Leicht² - Jens K. Berg - E-Book

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Jens K. Berg

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Beschreibung

So einiges sammelt sich im Leben an. Viele dieser Schätzchen sind rein individueller Natur; man verbindet etwas damit, was den Wert unermesslich steigert. Andere dagegen sind Trödel. Auch Helmut hat vieles angesammelt. Eines Tages ist er die Unordnung leid. Ausgerechnet in der Schreibtischschublade findet er einen Gegenstand aus seiner Jugend. Allerdings hat er die Audiokassette niemals darin selbst hineingelegt. Dann die Überraschung: Er hat sie vor Jahren besprochen. Zu seiner Verwunderung hat seine Nachbarin wieder ein Päckchen angenommen, indem ein Abholschein ist, der genauso alt wie Helmut ist. Dieser Beleg führt ihn zu einem alten Bekannten: dem Münzhändler. Von da an passieren Dinge, mit denen niemand rechnet. Und dann kommt dieses außergewöhnliche Gewitter.

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Seitenzahl: 287

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Das Buch

So einiges hat sich in Helmuts Leben angesammelt. Viele dieser Schätzchen sind rein individueller Natur, andere dagegen Trödel. Eines Tages ist er der Unordnung leid. Ausgerechnet in der Schreibtischschublade findet er einen Gegenstand aus seiner Jugend. Allerdings hat er die Audiokassette niemals darin hineingelegt. Dann die Überraschung: Er selbst hat sie vor Jahren besprochen. Zu seiner Verwunderung erreicht ihn wieder ein Päckchen, indem er einen vergilbten Abholschein findet. Dieser Beleg führt ihn zu einem alten Bekannten: dem Münzhändler. Von da an passieren Dinge, mit denen niemand rechnet. Ein außergewöhnlich heftiges Gewitter kommt bedrohlich nahe, entreißt ihn der Gegenwart. Nachdem Helmut zu sich kommt, kann er sich an nichts mehr erinnern …

Der Autor

JENS K. BERG wird 1965 geboren. Seine Liebe zu Büchern findet er durch alte Klassiker. Bereits in den Achtzigerjahren entsteht der Wunsch zu schreiben. Unter Pseudonym veröffentlicht er Anfang 2000 zahlreiche Texte. Sein erster Roman erscheint 2007. Mit LEICHT legt er eine amüsant kurzweilige Gegenwarts-Geschichte vor, die mit manchen alltäglichen Überraschungen aufwartet. Zurzeit arbeitet er am dritten Teil, der anlässlich des dreißigsten Jahrestages der friedlichen Umwälzung Ostdeutschlands 2019 erscheinen soll.

FÜR ALLE,DIE ES LEICHT NEHMEN

Handlungen und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit ist rein zufällig und ungewollt. Vor etwaigen Schäden bei Nachahmungen übernimmt der Autor keine Haftung. Bei Nebenwirkungen hinterfragen Sie sich bitte selbst und/oder überprüfen Ihr Evolutionswissen.

Es ist …

… ein offenes Geheimnis, dass die Zeit wie Sand verrinnt. Nur spricht kaum jemand darüber, wird dadurch einem doch die Vergänglichkeit nur allzu bewusst. Rückblickend fühlen sich Jahre an wie Momente, die wie ein Meteorit an der Erde vorbei rauschen. Nur dass man selbst dabei gewesen ist und es erlebt hat. Viel bleibt nicht mehr übrig. Die schönsten Stunden haften lebenslang im Gedächtnis, werden mit der Zeit rosarot eingefärbt und erfahren eine besondere Art der Verklärung. Weniger schöne Stunden hingegen versinken in der Nacht, in der Hoffnung, nie wieder daran erinnert zu werden. Ganz schlechte lassen sich nicht so einfach ins Verlies einsperren; sie drängen in unregelmäßigen Abständen an die Oberfläche, wie Denkmäler sind sie Teil der Persönlichkeit.

Darüber zu sinnieren ist mühselig. Helmut hat es schon vor langem aufgegeben, philosophiert aber gerne darüber. Früher wäre dies undenkbar gewesen. Doch mit dem Alter vertiefen sich die Gedanken und ergründen so manches Geheimnis. Jedenfalls versucht er es. Einige Philosophen vertreten recht eigenartige Ansichten. Wortgewandt und mit fremden Begriffen um sich werfend, vermitteln sie den Anschein, hochintelligent zu sein und über Allem zu stehen. Helmut könnte bei solchem Geschwafel einfach nur kotzen.

Wobei einige Gedanken vielleicht gar nicht mal so dumm sind …

Ja, die Zeit. Eine Erfindung des Menschen, um eine Einteilung vornehmen zu können. Um sich zu orientieren, was wann war; wenn möglich mit Tageszeit. Penibel festhalten, um Statistiken nähren zu können. Das macht den Menschen aus! Nicht die kleineren Dinge des Lebens. Sich einfach an etwas erfreuen, was die Natur hervorgebracht hat. Oder für sich selbst Zeit zu haben. Alles ist verquickt mit ihr – der Zeit: Aufstehen, Arbeit, Freizeit, Urlaub, Schlafengehen. Alles ist dem menschlichen Rhythmus untergeordnet, und der Mensch ist Sklave der Zeit.

Paradox. Man erfindet etwas und hat doch nichts davon.

Manchmal würde Helmut gern allem entfliehen. Aussteiger gibt es genug, nur werden sie meistens totgeschwiegen. Und schwer haben sie es auch. Von der Gesellschaft an geschielt, vielleicht sogar verstoßen, leben die Aussteiger von dem, was Mutter Natur bietet. Und ohne moderne Haushaltsgegenstände lebt es sich ebenfalls recht gut. Doch ganz darauf wollte er nicht verzichten. Keinen Strom zu haben ist vielleicht ab und zu ganz angenehm für gewisse Stunden der Zweisamkeit. Aber für länger?

