Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im Frühjahr 2016 geht es unseren Autoren um alles: um Familie und Humor, um Flüchtlinge und unsere Gesellschaft, um Freundschaft und Religion, um Alltag und Musik, um Liebe und Mord und damit immer wieder um das Leben selbst in all seinen Facetten. So vielseitig sind dann auch die Geschichten, in die Sie schon jetzt in unserer Leseproben-Auswahl einen Blick werfen können.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Lesen, was kommt!Frühjahr 2016
Werfen Sie hier schon vor Erscheinen einen Blick in ausgewählte Bücher aus den Frühjahrsprogrammen der Hanser Literaturverlage.
Lesen, was kommt!
>> ZUM VORWORT
Abbas Khider:Ohrfeige
>> ZUM BUCH
Michael Köhlmeier:Das Mädchen mit dem Fingerhut
>> ZUM BUCH
Norbert Gstrein:In der freien Welt
>> ZUM BUCH
David Grossman:Kommt ein Pferd in die Bar
>> ZUM BUCH
Orhan Pamuk:Diese Fremdheit in mir
>> ZUM BUCH
Bilal Tanweer:Die Welt hört nicht auf
>> ZUM BUCH
Hans Platzgumer:Am Rand
>> ZUM BUCH
Jean-Philippe Blondel:This is not a love song
>> ZUM BUCH
Jane Gardam:Eine treue Frau
>> ZUM BUCH
Elizabeth LaBan:So wüst und schön sah ich noch keinen Tag
>> ZUM BUCH
Castle Freeman:Männer mit Erfahrung
>> ZUM BUCH
Mircea Cărtărescu:Die schönen Fremden
>> ZUM BUCH
Fredrik Sjöberg:Wozu macht man das alles?
>> ZUM BUCH
Naomi Schenck:Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12
>> ZUM BUCH
James Rhodes:Der Klang der Wut
>> ZUM BUCH
>> IMPRESSUM
Liebe Leserinnen und Leser,
im Frühjahr geht es unseren Autoren um alles: um Familie und Humor, um Flüchtlinge und unsere Gesellschaft, um Freundschaft und Religion, um Alltag und Musik, um Liebe und Mord und damit immer wieder um das Leben selbst in all seinen Facetten. So vielseitig sind dann auch die Geschichten, in die Sie schon jetzt in unserer Leseproben-Auswahl einen Blick werfen können.
Abbas Khider, in Bagdad geboren, lebt in Berlin und schreibt auf Deutsch. Er erzählt in seinem neuen Roman Ohrfeige eine Geschichte unserer Gegenwart: Karim, ein Flüchtling, ist voller Wut und möchte nur eines: dass ihm endlich jemand zuhört. Mit unverwechselbarer Stimme, tieftraurig und voller Witz lotet Abbas Khider das Selbstverständnis einer offenen Gesellschaft aus.
Auch Yiza sucht eine neue Heimat. Das kleine Mädchen steht irgendwo in einer großen Stadt in Westeuropa. Woher sie kommt? Warum sie hier ist? Sie weiß es nicht. Das Mädchen mit dem Fingerhut ist eine Geschichte von einem Leben am Rande und von der kindlichen Kraft des Überlebens – erzählt von Michael Köhlmeier.
In der freien Welt geht Norbert Gstrein der Frage nach unserem Blick auf jüdische Identität nach. John, amerikanischer Jude und ehemaliger Freiwilliger der israelischen Armee, wird in San Francisco auf offener Straße niedergestochen. Sein Freund Hugo reist auf seinen Spuren nach Israel und findet sich im jüngsten Gaza-Krieg auf beiden Seiten des Konflikts wieder. Ein aufrüttelnder Roman über Israel und Palästina.
Ebenfalls in Israel spielt Kommt ein Pferd in eine Bar. Dovele, ein Comedian, steht ein letztes Mal auf der Bühne. Was er erzählt? Witze natürlich. Aber auch – im Laufe des Abends – eine tragische Geschichte aus seiner Jugend. Dem Publikum bleibt zunehmend das Lachen im Halse stecken. Den Leser hält David Grossman mit diesem großen Roman um Freundschaft, Liebe und Verrat bis zur letzten Zeile gefangen.
In große fremde Städte entführen Sie unsere Autoren in den nächsten Romanen: Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk erzählt in Diese Fremdheit in mir von der Liebe und dem Leben eines Straßenverkäufers, als Istanbul sich in eine moderne Metropole verwandelt. Eine Liebeserklärung an die pakistanische Millionen-Metropole Karatschi finden Sie in Die Welt hört nicht auf, dem gefeierten Romandebüt des jungen pakistanischen Autors Bilal Tanweer.
Aber auch das Leben hier in Europa beschäftigt unsere Autoren: Der Österreicher Hans Platzgumer geht in seinem Roman Am Rand der Frage nach, wozu man fähig ist in der Überzeugung, das Richtige zu tun. Oder Sie begleiten Jean-Philippe Blondel und seinen Helden Vincent. Als erwachsener Mann besucht dieser seine Familie in Frankreich und ist sofort wieder der unsichere Junge von früher. This is not a love song heißt sein Roman über die Vergangenheit, die einen doch wieder einholt.
Um die Spielarten von Liebe und Begehren geht es in Eine treue Frau von Jane Gardam. Klug und zart erzählt sie darin von Betty, die Edward ewige Treue verspricht und nur eine Stunde später der Liebe ihres Lebens begegnet.
Und in dem Debütroman So wüst und schön sah ich noch keinen Tag von Elizabeth LaBan begegnen wir Tim, der als Albino meist nur gemobbt wird und sich in Vanessa verliebt. Eine tragische Geschichte über verbotene Liebe, fehlenden Mut und Verlust.
Einen neuen Autor können Sie auch mit dem Amerikaner Castle Freeman entdecken. Männer mit Erfahrung ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Folgen Sie darin einem kuriosen Trio durch die Wälder von Vermont bei dem Versuch, einen obskuren Bösewicht unschädlich zu machen. Oder Sie ergreifen die Gelegenheit, endlich etwas von dem Rumänen Mircea Cărtărescu zu lesen. Der für seine Orbitor-Trilogie (zusammen 1.800 Seiten) vielfach ausgezeichnete Autor versammelt in Die schönen Fremden leichtfüßige, skurrile und selbstironische Erzählungen.
Ganz nah an der Realität sind die gut recherchierten Geschichten und Essays von Fredik Sjöberg. In Wozu macht man das alles? erzählt er unter anderem von einem Spielzeugfabrikanten, einem Steuereintreiber oder von den Stecknadelflechten. Wozu man das lesen soll? Weil man sonst nie geahnt hätte, wofür man sich alles interessiert!
Naomi Schenck beginnt ebenfalls zu recherchieren. Als ihr Großvater stirbt, hinterlässt er ihr ein ungewöhnliches Erbe: Sie soll seine Biografie schreiben. Wer war dieser Mann, der für die Wissenschaft lebte? Mit Wärme und Lust rekonstruiert die Autorin in Mein Großvater stand vorm Fenster und trank Tee Nr. 12 ein Leben im 20. Jahrhundert.
Zum Schluss möchten wir Ihnen noch ein besonderes Buch ans Herz legen: Kennen Sie James Rhodes? Er ist ein weltweit erfolgreicher Konzertpianist und ein leidenschaftlicher, jungenhaft cooler Musiker. Aber der Weg, der hinter ihm liegt, führt durch die Hölle: Missbrauch, Drogenabstürze, Suizidversuche. Er lernt Klavier spielen, schmeißt alles hin, landet in der Psychiatrie und lernt dort zu erzählen. Als er zurückkehrt ans Klavier, wird er süchtig nach Musik. Sie rettet ihm das Leben, und sie wird zugleich sein Leben. In Der Klang der Wut erzählt er seine Geschichte – anrührend, aufregend und provokant.
