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Leto und Zeus verbindet eine tiefe Liebe, doch nachdem Zeus seinen Vater Kronos gestürzt hat, vermählt er sich mit Hera, um seine Herrschaft über den Olymp zu sichern. Diese verfolgt die schwangere Leto mit wütender Eifersucht, bis sie gezwungen ist, ihre Zwillige Apollon und Artemis fern des Landes auf der kleinen Insel Delos zur Welt zu bringen und aufzuziehen. Während sie mit ihrem Schicksal hadert, wird Zeus der Vater immer weiterer unehelicher Kinder, mit Göttinnen wie auch mit Sterblichen. Manche, wie Herkules, bringen es zu Ruhm. Andere werden nur überheblich, wie Tantalos. Er fällt in Ungnade und wird in den Tartaros verbannt. Seine Tochter Niobe führt zunächst ein glückliches Leben, doch schließlich holt der Stolz des Vaters auch sie ein. Als schöne Königin, Enkelin des Göttervaters und Mutter von sieben Söhnen und sieben Töchtern erträgt sie es nicht, dass ihre Untertanen Leto huldigen und nicht ihr. Sie schmäht die verbannte Göttin und verbietet ihre Verehrung. Leto, der über die Jahre hinweg alles genommen wurde, was sie je geliebt hatte, ist zusehends verbittert. Allein auf ihrer Insel empfängt sie Visionen der Schande, die die Sterbliche ihr antut, und schickt ihr ihre erwachsenen Zwillinge. Apollon und Artemis rächen ihre Mutter auf schreckliche Weise: Sie erlegen alle vierzehn Kinder der hochmütigen Königin mit Pfeil und Bogen. Ihr Vater stürzt sich in sein Schwert, und Niobe erstarrt vor Kummer: Aus ihren steinernen Augen fließen ewige Tränen.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Kim Bergmann
Leto und Niobe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Zeus
Abschied
Der Kampf beginnt
Banges Warten
Verrat
Sieg und Niederlage
Der Aufbruch
Aphrodite
Der Fluch
Rettung
Der Frevel des Tantalos
Sehnsucht nach Freiheit
Frösche
Hekates Lehre
Niobe
Ein Verlust
Flucht aus Sipylos
Erste Visionen
Theben
Das Wiedersehen
Ein Wunder
Die Sterblichen
Von den Göttern gesegnet
Angst
Erste Risse
Balsam
Der Weg in den Wahn
Das verbotene Fest
Rache
Nachwort
Impressum neobooks
Die Welt war noch jung, als Leto geboren wurde. Das Chaos war erst vor wenigen Zeitaltern vom sanften Schimmer des Eros belebt worden, und der Fall des Uranos unter den Händen des Kronos stand den Titanen noch lebhaft vor Augen.
Leto liebte es, ihre Eltern von früheren Zeiten sprechen zu hören. Abends, wenn alle daheim waren, kletterte sie oft auf Phoibes Schoß, kuschelte sich an sie und richtete die großen Augen erwartungsvoll auf ihren Vater, der dann ohne weitere Aufforderung zu erzählen begann. Und so lauschte Leto mit heimlichem Schaudern den Geschichten des Koios. Er beschrieb eindringlich und spannend, und Leto, deren Fantasie schon in jungen Jahren beeindruckende Maße erreicht hatte, sah sich selbst mit den Titanen schmachten, die von Uranos tief in der Erde eingeschlossen worden waren. Sie malte sich im Geiste beängstigende Geschöpfe aus, als Koios die Gerüchte erwähnte, denen zufolge an anderer Stelle noch andere Wesen ähnlich gefangen liegen sollten. Ihre Lieblingsgeschichte war jedoch die von Kronos, dem wilden Bruder ihres Vaters, der die Gefangenschaft der Titanen beendete, indem er Uranos entmannte und ins Meer stürzte.
Koios sagte ernst zu den großen Augen seiner Tochter: „Ich werde ihm ewig dankbar sein, dass er uns befreit hat, aber genauso dankbar bin ich dafür, dass ich nicht wie er bin. Uranos war immerhin unser Vater. Kronos ist wild und unbezähmbar, und seine Tat war Segen und Frevel zugleich. Außerdem hörten wir in unserem Kerker, wie Uranos ihm im Fall prophezeite, dass er ebenfalls von einem Sohn gestürzt werden würde, und seitdem hat nie jemand ein Kind des Kronos gesehen, obwohl Rheia andauernd schwanger ist.“ Er beugte sich vor und raunte mit gesenkter Stimme: „Man sagt, dass er seine eigenen Kinder verschlingt, um dem Fluch des Uranos zu entgehen.“
Leto drückte sich unwillkürlich enger an Phoibe, die sie mit beiden Armen umschlang und ihren Gatten halb lächelnd, halb strafend anblickte. Koios setzte sich wieder auf, erwiderte das Lächeln seiner Gattin und strich Leto über den weichen Scheitel. „Na, Schatz, keine Angst. Du und Asteria, ihr müsst euch nicht beunruhigen.“
Letos Schwester, die wie üblich auf dem Boden saß und ganz in das Spiel mit ihren Puppen vertieft war, schaute beim Klang ihres Namens auf.
„Was ist los?“
Koios lächelte ihr zärtlich zu und sagte: „Ich versicherte nur deiner Schwester gerade, dass wir euch nicht verschlingen werden wie Kronos seine Kinder.“
Asteria wandte sich desinteressiert wieder ihrem kleinen Hofstaat zu.
„Weiß ich doch.“
Leto wurde rot und wand sich verlegen in den Armen ihrer Mutter.
„Ich auch. Aber findest du das denn überhaupt nicht gruselig? Ich meine, er ist unser Onkel. Und er isst seine Kinder!“
„Bloß so eine Geschichte, mit der man uns Angst machen will, glaube ich“, murmelte Asteria, während sie einer ihrer Puppen etwas Fürchterliches zustoßen ließ.
Leto blickte misstrauisch von Koios zu Phoibe. Beide schauten ernst, aber versteckte sich da nicht doch ein Lachen in ihren Augen?
„Wie auch immer“, sagte sie, als sie sich tiefer in die Wärme ihrer Mutter kuschelte, „ich bin froh, dass er uns nicht besucht.“
Koios lachte.
„Nein, das wird er wohl nicht. Habe ich dir schon von der besonderen Göttin erzählt, die beim Fall des Uranos geboren wurde?“
Leto wusste natürlich, wer gemeint war, und sie kannte die Geschichte, aber sie schüttelte den Kopf, um sie noch einmal zu hören.