Helmut schüttelt den Kopf und stößt ein »Nein« aus. Das Ertönen seiner Stimme holt ihn in die Gegenwart zurück.

Es könnte so einfach sein! Leicht! Stattdessen wird es verkompliziert noch und nöcher. Man selbst trägt dazu bei. Mit jeder Entscheidungsfindung, mit jedem Gedanken abzuwägen. Anstatt es einfach auf einem zukommen zu lassen. Nein – alles muss geplant und durchorganisiert werden!

Was haben die denn früher gemacht? Da gab es zwölf Stundenschichten – und das zum Hungerlohn. Davon leben unmöglich. Keine Krankenversorgung. Die Industrialisierung schuf Armut und Not. Billige Arbeitskräfte im frühen Stadium des Kapitalismus. ‒ Fast wie heute. Viele können auch nicht mehr vom Lohn leben.

Wie schrieb einst Marc Aurel? »Ohne Anmaßung nehm an, ohne Bedauern gib hin.«

Ein langgezogener Seufzer kommt über seine Lippen.

Manche Tage sind voll von solchen Gedanken, die von Selbstzweifeln begleitet werden und ein Karussell in Gang setzen, dem man sich nur schwerlich entziehen kann.

Womit Helmut wieder am Ausgangspunkt seiner Überlegungen angelangt ist. Gedankenschwere kann man nur mit Gegensätzlichen bekämpfen! Er zieht die Schreibtischschublade auf und kramt darin herum. Was genau er sucht, entzieht sich derzeitig seiner Kenntnis. Egal. Aufs Geratewohl wühlt er sich durch allerlei angehäuften Krimskrams. Erstaunlich, was man doch alles so sammelt. Ob es Sinn macht oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Hauptsache der innere Jäger & Sammler wird befriedigt. Man gönnt sich ja nur selten etwas…

Diverse angelaufene Münzen, irgendwann einmal gefunden und achtlos diesem Sammelsurium hinzugefügt, liegen überall verstreut herum. Vergilbte eingerissene Fotos erwecken schon eher sein Interesse.

›Ich sollte mal gründlich aufräumen‹, denkt Helmut.

Liebevoll nimmt er die Fotos, legt sie auf dem Schreibtisch auf einen Haufen. Einige der Papierabzüge sind fleckig und die Ecken eingeknickt. Geht man so mit Erinnerungen um? Wären sie ihm jemals wichtig gewesen, hätte Helmut sie bereits digitalisiert oder zumindest in einem der zahlreichen Bilderalben eingeordnet.

So wichtig können sie also nicht gewesen sein!

Irgendwie ist er gerade genervt. Entschlossen zieht er die ganze Lade aus der Halterung und stellt sie ebenfalls auf dem Tisch. In den Ecken liegt Schmutz. Widerlich! Helmut bläst in einer der Ecken und wird sofort vom aufgewirbelten Staub eingehüllt. Er hustet und wedelt sich frische Luft zu.

Hilft nichts! Alles raus!

Nadeln von irgendwelchen neu gekauften Hemden sind ebenfalls zu finden, wie alte Glühbirnen mit einer E14-Fassung. So ist das, wenn man sich von Nichts trennen kann! Kommt nun endgültig in den Müll!

Kleine Notizzettel, zerknitterte Einkaufsbelege, et cetera. Papierkorb. Rechnungen von… Moment … uralt …weg damit!

Ganz hinten liegen abgenutzte Bleistifte. Die nimmt eh kein Mensch mehr! Tablet & Co sind die heutigen Schreibutensilien. Gerade wird ihm bewusst, wie abhängig er doch von den modernen Gerätschaften geworden ist. Stets eine Powerbank dabei, damit ja nicht der Saft ausgeht. Früher reichte ein Block und ein Stift. Wie die Zeiten sich doch ändern…

Er zwinkert bewusst, um die Überlegungen wegzuschieben. Weiter im Text!

Eine hüllenlose Uralt-Audiokassette kommt zum Vorschein. Darauf ist mit Kuli ein Datum gekritzelt. Das blau-weiße Label weist Fingerabdruck-Spuren auf. Was da wohl drauf ist? Bestimmt irgendwelche Radio-Mitschnitte von vor … Helmut kann sich fast nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal am Kassettenrekorder saß und aufgenommen hat. Zu lange her! Verdammt lange her …

Von Neugier gepackt, denkt er darüber nach, ob er noch ein Kassettendeck sein eigen nennt, oder ob es schon in den ewigen Jagdgründen gelandet ist. Schließlich will man ja auf der Höhe der Zeit bleiben und mit dabei sein, wenn moderne Medien Einzug halten. Es gab ja mal eine Zeit, in der über Jahrzehnte hinweg diesbezüglich Stillstand herrschte. Von Vorteil allerdings war damals, dass man – mit etwas Geduld und Geschick – selbst die Teile reparieren konnte. Heutzutage ist alles nur auf Verschleiß ausgelegt. Ersatzteile und deren Einbau, der nur vom fachkundigen Personal durchgeführt werden kann, schlichtweg überteuert; da lohnt sich gleich die Neuanschaffung. Und dadurch wird natürlich der Markt am Laufen gehalten.

Also – wo ist der alte Kasten, der das Band abspielen kann?

