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Nach dem erfolgten Staatsputsch durch Armeegeneral Kurmenev 2019 wird das Land politisch umgekrempelt. Die im Untergrund arbeitende Gruppierung "Widerstand Jetzt" hält die Republik auch vier Jahre später in Atem. Sie bekennt sich zu landesweiten Anschlägen, die Unsicherheit verbreiten. Von der weltweit grassierenden Pandemie verschont, wird die Liberalisierung des Landes weiter vorangetrieben. Zwiegespalten verfolgt Heribert das Geschehen. Die neuen Verhältnisse werden zur inneren Zerreißprobe. Eine Teilabkehr vom Sozialismus hält er für falsch und rückschrittlich, kommt sie doch einem Verrat der Ideale gleich. Im Fahrwasser des neuen politischen Kurses eröffnen ihm seine Eltern, in die BRD umsiedeln zu wollen, was ab dem 8. Oktober möglich werden soll. Als ihm dann auch noch die Vergangenheit einholt, gerät sein Leben endgültig außer Kontrolle. Urplötzlich taucht aus dem Nichts ein alter Bekannter auf, dessen Erscheinen gravierende Ereignisse auslösen. Ohne sich dagegen erwehren zu können, gerät er ins nebulöse Intrigenspiel. Ähnlich einer Marionette kann er dem gesponnenen Fadennetz nicht entkommen. Und dann gerät er ins Visier der 'Riboviria-Connection'.
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Seitenzahl: 700
Veröffentlichungsjahr: 2020
Nach dem erfolgten Staatsputsch durch Armeegeneral Kurmenev 2019 wird das Land politisch umgekrempelt. Die im Untergrund arbeitende Gruppierung »Widerstand Jetzt« hält die Republik auch vier Jahre später in Atem. Sie bekennt sich zu landesweiten Anschlägen, die Unsicherheit verbreiten. Von der weltweit grassierenden Pandemie verschont, wird die Liberalisierung des Landes weiter vorangetrieben. Zwiegespalten verfolgt Heribert das Geschehen. Die neuen Verhältnisse werden zur inneren Zerreißprobe. Eine Teilabkehr vom Sozialismus hält er für falsch und rückschrittlich, kommt sie doch einem Verrat der Ideale gleich. Im Fahrwasser des neuen politischen Kurses eröffnen ihm seine Eltern, in die BRD umsiedeln zu wollen, was ab dem 8. Oktober möglich werden soll. Als ihm dann auch noch die Vergangenheit einholt, gerät sein Leben endgültig außer Kontrolle. Urplötzlich taucht aus dem Nichts ein alter Bekannter auf, dessen Erscheinen gravierende Ereignisse auslösen. Ohne sich dagegen erwehren zu können, gerät er ins nebulöse Intrigenspiel. Ähnlich einer Marionette kann er dem gesponnenen Fadennetz nicht entkommen. Und dann gerät er ins Visier der ›Riboviria-Connection‹.
JENS K. BERG wird 1965 geboren. Seine Liebe zu Büchern findet er in alten Klassikern, unter anderen Charles Dickens, Daniel Defoe, Kurt Laßwitz und Jules Verne. Durch einen Comic kommt er zum Schreiben. Zeichnete er anfangs noch seine Charaktere, stellte er bald fest, dass ihm das Wort besser liegt. So entstehen erste, zaghafte Versuche. Unter Pseudonym veröffentlichte er im Internet Anfang 2000 zahlreiche Texte. Mittlerweile hat er neunzehn Bücher veröffentlicht, darunter die Leicht-Trilogie sowie die Ennealogie ›Der Morgenkristall‹.
DIE MENSCHEN MACHEN IHRE EIGENE GESCHICHTE, ABER SIE MACHEN SIE NICHT AUS
FREIEN STÜCKEN, NICHT UNTER SELBSTGEWÄHLTEN, SONDERN UNTER UNMITTELBAR
VORGEFUNDENEN, GEGEBENEN UND ÜBERLIEFERTEN UMSTÄNDEN.
KARL MARX
„ACHTZEHNTER BRUMAIRE DES LOUIS BONAPARTE“
1852
DIE LEHRE VON MARX IST ALLMÄCHTIG, WEIL SIE WAHR IST. SIE IST IN SICH GESCHLOSSEN UND HARMONISCH, SIE GIBT DEN MENSCHEN EINE EINHEITLICHE WELTANSCHAUUNG, DIE SICH MIT KEINERLEI ABERGLAUBEN, KEINERLEI REAKTION, KEINERLEI VERTEIDIGUNG BÜRGERLICHER KNECHTUNG VEREINBAREN LÄSST.
W. I. LENIN
„DREI QUELLEN UND BESTANDTEILE DES MARXISMUS“
1913
(WERKE, BAND 19)
GESELLSCHAFTEN BRAUCHEN IHRE GESCHICHTE. SIE GIBT DEM RELIEF UNSERESLEBENS SEINE TIEFE. SIE IST IHR RESONANZRAUM. […] MENSCHEN SIND BEWOHNER
DREIER ZEITRÄUME: VERGANGENHEIT, GEGENWART UND ZUKUNFT. INSOFERN IST DAS
VERGANGENE NIE TOT, JA, ES IST NICHT EINMAL VERGANGEN – JEDENFALLS NICHT,SOLANGE ES IN DEN KÖPFEN VON MENSCHEN GEGENWÄRTIG IST. UND DIE ZUKUNFT IST
NIE EIN VERSPRECHEN AN SICH, SONDERN SIE IST ES IMMER NUR IM HORIZONT EINER
GEGENWART, DEREN SORGEN SIE LINDERT.
RICHARD DAVID PRECHT
„JÄGER, HIRTEN, KRITIKER“
EINE UTOPIE FÜR DIE DIGITALE GESELLSCHAFT
2018
Handlungen und Personen sind frei erfunden.
Jede Ähnlichkeit ist rein zufällig und ungewollt.
Das Buch erhebt keinen Anspruch auf die korrekte
Darstellung tatsächlich historischer Ereignisse.
Aufgeführte Produkte waren in der DDR gebräuchlich
und werden, bedingt des Handlungsablaufs,
als fortbestehende Marken genannt.
Prolog
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
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Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Epilog
E r nimmt es gelassen. Aus der ganzen Welt überschlagen sich die Meldungen über aufkeimende Konflikte. Man könnte meinen, die Herrschenden haben sich der überholt geglaubten Maximen des vorigen Jahrhunderts besonnen und neu entdeckt. Militärische Auseinandersetzungen gab es immer und wird es auch immer geben. Menschen sind eben so. Ihre Expansionsgier ist unerschöpflich. Kaum ist ein Konflikt gelöst, flammt der nächste auf.
Vier Jahre sind vergangenen, seid Armeegeneral Kurmenev die Zügel der Macht in Händen hält. Änderungen seiner Politik sind hauptsächlich in der propagierten Offenheit zu finden. Aber es bedarf eines langen Atems, bis die Gesellschaft die Notwendigkeit der eingeleiteten Reformen annimmt. Zwar sind die parteilichen Strukturen aufgeweicht und an wichtigen Stellen Reformbefürworter eingesetzt, aber die Umsetzung der nun geltenden Direktiven versinken im Morast des über sieben Jahrzehnte gewachsenen kommunalpolitischen Sumpfes. Überall torpediert ein stalinistisch geprägter Beamte die Bemühungen und deutet sie als konterrevolutionären Akt. Sie verstehen sich als wahre Kommunisten, die mit allen Mitteln die Macht verteidigen.
Auch er schwankt. Vor 2019 lief alles wie eh und je. Seine Arbeit im Kombinat füllte ihn aus. Aufgewachsen in der Mehrdeutigkeit einer Existenz, in der man variabel zwischen Privatem und gesellschaftlichem Auftreten wechselt, hat er sich hervorragend zurechtgefunden. Trotz dauernder Beobachtung seiner Zeitgenossen fühlte er sich aufgehoben und sicher. Heute treten Probleme an den Tag, die es früher nicht gab. Auf Straßen und Plätzen, in den Betrieben und daheim wird eifrig gestritten. Kollegen werden ihrer Meinung wegen angefeindet, Familien driften auseinander. Freunde wenden sich ab, Fremde bedrohen mit entblößenden Blicken den privaten Frieden.
Er hat keine Ambitionen dabei mitzumachen. Diese Welt ist nicht die seine; diese Welt ist fremd geworden. Mehr noch: sie grenzt die aus, die immer das Beste fürs Vaterland getan haben. Es war nicht genug, denn sonst wäre der innere Putsch nicht erfolgt. Ausgerechnet ein Russe versetzte dem System einen empfindlichen Stich, brachte Altbewährtes ins Wanken. Kein einziger der alten Kampfgefährten stellte sich dem offen entgegen. Die allgemeine Abkehr von stalinistischen Anschauungen brachte das Land an den Rand des politischen Zusammenbruchs. Ein Wunder, dass die imperialistische BRD mit ihren »Heimins-Reich«-Tiraden die DDR nicht geschluckt hat.
Kurmenevs Kurs verschärft gefährlich die gesellschaftlichen Widersprüche, anstatt sie zu lösen. Dabei wäre alles ganz einfach: Kurmenev muss abgesetzt, die alte bewährte Ordnung wieder hergestellt und die konterrevolutionären Strömungen eliminiert werden. Dafür ist er angetreten. Die ›Neunzehner-Gruppe‹ hat sich das Ziel gesetzt, mit entsprechend notwendigen Maßnahmen dahingehend zu wirken, die von den Vätern errichtete sozialistische Struktur wieder herzustellen, zu festigen und von feindlichen Elementen zu säubern.
Seine Mundwinkel verziehen sich zu einer wissenden Fratze. Solche Gedanken bescheren ihm innerliche Genugtuung. Im Geiste malt er sich bereits den Sieg aus, sieht die Verräter vor sich winselnd um Vergebung bittend am Boden wälzen. Das heroische Gefühl unbegrenzter Macht erfüllt ihn. Leider nur in der Vorstellung, aber diese bislang unwirklichen Bilder wirken unwahrscheinlich anspornend.