„Als die Blutstropfen aus Uranos' Wunde ins Meer fielen“, erzählte Koios, „begann das Wasser an dieser Stelle zu schäumen, und aus dem Schaum wuchs eine herrlich schöne Göttin hervor. Wir nennen sie Aphrodite, das heißt 'die Schaumgeborene'. Aphrodite stand mit ihren hübschen rosa Füßchen in einer Muschel, und diese Muschel trug sie über das Meer bis ans Ufer. Es heißt, dass die Fische sie den ganzen Weg über begleitet haben und weinen mussten, als sie an Land ging. Wohin sie ihren Fuß auch setzte, sprossen Blumen aus dem Boden, und alle Schöpfung neigte sich ihr zu, denn sie ist die Göttin der Liebe. Sie kümmert sich um alle Lebewesen, die lieben, es wollen oder es auch nicht wollen, denn wenn Aphrodite das so möchte, dann muss man sich ihr fügen, da hilft gar nichts. Sie ist sicherlich auf ihre Art die mächtigste Göttin überhaupt, vermutlich hat selbst Kronos vor ihr Angst. Liebte er Rheia nicht so sehr, müsste er schließlich keine Angst vor seinem Sturz haben.“
Leto blickte nachdenklich auf.
„Ist sie denn böse, die Aphrodite?“
Koios krauste die Stirn, als er diese Idee bedachte, lächelte dann aber.
„Nein, Schatz, böse ist sie wohl nicht. Doch wenn man über solche Macht verfügt, kann man wohl kaum verhindern, dass man auch Unheil anrichtet. Aber was genau ich damit meine, meine Süße, wirst du vermutlich früh genug erfahren. Und um deine Mutter und mich musst du dir keine Sorgen machen. Wir dienen ihr treu.“
Und hinter Letos Rücken fanden sich Koios‘ und Phoibes Hände.
Leto verstand nicht genau, was ihr Vater meinte, aber sie war sich sicher, dass es gut war, dass ihre Eltern Aphrodite treu dienten. Was war das aber wohl für ein Unheil, das die schöne Göttin anzurichten imstande war, fragte sich das kleine Mädchen, ehe es in den Armen seiner Mutter einschlief.
Die Vögel setzten zu ihrem letzten Konzert für den Abend an und würden bald von den Grillen abgelöst werden, aber die Erde hier auf Kreta unter dem Olivenbaum war warm, und die Luft roch würzig, und Leto hatte keine Lust, sich auf den langen Heimweg zu machen. Asteria hatte inzwischen eine Tochter, Hekate, und so begabt und intelligent dieses Kind auch war, es war Leto ein bisschen unheimlich. Die Kleine hatte Kräfte, die sie sogar mit der Unterwelt in Verbindung treten ließen, und starrte ganze Nächte lang in den Mond. Außerdem war sie bemerkenswert humorlos für ihre fünf Jahre.
Leto seufzte und schloss die Augen. Du bist eine schlechte Tante, dachte sie sich. Andererseits hat dieses Kind schon so früh eine Persönlichkeit entwickelt, dass man ihm gegenüber auch früher als sonst die einzigartige, persönliche Sympathie oder Antipathie entwickelt, die sonst Älteren vorbehalten ist. Und in Hekates Fall war es bei Leto nun einmal Antipathie, daran ließ sich nichts ändern. Sie stellte fest, dass sie in den letzten Monaten außerordentlich viel Zeit im Freien verbracht hatte, beim Träumen, Wandern, Gärtnern. Die Sonne hatte ihre Haut gebräunt und die viele Bewegung sie ausdauernd und gesund gemacht. Trotzdem konnte sie sich selbst nicht darüber täuschen, dass sie das alles lediglich tat, um diesem Kind aus dem Wege zu gehen, und dass sie es gerade jetzt unheimlich genoss, hier zu liegen und gar nichts zu tun, außer nicht in Hekates Nähe zu sein.
„Schlechte, schlechte Tante“, murmelte Leto, als die letzten Abendsonnenstrahlen ihr Gesicht streichelten. Sie fuhr mit der Hand müßig über die Gräser neben sich, hielt aber mitten in der Bewegung inne, als plötzlich eine unbekannte Stimme fragte: „Was hat die schlechte Tante denn verbrochen, und was kann ich tun, um sie zu strafen?“
Leto blieb noch einen Sekundenbruchteil mit geschlossenen Augen liegen. Die Stimme klang angenehm, tief und samtig, sie erinnerte sie an die Erzählerstimme ihres Vaters. Allerdings hatte hier eindeutig ein neckender Unterton mit geschwungen, mutwillig, aber freundlich. Außerdem klang der Sprecher deutlich jünger als Koios. Wie interessant.
Langsam hob sie die Lider. Ein paar Meter entfernt stand ein junger Mann, den sie noch nie gesehen hatte. Abgesehen von einer kurzen Tunika schien er auf Kleidung nicht sonderlich viel Wert zu legen, er war barfuß wie sie, und das letzte Abendlicht malte beeindruckende Schatten auf seine muskulösen Arme und Beine. Schwarze Locken fielen ihm in die Stirn, und er lächelte sie fröhlich und neugierig an.
„Die schlechte Tante mag ihre Nichte nicht“, antwortete Leto und lächelte zurück, während sie sich aufsetzte und ein Stück zur Seite rutschte – eine eigentlich vollkommen überflüssige Bewegung, saß doch weit und breit niemand außer ihr selbst, aber sie verfehlte ihre Wirkung nicht: Der interessante Fremde machte die letzten paar Schritte und ließ sich neben ihr nieder. Er betrachtete ihr Gesicht, die rehbraunen Augen, den sanft geschwungenen Mund, ließ seinen Blick über ihre ganze schlanke, aber wohl gerundete Gestalt schweifen, zupfte an ihren dunkelroten gewellten Haaren und fragte: „Und was gibt es an einer so entzückenden Nichte nicht zu mögen? Bist du vielleicht nicht sehr liebenswürdig?“
Leto, die etwas Angst gehabt hatte, nach dieser Musterung aus seinen absurd blauen Augen unter den schwarzen Brauen plötzlich keine Worte mehr finden zu können, prustete los.