Viel Spaß beim Lesen, ob mit oder ohne Musik, wünschen Ihnen
Ihre Hanser Literaturverlage
Hanser, Hanser Berlin, Zsolnay & Deuticke, Nagel & Kimche
PS: Möchten Sie regelmäßig über unsere Neuerscheinungen informiert werden? In unserem Newsletter erhalten Sie jeden Monat Neuigkeiten über unsere Bücher und Autoren, den Verlag und Veranstaltungen.
>> ZUR ANMELDUNG AUF UNSERER WEBSITE:www.hanser-literaturverlage.de/newsletter
Abbas Khider:
Ohrfeige
Ein Flüchtling betritt die Ausländerbehörde. Er ist wütend und hat nur einen Wunsch: dass ihm endlich jemand zuhört. Als Karim drei Jahre zuvor von der Ladefläche eines LKWs ins Freie springt, glaubt er, in Paris zu sein – in Wahrheit ist er mitten in der bayerischen Provinz. Er kämpft sich durch Formulare und Asylunterkünfte, bis er plötzlich abgeschoben werden soll. Jetzt steht er wieder ganz am Anfang. Ein ebenso abgründiger wie warmherziger Roman, darin eine der zentralen Fragen unserer Gegenwart: Was bedeutet es für einen Menschen, wenn er weder in der Heimat noch woanders leben darf?
>> ZUR LESEPROBE
>> ZUM AUTOR
<< ZURÜCK ZUM INHALTSVERZEICHNIS
DREI JAHRE UND VIER MONATE sind vergangen, seit ich mithilfe eines Schleppers hierherkam. Nun werde ich das Land durch die Dienstleistung eines solchen wieder verlassen. Heute gegen Mitternacht holt er mich ab und bringt mich weg. Ich bin wie eine unerwünschte Reklame, die immer wieder in Briefkästen geworfen wird, obwohl überall ganz deutlich Aufkleber angebracht sind. STOPP! KEINE WERBUNG BITTE! WIR VERMEIDEN MÜLL!
Wie meine künftige Reise verlaufen wird, Frau Schulz, das kann ich so wenig absehen, wie es Sie interessiert. Was mich in Finnland außer Frost erwartet, weiß ich nicht. Dennoch bin ich unheimlich aufgeregt und freue mich, andernorts neu anfangen zu können. Meine Beziehungen zu den dortigen Ämtern sind ja noch ganz jungfräulich.
Jahrelang habe ich hier gelebt und nun gehe ich mit leeren Händen. Was ich mitnehme, ist tief in mir. Es sind die vielen Erinnerungen an die anderen verlorenen Seelen und daran, wie wir uns so weit weg von zu Hause in die Arme liefen.
Als ich in Deutschland ankam, dachte ich, ich sei in Frankreich. Bis dorthin hatte mein Vater nämlich bezahlt. In Bagdad hatte er einem Schleppervermittler fünftausend Dollar gegeben. Dieser sollte dafür meine Reise bis nach Paris organisieren.
Dort wurde ich von Onkel Murad erwartet, einem alten Freund meines Vaters, der dann vor Ort weitere viertausend Dollar an die Schlepper bezahlen sollte. Hierfür hätte er die Lieferung, also mich, in Empfang nehmen können. Aber alles kam ganz anders.
Der Trip dauerte nicht lang, etwa fünf Wochen, und er verlief fast reibungslos. Eine ganze Schar von Schmugglern begleitete mich über zahlreiche Einzeletappen. Von Bagdad aus fuhren wir mit dem Auto über die Nordroute bis nach Istanbul. Von dort reisten wir, sechs Männer, zwei Frauen, drei Kinder und ein neuer Schlepper, weiter bis zur griechischen Grenze. Mit einem Schlauchboot ruderten wir über den Grenzfluss Evros. Hinter der Grenze übernahm uns ein Grieche und brachte uns bis nach Athen. Dort löste sich unsere Gruppe auf. Ein neuer Mittelsmann begleitete mich gen Norden bis nach Patras. Da versteckte mich ein Italiener in der Kabine seines Lastwagens. Er lenkte den Lkw auf eine Fähre und am darauffolgenden Tag erwachte ich in Venedig. Der nächste Schmuggler brachte mich nach Rom, wo ich einem Iraker übergeben wurde, der behauptete, Halbdeutscher aus Bielefeld zu sein. Über Silvester ließ er mich ein paar Nächte in einer leeren Erdgeschosswohnung zurück, irgendwo am Stadtrand. Das Jahr 2001 begann dann damit, dass wir zu zweit mit dem Zug nach Bolzano in Südtirol reisten oder wie es auf Deutsch heißt: Bozen. Am gleichen Abend hockte ich bereits mit drei weiteren Passagieren im Laderaum eines Minitransporters. Fünf oder sechs Stunden Fahrt ohne jede Orientierung. Dann wurden wir frühmorgens auf irgendeiner Straße ausgesetzt.
»Ihr seid angekommen! Aussteigen, beeilt euch! Da hinten ist der Bahnhof!«
Kaum berührten unsere Füße den Asphalt, gab der Fahrer wieder Gas und war verschwunden. Bislang hatte überall ein Schlepper auf mich gewartet. Dieses Mal jedoch fand ich mich an einem unbekannten Ort wieder, zusammen mit drei anderen Jungs. Keiner von uns wusste, wo wir waren oder was jetzt am besten zu tun war. Wir standen auf einer verwaisten Landstraße, um uns herum schneebedeckte Felder, einige entlaubte Bäume und eine Kälte, die uns bis tief in die Knochen fuhr. Weder Menschen noch Autos waren zu sehen, lediglich ein paar Gebäude, weit entfernt.
»Ist das Deutschland?«, fragte einer der Jungs.
»Es ist wohl eher Frankreich«, sagte ich, ohne dafür einen wirklichen Anhaltspunkt zu haben.
»Oh nein, wir haben doch bis nach München bezahlt!«
»Ich aber bis nach Paris!«
Ein anderer unterbrach unseren Disput.
»Wenn wir weiter so blöd hier herumstehen, wird man uns schnell entdecken, ganz egal, wo wir sind!«
Daraufhin ließen mich die drei Jungs einfach stehen und rannten rasch in Richtung der Häuser, wo sich angeblich der Bahnhof befinden sollte. Ich entfernte mich ebenfalls von der Straße und versteckte mich hinter einem Baum. Hier kramte ich meine Flüchtlingsausstattung aus dem Rucksack hervor. Eine schicke schwarze Hose, ein elegantes Hemd sowie Schuhe und Socken. Eine komplette Garnitur, die mir mein Vater mitgegeben hatte und die ich anziehen sollte, wenn ich mich in einer Großstadt oder in der Nähe eines Wohngebiets befände. Auch mein Bielefelder Schmuggler in Rom hatte mir eingeschärft, dass ich mich optisch unbedingt anpassen müsse.
»So fällst du nicht negativ auf! Polizistenaugen sehen zuerst auf die Kleidung. Bleiben ihre Blicke hängen, dann schauen sie auf die Haut- und Haarfarbe. Noble Klamotten sind in den westlichen Ländern genauso wichtig wie ein Ausweis. Je eleganter und stilvoller du aussiehst, desto sicherer bist du.«
Ich stand also in einer ländlichen Gegend hinter einem Baum und zog mich um. Für einen kurzen Moment sah ich mich von außen. Wie ich irgendwo auf diesem Planeten in Unterhosen im Schnee stehe, ohne zu wissen, wo ich bin. Ich kam mir unter diesem wirklich schönen Baum mit einem Mal mutterseelenallein vor. So allein wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Obwohl die Reise bisher trotz meiner Ängste problemlos verlaufen war, traute ich dem Frieden hier nicht so recht. Meine Stimmung wurde trüb wie der Himmel dieses unbekannten Landes. Vielleicht war es auch diese unsägliche Kälte, die mich wie ein tollwütiges Tier ansprang und die dazu führte, dass ich stark zitterte.
Von den alten Klamotten behielt ich nur die schwarze Jacke und den Gürtel, den Rest ließ ich auf dem Boden zurück. Frisch umgezogen machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof. Ich ging an der Landstraße entlang und stapfte durch den matschigen Schnee. Als ich zu den ersten Häusern kam, versuchte ich die Hauptstraße weitestgehend zu vermeiden und lief ein paar Umwege.