Die Zeit ist reif. In einigen Tagen wird zum großen Schlag ausgeholt. Alle Vorkehrungen sind getroffen und man erwartet von ihm den Befehl. Die Jahre im Untergrund hat er gut nutzen und unzählige Mitstreiter finden können. Aus allen gesellschaftlichen Schichten schlossen sich die Menschen an, die mit der Umwälzung nicht zurechtkamen. Kaum eine Stadt, in der es keine Oppositionelle gab. Sein Ziel war es, alle Kräfte zusammenzuführen und für den Tag der Entscheidung zu bündeln. Und dieser Tag steht kurz bevor …
Eineinhalb Stunden vor Sonnenuntergang sitzen sieben Personen in einem abgedunkelten Raum eines baufälligen, außerhalb der Stadt gelegenen Mehrfamilienhauses. Jeder der Anwesenden ist zu Fuß gekommen. Trotz der sich liberalisierten Zeiten zieht man es vor, auf jeglichem Verdachtsmoment zu verzichten, der verräterisch sein kann. Somit liegen zwischen den Ankunftszeiten des ersten und letzten Teilnehmers mehrere Stunden. Im Haus selbst, welches unbewohnt ist, können sie sich frei bewegen.
Um etwaigen Abhörmaßnahmen entgegenzuwirken, benutzen sie ihre Decknamen, die sie sich seit Rückgründung zur DDR gegeben haben. Nur zwei der Zusammengekommenen kennen die wahren Namen der anderen. Es ist wichtig, für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Sollte das Unterfangen scheitern, dann ist es ein leichtes, den Verdacht von sich weg- und auf andere zu lenken. Niemand ist so leichtgläubig anzunehmen, dass alles planvoll über die Bühne geht. Ein winziger, nicht vorhersehbarer Fehler kann alles zunichtemachen. Deshalb wissen alle, was im Fall des Falles zutun sein wird.
Obwohl niemand weiter im Haus verweilt, flüstert man miteinander. Die Angst, belauscht zu werden, steckt tief. Jeder hat bereits entsprechende Erfahrungen in der ein oder anderen Weise gemacht. Als ›gebrannte Kinder‹ kann auf gewisse Vorsichtsmaßnahmen nicht verzichtet werden.
»Morgen haben wir alles beisammen«, bestätigt Roco. »Alles ist wie geplant verlaufen.«
»Munition?«
Ein an der Wand lehnender, wortkarger Mann holt aus seiner Manteltasche mehrere unbeschriftete Schachteln heraus und legt sie stumm auf den kleinen Tisch. Dann stellt er sich wieder an die Wand, zupft sich den Mantel zurecht.
»Sehr gut, Juri«, freut sich Roco. »Jeder nimmt zwei Päckchen.«
»Halt!«, zischt ein anderer Typ, der soeben hereinkommt.
»Salomon«, ruft Roco nicht gerade leise aus. »Du kommst spät.«
»Wurde aufgehalten«, antwortet er missmutig.
Rocos Miene wirkt kalt.
»Wer?«
Salomon zuckt mit den Schultern. »Hab ihn nicht mehr fragen können …«
Jeden war klar, was das bedeutet.
»Spuren?«
»Ich bin kein Anfänger«, entgegnet Salomon wirsch. »Kümmere du dich um die dir übertragenen Aufgaben!«
Zwischen den Männern herrscht schon immer Eiseskälte. Beide Alpha-Tiere, mit Hang zur Macht- und Herrschsüchtigkeit. Für die Zeit der Vor-Revolution haben sie stillschweigend einen Pakt der Übereinkunft geschlossen, da sie wissen, nur gemeinsam erfolgreich die bürgerlichen Reformen auf dem Boden der sozialistischen Republik den endgültigen Todesstoß zu versetzen. Opfer sind unausweichlich, wenn auch die Gefahr besteht, dass dadurch Märtyrer geboren werden.
»Meine Aufgaben sind abgearbeitet«, erklärt Roco trocken. »Doch wie steht es um deine?«
Salomon lächelt abwertend.
»Wie gesagt, alles verläuft planmäßig.«
Ihre sich begegnenden Blicke sprühen vor Abneigung. Das in der Luft liegende Hass-Knistern wird jäh unterbrochen. Durch die Tür tritt Doris.
»Hebt eure Kräfte für den wahren Feind auf, ihr Kampfhähne!«
»Ja«, entgegnet Salomon, »heben wir sie für die Feinde auf.« Dabei lässt er seinen Widersacher nicht aus den Augen.
»Was macht dein Friedensstifter?«
Gemeint ist Salomons Kontaktmann aus dem Westen.
»Dem befreienden Zweck wird Rechnung getragen«, antwortet er. »Von den insgesamt acht Schleusen sind fünf fertig.«
»Reicht das?«
»›Karpfen‹ und ›Koloss‹ sind von Anfang an als Ablenkung gedacht gewesen. ›Buhler‹ und ›Gardine‹ hingegen liegen außerhalb des behördlichen Interesses.«
»Ach ja?« Doris ist sauer. »Und Marx wollte nie die ›Diktatur des Proletariats‹!«
Salomon runzelt die Stirn.
»Schon einmal haben wir diese Elemente unterschätzt. Der Rückhalt im Volk sollte uns zu denken geben!«
»Diese Verräter gehören allesamt eingesperrt!«, sagt Kaspar erbost und ballt die Faust.
»Im Moment sind wir machtlos, aber bald weht ein anderer Wind.«
»Wir werden dem Sozialismus zum erneuten Sieg verhelfen. Und diesmal für immer!«
Alle nicken zustimmend.
»Wie steht es um die Aktion ›Wecker‹?«
Der dafür verantwortliche Genosse schweigt. Salomon ahnt den Grund.
»Florian!«
»Bin dran«, ruft er sich rechtfertigend. »Aber BND und CIA sind vorsichtig geworden.«
»Hab ich’s nicht gleich gesagt?«
»Still, Juri! Wir warten auf deinen Bericht, Florian.«
Der windet sich mit verzerrter Miene auf den Stuhl.
»Zwei sind aufgeflogen. Kurz bevor wir es über die Bühne bringen konnten.«
»Stümper«, wirft Juri ein, bleibt aber an seinem Platz stehen.
»Nach dem Russen muss der Bundeskanzler fällig sein!«
»Unsere Schläfer warten auf dein Signal.«
Salomon räuspert sich.
»Sicher?«
»Prokop ist noch als Pfleger im Klinikum. Er steht bereit.«
»Kein Ausfall diesmal wie neulich! Sonst rollen Köpfe«, mischt sich Doris ein. »Klär das, Flori!«
Der nickt eingeschüchtert. Diese Frau kennt keine Skrupel und geht über Leichen. Es heißt, dass sie früher ein hohes Tier beim MfS gewesen sei. Warum kümmert sie sich dann nicht selber darum?
»Wenn Florian sagt, er ist dran, dann können wir uns darauf verlassen. Mit dem BND werden wir fertig. Der Knackpunkt sind die Amis.«
»So viel zum souveränen Staat«, lacht Roco auf. »Diese Abhängigkeit dient doch hauptsächlich den Amerikanern.«
»Konzentrieren wir uns lieber auf unsere Aktion. Theoretische Grundanschauungen sind hier fehl am Platz.«
»Rischtsch«, stimmt Dippl mit seiner plumpen Art mit ein. »Revolutioniern wir lieber.«
Salomon mag den Erzgebirgler. Er trägt das Herz auf der Zunge und schwingt keine überflüssigen Reden.
»Unsere Einsatzorte sind bekannt. Nächstes Mal klären wir Organisatorisches. Hat jemand weitere Vorschläge?«
Der ›Siebener-Rat‹ ist ein Zweckbündnis alter bewährter Kräfte des untergegangenen Demokratisch Sozialistischen Deutschlands. Jeder im Raum hängt dem inzwischen aufgeweichten System in der ein oder anderen Form nach. Sie sind Vertreter verschiedener alter Kader in ehemals systemtragenden Stellungen.
Plötzlich zischt Juri, der gelangweilt aus dem Fenster gesehen hat.
»Was ist?«
»VP!«
Sofort suchen sie Deckung. Kaspar und Salomon verlassen den Raum und schleichen durch den Flur ins Treppenhaus. Von den oberen Stockwerken erhoffen sie sich einen genaueren Überblick zu verschaffen. Während Kaspar vor eilt, lädt Salomon seine Waffe. Er will gerüstet sein, denn ein Aufeinandertreffen mit den Vopos erscheint unausweichlich.
Gleichzeitig ereilt ihn der Verdacht auf Verrat. Gedanklich geht er die Namen durch, die vom Treffen gewusst haben. Einer davon muss sich verplappert oder wissentlich Ort und Zeit der Behörde mitgeteilt haben. Sofort sticht ein Name heraus: Florian! Er ist ein schwacher Geist. Wankelmütig und inkonsequent. Hätte Roco ihn nicht in den Rat hereingeholt, wäre es, vermutlich, besser gewesen. Die letzten Monate waren zäh gewesen. Irgendwie dauerte alles länger, als es davor der Fall war. Ist Florian ein Maulwurf?
Salomon bleibt stehen. Hinter ihnen erklingen Schritte. Sie sind im Haus! Davonrennen widerstrebt ihm. Kurzentschlossen dreht er um, schleicht mit schussbereitem Revolver den Vopos entgegen.
»Nicht!«, zischt Kaspar ihn noch hinterher.
Doch Salomons Plan sieht anders aus. Gewandt und geräuschlos huscht er die Treppe wieder hinab. Im mittleren Geschoss verlässt er das Treppenhaus und verschanzt sich im anschließenden Zimmer. Durch das Fenster erspäht er mehrere Wartburg 353 und zwei schwarze Volvos. Der Geheimdienst steckt also dahinter!
Nun gut. Kein Grund nervös zu werden.
In seiner Jackentasche hat er drei Begrüßungsgeschenke. Diese Situation hat der ›Siebener-Rat‹ ausreichend geprobt. Gleich zu anfangs des Zusammenschlusses, nachdem die Gruppierung ihre Ziele formuliert hat. Es war die erste Bewährungsprobe, die ein gemeinsames Handeln ohne vorherige Absprache erforderlich machte. Damals waren Roco und Florian noch nicht dabei, was den Verdacht erhärtet.
Die Vopos haben sich aufgeteilt. Anhand der Stiefelgeräusche wähnt Salomon mindestens sechs von ihnen auf dieser Etage. Er greift nach einer Handgranate. Die Tür ist willentlich nur angelehnt; ein Grundsatz für erfolgreiche Verteidigung, um verräterische Geräusche zu vermeiden und gleichzeitig handlungsfähig zu sein. Salomon bringt sich neben der Tür in Stellung und lauscht. Im Anschleichen sind die Vopos nicht gut ausgebildet. Man hört sie meilenweit! Oder sind sie sich ihrer Vorgehensweise so sicher, dass sie auf jegliche Vorsichtsmaßnahmen verzichten können? Dies würde bedeuten, man hätte es mit einer Übermacht zutun …
Salomon schluckt. Er stand schon oft am Abgrund und kam mit heiler Haut heraus. Das ist praktizierter Klassenkampf!
