Leiche sucht Autor -  - E-Book

Leiche sucht Autor E-Book

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Beschreibung

In einer leer stehenden Fabriketage hängt die Leiche eines international bekannten Künstlers von der Decke. Auf dem Tisch steht ein Laptop, davor eine Videokamera. Ansonsten ist der Raum so gut wie leer. Die Polizei wurde von einem anonymen Anrufer alarmiert. Bis die Einsatzkräfte jedoch vor Ort sind, vergehen Tage - ein Umstand, der deshalb noch schwerer wiegt, weil der Tote ein Schild mit der Ziffer 1 um den Hals trägt. Ausgehend von diesem rätselhaften Szenario lassen 12 renommierte Autoren ihrer Kreativität freien Lauf und spinnen die Geschichte weiter. Eine raffinierte, mitunter humorvolle Hommage an die Vielfalt der Perspektive und die spielerische Faszination möglicher Welten.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (1. Auflage 2013)

© 2013 by ars vivendi verlag

GmbH & Co. KG, Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Stefan Imhof

Korrektorat: Margit Schwab, Eva Wagner

Umschlaggestaltung: Caroline Orth

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-300-3

 

 

Leiche

sucht Autor

 

 

Petra Nacke (Hrsg.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ars vivendi

 

Wie es zu diesem Buch kam

 

Die Idee zu Leiche sucht Autor entstand durch einen Zufall. Ein Kollege hatte in einer Kurzkrimianthologie einen authentischen Fall als Vorlage verwendet, den ich für dieselbe Antho um ein Haar auch bearbeitet hätte. Krimiautoren sind ständig auf der Suche nach Stoff, und ganz offensichtlich waren wir beide zwecks Inspiration in derselben gerichtsmedizinischen Quelle auf »Raubzug«gegangen. Zunächst war ich erleichtert, einen anderen Stoff gewählt zu haben. Dann aber machte es »klick«: Warum eigentlich nicht den Zufall zur Regel machen? Warum nicht schauen, was passiert, wenn sich ein kleiner, feiner Autorenkreis ein und demselben Fall widmet, wenn jeder seine Geschichte von einer feststehenden Ausgangssituation her entwickelt? Glücklicherweise ließ sich der Verlag auf die Idee ein. Das Ergebnis war überwältigend. Zwar hatte ich darauf gesetzt, trotz der relativ eng skizzierten Vorgabe vollkommen unterschiedliche Geschichten zu erhalten – den ungeheuren Ideenreichtum meiner Kollegen hatte ich dennoch unterschätzt. Und so ist Leiche sucht Autor nicht nur eine spannende Kurzkrimisammlung, sondern gleichzeitig ein Beispiel für die Macht der Fantasie geworden. Danke an alle, die sich an diesem Experiment beteiligt haben.

Petra Nacke, Herausgeberin

 

Ausgangssituation

 

 

In einer verlassenen Fabriketage hängt die Leiche eines international bekannten Künstlers von der Decke. Auf einem Tisch steht ein Laptop, davor eine Videokamera. Ansonsten ist der Raum so gut wie leer.

Die Polizei wurde von einem anonymen Anrufer alarmiert. Bis die Einsatzkräfte jedoch vor Ort sind, vergehen Tage – ein Umstand, der deshalb noch schwerer wiegt, weil der Tote ein Schild mit der Ziffer »1« um den Hals trägt.

 

 

 

Friedrich Ani- Wie schön war doch die Kinderzeit

Wir kamen alle drei aus demselben Dorf. Bichl. Kennt niemand, aber wir wuchsen da auf und stellten Dinge an. Es waren die Sechzigerjahre, irgendwo wurden eine Mauer gebaut, ein Präsident erschossen, ein Krieg geführt, noch jemand erschossen, eine neue Musik erfunden, die Welt auf den Kopf gestellt, und in Bichl kippte ein Sack Kartoffeln um.

