnese

10.1.3 Sichtbefund

10.1.4 Bewegungsbefund

10.1.5 Befundanalyse und Behandlungsplanung

10.1.6 Zusammenfassung zur osteopathischen Untersuchung

10.1.7 Fallbeispiel

10.2 Leitsymptome/Differenzialdiagnose

10.2.1 Adynamie

10.2.2 Anorexie (Syn.: Appetitlosigkeit)

10.2.3 Arrhythmie

10.2.4 Bauchschmerzen (allgemein)

10.2.5 Bewusstseinsstörungen

10.2.6 Blähungen (Syn.: Meteorismus)

10.2.7 Blässe

10.2.8 BSG – Beschleunigung

10.2.9 Dyspnoe

10.2.10 Erniedrigtes Serumeisen

10.2.11 Extremitätenschmerz

10.2.12 Fieber

10.2.13 Gelenkschmerzen

10.2.14 Hörstörungen

10.2.15 Husten

10.2.16 Hypertonie

10.2.17 Juckreiz

10.2.18 Knochenschmerzen

10.2.19 Kopfschmerzen

10.2.20 Müdigkeit

10.2.21 Reflexstörungen

10.2.22 Rücken- und Kreuzschmerzen

10.2.23 Schlafstörungen, Schlaflosigkeit

10.2.24 Schwindel

10.2.25 Schwitzen, pathologisches

10.2.26 Synkope

10.2.27 Thoraxschmerzen

10.2.28 Tremor

11 Osteopathische Betrachtungen und Fallbeispiele

11.1 Fallbeispiele

11.1.1 Wirbelsäule

11.1.2 Hals-Nasen-Ohren-Kopf

11.1.3 Allgemeine Stresszustände

11.1.4 Thorax (Herz, Lunge)

11.1.5 Periphere Gelenke

11.1.6 Traumata und Sportverletzungen

11.1.7 Osteopathie im Leistungs- und Wettkampfsport

11.1.8 Verdauungstrakt

11.1.9 Kleines Becken

11.1.10 Pädiatrie

11.1.11 Innere Organe

11.1.12 Neurologie

11.1.13 Dermatologie

Teil IV Anhang

12 Glossar

13 Abkürzungsverzeichnis

Autorenvorstellung

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

Teil I Entstehung und Bedeutung der Osteopathie

1 Geschichte der Osteopathie

2 Was ist Osteopathie?

1 Geschichte der Osteopathie

Wim Hermanns

Irgendwo nimmt alles seinen Anfang. Wim Hermanns zeichnet in diesem Kapitel die Geschichte der Osteopathie in den USA und in Europa nach und stellt ihre Entstehung in den Kontext der Zeit.

1.1 Die Begründer der Osteopathie

1.1.1 Andrew Taylor Still

1.1.1.1 Der Ursprung

Die Evidence-based Medicine, das große Schlagwort des 21. Jahrhunderts, hat seinen Begründer in Andrew Taylor Still. Still wurde als Sohn eines Methodistenpredigers im Jahr 1828 geboren und verbrachte seine Jugend im sogenannten Durchgangsland („the Frontierland“), dem unberührten Westen der USA. Dieses Gebiet in Tennessee war damals die Grenze der Zivilisation. Durch die Beobachtung der Natur und ihrer Vorgänge eignete sich Still einen Schatz an funktionellem anatomischem Wissen an. So entstand neben seinem vom Vater geprägten strengen Glauben eine starke Naturverbundenheit.

Doch die menschliche Natur beinhaltet nicht alleine ein physisches Konzept, sondern auch – wie bei den Ärzten aus der griechischen Antike – psychologische und philosophische Komponenten. Im späten christlichen Mittelalter verschwanden letztgenannte Aspekte gänzlich aus der medizinischen Landschaft. Die Ärzte befassten sich mit dem Körper, die Kirche wachte über den Geist. Heilung lag in den Händen Gottes. Die Klostermedizin ließ keine non-theologische Krankheitsursache zu.

Paracelsus (1493–1541) lebte im inquisitatorischen Europa gefährlich, als er neben dem „Ens die“, die durch Gottes Wirken verursachten Krankheiten, auch andere Ursachen für Leiden nannte. So konnten auch die Gestirnkonstellation (Ens astrale) oder Gifte (Ens veneri) oder die Vorherbestimmung (Ens naturale) Einfluss auf die Entstehung von Krankheiten haben ▶ [27]. Dass es jedoch psychosoziale oder psychosomatische Ursachen für Krankheiten geben könnte, wurde von der katholischen Kirche vehement abgestritten.

Descartes (1596–1650) ging sogar noch weiter und trennte Geist und Körper in einem dualistischen Konzept ▶ [24]. Der Lebensgeist lebe in der körperlichen Maschine. Er trenne das Dasein in einen Res extensae, eine Objektenwelt, und einen Res cognitantes, eine Gedankenwelt.

Auch in Amerika bestand in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine von Europa geprägte Organmedizin. Die Ausleitungsverfahren, die Galen lehrte, fanden „heroisch“ ihre Anwendung: Aderlass, Brechmittel, phytotherapeutische und mineralische Betäubungsmittel ▶ [1]▶ [28]. Die Spagyrik, eine Paracelsus-Medizin, blühte jedoch erneut auf ▶ [16], die Homöopathie fand ihren Weg, elektromedizinische Verfahren fanden immer mehr Anhänger.

In Amerika stand A.T. Still, wie auch einige andere Ärzte, der erfolgsarmen europäischen Medizin kritisch gegenüber. Doch es gab keine Alternative. Die Medizin hatte sich in den sechs Jahrhunderten seit dem Mittelalter nicht grundlegend verändert. Im Nachfolgenden werden wir sehen, wie Still sich kompromisslos gegen seine Kollegen und ihre „trügerischen Theorien“ ▶ [9] kehrt, und die Prinzipien der Evidence-based Medicine dabei beherzigt: „Der erfolgreiche Mann verfolgt nicht nur die Theorie. Sein Motto heißt ausschließlich beweisen!“ ▶ [9]

Still war neun Jahren alt, als sein Vater als Missionar nach Nord-Missouri berufen wurde. Hier erfuhr er das harte Pionierleben, das aus Schule, Haus- und Feldarbeit und Jagd bestand. Die Wildnis war sein Lehrmeister, und beim Häuten von Eichhörnchen, Hirschen und anderen wilden Tieren lernte Still nach und nach immer mehr über funktionelle Anatomie und die Natur, mehr als ihn ein Lehrbuch hätte lehren können. Aus dieser Zeit berichtete Still von seiner ersten Entdeckung in der Wissenschaft der Osteopathie. Er war zehn Jahre alt, als er plötzlich starke Kopfschmerzen und Verstimmungen bekam. Er band ein Seil zwischen zwei Bäume, legte ein Tuch darüber, legte sich ausgestreckt auf den Boden und nutzte das Seil als schwebendes Kissen. Nach einem leichten Schlaf wachte er ohne Kopfschmerzen auf. Auch die begleitenden Magenschmerzen waren verschwunden. Zu dieser Zeit machte sich Still keine Gedanken über den Mechanismus dieses Erfolges. Doch später war er davon überzeugt, dass die Arterien den Fluss des Lebens, der Heilung und der Linderung darstellen, und ihre Verstopfung oder Verletzung Krankheit zur Folge haben (Arterial Rule).