Den Stiefellärm nach zu urteilen sind es viel mehr als zuerst angenommen. Salomon zieht den Sicherungsstift und wirft nach zwei Sekunden die Handgranate ins Treppenhaus. Kaum wieder an die Wand gedrückt, hält er bereits die nächste in der Hand. Heftig erschüttert die Detonation den Altbau. Putz bröckelt. Schreie ertönen, Schüsse fallen. Salomon nutzt das Durcheinander und wirft die zweite Granate. Zugleich sprintet er ins gegenüberliegende Zimmer, schmeißt sich zu Boden. Die Explosion lässt die Schreie verstummen. Das Gebäude ächzt unter der wiederholten Gewalteinwirkung. Durch die Druckwelle brechen große Stücke des Putzes ab und hinterlassen eine gewaltige Staubwolke.
Indes steht Salomon wieder und lugt mit dem Revolver in der Hand ins Treppenhaus. Überall Blut und Geröll. Langsam senkt sich die Staubwolke. Auf halber Treppe zur nächsten Etage röchelt ein Verletzter. Er trägt Zivil und ist vermutlich ein Geheimdienstler. Im gegenüberliegenden Flur versucht ein weiterer, sich zu erheben. Kaltblütig hebt Salomon die Waffe und schießt. Das Gleiche wiederholt er viermal. Dann wendet er sich den Vopo auf der Treppe zu. Die Granate hat ihm Unterleib und Beine irreparabel aufgerissen. Rasch durchsucht er dessen Taschen und findet, wonach er sucht. Salomon ergreift noch die Waffe, ehe er die Treppe vorsichtig hinuntergeht.
Schüsse fallen. Sofort geht er in die Hocke. Eine Stimme brüllt. Juri! Erneut knattern mehrere Schüsse hintereinander. Dumpf fällt etwas zu Boden. Ist er getroffen?
»Waffe fallenlassen und Hände hoch!«, ertönt ein an Salomon gerichteter Befehl. »Keine schnelle Bewegung!«
Langsam dreht er den Kopf und erblickt im Augenwinkel einen Vopo.
»Keine Sperenzchen!«
Glaubt der Kerl an das, was er sagt?
»Wird’s bald!«
Salomon denkt nicht daran. In einem Bruchteil einer Sekunde rollt er zur Seite und schießt. Der Vopo ist getroffen und stürzt kopfüber die Stufen herab.
Auch dessen Waffe nimmt er an sich, bevor er seinen Abstieg fortsetzt.
Im obersten Stock wird ebenfalls geschossen. Dann schreit Kaspar: »Hab das Schwein erwischt!«
Guter Junge.
Wieder eine Detonation, diesmal im Keller. Im brüllenden Stimmengewirr erkennt er Juri. Der Russe hat Erfahrung im Nahkampf. In Tschetschenien war er dafür gefürchtet. So schnell es ihm die Situation erlaubt, geht Salomon weiter. Er muss aus dem Treppenhaus. Hier ist er ein leichtes Ziel. Die letzten Stufen bis zum Erdgeschoss überwindet er mit einem Sprung, rollt sich auf den Bauch und nimmt den Revolver in Anschlag. Diese Seite des Flurs ist gesichert. Den Geräuschen nach ist im Keller ein Kampf entbrannt. Mit einem Ruck steht er und rennt zur Hintertreppe. Deswegen haben sie dieses Gebäude ausgewählt. Es ist verwinkelt und bietet drei Flucht-Optionen. Doch Salomon rennt nicht davon – er wird angreifen!
Zwei Minuten später schleicht er sich von hinten an die eingefallenen Vopos an. Ohne Vorwarnung eröffnet er das Feuer. Vier von ihnen stürzen tödlich getroffen. Der Fünfte schreit: »Falle!«, bevor er Deckung hinter einem der Getroffenen findet. Da fliegt etwas durch die Luft, prallt auf dem Betonboden auf. Gespannte Ruhe, in der Salomon in einen der vielen Kellerräume Deckung sucht. Der darauffolgende Knall ist ohrenbetäubend. Dann herrscht Stille …
S tatt wie üblich freitags ist Heribert erst am Sonnabend zu Mutter gefahren. Die Woche im Kombinat war anstrengend gewesen. Etwa zehn Tage ist es her, dass die Weichen der Produktion neu gestellt worden. Der Beschluss der Kombinatsleitung ist den Werktätigen in einer Versammlung mitgeteilt worden. Darüber entbrannte eine heiße Diskussion, wie es sie noch nie gegeben hat. Einerseits begrüßte es die Belegschaft, aus den Fesseln des zentralbestimmten Fünfjahresplans entflochten zu werden, andererseits unterwarf man sich den Gesetzen des freien Marktes. Rentabilität heißt das neue Zauberwort. Besonders die älteren Genossen ahnen, was das im Einzelnen bedeutet. Die Abkehr von sozialistischen Ideen hat nun den unmittelbaren Lebensbereich der Kollegen erreicht. Unrentable Bereiche sollen bis Ende des Monats geschlossen, die betreffenden Kollegen umgesetzt werden. Von marx’schen Abhandlungen ist jeden Werktätigen bekannt, wie Marktwirtschaft funktioniert und welche Risiken damit einhergehen. Etwa siebenhundert Werktätige sind derzeitig im Kombinat »Erich Honecker« beschäftigt. Allein um die zweihundert werden umgesetzt und in Abteilungen eingeteilt, in denen die Auftragslage es erlaubt, dreischichtig zu fahren. Dort sollen zukünftig kapitalistische Arbeitsbedingungen herrschen; das heißt: Es gelten westliche Normen bei höherwertiger Qualität. Allein die Bereitstellung von qualitativen Produktionsmitteln kann eine Serienproduktion nur bedingt gewährleisten. Darauf gab der Kombinatsdirektor die Antwort, dass man gezwungen sei, im Westen für harte Devisen den Materialbestand aufzufüllen. Die genannte Summe erscheint nicht nur Heribert horrend hoch; zumal keine staatlichen Mittel zur Verfügung gestellt werden.
All das geht Heribert durch den Kopf. Die ganze letzte Woche stand er unter Anspannung und Existenzangst. Denn die neuen Normen bedeuten eine höhere Arbeitsleistung für weniger Lohn. Wenigstens wird dieser weiterhin in D-Mark ausgezahlt und nicht, wie angedacht, in Euro. Denn die Staatsbank tauscht für Bürger der DDR die Devisen nur 3:1 um.
Das Wort Verlierer spukt durch seine Gedanken. Die gesellschaftliche Umgestaltung hat mittlerweile jeden Bereich erfasst. Dass das nicht ohne Zugeständnisse geht, war klar. Allerdings fühlt es sich fatal und nicht richtig an. Da nützt auch keine Reisefreiheit etwas, da sich nur wenige solche Luxusreisen leisten können. Daneben sind die Preiserhöhungen von Miete und Lebensmitteln weitere, den sozialen Frieden bedrohende Kriterien. Subventionen werden jedes Jahr um zehn Prozent reduziert, damit sich der Staatshaushalt amortisieren kann. Die eingesparten Gelder fließen größtenteils in die Aufnahme neuer Kredite und der Rest wird für die Tilgung laufender Zinsen aufgewandt. Nach außen hin ist die DDR im global funktionierenden Staatensystem eingebunden, und steht in Wechselwirkung zueinander. Nach innen ist das Hauptaugenmerk auf den Umbau der alten bürgerlichen Zustände des Miteinanders unter marx’scher Anleitung gerichtet. Man begreift den Staat nicht länger als Machtinstrument von Einzelnen einer monopolistisch unterstützten Interessengruppe, sondern gegenteilig als Vertreter der Volksmehrheit.
Auch Mutter hat es getroffen. Die kleine Rente reicht hinten und vorne nicht. Werktags arbeitet sie deshalb jeden Vormittag, was notdürftig die Kosten deckt. Demgegenüber geht es Heribert gut. Aber wie lange noch? Kapitalistische Produktionsbedingungen versprechen keine Lösung der gegenwärtig angespannten Situation, sondern verschärfen diese. Und die Krise wird nicht lang auf sich warten lassen.
Auf den Weg zur mütterlichen Wohnung versucht er, sich abzulenken und auf ein paar unbeschwerte Stunden einzustellen. Es gelingt nur mäßig. Wie hatte Rudolf gesagt: Mutter und er hätten etwas Wichtiges mitzuteilen? Heribert konzentriert sich auf mögliche Antworten. Doch all seine Fantasie reicht nicht aus, um nur annähernd das Thema zufriedenstellend im Vorfeld zu beleuchten. So wird er abwarten müssen. Allerdings erfasst ihn eine gewisse Wiedersehensvorfreude.
»Ihr wollt was?!«
Heribert glaubt seinen Ohren nicht. Unglaublich, was Mutter und Rudolf ihm da einträchtig mitteilen. Augenblicklich bekommt die gerade noch gefühlte Vorfreude einen martialischen Dämpfer. Kein Gedanke mehr an Unbeschwertheit. Der Blitz der Wahrheit schlägt ein und der Donner erbebt seine Seele.
»Wir sehen keinen anderen Ausweg, Heribert. Versuch wenigstens, dich in uns hineinzuversetzen.«
Er springt auf. Das ist zu viel!
Rudolf bleibt gelassen, ergreift Irenes Hand. Über ihre Wangen rinnen ungehemmt die Tränen.
»Wisst ihr, was das bedeutet?«, schreit er außer sich.
»Komm doch mit«, fleht sie zum wiederholten Male. »In deinem Beruf wirst du mit Kusshand genommen.«
Heribert hebt abweisend beide Arme.
»Lasst mich damit bloß in Ruhe! Das ist keine Option!«
Betroffenes Schweigen.
»Drüben grassiert die Seuche! Seid ihr lebensmüde?«
Heribert muss raus hier. Weit ausladend sind seine Schritte. Wütend wird die Wohnungstür aufgerissen, um sogleich mit kräftigen Schwung wieder zuzufallen. Das Echo im Treppenhaus dröhnt allen Beteiligten noch lange in den Ohren.
