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Panikattacken kommen meist aus heiterem Himmel. Herzrasen, Schwindel, Zittern, Atemnot - Todesangst. Die Journalistin Silvia Aeschbach war knapp siebzehn, als sie ihre erste Panikattacke erlebte und felsenfest davon überzeugt war, dass sie diese nicht überleben würde. Mit viel Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie schildert die Autorin, wie sie an den immer wiederkehrenden Attacken fast verzweifelte, was für eine Erlösung es war, als sie - unzählige Attacken, tausend kleine Tode und viele Jahre später erst - endlich eine Diagnose und einen Namen für ihre Krankheit erhielt, wie sie mit ihrer Angststörung leben lernte und an ihr auch wachsen konnte. Ihr Buch "Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld" weckt Verständnis für ein oft unterschätztes Leiden, es macht Betroffenen Mut, zeigt auf, wie man mit der Furcht umgehen kann, und ist gleichzeitig eine ebenso unterhaltsame wie packende Lektüre. Eine wilde Achterbahnfahrt durch ein Leben mit himmelhoch jauchzenden Glücksgefühlen und entsetzlichen Ängsten, mit verrückten Erlebnissen und vergeblichen Therapieversuchen. Mit Panikattacken in den unpassendsten Momenten. In einer Livesendung am Radio beispielsweise. Im Flugzeug. Mitten in einem Robbie-Williams-Konzert. Vor laufender Kamera. Oder aber im selben Raum mit dem Hollywood-Star Leonardo DiCaprio.
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2014
Silvia Aeschbach
Panikattacken mit Happy End
Panikattacken kommen meist aus heiterem Himmel. Herzrasen, Schwindel, Zittern, Atemnot – Todesangst. Die Journalistin Silvia Aeschbach war knapp siebzehn, als sie ihre erste Panikattacke erlebte und felsenfest davon überzeugt war, dass sie diese nicht überleben würde. Mit viel Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie schildert die Autorin, wie sie an den immer wiederkehrenden Attacken fast verzweifelte, was für eine Erlösung es war, als sie – unzählige Attacken, tausend kleine Tode und viele Jahre später erst – endlich eine Diagnose und einen Namen für ihre Krankheit erhielt, wie sie mit ihrer Angststörung leben lernte und an ihr auch wachsen konnte. Ihr Buch »Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld« weckt Verständnis für ein oft unterschätztes Leiden, es macht Betroffenen Mut, zeigt auf, wie man mit der Furcht umgehen kann, und ist gleichzeitig eine ebenso unterhaltsame wie packende Lektüre. Eine wilde Achterbahnfahrt durch ein Leben mit himmelhoch jauchzenden Glücksgefühlen und entsetzlichen Ängsten, mit verrückten Erlebnissen und vergeblichen Therapieversuchen. Mit Panikattacken in den unpassendsten Momenten. In einer Livesendung am Radio beispielsweise. Im Flugzeug. Mitten in einem Robbie-Williams-Konzert. Vor laufender Kamera. Oder aber im selben Raum mit dem Hollywood-Star Leonardo DiCaprio.
»Couragiert ehrlicher Bericht von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen: teils traurig, teils lustig, sehr menschlich und darum ermutigend in ruhigen wie in panischen Zeiten.«
Stephanie Riedi, Journalistin BR
»Ein Tabu-Thema eindrücklich, verständlich und mit viel Selbstironie erklärt. Für Betroffene ein ausgezeichneter Ratgeber. Für alle andern ein herrliches Lesevergnügen.«
Dominic Geisseler, SonntagsZeitung
»Das Buch liest sich von der ersten bis zur letzten Zeile äußerst leicht und schließt mit einer positiven Note. Es ist nicht nur Betroffenen, sondern jedem zu empfehlen, der an den mannigfachen Facetten der menschlichen Natur und Psyche interessiert ist.«
Roberto Zimmermann, NZZ am Sonntag
»Noch nie habe ich die Schilderung einer Krankheit mit so viel Interesse gelesen. Auf den ersten Seiten fühlte ich mich wie in einem real gewordenen Krimi, doch je weiter ich las, desto mehr wurde mir bewusst: Das kann uns allen passieren – jederzeit und überall.«
Karin Oehmigen, Schweizer LandLiebe
Silvia Aeschbach, geb. 1960, ist Journalistin. Sie arbeitete bei einem Lokalradio, beim Schweizer Fernsehen und bei verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen; beim Nachrichtenmagazin »Facts« leitete sie das Ressort Gesellschaft, sie war Chefredaktorin des Frauenmagazins »Meyer’s« und stellvertretende Chefredaktorin beim Boulevardblatt »Blick«, bevor sie zur »SonntagsZeitung« wechselte, wo sie die deutschsprachige Ausgabe des Lifestyle-Magazins »encore!« leitet. Silvia Aeschbach, die seit ihrer Teenagerzeit unter Panikattacken leidet, lebt mit ihrem Partner in Zürich.