1.1.1.2 Stationen/Biografie

Die Indianer

Im Jahre 1844 zerstritt sich die Kirche, für die Stills Vater, Abraham Still, als Prediger tätig war. Die Methodistenkirche Süd war davon überzeugt, dass die Bibel die Sklaverei rechtfertigte. Stills Vater glaubte nicht daran, dass Sklaverei von Gott gewollt war und verweigerte sich der neuen Kirche. Er predigte, dass Sklaverei eine Sünde sei. Bedroht mit dem Tod sah er sich gezwungen, der Abberufung von seiner Kirche in das Revier der Shawnee-Indianer in Kansas Folge zu leisten. A.T. Still behandelte hier in der Wakarnsa-Mission zusammen mit seinem Vater die Indianer. Zwar lernte er vieles von den Indianern, ihre Sprache, ihre Heilkunde, Kräuter und ihren Glauben, doch sah er, dass ihre Medizin der großen Choleraseuche genauso hilflos gegenüberstand wie seine eigene. Viele Indianer starben. Und Still wurde, wie er selber beschreibt, zu einem Dieb im Namen der Wissenschaft ▶ [9]. Er exhumierte Indianerleichen, um die Toten zu studieren, damit die Lebenden davon profitieren konnten: „Die größte Studie des Menschen ist der Mensch“ ▶ [9]. In dieser Zeit lernte Still mehr über Anatomie und Funktion des Körpers, als ihm die Schulmedizin der Universität beigebracht hatte.

Der Krieg

In der Zeit um 1857–1860 spitzte sich die Sklavereifrage nicht alleine in der Kirche zu, sondern auch politisch, und A.T. Still wollte auf der politischen Ebene für seine Ideale einstehen. 1857 wurde er als Repräsentant von Douglas County, Kansas, in die Legislative gewählt. 1860, in dem Jahr, als Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde, brach der Rebellionskrieg aus. Einige Südstaaten wollten die Abspaltung von den Vereinigten Staaten. Während seiner gesamten Amtszeit als US-Präsident sah sich Abraham Lincoln gezwungen, einen Bürgerkrieg zur Wiederherstellung der Union zu führen. Dabei stand er im Wesentlichen vor vier großen Aufgaben: Er musste den Krieg militärisch gewinnen, bei der Bevölkerung des Nordens die Kampfbereitschaft aufrechterhalten, die Einmischung europäischer Mächte zugunsten der Konföderierten verhindern und schließlich die Abschaffung der Sklaverei betreiben, um die Ursache des Konflikts ein für allemal zu beseitigen ▶ [2]. Still schrieb sich im September 1861 als Freiwilliger in der Kavallerie der Nordstaaten ein. Als Major blieb er bis zum Kriegsende 1864 Soldat.

Die „neue“ Sklaverei

Am Ende des Krieges sah Still jedoch eine neue Sklaverei das Land regieren: Die Sucht nach Medikamenten und Alkohol als Folge ärztlicher Behandlungen. Still sah in der Ignoranz der „Schulmedizin“ die Ursache dieser neuen Sklaverei, welche tyrannischer herrschte als die alte. Er meinte spöttisch, dass eines Chirurgen Ausrüstung komplett wäre, wenn sie Kalomel, Chinin, Whisky, Opium und ein Messer enthielte. Auf diese Weise würde die Liebe zu starken Getränken genährt werden. Der Krieg hatte Stills Familie geschont, doch ein neuer Feind kam auf die Bühne, und der war nicht gnädig. Eine Meningitis-Epidemie überzog das Land, und seine Familie wurde getroffen. Die Ärzte, die Still konsultierte, konnten seine Familie nicht retten. Drei von seinen vier Kindern starben. Still hatte in dieser Zeit großes Vertrauen in die Ehrbarkeit der Ärzte und Pfarrer. Sie täten ihr Bestes. Und obwohl in einer solchen Zeit viele Menschen sich von Gott abwenden würden, wurde Still in seinem Glauben gestärkt. Er kam zu dem Entschluss, dass Gottes Gesetz absolut und animalisch ist. Gott hat den Körper in Perfektion geschaffen und ihm zugleich Heilungskräfte gegeben. Es ist nicht Gott, der die Krankheiten bestimmt, sondern die Natur. Gott, als liebender, intelligenter Schöpfer des Menschen hat Medikamente in genügender Menge im menschlichen Körper bereitgestellt, um alle Krankheiten zu heilen. Das macht alle von außen kommenden Medikamente, die homöopathischen inklusive, überflüssig. Der Arzt, als ordnende Person, sollte die Medikamente (Selbstheilungskräfte) im Körper des Menschen finden und freisetzen, wie bei einer Maschine, die gewartet werden muss.

Still war ein vielseitig interessierter Zeitgenosse, und die Mechanik von Maschinen war sein Steckenpferd. So war er beteiligt an der Entwicklung der Mähmaschine und er erfand eine Buttermaschine. Fasziniert von den Hebeln, Dreh- und Schwungrädern übersetzte er die mechanischen Prinzipien auf den menschlichen Körper. Nun muss man bedenken, dass eine Maschine in dieser Zeit mit Respekt betrachtet wurde. Der Mensch, der Erfinder, und die Maschine, das zweckmäßig Erfundene, waren eng miteinander verknüpft. Alle Komponenten der menschlichen Maschine – Sehnen, Muskeln, Nerven, ihre Versorgung mit Blut und Energie, ihre Arbeit zum Erhalt der Gesundheit oder ihre Blockaden – weckten Stills Interesse. Er sah Fieber, Ischias, Rheuma, Koliken, Gicht oder Husten nicht als Krankheiten an, sondern als Symptome einer fehlgesteuerten Flüssigkeitsversorgung durch vermehrte oder verringerte Nervenaktivität. Auf diesem Prinzip beruht die Osteopathie seit dem 22. Juni 1874.

Die Entdeckung

An diesem besagten Tag, so wird erzählt, spazierte Still durch die Straßen von Macon, Georgia. Es begegnete ihm eine Frau mit drei Kindern, die offensichtlich an Ruhr litten. Ruhr oder blutige Dysenterie, eine Shigellen-Infektion, war zu Zeiten Stills bei Kindern eine oft tödlich verlaufende Krankheit. Er bot an, ein Kind zu tragen und begann spontan, dessen Rücken und Bauch zu massieren. Ihm fiel dabei auf, dass es eine ungleichmäßige Verteilung von Wärme und Vitalität zwischen Rücken und Bauch gab. Mehr oder weniger intuitiv begann er die Vitalenergie zwischen seinen Händen zu verteilen und auszubalancieren. Schwellungen und Knoten in der Rückenmuskulatur löste er, damit die Vitalkräfte wieder fließen konnten. Am Ende der Behandlung war die Hitze ausgeglichen. Still bot der Frau an, am nächsten Tag umsonst Medikamente bei ihm zu holen. Zu Stills Verwunderung hatten die Blutungen am nächsten Tag aufgehört.

Nachdenkend über diese „Heilung“ stellte er fest, dass er ohne Knocheneinrenken, doch mit bewusstem Dirigieren der Vitalkräfte dem Körper des Kindes die nötigen „Medikamente“ hat zukommen lassen. Er hatte durch Visualisierung seiner Intentionen die Heilung herbeigerufen. Weder durch die Kraft einer Wirbelsäulenmanipulation, noch durch die Gedanken eines Heilers, doch durch bewusste, fokussierte Kraftübertragung hatte er den Körper zur Selbstheilung angeregt ▶ [21].

Im gleichen Jahr, nämlich 1874, erklärte Still, dass eine gestörte Arterie den Beginn markiert, wenn eine Krankheit ihre Saat der Zerstörung im menschlichen Körper aussät. Die arterielle Versorgung von Nerven, Muskeln, Bändern etc. und die Arterie selbst wird unterbrochen. Es galt, diesen Fluss wiederherzustellen. Es gab laut Still keine Ausnahme zu diesem Gesetz der Arterie. Es ist absolut, universal und darf nicht ignoriert werden, sonst folgt Krankheit. Außerdem sind alle Nerven von diesem Gesetz abhängig. So angewendet trägt der Körper alle „Medikamente“ in sich, welche für das menschliche Glück und die Gesundheit als nötig erachtet werden.