Nach einem halbstündigen Marsch landete ich schließlich vor einem Gebäude, hinter dem gerade ein Zug vorbeifuhr. Das musste der Bahnhof sein. Ich wollte hineingehen, um in Erfahrung zu bringen, wo ich mich befand. Dann könnte ich Murad in Paris anrufen und ihn über mein weiteres Vorgehen um Rat fragen. Aber kaum dass ich die Halle betreten hatte, sprachen mich, trotz meiner Verwandlung in einen gepflegten Herrn, zwei in beigefarbene Hosen und grüne Jacken gekleidete Männer an.
»Polizei, Ihren Ausweis bitte!«
»What?«
»Passport?«
»No.«
Ein paar Augenblicke später klickten die Handschellen und ich wurde in ein Polizeirevier geführt, das nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt lag.
»I am from Iraq. Seeking asylum. Asylum, please.«
Diese Worte hatte ich zuvor im Stillen tagtäglich geübt, jetzt sprach ich sie endlich aus. Mehr sollte ich besser nicht sagen, abgesehen vom Namen, Beruf und Alter. Die Schlepper hatten uns immer wieder eingetrichtert, dass wir nur mehr erzählen sollten, wenn Dolmetscher oder Zivilisten dabei wären.
Ich wurde in ein Büro gebracht, in dem zwei Uniformierte nebeneinander an einem Tisch saßen. Sie unterhielten sich mit mir. Einer der beiden übertrug meine Aussagen in ein Heft. Er wollte die Orte notieren, die ich auf meinem Weg nach Deutschland passiert hatte. Doch ich antwortete nicht. Als Beschäftigung gab ich »Student« an. Der Mann fragte außerdem, ob ich Geld bei mir trüge. Obwohl es der Unwahrheit entsprach, verneinte ich. Meine Mutter hatte nämlich einige Dollar in meine Kleidung eingenäht.
Bevor ich unser Haus in Bagdad verließ, trennte sie den Gürtel auf, stopfte fünfhundert Dollar hinein und nähte ihn anschließend wieder zu, sodass »keiner, nicht einmal der Teufel selbst, auf die Idee kommt, dass hier etwas verborgen ist. Die holst du erst heraus, wenn du dein Ziel erreicht hast«, sagte sie und wischte sich eine Träne von der Wange. »Dein Startkapital in der Fremde.«
Ich wurde in einen Nebenraum gebracht. Dort standen ein Tisch und mehrere Stühle. Ringsum nackte Wände. Nach wenigen Minuten tauchten die beiden Polizisten wieder auf, die mich verhaftet hatten. Sie trugen Gummihandschuhe und verlangten, dass ich mich vollständig ausziehen sollte.
»What?«
»Na los! Ausziehen!«
»No!«
»Undress! Jetzt mach hin!«
Widerwillig zog ich mich aus.
Die beiden schauten mich an. In ihren Augen konnte ich sehen, wie sehr mein Oberkörper sie zugleich anekelte und faszinierte. Ja, Frau Schulz, sie sahen etwas, wofür ich mich bis heute zutiefst schäme. Sie sahen den wahren Grund meiner Flucht. Seit Jahren und vor allen Menschen versuche ich, ihn zu verheimlichen. Vielleicht erzähle ich Ihnen später davon.
Der Unrasierte zeigte auf meine Unterhose.
»Die auch!«
»No!«
»Ausziehen!«, befahl er, trat einen bedrohlichen Schritt auf mich zu und schaute mir streng in die Augen.
Ich gehorchte und streifte die Unterhose ab.
Der Unrasierte begann, mich zu untersuchen. Alles wurde erforscht. Sogar meine Eier. Zum ersten Mal in meinem Leben schob jemand seinen Finger in meinen Arsch.
Der andere Polizist durchsuchte währenddessen meine Klamotten und den Rucksack. Er trennte den Gürtel auf, als würde er das jeden Tag zigmal machen. Er entdeckte die fünfhundert Dollar und packte die Scheine auf den Tisch. Er holte meine Geburtsurkunde, den Ausweis, das Abiturzeugnis und die vier Schachteln Marlboro aus meiner Tasche und legte sie neben das Geld.
»Put your clothes on! But not the belt! Understand?«
Einer der Polizisten notierte irgendetwas auf ein Formular, schob das Blatt zu mir und reichte mir einen Stift.
»Signature!«
Mit seinem Zeigefinger klopfte er wiederholt auf die Stelle, wo wohl mein Name hingehörte. Er tat das auf eine so eigene Art, dass ich mir kein weiteres »No« erlaubte.
Die beiden führten mich in einen neuen Raum. Dort fotografierte man mich und nahm meine Fingerabdrücke ab. Dann begleitete mich der Hodengrabscher durch den Flur und eine Treppe hinunter in den Keller. Wir erreichten eine dicke, schwere Tür. Er öffnete sie und unmittelbar dahinter befand sich eine zweite Tür, diesmal mit Drehrad. Er bewegte den Mechanismus und hievte die dicke Stahltür mit einiger Anstrengung auf. Nach ein paar Schritten standen wir vor einer weiteren Stahltür, die der Polizist ebenfalls aufschloss. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sprach ihn an.
»Excuse me, where am I? France, Paris? Where?«
Der Polizist schaute mich an, als sei ich völlig verrückt.
»Are you kidding me? You are in Germany. Dachau! Understand?«
»Dachau? What’s that?«
Heute bin ich heilfroh, dass ich bis zu meiner Ankunft in Deutschland noch nie etwas von Dachau gehört hatte. Wenn ich von dem dortigen Konzentrationslager aus der Nazizeit gewusst hätte, dann wäre an jenem Tag bestimmt mein Herz stehen geblieben. Aber auch so kam mir meine Dachauer Gefängniszelle sehr beklemmend vor. Der Raum erinnerte mich an eine Milchflasche. Alles darin war weiß. Die Wände, die Bettwäsche, das Waschbecken und die Toilettenschüssel, die Klopapierrolle, der Heizkörper, ebenso der Tisch und der Stuhl, die sowohl an der Wand als auch am Boden festgeschraubt waren, als wären sie unerzogene Hunde, die man an der Leine halten muss. Oder als drohte die Gefahr, dass sie gestohlen würden. Das Einzige, was eine andere Farbe hatte, befand sich über dem Bett. Ein roter Knopf. Darauf müsse ich drücken, wenn ich etwas benötige, erklärte mir der Polizist, bevor er den Raum verließ und mich einschloss.
Ich kauerte unendlich lang in dieser Zelle. Ich wusste irgendwann nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war. Das ewig gleiche Kaltlicht einer weißen Halogenlampe machte jedes Zeitgefühl zunichte. Ich hörte weder Stimmen noch Autos oder Züge, obgleich das Polizeirevier direkt am Bahnhof lag. Nicht ein winziges Geräusch drang zu mir. Kein einziger Geruch, nichts, außer dem seltsamen Mief der Zelle, dem Gestank der Einsamkeit. Eine kolossale Stille. Unzählige Fragen und Ängste stoben durch meinen Schädel, senkrecht, waagerecht, diagonal und in unheimlichen Kreisen. Die Sekunden, Minuten und Stunden krochen träge dahin. Dreimal kotzte ich in die Toilettenschüssel, obwohl ich seit einer Ewigkeit nichts mehr gegessen hatte. Als wollte mein Magen zusammen mit meiner Seele aus meinem Körper ausbrechen. Mein Kopf schmerzte. Ich fing an zu zittern, obwohl es nicht kalt war. Zwanghaft kratzte ich mich hinter den Ohren und kaute auf den Lippen herum. Der Gedanke an eine Zigarette fing an, mich vollständig zu beherrschen. Ewigkeiten starrte ich auf den roten Knopf, bis ich ihn endlich drückte. Es dauerte einige Minuten, bis ein Polizist erschien und die Tür öffnete.