In der Bewegung verhaltend, grübelt er. Geht gedanklich Jahre zurück, um etwaige Hinweise auf den Verbleib der alten Stereo-Maschine zu erhaschen; Maschine ist genau der richtige Ausdruck dafür. Er muss schmunzeln. Das Ding war groß und schwer; nicht zu vergleichen mit den neumodischen leichten Grams. Überhaupt ist alles viel kleiner und leichter geworden. Auf einem digitalen Player passen ganze Sammlungen drauf, und ein Leben reicht nicht aus, um alles anzuhören. Tausende von Dateien schlummern allein auf seinen Laptop. Die vielen Sticks nicht mitgezählt …

Aber es ist verdammt einfach heute, eine Party mit Musik zu versorgen. Und wenn ein bestimmtes Lied nicht auf dem mitgeführten Datenträger vorhanden ist (und das kommt viel zu häufig vor), wird gestreamt.

Trotzdem sind alte analoge Schätze jederzeit willkommen und ein Ausflug in die eigene Vergangenheit.

›Wo also zum Kuckuck hab ich das Kassettendeck?‹

Auf den Weg in den Keller kommt Helmut der Gedanke, dass er noch in die Schule gegangen sein muss, als er mit den Kassetten und Platten hantierte. War irgendwie aufregend. Eine regelrechte Jagd nach Titeln, die eingängig gewesen sind, aber im Radio nur selten oder gar nicht gespielt wurden. Mein Gott, wie viele Raubkopien es gegeben haben muss! Jeder in seinem Umfeld hatte einschlägige Songs gesammelt. Die Meisten wurden hinter vorgehaltener Hand getauscht, und galten nicht selten als anerkanntes Zahlungsmittel unter Freunden; jedenfalls als Anreiz, um die wartende Zeit spürbar zu verkürzen. Nicht offiziell lizenzierte Alben von ausländischen Interpreten brachten schon mal einige Quadratmeter von Fliesen ein. Das waren noch Zeiten…

Inzwischen im Keller angelangt, öffnet Helmut den alten großväterlichen Schrank. Es ist der einzige Ort, um so ein ehemaliges gutes Stück aufzubewahren. Aber – nix drin!

Enttäuscht, über den Misserfolg, verliert er schlagartig die Lust darauf.

Um nicht andere alten Dinge neu zu entdecken, schließt er die Tür sorgfältig. Boden! Ja, im obersten Stock könnte er fündig werden. Also: Abmarsch!

Die Kellertreppen sind das kleinere Übel. In der ersten Etage des Hauses atmet er kurz durch. Nur keine Eile, Helmut, hämmert es in seinem Kopf. Bist doch kein D-Zug mehr!

Oben angekommen, öffnet er die Deckenluke und klappt die Holzleiter herunter. Knarrend überwindet er den letzten Abschnitt seiner Suche. Kälte schlägt ihm entgegen. Das Dach ist nicht extra isoliert, deshalb herrscht meistens Durchzug. Nur im Hochsommer ist es hier oben kaum auszuhalten.

Kleinere, ehemalige Schränke einer alten Wohnzimmereinrichtung fristen ihr Dasein als Lagerplatz. So sind die darin verstauten Sachen weitestgehend vor Staub geschützt. Überall auf dem Boden liegen verendete Fliegen und ausgedorrte Spinnenleiber herum. Widerlich! Das Getier kreucht aber auch überall herum!

Ist schon paar Tage her, dass Helmut diese heilige Halle betreten hat. Am Fenster webt eine Spinne an ihrem Netz, vor dem schon potentiellen Opfer herumschwirren. Im Zwielicht überfliegt sein Blick die aufgestapelten Kisten, in denen alte Schätze die Zeit überdauern. Vermutlich werden sie da nochmal so lange liegen, wie bisher.

Eine Erkenntnis, die er jetzt lieber nicht näher beleuchtet.

In der hintersten Ecke, und natürlich im Halbdunkel, glaubt er, diesmal fündig zu werden. Die Schranktür klemmt. Quietschend lässt sie sich aufziehen. Und da prangt das Prachtstück alter Tage! Die dicke Staubschicht und die Insektenreste stören Helmut im Moment gerade wenig, hat er doch gefunden, wonach ihm begehrt.

Fast ehrfürchtig zieht er das veraltete Relikt heraus. Pustet die Rückstände weg, die in einer Wolke langsam hinab schweben. ›Ganz schön schwer‹, denkt er ächzend. ›Und dann heißt es immer, es sei leichte Musik …‹

Das Gerät unter den Arm geklemmt, das Kabel lässig übergeworfen, geht es an den Abstieg. Stufe für Stufe ertastend klettert er rückwärts hinunter; immer darauf bedacht, ja nicht das Kassettentonband loszulassen! Sowas gibt es heute ja nicht mehr; höchstens im Internet unter Gebrauchtwaren-Handel zu horrenden Preisen.

Oft hat Helmut darüber nur mit dem Kopf geschüttelt, als er die Zahl hinter dem Euro-Zeichen gesehen hat. Dagegen war ein gebrauchter Trabi zu Honeckers Zeiten billig (natürlich nur, wenn man die Verhältnismäßigkeit berücksichtigt).

Im Arbeitszimmer stellt er das Gerät vorsichtig auf den Tisch. Noch den Stecker in die Netzsteckdose und dann die Kassette eingelegt.

Als der Strom durch die veraltete Technik rast, wird ein hoher Ton hörbar, der die Schaltkreise zum Leben erweckt. Klackend fährt das Kassettenfach auf. Das Band eingelegt, die Lade geschlossen und auf Wiedergabe gedrückt, geschieht genauso geübt wie damals. Die LEDs zucken stumm im Takt.

Was ist los?

Stopp – Wiedergabe – nichts…

Helmuts Stirn kräuselt sich. Ist da etwa nichts drauf? Schwer vorstellbar. Irgendwo muss doch der Lautstärkeregler sein … Vergeblich sein Bemühen, einen zu finden.

Ach du scheiße …

Das Ding braucht ja noch einen Verstärker! Moment, vielleicht passen ja Kopfhörer? Innerlich will Helmut schon jubeln, nachdem er den dafür notwendigen Anschluss entdeckt. Aber die Freude währt nur kurz – fünf-polig!