Still meinte, dass der Knochen Ausgangspunkt pathologischer Umstände sei, und so kombinierte er die griechischen Wörter „Osteon“ (Knochen) und „Pathos, Pathei“ (Leiden) zu dem Begriff der Osteopathie. Die Knochen konnten die Versorgungswege des Körpers unterbrechen. Still lästerte über die „reguläre Medizin“, indem er schrieb: „Was tut der Arzt in einem solchen Fall? Wie ein Viehtreiber sein lahmendes Maultier durch die Peitsche antreiben kann, ihn weiter zu tragen, kann ein Arzt durch den Einsatz von Chinin oder anderen Stimulanzien versuchen, das Blut durch den Körper zu peitschen. Bei zu starkem Einsatz der Morphinpeitsche wird das Leben manchmal zu Tode gepeitscht“ ▶ [9]. Im gleichen Fall würde ein Osteopath die Blockade der Versorgung aufheben. Osteopathie, so meinte Still, sehe den Menschen nicht als Kriminellen an, der durch Erbrechen, Durchfall und Krankheit von Gott gestraft würde. Gott manifestiere sich selbst in Materie, Dynamik und Geist. Der Osteopath müsse seine Manifestationen gut studieren. Mit Sutherlands Worten ausgedrückt: „Dig on“ – „Grabe weiter, studiere die Dinge, die du machst!“ ▶ [10]

Die Schule

Die Universität Baldwin, an deren Aufbau Still und sein Vater maßgeblich und finanziell beteiligt waren, verwehrte ihm den Eintritt als er anfragte, Osteopathie unterrichten zu dürfen. Seine Aussagen, er könne Fieber unterdrücken, indem er die Wirbelsäule behandele, oder Diphtherie heilen durch Bewegung, wurden belächelt. Still kehrte daraufhin nach Missouri zurück, wo er sich nach einigen Rundreisen als Arzt schließlich in Kirksville niederließ. Osteopathisch konnte er eine große Patientenschar von ihren Leiden erlösen und seine Erfolge, Bekanntheit und Praxis vergrößern. Nach und nach wurde Still von seinen vier Söhnen in der Behandlung seiner Patienten unterstützt.

Hin und wieder unterrichtete Still einen Interessierten in Osteopathie. Als Dr. John Martin Littlejohn aus Schottland sich ihm vorstellte, kam Still mit ihm zu einem Tauschgeschäft. Littlejohn sollte Stills Söhne, seine Tochter sowie einige andere in Anatomie unterrichten, dafür bekam er Unterricht in Osteopathie. Still baute zu diesem Zweck ein kleines Haus. Zum Einfluss Littlejohns auf die Osteopathie kommen wir später zu sprechen (Kap. ▶ 1.1.2). Obwohl Still in seinen Büchern mit Personennennungen nicht geizte und bei vielen seiner Anekdoten die Namen der betreffenden Menschen nannte, sprach er von Littlejohn schlicht als „dem Arzt aus Edinburgh“ oder „dem schottischen Arzt“. Sein Verhältnis zu Littlejohn war niemals feindselig, doch gewiss auch nicht warmherzig. Am 30. Oktober 1894 war die erste Osteopathieschule, die American School of Osteopathy in Kirksville, Missouri, ein Fakt. Sie hatte den gleichen Status wie eine medizinische Fakultät. Es war die erste Universität, die Frauen als Studenten annahm. Still war voller Lob über ihre Kompetenzen. Für die Studenten war Anatomie ein Hauptfach. Sie mussten 90 von 100 Punkten erreichen, bevor sie in die Praxis durften. Er verlangte von seinen Schülern, es ihm gleichzutun: In einem Beutel befand sich eine Anzahl von menschlichen Knochen. Die Studenten sollten durch Palpieren jeden Knochen benennen können und sagen, zu welcher Körperseite er gehört.

Doch Still wollte mehr, als nur die Osteopathie unterrichten. In Artikel III der Satzung der ASO heißt es: „Das Ziel dieser Einrichtung ist es, ein College für Osteopathie einzurichten, dessen Plan darin besteht, die bestehenden Systeme der Chirurgie, der Geburtshilfe und der allgemeinen Behandlungen von Krankheiten zu verbessern, und sie auf eine rationalere und wissenschaftlichere Basis zu stellen sowie die Informationen an die medizinische Profession weiterzugeben“ ▶ [20]. So konnte Still in den nächsten Jahren seine Schule ausbauen, und einige seiner Nachfolger gründeten selber eigene Schulen für Osteopathie.

1910 veranlasste die American Medical Association eine Standardisierung der Unterrichtsmaterie der amerikanischen medizinischen Universitäten. Sie wurden nach deutschem Vorbild in dem sogenannten Flexner-Report zusammengefasst. Nur solche Schulen, die dem Standard folgten, konnten sich staatliche Finanzunterstützung sichern. Die Folge war, dass viele osteopathische Ideen Stills aus dem Curriculum verschwanden. Vor allem das spirituelle Konzept vom ▶ „triune man“ hatte in der neuen Struktur keinen Platz mehr. Und bis auf den heutigen Tag ist es so, dass die 50 000 Osteopathen, die in Amerika praktizieren, in ihrer Behandlungsweise nicht groß abweichen von den 350 000 medizinischen Ärzten. Das spirituelle Konzept von Still konnte in Europa Jahre später wieder aufgegriffen werden (Kap. ▶ 1.3).

1.1.1.3 Die Philosophie

Die Osteopathie von A.T. Still (M.D., D.O.) basierte also auf zwei wichtigen Grundlagen: erstens auf einer fundierten Kenntnis in Anatomie, die zu einer ausführlichen palpatorischen Diagnostik und manipulativen Behandlung führte; daneben wurde die Bedeutung von Gesundheit in den Vordergrund gestellt. Still sagte, Krankheit könnte jeder finden. Der Osteopath sollte die Gesundheit im Menschen suchen, d.h., den Ressourcen des Patienten eine Möglichkeit zu geben, den Körper zu gesunden, indem die blockierenden Faktoren durch Justierung beseitigt werden. Zum Wohlbefinden im weitesten Sinne, einschließlich einer psychischen, emotionalen und geistigen Gesundheit, gehört auch das Vermeiden von Alkohol, Suchtmitteln, Medikamenten oder anderen negativen Gewohnheiten.

1.1.1.4 Das mechanische Konzept

Die Aufgabe des Osteopathen wäre dann laut Still, Anomalität in Normalität zu führen. Denn eine normale Ausrichtung der Knochen oder Gewebe geht einher mit Gesundheit. Die normale physiologische Ausrichtung gibt der arteriellen, venösen, lymphatischen Versorgung freien Lauf. Hierzu benutzte Still die Knochen als Hebel, um die ossalen Foramina, Gelenke, Sehnen, Muskeln und Faszien als Durchtrittsstellen der Gefäße zu behandeln. Bewegung war laut Still der erste und einzige Beweis des Lebens.

A.T. Stills Grundkonzept der Osteopathie kann zusammengefasst werden im Sinne von Gesundheit, Krankheit und Patientenfürsorge ( ▶ Tab. 1.1).

Tab. 1.1

 Klassische osteopathische Philosophie.