Clausi und ich waren nicht dran schuld. Obwohl wir dem Kartoffelbauern Riedmüller, sooft es ging, das Leben zur Hölle machten, meist, indem wir seine Schweine oder seinen Schäferhund quälten, der, wie Riedmüller immer behauptet hatte, aus der direkten Linie von Hitlers Blondi stammte. Auf so etwas war der Typ stolz. Und als sein Köter eines Morgens, schon fast vollständig ausgeblutet, am Maibaum baumelte, wünschte er den Tätern ein KZ an den Hals.

Niemand regte sich über den alten Riedmüller auf, er war und blieb ein Nazi, und das war in einem bayerischen Dorf ungefähr so selten wie ein Kuhfladen. Zigeuner und Neger – damals, in der ehrlichen Zeit, hießen sie noch so – galten als die wahren Dreckskerle, und der alte Bencke, Clausis Vater, duldete keinen von denen auf einer Gemeindewiese. Manchmal tauchten ein heruntergekommener Zirkus auf oder umherziehende Gaukler, unter ihnen oft schwarze Männer und Frauen – kein schöner Anblick für Hauptwachtmeister Bencke.

Keine Ahnung, ob er Hauptwachtmeister war oder Hauptkommissar oder Oberinspektor, er trug eine Uniform, das genügte. Er und seine vier Kollegen hausten in der Polizeiinspektion direkt neben dem Feuerwehrhaus. Am Wochenende führten sie Fahrzeugkontrollen durch, weil sie wussten, dass ab Freitagmittag jeder nur noch besoffen unterwegs war. Die Polizisten fanden ihr Auftreten irgendwie angemessen und faselten was von Respekt und dass man der Jugend beibringen müsse, sich im Straßenverkehr korrekt zu verhalten. So Zeug. Clausi schämte sich für seinen Vater und wurde deshalb von ihm regelmäßig verdroschen.

Das war normal. Väter verdroschen ihre Söhne, und ihre Töchter und Frauen genauso. Im Dorf war immer was geboten. Als Clausi sich in Silvia verliebte, brannte wochenlang die Hütte. Im übertragenen Sinn, denn die Zeiten unseres Feuerteufels waren vorbei. Dieser Kerl hatte sich ein Jahr lang in der Gegend herumgetrieben und mehrere Bauernhäuser und Lokale abgefackelt. Warum er das getan hatte, blieb ewig im Dunkeln. Der alte Bencke erwischte ihn bei einer Verkehrskontrolle, er sah die Benzinkanister im Kofferraum des verrosteten Volvo und stellte den Mann, einen dreiundzwanzigjährigen Sohn eines italienischen Gastarbeiters und einer griechischen Gastarbeiterin, zur Rede. Der Kerl legte an Ort und Stelle ein Geständnis ab, dann sagte Bencke zur Verblüffung seines Kollegen Herbert, er solle abhauen. Der Kerl drehte sich um und rannte los, woraufhin Bencke ihn von hinten erschoss. Angeblich pulte der Gerichtsmediziner drei Kugeln aus seinem Leib. Herbert war der einzige Zeuge und behauptete, der Kerl habe echt flüchten wollen, sodass sein Vorgesetzter gezwungen war zu handeln. Ob die Sache sich wirklich so abgespielt hatte, wusste niemand. Nicht mal Benckes eigener Sohn glaubte die Version, aber das war egal. Der Gastarbeiterbastard wurde in München beerdigt, wo seine Eltern lebten und wahrscheinlich dunkle Tränen heulten.

Zu der Zeit, als Clausi sich in Silvia verschaute, war sie noch mit Pit zusammen. Pit wohnte gegenüber der Gaststätte von Silvias Eltern und war schon mit dreizehn so was wie ein Künstler. Er bemalte Holzbretter, manchmal klebte er auch Federn und Papier drauf und sprühte eine Farbe drüber. Die Mädchen schmolzen nur so dahin. Mit seinen langen braunen Haaren und seinen unfassbar riesigen Augen sah Pit von Haus aus irgendwie kreativ aus. Jedenfalls für Leute auf dem Land und in einem Dorf wie Bichl, wo die Gesamtkultur aus dem alljährlichen Auftritt der »Oberbichler« bestand, einer Theatergruppe aus Vollpfosten, die in der Heimatbühne bayerische Stücke aufführte, die so originell waren wie ein Furz.