Das ist eine wahre Geschichte, auch wenn ein Teil der Personen verfremdet dargestellt werden.
Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe
© 2014 Wörterseh Verlag, Gockhausen
Lektorat: Elke Müller, WinterthurKorrektorat: Claudia Bislin und Andrea Leuthold, beide in Zürich Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina, HolzkirchenFoto Buchcover: © Ewing Galloway / ClassicStock / CorbisLayout und Satz: Lucius Keller, ZürichHerstellerische Betreuung: Andrea Leuthold, Zürich
Print ISBN 978-3-03763-049-5E-Book ISBN 978-3-03763-554-4
www.woerterseh.ch
Für H.
Top Ten meiner Panikattacken
Eiseskälte im Sommer
Top Ten der Symptome einer Panikattacke
Das rote Windrad
Wenn rosa Ponys tanzen
Wurstbrot und Schokolade
Auftritt des Dichterfürsten
Tanz der Hormone
Top Ten meiner Panikhilfen
Nie mehr Riz Casimir
Top Ten der Phobien, die eine Panikattacke auslösen können
Hüften wie ein Brauereipferd
Gerade noch davongekommen
Top Ten der klugen Sätze zur Angst
Die rosa Welle
Das große Fressen
Top Ten der Lebensmittel für gute Nerven
Tee für Fräulein Silvia
Medusa lässt grüßen
Top Ten der Prominenten, die unter Panikattacken leiden oder litten
Bonnie & Clyde
Hanspeters Sicht der Dinge
Top Ten der Sätze, die man während einer Panikattacke nicht hören will
Keine Angst vor dem Fliegen
Persona non grata
Top Ten der coolen Filme rund um Panik
Doktor Robert Redford
Vater ist kein Blumenkind
Auf dem Gipfel
Top Ten der Dinge, die man als Paniker wissen sollte
Das dreihundertste Mal
Der lange Weg heim
Top Ten der Paniker in der Mythologie und in der Geschichte
Heute
Top Ten meiner persönlichen Tipps
Nachwort von Dr. Josef Hättenschwiler
Dank
Bücher rund um Panik
Webseiten rund um Panik
1Während eines Interviews mit Leonardo DiCaprio in London. Leo war ganz Gentleman und überspielte die peinliche Situation galant.
2Während eines Langstreckenflugs nach Los Angeles. Die Beruhigungstabletten befanden sich fälschlicherweise nicht in meinem Handgepäck, sondern im Koffer. Es war der längste Flug meines Lebens.
3Während der ersten Liebesnacht mit einem neuen Freund. Derweil er im Bett auf mich wartete, saß ich mit Durchfall und Brechreiz auf dem Klo.
4Als mitten im siebzehn Kilometer langen Gotthardtunnel das Auto, in dem ich mitfuhr, den Geist aufgab – und das bei einer Temperatur von vierzig Grad.
5Bei einem Konzert des britischen Popstars Robbie Williams, für das ich extra nach Genf gereist war, mitten unter 30 000 Fans.
6In meinen ersten Ferien ohne meine Eltern, die ich mit einer befreundeten Familie an einem FKK-Strand in Korsika verbrachte.