„Doch“, lachte sie, „doch, ich bin sehr liebenswürdig, aber die Nichte nicht. Ich bin die Tante, hallo.“
Sie streckte ihm die Hand hin, und er ergriff sie. Er hat große Hände, bemerkte sie, mit breiten Fingern, und man sieht die Adern auf dem Handrücken.
„Hat die Tante auch einen Namen? Ich heiße Zeus“, sagte er. „Ich bin Leto. Es ist schön, deine Bekanntschaft zu machen“, gab sie zurück. „Kommst du aus der Gegend?“
Für einen winzigen Augenblick hatte sie das Gefühl, dass Zeus' Blick sich umwölkte, aber dann lachte er, als habe sie etwas höchst Treffendes gesagt, dass sie selbst aber nicht verstehen konnte.
„Ja“, stimmte er zu, „ja, man kann sagen, ich komme aus der Gegend. Und du, bist du auch von hier?“
„Na, nicht ganz“, sagte sie zögernd. „Ich komme ziemlich weit herum auf der Flucht vor meiner Monsternichte, wenn man so will. Aber ich mag es hier sehr gern, es ist hübsch und friedlich.“
Sie streckte die Hand aus und fing die ganze Szenerie ein, und er folgte mit den Augen mehr ihrem schlanken Arm, als dass er sich die Umgebung anschaute, aber er stimmte zu.
„Noch...“ murmelte er.
„Was hast du gesagt?“
Leto blickte ihn fragend an, aber er hatte den Kopf abgewandt. Sie schaute direkt auf die kurzen Locken, die sich in seinen Nacken ringelten, und pustete unwillkürlich zart dagegen. Sofort biss sie sich auf die Lippen und errötete; was hatte sie sich nur gedacht? Zeus' Kopf ruckte herum: Von seiner kurzen Verstimmung war keine Spur mehr zu sehen. Er blickte auf ihren Mund, eine Augenbraue hochgezogen, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Nichts.“
Dann stand er auf, griff ihre Hand und zog sie auf die Beine. „Wenn du das hier schon schön findest, zeig ich dir noch einen anderen Flecken, ja?“
Er behielt ihre Hand gleich für sich, zog sie unter seinem Ellenbogen hindurch und bettete sie auf seinen Unterarm, während er seine andere Hand warm auf ihren Fingern ruhen ließ.
Leto wunderte sich, woher diese Vertrautheit rühren mochte; es fühlte sich gut an, bei Zeus eingehakt durch den Sonnenuntergang und die junge Nacht zu wandern. Verstohlen sog sie seinen Geruch ein. Er war beruhigend und aufregend gleichermaßen, genau wie seine Berührung und seine Blicke. Ihre Fingerspitzen spielten miteinander, und hin und wieder blickten sie sich an, lächelten, und Zeus drückte ihren Arm sekundenlang eng an seine Seite.
Als schließlich der Mond die Insel in sein silbriges Licht tauchte, musste Leto sich gewaltsam davon abhalten, Zeus die ganze Zeit anzustarren. Glücklicherweise schien er von ähnlichen Problemen geplagt, und als sich einmal mehr ihre Blicke kreuzten und sie beide unwillkürlich rasch fortschauten, lachte er leise auf. Er legte seine Hand unter ihr Kinn und drehte ihr Gesicht wieder zu sich, um sie ausgiebig anzuschauen, und zu ihrem Erstaunen wurde sie nicht einmal rot, sondern genoss es, ihn so genau mustern zu können. Erst, als sie zu stolpern begannen, weil sie nicht mehr auf den Weg geachtet hatten, rissen sie ihre Blicke voneinander los, um sich nur mehr alle Augenblicke durch ein Lächeln zu verständigen.
Sie sprachen nicht viel, als sie begleitet vom Zikadenchor über die Insel wanderten. Ihre Äußerungen beschränkten sich größtenteils auf Bemerkungen über die Landschaft oder die Sterne; beide waren zu erfüllt vom Staunen über das, was da gerade mit ihnen geschah, und von einem überraschenden, überschwänglichen Glücksgefühl.
Leto stellte fest, dass sie nicht wissen wollte, ob er ein Titan war wie sie oder eins von Prometheus' Geschöpfen, den Menschen. Sie vermutete zwar den Titan in ihm, weil er ihr so umwerfend erschien, aber sie würde nicht fragen. Hier und jetzt war er perfekt, und was konnte er schon sagen, was ihn verbessern würde? Dass er ebenfalls nicht fragte, nahm sie nur noch mehr für ihn ein.
Irgendwann hörte Leto das Meeresrauschen lauter werden, sie blickte Zeus fragend an. „Ja, dahin wollte ich“, sagte er. „Bist du müde?“
Sie schüttelte den Kopf, so voller Energie war sie seit Kindertagen nicht mehr gewesen. „Ich könnte jetzt stundenlang laufen.“
„Klettern auch?“
Er zeigte nach vorn, wo der Mond den vor ihren Füßen zum Meer abfallenden Fels beschien.
„Klettern ganz besonders“, erklärte sie ihm. Sie zog ihre Hand von seinem Arm und machte sich gewandt an den Abstieg. Als Kind war sie leidenschaftlich gern in den Klippen herumgeturnt, warum hatte sie nur so lange nicht mehr daran gedacht? Sie fühlte ihr Herz klopfen, sog die Seeluft tief in die Lungen und setzte sicher die Füße und Hände auf den noch vom Tag warmen Stein. Kurz über ihr kletterte Zeus; sie gestattete sich einen ausgiebigen Blick auf seine kräftigen Waden und lachte leise, weil der Augenblick so verheißungsvoll war.
Am Strand angekommen, wartete Leto nicht auf Zeus, sondern lief direkt über die wenigen Meter Strand ins Meer, bis sie fühlte, wie das laue Wasser fast ihre Knie erreichte. Hier wurde es sehr schnell sehr tief. Der Saum ihres Kleides wurde nass, und es war ihr vollkommen egal.
Hinter sich hörte sie Zeus über den Sand laufen, und gerade, als sie sich nach ihm umdrehen wollte, hechtete er auf sie zu, packte mit den Händen ihre Taille und stürzte sie beide kopfüber ins Wasser. Spuckend und prustend kam Leto wieder hoch, wischte sich das Meerwasser aus den Augen und sah, wie Zeus direkt vor ihr auftauchte und die Haare nach hinten warf. Grinsend blickte er auf sie herab.