»Was?«
»I need to eat, please. And a cigarette?«
»It’s in the middle of the night. Ask tomorrow.«
Er ging wieder und verriegelte die Türen.
Arschgesicht!, grummelte ich in mich hinein.
Ich legte mich wieder hin, betrachtete die weiße Decke über mir und drehte mich auf die linke Seite. Vor meiner Nase die makellos weiße Wand. Gern hätte ich Risse oder irgendeine Spur von Feuchtigkeit darauf entdeckt, um darin etwas lesen oder erträumen zu können. Feuchte Steine können Formen, ja ganze Gemälde im Gehirn hervorrufen. Doch die monotonen Mauern von Dachau bedeuteten nur Unbestimmtheit und Ödnis.
Ich schlief tatsächlich ein. Allerdings rissen mich gewaltige Albträume bald wieder aus dem Schlaf. Ich schlug auf den roten Knopf und wartete. Keiner kam. Ich stand auf, wusch mir mein Gesicht, trank aus dem Wasserhahn und suchte vergeblich nach einem Schalter, um das Licht auszumachen. Ich setzte mich auf den Boden, hielt meinen Oberkörper fest mit den Armen umschlungen. Dann legte ich mich wieder ins Bett. Ich zog die Decke über den Kopf.
»Ja, was wollen Sie?«
Ein rothaariges Mädchen befand sich plötzlich in meiner Zelle. Es trug dieselbe Uniform wie die Polizisten. Überrascht schaute ich es an.
»What do you want?«
»I’m hungry. No food for a thousand days!«
»I’ll bring you something.«
Erneut zog ich mir die Decke über den Kopf und wartete. Dann kam das Mädchen endlich zurück und hatte zwei Käsebrötchen dabei.
»It looks like you have been forgotten by my colleagues. I’m sorry for that.«
Sie stellte den Teller mit den belegten Brötchen auf den Tisch und wollte direkt wieder gehen.
»May I ask you what time it is?«
»It’s six in the morning.«
Dann fiel die Tür wieder ins Schloss. Ich stürzte mich auf das erste Käsebrötchen. Nach wenigen Bissen wurde mir so schlecht, dass ich mich dazu zwingen musste, langsam zu essen, um mich nicht schon wieder zu übergeben. Ich zerrupfte das Brötchen in kleine Stücke, lutschte den Teig, kaute den Käse ganz langsam. Als ich beide Brötchen gegessen und ein paar Schlucke Wasser aus dem Hahn getrunken hatte, spürte ich, wie etwas Leben in mich zurückkehrte. Ich schlief ein und wachte erst wieder auf, als die Tür erneut aufgerissen wurde. Ein Polizist betrat den Raum. Er befahl mir aufzustehen. Während ich noch versuchte, ihn zu fragen, was jetzt passiere, packte er mich, riss mich vom Bett, legte mir Handschellen an und zog mich auf den Flur. Dann schubste er mich vor sich her. Wir stiegen die Treppe hinauf und gingen in dasselbe Büro, in dem sich seine Kollegen meine Auskünfte notiert hatten.
Draußen war es ziemlich hell, vermutlich Vormittag. Einer der drei anwesenden Polizisten wechselte einige Worte mit meinem schlecht gelaunten Bewacher. Nachdem ich einen Zettel unterschrieben hatte, begleitete er mich ins Freie.
Merkwürdig, das Tageslicht wieder zu sehen, es stach mir grell in die Augen. Außerdem schlug mir ein kalter Wind ins Gesicht. Grauer Himmel über Dachau. Der Schnee bedeckte fast den gesamten Parkplatz, ein paar Polizeiautos standen herum. Ich wurde zu einem Auto gebracht, in dem bereits ein weiterer Polizist saß und auf uns wartete. Ich wurde nach hinten gesetzt. Dann fuhren wir zu dritt los.
Obwohl ich gern die Umgebung betrachtet hätte, gelang es mir nicht, mich zu konzentrieren. Ich war sehr eingeschüchtert von der Härte und der Kälte und schaute nur zu den bitterernsten Männern vor mir, versuchte zu erahnen, was sie mit mir vorhaben könnten. Wo brachten sie mich hin?
Nach einer langen Zeit näherten wir uns einem Gebäude, das wie ein Knast aussah. Mein Herz fing an zu rasen. Obwohl ich saß, zitterten meine Beine. Tatsächlich konnte ich Gitter an den Fenstern sehen, aber auch Menschen, die frei über das Gelände gingen oder davon wegspazierten. Keine Wächter. Viele Schwarzhaarige überall. Seinem Aussehen nach glaubte ich, einen Landsmann auszumachen. Er spielte mit einer Gebetskette in der Hand, genau wie die alten Männer in der Heimat.
Vor einem kleineren Gebäude hielten wir und stiegen aus. Mir wurden die Handschellen abgenommen. Ich bekam meinen Rucksack wieder und wurde in ein Zimmer gebracht. Dort wartete ich nur eine kurze Zeit, bis zwei in Zivil gekleidete Männer den Raum betraten. Der Hellhäutige sagte: »Hallo«, der Schwarzhaarige begrüßte mich auf Arabisch und sagte: »As-salamu alaikum.«
Es war so unfassbar schön, meine Muttersprache wieder zu hören. Endlich ein Mensch, dachte ich, mit dem ich reden kann. Er sah nett aus, war gut angezogen und glatt rasiert.
Die Polizisten verließen den Raum, meine neuen Begleiter brachten mich in ein neues Wartezimmer. Dann verschwanden auch sie wieder. Hier saßen bereits drei Männer und zwei Frauen. Sie schwiegen. Nach einer längeren Zeit, in der ich meinen Gedanken nachhing, überprüfte ich meinen Rucksack. Fast alles war noch da, auch der Gürtel, jedoch ohne die fünfhundert Dollar. Auch die vier Schachteln Marlboro waren weg. Solche Arschlöcher.
Plötzlich stand der Schwarzhaarige vor mir.
»Alles in Ordnung?«
»Ja, danke! Wo bin ich? Und was ist das für ein Ort?«
»Du bist in München, das ist das Asylantenheim.«
»Was wird mit mir passieren?«
»Man wird deine Angaben notieren und dir einen Ausweis geben. Mach dir keine Sorgen! Das wird schnell erledigt sein. Anschließend wirst du in einen Ort gebracht, der Zirndorf heißt. Ins dortige Asylantenheim. Hier in München gibt es keine freien Plätze mehr. Alles voll. Der Bus wartet ab dreizehn Uhr vor dem Haus.«
»Ich muss nicht ins Gefängnis, oder?«
»Dir steht ein Recht auf Asyl zu. Du musst aber eine Strafe zahlen, weil du dich illegal im Land aufgehalten hast. Deshalb wurde das Geld, dass du bei dir hattest, eingezogen. Hättest du dich bei der Polizei gemeldet, wäre es jetzt einfacher.«
»Darf ich telefonieren? Hier will ich nicht bleiben, ich soll weiter nach Paris.«
»Mach bitte keine Dummheiten! Deine Fingerabdrücke wurden abgenommen und an andere europäische Länder weitergeleitet. Du kannst nirgendwo anders Asyl beantragen. Nur in Deutschland, wo man dich aufgegriffen hat. Deine Reise endet hier. Das ist deine letzte Station in Europa. Gewöhn dich an den Gedanken!«
Der Mann verabschiedete sich und ging wieder ins Zimmer nebenan. Auf dem Weg dorthin blieb er kurz im Türrahmen stehen, drehte sich noch einmal zu mir um und schaute mir lächelnd und freundlich in die Augen.
»Dein Paris heißt jetzt Zirndorf. Telefonieren kannst du von dort aus.«
WÄHREND MEINER GANZEN FLUCHT aus dem Irak hatte ich mich wieder und wieder in Fahrzeugen befunden, die mich an irgendwelche wildfremde Orte gebracht hatten, deren Namen ich nicht einmal aussprechen konnte. Nun sollte meine Reise enden und der Name meines zukünftigen Wohnorts klang wie der eines seltenen Medikaments. Zirndorf.