Fast dreißig Jahre gibt es solche Peripheriegeräte schon nicht mehr. Was jetzt?

Wieder rotieren seine Gedanken. Irgendwo schwirrt noch eine Kiste mit solchen Kabeln herum. Wenn er sich genau besinnt, dann hat er die aufgehoben. Nur wo? Boden? Keller?

Ermüdend. Was ein unverhoffter Fund doch ausmacht …

Sich die ganzen Kisten jetzt vorzunehmen, grenzt an Zeitverschwendung. Dazu hat er gerade keinen Bock. Oder siegt vielleicht doch das Verlangen, die Neugier zu befriedigen?

Sie siegt.

Schon fünf Minuten später hockt er im Schneidersitz und stöbert in den Kartonagen herum. Was er nicht alles aufgehoben hat! Vierzig Jahre altes Spielzeug! Loks und Zubehör der alten Eisenbahnanlage. Schulhefte. Und jede Menge Bücher. Aber keine Kabel, die er jetzt so dringend sucht.

Münzen und kleine Zinnfiguren trösten ein wenig hinweg, nicht gleich fündig zu werden. Helmut erliegt in den Sachen dem Rausch längst vergangener Tage. Kindheitsbilder flackern auf. Auf seinem Gesicht setzt sich ein verträumtes Lächeln fest.

Eine geschlagene Stunde später hält Helmut plötzlich das gesuchte Kabel in Händen. Einmal den veralteten Anschluss auf Klinke, fertig! Die hinterlassene Unordnung will er später aufräumen. Manchmal leistet er sich solchen Luxus. Dann kann es schon mal passieren, dass die Sachen Tage oder Wochen herumliegen. Sei ‘s drum! Jetzt gelten andere Prioritäten.

Die nächste Schwierigkeit ist schnell überwunden. In der antiquierten und völlig zu dekorierten Schrankwand macht Helmut Platz. Abspielgerät anschließen, über das Kabel mit der Stereo-Anlage verbinden. Eigentlich ein Kinderspiel.

Die Wiedergabetaste rastet deutlich hörbar ein. Dann erklingt aus den Lautsprechern eine seltsam verzerrte Stimme …

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1.

Es trifft Helmut wie ein Schlag. Die unbeholfene, stolpernde Stimme gehört zweifelsfrei ihm. Peinlich! Er könnte in den Boden versinken! Allein dafür hat sich der Aufwand schon gelohnt. Dass diese Aufnahmen überhaupt noch existieren, grenzt an ein Wunder. An einige solcher Versuche eines Audio-Tagebuchs kann er sich dunkel erinnern. Die Angst, dass die Kassetten allerdings von Nichtautorisierten abgehört werden konnten, brachte ihn davon ab, weitere aufzunehmen. Sein Sicherheitsempfinden war schon damals hoch ausgeprägt. Und vermisst hätte er wahrscheinlich auch nicht gleich eine, wenn die unrechtmäßig ausgeborgt worden wäre. Nein, das war ihm zu heikel.

Nun also hat es doch eine Kassette geschafft, die Jahre zu überdauern. Aber wieso lag diese im Schreibtisch? Ein Phänomen, das er in letzter Zeit schon öfters beobachtet hat. Plötzlich findet er Dinge, die er an anderer Stelle vermutet. Von einigen hatte er sogar angenommen, sie nicht mehr zu besitzen…

Der junge Helmut spricht gerade von einem Ereignis, an den sich der Ältere nicht mehr erinnern kann. Gespannt lauscht er seinen damaligen Ausführungen.

Das ist echt urst, was ich geträumt hab, Leute. Bin geflogen. Ganz weit hoch! Das hat gefetzt! Oh man, wie die geguckt haben. Die waren sowas von neidisch ... Und die Mädels haben mich richtig angehimmelt. Besonders Silke. Hätte ich nie gedacht. Die hat ja nen Freund. Aber mich hat sie angehimmelt. Kannst kein erzählen. Wer das nicht selbst gesehen hat, glaubt ‘s nicht. Warum kann das nicht mal in echt passieren? Endlich mal ernst genommen zu werden! Aber nein – bin ja der Niemand. Na ja, lebt sich auch nicht schlecht damit, hab ich wenigstens meine Ruhe. Das ewige Gezicke und Geplärre. Geht mir tierisch auf ‘m Keks. Könn die nich mal normal sein? Und Torsten ist der Ober-Klugscheißer … Der hat doch tatsächlich heute in der Pause gemeint, dass unsere Freunde die erste Weltraum-Nation wären, die eine Rakete zur Venus schicken werden. Den Amis wär dies zu teuer. – Wem interessiert das schon. Wer so was erlebt, was ich erlebt hab, braucht keine Venus mehr. Dann geht alles allein, ich meine, ohne Hilfe … Hilfsmittel … Technik und so …

An Torsten hat er nicht die besten Erinnerungen. Den konnte er nie leiden! So ein aufgeblasener Fatzke! Aber die Mädchen standen auf ihn. Torsten war so was, wie der Inbegriff der Erfüllung von Jungens-Träume. Überall der Beste, außer in Deutsch. Wenn es darum ging, das jährliche Lieblingsbuch vorzustellen, haperte es gewaltig. Was der stotterte…

Helmut lacht. Was für eine Zeit! Verrückt, gerade jetzt darin zu schwelgen.

Es klackt. Eine neue Aufnahme wird gestartet.

Scheiß Regen. Sitze allein rum. Keiner hat Zeit. Vater meint, dass es sich einregnet und die nächsten Tage so bleibt. Kotz-Wetter. Bleibt nicht viel. Vielleicht lese ich ja noch was. In der Flimmerkiste kommt nichts. Scheiß Langeweile …

Solche Tage gab es genügend. Weil er mit den meisten seiner Klasse nichts zu tun haben wollte, musste er sich wohl oder übel arrangieren. Da half Helmut auch die alte Schellack-Sammlung, die er von Opa geerbt hatte.