Sie keuchte. „Du bist doch...“ „...großartig?“
Er nahm ihr Gesicht in die Hände, beugte sich über sie und küsste sie. Seine Lippen waren nass, warm und salzig, und sein Atem streichelte ihre Wange. Der Kuss fühlte sich an wie alle Berührungen bisher: Aufregend, sehr innig und überraschend selbstverständlich. Ihre Zunge begrüßte seine, als sie langsam und genießerisch in ihren Mund glitt und sie streichelte. Ihre Hände hoben sich ganz von selbst und legten sich auf seine Brust.
Lange Momente vergingen, ehe sich ihre Lippen voneinander lösten, und Zeus war entzückt zu sehen, dass Leto heute schon zum zweiten Mal langsam die Augen zu ihm aufschlug. Ebenso langsam breitete sich ein Lächeln über ihr Gesicht, das ihm direkt ins Herz schnitt. Wenn er das jeden Morgen sehen dürfte!
„Das war nicht das Wort, nach dem ich gesucht hatte.“
Er blickte verwirrt. Wort? Sie lachte leise, als sie sein Gesicht sah, und half ihm auf die Sprünge.
„Großartig. Eigentlich wollte ich das nicht sagen, aber irgendwie hast du wohl doch recht. Ein bisschen großartig bist du vermutlich.“
Er grinste und nahm sie in die Arme.
„Bin ich das, ja? Na, dann ist es wohl gut, dass du auch ein bisschen großartig bist. Vielleicht sogar auch ein bisschen mehr.“
Er küsste ihre Mundwinkel.
Leto betrachtete zärtlich sein Gesicht und strich ihm eine feuchte Locke aus der Stirn. Er fing ihre Hand ein und biss spielerisch in den Daumenballen. Sie lachte und entwand sich ihm, sodass Zeus für einen kurzen Moment die schreckliche Vorstellung hatte, sie könne jetzt einfach verschwinden. „Warte“, rief er, die Hand nach ihr ausstreckend, „magst du bei mir bleiben?“
„Wenn du mich fängst“, gab sie zurück und verschwand im Meer. Zeus hechtete hinter ihr her, und für einige Minuten lieferten sie sich eine wilde, chaotische, planschende Verfolgungsjagd, ehe er einen Richtungswechsel antäuschte, woraufhin sie einen Haken schlug und direkt in seinen Armen landete.
Lachend und keuchend hielten sie sich aneinander fest, und Zeus fragte: „Also, was ist jetzt? Ich hab dich gefangen, darf ich dich jetzt behalten?“ Leto hörte auf zu lachen und schaute in seine blauen Augen. Sie fragte nicht wo oder wie lange, sie sagte nur leise: „Ja.“
Zeus hob sie auf die Arme, drückte liebevoll die Lippen auf ihre und trug sie zum Strand. Er bettete sie auf den warmen Sand, legte sich neben sie und nahm sie in die Arme. Sie kuschelte sich an ihn, sah zum ihm auf, lächelte zufrieden und schloss die Augen. Noch ehe Zeus sie fragen konnte, ob sie jetzt wirklich und wahrhaftig schlafen wollte, hatte Morpheus auch ihn übermannt – er forderte seinen Tribut für das Wandern, Klettern und Herumalbern im Wasser.
Leto hörte als erstes die Brandung. Mit geschlossenen Augen lauschte sie dem Rauschen, schnupperte sie die salzige Luft. Die Sonne wärmte angenehm ihre Haut. Leto fühlte sich großartig und versuchte schlaftrunken festzustellen, wo sie war. Mit ihren Eltern und Asteria am Strand? Dann kehrte die Erinnerung zurück und ließ ihr Herz hüpfen. Nein, sie war älter, und es war nicht ihre Familie, die bei ihr war.
Sie öffnete die Augen und drehte sich behutsam unter Zeus' Arm, bis sie ihm ins Gesicht blicken konnte. Er schlief noch tief und fest, und so betrachtete sie ihn eingehend. Er sah entspannt und zufrieden aus, fast wie ein großer Junge, obwohl seine prägnanten Gesichtszüge und die Bartstoppeln darauf hinwiesen, dass er alles andere war als das. Seine Tunika war verknittert und starr vom getrockneten Salzwasser, und in seinen zerzausten Haaren hingen Unmengen von Sand. Auf eine absurde Weise ließ ihn das noch attraktiver erscheinen, irgendwie wild. Leto lachte im Stillen über ihre eigenen Gedanken und fragte sich gerade, wie sehr das Salzwasser und der Sand ihrem eigenen Aussehen zugesetzt haben mochten, als Zeus die blauen Augen aufschlug, sie schlaftrunken ansah und breit zu lächeln begann.
„Guten Morgen“, murmelte er und zog sie fester in seine Arme. „Du bist wunderschön. Magst du immer noch bei mir bleiben?“ Leto küsste ihn sanft auf die Lippen. Gedankenleser, dachte sie.
„Guten Morgen. Weil du so nett bist und im Schlaf so gut aussiehst, bleibe ich bei dir.“
Zeus schüttelte kurz den Kopf, um die letzte Schläfrigkeit zu vertreiben, und runzelte gespielt entrüstet die Brauen, ehe er sich behände mit Leto in den Armen drehte, sodass sie flach auf dem Rücken lag und er strafend auf sie hinab blicken konnte.
„Ich sehe also im Schlaf gut aus, ja? Und was ist, wenn ich wach bin?“
Leto vergaß für einen Moment das Atmen, als Zeus' Oberkörper ihren berührte, und stellte mit Entzücken fest, dass es ihm nicht anders erging.
„Wenn du wach bist – na, das kommt ganz darauf an“, sagte sie. „So im Gegenlicht, mit der Abendsonne im Rücken, die mir direkt in die Augen schien, warst du schon ganz ansehnlich. Mondlicht hat sich ebenfalls als eindeutig vorteilhaft für dich erwiesen. Und jetzt, also so richtig bei Tageslicht betrachtet...“
Sie ließ den Satz verklingen und tat so, als unterzöge sie Zeus einer genauen Betrachtung. Der biss ihr spielerisch ins Kinn.
„Biest!“
Lachend wehrte sie ihn ab.
„Nicht! Du hast ja keine Ahnung, was ich sagen wollte.“
„Ach ja, und was war das?“
Sie legte nachdenklich den Kopf schief.
„Nein... nein, ich fürchte, jetzt habe ich es vergessen.“
Zeus lachte und küsste sie.