▶ [31]

Grundbegriff

Osteopathisches Verständnis

Gesundheit

Gesundheit ist ein natürlicher harmonischer Zustand.

Der menschliche Körper ist eine perfekte Maschine, geschaffen für Gesundheit und Aktivität.

Der Gesundheitszustand hält so lange an, wie Körperflüssigkeiten normal fließen und normale Nervenaktivität besteht.

Krankheit

Krankheit ist eine Folge von grundlegenden, öfter multifaktoriellen Ursachen.

Erkrankung wird häufig durch Behinderung des normalen Flusses der Körperflüssigkeiten oder der normalen Nervenaktivität verursacht

Die Umgebung, das Verhalten, soziale und mentale Faktoren tragen zu der Entstehung von Krankheit und Erkrankung bei.

Patientenfürsorge

Der menschliche Körper stellt alle Chemikalien, welche die Organe und Gewebe brauchen, zur Verfügung.

Beseitigung der mechanischen Behinderungen lässt einen optimalen Fluss der Körperflüssigkeiten, Nervenaktivität und Heilung zu.

Die Umgebung, das Verhalten, kulturelle, soziale und mentale Faktoren sollen als Teil des Patientenmanagements berücksichtigt werden.

Jedes Patientenmanagement sollte mit den individuellen Patientenbedürfnissen realistisch korrelieren.

1.1.1.5 Das energetische Konzept

In seinem Vergleich des menschlichen Körpers mit einer Maschine spielen alle diese versorgenden und entsorgenden Komponenten eine Rolle. Doch Stills Vergleich ging weiter: Eine Maschine braucht eine Energiequelle. Und Still sah das Gehirn als Dynamo der menschlichen Maschine. Von hier würden elektrische Impulse generiert und zu den Nerven geleitet. Einige Nerven dienten dazu, den Blutstrom in Gang zu halten. Die vasomotorischen Nerven bestimmten den Diameter der Gefäße und damit Blutmenge und Blutfluss zu den Geweben und Organen. Damit wären Nervenaktivität und Blutstrom voneinander abhängig. Doch obwohl das arterielle Gesetz als absolut und universal galt, betonte Still auch einen ungestörten Lymphfluss. Der Osteopath berührt die Quelle des Lebens, wenn er das lymphatische System behandelt. Doch es gab ein weiteres Element im Körper von noch höherer Bedeutung, und das war die zerebrospinale Flüssigkeit. Wenn sie nicht ausreichend ströme, würde der Körper nicht funktionieren können.

Obwohl Still diese osteopathischen Konzepte immer wieder in den Vordergrund stellte, sah er, dass Vererbung, Lebensgewohnheiten, Umgebungseinflüsse, Gifte, Inaktivität sowie psychischer und sozialer Stress die Gesundheit beeinflussten. Auch Drogenmissbrauch, mangelnde Hygiene und Fehlernährung trugen zu Entstehung von Krankheiten bei.

1.1.1.6 Die osteopathischen Prinzipien

Im Catalogue of the American School of Osteopathy, Session 1899–1900, Kirksville, wurden folgende vier osteopathischen Prinzipien beschrieben:

Der Körper ist eine Einheit.

Der Körper besitzt selbstregulierende Mechanismen.

Struktur und Funktion stehen in reziproker Relation zueinander.

Rationale Therapie basiert auf dem Zusammenspiel von diesen drei Prinzipien.

Da die enormen wissenschaftlichen Fortschritte, v.a. auf dem Gebiet der Pharmakologie, Psychologie und Psychoneuroimmunologie, auch vor der Osteopathie nicht Halt machten, wurden im Laufe der Jahre einige von Stills Dogmen gebrochen ▶ [3]. So wurde noch während Stills Präsidentschaft an seiner Schule die von ihm als unnötig betrachtete Vakzination gegen Pocken als ein Teil der osteopathischen Praxis akzeptiert. Obwohl Still Medikamente vehement ablehnte, war er wohl für Anästhetika, Antidote gegen Gifte und „einige andere, die ihr Nützen bewiesen hatten“.

1948 korrigierte das College of Osteopathic Physicians and Surgeons in Los Angeles ihre osteopathischen Prinzipien. „Wie eine Maschine kann der Körper nur effizient funktionieren, wenn er gut mechanisch eingestellt ist und seine chemischen Bedürfnisse entweder durch Nahrung oder durch pharmakologische Substanzen befriedigt sind.“ Im Textbook Foundations for Osteopathic Medicine▶ [31] wurde das erste Prinzip der Osteopathie wie folgt ergänzt: „Der Körper ist eine Einheit. Der Mensch ist eine körperliche, psychische und geistige Einheit.“

Doch noch einmal zurück zu Still. In seinen Texten erwähnte er nirgendwo, unter welchen Theorien und Einflüssen er zu seiner Philosophie der Osteopathie kam. Er war einer von den meist belesenen Ärzten seiner Zeit, schrieb jedoch in seiner Philosophie der Osteopathie▶ [9], er habe viel entdeckt durch Lesen über verschiedenste Themen. Doch seine Hoffnung, etwas über die Gesetze des Lebens zu finden, wurde enttäuscht. – Sicher waren einige zeitgenössische Autoren wie Herbert Spencer, Alfred Russel Wallace und Emanuel Swedenborg von großem Einfluss auf Stills Denken. Littlejohn sah die Wurzeln der Osteopathie in der griechischen und römischen Medizin. Die Entwicklungen in Europa (iatromechanische, iatrochemische und vitalistische Medizin) haben zu den osteopathischen Ideen sicher ihren Beitrag geleistet ▶ [15].

Die Manipulation der Gelenke war sicher nicht neu. Hippokrates schrieb schon über „Subluxationen“ und ihre Behandlung. Im 18. Jahrhundert war bereits bekannt, dass eine Beziehung zwischen ausgerenkten Wirbelgelenken und muskuloskelettalen und viszeralen Problemen bestand. Andrew Taylor Still war jedoch, obwohl er ein sehr belesener Mensch war, an erster Stelle Autodidakt. Er studierte die Natur, die Geologie, Botanik und Zoologie, Mechanik, Elektrizität, Philosophie, Spiritualität und den Humanismus. Er konnte sich tagelang zurückziehen in die Natur, um einen Knochen zu studieren.

1.1.1.7 Das spirituelle Konzept

Die OMT (Osteopathische Manipulative Therapie) war nicht Stills alleiniges Konzept gewesen. Ein anderes Konzept, welches von ihm beschrieben wurde, war die Biogenese. Er beschrieb die Biogenese in Kapitel XI seines Buches Die Philosophie und mechanischen Prinzipien der Osteopathie ▶ [9]. Kurz nachdem er 1892 dieses Buch publiziert hatte, versuchte er, so viele Exemplare wie möglich wieder einzuziehen. Wahrscheinlich fand er seine Ideen zu dieser Zeit zu radikal für die breite Öffentlichkeit. Der Begriff „Biogen“ wird in Websters Third New International Dictionary definiert als „eine hypothetische, ultimative lebende Einheit, aus der Zellen aufgebaut sind“. Für Still war Leben eine fein geteilte materielle Substanz, abgespalten von der alles bewegenden Kraft der Natur und in Form gebracht durch die archetypischen Ursprünge ▶ [20]. Vielleicht könnten wir heute „Biogen“ mit dem Begriff des lebendigen Protoplasmas austauschen. Wir finden Ähnliches auch beim Vitalisten Gottfried Wilhelm von Leibniz. Er entdeckte die Monade als kleinste Energieeinheit. Die Übereinstimmung aller Monaden nennt Leibniz die prästabilisierte, d.h. vorherbestimmte Harmonie. Das heißt, dass auch Krankheiten in den Monaden festgelegt sind ▶ [15]. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass Still das „Biogen“ als den primären Ausdruck der Lebenskraft im materiellen Bereich sah. Leben kleidet sich also in Materie. Ohne Bewegung ist jedoch kein Leben möglich. Die treibende Kraft dazu ist die Schöpfungsintelligenz (die Höhere Weisheit oder „Mind“).