Der Busfahrer stand vor dem Zaun und warf einen gelangweilten Blick auf das dahinterliegende Gebäude. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und spuckte ständig auf den Boden, als wolle er die Erde beleidigen. Als wir endlich losfuhren, hatte er nur noch Augen für die anderen Fahrzeuge auf der Straße und die unzähligen Schilder. Er lenkte den Bus meisterhaft durch den dichten Verkehr von München. Es schien, als seien ihm die Passagiere vollkommen gleichgültig. Sein schmächtiger Begleiter hingegen versuchte, die Fahrt für uns alle so angenehm wie möglich zu gestalten. Matthias, so hatte er sich vorgestellt, war Mitarbeiter einer Stiftung, die sich um Asylbewerber kümmert. Wenn er seine Hände bewegte, erzeugte er den Eindruck, als wäre er ein Klavierspieler oder Balletttänzer. Er blätterte in einer Akte und las hin und wieder Namen daraus vor. Er betrachtete jeden von uns höflich und mit einem verträumten Blick.
»Wie der uns anguckt. Das ist doch definitiv eine Schwuchtel!«, sagte einer der Jungs in der letzten Reihe.
»Stehst du etwa auf ihn, oder was?«, rief irgendwer, und alle brachen in Gelächter aus.
»Mann, hört auf! Er ist nett zu uns. Er hat es nicht verdient, dass ihr auf diese Art über ihn redet. Seid nicht so respektlos! Vielleicht versteht er sogar Arabisch!«, sagte der Junge neben mir, den Matthias gerade als Hassan aufgerufen hatte.
»Er kann auch Persisch und Hindi! Er ist ein Eunuch eines Kalifen aus der Abbasiden-Zeit, kommt eben mit der Zeitmaschine aus dem Mittelalter, direkt aus dem Palast in Bagdad. Du Vollidiot!«
»Bei dem Quatsch, den du da redest, wünsche sogar ich mir, kein Arabisch zu verstehen.«
»Ach, du denkst wohl, du bist was Besseres. Pass auf, sonst komme ich rüber und verwandele mit einem Schlag deine Zähne in Münzen!«
»Zeig doch, was du draufhast!«, rief Hassan und sprang mit stolzgeschwellter Brust auf den anderen Jungen zu. Sofort verwandelten laute Anfeuerungsrufe den Bus in eine Hahnenkampfarena. Zwei ältere Männergingen zwischen die Streitenden und versuchten zu verhindern, dass es zu einer richtigen Prügelei kam. Sogar der Älteste im Bus mischte sich schließlich ein. Er war bestimmt über siebzig Jahre alt, trug einen schwarzen Turban um den Kopf gewickelt und saß ganz vorne hinter dem Busfahrer. Sein Körper war komplett von einem langen, braunen Gewand umschlungen. Er sah wie einer der Stammesführer aus, die ich auch nur aus dem Fernsehen kannte, und seine Stimme war tief und kräftig.
»Wollt ihr uns vor den Menschen dieses Landes lächerlich machen? Ich will keinen Ton mehr von euch hören. Verstanden? Zeigt Respekt, ihr ungezogenen Bengel!«
Mit diesen Worten endete die Streiterei schlagartig. Alle schwiegen. Typisch, dachte ich, unsere Ältesten haben immer das letzte Wort, sogar in Europa.
Ich stellte mir vor, dieser Bus mit uns allen sei nur zufällig hier in Deutschland gelandet. Vor wenigen Augenblicken noch war er ganz gewöhnlich durch Bagdad gefahren, dann gegen eine Mauer geknallt, und plötzlich, wie in einem Fantasyfilm, umgab ihn eine dichte Staubwolke und einen Augenblick später fuhr er auf einer deutschen Autobahn. Die Uhrzeiger der Fahrgäste allerdings drehten sich noch nach der mesopotamischen Zeit.
Ich schaute immer wieder aus dem Fenster auf diese absurde Welt da draußen namens Bayern. Nach den Münchner Häusern, Geschäften und Geschöpfen mit ihren vielen Klamotten, Mützen, Handschuhen und schweren Mänteln lag nun nur noch eine Landschaft vor uns, die vollständig unter Schnee begraben war. Einige Dörfer da und dort waren in der Ferne zu sehen. Manchmal tauchten Fabriken, Tankstellen, Burger-King-Filialen oder Baumärkte auf.
Hassan, der sich inzwischen wieder beruhigt hatte, erzählte mir, wir seien zwar nach Zirndorf unterwegs, würden aber auch dort nicht lange bleiben. Dieser Ort sei eine Zwischenstation, von wo aus die Asylbewerber an verschiedene Stellen weitergeschickt würden. Mehr sagte er nicht, und er fragte mich nicht einmal nach meinem Namen. Stattdessen schaute er aus dem Fenster, schwieg und betrachtete die Käffer, an denen wir vorbeirauschten.
Der Bus wurde langsamer und blieb auf einem Hügel mitten in einem Wald stehen, vor einem einsamen winzigen Haus. Matthias forderte einen Jungen auf, hier auszusteigen. Er begleitete ihn ins Haus, kehrte allein wieder zurück und wir fuhren weiter.
»Wird so auch unser Ende aussehen? Abgesetzt auf einer Anhöhe zwischen den Wäldern?«, fragte Hassan. Als wir wieder ein paar Minuten lang gefahren waren, wurde ihm plötzlich schlecht. Er rief sofort nach Matthias und machte ihn auf seine missliche Lage aufmerksam. Doch bevor der Busfahrer anhalten konnte, kotzte Hassan schon mitten auf den Gang. Anschließend hob er den Kopf, gelbe Galle tropfte von seinem Mund.
»Ich wollte nur ausdrücken, was ich über unsere jetzige Situation denke.«
Er lachte und einige fielen in dieses Lachen mit ein, während andere sich kopfschüttelnd und angeekelt wegdrehten. Hassan lachte zwar, aber ich konnte sehen, dass sich Tränen in seinen tiefschwarzen Augen sammelten.
Nach einer kurzen Pause, in der Matthias zusammen mit Hassan das Erbrochene wegwischte, fuhren wir weiter. Ich schlief ein und wachte erst in der Abenddämmerung wieder auf, als wir bereits angekommen waren. Unser Bus stand vor dem Zirndorfer Asylantenheim.
Es gab hier keine Asphaltstraßen, sondern nur Schotterwege, schlank wie die umstehenden Tannen auf den Hügeln. Die Einrichtung lag zwar auch auf einer Anhöhe, war aber viel größer als jene, bei der wir den Jungen abgesetzt hatten. Sie bestand aus mehreren Haupt- und Nebengebäuden.
Vor einem Büro im Hof stellten wir uns in einer Warteschlange auf. Unsere Namen wurden von einem grauhaarigen Typen aufgerufen. Eine alte Dame, die sich neben ihn gestellt hatte, reichte jedem von uns eine Flasche Apfelsaft, zwei Brötchen, vier Scheiben Käse und eine Decke. Anschließend begleitete uns der Grauhaarige in einen Raum, der vorher vermutlich als Sporthalle, Warenlager oder Garage gedient hatte und in dem nun viele Matratzen auf dem Boden lagen. Dort sollten wir übernachten.
Obwohl sich mehr als siebzig Männer im Saal befanden, verstummten irgendwann alle Gespräche, Flüche und auch das seltene Gelächter. Die Stille wurde lediglich von einigen Schnarchgeräuschen und herzhaften Pupsern durchbrochen.
Ich saß aufrecht auf meiner Matratze. Durch das große Fenster an der Seitenwand der Halle versuchte ich draußen irgendetwas zu erkennen. Es war stockdunkel und am Himmel waren keine Sterne, kein Mond oder andere Lichter von Flugzeugen oder Sternschnuppen zu sehen. Da das Fenster eine rechteckige Form aufwies, erschien mir die schwarze Fläche wie einer der Zensurbalken, die ich aus dem Fernsehen kannte. Ich wusste, dass diese neue Heimat, in der ich mich nun gezwungenermaßen aufhielt, ein Gesicht hatte – noch konnte ich jedoch nicht erkennen, ob es ein freundliches oder ein boshaftes war.