„Vielleicht fällt es dir ja später wieder ein, wenn ich sehr nett zu dir gewesen bin. Du schmeckst übrigens nach Salz.“
„Du auch. Du möchtest sehr nett zu mir sein? Wie das denn?“ Zeus sah ihr einen Moment lang tief in die Augen, und sie spürte, wie sein Herz kurz aussetzte, um dann schneller zu schlagen. Er stützte sich neben ihr auf einen Ellenbogen und zupfte an ihrem zerknitterten Gewand. Seine Stimme klang eine Winzigkeit rau.
„Ich könnte mich sehr fürsorglich geben und dich darauf hinweisen, dass du dir so das hübsche Kleid ruinierst. Vielleicht wäre es besser, wenn du es ausziehst, sonst wird es ganz sandig.“
Leto hörte durch das rauschende Blut in ihren Ohren kaum ihre eigene Stimme, als sie antwortete: „Gut, dass du das sagst; ich hätte es gar nicht bemerkt, und es ist doch mein Lieblingskleid. Würdest du mir helfen?“
Und so half Zeus ihr aus dem zerknitterten Kleid. Stumm, aber mit leuchtenden Augen betrachtete er sie, und ihr ging durch den Kopf, dass es gut war, dass er neben ihr lag, weil sie bestimmt unsicher geworden wäre, hätte er sie ohne diese Nähe so angeschaut. Just diesen Moment wählte Zeus, um aufzustehen. Ehe sich aber die gefürchtete Unsicherheit einstellen konnte, hatte er die Tunika abgestreift, und Leto vergaß schlagartig ihre Sorgen über ihr eigenes Aussehen, um den Anblick seines nackten Körpers zu genießen. Ihm jedenfalls schien sie zu gefallen, so wie er ihr gefiel.
Zeus legte sich wieder neben sie, stützte sich auf, um sie anschauen zu können, und fuhr mit der freien Hand sanft und langsam über ihre Schulter, ihre Taille, ihre Hüfte und ihren Oberschenkel und wieder zurück. Dann zog er sie an sich, lehnte seine Stirn an ihre und flüsterte: „Du bist wunderschön, weißt du das?“ Und er küsste sie, zärtlich und spielerisch erst, doch als sie sich an ihn drängte und er ihre Brüste auf seiner Haut spürte, leidenschaftlich.
Leto ihrerseits vergrub erst ihre Finger in seinen schwarzen Locken, um dann seinen Nacken zu streicheln und sanft mit den Fingernägeln der Linie seines Rückgrats zu folgen. Sie wurde mit einem Schauder belohnt, der durch seinen Körper ging, und mit einer Intensivierung seines Kusses. Als er schließlich von ihren Lippen abließ, drückte er sie in den warmen Sand zurück und küsste und biss sich zärtlich über ihre Kehle hinab zu ihren Brüsten. Das fühlte sich derartig gut an, dass sie auf nichts anderes achtete und überrascht zusammenzuckte, als seine warme Hand plötzlich von ihrem Bauch zwischen ihre Beine hinab glitt. Sofort hielt er inne und blickte zu ihr auf. „Soll ich aufhören?“
Sie griff in seine kräftigen Locken und zog ihn zurück.
„Bist du wahnsinnig?“
Als Letztes sah sie sein zufriedenes Lächeln, ehe sie die Augen schloss und sich ganz seinen Berührungen überließ.
Aber nur, bis es nicht mehr ging. So himmlisch sich das anfühlte, langsam wurde es zur Marter, dass er sie nur streichelte. Sie ließ ihre Hände an seinem Körper hinab gleiten und überzeugte sich, dass diese Zurückhaltung für ihn ebenfalls Folter bedeuten musste. Als sie zugriff, ließ Zeus einen kehligen Laut hören und schaute zu ihr auf.
„Komm her. Jetzt.“
Sie zog ihn auf sich. Es war wie eine Befreiung, als er sich endlich, endlich in sie schob. Sein Gewicht auf ihrem Körper, sein Geruch, sein Gesicht über ihr machten sie so wahnsinnig glücklich, dass sie leise auflachte und ihn in den Hals biss. Er blickte ein bisschen erstaunt und amüsiert, dann senkte er wieder die Lippen auf die ihren und fand einen langsamen, zärtlichen Rhythmus, dem sie sich gern überließ. Voller Verlangen hob sie ihm ihre Hüften entgegen und stöhnte zufrieden, als er sie mit langsamen, tiefen Stößen in Besitz nahm. Schließlich begannen seine angespannten Muskeln unter ihren Fingern zu zittern. Sie steigerte das Tempo, mit dem sie seine Bewegungen zurückgab, drängte sich enger an ihn und sog gierig seinen Duft ein.
Er reagierte entzückt, nahm sie nach einigen Momenten fest in den Arm und rollte sich mit ihr im Sand herum, bis sie auf ihm lag. Sie stützte sich auf seiner Brust ab, kam auf die Knie und betrachtete ihn hingerissen, während sie sich auf und ab bewegte und einen neuen Rhythmus fand. Zeus wusste offenbar kaum, ob er mit geschlossenen Augen genießen oder sie beobachten sollte, nur seine stetig streichelnden Hände, die über ihren Körper fuhren, schienen ihrer Sache gewiss. Sie umfassten ihre Taille und ihre Brüste, vergruben sich in ihren langen Haaren und legten sich auf ihren Po, um den Rhythmus ihrer Bewegungen zu verstärken. Neugierig zog Leto das Tempo an, spürte mit Freuden die Reaktion ihrer beider Körper, fühlte, wie es sie lockte, sich völlig zu verlieren, und zügelte sich wieder. Ein halb genießerisches, halb enttäuschtes Stöhnen war Zeus' Antwort darauf. Sie begannen von neuem den sanften Anstieg, doch als Leto diesmal Miene machte, innezuhalten, zog Zeus sie zu sich herab, warf sich mit ihr herum, drückte sie mit dem Rücken in den Sand und übernahm wieder die Führung.