Still sprach vom Menschen als dreifach differenzierte Einheit: Mind, Matter, Motion (Geist, Materie, Bewegung), „the triune man“. Die unbewegte Materie ist infolgedessen tot und nur Form. Hier sehen wir also, dass der Mensch ein Produkt aus der Vereinigung von Himmel (Geist) und Erde (Form, Materie) ist und angetrieben wird von der Bewegung.

Still sah die Spiritualität als zugrunde liegendes Konzept in der Osteopathie. Er sagte: „Nachdem ich mich viele Jahre meines Lebens mit dem Studium der Anatomie des physischen Menschen, seines knöchernen Gerüstes und allem, was daran ansetzt, beschäftigte, habe ich auch versucht, mich mit dem wahrhaft spirituellen Menschen bekannt zu machen“ ▶ [20]. Da Still eine Abneigung gegen Kirchenorganisationen hatte und einen personifizierten Gott nicht anerkannte, kann hier Spiritualität nicht mit Religion verwechselt werden. „Ich verstehe nichts von der Arbeit des Predigers. Ich habe die Bibel nicht daraufhin studiert. Aber das Wissen, das ich von der menschlichen Konstruktion erworben habe, überzeugt mich von der überlegenen Weisheit der Gottheit“ ▶ [9]. Einen Gott leugnete Still nicht: „In den letzten 25 Jahren war es mein Ziel, einen einzigen Fehler in der Natur zu finden, einen einzigen Fehler Gottes. Aber ich habe in dieser Hinsicht vollkommen versagt“ ▶ [20].

Die Konsequenz des Biogenkonzepts ist, dass der Mensch als Teil eines gewaltigen Systems erkannt wird. Paracelsus: „Die Natur ist eine Einheit, niemals vollendet, sondern immer im Werden“ ▶ [27]. Die Natur stellt einen Makrokosmos dar, der Mensch, dagegengestellt, einen Mikrokosmos. Oder: wie im Großen, so im Kleinen. Der Mensch ist laut Still auch „eine verschlüsselte Repräsentation von Welten“ ▶ [9]. In seiner Idee über das Himmlische (Geist, die Liebe, Intelligenz Gottes) und das Irdische (Materie, Körper), vereint durch Bewegung, stimmt Still in großen Linien mit Emanuel Swedenborgs Theorien überein. Auch das Qi der chinesischen Philosophen, das Ki der Japaner, das Prana der ayurvedischen Medizin und das Mercurische Prinzip der Abendländischen Heilkunde stimmen in ihren vitalistischen Prinzipien mit Stills Idee der Bewegung als Aktivator der Materie überein. Bei den Shawnee-Indianern, bei denen Still von 1853–1854 lebte, entdeckte er die allem innewohnende Vitalität des Menschen.

Noch ein letztes Mal zurück zu den Antiken Europas. In den hermetischen Schriften, die u.a. auf die Gestalt des Hermes Trismegistos zurückzuführen sind, wird der Mensch wie folgt bedichtet:

Sein Vater ist die Sonne

Seine Mutter ist der Mond

Die Luft trägt es in seinem Bauch

Die Erde ist seine Amme

Gemeint ist, dass der Mensch aus den vier Elementen (Feuer, Wasser, Luft, Erde) aufgebaut ist. Es sind diese Elemente, die das ganze All ausmachen. Ein fünftes Element, die Quintessenz, könnte man als die Vitalität sehen. Diese gibt dem Menschen den göttlichen Funken.

1.1.1.8 Konsens

Welche Konsequenzen hat dies alles jetzt für Stills Ideen der Osteopathie? Fassen wir zusammen und erweitern:

Der menschliche Körper besteht aus Lebenskraft (Geist) und materieller Substanz (Form), welche durch Bewegung (Motion) zusammengehalten wird. Innerhalb der materiellen Substanz sind die Flüssigkeiten das Medium der Übertragung der Lebenskraft. Das Bindegewebe ist der Behälter der Flüssigkeiten, also der Träger der Lebenskraft. Das Ziel der osteopathischen Behandlung besteht darin, dem Körper einen Ansatz zu geben, selbst seine Bindegewebe (Knochen, Sehnen, Muskeln, Gelenke, Faszien) in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Das ergibt eine optimale Gesundheit. Die materielle Form reagiert ebenso stark auf Gedanken, Absicht, Ernährung wie auf die Lebenskraft und die Selbstheilungskräfte. Der Verstand beherrscht die Materie („Mind over Matter“). Hiermit wird dem sogenannten „Plazebo-Effekt“ ein neuer Aspekt verliehen.

1.1.2 John Martin Littlejohn

Kein Osteopath hat nach Still die Osteopathie so beeindruckend beeinflusst und ist dennoch so in Vergessenheit geraten wie Dr. John Martin Littlejohn. Er hat die Osteopathie nicht nur auf ein wissenschaftliches, auf der Physiologie basiertes Fundament gestellt, sondern er beschäftigte sich auch am Ende des 19. Jahrhunderts mit Psychophysiologie ▶ [22]. Zusammen mit einem neuen, bahnbrechenden, biomechanischen Konzept hat er die Osteopathie mit diesen genannten drei wichtigen Aspekten bereichert.

1.1.2.1 Biografie

John Martin Littlejohn wurde 1865 in Glasgow in Schottland geboren. Er besaß eine mehr als anfällige Gesundheit und litt ständig unter dem rauen schottischen Klima. In der Großfamilie Littlejohns herrschte Armut. Trotzdem wurde in der Familie viel Wert auf Ausbildung gelegt. Sein Vater, ein Pfarrer, ermöglichte ihm eine gute universitäre Bildung. Mit 16 Jahren begann Littlejohn ein Studium in Sprachwissenschaften und Theologie. Nach seinem Studium verbrachte er kurze Zeit als Pfarrer in Nordirland, zog dann jedoch wieder zurück in seinen Geburtsort Glasgow, um weiter zu studieren. Er erwarb einige Titel im juristischen, theologischen, sozialen und philosophischen Bereich. Außerdem studierte Littlejohn Medizin. Mit 21 Jahren hielt er Lesungen an der Universität in Glasgow.

Doch das schottische Klima machte ihm immer mehr zu schaffen und Halskrankheiten mit Blutungen gefährdeten seine Gesundheit so sehr, dass er laut seiner Ärzte nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte. 1892 wanderte er nach Amerika aus. Seine zwei Brüder James und William begleiteten ihn.

An der New Yorker Universität studierte er weiter und wurde 1894 Leiter am Amity College in College Springs, Iowa. Trotzdem machten ihm seine Halsblutungen weiter zu schaffen. Er hörte von den fabelhaften Leistungen Dr. Stills in Kirksville und besuchte ihn 1897. Die osteopathische Behandlung besserte seine Krankheit deutlich und Littlejohn war vom Gründer der Osteopathie schwer beeindruckt.