7Als ich erfuhr, dass ich schwanger war. Eigentlich wären ja Freudensprünge angebrachter gewesen.
8Als ich eine Fehlgeburt erlitt.
9Bei einer Bergtour in den Alpen. Beim Abstieg zitterten meine Beine vor Angst so stark, dass zwei kräftige Männer mich abwechselnd tragen mussten.
10Während des Moderierens einer Live-Sendung im Schweizer Fernsehen.
Das erste Mal starb ich mit siebzehn.
Ein heißer Spätnachmittag. Die Sonne brannte mit einer derartigen Intensität, dass sich alles, was Beine hatte, einen Schattenplatz suchte. Normalerweise herrschte im Nudistencamp La Chiappa an der Ostküste Korsikas um diese Zeit Hochbetrieb, doch jetzt war der felsige Badestrand genauso leer gefegt wie das Volleyballfeld, auf dem sich sonst die Feriengäste lautstarke Duelle lieferten. Und selbst Plastic Bertrand, dessen New-Wave-Hymne »Ça plane pour moi« stündlich aus den Radios schepperte, war verstummt. Alle hatten sich in ihre kleinen Steinbungalows zurückgezogen und hielten Siesta. Sogar Carlos, der Hund des Campbesitzers, hatte sich verzogen und kam nicht wie sonst wedelnd auf mich zu, als ich das Häuschen verließ, das ich mit meinen Gasteltern teilte, die ebenfalls ein Mittagsschläfchen hielten.
Ich war jetzt seit genau einer Woche auf Korsika. Barbara und Felix, Bekannte meiner Eltern, hatten mich eingeladen, um ihrer Teenagertochter Désirée, natürlich ein Einzelkind, Gesellschaft zu leisten. Dési und ich konnten uns auf den ersten Blick nicht ausstehen. Zwischen uns lagen zwar nur drei Jahre, aber diese drei Jahre waren eine halbe Ewigkeit. Für mich war sie eine verwöhnte Göre, die noch mit Barbies spielte, für sie war ich eine eingebildete Tussi.
Unsere einzige Gemeinsamkeit war die Liebe zu Nutella. Da wir beide Fisch hassten und es nicht viel anderes zu essen gab, war dies unser Hauptnahrungsmittel, und wir beäugten argwöhnisch, wie viel die andere jeweils verzehrte. Denn ein Nutella-Glas, das hatte Barbara so bestimmt, musste für drei Tage reichen. Verflixt wenig für zwei Teenager.
Das Wäldchen lag nur ein paar Schritte entfernt, aber schon diese kurze Strecke genügte, dass ich schweißnass wurde. Umso mehr genoss ich die Kühle, die mich augenblicklich umgab, als ich zwischen den schattenspendenden Bäumen mein Badetuch auf den Boden legte und es mir darauf bequem machte. Es herrschte eine solche Stille, dass ich für den Moment das Gefühl hatte, ich sei allein auf der Welt. Prompt blitzte ein unangenehmes Gefühl auf, das ich aber verscheuchte wie eine lästige Fliege.
War das Leben nicht wundervoll? Ich war in diesem Sommer das erste Mal ohne meine Eltern verreist. Diese Tatsache war für mich äußerst aufregend. Barbara und Felix hatten sich mächtig ins Zeug gelegt, um meine Eltern davon zu überzeugen, dass in einem Nudistencamp kein Sodom und Gomorra herrscht und Nudisten keine Perverslinge sind, sondern naturliebende Menschen, die sich ohne Kleider einfach wohler fühlen als mit.