Leto keuchte überrascht auf, als sie spürte, wie stark ihr Körper reagierte. War ihr Liebesspiel bislang zärtlich, liebevoll und neugierig gewesen, kam jetzt ein leidenschaftlicheres, rücksichtsloseres Drängen hinzu. Leto vergrub ihr Gesicht an Zeus' Hals, schmiedete mit ihren Beinen ein Band um seine Hüften, um ihn an sich zu fesseln, und überließ sich seinen heftiger werdenden Bewegungen – bis Zeus plötzlich innehielt und sich aufstützte, um die Kontrolle wiederzuerlangen, die ihm zu entgleiten drohte. Als er jedoch in Letos Gesicht blickte, in ihre glühenden Augen, wurde ihm klar, dass seine Rücksichtnahme völlig überflüssig war. Sie hob ihm ihr Becken entgegen, zog ihn kraftvoll an den Hüften wieder zu sich hinab und flüsterte atemlos: „Nicht aufhören!“ Und er gehorchte gern, senkte sich wieder über sie, bis sein Oberkörper auf ihren Schultern ruhte und sie in den Sand drückte, schob seine Arme unter ihren Rücken, nahm ihren Po in beide Hände und hob ihr Becken an, um so tief in sie zu gelangen wie noch nie. Dann gestattete er sich, die Kontrolle zu verlieren.
Für Leto versank die komplette Umwelt. Da war nur noch dieser Mann, diese Ekstase, dieses Stöhnen in ihrem Ohr, dieses Herz, das gegen ihres hämmerte. Nur unbestimmt spürte sie, dass sich ihre Zähne in seine Schulter schlugen, dass sich ihre Fingernägel in seinen Rücken krallten. Wie von Ferne hörte sie ihren eigenen leisen Aufschrei, und dann nur noch Blutrauschen, Herzklopfen und angestrengtes Keuchen.
Als Leto letztendlich wieder im Stande war, ihre Umwelt wahrzunehmen, war die Sonne ein ganzes Stück weiter über den Himmel gewandert, wie sie feststellen konnte, als sie über Zeus' Schulter blinzelte. Zeus selber stellte überhaupt nichts fest, er war über ihr zusammengebrochen, drückte sein Gesicht in ihre Haare und versuchte, zu Atem zu kommen. Als ihm das halbwegs gelungen war, schob er sich vorsichtig von ihr herunter, ließ sie aber nicht aus seinen Armen. Er küsste sie behutsam auf die roten Lippen, und sie strahlte ihn an. Er setzte an, um irgendetwas zu sagen, aber ihm fiel beim besten Willen nichts ein, also schloss er den Mund wieder und schüttelte nur strahlend den Kopf.
Leto fand auch keine Worte für das, was in ihr vorging, also lagen sie nur eng umschlungen im Sand, ließen sich von der Sonne bescheinen und lauschten auf des Anderen Atem.
Nach einer langen Weile streckte Zeus sich und berührte etwas mit dem Fuß. Er drehte den Kopf, um zu schauen, was es war, und guckte schuldbewusst das Mädchen in seinen Armen an.
„Du, Leto?“
„Mhm?“
„Dein Kleid, das wir davor retten wollten, dass es zu sandig wird... wir haben es vergraben.“
Sie schauten sich an und prusteten los. Der Fels warf ihr fröhliches Lachen zurück über den Strand und über das Meer.
Die nächsten Stunden verbrachten sie mit dem Versuch, sich selbst und die Kleider im Meer notdürftig vom Sand zu reinigen. Diese Aufgabe scheiterte immer wieder daran, dass sie sich unter Wasser berührten, was jedes Mal elektrisierend war und dazu führte, dass sie ihre Aufgabe vergaßen und sich im Wasser vergnügten. Meist mussten sie danach lange Strecken schwimmen, um die befreit davon strebenden Kleidungsstücke wieder einzufangen.
Irgendwann sagte Zeus: „Nein, das wird so nichts. Wir können hier weitermachen, bis wir verhungern, oder wir versuchen, uns zivilisiert zu verhalten und gehen zu mir, da können wir uns in Ruhe waschen und etwas essen und dann wieder von vorne anfangen.“
Leto fühlte für einen Sekundenbruchteil ihr Herz schwer werden. Zu ihm? Das würde diesen wundervollen Schwebezustand auf die eine oder andere Art und Weise beenden.
Dann schalt sie sich selbst eine alberne, feige Gans, zwängte sich unter Lachen und Schimpfen in ihr tropfendes Kleid, küsste Zeus lange und begann, den Felsen empor zu klettern.
Auf dem Rückweg waren sie, ganz ähnlich wie am Vorabend, eher schweigsam. Sie wanderten Arm in Arm durch den warmen Nachmittag und genossen die Berührungen; sobald sie bei Zeus waren, das wussten sie, gäbe es Fragen zu stellen und zu beantworten.
Nicht weit von der Stelle entfernt, an der Leto unter dem Olivenbaum gesessen und geträumt hatte, verlangsamte Zeus seinen Schritt.
„Wir sind gleich da.“
Leto blieb stehen, und Zeus tat es ihr dankbar nach. Stumm schauten sie sich an, dann sagte Leto: „Das war der schönste Tag meines Lebens.“
Zeus lächelte breit und sagte: „Das war auch der schönste Tag meines Lebens.“ Er senkte den Kopf, schlug die Augen zu ihr auf und fügte leise hinzu: „Ich... du weißt schon. Irgendwie.“ Sie nickte mit einem feinen Lächeln und flüsterte zurück: „Ja. Ich auch. Irgendwie.“
Dann nahm Zeus ihre Hand und zog sie einen kleinen Pfad entlang, der vom Weg abzweigte. Zu Letos großer Überraschung führte er sie zu einer Grotte.
„Da sind wir“, sagte Zeus und warf ihr einen verstohlenen Blick zu, ehe er ihr den Vortritt ließ.
Das Innere der Grotte war durchaus heimelig eingerichtet, es gemahnte mehr an ein hübsches, wenn auch dunkles Zimmer als an eine Höhle. Zeus ließ sie Umschau halten, dann schlug er vor: „Wie wäre es, wenn wir erst badeten und unsere Kleider wüschen, ehe ich uns etwas zu essen mache? Danach haben wir dann Zeit zum Erzählen.“
Leto klammerte sich dankbar an diesen Aufschub, und so brachte er sie zu dem kleinen Teich, der wenige Schritte vom Eingang der Grotte entfernt lag und aus einer Quelle oberhalb im Wald gespeist wurde. Hier wurden sie endlich das Salz und den Sand los und ließen die Erinnerung an gewisse Wasserspiele vom Mittag aufleben.
Als Leto schließlich blitzsauber, erschöpft und mit einer von Zeus' Tuniken angetan an seinem Tisch saß, wurde es bereits dunkel. Zeus brachte Huhn, Brot, Käse, Oliven und Wein und lachte leise, als er sie betrachtete, wie sie mit dem viel zu großen Kleidungsstück, den nassen Haaren und dem sonnengebräunten Gesicht auf seiner Bank saß und hungrig zugriff.