Er spult die Kassette ein Stück vor. Ist interessant, sich so reden zu hören. Wird aber schnell langweilig. Das Meiste ist überholt, anderes wirkt heute lächerlich. Es ist nicht wert, für die Nachwelt aufgehoben zu werden.

»… keine Angst, keine Angst, Rosmarie …«, plärrt es aus den Lautsprechern. Da ist doch wirklich ein Musik-Schnipsel seiner damaligen ›Lied-Parade‹ übergeblieben. Helmut hält die Luft an.

»… tobt das wilde Meer!

O, seht ihn an, o, seht ihn an:

Dort zeigt sich der Klabautermann!

Doch wenn der letzte Mast auch bricht,

wir fürchten uns nicht!«

Ein altes Lied aus dem Jahre 1939. Die Platte fand Helmut am fetzigsten. Andere hatten nur komische Märsche oder tragende, klassische Wolgalieder. »Die Stimme seines Herrn« war auf dem Plattenetikett. Gold auf grünem Untergrund.

»Die Welle spülte mich von Bord,

da war’n wir nur noch zwei,

dort unten bei Kap Horn,

und ein Taifun riß mich hinfort.

jedoch für mich war das ein Sport,

Ich lachte nur dabei:

ich gab mich nicht verlor’n!

Da zog ich mir die Jacke aus

Ein böser Hai hat mich bedroht,

und holte alle beide ‘raus.

Doch mit der Faust schlug ich ihn tot!

So tun Matrosen ihre Pflicht

Dann schwamm dem Schiff ich hinterdrein

und fürchten sich nicht! Und holte es ein!«

Helmut unterbricht die Wiedergabe. Was für ein Nonsens! Gut – klingt lustig. Melodie ist zackig und auch fröhlich. Natürlich wird des deutschen Matrosen Heldenmut glorifiziert. Damals ging er nur nach dem Klang der Melodie, heute, mit mehr historischen Wissen, wirkt das Lied antiquiert und dekadent. Gibt es wirklich besseres…

Vorspulen! Durch das Sichtfenster beobachtet Helmut ganz nah den Fortschritt. Der Geruch des Gerätes versetzt ihn zurück, als er als vierzehnjähriger fiebrig auf den nächsten Song wartete. Ja nicht den Anfang verpassen! Ist das Band an der richtigen Stelle? Der Empfang bestens? Aussteuerung perfekt?

‹Stopp.›

Die Seite ist bis zum Ende gespult und hat automatisch gestoppt. Helmut sieht verdutzt auf die Leerspule. Das heißt – da ist doch noch etwas…

Helmut kippt die Kassette an, um durch das Fenster in der Mitte besser sehen zu können. Ein dünner Papierstreifen ist da drumgewickelt! War er das selbst? Wenn ja: warum?

Manchmal litt er unter Paranoia. Versteckte Dinge gut, die er für wichtig gehalten hat. Sein Sicherheitsbedürfnis ist sowieso stark ausgeprägt. Und wirklich vertraut Helmut noch heute niemanden. Alles ist mehrfach verschlossen. Vieles hat er nie wiedergefunden. Das waren Dinge, die seinen ausgeklügelten Sicherheitsvorkehrungen zum Opfer gefallen sind. Ärgerlich, aber vermutlich unausweichlich. Doch er bleibt gelassen, beruhigt doch der Gedanke, dass es dann sowieso niemand mehr finden wird.

Ein kleiner Kreuzschlitzschraubendreher muss her! Die vier Schrauben der Kassette sind rasch gelöst, die obere Plastikhälfte abgenommen. Und was er sieht, bestätigt die vorangegangene Vermutung.

Fein säuberlich wurde hier ein Streifen Papier, in der Breite des Bandes, aufgewickelt, und mit durchsichtigen Klebeband professionell befestigt. Die Farbe des Streifens ist noch ziemlich hell und kaum vergilbt.

Wieder beginnt das Grübeln. Partout kann er sich nicht erinnern, so etwas getan zu haben. Aus welchem Grund auch. Ergibt irgendwie auch keinen Sinn?

Um das Rätsel zu lösen, muss er vorsichtig den Klebestreifen lösen. Mit einem scharfen Messer sollte es gelingen. Eine Sisyphusarbeit. Mehr als eine viertel Stunde braucht Helmut dazu. Dann lässt sich der Papierstreifen abrollen.

Geschafft!

Helmut lehnt sich erleichtert zurück. Das Papier ist nochmal längs geknickt. Vorsichtig und mit steigender Ungeduld streicht er es glatt.

Interessanterweise steht dort etwas in einer Handschrift, die seiner früheren ähnelt. In kleinen Druckbuchstaben entziffert er: »Nec scire fas est omnia. Ne discere cessa. Lux aeterna.«

Latein. Helmut hat es in der Schule nie gehabt. Immer wieder buchstabiert und liest er. Der Sinn dieser Worte ist unverständlich. Sollte er es wirklich selbst geschrieben haben? Wie gesagt: Die Handschrift könnte seine sein. Er versteht gerade gar nichts mehr; noch nicht einmal ›Bahnhof‹. Fertig mit der Welt, lehnt er sich erschöpft zurück. Ein Schauer jagt den nächsten. Ihm fröstelt es, trotz angenehmer Zimmertemperatur. Die Knie werden ihm weich. Sollte er es wirklich geschrieben haben, dann hat er es als sehr wichtig empfunden, um es auf dieser Art zu verstecken.