Draußen stapft Heribert um Fassung ringend drauflos. Er mag schreien oder etwas zerdeppern. Um der angestauten Energie Luft zu verschaffen, rennt er ziellos drauflos. Immer schneller werdend, erreicht er das Ende der Straße, biegt in einen verwilderten Weg ein. Herabhängende Äste hinterlassen brennende Striemen, die in seiner Rage unbemerkt bleiben. Er rennt durch Pfützen, überwindet einen Abhang, rutscht auf nassen Gras aus, stürzt, rappelt sich auf, sprintet weiter. All das nimmt er nicht oder nur halb wahr, was unmöglich ausreicht, sich später daran erinnern zu können. Er unterliegt einem unbekannten Rausch aufgestauten Frustes; ein Blackout ohnegleichen. Fehlendes logisches Denkvermögen macht körperlicher Anstrengung Platz. Sein Eimer ist voll und bedarf einer dringenden Leerung.
Inmitten des Sprunges, der einen Bach überwinden soll, setzt sein Denken wieder ein. Durch diese schlagartige Rückkehr seiner Wahrnehmung gerät Heriberts Gleichgewicht durcheinander. Wild mit Armen und Beinen rudernd, verliert er die Körperkontrolle. Er plumpst ins eiskalte Wasser und das ausgerechnet an der tiefsten Stelle des Bachlaufs. Etwa einen Meter taucht er ein, dann schrammt er gegen rundgewaschene Steine. Nun ist er endlich wach. Irritiert bleibt Heribert in der Stellung, die er sich selbst zuzuschreiben hat. Die Konsequenz: Er ist vollständig durchnässt. Zu allem Übel, aber von außen unbemerkt, entleert sich noch seine Blase.
Darauf hätte er verzichten können!
Minutenlang verharrt er und versucht die fehlende Zeit zu rekonstruieren. Jedoch bleibt seit Verlassen der elterlichen Wohnung die Erinnerung stumm. Es müssen mehrere Kilometer sein, die ihn jetzt von Mutter trennen. Wie ist er hierher gekommen? Das kalte Wasser hat ihn nicht nur endgültig wieder zur Besinnung gebracht, sondern auch die restliche Wut verrauchen lassen. Wie ein Wolkenbruch ein Feuer zu löschen in der Lage ist.
Zum Glück hat das niemand gesehen! Beschämt schaut er nach allen Seiten. Die ersten Meter sind die schrecklichsten. Bis auf die Haut durchnässt wird Gehen zur Tortur. Jedem Schritt folgt ein seltsam nerviger Schmatzlaut. Und nun beginnt es auch noch zu regnen! Wie doch das Wetter Stimmungen ausdrücken kann. Tiefe Traurigkeit hat mittlerweile die Wut völlig verdrängt. Und ihm wird die weitreichende Konsequenz Mutters Plan voll bewusst.
Anfang des Jahres wurde in der Volkskammer mit eindeutiger Mehrheit beschlossen, dass jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik ab dem 8. Oktober jederzeit und ohne Angabe von Gründen das Land verlassen oder wieder einreisen darf. Somit sollte die Ständige Vertretung in der Hauptstadt entlastet werden, die Ausreisen dadurch legalisiert. Der Strom der Willigen, die beabsichtigen, ihrem Heimatland den Rücken zu kehren, hält unvermindert an. Trotz Besuchsrechts von Familienangehörigen in der BRD, welches auf zehn Tage im Jahr begrenzt ist, da die DDR für jeden West-Besucher einen Pauschalbetrag zu zahlen hat. Über die Höhe wird auf beiden Seiten geschwiegen. Somit ist der Passus ›Republikflüchtling‹ endgültig gestrichen.
Auch für Rückkehrer, die sich das Leben im Kapitalismus nicht leisten können, werden die Einreiseformalitäten gelockert und internationalisiert. Das Aufnahmeheim Röntgental, welches der ostdeutschen Öffentlichkeit erst 2020 bekannt wurde, wird geschlossen. Dadurch erhofft man sich, westdeutsche Übersiedler eine wirkliche gesellschaftliche Alternative zu bieten. Jeglicher Hausstand sowie das finanzielle Vermögen stehen unangetastet zur Verfügung. Nur für ehemals ausgereiste DDR-Bürger wird eine Gebühr von maximal fünfzehn Prozent einbehalten.
Und nun muss Heribert feststellen, dass in der eigenen Familie Überlegungen angestellt werden, überzusiedeln.
Neu ist der Gedanke nicht. Allein im Kombinat gibt es zahlreiche Kollegen, die dies vorhaben und offen dazu stehen. Besonders die Jüngeren zieht es in die weite Welt. Sie sehen das als Abenteuer an. Und wenn dann auch noch gutes Geld verdient wird, ist es umso lohnenswerter.
Natürlich werden die unterschiedlichen Meinungen emotional und leidenschaftlich diskutiert. Dabei nimmt Heribert stets zugunsten des Sozialismus Stellung. Seiner Meinung nach wird im Westfernsehen nicht die ganze Realität des dortigen Systems abgebildet, ebenso wenig wie die eigenen Programme hierzulande über alles wahrheitsgetreu berichten. Irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit, die subjektiv betrachtet sowieso willkürlich ausgelegt wird.
Ein krisenanfälliges Land wie die BRD, dessen System dem Kapitalismus entspringt und noch immer profitgesteuerten Prozessen folgt, kann nicht der Heilsbringer sein! Das sind Hirngespinste und Fantastereien. Auch wenn seit letztem Jahr die Zeichen völlig andere sind als bisher. Von der hochgepriesenen Freiheit ist nicht mehr viel übrig. Seit März 2020 bestehen Ausgehvorschriften, die auch nach Abklingen der Covid-19-Symptome nicht zurückgenommen worden sind. Das öffentliche Leben unterliegt nach wie vor strikten Repressionen, um der Pandemie Herr zu werden.
Die Medien waren voll davon. Sogar sämtliche Grenzen wurden EU-weit geschlossen. Niemand kam mehr rein oder raus. Ein Affront gegenüber allen vorherigen Beteuerungen grenzenlos gelebter Freiheit.
›Alles relativ‹, findet Heribert.
Doch für die DDR-Volkswirtschaft bedeutet die Corona-Krise eine ungeahnte Wendung. Zum ersten Mal in der innerdeutschen Geschichte profitiert die sozialistische Republik beim Export von drüben dringend notwendigen Gesundheitszubehör. Masken, Desinfektionsmittel, Schutzanzüge wurden nach Westdeutschland zu dort üblichen Preisen exportiert. Die bundesdeutschen Behörden hätten auch angesichts der angespannten Lage mehr gezahlt. Aber Kurmenev zeigte Charakter und begegnete ihnen auf Augenhöhe. Damit setzte er ein Zeichen koexistierender Zusammenarbeit.
Und ausgerechnet Mutter will den Schritt wagen? Hat die westliche Propaganda sie völlig vernebelt? Das bunte Werbefernsehen lenkt von alltäglichen Problemen ab. Gezeigt wird nur die sonnige Seite eines antiquierten, wenn auch erfolgreichen Systems. Totgesagte leben länger! Dies trifft nicht nur auf den Kapitalismus, sondern ebenfalls auf das emporstrebende China zu. Politisch eine sozialistisch geschlossene Staatsform, wirtschaftlich dagegen pure kapitalistische Freizügigkeit. Erlaubt ist, was die Führung zugesteht. Und das Milliardenvolk steht dahinter.
Von Rudolf hat Heribert ehrlich gesagt nichts Anderes erwartet. Seine Wankelmütigkeit missfällt einigen. Erst nach der Gehirnwaschung vor zwei Jahren bekannte er sich offiziell zum Regime. Hat nur nicht lang gehalten! Ist denn alles nur gelogen?
Die letzte Viertelstunde ist Heribert niemanden begegnet. Das ändert sich jetzt, denn er betritt die Hauptstraße. Neugierige, teils mitleidige und nicht verstehende Blicke auf sich ziehend, geht er gesenkten Hauptes stur weiter und ist froh über den Regen.
Das heiße Badewannenwasser wärmt nur äußerlich. Im tiefsten Inneren verspürt Heribert eine kalte, fröstelnde Leere. Beide Auswanderungswillige kümmern sich rührend um ihn und verlieren kein böses Wort. Von ihrer ganzen Art zeigen sie Verständnis. Nur Rudolfs Blick verrät Zweifel, ob es richtig war, seinen Stiefsohn einzuweihen. Es ist schwer, zu vertrauen in etwas, was noch nicht umgesetzt ist.
Der Gasboiler erhitzt den Raum und sorgt für ein ausgewogenes Badklima. Nichtsdestotrotz lässt Heribert wiederholt heißes Wasser ein. Sobald der Arm der kühleren Luft ausgesetzt wird, überkommt ihn schaurige Kälte, die eine Art Schüttelfrost auslöst. Und je öfters dies vorkommt, umso länger dauert das Aufwärmen.
Es vergeht eine Stunde. Rudolf klopft und erkundigt sich, ob alles in Ordnung ist. Er bejaht. Kurz darauf steigt er aus der Wanne, was sofort zum erneuten Schüttelfrost führt. Hektisch legt er den Bademantel über. Ihm schüttelt es. So schnell wie möglich geht er ins Wohnzimmer und setzt sich vor den Ofen.
»Mein Gott, Junge. Du glühst ja richtig.«
Er legt sich ins Bett. Mehrere Decken verschaffen halbwegs Linderung. Dann wird Heribert unwahrscheinlich müde …
Das Fieber fesselt ihn drei Tage ans Bett. Dr Lauber, Irenes langjähriger Arzt, schreibt Heribert die ganze Woche krank. Er brauche viel Ruhe, hatte er gemeint. Und es sei eine ganz normale Influenza. Rudolf sagte im Kombinat Bescheid. Heute, am Dienstag, geht es ihm bereits viel besser. Noch am Nachmittag will er nach Hause fahren.
»Bleib doch wenigstens bis morgen«, bittet Mutter. »Einer muss dich doch pflegen«, lächelt sie fürsorglich.
In sich hinein lauschend gibt er ihr recht.
»Ich mach dir jetzt eine kräftige Hühnerbrühe, damit du zu Kräften kommst.«
Sie verschwindet in die Küche.