Und obwohl ich nichts von Kunst verstand, weder von Bildern noch von Musik oder Büchern, und mich ausschließlich für nichts interessierte, war Pit mein bester Freund. Ich kannte ihn seit meinem dritten Lebensjahr. Seine Mutter war Volksschullehrerin, sein Vater Apotheker in der Kreisstadt, wahnsinnig entspannte Leute, deren Wohnung immer aufgeräumt war und nach Früchten duftete. Und Pit war zwar so was wie ein Talentbolzen, aber überhaupt nicht aufgebläht oder angeberisch. Zumindest glaubte ich das damals, und vielleicht stimmte es zu der Zeit auch.

Er und Silvia trafen sich jeden Abend am See, manchmal hockte ich auch dabei, solange, bis ich den Eindruck hatte, er wollte jetzt mal loslegen. Dann machte ich mich auf den Weg zum Koglwirt, dem Gasthaus von Silvias Eltern, und trank zwei bis drei Helle. Ich war dreizehn, Pit vierzehn und Silvia siebzehn. Wahrscheinlich hatte sie mehr Erfahrung als wir alle zusammen, einschließlich Clausi, der sechzehn war.

Clausis Interesse an Silvia war vor allem sportlicher Natur, er wollte sie kriegen und besitzen, bis er alles wusste, und dann seine Erfahrungen an andere Mädchen weitergeben. Der natürliche Lauf der Dinge. Und er brauchte nicht lange zu sägen. Silvia und Pit waren schon fast ein halbes Jahr zusammen, eine Ewigkeit, und Clausi war ein großer, kerniger Typ, dem die Mädchen praktisch nachliefen. Silvia entflammte für ihn, also verließ sie Pit, und der war am Ende. Er fing an, Schnaps zu saufen und in besoffenem Zustand die Fenster des Koglwirts einzuschlagen. Kam der alte Bencke, schleppte er Pit auf die Dienststelle und sperrte ihn in die Zelle, die sie für Notfälle extra eingebaut hatten.

Pits Eltern bezahlten den Schaden und entschuldigten sich bei Silvias Eltern. Die waren nicht glücklich über die neue Beziehung ihrer Tochter, sie meinten, Pit hätte einen besseren Einfluss auf Silvia und er wäre nicht so ein vierschrötiger Bauernjunge wie der Clausi.

Ich fand, sie hatten recht, aber Silvia verspürte wohl gerade das unstillbare Verlangen nach etwas Vierschrötigem, und so blieb Clausi etwa vier Monate an ihrer Seite. Dann schlief sie noch einmal mit Pit und dann einmal mit mir.

»Hat’s dir nicht gefallen, Tschollner?«, fragte sie hinterher. Wir lagen in einem Heuschober auf einer der riesigen Riedmüller-Wiesen am Rand des Dorfes.

»Doch«, sagte ich und entheute meine Haare.

»Weil du so komisch schaust.«

»Hat mir gut gefallen.« Ich war mir nicht ganz sicher, was sie alles mit mir angestellt hatte, ich hatte einfach die Augen geschlossen und mich ihr hingegeben. Doch ich fühlte mich erleichtert und stark.

»War das erste Mal für dich, oder?«

»Ja«, sagte ich.

»Hast du gut gemacht.« Sie lächelte und drückte mir einen Kuss auf die Wange. »Hör mal, Tschollner, dein Freund Pit hat sich zu einem ganz schönen Arschloch entwickelt. Er macht mit drei Mädchen parallel rum, und ich hab gehört, dass die Mutter von der Manuela auch was mit ihm haben soll. Stell dir das vor. Die ist doch uralt.«

Von der Sache hatte ich auch schon gehört, und ich weigerte mich, sie zu glauben. Gleichzeitig war ich mir fast sicher, dass sie stimmte.