1.1.2.2 Stationen im Leben Littlejohns

Begegnung mit Still

Zu ihrer ersten Begegnung schrieb Still in seiner Autobiografie ▶ [9] eine Anekdote: Ein Arzt aus Edinburgh in Schottland, er nannte ihn nicht mit Namen, suchte ihn zu Hause auf. Er wollte mit Still sprechen und etwas über das Gesetz erfahren, das Krankheiten heilte, bei welchen die Schulmedizin all die Jahre versagte. Er hatte von vielen Ärzten von der Osteopathie gehört, doch keiner konnte etwas Genaueres berichten. Es hatte ihn gewundert, dass eine so erfolgreiche Methode bei den Nachbarärzten so unbekannt war. Er erzählte, dass er selber eine fünfjährige medizinische Ausbildung genossen habe. Dieser Arzt war Littlejohn.

Still erklärte, dass er im Vergleich zu Littlejohn, der so viel studiert und gesehen hat, nur ein „unwissender Mann“ sei, der sein ganzes Leben im Westen verbracht hatte. Er verstrickte ihn in ein Gespräch über Elektrizität und gab sich unwissend. Littlejohn wurde dazu verleitet, Still zu erklären, wie Elektrizität über zwei Polen, gesteckt in zwei Fässern mit verschiedenen Chemikalien, entstünde. Still fragte über Umwege nach der Elektrizität in der menschlichen Maschine. „Was passiert, wenn ich ein Stück Seife in den mit den Polen besetzten Fässern werfe?“ Littlejohn erklärte ihm, dass die Maschine „zur Hölle fahren würde“. Still fragte weiter, was passieren würde, wenn er zwei Viertel Bier in die menschliche Batterie kippen würde. Still versuchte ihm so klarzumachen, was Alkohol oder Medikamente mit dem Menschen machen.

Still fragte: „Was ist Fieber? Es ist Hitze, entstanden aus Elektrizität in Bewegung.“ Still war der Meinung, dass Fieber kein Krankheitssymptom, sondern ein Zeichen der Gesundheit ist. Der Körper zeigt im Fieber seine Selbstheilungskraft.

Alle Arten von Nerven hätten laut Still ein Zentrum, von dem aus die Nerven mit Energie beliefert werden. Was würde passieren, so führte er aus, wenn wir die Nerven halbieren oder durchtrennen? Würden sie ihre vasomotorische Fähigkeit zur Blutversorgung oder ihre motorische Fähigkeit zum Bewegungsimpuls noch aufrechterhalten können? Was würde passieren, wenn wir auf ein sensorisches Ganglion drücken? Könnten wir nicht einfach die Hitze im Körper, das Fieber, stoppen, wenn wir die elektrische Energie, deren Tätigkeit das Herz und die Lungen anregt, unterbrechen? Das ist doch genau das, was wir mit Medikamenten versuchen zu machen.

Da verstand Littlejohn, dass der „unwissende“ Still ihm eine Lektion über die allopathische Medizin hielt. Littlejohn sagte: „Sie haben entdeckt, wonach alle (medizinischen) Philosophen 2000 Jahren lang vergeblich gesucht haben.“ Still schätzte jedoch Littlejohns Kenntnis der Medizin so hoch, dass er ihn als Lehrer für seine Söhne engagierte.

Der Bruch mit Still

Still war ein überzeugter Anhänger der anatomischen Grundlagen der Osteopathie. Nur ein korrektes Alignment, eine anatomisch korrekte Ausrichtung der Knochen, konnte einen normalen physiologischen Durchtritt von Nerven und Gefäßen gewährleisten. Vordergründiges Ziel in der Osteopathie war es dann auch immer, die abnormale Position in eine normale zu verbessern. Es waren die konservativen praxisorientierten Anhänger von Still innerhalb der Fakultät, denen dieser anatomische Zugang heilig war. Still suchte die motorische Abweichung von der Norm und behandelte, indem er jede Läsion korrigierte: „Find it, fix it and leave it alone.“

Littlejohn und seine Brüder sahen jedoch die weit differenziertere Physiologie als Kernpunkt der Osteopathie. Sie vertraten damit die von Still geächteten universitär ausgebildeten Ärzte. Hintergrund der Pathologie war für Littlejohn eine gestörte Physiologie. Die Symptome, die daraus resultierten, waren nicht pathologisch, sondern ein physiologischer Ausdruck und eine lebendige Offenbarung des Organismus. Littlejohn suchte im physikalischen Skelett die unsichtbaren Funktionen, welche sich hinter der Physiologie verbergen. Die Problemgebiete müssen wieder in Korrelation zueinander und dann in den Körper integriert werden: „You can’t adjust the abnormal to the normal!“ Eine weitere Aussage von Littlejohn lautet: „The principle of osteopathy is not bone adjustment but body adjustment […].“

Der Behandlungsansatz war demzufolge nicht das Knocheneinrenken oder Mobilisieren von Muskeln und Sehnen, sondern die im Organismus vorgefundenen Mittel zu nutzen, um ihn in ein richtiges Verhältnis zu sich selbst und seine Umgebung zu bringen ▶ [23]. Littlejohns wortwörtliche Aussage: „You can’t adjust the abnormal to the normal“ stand hier regelrecht konträr zu Stills Ideen. Die Osteopathie kannte demnach nur ein einziges Prinzip: Das Leben ist physiologisch. Littlejohn glaubte nicht an etwas Göttliches. Auch hier distanzierte er sich von Still: „Wir beschäftigen uns nicht mit Metaphysik.“ Der Organismus und der Mechanismus passen sich fortwährend an, um eine Koordination von Struktur, Funktion und Umgebung zu erreichen. Der Organismus dominiert und steuert in seiner Funktion stets die notwendigen Veränderungen als Regenerationskraft, um sich anzupassen. Pathologische Symptome sind hier Ausdruck dieser regenerativen Funktion. Littlejohn kritisierte Still, indem er meinte, dass die alleinige chiropraktische Beseitigung von Dysfunktionen der Gelenke nicht die Läsion des Körpers behebe. Die einzelne lokale Dysfunktion und die betroffenen Organe müssten koordiniert werden: „The principle of osteopathy is not bone adjustment but body adjustment.“ ▶ [15]

Um dieses vitalistische Ziel zu erreichen, akzeptierte Littlejohn dann auch alles in seiner Behandlung, was die Selbstheilungskräfte anregen könnte. Er ließ eine Erweiterung der Osteopathie mit integrierenden Verfahren ausdrücklich zu. Deswegen nannte man seine Anhänger „Broadists“. Die Anhänger von Still nannte man „Lesionists“ ▶ [26]. Ein Streit zwischen den beiden Männern konnte nicht ausbleiben. Beide arbeiteten an der Theorie und Philosophie der Osteopathie, doch nie als ein Team und nie im Einverständnis miteinander. John Martin Littlejohn verließ Kirksville und zog nach Chicago. Über diese Zeit sagte H. Freyette: „[…] when he left, Littlejohn took all of the brains out of Kirksville […].“

1.1.2.3 Littlejohns Konzepte

Im mechanischen Sinn hatte Littlejohn nach vielen Studien und Experimenten ein kompliziertes, doch bahnbrechendes Konzept erstellt. Im Großen und Ganzen bestand es aus zwei Teilen: Zum einen gab es das Konzept der Kraftlinien, die zusammen das „Polygon of Forces“ bildeten. Zum anderen war da das Konzept der Bögen. Für eine ausführliche Beschreibung verweisen wir auf die weiterführende Literatur ▶ [15].

Mit seinem mechanischen, im Sinne von Evidence-based Medicine beweisbaren Konzept legte Littlejohn die wissenschaftliche Grundlage für die Osteopathie als medizinisches Verfahren ▶ [26]. Das nichtlineäre Konzept, nicht beweisbare, der Vital Force (Littlejohn), der Göttlichen Intelligenz (Still) und des Breath of Life (Sutherland, Kap.  ▶ 1.1.3) gab diesem manuellen Verfahren die nötige Philosophie, um die Osteopathie als eigenständige Medizin darzustellen.