Aus dem Regal greift sich Heribert ein Buch. Ein wenig Ablenkung täte gut. Nach Politik ist ihm nicht. Etwas Leichtes, ein unterhaltsamer Roman etwa. Dann hält er einen in der Hand. »Käuzchenkuhle« liest er. Der Schutzumschlag ist abgegriffen und mehrmals eingerissen. Mindestens dreimal hat er es gelesen. Er hat Jampolls Abenteuer bei Großvater Kalmus verschlungen. Etliche Seiten haben sich daher gelöst und sind geknickt. In Gedanken schwelgend blättert Heribert die alte Schwarte durch. Da fällt eine Seite heraus und dahinter kommt ein gefaltetes, stark vergilbtes Blatt Papier zum Vorschein. Es scheint von früher zu stammen. Interessiert betrachtet er es. Es ist seine jugendliche Handschrift. Laut den Namen war das in der achten Klasse. Könnten Notizen zu einigen Vorträgen im Fach Literatur gewesen sein, mit vergebener Note.
In der Erinnerung fühlt er sich in die Zeit versetzt. Sieht sich die Schulbank drücken und den Vortragenden lauschen. Spürt die Neugier, welche die Mitschüler weitergeben. So unterschiedlich die Klassenkameraden waren, so unterschiedlich ihre Lesegewohnheiten. Die einen mochten klassische Literatur, manche lasen Michail Scholochow und Theodor Fontane. Andere bevorzugten zeitgenössische, die wenigsten wissenschaftlich-fantastische Bücher. Zu Letzteren gehörte auch Heribert. Kröger, Tuschel, Lem waren seine Lieblingsautoren. Irgendwo müssen einige davon sogar noch heute existieren.
»Sibylle – Tules Sofa, Schnulze, spannend erzählt. Eins.«
Heribert ist elektrisiert. Unverhofft auf Sibylle zu stoßen, setzt ihm zu, besonders nach den Ereignissen 2019. Tief einatmend versucht er sich, zu beruhigen. Eigentlich ist der Titel unvollständig. Richtig muss er lauten: ›Tule Hinrichs Sofa‹. Ebenfalls vom gleichen Autor wie seine ›Kuhle‹.
Er schmunzelt. Während der Stunde hat er ihr verträumt gelauscht. Hin und wieder hatte er den Eindruck, ihre Blicke trafen sich und sie lächle ihm zu. Einige Wochen später verbrachten sie vierzehn Tage in Prag. Hätte er es damals schon gewusst, wer weiß, wie die Ferien dann verlaufen wären.
Diese Vergangenheitsschwelgerei stimmt Heribert melancholisch. Was hat sich seitdem nicht alles verändert! Zwischenzeitlich gab es eine Konterrevolution, die erfolgreich niedergeschlagen wurde. Was dann folgte, waren unruhige Zeiten. Sogar alte Genossen standen unter Generalverdacht konspirativer Zuarbeit republikfeindlicher Elemente. Viele verschwanden in Lagern, von denen kein Mensch wusste. Man zog kollektive Konsequenzen. Zehn Jahre später hatte sich die politische Lage gefestigt und man sah entspannter in die Zukunft. Bis Armeegeneral Kurmenev alles wieder aufwühlte und durcheinanderbrachte. Rückblickend war die Zeit in den Achtzigern die stabilste, wenn er sein eigenes Leben als Maßstab ansetzt.
Bald wird auch privat nichts mehr so sein, wie es einmal war. Die Verhältnisse verschieben sich erneut.
Es klopft. Irene wartet nicht, bis sein ›Herein‹ erklingt.
»So«, sagt sie fürsorglich. »Jetzt stärke dich erst mal.«
Sie reicht ihm eine große Tasse mit dem Hinweis, sie sei heiß. Heribert nickt dankend. Natürlich verbrennt er sich die Lippen, aber nach heftigen Pusten und vorsichtigen kleinen Schlückchen leert er im Nu die Tasse. Die Brühe ist kräftig und wärmt von innen heraus. Bald schwitzt er. Gut, dass er hiergeblieben ist. Da kann er sich einfach zurücklehnen und dösen.
A m Frühstückstisch überfliegt Norman Sasster die Schlagzeilen bei seiner morgendlichen traditionellen Zeitungslektüre. Zur älteren Generation gehörend, die den physischen Kontakt des Lesestoffs bevorzugt, lässt er es sich nicht nehmen, auf konservative Weise die neuesten Nachrichten zu lesen. Doch auch er kommt nicht drumherum, die neuen digitalen Medien zu nutzen, denn die Kurzlebigkeit mancher Berichte erfordert ständige Aktualisierungen.
Ohne Digitalisierung geht nichts mehr. Die Cyberkriminalität hat Hochkonjunktur. Kaum ein Tag vergeht ohne irgendwelche Angriffe. Die meisten kommen aus China oder Russland, aber auch befreundete Mächte beteiligen sich im Wettlauf nach Daten. Ein unterscheiden zwischen Freund und Feind ist zweitrangig geworden, und e-Spionage gehört zum anerkannten guten Ton.
Politische Protagonisten legen auf Diplomatie kaum noch Wert. Der raue Ton durchzieht deren Alltag bis in die kleinsten Kommunen. Parteien streiten sich auf unterstem Niveau, ohne ihren Wählerinnen und Wählern irgendeine visionäre Perspektive zu eröffnen. Die moderne Demokratie ist dekadent geworden und verkümmert am ausgestreckten Arm der sie vor sich hertreibenden Populisten.
Aber das ist nicht seine Sorge. Freiheitliche Grundwerte sind nicht das erstrebenswerteste Credo. Vielmehr beschäftigen Norman gezielte Bestrebungen der Ostzone. Da drüben ist einiges in Aufruhr. Dachte man 2019 noch, Kurmenev treibe die Demokratisierung voran, folgte bald die Ernüchterung. In den Ansätzen durchaus liberal, hält der Russischstämmige am Sozialismus fest. Was Norman nie verstehen wird – und es auch nicht möchte –, ist die breite Unterstützung des Volkes. Waren es denn nicht über Jahrzehnte das Leidtragende? Wurden es nicht vom eigenen Staat geschunden, ausspioniert, gedemütigt? Wie kann man es anders bezeichnen als ›kollektives Vergessen‹?
Die Staatssicherheit ist offiziell Anfang 2020 aufgelöst worden und ging im ›Amt für Nationale Sicherheit‹ auf. Außer dem Namen hat sich jedoch nichts geändert. Die Arbeits- und Vorgehensweise gegenüber ausländischen Diensten ist die Gleiche geblieben. Was gravierender wiegt, sind die Bestrebungen der Zonen-Regierung für ein neues Ausreise- und Rückkehrer-Gesetz. Normans Chef rechnet mit eingeschleusten Spionen, die im Auftrag des Staats den Westen unterwandern sollen. Die nationale Sicherheit steht auf dem Spiel. Und was tut die Politik? Sie rühmt ihre humanistische Entscheidung, dass DDR-Bürger jederzeit im Westen willkommen sind. Wie naiv kann man nur sein! Hat man denn aus 2015 nichts gelernt? Nicht nur, dass (vorsichtig geschätzt) Zehntausende Landsleute übersiedeln könnten, bereitet den Sicherheitsorganen Kopfzerbrechen. Auch wird durch die Grenzöffnungen der Weg in die andere Richtung frei. Welche Schlagzeilen das fabriziert, mag er sich gar nicht erst vorstellen. Das gesamte westliche System verlöre weiter an Vertrauen und käme noch mehr ins Wanken. Der Systemkampf geht in eine neue, sehr ernst zu nehmende Runde …
Das Handy spielt die Anrufmelodie »Smoke on the Water«.
»Sasster!«
Gespannt hört er der Stimme am anderen Ende zu. Nach kurzer Zeit entzieht es ihm die Gesichtsfarbe und Sorgenfalten überziehen seine Stirn.
»Bin gleich da!«
Im Pullacher Hauptquartier ist es ruhig wie immer. Alles geht gesittet zu. Nichts deutet auf laufende Unternehmungen hin. In den Gängen dringt aus den angrenzenden Zimmern kein Laut. Geheimhaltung ist das A und O und ein ungeschriebenes BND-Gesetz. Im Grunde genommen handeln die Dienste weltweit gleich. Vertraue niemandem, nicht mal dir selbst! Eine bewährte Maxime, die alles besagt.
Normans Büro liegt im Ostflügel, was keinerlei Hinweis auf seinen Tätigkeitsbereich sein soll. Aber er liebt derartige Vergleiche und hat sich damals die Lage selbst aussuchen dürfen.
Kaum betritt er es, greift er zum Hörer des hauseigenen Telefonnetzes.
»Das Paket ist da«, sagt er emotionslos und legt auf.
Nur wenige Augenblicke darauf klopft es. Nach Aufforderung tritt ein hagerer Mann mit eisern wirkender Miene ein. Das Etikett des Handschlags hat seit dem Ausbruch des SARS-CoV-2-Erregers ausgedient. Man könnte die Atmosphäre kühl nennen, doch Anbetracht der Situation ist für Herzlichkeit kein Platz.
»Berichte«, fordert Norman seinen Gesprächspartner auf.
»Die Vögelchen haben gesungen«, beginnt dieser. »Leider in der falschen Umgebung.«
»Wissen wir mehr?«
»Bisher wenig. Johnson ist dran, um an die Aussagen zu kommen.«
»Gut. Weiter!«
»Für wen sie arbeiten ist unklar. Die CIA glaubt, die alte Stasi stecke dahinter.« Er hebt die Hand, um einen Einwand vorsorglich abzuwehren. »Ich weiß, sie gibt’s nicht mehr. Aber die Indizien sprechen dafür.«
»Indizien sind Auslegungssache. Wir brauchen Beweise.«
»Wir sind dran. Aber die amerikanischen Verbündeten blockieren.«
»Wissen die mehr?«
»Da läuft was«, flüstert er. »Ich bin mir da sicher. Wir brauchen nur Zeit.«
»Etwas, was wir nicht haben«, erklärt Norman. »Und jetzt komm auf den Punkt, Morris!«
»Du wirst es nicht glauben, auf wen es beide abgesehen haben.« Morris grinst. »Auf die Verrückte von damals …«
Norman ist nicht nach Lachen zumute.
»Wer da wohl geplaudert hat«, fährt Morris amüsiert fort.