»Was sagst du dazu, Tschollner?«

Tschollner war mein Spitzname, niemand sagte meinen richtigen Namen, nicht einmal meine Mutter. Wo der Name herkam, hatte ich vergessen, ich war schon im Kindergarten so genannt worden.

»Das ist alles Blödsinn«, sagte ich. »Pit ist mein Freund.«

»Schon klar.«

Ich wollte nicht darüber reden. »Wie ist es in der Stadt?«, fragte ich stattdessen. »Wo wohnst du da?«

Vor drei Monaten hatte Silvia Abitur gemacht. Am nächsten Tag war sie nach München gezogen, wo sie Betriebswirtschaft studieren und eine Hotelfachschule besuchen wollte. »Bei einer Freundin. Aber ich such mir bald eine richtig große Wohnung, und dann machen wir eine WG, du, ich, der Clausi und Pit.«

»Wieso denn?«

»Weil wir alle aus demselben Dorf kommen. Und damit wir in der Stadt nicht verloren gehen.«

»So eine blöde Idee.«

Ein Jahr später zog Claus nach München, weitere zwei Jahre später Pit und ich. Wir wohnten in einer Fünfzimmerwohnung am Habsburgerplatz, und außer Silvia ging niemand von uns auf die Uni.

Pit arbeitete als Zeichner für eine Werbeagentur, bewarb sich nebenher an der Kunstakademie und malte wie ein Besessener ein Gemälde nach dem anderen. Claus hatte sich für die Polizeifachhochschule entschieden und strebte eine Zukunft als Hauptkommissar in der Mordkommission an. Und ich hatte – wie mein Vater, bevor meine Mutter ihn erhängt im Schuppen fand – im Baumarkt einen Job als Gabelstaplerfahrer. In meiner Freizeit erledigte ich Auftragsarbeiten für Rottmann, den Besitzer eines Nachtclubs im Norden der Stadt. Ich hatte ihn bei meinem ersten Besuch in dem Club kennengelernt, wir kamen ins Gespräch, und als ich ihm eine Woche später einen albanischen Konkurrenten vom Hals schaffte, fasste er Vertrauen und stellte mich quasi an. Er bezahlte mich monatlich, und ich konnte mir die Arbeitszeit so einteilen, dass sie nicht mit meinen Pflichten im Baumarkt kollidierte. Angenehm und praktisch.

Über eine Galerie in Schwabing verkaufte Pit inzwischen seine ersten Bilder, auch bemalte und beklebte er Holzarbeiten und was er sonst noch so bastelte. Claus schaffte allen Ernstes die Prüfung in den gehobenen Dienst und fing bei der Kripo an. Auch bei Silvia lief alles reibungslos, abgesehen von ihren Beziehungen, die jeweils nach spätestens acht Monaten scheiterten. Dann tröstete sie sich mit Pit, aber der verarschte sie fundamental, besonders seit er fast eine Berühmtheit geworden war, regelmäßig zu Ausstellungen in England und Frankreich eingeladen wurde und Verhältnisse mit etwa vier Frauen gleichzeitig unterhielt. Außerdem besuchte er regelmäßig das Mietzy, jenen Nachtclub, dessen Besitzer Rottmann hieß. Ich wusste immer, wann er dort aufschlug, meist mit zwei oder drei Freunden, ebenfalls Malern, die offensichtlich einen Haufen Geld besaßen und die Mädchen wie Billigware behandelten. Gelegentlich artete das Benehmen von Pit und seinen Kumpanen aus, dann warf Rottmann sie auf die Straße. Aber sie kamen wieder, entschuldigten sich, schmissen mit Geld um sich und forderten von den Mädchen, dass diese sich schlagen oder sonst wie traktieren ließen.