Ich hatte mich allerdings noch nicht so ganz an die Textilfreiheit gewöhnt und schaute meist verschämt zur Seite, wenn sich Felix in ganzer Größe vor mir aufbaute. Ich trug auch Tag und Nacht einen kurzen, kirschroten Baumwollkimono, weil ich meine Blöße bedecken wollte. Bei den Volleyball-Matches war ich die Einzige auf dem Feld, die einen Faden auf dem Leib trug. Felix foppte mich deswegen gern. Als ich mich einmal beklagte, ich würde mich nur mit BH wohlfühlen, lachte er etwas anzüglich und meinte: »Als ob so ein super Busen Halt brauchen würde.«
Nun ja, Nudisten waren für ihre naturnahe Art bekannt. Aber sie konnten auch feiern. Jeden Abend war Disco im Gemeinschaftsraum, da wurde zu den neuesten französischen Hits gesungen und getanzt. Am liebsten tanzte ich mit François, einem waschechten Pariser, der genau so aussah, wie ich mir einen Franzosen vorstellte. Er war sicher schon zwanzig Jahre alt, hatte braunes lockiges Haar, blaue Augen und nannte mich immer »ma petite Sylvie«. Tagsüber lieferten wir uns im Pool Wasserschlachten, und abends tanzten wir ausgelassen zu Laurent Voulzys »Rockollection«. Und der Höhepunkt der ersten Ferienwoche war, als François mir an einem Abend ins Ohr flüsterte: »Tu viens me visiter à Paris?«
Zum ersten Mal fühlte ich mich wie eine Frau und nicht mehr wie ein Mädchen. Ein attraktiver Franzose hatte mich nach Paris eingeladen! Das Leben hätte nicht schöner sein können. Aus lauter Euphorie überließ ich Désirée sogar das Nutella-Glas. Sollte sie sich doch mit Schokolade vollstopfen! Darauf konnte ich verzichten und beschloss, fortan von Luft und Liebe zu leben. Und am nächsten Tag würde ich meinen Kimono ablegen. Schließlich musste ich mich wegen meiner Figur nicht schämen.
Ich schaute in den Himmel oder, besser gesagt, auf die blauen Fetzen, die zwischen den Baumwipfeln durchschienen. Die Hitze machte mich müde, meine Augendeckel waren bleischwer. Doch kurz vor dem Einschlafen durchfuhr mich wieder diese seltsame Empfindung, die ich nicht einordnen konnte. Dieses Mal aber ließ sie sich nicht verscheuchen. Ich dachte an François und seine blauen Augen, die genau die gleiche Farbe hatten wie der Himmel. Statt eines wohligen Gefühls bekam ich jedoch Herzklopfen. Aber dieses Herzklopfen fühlte sich anders an, als wenn ich ihn jeweils sah: Keine freudige Erregung, sondern eine unbestimmte Furcht stieg in mir hoch und raubte mir den Atem.
Was, um Himmels willen, geschah mit mir? Die Farben des Himmels und der Bäume erschienen mir unerträglich grell, die Grillen zirpten nicht mehr melodisch, sie kreischten richtiggehend. Der Waldboden, der eben noch so gut nach Moos gerochen hatte, stank plötzlich nach Moder. Ich nahm alles wie durch einen Filter wahr, einen Filter, der die Umgebung nicht in ein angenehmes, weiches Licht tauchte, sondern die Bilder verzerrte. Eine Kälte, wie ich sie vorher nicht kannte, erfasste mich. Noch vor fünf Minuten war mir der Schweiß in Strömen heruntergelaufen, und jetzt hatte ich das Gefühl, in einem Eisblock zu stecken. Für einen Moment schien mein Herz stehen zu bleiben, doch dann begann es noch wilder zu rasen. Meine Gedanken taten dasselbe: Ich wusste plötzlich nicht mehr, wo ich war und, noch schlimmer, wer ich war.
Ich fühlte mich wie in einem schwerelosen Raum. Es schien mir unmöglich aufzustehen. Alles um mich herum drehte sich. Der lauschige Spätnachmittag hatte sich in einen Horrorfilm verwandelt. Und ich spielte darin die Hauptrolle.
Schließlich schaffte ich es doch, mich aufzurappeln. Die Panik, die mich erfüllte, ließ mich losrennen. Nur weg von diesem Ort! Meine Flipflops hatte ich liegen gelassen, doch ich nahm den brennenden Sand unter meinen Fußsohlen gar nicht wahr. Ich rannte wie eine Verrückte. Mir war kotzübel. In meinen Ohren dröhnte es. Mein ganzes Sein war von Todesangst erfüllt. Diese ließ auch nicht nach, als ich Felix entdeckte, der es sich nach dem Mittagsschlaf in seinem roten Gummiboot, das vor dem Bungalow lag, gemütlich gemacht hatte und in einem Buch blätterte.