»Nec scire fas est omnia. Ne discere cessa. Lux aeterna.«

Was bedeutet das? Völlig in Überlegungen versunken, überhört Helmut die Wohnungsklingel. Minuten später reißt ihn das nervige Geräusch aus seinen Grübeleien.

»Hallo, Herr Hargener«, begrüßt ihn, ein wenig verärgert, Frau Putschinsk. Die Nachbarin ringt sich mühsam ein freundliches Lächeln ab. »Sie waren nicht daheim, da hab ich es für Sie angenommen.« Sie hält Helmut ein kleines Päckchen hin. Er sieht sie überrascht an. »Der Postbote hat wohl versäumt, Ihnen eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten zu schmeißen.«

»Wahrscheinlich«, erwidert er kleinlaut. Das Kärtchen hat er gesehen, aber überhaupt nicht mehr daran gedacht. Bestellt hat er ja nichts.

Helmut nimmt es entgegen, bedankt sich und schließt die Tür.

Achtlos legt er das Päckchen im Flur aufs Sideboard. Dafür hat er jetzt keinen Nerv. Eins nach dem Anderen!

Sich zur innerlichen Ruhe zwingend, zieht Helmut die vier Schräubchen übertrieben langsam fest an. Jetzt will er keinen Fehler machen und die dreißig Minuten der anderen Seite des Bandes hören. Mit der Kuppe des kleinen Fingers überprüft er die Leichtgängigkeit beider Spulen. Dann schiebt er die Kassette ins Gerät.

Ein uralter Schlager ertönt. Im Hintergrund rauscht es. Nicht gerade eine Hi-Fi-Aufnahme. Heile Welt im karibisch angehauchten Klang. Grässlich!

Darauf folgt ein weiterer Schlager, in der Art dem ersten ähnlich, aber nicht ganz so geschwollen. Trotzdem hat Helmut jetzt darauf keinen Bock. Ein Instrumentaltitel erklingt. Leise pfeift Helmut die Melodie mit.

Abgesehen von den unüberhörbaren Tonhöhenschwankungen, sind die Aufnahmen recht passabel. Schon faszinierend. Ob die modernen digitalen Medien auch nach so einer langen Zeitspanne noch funktionieren? Vermutlich wird man die Speicher-Formate immer wieder ändern, damit angebliche Verbesserungen durchgesetzt werden können. Die Firmen werden wieder Morgenluft wittern und gewisse Standards neu setzen. Und dann wird erneut die Musik-Sammlung neu gekauft werden müssen. Eine Spirale, deren Ende nicht absehbar ist. Das Problem liegt jedoch bei den Datenträgern.

Ja, die gute alte Technik funktioniert noch immer, da beißt sich die Maus den Schwanz nicht ab. Und die analogen Medien können weiß Gott mithalten mit dem heutigen kristallklaren Klang. Na ja, wenn das Bandmaterial gut gewesen ist. Sonst gibt es ein Ton-Loch, oder wie gerade eben, fehlt kurzzeitig ein Kanal.

Helmut wird von einer einzigartigen Atmosphäre erfasst.

Inzwischen hat er aus dem Flur das Päckchen geholt und öffnet es. Unwillkürlich drängen Erinnerungen herauf, die sich eingebrannt haben und etwas in Bewegung setzen, was er nicht vergessen kann. Aber darüber schweigt er. Selbst mit Kerstin meidet er das Thema, obwohl er ihr alles erzählt hat damals.

Fast zehn Jahre ist es her …

Helmut hält inne. Moment Mal. Es sind, bis auf den Tag genau, zehn Jahre! Sein Herz schlägt schneller. Morgen ist sein Geburtstag. Fünfzig. Nur eine Zahl, wie er es immer betont. Zum fünften Mal beginnt ein neues Lebensjahrzehnt. Was soll sich schon großartig ändern? Alterserscheinungen werden häufiger. Überall knackt und ächzt es im Gebälk. Der Rücken – nicht dran denken. Mittlerweile kann er die Tage zählen, an denen der nicht schmerzt. Gehört dazu, zum Älterwerden. Keine Panik. Jeder hat damit zu kämpfen. Wenn nur der Kopf es langsam begreifen würde, dass nicht alles mehr so flott geht, wie früher.

›Früher …‹

Das hört sich so abgedroschen an. Mit ›Früher‹ verbindet er einen Zeitraum, der mindestens bis in die frühe Kindheit zurückreicht. ›Früher‹ bedeutet alt und ganz lange her zu sein, dass es würdig ist, in Geschichten überhaupt erwähnt zu werden.

Im allgemeinem Sprachgebrauch hat dieses ›Früher‹ allerdings längst Einzug gehalten. Viel zu häufig und selbstverständlich nutzt es Helmut …

Im Päckchen sind unzählige Verpackungswürmer zusammengedrückt. Einige meinen, man könne dieses Zeugs sogar essen. Bäh! Unprobiert wird es, wie immer, in den Müll wandern. Oder doch Gelbe Tonne? Das wird er kurzfristig entscheiden. Dem Mülltrenn-System traut er sowieso nicht. Ob das alles so stimmt!?

Egal.

Vorsichtig stochert sein Finger darin herum, stößt an etwas Hartem, führt einen weiteren Finger ein und versucht, ohne die Würmer aus der Schachtel zu schnipsen, das Teil herauszubekommen. Die Oberfläche der plattgedrückten Würmer hebt sich dramatisch an, das heißt, in der Mitte wird das Material aufgewölbt. Langsam, ganz langsam!

Mist. Was immer der Absender ihn zukommen lassen will, lässt sich nicht so einfach greifen…

Von wem ist das überhaupt?