So vor mich hin grübelnd legte ich mich endlich hin. Da meine Matratze direkt an der Wand lag, fiel mir bei näherer Betrachtung auf, dass diese zwar frisch gestrichen war, man aber Spuren von einigen Kritzeleien durchscheinen sehen konnte. Ich erkannte arabische Buchstaben, schaffte es aber nicht, Wörter oder gar ganze Sätze zu entziffern. Nur »Allah« sprang mir ins Auge und das versetzte mir einen schmerzhaften Stich ins Herz, denn so gottverlassen, wie ich mich in dem Moment fühlte, war er wohl der Letzte, auf dessen Hilfe ich zählen konnte. Mit einem stummen Fluch auf den Lippen schlief ich ein.
Irgendwann hörte ich eine Stimme, die meinen Namen rief. Sofort war ich hellwach und sprang auf. Es war schon früher Morgen. Ich sollte schnell im Büro erscheinen, um einige Dokumente zu unterzeichnen. Danach besuchte ich eine Mitarbeiterin der Caritas. Wir sprachen Englisch miteinander. Auch sie fragte ich natürlich nach meinem Geld. Auch sie sagte, dass die fünfhundert Dollar wohl als Strafzahlung einbehalten worden seien, weil ich mich illegal auf deutschem Boden aufgehalten habe. Wo die vier Schachteln Marlboro abgeblieben seien, könne sie sich allerdings auch nicht erklären. Vermutlich waren sie einfach in den Lungen der Polizisten in Dachau verpufft.
Ich bekam eine Fahrkarte und einen Fahrplan auf Englisch sowie fünf D-Mark Taschengeld. Mit dem Linienbus und der Regionalbahn sollte ich nun allein weiterfahren. In ein neues Heim. Mein nächstes Ziel klang wie die libanesische Hauptstadt.
»To Beirut?«, fragte ich den schweigsamen Beamten, der mich bis zur Bushaltestelle begleitete.
»Yes, Bayreuth. Das ist nicht weit.«
Mit dem Bus fuhr ich also zum Zirndorfer Bahnhof. Dort fand ich eine Telefonzelle und rief mit den fünf Mark Taschengeld endlich Murad in Paris an.
»Hallo, Onkel Murad. Ich bin’s, Karim!«
»Oh Gott, Karim! Wir haben uns solche Sorgen um dich gemacht. Geht es dir gut? Wo bist du?« Onkel Murad war außer sich vor Freude.
»Alles okay. Ich bin in Deutschland.«
»Was?«
»Keine Ahnung. Der Schlepper hat mich hier irgendwo stehen lassen und die letzten Tage war ich im Knast. Jetzt bin ich wieder frei und soll zu einem Asylantenheim fahren. Was soll ich denn jetzt machen?«
»Hat man deine Fingerabdrücke abgenommen?«
»Ja, sicher.«
»Oh, das ist eine Schande. Dann musst du Paris vergessen. Versuch in Deutschland Asyl zu bekommen. Mehr kannst du jetzt nicht tun.«
»Aber das ist alles ein großer Dreck, Onkel Murad, so war das doch gar nicht geplant.«
»Ich kümmere mich um diesen Scheißschlepper.«
»Kannst du Papa anrufen und Bescheid geben, dass ich angekommen bin?«
»Ja klar. Pass auf dich auf, mein Lieber, und ruf mich an, wenn du etwas brauchst.«
Murad legte auf. Ich hielt den Hörer noch einige Zeit lang an mein Ohr und hörte paralysiert dem Freizeichen zu. Dieser endlose, gleichmäßige Pfeifton klang wie ein medizinisches Gerät, das den Tod eines Menschen signalisiert.
Wie geht es weiter? Das erfahren Sie ab dem 1. Februar 2016, wenn das Buch erscheint.
Abbas Khider:
Ohrfeige
Roman
224 Seiten
Gebunden: € 19,90 [D]
E-Book: € 15,99 [D]
Erscheint am 1. Februar 2016
Verlag: Hanser
>> ZUM AUTOR
>> ZUM NÄCHSTEN TITEL
<< ZURÜCK ZUM INHALTSVERZEICHNIS
Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er aus dem Irak und hielt sich als »illegaler« Flüchtling in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman Der falsche Inder, es folgten die Romane Die Orangen des Präsidenten (2011) und Brief in die Auberginenrepublik (2013). Zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis sowie dem Hilde-Domin-Preis geehrt. Abbas Khider lebt in Berlin.
>> ZUM NÄCHSTEN TITEL
<< ZURÜCK ZUM INHALTSVERZEICHNIS
Michael Köhlmeier:
Das Mädchen mit dem Fingerhut
Irgendwo in einer großen Stadt, in Westeuropa. Ein kleines Mädchen kommt auf den Markt, hat Hunger. Sie versteht kein Wort der Sprache, die man hier spricht. Doch wenn jemand »Polizei« sagt, beginnt sie zu schreien. Woher sie kommt? Wie sie heißt? Sie weiß es nicht. Yiza, sagt sie, also heißt sie von nun an Yiza. Als Yiza zwei Jungen trifft, die genauso alleine sind, tut sie sich mit ihnen zusammen. Michael Köhlmeier erzählt von einem Leben am Rande und von der kindlichen Kraft des Überlebens – ein Roman, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.
>> ZUR LESEPROBE
>> ZUM AUTOR
<< ZURÜCK ZUM INHALTSVERZEICHNIS
Dieser Mann war ihr Onkel.
Sie wusste nicht, was das Wort bedeutet.
Sie war sechs Jahre alt.
Er beugte sich zu ihr nieder und erklärte ihr ein letztes Mal, was nun folgen wird. Wieder hatte sie Mühe, ihn zu verstehen. Aber sie verstand ihn. Das eine oder andere sollte sie ihm nachsagen. Das tat sie. Er gab ihr einen Schubs, als die Ampel grün war, und sie ging über den Zebrastreifen zum Markt. Sie blickte sich nicht um. Er hatte gesagt, das dürfe sie nicht, sie solle schnell gehen. Sie ging schnell und schaute auf den Boden und hatte die Hände in den Taschen.
In der Gasse zwischen den Marktständen drückte sie sich an den Männern vorbei, ohne ihren Schritt zu verlangsamen. Den Kopf behielt sie gesenkt. Die Männer richteten ihre Stände her, fegten, legten das Gemüse zurecht und das Obst, sie wichen ihr aus oder blieben stehen, um sie vorbei zu lassen. Und es wunderte sich keiner über sie. Genau so würde es geschehen, hatte der Onkel gesagt.
Es war früh am Morgen. Die Laternen brannten noch. Die Pfützen waren gefroren.
Sie hatte seit gestern Mittag nichts gegessen. Sie werde von Bogdan zu essen bekommen. Bogdan sei ein guter Mann. Auch wenn er mit ihr schimpfe, sei er doch ein guter Mann. Erst werde er vielleicht mit ihr schimpfen, bald aber nicht mehr, und er werde nicht sehr mit ihr schimpfen. Sie solle nicht sagen, dass sie Hunger habe. Sie solle gar nichts sagen. Er werde ihr zu essen geben, und es werde besser sein als alles, was sie in ihrem Leben gegessen habe.
Im Laden stellte sie sich vor die Theke und verschränkte die Hände auf dem Rücken und sagte nichts. Sie schaute den Mann an, der hinter der Theke stand.
Der Mann hinter der Theke ist Bogdan, hatte der Onkel gesagt.
Bogdan fragte, was sie wünsche. Sie antwortete nicht. Ob sie jemand geschickt habe, wer sie geschickt habe, ob sie jemanden suche, ob sie auf jemanden warte. Wie sie heiße. Wie er ihr helfen könne. Sie gab keine Antwort.
Er ließ sie.