»Felix«, schrie ich, »ich sterbe!«
Er schaute mich entgeistert an. Klar, ich sah äußerlich ja völlig intakt aus. Ich war so außer mir, dass ich nicht einmal bemerkt hatte, dass sich der Gürtel meines Kimonos geöffnet hatte und ich halb nackt dastand. Felix war inzwischen aufgestanden und fragte verständnislos: »Was ist denn passiert? Hattest du einen Unfall?«
»Nein, nein«, presste ich atemlos heraus, »es ist nichts passiert, es ist hier drinnen«, und schlug mir auf die Brust.
Das verwirrte Felix noch mehr. »Setz dich«, sagte er streng und zog einen Campingstuhl neben das Gummiboot. »Du hast sicher einen Sonnenstich, eine Siebzehnjährige kann noch keinen Herzinfarkt haben.«
»Ich habe solche Angst«, wimmerte ich, »bitte nimm mich in den Arm!«
Felix zögerte, er wusste, dass es irgendwie heikel sein könnte, mich im Adamskostüm zu umarmen. Aber mir war das egal. Ich brauchte Halt. Jemand musste aufpassen, dass ich nicht davonflog. Ich hatte jede Bodenhaftung verloren und schwebte quasi außerhalb meines Körpers.
Aber Felix, das spürte ich, konnte mir nicht helfen. Wie sollte er auch? Für ihn war ich ein hysterischer Teenager, der zu viel Sonne abbekommen hatte. Viele Jahre später würde er mir seine Zurückhaltung damit erklären, dass er dachte, ich hätte nur eine Riesenshow abgezogen, weil ich in ihn verliebt gewesen sei und ihm so hätte näherkommen wollen. Gereizt hätte ich ihn natürlich schon, gestand er mir, aber da war ja seine Barbara. Männer! Gerne hätte ich ihm eine gescheuert, aber seine Enttäuschung, als ich ihm sagte, er sei doch schon damals ein alter Mann gewesen, war für den eingebildeten Fatzke wohl Strafe genug.
Kaltes Wasser musste her! Es würde mir helfen, wieder klar zu denken und zu fühlen. Doch die Panik blieb selbst unter der eiskalten Dusche.
Was passierte nur mit mir? Woher kam diese grauenvolle Angst? Und vor allem: Wovor hatte ich Angst?
Ich begann zu weinen, zuerst leise, dann immer lauter. Barbara kam, drehte das Wasser ab und wickelte mich in ein flauschiges Badetuch. Felix hatte ihr von meinem, wie er es nannte, »hysterischen Anfall« erzählt, und so wie er war auch sie der Überzeugung, ich hätte einfach »zu viel Sonne erwischt«, oder, und das schien ihr noch viel plausibler, ich hätte eine Hirnerschütterung erlitten. Am Vortag hatte ich nämlich einen kleinen Unfall gehabt: Bei einer gemeinsamen Höhlenwanderung hatte ich mir den Kopf blutig geschlagen. Eine Platzwunde, nichts Schlimmes, es tat auch nicht weh. Aber für Barbara und Felix war die Ursache für meine Todesangst gefunden: eine Spätreaktion auf meine Kopfverletzung.
Dummerweise war der noch funktionierende Rest meines Verstandes mit dieser Antwort nicht zufrieden. Das Einzige, unter dem ich nämlich nicht litt, war Kopfweh, dafür tobte in meinem Inneren der Kampf weiter. Ich zitterte am ganzen Körper und bekam keine Luft mehr. Jetzt wurden auch Felix und Barbara unsicher.
»Was, wenn mir wirklich etwas fehlt und ich ärztliche Hilfe brauche?«
Da hatte Barbara eine Idee: »Du nimmst jetzt eine meiner Schlaftabletten, am besten mit etwas Wein. Das hilft dir, dich etwas zu beruhigen.«
Ich hätte in diesem Moment alles gemacht, um diesen schrecklichen Zustand zu beenden. Also schluckte ich Tablette und Wein.