Chicago

Nach dem Bruch mit Stills Schule gründete Littlejohn im Jahr 1900 das Chicago College of Osteopathy. Hier unterrichte er Physiologie. Littlejohn beschäftigte sich mit dem Verfassen unzähliger Schriften über Anatomie, Physiologie, Biomechanik und Pathologie in Bezug zur Osteopathie. Er verknüpfte die Osteopathie mit den Erkenntnissen der modernen Medizin, Neurophysiologie und Hirnforschung. Viele seine Schriften sind bewahrt geblieben und können unter www.meridianinstitute.com nachgeschlagen werden. Seine Schule war wissenschaftlich orientiert und bildete viele namhafte Osteopathen wie Freyette und Mitchell aus. Die zugrunde liegende Philosophie seiner Werke war die Basis für das General Osteopathic Treatment, die globale osteopathische Therapie (GOT) ▶ [15].

England

1903 besuchte Littlejohn Europa und traf sich mit den graduierten Osteopathen der ASO (American School of Osteopathy), Dr. Horn und Dr. Walker, um die Möglichkeit einer Schulgründung in England zu besprechen. Die Gespräche fruchteten jedoch nicht und er kehrte in die Staaten zurück, wo er von 1908 bis 1910 Präsident des ACO (American College of Osteopathy) wurde. Die für die Osteopathie negativen politischen Entwicklungen in den USA bildeten mit dem sogenannten Flexner-Report für Littlejohn den Grund, um 1913 Amerika den Rücken zu kehren und nach England zu gehen.

Littlejohn ließ sich in Thunderley in Essex nieder, in der Nähe von London, und arbeitete im Krankenhaus. 1917 gründete er die British School of Osteopathy in London. Mit der Gründung der Zeitschrift Journal of Osteopathy legte er einen Meilenstein für die wissenschaftliche Publikation der Osteopathie.

1911 gründeten in England drei Absolventen der Kirksviller Schule, J. Dunham, L. Willard-Walker und F. J. Horn, die British Osteopathic Association (BOA). Die Organisation war ausschließlich für Absolventen der amerikanische Osteopathieschulen, welche in Großbritannien praktizierten, offen. Inzwischen versuchten viele in England schlecht ausgebildete Laien, das lukrative Potenzial der Osteopathie abzuschöpfen. Der Staat, auf welchen die BOA Hoffnung setzte, unternahm jedoch nichts dagegen.

Littlejohn mit seiner BSO hielt nichts von Organisationen, Strukturen und Regulierungen. Er meinte, dass eine locker regulierte, aber hoch qualifizierte Schule immer besser wäre als gar keine. Hierdurch entstanden zwei Strömungen. In diesem Streit gründeten immer mehr unterqualifizierte Osteopathen aus England und Amerika ihre Schulen.

Eine andere, dritte Organisation, die Incorporated Association of Osteopaths Ld., entstand unter Leitung von Dr. William Looker; sie wurde 1936 als Osteopathic Association of Great Britain weitergeführt. Die Schule von Looker wurde später in die BSO aufgenommen.

Am 8. Dezember 1947 starb John Martin Littlejohn. Seine Werke und Ideen wurden in der britischen Osteopathie weitergeführt und v.a. von John Wernham weiterentwickelt.

1.1.3 William Garner Sutherland

1.1.3.1 Biografie

William Garner Sutherland (1873–1954) wurde in Portage County, Wisconsin, geboren. Es war eine ländliche Region im mittleren Westen. Wie A.T. Still wuchs er auf der Farm seines Vaters auf und arbeitete dort mit. Über seine Bauernarbeit gibt es eine Anekdote, die Sutherlands Durchsetzungswille betont und verständlich macht. Die Kinder Sutherland sollten bei der Kartoffelernte helfen. Nach getaner Arbeit, als scheinbar alle Kartoffeln geerntet waren, gebot ihnen der Vater: „Dig on!“ – „grabe weiter!“, und sie fanden noch mehr Knollen; nach einem nächsten „Dig on!“ fanden sie abermals weitere Kartoffeln. Auch bei seiner Erforschung des Schädels, seinen Knochen und Nähten, befasste Sutherland sich fortwährend mit immer kleineren Details, um immer tiefer in die Funktion und Bedeutung des Schädels zu graben. „Dig on!“ wurde Sutherlands Lebensleitmotiv.

Bis 1898 arbeitete Sutherland als Drucker und später als Journalist und Herausgeber bei den Medien. Als er von Dr. Still und seiner Osteopathie hörte, schrieb er sich als 25-Jähriger als Student an der American School of Osteopathy ein. Ein entscheidender Grund, um die Journalistenlaufbahn aufzugeben war, dass sein Bruder durch eine osteopathische Behandlung geheilt wurde.

Sutherland studierte mit Dr. Still als einem seiner Lehrer, zu einer Zeit, als auch Littlejohn an der Schule studierte. Er arbeitete nebenbei als Assistent von Dr. Littlejohn, der gleichzeitig auch Lehrer an der Schule war, und redigierte seine Texte. Sutherland mag also direkt sowohl von Still als auch von Littlejohn beeinflusst worden sein. Still unterrichtete damals als 70-Jähriger selber an der Schule, die inzwischen 700 Studenten hatte. Still wachte peinlichst darüber, dass seine osteopathischen Prinzipien im Unterrichtskonzept beherzigt wurden. In dieser Zeit schrieb Littlejohn sowohl über die Lebenskraft, die er „Vital Force“ nannte, als auch über Bewegungen des Schädels.

1.1.3.2 Die Idee

Unterwegs durch die Flure der Schule kam Sutherland an einer Vitrine mit Schädelknochenpräparaten vorbei. Sie zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Es handelte sich um einen gesprengten Schädel, sodass die Suturen deutlich sichtbar waren. Später schrieb Sutherland in seinem Buch With thinking Fingers▶ [10]: „Als ich da stand, und in den Bahnen von Stills Philosophie dachte, wurde meine Aufmerksamkeit von den abgeschrägten Gelenkflächen des Sphenoids angezogen. Plötzlich hatte ich einen Gedanken (ich nenne es einen Leitgedanken): Abgeschrägt wie die Kiemen eines Fisches, einen Hinweis auf gelenkige Beweglichkeit für einen respiratorischen Mechanismus.“ ▶ [10]

Die Lehrmeinung der damaligen Zeit besagte jedoch, dass die Schädelknochen unbeweglich seien. Da Sutherland ein stiller, zurückhaltender Mann war, wollte er mit seiner Idee kein Aufsehen um seine Person erwecken. „Warum sollte ich ein lächerlicher Don Quixote sein und versuchen, einen jahrhundertealten anatomischen Grundsatz umzudrehen? Wenn diese Idee so irrational ist wie es den Anschein hat, was sagt das über mich aus“ ▶ [10]? Fortan galt es für Sutherland, sich zu beweisen, dass er im Unrecht war. Später, in seiner eigenen Osteopathiepraxis niedergelassen, griff er diesen Gedanken wieder auf und begann, wie zuvor A.T. Still, die Knochen zu studieren. Er war davon überzeugt, dass laut dem Gesetz der Struktur und Funktion die Physiologie die Knochenform erzeugt hatte. Sutherland unternahm viele Experimente an sich selbst, um seine Thesen zu beweisen. So schaffte er es zum Beispiel, mit Lederbändern um seinen Kopf jegliche Bewegung seiner beiden Temporalknochen zu unterbinden. Mit professioneller Offenheit meinte er, dass er „Persönlichkeitsveränderungen“ durchlief. Seine Frau Adah bemerkte, dass „ein solch seltsamer Sinn für die Realität entstand, dass selbst, als sie Jahre später darüber redeten, ein Schatten ebendieser veränderten Realität Besitz von seinem Bewusstsein ergriff“ ▶ [10]. 1925 hielt Sutherland, von Angst und Zweifel gequält, seine erste Vorlesung über kraniosakrale Osteopathie. 1929 schickte Sutherland seinen ersten Artikel an den amerikanischen Osteopathieverband. Die Arbeit wurde im selben Jahr veröffentlicht.