Eines der Mädchen, Gely, verliebte sich tatsächlich in den gut aussehenden, selbstbewussten, erfolgreichen Pit, und er tat so, als hätte er sich in sie verliebt. In unserer Wohnung prahlte er mit ihr und machte sich über ihre Naivität lustig.

»Die ist eine Nutte«, sagte er, »und glaubt echt, dass ich mich in so eine Schlampe verlieb. Die nehm ich noch ein paar Mal her, und dann kommt die auf den Müll, ist ja ekelhaft, wie die mich anmacht. Als Nutte, verstehst du? Dieser Laden ist so lausig, aber ich mag ihn, er ist nicht so teuer, und die Nutten stellen keine Ansprüche. Bis auf die Gely, die will jetzt Liebe. Arme Sau.«

Natürlich hatte er keine Ahnung, dass ich den Laden gut kannte, und auch Rottmann wusste nichts von Pits und meiner Vergangenheit. Einen Monat, nachdem Pit sich in unserer Wohnung über Gely ausgelassen hatte, wurde die Leiche der jungen Frau auf einem Autobahnparkplatz nicht weit entfernt vom Mietzy gefunden. Der Mörder hatte sie erstochen. Der frischgebackene Hauptkommissar Claus Bencke gehörte zum Ermittlerteam und befragte sämtliche Mitarbeiter des Clubs. Von Täter und Tatwaffe fehlte jede Spur. Die Rekonstruktion der letzten Stunden in Gelys Leben erwies sich als äußerst schwierig, da sie an diesem Tag frei gehabt und sich mit keiner Freundin getroffen hatte. »Möglicherweise hat einer ihrer Freier sie umgebracht«, meinte Claus, als wir einige Tage später gemeinsam ein Bier am Küchentisch tranken.

Silvia war mittlerweile ausgezogen. Pit war eh dauernd unterwegs und Claus fast Tag und Nacht im Dienst, sodass ich viel Platz für mich allein hatte, zumal ich nur noch drei Tage in der Woche im Baumarkt arbeitete, weil ich bei Rottmann wesentlich mehr Geld verdiente.

»Wir haben eine Menge Spuren in ihrem Auto gesichert«, sagte Claus. »Leider können wir keine einzige zuordnen, der Täter ist nicht registriert, er hat noch nie eine Straftat begangen.« Im Lauf der Zeit hatte mir Claus viel über die modernen Fahndungsmethoden und die Arbeitsweise der Mordkommission erzählt, über Tatortanalysen und Vernehmungstechniken, und ich hatte immer gern zugehört. Aus dem vierschrötigen Bauernschädel war ein schlaubauchiger Bullenkopf geworden.

Für Rottmann stand fest, wer die arme Gely ermordet hatte, und für mich auch. Ich sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen, wir bräuchten die Polizei nicht.

Da er mir vollkommen vertraute, ließ er mir freie Hand. Auf meinen regelmäßigen Fahrten nach und von Milbertshofen, einem der nördlichsten Stadtteile Münchens, waren mir immer wieder alte Gebäude und Fabrikhallen aufgefallen, die vermutlich nur aus Kostengründen noch nicht abgerissen worden waren. Eine dieser Hallen hielt ich für den idealen Ort, um eine ungewöhnliche Ausstellung zu organisieren. Pit erzählte ich, dass ich in der Zeitung einen Bericht über das Gebäude gelesen hätte und die Stadt als Eigentümerin eine vorübergehende Nutzungslösung suche, am besten auf dem Gebiet der Kunst.

Pit drehte fast durch vor Begeisterung. Einer seiner Galeristen hatte irgendwo in London ein ähnliches Projekt verwirklicht und Tausende von Besuchern angelockt.

Wir fuhren in meinem Opel hin, um das Objekt zu begutachten. Die ehemalige Maschinenbauhalle bestand aus mehreren Ebenen, war lichtdurchflutet und bot riesige Wände zum Bilderaufhängen.