Er holte Würste, Schinken, Käse und die Tiegel mit in Öl eingelegten Oliven, Artischocken, Zucchini und Melanzani aus dem Kühlraum und breitete die Sachen unter dem Glas der Theke aus.
Sie tat, was der Onkel gesagt hatte. Nichts. Sie stand nur da.
Bogdan schnitt Brot ab, belegte es mit Wurst und Käse, teilte es in Viertel. Er hob sie hoch und setzte sie auf einen der Barhocker an der Theke. Er schob den Teller vor sie hin, goss gelben Saft in ein Glas.
Der Onkel hatte gesagt, sie solle gierig essen. Sie aß, wie sie immer aß. Der Durst war größer als der Hunger. Bogdan schenkte nach. Er fragte nicht mehr. Als sie gegessen und getrunken hatte, nahm er eine Tafel Schokolade aus einer Schublade und gab sie ihr.
Er sagte: Jetzt musst du gehen.
Sie sah ihn an und schwieg. Es fiel ihr leicht, ihn anzusehen und zu schweigen. Sie fürchtete sich nicht vor dem Mann.
Du musst jetzt gehen, sagte er noch einmal. Du kannst morgen wieder kommen. Aber jetzt musst du gehen.
Er stellte sie auf den Boden. Sie trat zwei Schritte zurück in die Ecke neben den Schirmständer, verschränkte die Hände auf dem Rücken und sah ihn weiter an.
Schau du nur, sagte er. Es nützt nichts, du musst gehen. Also geh!
Sie sagte nichts.
Du stehst im Weg, sagte er. Wenn die erste Kundschaft kommt, musst du weg sein. Verstehst du, was ich sage? Verstehst du meine Sprache? Hast du keine Handschuhe?
Sie rührte sich nicht.
Bogdan kümmerte sich nicht mehr um sie. Wenn er ein Stück Wurst abschnitt, weil er auf diese Art frühstückte, reichte er ihr auch ein Stück hinüber. Oder eine Essiggurke. Er goss Tee auf und stellte zwei Tassen auf den Tresen. Und schließlich setzte er sie wieder auf den Barhocker.
Der erste Kunde war der Besitzer des Fischgeschäfts oberhalb von Bogdans Laden. Er hatte rote Hände, verfroren vom Eisschöpfen. Er fragte, wer das Kind sei. Ob Bogdans. Das war nicht ernst gemeint.
Sie ist mir zugelaufen, sagte Bogdan.
Der Mann bekam seinen Kaffee mit Milch über den Tresen, dazu einen Teller mit Brot, Wurst, Käse und Humus. Erst als er ausgetrunken und fertig gegessen hatte, fragte er: Wie meinst du das? Und fragte das Kind: Wer bist du? Wie heißt du?
Sie redet nicht, sagte Bogdan. Sie wird gleich abgeholt. Sicher wird sie gleich abgeholt.
Was heißt zugelaufen?, fragte der Mann.
Ich denke, jemand hat sie bei mir untergestellt, sagte Bogdan. Vielleicht ihr Vater, oder vielleicht hat sie einen älteren Bruder. Weil es draußen kalt ist und sie im Weg ist, was weiß ich. Er muss etwas erledigen und weiß nicht, was er mit ihr anfangen soll. Ist eine gute Idee, finde ich. Hoffentlich spricht es sich nicht herum. Ich habe kein Talent, einen Kindergarten zu führen. Aber sie ist lieb, findest du nicht? Schau sie an!
Der Mann kaute und schaute sie an. Er hielt ihr das Brot mit dem Humus vor den Mund. Sie war satt.
Was machst du, wenn sie niemand abholt?, fragte er.
Das überlege ich mir am Abend, sagte Bogdan.
Schick sie zu mir herüber. Zum Mittagessen, sagte der andere. Bei mir kriegt sie auch etwas.
Das werde ich tun, sagte Bogdan.
Dann sagte der Mann noch einiges, und schließlich sagte er: Du musst die Polizei holen.
Da schrie das Kind.
Das hatte ihr der Onkel eingeschärft. Sie soll genau auf die Worte achten. Wenn ein Wort fällt, das wie Polizei klingt, soll sie schreien. Er ließ sie das Wort oft und oft wiederholen. Er sprach es ihr vor. Er kleidete es in verschiedene Sätze. Er sagte es wie nebenbei. Er sagte es überdeutlich. Er sprach es verwischt aus. Bis sie verstanden hatte. Sie soll so lange schreien, wie die Luft reicht, und dann noch einmal so lange und dann nicht mehr. Sie hatte nicht gefragt, was geschehen wird.
Es geschah nichts. Aber der Mann verließ schnell Bogdans Laden.
Bogdan nahm sie auf den Arm. Er lächelte sie an. Sie lächelte nicht zurück. Sie betrachtete ihn aufmerksam. Ihre Hände waren kalt. Er trug sie nach hinten, wo der elektrische Heizkörper stand. Er setzte sie auf einen Sessel, legte ihr seinen Parka um, wickelte ihre Hände und ihre Füße in das Innenfutter, zog ihr die Kapuze über die Haare.
Eine Frau betrat den Laden, sie hatte eine Fellmütze auf dem Kopf und zog einen Einkaufswagen. Sie bemerkte das Kind nicht. Sie wollte einen speziellen Käse, dessen Name ihr nicht einfiel, sie zeigte auf ihn. Auch die nächsten Kundschaften bemerkten das Kind nicht. Irgendwann begann es zu singen. Bogdans Geschäft war gerade voll mit Menschen, es war zur Mittagszeit. Manche lächelten sie an, andere schauten gar nicht hin, wieder andere schauten hin, waren aber geistesabwesend und lächelten nicht. Niemand fragte. Da war Bogdan beruhigt.
Aber er wartete doch auf den Fischhändler. Damit er das Kind zum Mittagessen abholte.
Der kam dann auch. Ein bisschen später als versprochen. Bogdans Laden war dunkel, und hinten, wo das Kind neben dem Heizkörper saß, war es noch dunkler, und draußen schien inzwischen die Sonne, darum musste sich der Fischhändler erst an die Dunkelheit gewöhnen.
Ist sie nicht mehr da?, fragte er.
Nun sah er sie. Er streifte ihr vorsichtig die Kapuze vom Kopf. Als sie ihn erkannte, schrie sie. Sie schrie, bis Bogdan sie auf den Arm nahm.
Der Fischhändler sagte wieder: Du musst die Polizei rufen, Bogdan.
Sie schrie.
Als sie sich beruhigt hatte, sagte der Fischhändler: Soll ich die Hmhm anrufen? Irgendjemand muss es tun. Du kriegst sonst Schwierigkeiten, Bogdan, ich würde vorsichtig sein.
Warten wir noch, sagte Bogdan. Komm am Abend wieder. Wenn sie noch da ist, kannst du die Hmhm rufen. Oder ich rufe sie. Komm auf jeden Fall. Wenn die Hmhm kommt, wäre mir recht, wenn du da bist.
Der Fischhändler streckte die Hand aus nach dem Kind, das Bogdan auf dem Arm hielt und an sich drückte. Diesmal schrie es nicht.
Am Abend war sie weg. Sie war durch den Hintereingang geschlichen und davongerannt. Sie hatte es genauso gemacht, wie es ihr der Onkel gesagt hatte. Der Onkel wartete auf sie. An der Stelle, an der sie sich verabredet hatten. Er war am Geschäft vorbeigegangen und hatte auf den Fingern gepfiffen. Das war niemandem aufgefallen. Auf dem Markt wird oft gepfiffen. Aber ihr war es aufgefallen. Der Onkel nahm sie an der Hand, und sie stiegen zu den anderen Männern in den Kleinbus.
Am nächsten Morgen stand sie wieder in Bogdans Laden.
So ging es etliche Tage. Am Morgen war sie da, am Abend war sie weg. Bogdan gewöhnte sich an sie. Er belauerte sie auch nicht. Wenn sein Tag zu Ende war, tat er, als ob er auf der Gasse vor dem Geschäft zu tun hätte. Damit sie sich durch die Hintertür davonmachen konnte. Er wollte nicht, dass sie Angst hatte, er könnte sie erwischen und aufhalten.