»Ist sie noch in der Geschlossenen?«
»Wo denn sonst. Einzelzimmer mit Vollpension und Rundumbetreuung.«
»Lass sie sofort verlegen! Höchste Priorität, verstanden?« Norman mustert grimmig sein Gegenüber. »Und hör mit diesem albernen Gekicher auf!«
»Auf die Idee sind die Amis auch schon gekommen.«
»Dann setz alles in Bewegung, damit du der Erste bist!«
»Und wenn nicht?«
»Dann bekommst du ein Zimmer ohne Ausblick!«
Manche sind schwer von Begriff! Ganz klar inkompetent und fehlbesetzt. Hier geht es nicht um Moral und Menschlichkeit, hier geht es darum, die Nase vorn zu haben. Besonders im eigenen Land. Wenn Morris weiterhin so schlampt, dann wird Norman seine Versetzung anregen.
Er lässt sich die Akte bringen. Eigentlich unnötig, war er es doch gewesen, der sie damals dahin getrieben hat, wo sie heute ist. Aber möglicherweise sind neue, ihm noch unbekannte Details hinzugekommen, die den neuerlichen Fall beeinflussen können. Im Hinterkopf keimt bereits vage eine Idee. Vielleicht lässt sich daraus Profit schlagen. Nur wer schnell und klug reagiert, wird das Ziel erreichen. Der Weg dahin wird denkbar einfach und unkonventionell sein.
Die Akte nennt die Dame »Sabine Wallyra«. Wahrscheinlich ein Deckname. Sicher ist man allerdings nicht. Was will die Stasi von einer aufgeflogenen Kundschafterin? Norman würde verstehen, wenn sie mit einem gleichwertigen West-Agenten ausgetauscht werden sollte. Aber so …
Sich in die Zonis hineinzudenken ist fast unmöglich. Dafür können Tausende von Gründen eine Rolle spielen. Ehe derartige Gedankenspiele abgewogen und in Betracht gezogen würden, verginge kostbare Zeit.
Auf der letzten Aktenseite sind die Daten ihrer Zwillingsschwester einschließlich Passbild vermerkt. Instinktiv hält er inne und betrachtet die Frau. Die keimende Idee sprießt bereits und formt am Gedankenhorizont eine greifbare Vorstellung.
Erneut greift er zum Telefon.
»Nehmen Sie sofort Kontakt zur Schwester auf«, sagt er scharf. Er gibt Namen und zuletzt bekannten Ort an. Dann lauscht er und wird ungehalten. »Finden Sie es gefälligst heraus!«
Mit Wucht landet der Hörer in die dafür vorgesehene Halterung.
Schon ist Norman auf den Beinen und verlässt eilig das Gebäude. Alles muss man selbst machen! Ist er denn nur von Amateuren umgeben? Wenn sein Plan gelingen soll, dann muss er es selbst in die Hand nehmen. Während er im Wagen sitzt und auf die Straße einbiegt, die ihn Richtung Norden führt, geht er die Namen durch, die ihm einen Gefallen schulden. Wenn er sie klug nutzt, dann bleibt seine wahre Intension verschleiert. Es gibt immer eine Option, auch wenn die verbündeten Dienste im freien Wettbewerb stehen. In der unmittelbaren Arbeit existieren keine ›Freunde‹ – alle sind Gegner. Und es zählt nur die Effizienz.
Auf der Bundesautobahn A8 gibt er Gas. Die Eintönigkeit macht Platz für eine Erinnerung, die vor vier Jahren entscheidend war. Vorm geistigen Auge schiebt sich die Szene über die Wirklichkeit.
Der Raum ist hermetisch abgeschottet. Das Gespräch ist geheim und soll es auch bleiben. Nur zwei Personen sind anwesend: er und sie. Sie kennen sich seit Jahren, haben auf diesen Tag zugearbeitet. Anfangs war die Dame skeptisch. Sie hatte mit einer Vergangenheit abgeschlossen, die ihr früh gewaltsam genommen wurde. Aussuchen konnte sie es sich selbst nicht – andere haben entschieden. Mit den Jahren jedoch wuchs der Wunsch, die Wurzeln kennenzulernen. Problematisch wurde es, als sie feststellte, dass ihre Heimat im anderen Teil der Republik liegt, in der man nicht einfach mal so hinfährt. Im westlichen Wertesystem aufgewachsen ist das drübige Deutschland wenig attraktiv – politisch wie menschlich. Einst getrennte Familien haben sich damit abgefunden, nie mehr die Zurückgelassenen zu sehen. Das Gemeinsame hat die Zeit verflüchtigt und entfremdet, Bindungen der Emotion beraubt. Für weiterreichende Recherchen reichte ihr Einfluss nicht. DSD ist ein hermetisch abgeriegeltes Land – und zwar von innen, wie von außen.
An dieser Stelle kommt er ins Spiel. Dem bundesdeutschen Geheimdienst sind ihre Bemühungen, mehr aus der Ostzone zu erfahren, natürlich nicht entgangen, der naturgemäß ganz andere, am Rande der Legalität angesiedelte Möglichkeiten hat. Man vermutete sogar, dass die hartnäckig agierende Dame, die mehrfach Anfragen beim Deutschen Roten Kreuz, Innenministerium wie auch beim Auswärtigen Amt stellte sowie persönlich im Bonner Polizeipräsidium vorsprach.
Es war risikobehaftet, ins Nichts hinein, also ohne stichhaltige Fakten, zu ermitteln. Schließlich hätte es auch eine Fehleinschätzung sein können. Doch er, der dreiundfünfzigjährige Mitarbeiter, mit reichlich Berufserfahrung, vertraute auf seinen Bauch. Auch wenn sich zu Beginn der Fall als zäh darstellte, verfolgte er jede sich bietende Spur. Und endlich wurde sein Durchhaltevermögen letztes Jahr mit unerwarteten Ergebnissen belohnt. Für ihn ein wahrer Glücksgriff, denn es stellte sich als sicher heraus, dass die gesuchte weibliche Person die Zwillingsschwester der Dame ist.
Man sagt, eineiige Zwillingsgeschwister haben eine besondre Bindung zueinander. Während bei der einen, die im freien Westen aufwuchs, völlig andere Voraussetzungen vorhanden waren, die eigene Persönlichkeit zu entfalten, begab sich die andere im Osten freiwillig in die Obhut des Staats. Legte eine vorbildliche Karriere im Sinne ideologischer Entwicklung hin, wurde so zu einer Vorzeigekommunistin. Dennoch hatte sie ein dunkles Geheimnis, was offenkundig nicht einmal die Stasi kennt. Nach ununterbrochener, fast flächendeckender Observierung, was auch die Bonner Wohnung der Frau mit einschließt, wurde aus einer Ahnung bald Gewissheit. Und hier setzt er an.
»Ihre Schwester erleidet soeben wieder einen ihrer Anfälle«, teilt er ihr mit. »Kommt uns gelegen.«
›Schwester‹, denkt Sibylle. Der Begriff suggeriert eine nicht erfüllte bzw. nicht gefühlte Vertrautheit. Trotzdem kann Sibylle nicht leugnen, etwas zu spüren.
»Nennen Sie sie doch nicht immer ›Schwester‹ …«
»Laut DNA-Analyse seid ihr eineiige Zwillinge«, sagt er freundlich. »Das Ergebnis ist über jeden Zweifel erhaben.«
»Kann ja sein«, meint Sibylle. »Trotzdem …«
»Gewissensbisse?«
Sibylle schüttelt leicht den Kopf.
»Sehen Sie es doch mal von einer anderen Warte«, spricht er im ruhigen Ton weiter. »Sie erweisen unserer Gesellschaft einen Bärendienst!«
»Was macht ihr mit ihr, wenn ihr sie habt?«
»Sabine Wallyra wird verhört werden, das bleibt nicht aus. Es kommt darauf an, wie gesprächig und ihre Bereitschaft zur Mitarbeit sein wird.«
»Ich frage mich, wie ich heute wäre, wenn mein Leben drüben weiter verlaufen wäre.«
»Viele Möglichkeiten gibt’s da nicht. Typischer Werdegang, würde ich denken. Mitglied in der Kinder- und Jugendorganisation, Lehre und wahrscheinlich politisch auf Linie gebracht …«
Sibylle wirkt nachdenklich. Die Zeit bis Prag hat sie aus ihrer Erinnerung ausradiert. Viel gehörte nicht dazu. Der ›goldene Westen‹, mit all seinen Eindrücken und der bunten Warenwelt, verdrängten die vorher erfahrene Tristesse. Endlich durfte sie träumen; niemand sah sie deswegen schief an. Alles hinter sich zu lassen, sämtliche Brücken abzubrechen, fiel ihr damals überhaupt nicht schwer. Nachdem sie das Gießener Auffanglager verlassen durfte, vermied sie peinlichst den Kontakt mit anderen Ausgereisten. Sie wollte mit nichts mehr aus der Alten Welt zu tun haben! Doch auch Sibylle wurde älter, und ihr Geist reifte heran. Im Spiegel sah sie nicht nur sich. Alles Bemühen war vergeblich, und so stellte sie sich ihrer Vergangenheit.
»Und jede Woche montags Fahnenappell …«
»Sie haben nie davon erzählt, Sibylle …«
»Sie haben nie gefragt, Norman!«
»Hätten Sie es denn dann gesagt?«
Sibylle schmunzelt und wirft Norman einen kecken Blick zu.
Das auf dem Tisch liegende Smartphone vibriert. Auf dem Display entziffert Sibylle ein auf dem Kopf stehendes Anonym.
»Ja?«, meldet sich Norman. Sekunden verstreichen, in denen er aufmerksam dem Anrufer lauscht. Dabei starrt er Luftlöcher bohrend vor sich hin. Dann legt er wortlos das Phone wieder auf den Tisch.
»Sie ist aufgeschreckt«, sagt er langsam. »Ihre Schwester zappelt, Sybille.«
Es ist also soweit!
Sie erhebt sich bedächtig, lächelt gequält. »Mein Auftritt?«
Norman nickt.
»Okay … Auf in den Kampf …«
Wallyras Aufgriff war in der Endkonsequenz ein Kinderspiel. Ihre Psyche war völlig zerrüttet. Sie schien Dinge zu sehen, die realitätsferner nicht sein konnten. Aus diesem Grunde wich der Richterbeschluss vom geforderten Strafmaß ab und sie landete in der geschlossenen psychiatrischen Abteilung. Wie es ihr inzwischen geht, entzieht sich Normans Wissen.
Stunden später erreicht er das weitab gelegene Gelände. Inmitten eines Mischwaldes strahlt die Gegend unendliche Ruhe aus. Der Leiter der Anstalt erwartet ihn. Ein kurzes Gespräch reicht aus, was sofort die Aktion auslöst, die für Notfälle vorgeschrieben ist.