»Sauber, oder?«, sagte ich.

Pit nickte, rauchte sein Zigarillo, sprang herum wie ein durchgeknalltes Kind. Als er mich an sich drückte und mich auf den Mund küsste, zog ich die Paketschnur aus der Tasche, wickelte sie mehrmals um seinen Hals und zog zu. Das anschließende Gezappel erinnerte mich an meinen Vater damals, es hatte mindestens eine Minute gedauert, bis er endlich still gewesen war, und ich ihn in den Schuppen hängen konnte. Meine Mutter, die er mindestens so mies behandelt hatte wie Pit später die Huren, fand die Leiche am nächsten Morgen.

Bis jemand Pits Leiche entdeckte, würden, so vermutete ich, mehrere Tage, wenn nicht Wochen vergehen. Ich steckte seinen Kopf in die Schlaufe des Seils, das ich extra mitgebracht hatte, und hängte ihn an einem Balken auf.

Um die fabelhafte bayerische Kriminalpolizei etwas anzuspornen, stellte ich noch einen billigen Laptop, den ich secondhand gekauft hatte, und eine nicht minder bedeutungslose Videokamera auf den wackligen Tisch in der Ecke. Vorher hatte ich mit der Kamera den dahängenden Pit gefilmt. Mein Kommissarsfreund und seine Leute würden sich das Hirn zermartern, was diese Installation zu bedeuten hätte und welche Hinweise auf den Täter sie enthielte.

Und in Erinnerung an seine Anfänge als bildender Künstler hängte ich Pit ein Schild aus Holz um den Hals, auf das ich mit krakeliger Schrift eine rote »1« gemalt hatte. 1 für »Arschloch Nr. 1«.

Perfekt.

Ich saß auf dem Balkon unserer Wohnung am Habsburgerplatz und dachte an die schöne Kinderzeit im Dorf und daran, dass unsere Eltern uns alle mit so großen Hoffnungen aufs Gymnasium geschickt hatten. Und beim nächsten Bier überlegte ich mir, wie ich das frei gewordene Zimmer einrichten sollte, das selbstverständlich mir zustand, und nicht diesem Ersatz-Columbo Clausi.

Veit Bronnenmeyer – Königsblau N° 1

Die ersten 48 Stunden nach einer Straftat sind die wertvollsten. Ein Großteil aller Kapitaldelikte kann aufgrund von entscheidenden Hinweisen oder Fahndungserfolgen aufgeklärt werden, die in dieser Zeit den Ermittlern bekannt werden oder gelingen. So machen es die Profis, die Cracks, die Gewinnertypen. Dieser Fall hier ist aber in einer Gegend angesiedelt, die schon lange nicht mehr zu den Gewinnern gehört. Es spielt keine große Rolle, welche statistische Verteilung man sich ansieht, und es ist sogar egal, ob es sich bei der Darstellung um eine Karte Bayerns oder der gesamten Bundesrepublik handelt: Sie können mit Sicherheit davon ausgehen, dass diese Gegend immer dunkel ist. Dunkelblau oder dunkelrot, je nachdem, was gerade das negative Ende der Farbskala ist. Seien es Arbeitslosenzahlen, Wanderungsverluste, Altersstruktur oder Selbstmorde – hier ist es immer schlimm, und man möchte keinem jungen Menschen, keinem Asylbewerber, ja nicht einmal einem tschechischen Wolf zumuten, größere Teile seines Lebens hier verbringen zu müssen. Zwar war das nicht immer so, aber wir wollen uns nicht zu weit vom primären Gegenstand dieser Geschichte entfernen. Es sollte nur verdeutlicht werden, wie es kommen konnte, dass eine Leiche, noch dazu die eines für hiesige Verhältnisse sehr bekannten Künstlers, für relativ lange Zeit unentdeckt an der Decke einer längst aufgegebenen Porzellanfabrik baumelte, bevor sie von der eigentlich schon lange verständigten Polizei abgehängt wurde.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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