Wenn jemand fragte, sagte er, das Kind sei seine Nichte. Seine Schwester sei zu Besuch, sagte er, sie habe vorübergehend eine Arbeit in der Stadt gefunden, er passe vorübergehend auf ihr Kind auf. Wenn jemand fragte, wie die Kleine heiße, sagte er Evgenija. Der Fischhändler warnte wieder und wieder, es sei riskant und was daraus werden würde. Bei der Hmhm gebe es verständige Leute, denen man alles anvertrauen könne. Sicher sei eine Riesensauerei im Gange, und er mache sich eventuell mitschuldig. Bald aber sagte er nichts dergleichen mehr. Bald schrie sie auch nicht mehr, wenn sie ihn sah. Bald ließ sie sich sogar von ihm auf den Arm nehmen. Bald lachte sie ihn an, wie sie Bogdan anlachte. Sie redete auch. Aber weder Bogdan noch der Fischhändler verstand sie. Sie hatten keine Ahnung, in was für einer Sprache sie redete.
Sie kam am Morgen und ging am Abend.
Bogdan schenkte ihr gefütterte Handschuhe und eine gefütterte Mütze mit Ohrenklappen und kleines Spielzeug, am liebsten spielte sie mit einem Omnibus, in dessen Fenster Kindergesichter gemalt waren. Der Fischhändler brachte einen Mantel mit, seine Tochter, sagte er, sei aus ihm herausgewachsen. Ein guter, gefütterter Mantel.
Der Onkel gab auf sie acht. Sie hatte zugehört, als die Männer in der Schlafstatt über sie sprachen. Manches hatte sie verstanden. Sie hatte verstanden, als der Onkel sagte: Sie muss sehen, dass sie über den Winter kommt. Sie hatte verstanden, dass der Onkel auf sie achtgeben wollte und dass er es nicht gern tat. Wie die anderen auch nicht. Aber sie taten es. Sie bekam die weichste Unterlage, die dickste Zudecke und Bananen. Die Männer redeten nicht mit ihr. Nur der Onkel redete mit ihr. Die Männer nickten ihr zu. Sie meinte, das bedeute, sie mache alles richtig. Darüber freute sie sich. Sie brauchte nichts zu tun und machte doch alles richtig.
Und dann war der Onkel eines Abends nicht an der verabredeten Stelle.
Sie wartete, wie er es ihr befohlen hatte. Sie steckte die Hände in die Fäustlinge, drückte sich die Mütze über die Ohren und verschränkte die Arme. Sie zog den Kopf ein, weil über dem Kragen ein Stück nackter Hals herausschaute. Sie stellte sich mit dem Rücken gegen den Wind. Menschen gingen an ihr vorüber, aber keiner sagte etwas. Sie sah nicht aus, als wäre sie verlorengegangen. Sie sah aus, als wartete sie. Und das tat sie ja auch. Sie konnte die Marktstände sehen, auch Bogdans Laden konnte sie sehen. Sie sah, wie die Lichter in Bogdans Laden ausgingen. Dann gingen die Lichter bei allen Ständen und Läden des Marktes aus.
Sie fror. Hunger hatte sie nicht.
Sie verschränkte die Arme, hob sie bis unter das Kinn. Wenn ihr alles, was sie sah und hörte, fremd zu werden begann, rieb sie die Lippen aneinander. Das war eine Angewohnheit. Es war schon oft vorgekommen, dass ihr alles, was sie sah und hörte, fremd wurde. So fest rieb sie die Lippen aneinander, dass sie wund wurden und brannten.
Sie stand an einer Straßenkreuzung. Sie beobachtete die Ampel, suchte die Wartenden auf der anderen Straßenseite ab. Ob einer darunter war, der dem Onkel glich. Nach einer Mütze mit einem Bommel schaute sie aus. In den Autos waren fröhliche Menschen. Die Straßenlampen schienen in das Innere der Autos, wenn sie an der Ampel anhielten. Im Auto war es warm. Sie sah niemanden, der im Auto eine Mütze oder Handschuhe anhatte.
Eine Frau blieb neben ihr stehen, beugte sich zu ihr nieder. Sprach etwas. Sie wusste nicht, ob es eine Frage war. Der Mund der Frau war geschminkt. Die Frau roch nach Seife.
Sie drehte den Kopf weg. Dann drehte sie sich ganz um. Krümmte sich zusammen. Blieb so. Als sie über die Schulter blickte, war die Frau weitergegangen.
Schließlich machte sie sich auf. Ging in die Richtung, aus der sie glaubte, am ersten Tag mit dem Onkel gekommen zu sein. Aber es war Morgen gewesen, und jetzt war Abend. Alles sah gleich aus und anders als am Morgen. Die Straße war von Scheinwerfern und Laternen hell, darüber der Himmel war dunkel, als wenn kein Himmel wäre.
Der Onkel und sie an seiner Hand waren nicht auf der breiten Straße gekommen, auf der die Autos fuhren. Sie erinnerte sich, dass sie einen engen Torbogen durchschritten hatten, bevor sie auf die Straße gelangt waren. Sie fand den Torbogen nicht. Sie bog in eine Seitengasse ein und traf bald auf eine andere breite Straße, wo auch viele Autos fuhren. Sie ging ein Stück weit auf dem Trottoir, an den Schaufenstern entlang und kam zu einer Ampel. Dort standen Menschen und warteten, bis es grün wurde. Sie wartete mit ihnen. Die Menschen überquerten die Straße, und sie folgte ihnen nach. Sie ging hinter den Menschen her, und als sie sich zerstreuten, ging sie anderen hinterher. Manchmal auch nur einem. Wenn der zu schnell ging, wartete sie auf einen nächsten. Sie sprach niemanden an. Sie ging so schnell, wie sie konnte. Darum fror sie bald nicht mehr. Irgendwann war niemand mehr zu sehen. Da blieb sie stehen und rührte sich nicht, bis ihr wieder kalt war.
Sie kehrte um. Aber sie fand den Weg zum Markt zurück nicht mehr.
Wie geht es weiter? Das erfahren Sie ab dem 1. Februar 2016, wenn das Buch erscheint.
Michael Köhlmeier:
Das Mädchen mit dem Fingerhut
Roman
144 Seiten
Gebunden mit farbigem Vorsatzpapier: € 18,90 [D]
E-Book: € 14,99 [D]
Erscheint am 1. Februar 2016
Verlag: Hanser
>> ZUM AUTOR
>> ZUM NÄCHSTEN TITEL
<< ZURÜCK ZUM INHALTSVERZEICHNIS
Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hard am Bodensee geboren. Er lebt als Schriftsteller in Hohenems (Vorarlberg) und in Wien. Bei Hanser erschienen unter anderem der Gedichtband Der Liebhaber bald nach dem Frühstück (Edition Lyrik Kabinett 2012) sowie die Romane Abendland (2007), Madalyn (2010), Die Abenteuer des Joel Spazierer (2013) und Zwei Herren am Strand (2014).
>> ZUM NÄCHSTEN TITEL
<< ZURÜCK ZUM INHALTSVERZEICHNIS
Norbert Gstrein:
In der freien Welt
John, amerikanischer Jude und ehemaliger Freiwilliger der israelischen Armee, wird in San Francisco auf offener Straße niedergestochen. Sein alter Freund, der österreichische Autor Hugo, trauert um ihn und reist auf seinen Spuren nach Kalifornien, wo sich die beiden kennengelernt haben, und dann nach Israel. Dort findet er sich im jüngsten Gaza-Krieg auf beiden Seiten des Konflikts wieder. In der freien Welt wagt die Frage nach unserem heutigen Blick auf jüdische Identität, auf das Fortwirken deutscher Geschichte und die Politik Israels.
>> ZUR LESEPROBE
>> ZUM AUTOR
<< ZURÜCK ZUM INHALTSVERZEICHNIS
I