Während das Getriebe zu malen beginnt, ist Norman auf den Weg zum Außenflügel. Hier wird er auf die Verurteilte treffen, die auffallend im Mittelpunkt des ostzonalen Sicherheitsamtes steht. So weit er sich zurückerinnert, war ihm Sabine Wallyra vorsichtig ausgedrückt, unsympathisch; das völlige Gegenteil von ihrer Schwester. Von ihr ging etwas aus, was er unmöglich definieren konnte. Oft spricht man von einer den Menschen umschließenden Aura. Aber das war es nicht allein. Ihr gesamtes Wesen strahlte eine kalte, undurchdringbare Härte aus. Noch jetzt bekommt er Gänsehaut.
Der Hauptgang ist seltsam leer und es dringen auch keine Geräusche zu Norman. Hier wird tatsächlich alles für die Genesung der Patienten getan. Wenn er an andere Krankenhäuser denkt, ist das reinster Urlaub. Oder ist der Unterschied darin begründet, weil es eine Anstalt ist? Besucher sind nur in Ausnahmefällen erlaubt. Und seitdem die unsichtbare Gefahr weltweit wütet, wird auf soziale Distanz Wert gelegt.
Mit ähnlichen Gedanken strebt er auf die Tür mit der Aufschrift ›507‹ zu. Anstandshalber klopft er, obwohl mit dem Professor der Besuch abgestimmt ist. Keine Reaktion. Nach sich endlos in die Länge ziehenden Sekunden klopft er wieder. Erneut ohne Antwort. Mit einem seltsamen Gefühl in der Magengrube öffnet er die Zimmertür. Es ist leer. Im selben Moment fällt sein Augenmerk nach draußen. Zwei Pfleger fahren eine Frau im Rollstuhl durch den angrenzenden Park. Aber von der Patientin dieses Zimmers fehlt jede Spur.
Das ungute Gefühl wird stärker. Schnell geht er durch die halb offen stehende Terrassentür ins Freie und beobachtet die zwei Pfleger. Aus dem Unguten wird ein extrem mulmiges Gefühl, welches noch verstärkt wird, als einer der beiden zu Norman herschaut. Ist der nervös?
Blitzartig ruft Norman: »Halt! Warten Sie!« und rennt los. Tatsächlich bleibt der Pfleger stehen und wartet.
»Ja?«, fragt er, als Norman nahe genug ist, um nicht schreien zu müssen.
»Ich bin auf der Suche nach Frau Wallyra, Sabine Wallyra.«
»Und wer sind Sie?«
»Ein nahestehender Verwandter«, antwortet er wie aus der Pistole geschossen.
»Angenehm. Ich bin Pfleger Marcel.«
»Guten Tag. Können Sie mir weiterhelfen?«
»Leider nein.« Marcel hebt entschuldigend die Schultern. »Aber es ist gerade Therapiezeit.«
Norman hört nur mit halbem Ohr hin. Seine Aufmerksamkeit gilt dem zweiten Pfleger, der die Dame im Rollstuhl gerade in ein Auto setzt und den Krankenstuhl im Kofferraum verstaut.
»Auch Therapie?«, fragt er Marcel und deutet mit dem Kopf in die Richtung.
»Wie?«
»Die Dame und ihr Kollege …«
»Ach so. Ja. Der Herr Professor erwartet uns bereits.«
»Die Therapie findet außerhalb statt?«
»Ja. Etwa zwei Kilometer von hier. Es ist ein Nebengebäudekomplex für besondere Fälle.«
Jetzt dreht sich die Dame auf dem Rücksitz Norman zu und er glaubt, einen vertrauten Blick zu erkennen. Doch sie ist kahl geschoren und ihr Antlitz wirkt selbst aus der Entfernung verhärmt.
»Fragen Sie doch Oberschwester Marita«, sagt der Pfleger und wendet sich zum Gehen. »Die wird Ihnen weiterhelfen.«
Marcel macht große Schritte und scheint in Eile zu sein. Grübelnd sieht ihm Norman nach, beobachtet, wie er in den Wagen steigt und sie wegfahren. Es ist ein Audi eQ1. Weder an den Seiten noch im Heckfenster befindet sich eine ambulante Aufschrift, was auf dem angebotenen Dienst schließen lässt. Vom Kennzeichen erkennt er nur ›BN‹.
»Hallo?!«, ertönt hinter ihm eine erregte Frauenstimme. »Was suchen Sie hier?«
»Die Oberschwester!«, ruft er und geht zum Haus zurück.
»Das bin ich. Aber ich bin im Schwesternzimmer zu finden und nicht im Park!«
Der Vorwurf ist unüberhörbar.
»Ich habe geglaubt, jemand Bekanntes gesehen zu haben, Oberschwester. Entschuldigen Sie. Aber Professor Wiesenther …«
»Sie sind Sasster?«
Norman nickt lächelnd.
»Sagen Sie das doch gleich!« Die Oberschwesternstimme klingt hart und wenig weiblich. »Ich führe Sie zur Patientin.«
Er folgt der maskulinen Frau zu Zimmer 507. Anders als Norman zehn Minuten zuvor geht sie unangemeldet hinein.
»Besuch für Sie!«, schreit die Oberschwester. »Wo stecken Sie, Wally?!«
Das Zimmer ist leer.
»Wo ist die denn!«
»Therapie …«, wirft Norman in den Raum.
»Nicht diese Patientin!«
Norman verspürt den Anstieg von Magensäure.
»Können Sie die Patientin beschreiben?«
»Natürlich«, antwortet die Oberschwester wirsch. »Hab seit Jahren mit der zu tun.«
Da sie seine Mimik nicht interpretieren kann, wiederholt er seine Frage.
»Wally verweigert oft das Essen, ist daher abgemagert.«
»Sie verweigert?«
»Es entspricht der Krankheit.«
»Weiter …«, muntert er sie auf.
»Wie soll sie schon aussehen? Warum wollen Sie das überhaupt wissen? Sie kennen sie doch!«
Sein Blick lässt sie einlenken.
»Wally kann schlecht laufen. Zu schwach. Geht kaum raus, daher ist sie blasser als die Wände.«
»Haarfarbe?«
Norman erntet einen verächtlichen Lachanfall.
»Keine.«
Nun schaut er wie sie gerade ebenfalls verdattert.
»Hat der Professor es Ihnen nicht gesagt? Sorry. Aber ihr Zustand schwankt. Das geht bis hin zu Selbstverstümmelungen. Und vorletzte Woche hatte sie wieder so einen Anfall. Dabei hat sich Wally mit einem Messer die Haare geschnitten.«
»Mit einem Messer?«
»Weiß auch nicht, wie Wally dazu gekommen ist.«
»Sagen Sie: Warum nennen Sie Frau Wallyra ›Wally‹?«
Sie rollt mit den Augen. »Geheimhaltung eben.«
Dass die Oberschwester die Patientin nicht leiden kann, ist offensichtlich.
Trotz intensiver Suche unter Einbeziehung allem zur Verfügung stehenden Personals bleibt Patientin Wallyra unauffindbar. Auf Normans Nachfrage sind alle im Dienst befindlichen Pflegerinnen und Pfleger anwesend. Auch erfährt er, dass keine Therapien außerhalb der Anstalt stattfinden. Dass ein Nebenhaus oder gar ein ganzer Komplex nicht existiert, braucht er nicht erst zu erfragen.
Über eine sichere Leitung leitet er eine Fahndung nach dem auffälligen Audi eQ1 ein. Dieses Model ist neu und erst seit Kurzem auf dem Markt. Allzu viele Autos dieser Marke dürften noch nicht auf den Straßen unterwegs sein. Bundesweit läuft die Abfrage bei den Zulassungsstellen.
Ein gebildeter Sondertrupp sucht die Umgebung im Zwanzig-Kilometer-Radius ab. Vor Ort ist Norman jetzt fehl am Platz. Er fährt zurück nach Pullach. Von unterwegs führt er unaufschiebbare Telefonate. So verstreichen die Stunden. Kurz vor der Autobahnausfahrt kommt ihm der Gedanke, einen seiner Freunde bei der CIA zu kontaktieren. Auch der ist Norman noch einen Gefallen schuldig. Was ihm besonders interessiert ist das unübersehbare amerikanische Interesse an Wallyra. Da steckt mehr dahinter.
Norman sagt nach dem Verbindungsaufbau nur ein Wort: »Mojito«. Sein Kontaktmann trennt schweigend die Leitung. Damit ist alles gesagt und die Verabredung steht.
Zur vereinbarten Zeit treffen beide fast zeitgleich im kubanischen Restaurant ein. Stephan trägt eine dieser Community-Masken, die sich während der Coronakrise etabliert haben. Die Bedienung führt sie in den hintersten Bereich und bringt ihnen zwei Longdrinks Cuba Libre.
Seit gestern haben die Ermittlungen nichts Neues ergeben. Norman ist gewillt, dies zu ändern. Die richtigen Kanäle und kleinen Dienstwege sind es, die entscheidende Wendungen herbeiführen. Man braucht nur die geeigneten Knöpfe zu drücken. Mit dieser Prämisse hat er das Treffen in dieser Lokalität initiiert.
Sein Gegenüber ist ein alter Kommilitone. Damals beste Freunde, verloren sie sich aus den Augen. Erst 2016 trafen sie sich wieder. Beide stehen für die gleiche Sache ein, wenn auch für unterschiedliche Dienstherren. Und wenn man prinzipiell der freiheitlich demokratischen Ordnung dient, könnten ihre Beweggründe nicht heterogener sein. Der eine kämpft für die geheimdienstliche Vorherrschaft im eigenen Land, der andere ist Handlanger aggressiv vorgehender US-Populisten.
»Wie lang ist das her …«, fragt Stephan unbefangen.
»Eine halbe Ewigkeit«, antwortet Norman. »Wie ich sehe, geht’s dir gut.«
Er spielt auf die zusätzlichen Kilos an, die der alte Freund auf den Rippen trägt.
»Innendienst«, entgegnet Stephan, was ein wenig entschuldigend klingt.
»Was macht die Familie?«
Er hebt die Schultern. »Ich genieße das Singleleben in vollen Zügen.«
»Hat es mit …«, Norman überlegt, »wie hieß sie noch mal?«
»Gott bewahre. Das war schon vorbei, bevor ’s anfing.«
»Und ich dachte …«
Stephan ist dieses Thema offensichtlich unangenehm.