„Du siehst süß aus“, sagte er, „fast wie ein Kind.“
Sie gab sein Lachen zurück.
„Das hab ich mir heute Morgen bei dir auch gedacht. Wenn du schläfst, siehst du aus, als könntest du kein Wässerchen trüben.“
Gespielt verlegen stupste er eine Olive auf seinem Teller hin und her.
„Naja, dass wir das eine oder andere Wasser heute getrübt haben, kann man wohl kaum leugnen.“
Das Essen und die Zeit für den leichten Ton, den sie bislang angeschlagen hatten, waren viel zu schnell vorüber. Schließlich seufzte Zeus, führte Leto zu seinem Schlaflager, nahm sie in den Arm und zog die Decke über sie beide.
„Also, schöne Leto“, sagte er und rieb seine Wange an ihrer. „Wer bist du?“
Sie holte tief Luft.
„Ich bin eine Titanin. Ich bin unsterblich. Meine Eltern sind Koios und Phoibe, meine Schwester ist Asteria, und meine Monsternichte ist Hekate. Sie wird vermutlich eine ziemlich einflussreiche Göttin, bei den vielen gruseligen Fähigkeiten, die sie hat. Kronos, der Gott der Zeit, der einst Uranos stürzte, ist mein Onkel.“
Sie spürte, wie Zeus sich versteifte.
„Magst du ihn?“ Seine Stimme klang fremd.
„Ich kenne ihn nicht. Er kam nie zu uns. Aber mein Vater erzählte Dinge über ihn, die mich schaudern ließen. Er soll mächtig sein, aber auch skrupellos und unberechenbar, und als ich noch klein war, erzählte man mir, dass er seine Kinder verschlänge.“
Sie lachte unsicher, weil sich die Geschichte jetzt und hier, im Zwielicht der Grotte und in den Armen dieses Mannes, ziemlich albern anhörte. Doch Zeus unterbrach sie.
„Lach nicht. Die Geschichte ist wahr.“
Jetzt war es an Leto, zusammenzuzucken.
„Was redest du da? Woher weißt du das?“
„Ich bin ebenfalls ein Titanensohn, Leto. Meine Mutter ist Rheia, und Kronos ist mein Vater. Ich bin das sechste Kind, das sie zusammen haben. 'Verschlingen' ist übrigens der richtige Ausdruck für das, was unser Vater mit meinen Geschwistern anstellte, wenn auch nicht im körperlichen Sinne. Du weißt, dass er der Gott der Zeit ist – das hat er genutzt, um eine Art Zeitfalle zu erschaffen, einen Augenblick, der immer wieder wiederholt wird und in dem meine Geschwister gefangen sind. Sie sind direkt nach ihrer Geburt eingeschlossen worden und so nie über ihren ersten Tag hinaus gekommen. Sollte eines Tages diese Falle zerstört werden, würden sie mit einem Male erwachsen sein.“
Er schwieg einen langen Augenblick.
Leto griff unter der Decke nach seiner Hand, die auf ihrem Bauch ruhte, und verschränkte ihre Finger mit den seinen.
„Warum bist du nicht dort?“
Zeus seufzte.
„Rheia hat es irgendwann nicht mehr ertragen, dass ihr die Kinder direkt nach der Niederkunft genommen wurden und dass sie kein Leben haben sollten. Ihre Liebe zu Kronos schwand, und ihr Wunsch nach Rache für all die geraubten Kinder wuchs. Als sie merkte, dass meine Geburt bevorstand, floh sie hier nach Kreta. Sie behauptet, Uranos und Gaia selbst hätten sie gelenkt – vielleicht, um sich abzusichern, vielleicht ist aber tatsächlich etwas daran, wer weiß? Sie ließ mich unter der Obhut der hiesigen Nymphen zurück und besuchte mich nur selten, um mich nicht zu gefährden. Kronos verlangte natürlich, dass sie mich ihm übergab wie meine Geschwister vor mir, doch sie reichte ihm ein in Windeln gewickeltes Baby aus warmem Lehm. Die Idee hatte sie von Prometheus, der so die Menschen erschuf. Es war mein und Rheias Glück, dass Kronos nicht das Geringste von Kindern versteht. Er ließ die Figur von der Zeitfalle verschlingen und wähnte sich wieder sicher.
Die Nymphen zogen mich mit Ziegenmilch auf, und als ich alt genug war, bekam ich von den Korybanten – das sind gewaltige Priester, die hier auf der Insel leben – Unterricht auf allerlei verschiedenen Gebieten. Kriegshandwerk war nicht das Geringste darunter, denn Rheia hat gesagt, mir sei es vorbestimmt gewesen, nicht in Kronos' Zeitfalle eingesperrt zu werden, weil ich derjenige ihrer Söhne sei, der ihn stürzen würde. Es stünde in den Sternen und könne nicht anders sein.“
Er schwieg erneut eine Weile, dann ließ er ein kurzes, verzweifeltes Auflachen hören.
„Die Zeit ist fast da, in der ich mich meinem Vater stellen muss. Rheia versprach mir einen Trank, den Metis, die Göttin der Klugheit, hergestellt hat und der Kronos' Fähigkeiten, über die Zeit zu gebieten, für einen Augenblick außer Kraft setzt. Eine Art Brechmittel, damit er die Verschlungenen wieder hergeben muss, wenn wir bei der Metapher der Gruselgeschichten deiner Kindheit bleiben wollen. Und dann wird es zu einem Krieg kommen, in dem sich entscheidet, ob er gestürzt wird oder weiter freveln darf.
Und jetzt – jetzt erscheinst du, einfach so sitzt du da abends in der Sonne, und ich möchte von Krieg und Kampf nichts wissen. Zum ersten Mal ist mir mein Vater fast egal. Ich möchte eigentlich nur ein ruhiges, friedliches Leben mit meinen kleinen privaten Angelegenheiten, vielleicht wie die Menschen von Prometheus, und mit dir an meiner Seite.“
Leto erschauerte neben ihm. Ja, dachte sie, ich will von Krieg und Kampf auch nichts wissen. Und an deiner Seite zu sein fühlt sich tatsächlich sehr gut an. Aber irgendetwas sagt mir, dass Krieg und Kampf etwas von dir wissen wollen.
Blitzartig schoss ihr das Bild durch den Kopf, wie sie und Zeus Stunden zuvor auf dem Weg zur Grotte inne gehalten hatten.