1.1.3.3 Der Einfluss Swedenborgs

Wahrscheinlich war Sutherland bei der Entwicklung seines kranialen Konzeptes maßgeblich von den Schriften Emanuel Swedenborgs beeinflusst. Der schwedische Publizist, Wissenschaftler, Philosoph und Theologe Swedenborg (1688–1772) schrieb 1743/44 sein wichtiges Buch De Cerebro. Dieses Buch basierte auf seinen Studien, die er in Italien auf der Suche nach dem Sitz der Seele unternahm. Der deutsche Germanist und Herausgeber Rudolf Tafel hatte die in lateinischer Sprache verfassten Bücher Swedenborgs zwischen 1882 und 1887 aus dem Deutschen ins Englische übersetzt und kommentiert (The Cerebrum und The Brain▶ [17]). Somit ist es wahrscheinlich, dass Sutherland Zugang zu diesen Skripten hatte. Dreimal legte er in seinen Werken einen kurzen Link zu Swedenborg. Die Verbindung von Sutherland und Swedenborgs Buch The Brain wurde auch von Sutherlands früherer Sekretärin Dr. Ida Rolf bestätigt. Wir kennen sie als die Begründerin des Rolfings.

Swedenborg war an der Beziehung zwischen Körper und Seele interessiert. Er meinte, dass der Körper das organische Abbild der Seele sei und gleichzeitig dessen Behälter ▶ [5]▶ [17]. Im Körper sei v.a. das Gehirn und insbesondere das Großhirn die Stelle, die mit der Seele interagiere. Er stellte fest, dass sich das Gehirn bewegt, und zwar ähnlich dem Herzen in ausbreitendem und kontaktierendem Sinne, abwechselnd diastolisch und systolisch. Dieser Bewegung sei die Lunge übergeordnet und hätte ihren Ursprung in der Großhirnrinde. Diese Bewegung setze Flüssigkeiten in Bewegung, die den Körper beleben. Alle Gewebe und Organe würden dadurch in Bewegung gebracht. Leben sei Bewegung in einer rhythmischen Kontraktion. Die Flüssigkeiten beschrieb Swedenborg als spirituell und feiner als alle anderen Körperflüssigkeiten. Diese Flüssigkeiten erhielten ihre Kraft von der Seele.

Die Kortexbewegung werde passiv und reziprok auf die Dura übertragen. In der Expansionsphase des Gehirns werde die Dura gedehnt, während der Gehirnkontraktion werde sie entspannt. So entstehe eine reziproke Bewegung. Die Übertragung auf den Schädelknochen sei passiv. Swedenborg benutzte als Erster das Wort „reziprok“ für diese abwechselnde Bewegung.

1.1.3.4 Die fünf Prinzipien des PRM

Sutherland fasste sein kraniales Konzept in fünf wesentlichen Punkten zusammen. Diese waren die Grundlage für den primären respiratorischen Mechanismus (PRM) ▶ [10]▶ [24]. Wie wir sehen werden, sind vier von fünf Punkten auf Swedenborg zurückzuführen.

1. Das Gehirn und die Medulla spinalis haben eine inhärente Motilität. Sutherland beschrieb eine subtile, kraftvolle, rhythmische Bewegung des Gehirns (CRI – kranialer rhythmischer Impuls).

Er nannte die Expansion die Flexions- oder Inspirationsphase. Bei Swedenborg sehen wir hier auch die Expansion. Die Kontraktionsphase nach Swedenborg nannte Sutherland die Extensions- oder Exspirationsphase. Diese Bewegungen des Gehirns beschrieb er als Motilität. Die übertragene Bewegung auf die intrakranialen Membranen und Schädelknochen nannte er Mobilität. Die Motilität entsteht im Großhirn und Kleinhirn, spannt das spinale Mark mit ein und überträgt sich auf den ganzen Körper. Diese Bewegung des kranialen reziproken Impulses ist primär und laut Sutherland nicht gekoppelt an Herz- oder Atemfrequenz, auch wenn sie häufig hiermit synchron verläuft. Swedenborg beschrieb eine Vibration, ein Zittern in den Flüssigkeiten des Gehirns.

2. Fluktuation der zerebrospinalen Flüssigkeit. Synchron mit der Hirnmotilität fluktuiert die zerebrospinale Flüssigkeit. Anders als Swedenborg meinte Sutherland, dass die Flüssigkeit nicht zirkuliere, sondern sich in einem semi-geschlossenen System bewege.

3. Mobilität der reziproken Spannungsmembranen. Die intrakraniellen und intraspinalen Membranen folgen reziprok dem Rhythmus der Hirn- und Rückenmarksmotilität. Sutherland wählte den Terminus „reziprok“ analog zu Swedenborg. Die Dura behält eine Spannung im System, während sie sich reziprok in der Falx cerebri und dem Tentorium cerebelli mit dem Gehirn bewegt. Sie dienen dem Gehirn als Ligament, um dessen Bewegung zu kontrollieren und zu bremsen und um die Fluktuation der zerebrospinalen Flüssigkeit zu leiten. Die Dura verbindet das Gehirn mit den Schädelknochen und verbindet den Schädel (Os occipitale) mit dem Becken (Os sacrale).

4. Die Schädelknochen bewegen sich artikulär. In dem primären respiratorischen Mechanismus bewegen sich die Schädelknochen auf eine subtile rhythmische Weise unter Einfluss der Motilität. Auch hier beschrieb Sutherland eine Flexions- und Extensionsphase. In der Flexion wird der Schädel breiter (lateral) und kürzer (sagittal). Die SSB (Synchondrosis sphenobasilaris) steigt. Die paarigen Knochen des Schädels gehen dabei in eine Außenrotation. In der Extension findet der umgekehrte Weg statt. Es ist Sutherlands Verdienst, dass er die Bewegungen aller Schädelknochen detailliert beschrieben hat. Swedenborg erwähnte lediglich die Ossa frontale, parietale und occipitale.

5. Das Sakrum bewegt sich unwillkürlich zwischen beiden Iliumknochen. Dieser Punkt wird von Swedenborg nicht erwähnt. Sutherland beschrieb eine unwillkürliche Bewegung des Sakrums, welche korrespondiert mit dem CRI (kranialer rhythmischer Impuls). Diese Bewegung (Mobilität) wird von den intraspinalen Meningen (Dura mater spinalis) vom Okziput auf das Sakrum übertragen.

1.1.3.5 Körpertechniken

Wir würden Sutherland ungerecht werden, wenn wir seinen Namen nur mit der Osteopathie in der Schädelsphäre in Verbindung brächten. Es ist Sutherlands großer Verdienst, dass er die Behandlung sämtlicher Gelenke der Extremitäten und Wirbelsäule mittels direkten und v.a. indirekten Techniken beschrieben hat (Kap. ▶ 9) ▶ [30]. Mit den sogenannten Sutherland-Körpertechniken, oder Balanced Ligamentous Tension (BLT), werden Gelenk- oder Gewebemobilitätseinschränkungen über ligamentäre Stressreduktion behandelt.

1.1.3.6 The Breath of Life