Und so erlebte ich an diesem 22. Juli 1977 nicht nur meine erste Panikattacke, sondern auch meinen ersten Rausch. Nach etwa zehn Minuten versank ich in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst am nächsten Mittag wieder auftauchte. Die Angst war weg. Ich konnte mir nicht erklären, was am Vortag passiert war. Und ich wollte auch nicht darüber nachdenken. Sicher hatten Felix und Barbara recht gehabt, und ich hatte eine Hirnerschütterung erlitten. Der Albtraum war vorbei. So dachte ich jedenfalls.
Ich sollte mich irren. Er hatte eben erst begonnen.
1Plötzlicher und unerwarteter Angstanfall ohne erkennbaren Grund (»Jetzt sterbe ich gleich«, »Ich werde verrückt«)
2Atemnot, Engegefühl in Brust und Kehle (»Ich ersticke«)
3Harndrang, Durchfall
3Schweißausbrüche oder Kälteschauer
5Hyperventilation, Muskelkrämpfe durch zu schnelles Atmen
6Schwindel, Zittern, Angst vor einer Ohnmacht
7Herzrasen (»Ich bekomme einen Herzinfarkt«)
8Fluchtgedanken (»Nur weg von hier!«)
9Depersonalisationsgefühle (»Ich stehe neben mir«)
10Derealisationsgefühle (Die Umgebung wird als fremd, unwirklich, »wie im Nebel« wahrgenommen)
Die Panikattacke steigert sich in ihrer Heftigkeit, bis sie nach fünf oder zehn Minuten ihren Höhepunkt erreicht. In Ausnahmefällen dauert sie auch mehrere Stunden.
Vielleicht denken Sie, Angst zu haben, sei normal, das gehöre zum Leben. Natürlich haben Sie recht. Aber diese spezielle Form von heftigster Angst, bekannt als Panik, an der ich und viele andere Menschen leiden, ist nicht durch Mut oder Wille zu überwinden. Studien besagen, dass jeder fünfte Schweizer einmal in seinem Leben an einer Angststörung erkrankt. Sie ist immun gegen Zuspruch und hat auch wenig mit einer Phobie zu tun, unter der Menschen leiden, die beispielsweise Angst vor Schlangen haben. Die vernichtende Angst ist bei ihrem ersten Auftreten an kein spezielles Objekt oder Umfeld gebunden. Erst später, wenn die Panik mit einer vorbelasteten Gegebenheit verbunden wird, wächst die Furcht, dass bei einer Wiederholung der Situation das Gleiche passieren könnte. Und wenn man es vermeidet, sich mit diesem vermeintlichen Auslöser zu konfrontieren, wird die Angst vor der Angst immer größer.
In diesem Sinne war meine erste Panikattacke typisch. Ich war zum ersten Mal ohne meine Eltern in den Ferien, in einer Umgebung, die mich etwas verunsicherte. Ich hatte am Tag vor der Attacke einen Unfall. Und ich war ein ängstliches Kind mit einer regen Fantasie. Ich sah Gespenster, wo keine waren, und konnte nur bei Licht schlafen. Nachdem ich einmal verbotenerweise bei unseren Nachbarn »Aktenzeichen XY« gesehen hatte, plagten mich Albträume, in denen mich fremde Männer abschlachteten. Diese Träume waren so real, dass ich schreiend aufwachte und mich ins Bett meiner Mutter flüchtete. Ich schmiegte mich an ihren Rücken, und erst durch ihre beruhigende Wärme konnte ich wieder einschlafen.
Was allerdings unlogisch war: Ich genoss meine Ferien auf Korsika, fühlte mich erwachsen und frei und war verliebt. Warum kam die Panik also gerade dann? Bis heute habe ich keine Antwort darauf. Was ich allerdings weiß, ist: Schon immer hatte ich Angst, meine Eltern zu verlieren.