Er klappt einen Pfalz um und – natürlich hat er das Paket von unten aufgerissen. Mann! Die Finger in der Schachtel lassend, hebt er sie mit der anderen Hand an, verdreht den Kopf dabei unnatürlich, und …

Der gesamte Verpackungsinhalt verteilt sich über Tisch und Boden. Als begreife Helmut sein Missgeschick nicht, verbleibt er regungslos in der bisherigen Haltung. Seine Übervorsicht ist mal wieder gescheitert. Kotz! Da hilft auch kein Augenverdrehen und Herumgestöhne.

Zaghaft schaut er sich um, und das Chaos an.

»Scheiße«, entfährt ungewollt seinen Lippen. »Hargener – du Trottel!«

Wütend steht Helmut auf. Jetzt braucht er erst mal was zum abreagieren. Aus den Lautsprechern dröhnt gerade ein alter Popsong. Ist Ewigkeiten her, dass er den gehört hat. Davon beschwingt, verraucht der Ärger.

In der Küche holt er Handfeger und Schaufel. Die Verpackungswürmer sind schnell aufgekehrt. War sowieso Zeit, zum Saubermachen. Einige schon länger umherschwirrende Staubteufel und etliche Brotkrümel entfernt er bei dieser Gelegenheit gleich mit. Geschafft. Den Dreck noch schnell in den Mülleimer – fertig.

Durst. Sein Trinkappetit lässt Helmut nach einem Bier greifen. Auf den Schrecken das einzig Wahre. Er setzt die Flasche an. Welch ein Genuss…

Als er absetzt, ist die Flasche Dreiviertel leer. Ein unendlich währender, tief aus dem Besuch kommender Rülpser ist seine Antwort darauf.

Das tut gut!

»Wollen wir doch mal sehen, was da drin ist«, sagt er laut, als müsse er sich Mut zusprechen. Allerdings wartet die nächste Unannehmlichkeit auf ihn. Die Schachtel ist leer, und zu allem Überfluss trägt das Päckchen keinen Absender.

›Wer verschickt denn Nichts? Will mich hier jemand verarschen?‹

Es will Helmut nicht in den Kopf! Wieder gärt die Verärgerung.

›Der Poststempel!‹

Vielleicht gibt der ja einen Hinweis darauf, von wem die Sendung sein kann. Leider ist der Stempel kaum bzw. gar nicht zu entziffern. Dafür ist sein Name und die Adresse fein säuberlich geschrieben. ›Sieht weiblich aus.‹ Männer haben fast immer eine Sauklaue. Die Buchstaben dagegen sind hier akkurat fast schon gemalt worden.

Kerstins Schrift sieht anders aus. Mutters ebenfalls. Eine etwaige Verflossene vielleicht? Nein, zu abwegig. Oder eine Verehrerin? Quatsch!

Bestimmt wieder so ein…

Weiter kommt Helmut nicht. Das er darauf nicht gleich gekommen ist! Mit der flachen Hand klatscht er sich gegen die Stirn.

Kurz vorm Vierzigsten hat er schon Mal ein Päckchen bekommen. Das Amulett, dass erst alles möglich gemacht hat und die kommenden Wochen auf den Kopf stellte. Geht das wieder los?

Aber die Schachtel war leer … Es sei denn… Es sei denn!

Mit einigen Sätzen ist er am Mülleimer und durchwühlt ihn. Und tatsächlich findet er zwischen Brotkrümeln, Staub und Verpackungswürmern eine kleine Tüte.

2.

»Und Sie sind sicher, dass Sie nicht wissen, um was für eine Münze es sich handelt?« Der Ladenbesitzer fragt zum tausendsten Mal. Und genauso oft hat Helmut verneint. Bis jetzt; nun ist er es leid.

»Na, gesprächig sind Sie ja nicht gerade …«

Und dafür hat Helmut nur zwei Stunden geschlafen? Nur, um sich aushorchen zu lassen? Um die nervigen Fragen auszuhalten? Deswegen ist er ja hierhergekommen, damit seine Fragen beantwortet werden. Doch der Besitzer des Münzladens dreht den Spieß einfach um. So redselig wie der, sind sonst doch nur die Waschweiber.

»Wissen Sie wenigstens, wer das gute Stück zurücklegen lassen hat? Also in letzter Zeit hat mich niemand darum gebeten.«

»Nein. Sehen Sie doch richtig nach! – Bitte …«

Murmelnd sucht der Alte weiter und kramt in alten Unterlagen.

In der Tüte, die Helmut versehentlich in den Müll geschmissen hat, war ein kleiner Zettel. Darauf war die Anschrift dieses Ladens, in den er sich seit einer geschlagenen Stunde befindet. Eine in rot gedruckte Zahlenreihe ist vermutlich die Nummer des zurückgelegten Stückes.

»Wissen Sie, der Herr, es ist kaum möglich, genau nachzuvollziehen, wo ich die Ware haben könnte. Ich könnte Ihnen anbieten, noch einmal wieder zu kommen, wenn Sie keine Zeit haben.«

»Nein, nein«, beschwichtigt Helmut die Andeutung. »Ich warte.« Dabei weiß er genau, welchen psychologischen Druck Helmut gerade aufbaut. Doch der alte Ladenbesitzer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Mein Gedächtnis will auch nicht mehr so, wie früher …« Da ist es wieder, dieses Wort. »In den Sechzigern hatte ich mal solche Abschnitte mit aufgestempelter Nummer herausgegeben.«

»Dann wissen Sie doch etwas damit anzufangen«, lässt sich Helmut hinreißen, genervter zu antworten, als gewollt. Sofort erntet er einen missbilligenden Blick.

»Kann ich. Nur leider habe ich kein Lager, um solche Dinge aufzubewahren. Sind ja ein paar Jährchen.«

Um genau zu sein, fünfzig …

Zufall?

Der Ladeninhaber hält in seiner aussichtslos erscheinenden Suche ein, mustert Helmut.