»Du hast mich doch nicht deswegen sehen wollen. Also schieß los.«
»Du hast recht«, sagt Norman. »Aber es interessiert mich wirklich.«
Aber der alte Freund möchte nicht darüber sprechen.
»Sagt dir Wallyra was?«, kommt Norman zur Sache.
»Wer soll das sein?«, kontert Stephan mit einer Gegenfrage.
»Eine Patientin in der Geschlossenen.«
Ein kurzes Lid-Flackern verrät Stephan. Unwillkürlich schaut der sich suchend um und flüstert: »Bist du irre? Du kannst mich doch nicht über einen laufenden Fall ausfragen!«
»Warum nicht?« Norman tut überrascht. »Als alte Freunde sich auszutauschen über die gemeinsame Sache, sehe ich als unverfänglich an. Wir stärken dadurch auch unser Bündnis.«
»Du verarscht mich …«
»Um Gottes willen, würde ich niemals tun, Steph.«
»Du willst etwas, was ich nicht bieten kann. Mir sind aus ermittlungstaktischen Gründen die Hände gebunden.«
Das wollte Norman hören. Sein Gefühl hat ihn nicht getrogen.
»Der alten Freundschaft wegen …«
Blicke bohren sich ineinander. In den Augen des ehemaligen Kommilitonen flackert es auf.
»Was willst du!«, fragt Stephan kalt.
»Was wollt ihr von ihr?!«, raunt Norman.
»Das …« Stephan hält inne. Leugnen hat keinen Zweck. Und für Spielchen hat er keinen Nerv. Da Norman auf eine ganz spezielle Situation von früher anspielt, die ihn noch heute arge Probleme einbringen kann, ist er in die Enge getrieben.
»Was hab ich davon?«, fragt er, nachdem er alles überschlagen hat.
»Ich bin dabei zu vergessen …«
Stephan nickt.
»Also gut.« Er atmet tief durch, sieht sich noch mal prüfend um. Niemand nimmt von ihnen Notiz. Die Bedienung wertet seinen Blick als Aufforderung und eilt herbei.
»Noch mal das gleiche, bitte.«
Geduldig warten sie, bis die Bestellung am Tisch ist. Dann setzt Stephan die Maske ab, damit er leiser sprechen kann und besser verstanden wird.
»Aus der Zone gibt es Bestrebungen, gewisse Leute zu reaktivieren«, beginnt Stephan ohne Umschweife. »Wir wollen kein Risiko eingehen.«
»Warum informiert man uns nicht?«
»Weil vermutet wird, ihr seid unterwandert …«
Diese Info trifft Norman unerwartet hart. Eine Infiltration des Nachrichtendienstes? Unvorstellbar …
»Erstaunt?«
Stephan trinkt einen Schluck.
»Wisst ihr wer?«
»Das ist topsecret! Da seid ihr gefragt.«
Norman muss es sacken lassen. Die Einlassung wiegt schwer.
»Seid ihr wirklich blind?«, stochert Stephan weiter in der Wunde herum.
»Das ist nicht mein Gebiet«, rechtfertigt sich Norman. »Läuft bei euch doch nicht anders.«
»Und deswegen müsst ihr den Maulwurf selbst finden.«
»Gibt es … Beweise?«
»Unterliegt der Geheimhaltung.«
So kommt er nicht weiter.
»Okay. Die Zonis machen mobil. War zu erwarten.«
Stephan ist überrascht, oder tut wenigstens so.
»Wofür dann das hier?«
»Weil wir die ›Patientin‹ brauchen.«
»Ihr? Oder vielleicht du?«
»Das, mein Lieber, ist irrelevant.« Die Bestimmtheit, mit der das gesagt wird, beendet diesen Teil des Themas.
Beide prosten sich zu und trinken genüsslich.
»Also gut«, lenkt Stephan ein. »Unserer alten Freundschaft willen. Besagte Dame soll in die Staaten ausgeflogen werden. Da kann ich nicht mehr viel tun.«
Diese Nachricht schlägt wie eine Bombe ein. Was hat die CIA vor? Warum dieser Aufwand? Ändern konnte daran niemand mehr etwas …
Norman fasst sich Angesicht der neuen Infos relativ schnell. Plan B, bis vor Kurzem gärend, dringt in den Vordergrund. Doch dafür braucht er einen Verbündeten …
Begeistert war Stephan nicht gewesen, aber zuletzt hat er ihn Unterstützung zugesagt. Klug eingesetzte Anspielungen bringen Wunder, ohne kompromittierende Worte zu benutzen. Rhetorisch eine Meisterleistung, die Norman immer dann anwendet, wenn es ihm nutzt. Auch bei Freunden, da kennt er keine Gewissensbisse oder Skrupel. Jeder ist sich selbst der Nächste; in dieser, wie in jeder anderen Branche auch. Wieder in Pullach leitet er den nächsten, bedeutenderen Schritt ein …
R abea Peña-Domínguez schlendert durch die Fortaleza de la Mota. Außerhalb der Saison verirren sich nur wenige Besucher hierher. Der geschichtsträchtige Ort erdet und beruhigt. Hier findet Rabea Entspannung. Besonders an manchen Tagen, in der die Vergangenheit das Hier überlagert und wie eine übervolle Magmablase sich eruptiv den Weg zur Oberfläche frei sprengt. Auch an den übrigen Tagen bietet die Fortaleza Erholung, die die seelische Regeneration befördert. Solo deja que tu alma cuelgue – einfach die Seele baumeln lassen. Fantástico.
Das alte arabische Monument hat eine bewegende Geschichte. Die Maurenherrschaft währte von 711 bis zum 15. Jahrhundert. Neben der Fortaleza sind noch Überreste einer Moschee zu finden, nebst Wohnhäusern. Relikte aus einer, aus heutiger Sicht, dunklen Zeit, die einen Einblick in den maurischen Alltag gewährt.
Hier in Andalusien hat Rabea damals am Rande der Stadt Alcalá la Real ein neues Zuhause gefunden. Ihren Mann Alano Domínguez, einen hoch angesehenen Geschäftsmann, gehören mehrere Fincas in der Umgebung. Eine der Kleineren davon bewohnt Rabea größtenteils allein, bis auf einige Wochen im Jahr, die ihr Mann für den gemeinsamen Urlaub nutzt.
Kinder sind ihnen versagt geblieben. In Wahrheit hatten sie sich damals dagegen entschieden. Die Zukunft schien ihnen zu ungewiss. Heute bereut Rabea manchmal die Entscheidung. Wie hätte das Leben doch anders verlaufen können. Doch für eine gravierende Lebensplanänderung ist es nun zu spät. Da hilft alles Grübeln und Bejammern nichts. Der Zug ist abgefahren. Allerdings ist Rabea nicht grundlegend voll von negativen Gedanken. Nur manchmal, so wie gerade, wenn das Denken selbstständig manövriert. Diese Form der Freiheit, die sie freimacht vom Alltagskorsett und allzu verworrenen Gedankenknoten, lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die Ursprünglichkeit des Seins, wie es hätte sein können.
Es liegt noch keine zwei Generationen zurück, da war von Anbeginn das Leben eines Kindes vorbestimmt. In der Schule lernte man fürs Leben. Was bedeutete, dass man sich im Grunde genommen nicht oder nur sehr wenig weiterentwickeln würde. Keine Gesellschaft auf der Welt kann jedoch darauf verzichten, will man nicht den Anschluss verlieren. Das Leben unterliegt steter Veränderung – nicht immer zum Positiven.
Nie hat sie ihr Handeln von anderen abhängig machen wollen. Doch ohne Kompromisse geht es in keinem Land.
Rabea schüttelt die Gedankentristesse ab. Stattdessen schiebt sie die nächsten Stunden in den Mittelpunkt. Es verspricht ein interessanter Nachmittag zu werden. Zwei gute Freundinnen haben sich angesagt, von denen sie lange nichts gehört hat. Plötzlich haben sie wieder ihr Leben betreten und das nicht ohne eine gewisse Dominanz. »Der alten Zeiten willen«, hat Josie gemeint. Jetzt kommt es Rabea wie eine Ausrede vor. Immer größer wird der Verdacht, dass sie es bereuen könnte. Ihre innere Unruhe wächst, besonders jetzt, wenn Rabea die Zeit vom Anruf bis zur Stunde Revue passieren lässt. Die erste euphorische Freude weicht banger Ahnung, die nicht einzuordnen ist.
Inzwischen ist der Rand der Ruinen erreicht. Die Aussicht lenkt Rabea kurzzeitig ab. Am Horizont ist es diesig. Kommt Regen? Die Natur lechzt danach. Überall wird vom Klimawandel gesprochen. In der Schule war die Rede davon, eine Eiszeit stünde bevor. Vierzig Jahre später haben sich die Prognosen nicht nur nicht erfüllt, sie haben sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Verrückte Welt! Einige Ortschaften haben sogar den Klimanotstand ausgerufen. Ob dadurch der unübersehbare Wandel tatsächlich eingedämmt werden kann, bezweifeln viele ihrer Generation. Die Jugend dagegen ist völlig anderer Meinung. Sie hat den Menschen als treibende Kraft des klimatischen Kipppunktes erkannt und macht nicht nur Politikern Druck. Wenngleich die Klimabewegungen inzwischen mit weniger Demonstranten die Straßen füllen als in der Anfangsphase.
Rabea kann das Geschwafel nicht mehr ertragen. Es ist eine gefährliche Atmosphäre entstanden, die auf alles zielt: Atomkraft, Autos, Heizöl, Flugzeuge, Kohle, Virus. Sie könnte noch mehr aufzählen, wenn sie dazu den nötigen Willen hätte. Einzelne Stimmen werden laut, dass der aufgezogene öko-faschistische Zorn die Fronten verhärtet und die Völker spaltet. Sie hält sich lieber an wissenschaftliche Auswertungen, die die Ursachen des Klimawandels größtenteils mit kosmischen Besonderheiten verbinden. Vielleicht sträubt sich in ihr auch alles, Altherkömmliches generell zu verteufeln.
Seufzend tritt sie den Rückweg an.
Kaum ein Land, in dem kein gesellschaftlicher Aufruhr stattfindet. Ein Wunder, dass es noch nicht richtig geknallt hat. Und dazu diese verflixte, nicht weichen wollende Viruspandemie.
Ihr fallen wieder die zu erwartenden Gäste ein. Ein flaues Magengefühl verschafft Unbehagen. Es ist nicht genau zu lokalisieren oder speziell zuzuordnen; es ist urplötzlich da und wird stärker, je näher sie der Finca kommt.