Ich sehe mich als kleines Mädchen im Bett liegen. Ich bin vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Mein Vater schaut Fernsehen, meine Mutter ist kurz in die Stadt gefahren. Es ist abends um sieben und noch hell draußen, trotzdem sind die Fensterläden zugeklappt. Ich zittere vor Angst, denn ich bin überzeugt, dass meine Mutter nie mehr zurückkommen wird. Vor lauter Panik muss ich erbrechen. Mein Vater hält meine Stirn, sie ist fieberheiß, er meint, ich hätte eine Magenverstimmung. Ich traue mich nicht, ihm zu sagen, dass mir die Angst den Magen umgedreht hat. »Oh, wie ist mir schlecht!« Mein Vater trägt mich zurück ins Bett. Dann höre ich, wie die Haustür geöffnet wird. Meine Mutter ist zurück! Ich kann es kaum fassen und weine vor Glück.
Doch diese Tränen des Glücks waren eine Ausnahme, denn als kleines Mädchen habe ich mehr geweint als gelacht. Die ersten Monate im Kindergarten waren schrecklich: Kaum verschwand Mutter aus meinem Blickfeld, begann ich hysterisch zu schluchzen. Anfänglich blieb sie im Unterrichtszimmer, doch nach ein paar Wochen setzte sich die Kindergärtnerin durch, und meine Mutter musste fortan in der Garderobe warten. Doch sobald ich sie nicht mehr sah, begannen die Tränen zu fließen. Weder gutes Zureden noch Ermahnungen konnten die Verzweiflung bannen.
Auch Mutters Versuch, meine Angst zu überlisten, scheiterte. Vor meiner wöchentlichen Ballettstunde versprach sie: »Wenn du heute nicht weinst, wenn ich gehe, kaufe ich dir das rote Windrad, das du so gern haben wolltest.«
Ich hätte es wirklich sehr gern bekommen. Nach dem Abschied biss ich die Zähne zusammen und zog das rosa Tanzkleid an. Ich dachte an das rote Windrad, das bald mir gehören würde. Es nützte alles nichts. Diese furchtbare Angst vor dem Verlassenwerden packte mich kalt, und schon schluchzte ich los. Mutter, die im Vorraum des Studios gewartet hatte, machte keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung: »Ich hatte so gehofft, dass du dieses Mal nicht weinst«, tadelte sie mich. »Du bist doch schon so ein großes Mädchen.«
Das rote Windrad bekam ich nicht.
Die symbiotische Beziehung zu meiner Mutter beruhte auf Gegenseitigkeit. Sie hatte mich erst mit fünfundvierzig Jahren geboren, dies nach zahlreichen Fehlgeburten. Das Baby war für meine Eltern ein spätes Geschenk des Himmels. Vater war beruflich viel unterwegs, und so überschüttete Mutter mich mit Aufmerksamkeit und Fürsorge. Sie nannte unsere Beziehung »Affenliebe«. Meine acht Jahre ältere Schwester Jeannette, die über den Zuwachs verständlicherweise alles andere als erfreut war, reagierte mit Trotz und sagte prinzipiell zu allem Nein. Ich dagegen wollte von klein auf allen eine Freude machen. Insbesondere Mutter.
Schon früh lernte ich, dass ich für ihr Glück verantwortlich war. Wenn sie während des Gottesdienstes in der Kirche weinte, was regelmäßig vorkam, schmiegte ich mich an sie, bis ihre Tränen versiegten. Litt sie unter Magenschmerzen, legte ich meine Hand auf ihren Bauch, und sie sagte: »Du hast magische Hände. Wenn ich deine Wärme spüre, geht es mir sofort besser.« Und so machte ich alles Mögliche, um sie glücklich zu sehen. Ich gab mein Taschengeld aus für kleine Geschenke und schrieb Briefchen, in denen ich ihr versicherte, sie sei die beste Mutter der Welt. Unsere innige Zweisamkeit konnte niemand stören. Wie sehr mein Vater und meine Schwester unter dieser Symbiose litten, erfuhr ich erst später.