„Das war der schönste Tag meines Lebens...“
Hoffentlich nicht meines ganzen Lebens, dachte sie, als sie sich schutzsuchend an den warmen Körper neben sich kuschelte.
Leto verließ das Haus ihrer Eltern mit einem erleichterten Seufzen. Nach zwei Tagen bei Zeus war sie heimgekehrt, um ihre Familie darüber zu unterrichten, dass sie diesmal länger fortbleiben würde. Koios und Phoibe hatten sich bisher keine Gedanken gemacht, da es oft vorkam, dass ihre ältere Tochter auf ihren Streifzügen durch Griechenland das Heimkehren vergaß, aber da es diesmal einen männlichen Grund dafür gab, hatten sie sich neugierig gezeigt. Asteria hatte wenig von Hekates Vater erzählt; er sei kein Partner, nach einem solchen habe sie auch nie gesucht, und es käme nur auf ihre Tochter an, nicht auf ihn. Ihre Eltern glaubten an die Liebe und an die Partnerschaft, und sie hatten heimlich befürchtet, dass Hekate vom Kindsvater verlassen worden sei und nun mit gebrochenem Herzen zu leben versuchte. Sie hatten sie eine Weile mit Sorge betrachtet, doch da ihr Verhalten in völligem Einklang mit ihren Worten stand, hatten sie sich damit abgefunden und kümmerten sich liebevoll um die vaterlose Enkelin.
Leto dagegen hatte geradezu gestrahlt, als sie von Kreta heimgekommen war. Ihr war deutlich anzumerken gewesen, dass es sich hier um einen anderen Fall als bei ihrer jüngeren Schwester handelte. Und doch hatte es gewirkt, als würde dieses Strahlen, so unübersehbar es war, auch von einem Schatten verfolgt. Koios und Phoibe hatten sich Sorgen gemacht und nachgehakt.
Erst hatte Leto verschweigen wollen, was Zeus ihr über den bevorstehenden Krieg gesagt hatte, doch sie hatte es nicht übers Herz gebracht. Sie wusste, dass ihre Eltern friedliebende, freundliche Personen waren, die von plötzlichen Kampfhandlungen gänzlich überrascht werden und keine Ahnung haben würden, wie sie sich verhalten sollten. Also hatte sie ihnen den Sachverhalt geschildert und wiederholt, was Zeus gesagt hatte: „Alle Titanen, die sich der Schlacht fernhalten, werden unter der neuen Herrschaft ein friedliches Leben führen können.“
Koios und Phoibe hatten einen langen Blick gewechselt.
„Liebling“, hatte Phoibe schließlich angesetzt, „wir führen auch jetzt ein friedliches Leben. Ist es wirklich notwendig, dass dein Zeus es erst durcheinander bringt?“
Leto hatte beide Hände in den Haaren vergraben und die Ellenbogen auf den Tisch gestützt.
„Ich glaube, ja. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er es selbst nicht unbedingt möchte, aber er wurde in dem Wissen aufgezogen, dass er es sein wird, der die Herrschaft des Kronos beendet. Rheia erwartet es von ihm für all das Leid, das Kronos ihr zugefügt hat, und außerdem... außerdem glaube ich, dass es ihm auf irgendeine Art, die ich nicht verstehe, bestimmt ist. Ich meine, Kronos, der über die Zeit und über alle Geschöpfe gebietet, soll aus reinem Unverstand den Unterschied zwischen einem Säugling und einem Lehmklumpen nicht gesehen haben? Das fällt mir schwer zu glauben. Vermutlich hat es einen Grund, dass gerade dieses Baby gerettet wurde. Und dann – Vater, weißt du noch, wie du mir erzähltest, dass Uranos Kronos geweissagt hatte, dass auch er von der Hand eines Sohnes gestürzt werden würde? Es gibt keinen Sohn außer Zeus, der das tun könnte.“
Sie war aufgestanden.
„Ich gehe jetzt zu ihm zurück.“
Ihre Eltern hatten sie fest umarmt.
„Wann kommst du wieder, Liebes?“
Leto hatte ein wenig verzweifelt gelächelt.
„Wenn der Krieg beginnt, Vater.“
Dann war sie aus dem Haus getreten, und hier stand sie nun und spürte, wie die Anspannung, die sie nicht hatte abschütteln können, von ihr abfiel. Ihre Eltern wussten Bescheid, und sie konnte nach Kreta zurückkehren.
Mit schnellen Schritten machte sie sich auf den Rückweg; sie war nicht lange fort gewesen, aber es zog sie mit aller Macht wieder zu Zeus, da sie wusste, dass ihre Zeit begrenzt sein würde.
Als sie schließlich viel später die Insel erreichte und etwas außer Atem den Pfad zu seiner Grotte einschlug, sah sie ihn schon von weitem. Er rang vor dem Eingang mit einem großen Mann, der sich trotz seiner enormen Muskeln graziös bewegte und Zeus offenbar große Probleme bereitete.
Ehe sie überlegen konnte, was zu tun war, ließ ein Instinkt sie nach einem Stein greifen und vorwärts stürzen. Als sie jedoch auf die beiden zu lief und die Faust hob, warf Zeus einen Blick in ihre Richtung, bekam große, erstaunte Augen und keuchte seinem Kontrahenten etwas zu. Sofort ließen die beiden Kämpfenden voneinander ab und traten auseinander, und Zeus fing Leto auf, die nicht so schnell innehalten konnte.
Für einen Moment standen alle drei heftig atmend voreinander, dann breitete sich ein amüsiertes Lächeln über des Fremden Gesicht.
„Bei so tatkräftiger Unterstützung mache ich mir keine Gedanken mehr über den Ausgang der Revolte, Zeus.“
Er verneigte sich vor Leto.
„Mein Name ist Aison. Ich bin Priester hier auf Kreta und Partner deines Schützlings beim Training verschiedener Kämpfe.“
Leto ließ den Stein fallen und stellte sich verlegen vor, dann erklärte Zeus: „Ich habe mein Training in den letzten Tagen vernachlässigt. Sicherlich hätte ich dafür keinen besseren Grund finden können, aber ich muss wieder damit anfangen.“
Er beugte sich vor und flüsterte ihr ins Ohr: „Ausdauer allein ist nicht genug, fürchte ich.“
Leto schoss das Blut ins Gesicht, und Zeus schob sie lachend in Richtung der Grotte, wo sie sich in den Eingang setzte und den beiden Männern zusah.