»Sagen Sie, kennen wir uns?«

Helmut zieht mehrmals hintereinander die Schultern hoch.

»Sie kommen mir bekannt vor«, ergänzt der Alte entschuldigend. »Hätte ja sein können …«

Nervös tritt Helmut von einem aufs andere Bein. ›Ob ich ihm sagen soll, dass ich vor zehn Jahren hier war?‹ Laut sagt Helmut: »Ich hab ein Allerweltsgesicht, vielleicht liegt es daran.«

Der Blick des Alten wird eindringlicher, sodass Helmut sich unwohl fühlt. Nur mit aller Kraft hält er den Blick stand.

»Kann mich auch irren. Was soll’s …« Sagt ‘s und kramt weiter.

Innerlich atmet Helmut auf. Seine Wangen brennen. Ist er rot geworden? Um sich abzulenken, schlendert er im Laden umher und sieht sich die ausgestellten, zum Kauf angebotenen Stücke an, die einem hinter Glas in eine längst verflossene Ära entführen.

Dass es Menschen gibt, die für so kleine Münzen mehrere hundert Euro ausgeben, ist nicht verwunderlich. Schließlich gibt es für alles Sammler. Und Münzsammler sind ein eigenes Völkchen. Nur komisch, dass Helmut derzeit der einzige Kunde ist.

»Sammeln noch viele heutzutage?«, fragt Helmut.

»Was heißt: Viele? Jedes Sammelgebiet hat seine Klientel, da macht die Numismatik keine Ausnahme.«

»Sie haben schöne Stücke«, gesteht Helmut. Er ist sich gerade selbst nicht sicher, ob er es so meint, wie er es soeben gesagt hat.

»Schönheit liegt im Auge des Betrachters«, antwortet von irgendwo weiter hinten der Alte. »Schau ‘n Sie sich ruhig um …«

›Macht ich ja schon.‹ Was Anderes bleibt ihm sowieso nicht übrig, um das Warten zu überbrücken.

»Ich wusste gar nicht, dass zur Münzkunde auch Scheine gehören.«

Ein großer Schaukasten zeigt altes Papiergeld. Neben deutschem aus der Kaiserzeit, gibt es sogar welches aus dem Ausland. Den Schriftzeichen nach zu urteilen aus Arabien. Bunt und auffällig!

»Was kosten die?«

Die Antwort lässt auf sich warten. Stattdessen dringen aus dem hinteren Teil des Ladens Geräusche, die wohl vom Umstapeln einiger Kisten stammen.

»Was Sie sehen, ist unverkäuflich … Ausstellungsstücke …« Der Alte stöhnt.

»Kann ich behilflich sein?«, ruft Helmut in die Dunkelheit.

»Nein, nein … Nicht nötig …«

›Hat wohl doch ein Lager!‹, denkt Helmut, und wendet sich dem fremdländischen Geld wieder zu. Manche Scheine sehen aus, als seien sie gar keine wirklichen Zahlungsmittel. Andere wirken wie kleine Kunstwerke. Wieder andere sind deutlich abgenutzt.

Die hintergründigen Geräusche verleihen seinem Hiersein eine seltsam bedrückende Atmosphäre. Irgendwie hat sich Helmut alles anders – einfacher vorgestellt. Herkommen, empfangen, wieder gehen. Nun geht die Warterei in die zweite Stunde. Ätzend, aber was will man machen. Es ist, wie es ist!

Bald hat Helmut, der den Münzen nichts weiter abgewinnen kann (außer vielleicht kurzzeitige Faszination), das Interesse verloren und langweilt sich zunehmend. Er sieht auf die Uhr. Kann der nicht etwas schneller suchen? Helmut wird noch nervöser. Versucht sich abzulenken, wie man es vergleichsweise im Wartezimmer eines Arztes macht. Doch der Erfolg lässt auf sich warten. Eigentlich bleibt der Erfolg aus, denn je weiter die Uhr tickt, umso ungeduldiger wird Helmut.

Es ist zum Aus-der-Haut-fahren!

Wie könnte er den Alten helfen? Gar nicht. Der wird ihn rausschmeißen, wenn Helmut zu aufdringlich wird, um die Suche zu beschleunigen. Andersherum würde er es selbst so handhaben.

Eine der ausgestellten Münzen bringt Helmuts Erinnerung in Trab. Dieses seltsame Zeichen zieht ihn in den Bann und besonders der Text, den er wohl zeitlebens nie mehr vergessen wird, tut das Übrige.

»SIT TIBI TERRA LEVIS. – Möge die Erde dir leicht sein.«

Das Amulett! Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, es ist sein Amulett. Doch das kann nicht sein, also muss es sich um eine Nachbildung handeln. Eine Replik. Dreißig Komma sieben vier Millimeter im Durchmesser, und ebenso schwer. Das Gold glänzt und scheint unberührt zu sein.

Ist es doch sein Amulett? Oder gibt es vielleicht mehrere davon? Dann hätte der Alte damals gelogen, dass es ein Einzelstück sei, dadurch natürlich einzigartig und besonders wertvoll, auch wenn es keiner bestimmten Ära oder etwaigen Nutzen zugeordnet werden kann.

Gleich links davon stehen die mit Panzerglas gesicherten Vitrinen. Der Wert muss tausende von Euro sein! Gold- und Silbermünzen lagern hier, und warten auf einen Verkauf mit höchstmöglicher Marge. Aber die interessieren ihn jetzt überhaupt nicht.

Vielmehr beschäftigt Helmut der Verbleib des Amuletts von damals.

Diese verdammte Vergesslichkeit macht ihn noch nervöser. Kann man sich denn nicht einmal etwas merken? Das war doch wichtig! Bereicherte sein Leben! Okay, revidiert er in Gedanken. Brachte es vielmehr durcheinander … so richtig!